Jauchzet, frohlocket! Johann Sebastian Bachs Weihnachts- oratorium, erstmals aufgeführt zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 in den beiden Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai, gehört mittlerweile zu den Fundamenten der Identität und des musikalischen Erbes der Stadt Leipzig. Ohne Bachs musikalisches Meisterwerk ist ein Weihnachtfest an der Pleiße kaum vorstellbar.
Allerdings haben musikalische Traditionen so ihre Tücken, wie man feststellen wird, wenn man die Aufnahmen anhört, die die Thomaner in der Vergangenheit vorgelegt haben. Umso erfreulicher ist es, nun zu erleben, dass Thomaskantor Gotthold Schwarz die Erbe-Pflege offenbar nicht eine lästige Verpflichtung, sondern eine Herzensangelegenheit ist. Bachs 17. Amtsnachfolger hat sehr genau in die Partitur geschaut, und lässt ebenso präzise musizieren.
Diese Einspielung aus dem Jahre 2018 mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester Leipzig berückt nicht nur mit festlichem Glanz, sondern auch mit unendlich vielen kleinen Details, die zeigen, wie sorgfältig Schwarz arbeitet. Die Thomaner singen hinreißend, und auch das Solistenensemble beeindruckt. Unbedingte Empfehlung!
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Freitag, 6. Dezember 2019
Montag, 6. November 2017
Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig (Rondeau)
Die Leipziger Thomaskirche ist ein Pilgerort der Musikgeschichte; im Laufe der Jahrhunderte waren dort viele berühmte Musiker tätig. Und an der Orgel hat dort nicht nur Johann Sebastian Bach musiziert, sondern auch beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Orgel freilich, die sie gespielt haben, existiert heute nicht mehr.
Auf dem westlichen Chor befindet sich heute ein Instrument von Wilhelm Sauer, errichtet in den Jahre 1885 bis 1889. Diese romantische Orgel hatte ursprünglich 63 Register, und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach Vorschlägen von Karl Straube auf 88 Register erweitert. Im Jahre 2005 wurde sie durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler restauriert, und sie ist heute wieder auf dem Stand, den sie bei ihrem Umbau 1908 erhalten hatte.
Im Jahre 2000 jährte sich Bachs Todestag zum zweihundertfünzigsten Male. Aus diesem Anlass wurde auf der Nordempore die Bach-Orgel installiert. Sie stammt aus der Werkstatt des Marburger Orgelbauers Gerald Woehl, hat 61 Register, verteilt auf vier Manuale und Pedal, und orientiert sich klanglich an mitteldeutschen barocken Vorbildern. Ihre Temperatur ist ungleichstufig nach Neidhardt, und der Stimmton liegt bei 465 Hz, zu Bachs Zeiten der übliche Stimmton von Leipziger Orgeln. Mit einem speziellen Hebel, der Kammerkoppel, kann die Stimmung von diesem sogenannten Chorton auf den tiefen Kammerton (415 Hz) gewechselt werden, was das Zusammenspiel mit Barockinstrumenten ermöglicht.
Auf diesem Album stellt Ullrich Böhme, der amtierende Thomasorganist, mit speziell ausgewähltem Repertoire diese beiden Orgeln vor: Die Bach-Orgel erklingt mit Werken von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707), Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und dem Bach-Schüler Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780). Die Sauer-Orgel ist mit dem Fest-Hymnus C-Dur op. 20 von Carl Piutti (1846 bis 1902), Thomasorganist von 1880 bis zu seinem Tode, zu hören. An ihr spielt Böhme zudem die Sonate c-Moll op. 65.2 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), und die Suite Gothique op. 25 von Léon Boëllmann (1862 bis 1897).
Auf dem westlichen Chor befindet sich heute ein Instrument von Wilhelm Sauer, errichtet in den Jahre 1885 bis 1889. Diese romantische Orgel hatte ursprünglich 63 Register, und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach Vorschlägen von Karl Straube auf 88 Register erweitert. Im Jahre 2005 wurde sie durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler restauriert, und sie ist heute wieder auf dem Stand, den sie bei ihrem Umbau 1908 erhalten hatte.
