Berliner werden das nicht gern lesen – aber dass die Stadt heute eine Musikmetropole ist, verdankt sie vor allem auch Künstlern aus Sachsen. Als der preußische Kronprinz Friedrich in den späten 1730er Jahren in Rheinsberg seine Hofkapelle gründete, engagierte er bedeutende Musiker aus Dresden und aus Leipzig. Italien schätzte der König ebenfalls – seinen Hofkapellmeister Graun sandte er dorthin, um Sänger für die Hofoper zu engagieren.
In Dresden war dies schon sehr lange üblich; es wird daher nicht verblüffen, dass die beiden Hofkapellen sich auch im Repertoire sowie in der Aufführungspraxis sehr nahe standen. Zwar bevorzugte der König selbst die Flöte, doch aus dem Umfeld des Hofes sind auch schöne Konzerte für Violoncello überliefert. Vier Kompositionen stellen Alexander Rudin und das Ensemble Musica Viva, besser bekannt als Moskauer Kammerorchester, auf dieser CD vor.
Das Cellokonzert von Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) entstammt der exquisiten Kollektion des Grafen Rudolf Franz Erwein von Schönborn in Wiesentheid. Die Handschriften der drei anderen Konzerte sind aus der Sammlung von Johann Jakob Westphal, sie befinden sich heute im Brüsseler Konservatorium. Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788), Kammercembalist Friedrich des Großen, schrieb drei Cellokonzerte. Davon ist nur das in a-Moll im Autograph erhalten. Entstanden ist es wahrscheinlich für Ignaz Frantiček Mara, einen böhmischen Violoncello-Virtuosen, der ebenfalls zum Kernpersonal der preußischen Hofmusik gehörte.
Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) war ein Schüler von Franz Benda, dem Konzertmeister der preußischen Hofkapelle. Hertel musizierte später in der Hofkapelle von Strelitz, und wirkte als Hofkomponist in Schwerin. In seinen Werken spiegelt er den in Berlin damals üblichen Stil. Seine beiden Konzerte sind auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören.
Musikalisch ist das alles originell und sehr gefällig; alle vier Konzerte sind dankbare Werke, in denen das Violoncello so recht singen kann. Und wer das Instrument gerne hört, dem bereiten Alexander Rudin und sein hervorragendes kleines Orchester mit dieser Aufnahme große Freude. Einfach genießen, es lohnt sich!
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Dienstag, 21. Mai 2019
Montag, 7. März 2016
Dich Maria heut zu preisen (Tyxart)
Kompositionen zum Lobpreis der Gottesmutter Maria kombiniert diese CD mit Musik für Oboe und Orgel. Es musizieren Mechthild Kiendl, Sopran, Anne Dufresne, Oboe, und Norbert Düchtel, Orgel. Das Pro- gramm ist liebevoll zusammenge- stellt. Lobenswert ist sein starker Bezug auf die Region – im süddeut- schen Raum war die Marienvereh- rung im 17. und 18. Jahrhundert besonders ausgeprägt, was natürlich auch in der liturgisch-musikalischen Praxis dieser Zeit Spuren hinterlassen hat.
So stammt die Arie, die der CD den Titel gab, aus der Lytania rurales op. 19, einer Litanei für ländliche Pfarrkirchen, von Fr. Marianus Königs- perger OSB (1708 bis 1769). Der Benediktiner lebte im Kloster Prüfening bei Regensburg. Er ist auf der CD auch mit Orgelmusik vertreten. P. Benedikt Biechteler (1689 bis 1759) studierte in der Abteil St. Gallen und trat dann in die Benediktinerabtei Wiblingen ein. Auf der CD erklingen zwei Solokantaten des Komponisten für Sopran, Oboe und Orgel aus der Sammlung 24 Marianische Antiphonen op. 2. Ebenfalls für Sopran, Melodieinstrument und Orgel schrieb P. Valentin Rathgeber (1682 bis 1750) seine marianische Antiphon Regina Coeli. Er lebte und wirkte im Kloster Banz.
