Posts mit dem Label Förster werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Förster werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Jauchze du Tochter Zion. Homilius - Stölzel - Rolle: Christmas Cantatas (cpo)

Musikwissenschaftler waren einst der Meinung, in der Zeit nach Bach sei es zu einem Verfall der Kirchenmusik gekommen. Michael Alexander Willens macht mit dieser CD deutlich, dass es sich bei diesem Diktum um ein Vorurteil handelt. Fünf Kantaten sind hier in Ersteinspielung zu hören – und jede von ihnen überzeugt. Ausgewählt wurden Werke der Bach-Zeitgenossen Christoph Förster (1693 bis 1745) und Gottfried Heinrich Stölzel (1690 bis 1749) sowie Kanta- ten der nachfolgenden Generation, sie stammen von Gottfried August Homilius (1714 bis 1785) und Johann Heinrich Rolle (1716 bis 1785). Entstanden sind sie für den Gebrauch im evangelischen Gottesdienst; auch ihre Struktur ist jeweils ähnlich: Auf einen üppigen Eingangschor folgen abwechselnd Rezitative und Arien, und zum Schluss erklingt eine Choral- strophe. 
Überaus prächtig beginnt die CD mit Kreuzkantor Homilius' Erhöhet die Tore der Welt, besetzt sogar mit drei Trompeten nebst Pauken – eine beeindruckende Huldigung an den kommenden Herrscher der Erden, die mit einer deutschen Nachdichtung des Te Deum endet. Die Kantate Künd- lich groß ist das gottselige Geheimnis von dem Gothaer Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel hingegen ist für den dritten Weihnachtstag bestimmt und daher kunstvoll mit kammermusikalischen Mitteln gestaltet, sie weicht auch in ihrer Struktur vom oben beschriebenen Schema ab: Auf Rezitative wird verzichtet, dafür erklingt zwischen den beiden Arien, die das Geheimnis und seine Auswirkungen beschreiben, eine zusätzliche Choralstrophe. 
Christoph Förster, zunächst Kammermusiker und Konzertmeister in Merseburg, nach dem Tode seines Dienstherrn dann ab 1743 Vize-Kapellmeister ohne feste Besoldung in Rudolstadt, setzt für seine Kantate Ehre sei Gott in der Höhe ganz auf festlichen Glanz. Pauken und Trompe- ten erklingen in den Chören, und in der zentralen Arie wetteifert der Sopran in Koloraturen mit einer konzertierenden Traversflöte. 
Gleich mit zwei Kantaten vertreten ist Johann Heinrich Rolle, Musikdirek- tor in Magdeburg. Wer sich für Details der Biographien aller vier Musiker interessiert, der kann sie hier im Blog an anderer Stelle finden – am ein- fachsten übrigens durch Klicken auf den jeweiligen Namen unten bei den Labels. Einmal mehr fragt man sich beim Anhören dieser stimmungsvollen Musik, wie es sein kann, dass Rolle und sein Schaffen derart in Vergessen- heit geraten konnten. In seiner Weihnachtskantate Siehe, Finsternis bedecket das Erdreich stellt er eindrucksvoll – auch klanglich – die dunk- len Mächte der Hölle und das strahlende Licht der Gnade Gottes einander gegenüber. In Jauchze, du Tochter Zion hingegen steht der Weihnachts- jubel im Mittelpunkt. Mit dem exzellenten Vokalisten-Doppelquartett, ergänzt durch den Tenor Georg Poplutz, und den ebenfalls exquisiten Instrumentalisten der Kölner Akademie hat Willens einmal mehr die Raritätenkollektion des Labels cpo um eine wertvolle Einspielung berei- chert. Grandios!