Im Jahre 2000 jährte sich Bachs Todestag zum zweihundertfünzigsten Male. Aus diesem Anlass wurde auf der Nordempore die Bach-Orgel installiert. Sie stammt aus der Werkstatt des Marburger Orgelbauers Gerald Woehl, hat 61 Register, verteilt auf vier Manuale und Pedal, und orientiert sich klanglich an mitteldeutschen barocken Vorbildern. Ihre Temperatur ist ungleichstufig nach Neidhardt, und der Stimmton liegt bei 465 Hz, zu Bachs Zeiten der übliche Stimmton von Leipziger Orgeln. Mit einem speziellen Hebel, der Kammerkoppel, kann die Stimmung von diesem sogenannten Chorton auf den tiefen Kammerton (415 Hz) gewechselt werden, was das Zusammenspiel mit Barockinstrumenten ermöglicht.
Auf diesem Album stellt Ullrich Böhme, der amtierende Thomasorganist, mit speziell ausgewähltem Repertoire diese beiden Orgeln vor: Die Bach-Orgel erklingt mit Werken von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707), Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und dem Bach-Schüler Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780). Die Sauer-Orgel ist mit dem Fest-Hymnus C-Dur op. 20 von Carl Piutti (1846 bis 1902), Thomasorganist von 1880 bis zu seinem Tode, zu hören. An ihr spielt Böhme zudem die Sonate c-Moll op. 65.2 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), und die Suite Gothique op. 25 von Léon Boëllmann (1862 bis 1897).
Montag, 5. Dezember 2011
Bach: Kantaten; Thomanerchor Leipzig (Rondeau)
"Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach" lautet das Motto einer neuen CD-Reihe des Thoma- nerchores, die bei dem Leipziger Label Rondeau erscheint. Mittler- weile sind CD Nummer 10 mit den Kantaten BWV 19, 50, 79 und 80 zur Reformation und zum Michae- listag sowie CD Nummer 2 mit den Kantaten BWV 63, 110 und 190 zur Weihnacht erschienen.
Thomaskantor Georg Christoph Biller stellt den Kantaten jeweils einen Hymnus aus dem Florile- gium selectissimorum Hymnorum voran. Diese Motettensammlung entstand aus dem Schulgesang an der Landesschule Pforta bei Naumburg, und wurde von dem Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) herausgegeben. Das Florilegium Portense war zu Bachs Zeiten an protestantischen Schulen in Nord- und Mitteldeutschland weit verbreitet. Es erschien in mehreren Ausgaben; die hier genutzte stammt aus dem Jahre 1594 und basiert auf den Hymnen des Kompo- nisten Sethus Calvisius (1556 bis 1615). Dieser wirkte von 1582 bis 1594 als Kantor in Schulpforta, und wurde dann als Thomaskantor nach Leipzig berufen.
Die Kombination aus den eher ruhigen, getragenen Hymnen, die schon Bach seinerzeit mit den Thomanern zu Beginn des Gottes- dienstes musiziert hat, und den Kantaten erweist sich als eine gute Idee, die diese CD ungemein bereichert und abrundet - nicht zuletzt weil sie das Flair jener Zeit transportiert, in der Bach seine Kantaten geschaffen hat.
Die Thomaner singen erfreulich; das Gewandhausorchester Leipzig erweist sich einmal mehr als ein Spitzenorchester Europas. Für die Solistenpartien in Tenor und Bass wurden mit Christoph Genz, Martin Petzold, Matthias Weichert und Gotthold Schwarz ehemalige Thoma- ner gewonnen; die Sopransoli hingegen singen die Thomaner Fried- rich Praetorius, Conrad Zuber und Paul Bernewitz. Diese Knaben- soprane singen alle sauber, aber mit einer Technik, die einem schon beim Zuhören Halsschmerzen bereitet. Die eigentliche Entdeckung dieser CD ist Thomaner Stefan Kahle, der einen unglaublich guten Altus singt. Wenn es dem jungen Mann gelingt, sich diese Stimme zu erhalten, dann werden ihm die Bühnen dieser Welt offenstehen. Desto bedauerlicher erscheint es, dass sich im Chor offenbar derzeit weder ein Tenorist noch ein Bassist findet, der in der Lage wäre, ein solches Kantatensolo zu singen.
