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Samstag, 5. März 2016

Huberman Festival 1982 (Deutsche Grammophon)

Im Dezember 1982 versammelten sich einige der weltbesten Geiger in Tel Aviv, um eine Woche lang in Konzerten an das Leben und Schaffen von Bronislaw Huberman (1882 bis 1947) zu erinnern. Huberman war ein bedeutender Geiger; er stammte aus Polen, und hatte zunächst bei Isidor Lotto und dann auch ein wenig in Berlin bei Joseph Joachim studiert. Konzertreisen führten ihn schon in jungen Jahren quer durch Europa, in die USA und auch nach Russland. 
Huberman trat ganz entschieden für ein friedliches, geeintes Europa ein. Hitlers Aufstieg war ihm ein Greuel. Und in den 30er Jahren gelang es Huberman tatsächlich, viele jüdische Musiker aus Nazideutschland herauszuholen. 1936 gründete er das Palestine Orchestra, das sich ab 1948 Israel Philharmonic nannte. Im Gedenken an seinen hundertsten Geburtstag organisierten die Musiker ein Geigenfestival, wie es bislang wohl kein zweites gegeben hat. 
Zubin Mehta, dem Leiter des Israel Philharmonic Orchestra, war es gelungen, Ida Haendel, Isaac Stern, Itzhak Perlman, Ivry Gitlis, Henryk Szeryng, Pinchas Zukerman und Shlomo Mintz dafür zu gewinnen. Außerdem spielten zwei Mitglieder des Orchesters, Konzertmeister Chaim Taub und der Bratscher Daniel Benyamini, sowie zwei junge Talente, die 13jährige Shira Rabin und der 12jährige Roi Shiloah. Mehta brachte es fertig, diese Stars dazu zu bringen, nicht nur die Standard-Konzerte zu spielen, sondern auch Werke, die eher wenig bekannt sind. Auf zwei CD hat die Deutsche Grammophon einige Live-Mitschnitte veröffentlicht. Enthalten sind das Bach-Doppelkonzert mit Isaac Stern und Shlomo Mintz, Mozarts Sinfonia concertante in einer bezaubernden Aufnahme mit Itzhak Perlman und Pinchas Zukerman, der dabei die Viola spielte, und Vivaldis Vier Jahreszeiten, wobei jedes der vier Konzerte von einem anderen Solisten vorgetragen wurde. Den Reigen eröffnete Isaac Stern mit dem Frühling, darauf folgten Pinchas Zukerman mit dem Sommer, Shlomo Mintz mit dem Herbst und Itzhak Perman gestaltete das Finale mit dem Winter. Es sind wunderbare, entspannte, klassische Aufnahmen ohne überzogene individuelle Mätzchen, dafür aber mit zahlreichen witzigen Details, wie dem Hundebellen, das wohl Benyamini aus dem Orchester beisteuerte, und mit einer köstlichen Jagdszene. 
Selten zu hören ist das Concerto grosso in b-Moll für vier Violinen, op. 3 Nr. 10 RV 580 von Antonio Vivaldi. Bei diesem Werk, das im abschließen- den Galakonzert gespielt wurde, konzertierten gemeinsam Isaac Stern, Ivry Gitlis, Ida Handel und Shlomo Mintz. Leider ist auf der Doppel-CD Henryk Szeryng nicht zu hören. Dennoch ist es erfreulich, dass nun diese bedeutenden Live-Mitschnitte wieder erhältlich sind. So viele exzellente Geiger, die miteinander musizieren, wird man so bald nicht wieder finden - das Huberman Festival war ohne Zweifel ein Jahrhundert-Ereignis!  