Die Kombination von Oboe und Orgel war sowohl in der Klassik als auch in der Romantik beliebt; aus dem Fundus der Originalkompositionen für diese Besetzung ausgewählt wurden für diese Einspielung die Partita I C-Dur für Oboe und obligate Orgel von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) und das Andante Pastorale aus op. 98 von Josef Gabriel Rhein- berger (1839 bis 1901). Aus dem reichen kirchenmusikalischen Werk sind Rheinbergers sind zudem das Ave Maria op. 171, 1a sowie Orgelmusik zu hören.
Für die Aufnahme hat Norbert Düchtel die Kirche Mariä Himmelfahrt Oberndorf/Bayern ausgewählt, die früher zum Grundbesitz des Klosters Prüfening gehörte. Sie wurde vermutlich um 1220 erbaut, und erhielt 2010 eine neue Orgel der renommierten Firma Mathis Orgelbau, im süddeut- schen barocken Stil. Düchtel ist mit diesem Instrument bestens vertraut, denn er hat das Projekt betreut und die Disposition erstellt. Die klang- schöne kleine Orgel verfügt über 14 Register auf zwei Manualen und Pedal. Mit Oboe und Sopran harmoniert sie hervorragend.
So stammt die Arie, die der CD den Titel gab, aus der Lytania rurales op. 19, einer Litanei für ländliche Pfarrkirchen, von Fr. Marianus Königs- perger OSB (1708 bis 1769). Der Benediktiner lebte im Kloster Prüfening bei Regensburg. Er ist auf der CD auch mit Orgelmusik vertreten. P. Benedikt Biechteler (1689 bis 1759) studierte in der Abteil St. Gallen und trat dann in die Benediktinerabtei Wiblingen ein. Auf der CD erklingen zwei Solokantaten des Komponisten für Sopran, Oboe und Orgel aus der Sammlung 24 Marianische Antiphonen op. 2. Ebenfalls für Sopran, Melodieinstrument und Orgel schrieb P. Valentin Rathgeber (1682 bis 1750) seine marianische Antiphon Regina Coeli. Er lebte und wirkte im Kloster Banz.
Die Kombination von Oboe und Orgel war sowohl in der Klassik als auch in der Romantik beliebt; aus dem Fundus der Originalkompositionen für diese Besetzung ausgewählt wurden für diese Einspielung die Partita I C-Dur für Oboe und obligate Orgel von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) und das Andante Pastorale aus op. 98 von Josef Gabriel Rhein- berger (1839 bis 1901). Aus dem reichen kirchenmusikalischen Werk sind Rheinbergers sind zudem das Ave Maria op. 171, 1a sowie Orgelmusik zu hören.
Für die Aufnahme hat Norbert Düchtel die Kirche Mariä Himmelfahrt Oberndorf/Bayern ausgewählt, die früher zum Grundbesitz des Klosters Prüfening gehörte. Sie wurde vermutlich um 1220 erbaut, und erhielt 2010 eine neue Orgel der renommierten Firma Mathis Orgelbau, im süddeut- schen barocken Stil. Düchtel ist mit diesem Instrument bestens vertraut, denn er hat das Projekt betreut und die Disposition erstellt. Die klang- schöne kleine Orgel verfügt über 14 Register auf zwei Manualen und Pedal. Mit Oboe und Sopran harmoniert sie hervorragend.