Thomaskantor Georg Christoph Biller stellt den Kantaten jeweils einen Hymnus aus dem Florile- gium selectissimorum Hymnorum voran. Diese Motettensammlung entstand aus dem Schulgesang an der Landesschule Pforta bei Naumburg, und wurde von dem Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) herausgegeben. Das Florilegium Portense war zu Bachs Zeiten an protestantischen Schulen in Nord- und Mitteldeutschland weit verbreitet. Es erschien in mehreren Ausgaben; die hier genutzte stammt aus dem Jahre 1594 und basiert auf den Hymnen des Kompo- nisten Sethus Calvisius (1556 bis 1615). Dieser wirkte von 1582 bis 1594 als Kantor in Schulpforta, und wurde dann als Thomaskantor nach Leipzig berufen.
Die Kombination aus den eher ruhigen, getragenen Hymnen, die schon Bach seinerzeit mit den Thomanern zu Beginn des Gottes- dienstes musiziert hat, und den Kantaten erweist sich als eine gute Idee, die diese CD ungemein bereichert und abrundet - nicht zuletzt weil sie das Flair jener Zeit transportiert, in der Bach seine Kantaten geschaffen hat.
Die Thomaner singen erfreulich; das Gewandhausorchester Leipzig erweist sich einmal mehr als ein Spitzenorchester Europas. Für die Solistenpartien in Tenor und Bass wurden mit Christoph Genz, Martin Petzold, Matthias Weichert und Gotthold Schwarz ehemalige Thoma- ner gewonnen; die Sopransoli hingegen singen die Thomaner Fried- rich Praetorius, Conrad Zuber und Paul Bernewitz. Diese Knaben- soprane singen alle sauber, aber mit einer Technik, die einem schon beim Zuhören Halsschmerzen bereitet. Die eigentliche Entdeckung dieser CD ist Thomaner Stefan Kahle, der einen unglaublich guten Altus singt. Wenn es dem jungen Mann gelingt, sich diese Stimme zu erhalten, dann werden ihm die Bühnen dieser Welt offenstehen. Desto bedauerlicher erscheint es, dass sich im Chor offenbar derzeit weder ein Tenorist noch ein Bassist findet, der in der Lage wäre, ein solches Kantatensolo zu singen.
Mittwoch, 27. April 2011
Bach: Die Achtzehn Leipziger Choräle (Rondeau)
Thomasorganist Ullrich Böhme spielt die Leipziger Choräle; sie gelten als das musikalische Testament von Johann Sebastian Bach. Diese Aufnahme ist insofern etwas Besonderes, als hier zwei grundverschiedene Orgeln zu hören sind. Denn die den den Bear- beitungen vorangestellten Choral- sätze spielt Böhme auf der Orgel der Dorfkirche in Störmthal, 20 Kilometer südöstlich von Leipzig. Dieses Instrument, 1723 von Zacharias Hildebrandt erbaut, und von Bach seinerzeit geprüft und abgenommen, erscheint noch deut- lich mitteltönig gestimmt. Das hat zur Folge, das bestimmte Tonarten rein klingen - und andere unsauber, scharf und spannungsvoll.
Böhme führt vor, wie Bach dies in seinen Chorälen als Gestaltungs- mittel einsetzte. Und im Kontrast dazu spielt er die Leipziger Choräle BWV 651 bis 668 an der Bach-Orgel der Thomaskirche Leipzig, erbaut von dem Marburger Orgelbauer Gerald Woehl im Bach-Jahr 2000. Sie ersetzte eine Schuke-Orgel aus den 60er Jahren, und ergänzt die Sauer-Orgel, mit der sich zwar hervorragend Reger, aber nur schlecht Barockmusik spielen lässt. Diese Aufgabe sollte der Neubau über- nehmen; die Orgel ist daher sowohl im sogenannten Chorton, hier
465 Hz, als auch im Kammerton, hier 415 Hz, spielbar. Und mit einem Hebel lässt sich vom Chor- auf Kammerton umstimmen. Ihre Tempe- ratur folgt einem Konzept des Bach-Zeitgenossen Johann Georg Neidhardt, der im Interesse der Transponierbarkeit für die sogenann- te gleichschwebende Temperatur plädierte. Die Konsequenz daraus ist die heute übliche gleichstufige Stimmung. Das macht die Instru- mente flexibler - und ihren Klang langweiliger, weil der Charakter der jeweiligen Tonart, dem die barocken Musiktraktate noch dicke Kapitel gewidmet haben, verloren geht.