Dienstag, 24. Mai 2016

Buxtehude and his Circle (Dacapo)

Paul Hillier hat sich mit dem Theatre of Voices auf die Suche nach den Spuren von Dieterich Buxtehude be- geben. Der nordddeutsche Orgelvir- tuose war offenbar auch ein außer- ordentlich engagierter Netzwerker. Bedeutende Musikerkollegen, wie Bach und Händel, besuchten ihn in Lübeck und lernten von ihm. Diese CD nun zeigt uns den engeren Kreis um Buxtehude: Der Organist selbst war ein Schüler von Kaspar Förster (1617 bis 1673), auf der CD ebenso vertreten wie Franz Tunder (1614 bis 1667), dessen Tochter Buxtehude heiratete. Auch Vokalwerke von Christian Geist (um 1650 bis 1711), Organist in Kopenhagen, und Buxtehudes Schüler Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), Organist in Husum, erklingen – und natürlich zwei Kantaten von Buxtehude selbst. Die meisten der Kompositionen, die diese CD vorstellt, sind ausgesprochene Raritäten, was den Hörer freut. Allerdings legt Hillier mit seinen Sängern und Instrumentalisten ein erstaunlich flottes Tempo vor; Bruhns' De profundis beispielsweise in knapp zwölf Minuten ist für meinen persönlichen Geschmack etwas zu sportlich. 

Freitag, 7. März 2014

Graun: Oboe Concertos (Accent)

„Das umfangreiche, erst 2006 von Christoph Henzel erstellte Graun-Werkverzeichnis dürfte wohl das einzige sein, das sich gleich zwei Komponisten widmet“, schreibt Bernhard Blattmann in dem informativen Beiheft zu dieser CD. „In ihm verzeichnet sind die Werke der beiden komponierenden Brüder Johann Gottlieb (1701 bis 1771) und Carl Heinrich Graun (1703 bis 1759).“ 
Sie wirkten beide die am Hof Friedrichs II. Ihre Werke sind oftmals nur in Abschriften überliefert, wo als Autor dann „Sign. Graun“ genannt ist – aber welcher? Diese Frage stellten sich aber schon ihre Zeitgenossen. Schon Johann Georg Pisendel, Konzertmeister am Dresdner Hof, meinte in einem Brief an seinen Kollegen Telemann: „Mit denen Herren Grauens wird gemeiniglich eine Confusion, die schönsten u feurigsten mit Douceur melierten Sinfonien sind nicht von dem berühmten Herrn CapellMr Graun, sondern von seinem Bruder dem ConcertMr.“ 
Oftmals lässt sich aber selbst die Autorschaft eines der beiden Brüder nicht zweifelsfrei nachweisen. Von solchen Authentizitätsfragen un- beeindruckt, hat die Oboistin Xenia Löffler auf dieser CD gemeinsam mit der Batzdorfer Hofkapelle einige Werke eingespielt, die zwar möglicherweise von umstrittener Echtheit, jedoch garantiert sehr reizvoll sind. Auch wenn es mit keinem Wort erwähnt wird – aber zumeist dürfte es sich um Weltersteinspielungen handeln. Musiziert wird gekonnt, wie man es bei den „Alte“-Musik-Enthusiasten um Stefan Maass mittlerweile erwartet. Eine gelungene CD, die ich nur empfehlen kann. 

Samstag, 2. März 2013

Schätze aus Uppsala (Raumklang)

