Auch wenn diese CD eigentlich keine Aufnahme speziell für Weihnachten ist, verbreitet sie doch festlichen Glanz. Trompeter Matthias Höfs möchte damit Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) ehren, dessen Todestag sich 2017 zum zweihundertfünfzigsten Male jährt. Er wirkte mehr als 50 Jahre als Director Musices in Hamburg, und trug mit seinem Schaffen wesentlich dazu bei, dass die Hansestadt auch eine Musikstadt von hohem Renommée wurde.
„Wir kennen die unglaublichen Trompetenpartien in den Werken von Bach, Händel und Vivaldi, wie dem Weihnachtsoratorium, der h-Moll-Messe und dem Messias, in den geistlichen Werken meist in D-Dur, als Ausdruck der Verbindung mit dem Göttlichen“, schreibt Höfs. „In der Riege der Barockkomponisten nimmt Telemann eine für uns Trompeter besondere Stellung ein, denn weder Bach noch Händel haben der Trompete ein Solokonzert gewidmet. Telemann komponierte gleich drei fantastische Trompetenkonzerte und eine Sonate, die für mich zu den schönsten überhaupt zählen.“
Auf dieser CD sind sie alle zu hören, eingespielt von Matthias Höfs mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Dieses Ensemble erweist sich als genialer Musizierpartner, der mit Präzision und atemberaubender Transparenz gemeinsam mit dem Solisten konzertiert. Sowohl Höfs als auch das Kammerorchester spielen mit hinreißender Leichtigkeit und Sinn für Klangeffekte und Auszierungen.
Musiziert wird auf modernen Instrumenten. Das ermöglicht die Ergän- zung des Programmes um zwei Sonaten in h-Moll bzw. g-Moll – was eine ebenso angenehme wie anspruchsvolle Abwechslung zum Dauer-D-Dur mit sich bringt. Auch diese werden exquisit musiziert – eine glanzvolle Einspielung, die dem Telemann-Jahr 2017 ein würdiges Finale setzt.
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Mittwoch, 6. Dezember 2017
Montag, 20. November 2017
Molter: Concertos for Trumpets & Horns (Accent)
Von Italien ließ er sich inspirieren – doch die längste Zeit seines Lebens verbrachte Johann Melchior Molter (1696 bis 1765) in Karlsruhe: 1717 trat er als Geiger in den Dienst Karl Wilhelms von Baden-Durlach. Dieser erkannte das Potential des jungen Musikers und schickte ihn 1719 zur Weiterbildung nach Italien. Nach seiner Rückkehr ernannte ihn der Markgraf 1722 zum Hofkapell- meister. Allerdings wurde die Hofkapelle 1733 aufgelöst, so dass Molter nach Eisenach zurückkehrte, wo er einst als Knabe das Gymnasium besucht hatte, und wo er 1734 ebenfalls als Hofkapellmeister angestellt wurde.
Nach dem Tod seiner Frau 1737 erhielt Molter erneut die Gelegenheit zu einer Reise nach Italien. Schon ein Jahr später kehrte er allerdings zurück, um nach dem Tode des Markgrafen in Karlsruhe die Trauermusik zu leiten. Danach trat er seinen Dienst in Eisenach wieder an.
Als sein Dienstherr dort 1741 ohne Erben starb, wurden die Musiker der Hofkapelle gekündigt. Molter kehrte nach Karlsruhe zurück. Nachdem dann Markgraf Karl Friedrich, Enkel und Nachfolger Karl Wilhelms, die Volljährigkeit erlangt und die Herrschaft angetreten hatte, belebte er auch die Hofmusik wieder – und Molter leitete sie, hochgeehrt, bis an sein Lebensende.
Aus dem umfangreichen Schaffen des Musikers – er schrieb allein etwa hundert Konzerte für die unterschiedlichsten Solo-Instrumente – präsentiert das Ensemble Musica Fiorita gemeinsam mit Jean-François Madeuf auf dieser CD eine ebenso ansprechende wie anspruchsvolle Auswahl. Zwar werden dazu lang nicht soviel Musiker aufgeboten, wie einst in der Hofkapelle des Markgrafen von Baden-Durlach wirkten. Aber dafür spielen sie ganz wunderbar Instrumente aus jener Zeit, vom Chalumeau bis zur Theorbe.