Diesen Vorwurf muss man auch der Bach-Orgel machen; ihr Klang hat trotz der 61 Register nicht halb soviel Farbe wie der des kleinen, einmanualigen Instrumentes in der Störmthaler Kreuzkirche. Die Neigung Böhmes zum kräftigen, massiven Registrieren macht die Sache nicht besser. Aber sein Spiel ist exzellent.
Böhme führt vor, wie Bach dies in seinen Chorälen als Gestaltungs- mittel einsetzte. Und im Kontrast dazu spielt er die Leipziger Choräle BWV 651 bis 668 an der Bach-Orgel der Thomaskirche Leipzig, erbaut von dem Marburger Orgelbauer Gerald Woehl im Bach-Jahr 2000. Sie ersetzte eine Schuke-Orgel aus den 60er Jahren, und ergänzt die Sauer-Orgel, mit der sich zwar hervorragend Reger, aber nur schlecht Barockmusik spielen lässt. Diese Aufgabe sollte der Neubau über- nehmen; die Orgel ist daher sowohl im sogenannten Chorton, hier
465 Hz, als auch im Kammerton, hier 415 Hz, spielbar. Und mit einem Hebel lässt sich vom Chor- auf Kammerton umstimmen. Ihre Tempe- ratur folgt einem Konzept des Bach-Zeitgenossen Johann Georg Neidhardt, der im Interesse der Transponierbarkeit für die sogenann- te gleichschwebende Temperatur plädierte. Die Konsequenz daraus ist die heute übliche gleichstufige Stimmung. Das macht die Instru- mente flexibler - und ihren Klang langweiliger, weil der Charakter der jeweiligen Tonart, dem die barocken Musiktraktate noch dicke Kapitel gewidmet haben, verloren geht.
Diesen Vorwurf muss man auch der Bach-Orgel machen; ihr Klang hat trotz der 61 Register nicht halb soviel Farbe wie der des kleinen, einmanualigen Instrumentes in der Störmthaler Kreuzkirche. Die Neigung Böhmes zum kräftigen, massiven Registrieren macht die Sache nicht besser. Aber sein Spiel ist exzellent.
Samstag, 11. September 2010
Giuliano Sommerhalder - Romantic Virtuosity (Solo Musica)
Trompeter haben ein Problem: Wollen sie konzertieren, dann müssen sie zumeist weit in der Musikgeschichte zurückgehen, um geeignete Literatur zu finden. Das hat seinen Grund darin, dass Pau- ken und Trompeten üblicherweise zur Klangwelt des Adels gehörten. Mit dem Aufkommen eines bürger- lichen Musiklebens verschwanden sie in die hinteren Reihen des Sin- fonieorchesters; und wer Trompe- tenkonzerte sucht, die nicht aus dem Generalbass-Zeitalter stammen, der muss tief schürfen.
Giuliano Sommerhalder, Jahrgang 1985, seit 2006 Solotrompeter des Gewandhausorchesters Leipzig, hat sorgfältig gesucht - und ganz erstaunliche Werke sowohl für die moderne Trompete als auch für ihren volkstümlichen Bruder, das Cornet à Pistons, entdeckt. So schrieb Oskar Böhme (1870 bis 1938), geboren in Potschappel bei Dresden, ein Trompetenkonzert in e-Moll op. 18, das an Mendels- sohns Violinkonzert erinnert. Die CD enthält auch noch zwei Bravour- stücke für Cornet à Pistons, die erahnen lassen, warum 1897 das Mariinskij-Theater in St. Petersburg den jungen Musiker als Solo- trompeter engagierte. Grandios!