Die Musikaliensammlung des Hofkapellmeisters Gustaf Düben befindet sich heute in der Uni- versitätsbibliothek Uppsala. Die Familie Düben war eine Musiker- dynastie, die über hundert Jahre das Musikleben am schwedischen Hof mit geprägt hat. Begründet wurde sie von Andreas Düben (um 1597 bis 1662), der aus der Umgebung von Leipzig stammte und ein Schüler Sweelincks war. Anlässlich der Hochzeit des schwedischen Königs Gustaf II. Adolf wurde er für die neu gegründete Hofkapelle "eingekauft" - und blieb. Sein Sohn Gustaf Düben (1624 bis 1690) wurde dann sein Nachfolger, sowohl im Hofkapellmeisteramt als auch als Organist der Deutschen Kirche in Stockholm. Er trug den größten Teil der Notensammlung zusammen, die später seinen Namen tragen sollte. Sein Sohn Anders von Düben (1673 bis 1738) folgte dem Vater im Amt nach, und führte auch die Sammlung weiter. Als er andere Aufgaben bei Hofe übernahm, übergab er die Musikalien der Hoch- schule. 
Dort wurde die Kollektion, die auf gut 30.000 handschriftlichen Seiten und einigen Drucken um die 2.300 Werke des 17. und frühen 18. Jahrhunderts umfasst, auf einem Dachboden eingelagert und vergessen. Wiederentdeckt wurde sie erst über 150 Jahre später - und mit großer Freude erschlossen. Denn Vater und Sohn hatten sowohl Musik aus dem Ostseeraum als auch Werke aus Frankreich, Italien und England zusammengetragen. Etliches davon ist heute nur noch in dieser Sammlung zu finden. 
Welche Schätze die Sammlung Düben birgt, das zeigt die vorliegende CD, die einige dieser Werke vorstellt. Darunter ist Musik von Kaspar Förster (1616 bis 1673), der zwischen Italien und dem Baltikum regelrecht pendelte, von Marco Giuseppe Peranda (um 1625 bis 1675), der um 1650 von Rom nach Dresden ging, wo er Schütz' Nachfolger als Hofkapellmeister wurde, oder von Franz Tunder (1614 bis 1667). Die Namen der anderen Komponisten sind noch weniger geläufig; sie gehören aber durchweg der Generation zwischen Schütz und Buxtehude an. Und genau so klingt auch ihre Musik. Wolf Matthias Friedrich singt diese Raritäten mit ebenso sonorem wie beweglichem Bass; und auch Les Cornets Noirs erweisen sich einmal mehr als herausragende Interpreten "Alter" Musik. Das Programm, das die Musiker zusammengestellt haben, ist abwechslungsreich und ausgewogen. Und die CD ist insgesamt derart klangschön und gelungen, dass sie nicht nur Freunde der "Alten" Musik faszinieren wird. 

Samstag, 11. September 2010

Giuliano Sommerhalder - Romantic Virtuosity (Solo Musica)