Samstag, 18. Oktober 2014
Hertel: Jauchzet dem Herrn alle Welt (cpo)
Erneut hat cpo Werke von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) veröffentlicht. Nach dem Weih- nachtsoratorium und der Passions- kantate Der sterbende Heiland ist dies bereits die dritte CD mit Musik des Schweriner Hofkapellmeisters. Hertel stammte aus Eisenach. Sein Vater, Johann Christian Hertel, Konzertmeister der dortigen Hofka- pelle, legte größten Wert auf seine exzellente Ausbildung. Deshalb erhielt der Knabe nicht nur Unterricht bei seinem Vater sowie Lektionen auf dem Cembalo bei dem Bach-Schüler Johann Heinrich Heil; er besuchte auch das Gymnasium und lernte dort eifrig Latein, Griechisch und den damals üblichen Schulstoff von der Mathematik bis hin zur Geschichte. Als Hertel 14 Jahre alt war, starb der Herzog, und die Kapelle wurde aufgelöst. Hertel senior ging als Konzert- meister nach Neustrelitz; der Sohn blieb in Zerbst bei Carl Höckh und erlernte dort das Geigenspiel. Hertels nächster Lehrer wurde Franz Benda, ein berühmter Geiger und ein ebenso guter Sänger. Mit ihm spielte Hertel wohl auch in der Hofkapelle Friedrichs II. von Preußen.
Was er in Zerbst und in Berlin gelernt hatte, konnte Hertel bald brauchen, denn er durfte seinen Vater vertreten, als dieser erkrankte. So wurde der junge Musiker Leiter der Neustrelitzer Hofkapelle; als sein Dienstherr starb, wechselte er dann 1754 nach Schwerin. Dort hatte er ein anregendes Umfeld und anspruchsvolle Aufgaben. So komponierte er eine Vielzahl von Kantaten. Sie beruhen oftmals auf Chorälen, wie es Herzog Friedrich zur Unterweisung seiner Untertanen im pietistischen Geiste wünschte. Die vorliegende CD enthält eine Auswahl von Kantaten und Motetten, die für den Gottesdienst am Hofe von Mecklenburg-Schwerin entstanden sind. Neben der Sinfonia aus der Kantate auf das Geburtstagsfest des Herzogs, die mit Trompeten und Pauken glänzt, ist zudem die fünfteilige Friedens- musik zu hören, mit der in der Schweriner Schlosskirche das Ende des Siebenjährigen Krieges gefeiert wurde. Die ausdrucksstarke Musik, die mitunter ziemlich modern klingt, wird vorgetragen von Katrin Hübner, Sopran, Andreas Weller, Tenor, dem NDR-Chor und dem Mecklenbur- gischen Barockorchester „Herzogliche Hofkapelle“ unter Johannes Moesus.
Was er in Zerbst und in Berlin gelernt hatte, konnte Hertel bald brauchen, denn er durfte seinen Vater vertreten, als dieser erkrankte. So wurde der junge Musiker Leiter der Neustrelitzer Hofkapelle; als sein Dienstherr starb, wechselte er dann 1754 nach Schwerin. Dort hatte er ein anregendes Umfeld und anspruchsvolle Aufgaben. So komponierte er eine Vielzahl von Kantaten. Sie beruhen oftmals auf Chorälen, wie es Herzog Friedrich zur Unterweisung seiner Untertanen im pietistischen Geiste wünschte. Die vorliegende CD enthält eine Auswahl von Kantaten und Motetten, die für den Gottesdienst am Hofe von Mecklenburg-Schwerin entstanden sind. Neben der Sinfonia aus der Kantate auf das Geburtstagsfest des Herzogs, die mit Trompeten und Pauken glänzt, ist zudem die fünfteilige Friedens- musik zu hören, mit der in der Schweriner Schlosskirche das Ende des Siebenjährigen Krieges gefeiert wurde. Die ausdrucksstarke Musik, die mitunter ziemlich modern klingt, wird vorgetragen von Katrin Hübner, Sopran, Andreas Weller, Tenor, dem NDR-Chor und dem Mecklenbur- gischen Barockorchester „Herzogliche Hofkapelle“ unter Johannes Moesus.
Samstag, 11. Januar 2014
Trompetenkonzerte des Barock (Thorofon)
Zur Zeit des Barock waren Trompe- tenkonzerte sehr beliebt. Die
Trompete war ein Klangsymbol der Aristokratie, Trompetenvirtuosen
waren hoch angesehen und stan- den gut bezahlt im höfischen Dienst.