Und obwohl einige der Konzerte Freunden der Trompetenmusik gut bekannt sind, ist dies die erste Aufnahme, wo sie tatsächlich mit Naturtrompeten gespielt werden – hier erklingen keine Piccolotrompeten, und auch keine modernisierten „Barocktrompeten“ mit Intonations- löchern, betont Madeuf: „Pour le concerto en solo et la sonata grossa, j'ai même utilisé un instrument original de Johann Wilhelm Haas (Nürnberg, XVIIIe siècle) et mes collègues, des instruments similaires copiés du même modèle et réalisés par Markus Raquet, à Bamberg (2005).“ Auch die Hörner sind Nachbauten von Barock-Originalen, so Madeuf, angefertigt und für diese Einspielung zur Verfügung gestellt durch die Firma Egger aus Basel.
Barock sind die Klangfarben, und barock sind auch die üppigen Auszierungen, mit der die Musiker so manchen dieser Konzertsätze gestaltet haben. Es ist kaum zu glauben, wie virtuos die Blechbläser auf diesen Instrumenten musizieren; die Solo-Partien wären auch für moderne Trompeten, mit Ventilen, durchaus noch anspruchsvoll. Und die Sinfonia für zwei Jagdhörner, Streicher und Basso continuo wirkt wie ein Gruß nach Mannheim; nicht nur hier verweist Molters Musik bereits auf die Klassik. Jean-François Madeuf ist hier gemeinsam mit Musica Fiorita eine prächtige Einspielung gelungen, die Maßstäbe setzt. Großartig!
Nach dem Tod seiner Frau 1737 erhielt Molter erneut die Gelegenheit zu einer Reise nach Italien. Schon ein Jahr später kehrte er allerdings zurück, um nach dem Tode des Markgrafen in Karlsruhe die Trauermusik zu leiten. Danach trat er seinen Dienst in Eisenach wieder an.
Als sein Dienstherr dort 1741 ohne Erben starb, wurden die Musiker der Hofkapelle gekündigt. Molter kehrte nach Karlsruhe zurück. Nachdem dann Markgraf Karl Friedrich, Enkel und Nachfolger Karl Wilhelms, die Volljährigkeit erlangt und die Herrschaft angetreten hatte, belebte er auch die Hofmusik wieder – und Molter leitete sie, hochgeehrt, bis an sein Lebensende.
Aus dem umfangreichen Schaffen des Musikers – er schrieb allein etwa hundert Konzerte für die unterschiedlichsten Solo-Instrumente – präsentiert das Ensemble Musica Fiorita gemeinsam mit Jean-François Madeuf auf dieser CD eine ebenso ansprechende wie anspruchsvolle Auswahl. Zwar werden dazu lang nicht soviel Musiker aufgeboten, wie einst in der Hofkapelle des Markgrafen von Baden-Durlach wirkten. Aber dafür spielen sie ganz wunderbar Instrumente aus jener Zeit, vom Chalumeau bis zur Theorbe.
Und obwohl einige der Konzerte Freunden der Trompetenmusik gut bekannt sind, ist dies die erste Aufnahme, wo sie tatsächlich mit Naturtrompeten gespielt werden – hier erklingen keine Piccolotrompeten, und auch keine modernisierten „Barocktrompeten“ mit Intonations- löchern, betont Madeuf: „Pour le concerto en solo et la sonata grossa, j'ai même utilisé un instrument original de Johann Wilhelm Haas (Nürnberg, XVIIIe siècle) et mes collègues, des instruments similaires copiés du même modèle et réalisés par Markus Raquet, à Bamberg (2005).“ Auch die Hörner sind Nachbauten von Barock-Originalen, so Madeuf, angefertigt und für diese Einspielung zur Verfügung gestellt durch die Firma Egger aus Basel.
Barock sind die Klangfarben, und barock sind auch die üppigen Auszierungen, mit der die Musiker so manchen dieser Konzertsätze gestaltet haben. Es ist kaum zu glauben, wie virtuos die Blechbläser auf diesen Instrumenten musizieren; die Solo-Partien wären auch für moderne Trompeten, mit Ventilen, durchaus noch anspruchsvoll. Und die Sinfonia für zwei Jagdhörner, Streicher und Basso continuo wirkt wie ein Gruß nach Mannheim; nicht nur hier verweist Molters Musik bereits auf die Klassik. Jean-François Madeuf ist hier gemeinsam mit Musica Fiorita eine prächtige Einspielung gelungen, die Maßstäbe setzt. Großartig!