Wilhelm "Wassily" Brandt (1869 bis 1923) stammte aus der Coburger Gegend, spielte mit 18 Jahren bereits als Solotrompeter der Philhar- monie von Helsinki, und wechselte 1890 nach Moskau ans Bolschoi-Theater. Er lehrte bis 1911 als Professor am Moskauer Konservato- rium, und gilt als Begründer der russischen Trompetenschule. Sommerhelder hat hörbar Vergnügen an seinem halsbrecherischen Ersten Konzertstück in f-Moll op. 11, und auch an dem Zweiten Konzertstück in Es-Dur op. 12 mit seinem Marschfinale und seinen Anleihen bei der russischen Ballettmusik.
Russland aber ist den beiden deutschen Trompetenvirtuosen zum Verhängnis und zum Schicksal geworden. Böhme starb, nach offiziel- len Daten 1938, irgendwo in Sibirien. Brandt wurde 1912 an das Konservatorium im wolgadeutschen Saratow berufen. Dort starb er 1923 an Sepsis, "nachdem zwei Jahre Hungersnot, Aufruhr und Seuchen die dortige Bevölkerung dezimiert hatten", so Max Som- merhalder in dem sehr informativen Beiheft: "Das Wrack seines Instrumentes wurde ein halbes Jahrhundert später im über- schwemmten Keller seines Hauses gefunden."
Gustav Cords (1870 bis 1951) und Carl Höhne (1860 bis 1927) lebten in Berlin; Sommerhalder hat aus ihrem Schaffen die Konzert-Fantasie es-Moll bzw. die Slawische Fantasie, beide für Cornet à Pistons, ausgewählt. Glanzstück der CD ist jedoch das Konzert Nr. 1 in c-Moll von Wladimir Ananjewitsch Peskin (1906 bis 1988), der in Genf aufgewachsen war, wo sein revolutionär gesinnter Vater im Exil lebte. 1917 kehrte die Familie nach Russland zurück; Peskin studierte am Moskauer Konservatorium Klavier, musste das Studium jedoch aufgeben, weil seine Hände dieser Belastung nicht gewachsen waren.
Als sein Vater von Stalins Schergen verfolgt und seine Mutter nach Kasachstan deportiert wurde, verdingte sich Peskin als Pianist beim Balalaikaorchester der Roten Armee. Dort lernte er Timofej Dok- schitzer kennen, einen Trompetenstudenten, der später weltberühmt werden sollte. Er wurde sein Klavierbegleiter, und komponierte zahlreiche Stücke für ihn - darunter auch das hochvirtuose Werk, das diese CD eröffnet. Es dürfte weltweit noch immer nicht allzu viele Trompeter geben, die sich an Peskins Werke heranwagen.
Sommerhalder ist diesem irrsinnig schwierigen Stück technisch wie musikalisch in jeder Hinsicht gewachsen. Es klingt, es klingt sogar faszinierend gut, und auch die anderen "romantischen" Stücke gestaltet der junge Trompeter so gekonnt, dass es Spaß macht, ihm zuzuhören. Begleitet wird Sommerhalder von der Neuen Philharmo- nie Westfalen unter Heiko Mathias Förster.
Montag, 21. Juni 2010
"Gott! Welch Dunkel hier" - Die Stunde Null (Profil)
Dresden lag in Trümmern. Die Überlebenden der Staatskapelle, nach dem Bombenangriff ins Vogtland verbracht, kehrten im Juli 1945 an die Elbe zurück, und begannen mit dem Wiederaufbau des Musiklebens - in der zerstörten Stadt kein leichtes Beginnen.
Umso mehr erstaunt es, dass sich aus diesen Tagen nicht nur Programme und Notizen finden, sondern auch Mitschnitte. Mit einem "Dora-Tornister-Magneto- phon" startete der MDR im Dezember 1945 seinen Sendebetrieb; die Technik für die Aufzeichnungen war teilweise selbstgebaut. Waren die Besetzungen größer, mussten die Musiker nach Leipzig reisen, weil es zerbombten Dresden an geeigneten Räumlichkeiten und an Technik mangelte.