Doch dann wurde das Mu- sikleben eine bürgerliche Domäne, und auf dem
Konzertpodium dominierten Instrumente wie die Geige und das
Klavier. Daran hat sich auch bis heute wenig geän- dert.
Pierre Kremer, ausgebildet am Konservatorium Luxemburg, stellt auf dieser CD eine Auswahl an Trompetenkonzerten von Johann Melchior Molter über Johann Friedrich Fasch bis hin zu Johann Wilhelm Hertel und Leopold Mozart vor. Ergänzt wird das anspruchsvolle Programm durch eine Sonate für Trompete, acht Streicher und Basso continuo von Alessandro Stradella. Der Solist musiziert auf einer Barocktrompete, mit einem strahlenden, glanzvollen Ton. In sehr schnellen Passagen sowie bei den Spitzentönen würde man sich allerdings noch mehr Präzision wünschen. Begleitet wird Kremer vom Lettischen Philhar- monischen Kammerorchester unter Leitung des luxemburgischen Dirigenten Carlo Jans.
Pierre Kremer, ausgebildet am Konservatorium Luxemburg, stellt auf dieser CD eine Auswahl an Trompetenkonzerten von Johann Melchior Molter über Johann Friedrich Fasch bis hin zu Johann Wilhelm Hertel und Leopold Mozart vor. Ergänzt wird das anspruchsvolle Programm durch eine Sonate für Trompete, acht Streicher und Basso continuo von Alessandro Stradella. Der Solist musiziert auf einer Barocktrompete, mit einem strahlenden, glanzvollen Ton. In sehr schnellen Passagen sowie bei den Spitzentönen würde man sich allerdings noch mehr Präzision wünschen. Begleitet wird Kremer vom Lettischen Philhar- monischen Kammerorchester unter Leitung des luxemburgischen Dirigenten Carlo Jans.
Donnerstag, 26. Dezember 2013
Hertel: Die Geburt Christi (cpo)
Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) entstammte einer Eise- nacher Musikerfamilie. Mit seinem Vater Johann Christian Hertel ging er 1742 an den Hof von Mecklen- burg-Strelitz, wo er wohl zeitweise als Geiger und Cembalist beschäf- tigt war. Seine Ausbildung setzte er in Zerbst bei Johann Friedrich Fasch und in Berlin bei Carl Heinrich Graun, Carl Philipp Emanuel Bach und Franz Benda fort. 1754 wurde er Hof- und Capell-Compositeur des Herzogs Christian Ludwig II. Er komponierte auch für dessen Nachfolger Friedrich, genannt „Der Fromme“, der den Hof von Schwerin nach Ludwigslust verlegte, weil er ein Leben in Ruhe und Abgeschiedenheit vorzog.
Das hinderte Friedrich allerdings nicht daran, zweimal in der Woche in der Kirche von Ludwigslust ein (geistliches) Konzert zu veran- stalten. Die exzellente mecklenburgische Hofkapelle ließ dort Psalmvertonungen, Choräle und Kantaten erklingen. Und jedermann durfte zuhören – so er „rechtlich gekleidet“ war.
Hertel schrieb für den Herzog neun große Kantaten, sämtlich nach Texten des mecklenburgischen Pfarrers Heinrich Julius Tode (1733 bis 1797). Der Prediger war, wie sein Dienstherr, dem Pietistismus sehr zugewandt. Das prägt auch den Text seiner Weihnachtskantate Die Geburt Jesu. Für den heutigen Hörer ist diese Spielart der Frömmigkeit, nun ja, gewöhnungsbedürftig.
Das gilt auch für die Musik Hertels, der hier Andacht mit den Mitteln der Oper erzeugt. Zwar sind unter den 24 Sätzen der Kantate auch ein paar betont schlicht gesetzte Choräle. Doch schon der überwälti- gende, harmonisch kühne Eingangschor macht deutlich, dass man seinerzeit in der Provinz musikalisch durchaus nicht hinter dem Mond lebte. Hertel zieht alle Register seiner Kunst, vom Kontrapunkt bis hin zur flötenbegleiteten Hirtenidylle und vom barocken Affekt bis hin zu sinfonischer Dramatik.