Trompeter haben ein Problem: Wollen sie konzertieren, dann müssen sie zumeist weit in der Musikgeschichte zurückgehen, um geeignete Literatur zu finden. Das hat seinen Grund darin, dass Pau- ken und Trompeten üblicherweise zur Klangwelt des Adels gehörten. Mit dem Aufkommen eines bürger- lichen Musiklebens verschwanden sie in die hinteren Reihen des Sin- fonieorchesters; und wer Trompe- tenkonzerte sucht, die nicht aus dem Generalbass-Zeitalter stammen, der muss tief schürfen.
Giuliano Sommerhalder, Jahrgang 1985, seit 2006 Solotrompeter des Gewandhausorchesters Leipzig, hat sorgfältig gesucht - und ganz erstaunliche Werke sowohl für die moderne Trompete als auch für ihren volkstümlichen Bruder, das Cornet à Pistons, entdeckt. So schrieb Oskar Böhme (1870 bis 1938), geboren in Potschappel bei Dresden, ein Trompetenkonzert in e-Moll op. 18, das an Mendels- sohns Violinkonzert erinnert. Die CD enthält auch noch zwei Bravour- stücke für Cornet à Pistons, die erahnen lassen, warum 1897 das Mariinskij-Theater in St. Petersburg den jungen Musiker als Solo- trompeter engagierte. Grandios! 
Wilhelm "Wassily" Brandt (1869 bis 1923) stammte aus der Coburger Gegend, spielte mit 18 Jahren bereits als Solotrompeter der Philhar- monie von Helsinki, und wechselte 1890 nach Moskau ans Bolschoi-Theater. Er lehrte bis 1911 als Professor am Moskauer Konservato- rium, und gilt als Begründer der russischen Trompetenschule. Sommerhelder hat hörbar Vergnügen an seinem halsbrecherischen Ersten Konzertstück in f-Moll op. 11, und auch an dem Zweiten Konzertstück in Es-Dur op. 12 mit seinem Marschfinale und seinen Anleihen bei der russischen Ballettmusik. 
Russland aber ist den beiden deutschen Trompetenvirtuosen zum Verhängnis und zum Schicksal geworden. Böhme starb, nach offiziel- len Daten 1938, irgendwo in Sibirien. Brandt wurde 1912 an das Konservatorium im wolgadeutschen Saratow berufen. Dort starb er 1923 an Sepsis, "nachdem zwei Jahre Hungersnot, Aufruhr und Seuchen die dortige Bevölkerung dezimiert hatten", so Max Som- merhalder in dem sehr informativen Beiheft: "Das Wrack seines Instrumentes wurde ein halbes Jahrhundert später im über- schwemmten Keller seines Hauses gefunden." 
Gustav Cords (1870 bis 1951) und Carl Höhne (1860 bis 1927) lebten in Berlin; Sommerhalder hat aus ihrem Schaffen die Konzert-Fantasie es-Moll bzw. die Slawische Fantasie, beide für Cornet à Pistons, ausgewählt. Glanzstück der CD ist jedoch das Konzert Nr. 1 in c-Moll von Wladimir Ananjewitsch Peskin (1906 bis 1988), der in Genf aufgewachsen war, wo sein revolutionär gesinnter Vater im Exil lebte. 1917 kehrte die Familie nach Russland zurück; Peskin studierte am Moskauer Konservatorium Klavier, musste das Studium jedoch aufgeben, weil seine Hände dieser Belastung nicht gewachsen waren. 
Als sein Vater von Stalins Schergen verfolgt und seine Mutter nach Kasachstan deportiert wurde, verdingte sich Peskin als Pianist beim Balalaikaorchester der Roten Armee. Dort lernte er Timofej Dok- schitzer kennen, einen Trompetenstudenten, der später weltberühmt werden sollte. Er wurde sein Klavierbegleiter, und komponierte zahlreiche Stücke für ihn - darunter auch das hochvirtuose Werk, das diese CD eröffnet. Es dürfte weltweit noch immer nicht allzu viele Trompeter geben, die sich an Peskins Werke heranwagen. 
Sommerhalder ist diesem irrsinnig schwierigen Stück technisch wie musikalisch in jeder Hinsicht gewachsen. Es klingt, es klingt sogar faszinierend gut, und auch die anderen "romantischen" Stücke gestaltet der junge Trompeter so gekonnt, dass es Spaß macht, ihm zuzuhören. Begleitet wird Sommerhalder von der Neuen Philharmo- nie Westfalen unter Heiko Mathias Förster.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Stylus phantasticus (Berlin Classics)


Was ist "stylus phantasticus"? Eine hervor-ragende Möglichkeit jedenfalls, tradierte Formen auszureizen bis an ihre Grenzen - und noch ein gehöriges Stückchen darüber hinaus, wie diese CD beweist. Die norddeutschen Meister des 17. Jahrhunderts setzten auf den Wechsel von freien Passagen, die teilweise wie improvisiert klingen, und streng dem Kontrapunkt folgenden Abschnitten, die jedoch mitunter durch ihre überaus kühne harmonische Gestaltung verblüffen.
Ob Dietrich Buxtehude, Nicolaus Adam Strungk, Matthias Weckmann, Johann Vierdanck oder weniger bekannte Komponisten wie Samuel Peter Sidon, Dietrich Becker oder Thomas Baltzer - es ist erstaunlich, wie unterschiedlich sie die Freiheiten nutzten, die ihnen diese musikalische Innovation brachte. Die Partita in a-moll, komponiert von Johann Adam Reincken für zwei Violinen, Viola da gamba und Cembalo, bearbeitete später Johann Sebastian Bach für Cembalo solo.
Das Ensemble Bell'Arte Salzburg - Annegret Siedel und Ulrike Titze, Barockviolinen, Matthias Müller, Viola da gamba, Zvi Meniker, Cembalo und Margit Schultheiss, Orgel - hat für diese CD eine Reihe typischer Stücke ausgewählt, und das sowohl mit sozusagen pädagogischer Sorgfalt als auch dramaturgischem Geschick. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht gelungen: Eine abwechslungsreiche, spannungsvolle Aufnahme, mit Lust musiziert. Das hört man gern.