Samstag, 13. April 2013

Bach: Zanaida (Zig-Zag Territoires)

In Persien spielt die Oper Zanaide von Johann Christian Bach (1735 bis 1782). Der jüngste Sohn von Johann Sebastian Bach erhielt seine musikalische Ausbildung vor allem bei seinem Halbbruder Carl Philipp Emanuel Bach in Berlin. Stark beeindruckt hat ihn offenbar auch die Königliche Oper, die damals unter Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun über ein exzellentes Ensemble verfügte und weithin gerühmt wurde. So wird es nicht überraschen, dass Johann Christian Bach bei seinem mehrjährigen Aufenthalt in Italien nicht nur Kirchenmusik komponierte, sondern auch erste Werke für die Opernbühne, die einigen Anklang fanden.
Der Kastrat Filippo Elisi, der in London am King's Theatre sang und Bach aus Mailand kannte, sorgte dafür, dass die Leitung des Hauses bei dem Komponisten zwei Opern in Auftrag gab. Also ging Johann Christian Bach 1762 nach London, wo er zunächst am King's Theatre dirigierte, und dann im nächsten Jahr vertragsgemäß seine Opern präsentierte - Orione und Zanaida.
Bereits im Juli 1763 schrieb Bach an seinen verehrten Lehrer Padre Martini, dass er nicht nach Italien zurückkehren werde. Das Organi- stenamt am Mailänder Dom gab er auf. Denn Königin Charlotte war auf den jungen Musiker aufmerksam geworden, und hatte ihn als music master engagiert. In dieser Position unterrichtete er die Queen im Gesang, komponierte für sie, organisierte und leitete die Kammer- konzerte des Königspaares, begleitete das Flötenspiel des Königs und überwachte die Ausbildung der Prinzessinnen und Prinzen. Der "Londoner Bach" war zeitweise zudem erfolgreich als Pianist und, gemeinsam mit dem Gambenvirtuosen Carl Friedrich Abel, als Konzertveranstalter. Dass das Geschäft als Impresario nicht ohne Risiko war, hatte allerdings schon Händel erleben müssen. So blieb Johann Christian Bach von Rückschlägen nicht verschont; auch einige seiner Opern fielen beim Publikum durch.
Zanaida allerdings, seine 1763 uraufgeführte zweite Londoner Oper, war ein großer Erfolg. Dieses Werk von Johann Christian Bach galt jedoch lange als verschollen. Bekannt waren lediglich das Libretto, die Ouvertüre und ein paar Arien - bis ein New Yorker Reeder und Kunstsammler dem Leipziger Bach-Archiv für zehn Jahre seine Privatsammlung überließ. In dem Konvolut, das mehr als tausend Dokumente umfasste, fand sich auch die verloren geglaubte auto- graphe Partitur. 
Das französische Ensemble Opera Fuoco unter Leitung von David Stern hatte Zanaida kurzfristig einstudiert, und auf dem Interna- tionalen Bachfest 2011 im barocken Goethe-Theater Bad Lauchstädt vorgestellt. Das Werk erklang auch im Théatre de Saint-Quentin-en-Yvelines. Aus dem Live-Mitschnitt von zwei Vorstellungen dort entstand die vorliegende Weltersteinspielung, die bei dem Label Zig Zag Territoires erschienen ist. 
Die Handlung der Oper ist hanebüchen, Kabale und Liebe. Zur Festigung des soeben geschlossenen Friedens soll der persische König Tamasse Zanaida heiraten, die Tochter des türkischen Sultans Soliman. Doch der Herrscher liebt eine andere - Osira, die Tochter des türkischen Botschafters Mustafa, die als Geisel an seinem Hof lebt. Was also tun ? Schnell ist ein Ausweg gefunden: Zanaida wird beschuldigt, einen Anschlag auf den Herrscher geplant zu haben. Das wiederum erfährt Mustafa, der nun seinerseits bei der Hinrichtung der Braut Tamasse töten will. Doch Zanaida wirft sich dazwischen. Und so kommt es, wie es kommen muss. Das Brautpaar heiratet, und alle vertragen sich wieder miteinander - wobei man wissen sollte, dass es noch fünf Nebenfiguren gibt, die zum Geschehen ihre eigenen Intrigen und Liebeshändel beisteuern. 
Obwohl die Geschichte im exotischen Lande spielt, hat sich Bach davor gehütet, eine der damals modernen "Janitscharenmusiken" zu schreiben. Seine Oper ist durchweg elegant und durchaus traditionell, Rezitative und Arien wechseln in steter Folge. Aber die Arien sind vergleichsweise kurz und schlicht, auf allzu virtuose Koloraturen und auf das Da-capo-Modell verzichtete der Komponist. Und am Ende eines jeden Aktes erklingt ein wundervolles Ensemble - kein Wunder, dass Leopold Mozart seinen achtjährigen Sohn, der in London Bachs Werke gehört haben dürfte, ermuntert hat, sich diesen Stil zum Vorbild zu nehmen. 
David Stern und das von ihm 2003 gegründete Orchester Opera Fuoco musizieren routiniert und sängerfreundlich. Die Sänger sind durchweg sehr jung; das ist heutzutage zwar weithin üblich, doch die Schwächen einer solchen Nachwuchstruppe sind halt auch unüber- hörbar. Die amerikanische Sopranistin Sara Hershkowitz in der Rolle der Zanaida ist richtig gut, der Rest klingt eher nach Stadttheater, irgendwo in der Provinz. Wer sich dennoch für die Namen der Sänger interessiert, der steht zudem vor einer Knobelaufgabe. Im Beiheft sieht man zwar einige Fotos, und auch einige Namen sind genannt, aber eine Besetzungsliste bleibt das Büchlein schuldig. Trotzdem sei die Aufnahme hier empfohlen, weil diese Oper eine Rarität ist und wohl auch bleiben wird - denn einfach sind die Partien der neun Solisten nicht, der Orchesterpart stellt ebenfalls hohe Anforderungen, und auch die Handlung spricht nicht gerade dafür, dass dieses Werk sich einen Platz im Repertoire erobern wird. 