Den Hofsängern schrieb Hertel offenbar maßgeschneiderte Arien – das Bravourstück Freuet seiner euch mit Beben, Höhepunkt der Kantate, war ganz sicher für die Primadonna bestimmt, die zum Fest mit umfangreichen Koloraturen glänzte. Die „Wetter seines Zorns“, die der Text Abtrünnigen androht, geraten über dieser Jubelarie eher in den Hintergrund, wie überhaupt Hertels Musik die strengen Mahnungen des Textdichters relativiert und die Freude über das Weihnachtsgeschehen herausstellt.
Die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens hat das historische Stück sorgsam eingespielt. Die vier Gesangssolisten Berit Solset, Alexandra Rawohl, Marcus Ullmann und Wolf-Matthias Friedrich gestalten dabei nicht nur die Rezitative und Arien, sie singen auch die Chöre, mit Unterstützung durch jeweils einen Ripienisten. Das bewirkt einen fein abgestimmten und auch in den großen Chören stets durchhörbaren Klang. Sehr hörenswert – wer einen Sinn für Nostalgie hat und den Text nicht gar zu sehr auf die Goldwaage legt, wird diese Aufnahme schätzen.
Das hinderte Friedrich allerdings nicht daran, zweimal in der Woche in der Kirche von Ludwigslust ein (geistliches) Konzert zu veran- stalten. Die exzellente mecklenburgische Hofkapelle ließ dort Psalmvertonungen, Choräle und Kantaten erklingen. Und jedermann durfte zuhören – so er „rechtlich gekleidet“ war.
Hertel schrieb für den Herzog neun große Kantaten, sämtlich nach Texten des mecklenburgischen Pfarrers Heinrich Julius Tode (1733 bis 1797). Der Prediger war, wie sein Dienstherr, dem Pietistismus sehr zugewandt. Das prägt auch den Text seiner Weihnachtskantate Die Geburt Jesu. Für den heutigen Hörer ist diese Spielart der Frömmigkeit, nun ja, gewöhnungsbedürftig.
Das gilt auch für die Musik Hertels, der hier Andacht mit den Mitteln der Oper erzeugt. Zwar sind unter den 24 Sätzen der Kantate auch ein paar betont schlicht gesetzte Choräle. Doch schon der überwälti- gende, harmonisch kühne Eingangschor macht deutlich, dass man seinerzeit in der Provinz musikalisch durchaus nicht hinter dem Mond lebte. Hertel zieht alle Register seiner Kunst, vom Kontrapunkt bis hin zur flötenbegleiteten Hirtenidylle und vom barocken Affekt bis hin zu sinfonischer Dramatik.
Den Hofsängern schrieb Hertel offenbar maßgeschneiderte Arien – das Bravourstück Freuet seiner euch mit Beben, Höhepunkt der Kantate, war ganz sicher für die Primadonna bestimmt, die zum Fest mit umfangreichen Koloraturen glänzte. Die „Wetter seines Zorns“, die der Text Abtrünnigen androht, geraten über dieser Jubelarie eher in den Hintergrund, wie überhaupt Hertels Musik die strengen Mahnungen des Textdichters relativiert und die Freude über das Weihnachtsgeschehen herausstellt.
Die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens hat das historische Stück sorgsam eingespielt. Die vier Gesangssolisten Berit Solset, Alexandra Rawohl, Marcus Ullmann und Wolf-Matthias Friedrich gestalten dabei nicht nur die Rezitative und Arien, sie singen auch die Chöre, mit Unterstützung durch jeweils einen Ripienisten. Das bewirkt einen fein abgestimmten und auch in den großen Chören stets durchhörbaren Klang. Sehr hörenswert – wer einen Sinn für Nostalgie hat und den Text nicht gar zu sehr auf die Goldwaage legt, wird diese Aufnahme schätzen.