Donnerstag, 1. Dezember 2016
Telemann: Trumpet & Horn Concertos (Accent)
Was für ein cooler Sound! Natürlich sind die herrlichen Stücke, die Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) für das Horn und für die Trompete ge- schaffen hat, Musikliebhabern schon seit langem bekannt. Zahlreiche Trompeter und Hornisten haben, spätestens nach Maurice André und Hermann Baumann, die Concerti, Suiten und Sonaten für sich entdeckt – doch selbst jene Musiker, die sie im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis spielten, konnten bislang den Originalklang nicht reproduzieren: „De nombreuses versions plus récentes sur instruments anciens de ces pièces pour trompette et cor existent également, à la réserve près que ce ne sont pas des instruments naturels tels que Telemann les a connu de son temps qu'il nous es donné d'entendre, mais leurs versions modernisées (au moyen de trous pour la trompette) ou utilisant la technique classique de la main (pour le cor)“, schreibt Jean-François Madeuf im Beiheft. „La polémique n'étant pas la raison de cet enregistrement, mais plutôt le simple plaisir de les replacer dans leur pur contexte de musique de chambre et d'agrément, loin de l'idée ,boursoufflée' du concerto avec soliste que l'on a trop tendance à s'en faire, qui m'a poussé à proposer ce programme à Sigiswald Kuijken.“
Jean-François und Pierre-Yves Madeuf spielen diese Solowerke tatsächlich auf dem Naturhorn bzw. der Naturtrompete, ohne Stopftechnik und ohne Grifflöcher, und das Ensemble La Petite Bande musiziert mit den beiden Blechbläsern tatsächlich strikt kammermusikalisch, mit einfach besetzten Streichern – und es klingt, nach dem ersten Schreck, phantastisch. Die Bläser übertönen die Streicher keineswegs; die Aufnahme ist sehr harmo- nisch und gut ausbalanciert.
Jean-François und Pierre-Yves Madeuf spielen diese Solowerke tatsächlich auf dem Naturhorn bzw. der Naturtrompete, ohne Stopftechnik und ohne Grifflöcher, und das Ensemble La Petite Bande musiziert mit den beiden Blechbläsern tatsächlich strikt kammermusikalisch, mit einfach besetzten Streichern – und es klingt, nach dem ersten Schreck, phantastisch. Die Bläser übertönen die Streicher keineswegs; die Aufnahme ist sehr harmo- nisch und gut ausbalanciert.
Samstag, 11. Januar 2014
Trompetenkonzerte des Barock (Thorofon)
Zur Zeit des Barock waren Trompe- tenkonzerte sehr beliebt. Die
Trompete war ein Klangsymbol der Aristokratie, Trompetenvirtuosen
waren hoch angesehen und stan- den gut bezahlt im höfischen Dienst.
Doch dann wurde das Mu- sikleben eine bürgerliche Domäne, und auf dem
Konzertpodium dominierten Instrumente wie die Geige und das
Klavier. Daran hat sich auch bis heute wenig geän- dert.
Pierre Kremer, ausgebildet am Konservatorium Luxemburg, stellt auf dieser CD eine Auswahl an Trompetenkonzerten von Johann Melchior Molter über Johann Friedrich Fasch bis hin zu Johann Wilhelm Hertel und Leopold Mozart vor. Ergänzt wird das anspruchsvolle Programm durch eine Sonate für Trompete, acht Streicher und Basso continuo von Alessandro Stradella. Der Solist musiziert auf einer Barocktrompete, mit einem strahlenden, glanzvollen Ton. In sehr schnellen Passagen sowie bei den Spitzentönen würde man sich allerdings noch mehr Präzision wünschen. Begleitet wird Kremer vom Lettischen Philhar- monischen Kammerorchester unter Leitung des luxemburgischen Dirigenten Carlo Jans.
Pierre Kremer, ausgebildet am Konservatorium Luxemburg, stellt auf dieser CD eine Auswahl an Trompetenkonzerten von Johann Melchior Molter über Johann Friedrich Fasch bis hin zu Johann Wilhelm Hertel und Leopold Mozart vor. Ergänzt wird das anspruchsvolle Programm durch eine Sonate für Trompete, acht Streicher und Basso continuo von Alessandro Stradella. Der Solist musiziert auf einer Barocktrompete, mit einem strahlenden, glanzvollen Ton. In sehr schnellen Passagen sowie bei den Spitzentönen würde man sich allerdings noch mehr Präzision wünschen. Begleitet wird Kremer vom Lettischen Philhar- monischen Kammerorchester unter Leitung des luxemburgischen Dirigenten Carlo Jans.
Mittwoch, 19. Januar 2011
Trumpet Concertos; Tarkövi (Tudor)
Diese CD erlaubt einen Blick auf die Entwicklung der Trompete und der für sie komponierten Musik. Sie beginnt mit einem Konzert für Trompete und Orchester in D-Dur aus dem Jahre 1762, das Leopold Mozart (1719 bis 1787) für den Salzburger Hoftrompeter Johann Andreas Schachtner geschrieben hat - einen versierten Solisten, der zur ersten Liga der Trompeter seiner Zeit gehörte.