Ein großer Teil dieser frühen Bandaufzeichnungen ist heute, nach immerhin 65 Jahren, noch in verblüffend guter Qualität erhalten. Einige Aufnahmen allerdings, beispielsweise ein "Aida"-Mitschnitt aus dem Jahre 1947 - wurde vom Rundfunk als "nicht sendefähig" einge- stuft, und einige Bänder sind technisch mittlerweile so verschlissen, dass die Aufzeichnungen guten Gewissens nicht mehr veröffentlicht werden können.
Ein großer Teil dieser frühen Bandaufzeichnungen ist heute, nach immerhin 65 Jahren, noch in verblüffend guter Qualität erhalten. Einige Aufnahmen allerdings, beispielsweise ein "Aida"-Mitschnitt aus dem Jahre 1947 - wurde vom Rundfunk als "nicht sendefähig" einge- stuft, und einige Bänder sind technisch mittlerweile so verschlissen, dass die Aufzeichnungen guten Gewissens nicht mehr veröffentlicht werden können.
Dennoch reicht das Material aus, um drei CD mit Musik zu füllen, die zwischen dem Kriegsende und dem Jahr 1951 aufgenommen wurde. Besonderer Wert wurde bei der Restauration darauf gelegt, das charakteristische Klangbild der Aufnahmeräume zu erhalten. Das ist auch gut gelungen; der Zuhörer kann den Steinsaal im Deutschen Hygienemuseum, den Saal im Kurhaus Bühlau mit seiner knochen- trockenen Akustik, das Dröhnen des Ball- und Theatersaales der Leipziger Lokalität "Deutsche Reichshallen" sowie den 1947 einge- weihten Sendesaal des Funkhauses in der Leipziger Springerstraße mit seinem enormen Raumhall problemlos unterscheiden.
Die Liste der Sänger, die dieses klingende Dokument vorstellt, ist lang und umfassend: Man hört Helena Rott, Kurt Böhme, Gottlob Frick, Christel Goltz, Elfriede Trötschel, Bernd Aldenhoff, Hans Hopf, Werner Faulhaber, Werner Liebing, Arno Schellenberg, Dora Zschille, Elfriede Weidlich, Karl Paul, Heinz Sauerbaum, Ruth Lange und Lisa Otto. Es ist absolut verblüffend, aber ihre Stimmen so unverkennbar, dass man jeweils nach wenigen Takten sagen kann, wer gerade singt. Und man versteht jedes Wort.
Technisch sind Sänger heute zwar wesentlich besser ausgebildet. Man wagt es kaum zu schreiben - aber die meisten von den Künstlern, die hier zu hören sind, würden heute beim Vorsingen wohl nach wenigen Takten unterbrochen und hinausgeschickt werden. Sänger sind aus- tauschbar geworden; selbst die "Stars" haben mit wenigen Ausnahmen ein sehr ähnliches Timbre, dem jeweiligen Fach entsprechend. Stimmen sollen verfügbar sein, wie eine Ware. Ist der Künstler klug (und hat er die Möglichkeiten dazu), investiert er in die Entwicklung seiner Stimme. Gesangskarrieren über Jahrzehnte waren früher normal - heute sind sie Ausnahmen.
Das gibt schon zu denken. Eine Christel Goltz mag gesangstechnisch durchaus Defizite haben - aber ihre Aida oder ihre Salome beein- drucken noch heute. In diesen Aufnahmen aus der Nachkriegszeit erlebt man so viel Charakter, Charme, Individualität; manchmal fragt man sich, ob nicht diese "Seele" das eigentliche Wesen des Gesanges ist. Und wenn die Sängerpersönlichkeit fehlt, dann kann diese Lücke möglicherweise auch eine grandiose Technik nicht füllen.
In jedem Falle sind die drei CD plus die DVD mit Filmaufnahmen aus jenen Jahren ein bewegendes Dokument mit großartiger Musik - ein Muss für jeden, der sich für historische Aufnahmen interessiert.
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