Freitag, 24. Juni 2011
Hertel: Con spirito. Concerti & Sinfonie (Tudor)
Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) war der Sohn eines Violini- sten und Konzertmeisters der Eisenacher Hofkapelle. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er von einem Schüler Bachs; sein Vater dürfte ihn auf Violine und Gambe unterwiesen haben. 1742 zog die Familie um nach Neustre- litz, wo Johann Christian Hertel eine Stelle als Konzertmeister angenommen hatte. 1744 wurde auch der 17jährige Johann Wil- helm in der Hofkapelle von Mecklenburg-Strelitz als Violinist und Clavierist angestellt.
Bei Aufenthalten in Berlin lernte er die Musiker der Hofkapelle Friedrichs II. kennen, und nahm bei Franz Benda Violinunterricht. Als sein Vater 1751 erkrankte, übernahm er die Leitung der Strelitzer Hofkapelle. Nach deren Auflösung ging er als Hof-Kapellkomponist und Clavierist nach Schwerin. Dort stand er zeitweise auch in Diensten der Prinzessin Ulrike Sophie von Mecklenburg-Schwerin, und pflegte enge Beziehungen nach Hamburg. 1767 komponierte Hertel für das erste deutsche Nationaltheater in Hamburg Intermezzi für zwei Stücke Lessings, die dieser damals als „Muster von Schau- spielmusiken“ lobte.
Hertel hinterließ eine umfangreiche Bibliothek. Er gilt als vielseitig interessierter und versierter Musiker, der als Publizist auch seinen Zeitgenossen gern Einblick in aktuelle Probleme bei der Weiterent- wicklung der Musik gab. Hertel schrieb eine Vielzahl von Oratorien, Kantaten und Liedern – doch präsent blieben eher seine Sinfonien und Konzerte. Das Barockorchester Capriccio Basel stellt hier einige dieser Werke vor.
Ganz offensichtlich verfügte die Hofkapelle von Mecklenburg-Schwerin über eine Vielzahl exzellenter Bläser. Denn Hertel findet immer wieder neue, überraschende Lösungen dafür, sie in seinen Konzerten wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Unerwartete harmo- nische Wendungen, wunderschöne Melodien und farbenreiche Bläsersätze scheinen geradezu sein Markenzeichen gewesen zu sein. Auch der Dialog zwischen den Solisten und dem Orchester wartet mit so mancher Überraschung auf. Die Musiker von Capriccio, unterstützt von dem renommierten Barockfagottisten Sergio Azzolini, haben hörbar Vergnügen an diesen Kabinettstückchen. Wo findet sich schon ein Konzert für Fagott, zwei Oboen, zwei Hörner, Streicher und Basso continuo? Meine Empfehlung!
Bei Aufenthalten in Berlin lernte er die Musiker der Hofkapelle Friedrichs II. kennen, und nahm bei Franz Benda Violinunterricht. Als sein Vater 1751 erkrankte, übernahm er die Leitung der Strelitzer Hofkapelle. Nach deren Auflösung ging er als Hof-Kapellkomponist und Clavierist nach Schwerin. Dort stand er zeitweise auch in Diensten der Prinzessin Ulrike Sophie von Mecklenburg-Schwerin, und pflegte enge Beziehungen nach Hamburg. 1767 komponierte Hertel für das erste deutsche Nationaltheater in Hamburg Intermezzi für zwei Stücke Lessings, die dieser damals als „Muster von Schau- spielmusiken“ lobte.
Hertel hinterließ eine umfangreiche Bibliothek. Er gilt als vielseitig interessierter und versierter Musiker, der als Publizist auch seinen Zeitgenossen gern Einblick in aktuelle Probleme bei der Weiterent- wicklung der Musik gab. Hertel schrieb eine Vielzahl von Oratorien, Kantaten und Liedern – doch präsent blieben eher seine Sinfonien und Konzerte. Das Barockorchester Capriccio Basel stellt hier einige dieser Werke vor.