Denn nur die Hoftrompeter waren in der hohen Kunst des sogenann- ten Clarinblasens ausgebildet, und geübt darin, auf Naturtrompete und Corno da Caccia im hohen Register zu musizieren. Ähnliche Anforderungen stellt auch das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur von Johann Baptist Georg Neruda (1707 bis 1780), kompo- niert für den Dresdner Hof und für Corno da Caccia. Mit der Weiter- entwicklung der Trompete verschwand dieses Instrument so gründlich, dass erst sein Nachbau durch den Leipziger Instrumenten- bauer Friedbert Syhre in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Trom- peter Ludwig Güttler dazu führte, das Repertoire jener Zeit wieder spielbar zu machen. Allerdings waren etliche Bläser mit Güttlers Version des Corno da Caccia nicht ganz glücklich; es handelt sich dabei um ein modernes Instrument, das klanglich nicht hinreichend dem Original entspricht. Mittlerweile sind auch Nachbauten erhält- lich, die auf die Ventile verzichten.
Diese Innovation war seinerzeit eingeführt worden, um auf der Trompete nicht nur einige, sondern alle Töne blasen zu können - und um ein deutlich expressiveres Spiel zu ermöglichen. Zwischen der heute üblichen Ventiltrompete und ihren Vorfahren aber gab es einen Zwischenschritt - die Klappentrompeten des Wiener Hoftrompeters Anton Weidinger, an die diese CD mit zwei Werken erinnert, die spe- ziell dafür komponiert wurden. Joseph Haydn schrieb zur Demon- stration der damals unerhörten Möglichkeiten der Klappentrompete das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur (1796); Johann Nepomuk Hummel für das Neujahrskonzert 1804 auf Schloss Ester- hazy das Konzert für Trompete und Orchester E-Dur.
Gábor Tarkövi, Solo-Trompeter der Berliner Philharmoniker spielt diese musikhistorisch interessanten Werke auf modernen Instru- menten. Die eigentliche Entdeckung aber sind die Bamberger Symphoniker, die diese Konzerte begleiten. Sie spielen unter Karl-Heinz Steffens blitzsauber und kammermusikalisch inspiriert; diesem Orchester zu lauschen, ist wirklich eine Freude.
Denn nur die Hoftrompeter waren in der hohen Kunst des sogenann- ten Clarinblasens ausgebildet, und geübt darin, auf Naturtrompete und Corno da Caccia im hohen Register zu musizieren. Ähnliche Anforderungen stellt auch das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur von Johann Baptist Georg Neruda (1707 bis 1780), kompo- niert für den Dresdner Hof und für Corno da Caccia. Mit der Weiter- entwicklung der Trompete verschwand dieses Instrument so gründlich, dass erst sein Nachbau durch den Leipziger Instrumenten- bauer Friedbert Syhre in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Trom- peter Ludwig Güttler dazu führte, das Repertoire jener Zeit wieder spielbar zu machen. Allerdings waren etliche Bläser mit Güttlers Version des Corno da Caccia nicht ganz glücklich; es handelt sich dabei um ein modernes Instrument, das klanglich nicht hinreichend dem Original entspricht. Mittlerweile sind auch Nachbauten erhält- lich, die auf die Ventile verzichten.
Diese Innovation war seinerzeit eingeführt worden, um auf der Trompete nicht nur einige, sondern alle Töne blasen zu können - und um ein deutlich expressiveres Spiel zu ermöglichen. Zwischen der heute üblichen Ventiltrompete und ihren Vorfahren aber gab es einen Zwischenschritt - die Klappentrompeten des Wiener Hoftrompeters Anton Weidinger, an die diese CD mit zwei Werken erinnert, die spe- ziell dafür komponiert wurden. Joseph Haydn schrieb zur Demon- stration der damals unerhörten Möglichkeiten der Klappentrompete das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur (1796); Johann Nepomuk Hummel für das Neujahrskonzert 1804 auf Schloss Ester- hazy das Konzert für Trompete und Orchester E-Dur.
Gábor Tarkövi, Solo-Trompeter der Berliner Philharmoniker spielt diese musikhistorisch interessanten Werke auf modernen Instru- menten. Die eigentliche Entdeckung aber sind die Bamberger Symphoniker, die diese Konzerte begleiten. Sie spielen unter Karl-Heinz Steffens blitzsauber und kammermusikalisch inspiriert; diesem Orchester zu lauschen, ist wirklich eine Freude.