Samstag, 2. Juni 2012

Mayr: Medea in Corinto (Oehms Classics)

"Ich lebe nicht für den Gewinn, sondern für den Ruhm", schrieb Gaetano Donizetti 1828 an seinen Lehrer Giovanni Simone Mayr, "und seien Sie versichert: Wenn es mir gelänge, eine Medea zu schaf- fen, wäre ich glücklich, danach zu sterben."
Was aber begeisterte die Zeitge- nossen einst an Medea in Corinto? Diese Oper wurde von Johann Simon Mayr nach einem Libretto von Felice Romani und im Auftrage des Teatro San Carlo in Neapel komponiert. Dort wurde das Werk 1813 auch erstmals aufgeführt. Es war damals sehr erfolgreich, und war einige Jahre lang auch auf an- deren europäischen Bühnen durchaus präsent. 
Das Theater St. Gallen hat sich 2009 erstmals wieder an Mayrs Oper gewagt. Als Grundlage für die Inszenierung stand eine quellenkriti- sche Neuausgabe des Verlages Ricordi zur Verfügung. Die Handlung ist gleich in mehrfacher Hinsicht so unmoralisch, das man sich fragt, wie so etwas im 19. Jahrhundert überhaupt vor Publikum gelangen konnte. Es geht um die Hochzeit des Helden Jason mit der Tochter des Königs Kreon, Kreusa. Die Sache ist deshalb pikant, weil das Brautpaar eigentlich nicht mehr frei ist: Kreusa ist Ägeus verspro- chen, dem König von Athen. Und Jason ist mit Medea verheiratet, die ihm seinerzeit half, das Goldene Vlies aus ihrer Heimat Kolchis zu rauben. Er hat zwei Kinder mit ihr. Doch angeblich liebt er sie nicht mehr; und warum er nun Kreusa heiraten will, das äußert er ziemlich offen: Sie kann ihm etwas geben, das Medea nicht zur Verfügung steht - ein Königreich. 
Also wird Medea in die Verbannung geschickt; Jason gibt vor, damit ihr Leben zu retten. Doch statt Korinth zu verlassen, stört Medea gemeinsam mit Ägeus, der mittlerweile eingetroffen ist, die Hoch- zeitsfeierlichkeiten. Ägeus versucht, seine Braut zu entführen. Dies scheitert, und die beiden Aufrührer werden gefangen gesetzt. Nun soll das Brautpaar endlich vermählt werden. Doch die Rache der Medea ist grausam. Sie schenkt Kreusa ein vergiftetes Kleid, das die junge Frau zu Asche verbrennt, und tötet dann ihre Söhne. Diese honette Geschichte wird mit einer Musik serviert, die Mozart noch näher ist als Verdi. Bei dieser Aufnahme hört man allerdings, bei allem Enga- gement, dass die Möglichkeiten eines Stadttheaters limitiert sind.