Ganz offensichtlich verfügte die Hofkapelle von Mecklenburg-Schwerin über eine Vielzahl exzellenter Bläser. Denn Hertel findet immer wieder neue, überraschende Lösungen dafür, sie in seinen Konzerten wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Unerwartete harmo- nische Wendungen, wunderschöne Melodien und farbenreiche Bläsersätze scheinen geradezu sein Markenzeichen gewesen zu sein. Auch der Dialog zwischen den Solisten und dem Orchester wartet mit so mancher Überraschung auf. Die Musiker von Capriccio, unterstützt von dem renommierten Barockfagottisten Sergio Azzolini, haben hörbar Vergnügen an diesen Kabinettstückchen. Wo findet sich schon ein Konzert für Fagott, zwei Oboen, zwei Hörner, Streicher und Basso continuo? Meine Empfehlung!
Donnerstag, 26. Mai 2011
Concerti Curiosi (Signum Classics)
Allmählich werden sie wieder- entdeckt - jene barocken Solo- konzerte, die nicht (mehr) unseren Vorstellungen entsprechen, wie ein Solokonzert auszusehen hat. Mitunter liegt es am Solo-Instru- ment: Ein Fagott als Solist im Konzert des städtischen Sinfonie- orchesters? Da fliegen die Brauen in die Höhe. Schon eine Viola wäre ein Ereignis. Über eine Harfe, Violine, ein Violoncello oder ein Klavier hingegen wundert sich kein Mensch.
Vieles ist also Konvention, und es ist nicht zuletzt Ensembles wie Charivari Agréable unter Kah-Ming Ng zu verdanken, wenn wir darauf aufmerksam werden - und entdecken, dass da noch immer wunder- schöne Musik auf ihre Wiederaufführung wartet. Die Werke auf dieser CD sind geistreich, handwerklich perfekt gemacht, und so originell, dass man einige gleich noch einmal hören möchte, um sich verwun- dert die Augen zu reiben: Eine Sonate für Zink und Streicher, wie sie Pietro Baldassari (etwa 1683 bis nach 1768) komponiert hat, wäre vor hundert Jahren schon deshalb nicht aufführbar gewesen, weil kaum noch jemand in der Lage war, den Zink zu blasen. Dieses Instrument, das man sich wie eine Blockflöte mit Trompetenmundstück vorstellen muss, war bis Mitte des 17. Jahrhunderts sehr beliebt, weil es die menschliche Stimme besonders gut imitieren soll - und es ver- schwand mit dem Aufkommen der modernen Violine nahezu schlag- artig.
Auch unter den wenigen überlieferten Werken von Johann Daniel Berlin (1714 bis 1787), einem dänisch-norwegischer Komponisten, findet sich eine Sinfonia à 5 für Zink. Die Violinen, damals noch neu und sozusagen in Erprobung, sind auf dieser CD ebenfalls mit zwei Werken präsent - beide stammen aus Großbritannien, und beide verwenden das Streichinstrument gleich im Rudel: Johann Christoph Pepusch (1667 bis 1752) schrieb ein Concerto für gleich vier Violinen (aber ohne Orchester); sein Kollege William Croft (1678 bis 1717) hingegen billigte den fünf Soloviolinen, die er für seine Sonata vorschreibt, immerhin noch die Unterstützung durch ein Continuo zu.
Weniger experimentell, sondern eher solides Handwerk sind das Favoritkonzert für Orgel oder Cembalo von Pietro Domenico Paradisi (1707 bis 1791), das Concerto à 5 für Oboe von Anton Reichenauer (1694 bis 1730), das doch stark an Vivaldi erinnert, sowie das Con- certo Nr. 3 für Trompete von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789). Bei der Auswahl sowie der Anzahl der Soloinstrumente und bei der Gestaltung der diversen Parts scheinen sich die Musiker seinerzeit wohl eher an den Vorlieben des Publikums, der Besetzung der je- weiligen Kapelle und den Fähigkeiten der Beteiligten orientiert zu haben als an abstrakten Regelwerken oder hochfliegenden ästheti- schen Konzepten. Mancher Virtuose schrieb sich schlicht die Kon- zerte für sein Instrument selbst. So scheinen denn die Handschriften aus jener fernen Zeit in erster Linie Auskunft über die Musizierpraxis zu geben.