Samstag, 11. September 2010
Giuliano Sommerhalder - Romantic Virtuosity (Solo Musica)
Trompeter haben ein Problem: Wollen sie konzertieren, dann müssen sie zumeist weit in der Musikgeschichte zurückgehen, um geeignete Literatur zu finden. Das hat seinen Grund darin, dass Pau- ken und Trompeten üblicherweise zur Klangwelt des Adels gehörten. Mit dem Aufkommen eines bürger- lichen Musiklebens verschwanden sie in die hinteren Reihen des Sin- fonieorchesters; und wer Trompe- tenkonzerte sucht, die nicht aus dem Generalbass-Zeitalter stammen, der muss tief schürfen.
Giuliano Sommerhalder, Jahrgang 1985, seit 2006 Solotrompeter des Gewandhausorchesters Leipzig, hat sorgfältig gesucht - und ganz erstaunliche Werke sowohl für die moderne Trompete als auch für ihren volkstümlichen Bruder, das Cornet à Pistons, entdeckt. So schrieb Oskar Böhme (1870 bis 1938), geboren in Potschappel bei Dresden, ein Trompetenkonzert in e-Moll op. 18, das an Mendels- sohns Violinkonzert erinnert. Die CD enthält auch noch zwei Bravour- stücke für Cornet à Pistons, die erahnen lassen, warum 1897 das Mariinskij-Theater in St. Petersburg den jungen Musiker als Solo- trompeter engagierte. Grandios!
Wilhelm "Wassily" Brandt (1869 bis 1923) stammte aus der Coburger Gegend, spielte mit 18 Jahren bereits als Solotrompeter der Philhar- monie von Helsinki, und wechselte 1890 nach Moskau ans Bolschoi-Theater. Er lehrte bis 1911 als Professor am Moskauer Konservato- rium, und gilt als Begründer der russischen Trompetenschule. Sommerhelder hat hörbar Vergnügen an seinem halsbrecherischen Ersten Konzertstück in f-Moll op. 11, und auch an dem Zweiten Konzertstück in Es-Dur op. 12 mit seinem Marschfinale und seinen Anleihen bei der russischen Ballettmusik.
Russland aber ist den beiden deutschen Trompetenvirtuosen zum Verhängnis und zum Schicksal geworden. Böhme starb, nach offiziel- len Daten 1938, irgendwo in Sibirien. Brandt wurde 1912 an das Konservatorium im wolgadeutschen Saratow berufen. Dort starb er 1923 an Sepsis, "nachdem zwei Jahre Hungersnot, Aufruhr und Seuchen die dortige Bevölkerung dezimiert hatten", so Max Som- merhalder in dem sehr informativen Beiheft: "Das Wrack seines Instrumentes wurde ein halbes Jahrhundert später im über- schwemmten Keller seines Hauses gefunden."
Gustav Cords (1870 bis 1951) und Carl Höhne (1860 bis 1927) lebten in Berlin; Sommerhalder hat aus ihrem Schaffen die Konzert-Fantasie es-Moll bzw. die Slawische Fantasie, beide für Cornet à Pistons, ausgewählt. Glanzstück der CD ist jedoch das Konzert Nr. 1 in c-Moll von Wladimir Ananjewitsch Peskin (1906 bis 1988), der in Genf aufgewachsen war, wo sein revolutionär gesinnter Vater im Exil lebte. 1917 kehrte die Familie nach Russland zurück; Peskin studierte am Moskauer Konservatorium Klavier, musste das Studium jedoch aufgeben, weil seine Hände dieser Belastung nicht gewachsen waren.
Als sein Vater von Stalins Schergen verfolgt und seine Mutter nach Kasachstan deportiert wurde, verdingte sich Peskin als Pianist beim Balalaikaorchester der Roten Armee. Dort lernte er Timofej Dok- schitzer kennen, einen Trompetenstudenten, der später weltberühmt werden sollte. Er wurde sein Klavierbegleiter, und komponierte zahlreiche Stücke für ihn - darunter auch das hochvirtuose Werk, das diese CD eröffnet. Es dürfte weltweit noch immer nicht allzu viele Trompeter geben, die sich an Peskins Werke heranwagen.
Sommerhalder ist diesem irrsinnig schwierigen Stück technisch wie musikalisch in jeder Hinsicht gewachsen. Es klingt, es klingt sogar faszinierend gut, und auch die anderen "romantischen" Stücke gestaltet der junge Trompeter so gekonnt, dass es Spaß macht, ihm zuzuhören. Begleitet wird Sommerhalder von der Neuen Philharmo- nie Westfalen unter Heiko Mathias Förster.
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