Wer solche Werke aufführen will, der muss freilich erheblichen Auf- wand treiben, um aus Autographen ein brauchbares Aufführungs- material zu erstellen. In diesem Falle hat sich die Mühe gelohnt. Kah-Ming Ng und seine Musiker haben für ihre 20. CD ein interessantes Konzept gefunden. Die Solisten sind durchweg exzellent, und die ausgewählten Raritäten werden frisch und schwungvoll präsentiert. Hörenswert!
Vieles ist also Konvention, und es ist nicht zuletzt Ensembles wie Charivari Agréable unter Kah-Ming Ng zu verdanken, wenn wir darauf aufmerksam werden - und entdecken, dass da noch immer wunder- schöne Musik auf ihre Wiederaufführung wartet. Die Werke auf dieser CD sind geistreich, handwerklich perfekt gemacht, und so originell, dass man einige gleich noch einmal hören möchte, um sich verwun- dert die Augen zu reiben: Eine Sonate für Zink und Streicher, wie sie Pietro Baldassari (etwa 1683 bis nach 1768) komponiert hat, wäre vor hundert Jahren schon deshalb nicht aufführbar gewesen, weil kaum noch jemand in der Lage war, den Zink zu blasen. Dieses Instrument, das man sich wie eine Blockflöte mit Trompetenmundstück vorstellen muss, war bis Mitte des 17. Jahrhunderts sehr beliebt, weil es die menschliche Stimme besonders gut imitieren soll - und es ver- schwand mit dem Aufkommen der modernen Violine nahezu schlag- artig.
Auch unter den wenigen überlieferten Werken von Johann Daniel Berlin (1714 bis 1787), einem dänisch-norwegischer Komponisten, findet sich eine Sinfonia à 5 für Zink. Die Violinen, damals noch neu und sozusagen in Erprobung, sind auf dieser CD ebenfalls mit zwei Werken präsent - beide stammen aus Großbritannien, und beide verwenden das Streichinstrument gleich im Rudel: Johann Christoph Pepusch (1667 bis 1752) schrieb ein Concerto für gleich vier Violinen (aber ohne Orchester); sein Kollege William Croft (1678 bis 1717) hingegen billigte den fünf Soloviolinen, die er für seine Sonata vorschreibt, immerhin noch die Unterstützung durch ein Continuo zu.
Weniger experimentell, sondern eher solides Handwerk sind das Favoritkonzert für Orgel oder Cembalo von Pietro Domenico Paradisi (1707 bis 1791), das Concerto à 5 für Oboe von Anton Reichenauer (1694 bis 1730), das doch stark an Vivaldi erinnert, sowie das Con- certo Nr. 3 für Trompete von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789). Bei der Auswahl sowie der Anzahl der Soloinstrumente und bei der Gestaltung der diversen Parts scheinen sich die Musiker seinerzeit wohl eher an den Vorlieben des Publikums, der Besetzung der je- weiligen Kapelle und den Fähigkeiten der Beteiligten orientiert zu haben als an abstrakten Regelwerken oder hochfliegenden ästheti- schen Konzepten. Mancher Virtuose schrieb sich schlicht die Kon- zerte für sein Instrument selbst. So scheinen denn die Handschriften aus jener fernen Zeit in erster Linie Auskunft über die Musizierpraxis zu geben.
Wer solche Werke aufführen will, der muss freilich erheblichen Auf- wand treiben, um aus Autographen ein brauchbares Aufführungs- material zu erstellen. In diesem Falle hat sich die Mühe gelohnt. Kah-Ming Ng und seine Musiker haben für ihre 20. CD ein interessantes Konzept gefunden. Die Solisten sind durchweg exzellent, und die ausgewählten Raritäten werden frisch und schwungvoll präsentiert. Hörenswert!
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