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Dienstag, 31. März 2015

Zelenka - Tuma (Supraphon)

Auch wenn Johann Joseph Fux (um 1660 bis 1741) uns heute vor allem als Musiktheoretiker ein Begriff ist – zu Lebzeiten hatte der kaiserliche Hof- kapellmeister eine Vielzahl höchst praktischer Aufgaben. So war er für die Hofmusiker zuständig, und entschied über die Besetzung von Vakanzen. Mit seiner Musik reprä- sentierte er das Habsburgerreich – und er bildete ganze Scharen von Schülern aus, die ähnliche Aufgaben an all den vielen anderen Höfen Europas übernehmen wollten. 
Diese CD stellt drei dieser Musiker mit Werken vor. František Ignác Antonín Tuma (1704 bis 1774) beispielsweise, Sohn eines böhmischen Organisten, studierte bei den Jesuiten in Prag, und stand zunächst in Wien bei Franz Ferdinand Graf Kinsky im Dienst. Später wurde er Kapellmeister der Kaiserinwitwe Elisabeth Christine. Tumas Werk ist umfangreich, aber zum größten Teil editorisch bislang unerschlossen. Eine der wenigen Ausnahmen ist sein Stabat mater, das auch hier zu hören ist. Dieses Werk, das lediglich mit einem vierstimmigen Chor nebst Basso continuo besetzt ist, beeindruckt durch die geschmeidige Verbindung des stile antico mit der Frühklassik. Das ist wirklich großartige Musik, die es wert wäre, viel öfter aufgeführt zu werden. 
Zwei Sonaten des aus Breslau stammenden Geigers und Komponisten Johann Georg Orschler (1698 bis zwischen 1767 und 1770) hat der Dresdner Konzertmeister Johann Georg Pisendel eigenhändig kopiert. Sie befinden sich in den Notenbeständen der Dresdner Hofkapelle. Schon diese Tatsache macht deutlich, dass es sich bei Orschler nicht um ein künstlerisches Leichtgewicht handelte. Auch er hat bei Fux studiert, musizierte dann für diverse adelige Herrschaften und war zuletzt Mitglied der Wiener Hofmusikkapelle. Die Triosonate, die hier erklingt, erscheint ebenso originell wie klangschön. 
Dass Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) ebenfalls zu Fux' Schülern gehörte, das wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet. Dem Dresdner Hof-Kirchenkomponisten verdanken wir zudem einen Einblick in die Unterrichtspraxis des Wiener Musikpädagogen: In Zelenkas Nachlass, so berichtet Václav Kapsa in dem sehr informativen Beiheft zu dieser CD, fand sich ein Notenband mit Übungen zum Kontrapunkt sowie Abschriften diverser Meisterwerke mit Modellcharakter. Zelenka selbst hat Palestrinas Missa Nigra sum, von der in Dresden wohl nur Kyrie, Gloria und Credo vorhanden waren, dem Vorbild entsprechend um Sanctus und Agnus Dei ergänzt. Analog dazu schrieb er Ergänzungen für Palestrinas Missa sine nomine. Im stile antico gestaltete der Komponist auch seine Vertonungen des Gebetes Sub tuum praesidium, das in Wien sehr gebräuchlich war. Maria Josefa, Ehefrau des sächsischen Kronprinzen und Tochter des Kaisers Joseph I., ließ die Kirchenmusik offenbar auch in Dresden nach dem vertrauten Vorbild gestalten. 
Das Collegium 1704 stellt unter Vaclav Luks diese wenig bekannten Werke vor, einige sogar in Weltersteinspielung. Die Sänger und Musiker des Ensembles präsentieren sich ausgesprochen versiert, sie sind mit derartigen Repertoire bestens vertraut. Klanglich stets ausgewogen, stets sehr durchdacht und souverän musiziert diese kleine Besetzung, und bringt den Zauber dieser musikalischen Traditionslinie bestens zur Geltung. Sehr hörenswert! 

Montag, 17. November 2014

The Dresden Album (Audax)

Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755) gehört zu den überragenden Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit. Der Sohn eines Kantors kam 1697 als Kapellknabe an den Ansbacher Hof. Dort könnte er Geigenschüler von Giuseppe Torelli gewesen sein. Wie gut er sein Instrument beherrschte, darauf deutet jedenfalls die Tatsache hin, dass er bei Hofe als Geiger angestellt wurde, obwohl erst kurz vorher die Zahl der Musiker drastisch reduziert worden war. 1709 reiste Pisendel nach Leipzig, wo er studierte, und nebenher zeitweise das Collegium musicum leitete. Die Studienjahre boten dem Musiker zudem Gelegenheit, renommierte Kollegen wie Telemann, Graupner, Heinichen, Fasch und etliche andere kennenzulernen. Im Januar 1712 wurde er erster Geiger in der Hofkapelle Augusts des Starken, 1728 wurde er schließlich Konzertmeister in diesem Orchester. Pisendel trug wesentlich dazu bei, dass es zu den besten Europas gehörte. 
Sein Dienstherr erkannte die Stärken des jungen Mannes, und schickte ihn zunächst auf Reisen. So weilte er im Gefolge des Kurprinzen in Paris, in Rom und Venedig sowie in Wien – und brachte nicht nur musikalische Anregungen und eine Vielzahl von Notenabschriften, sondern auch freundschaftliche Kontakte zu den Musikerkollegen in den europäischen Metropolen mit. Wie weit das Beziehungsnetz Pisendels reichte, davon gibt die vorliegende CD einen Eindruck. 
Johannes Pramsohler hat für die zweite Veröffentlichung bei seinem Label Audax einige Raritäten eingespielt, die bislang offenbar in den Noten- beständen der Dresdner Hofkapelle schlummerten: Triosonaten von Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Johann Friedrich Fasch, Jo- hann Joseph Fux und Frantisek Ignác Tuma; die Werke der letztgenannten drei erklingen immerhin in Weltersteinspielungen. Es ist dies zugleich die Debüt-CD seines Ensembles Diderot; mit Prahmsohler musizieren Varoujan Doneyan, Barockvioline, Gulrim Choi, Barock-Violoncello, und Philippe Grisvard am Cembalo. 
Die Musiker beeindrucken durch ihr exzellentes Zusammenspiel. Insbe- sondere die Cellistin setzt immer wieder spannende Akzente. Die beiden Geiger hingegen musizieren zwar virtuos, aber für mein Empfinden zu grell; ihr Ton ist herausfordernd schrill und ihre Phrasierung oftmals schlicht zu ruppig. Damit werden sie dem galanten Charakter vieler Stücke nicht gerecht, vor allem auch die langsameren Sätze würden durch mehr Wärme und klangliche Abrundung gewinnen. Die Fußstapfen Reinhard Goebels, der seinen jungen Kollegen hier mit einem sehr informativen Text im Beiheft unterstützt, erscheinen momentan für Pramsohler noch etwas groß. Aber die Lust an Entdeckungen, die Neugier auf vergessenes Repertoire haben die Violinisten gemeinsam. Hörenswert sind die sechs Triosonaten auf dieser CD, und die Aufnahme ist zudem in technischer Hinsicht phänomenal. Man hat wirklich den Eindruck, inmitten der Musiker zu sitzen. 

Freitag, 19. Juli 2013

Froberger: Clavichord Fantasias (Arta)

Diese CD zeigt eindrucksvoll, welche enorme Palette an Ausdrucksmög- lichkeiten das Clavichord bietet. Wie kein anderes Tasteninstrument ge- stattet es dank seiner raffiniert ein- fachen Konstruktion die unmittelbare Beeinflussung des Tons durch den Musiker. 
Noch zu Lebzeiten Bachs und seiner Söhne war das Clavichord die erste Wahl für das häusliche Musizieren. Geschätzt wurde es seinerzeit auch von Organisten als Übungsinstru- ment. Denn Kirchen wurden damals nicht beheizt, was außerhalb der Sommermonate den längeren Aufenthalt dort sehr ungemütlich machte. Und außerdem war zum Orgelspielen vor der Erfindung des elektrischen Gebläses immer noch mindestens eine Hilfskraft erforderlich, der sogenannte Kalkant, der die Bälge betätigte und damit den Orgelwind lieferte.
Es verwundert daher nicht, dass Johann Jacob Froberger (1616 bis 1667) sehr viele Werke geschrieben hat, die man nicht nur auf Orgel und Cemba- lo, sondern auch auf einem Clavichord spielen kann. Froberger war einer der besten Organisten seiner Generation. Er stammte aus einer Hallenser Musikerdynastie. Sein Vater Basilius war Hofkapellmeister in Stuttgart, und vier seiner Geschwister musizierten in der Stuttgarter Hofkapelle. Mit 21 Jahren erhielt Froberger eine Anstellung als Organist am Wiener Hof. Dort wirkte er, bis Leopold I. Kaiser wurde – und die Hofkapelle drastisch verkleinerte. So wurde 1657 auch Frobergers Stelle eingespart.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Froberger bei der Herzogin von Württemberg-Mömpelgard. Er erlag schließlich auf Schloss Héricourt, dem Witwensitz der musikbegeisterten Dame, einem Schlaganfall.
Froberger ist enorm viel gereist. So weilte er mehrfach in Italien, wo er bei Frescobaldi lernte und zahlreiche Musikerkollegen kennenlernte. In Dres- den wagte Froberger einen musikalischen Wettstreit mit dem Hoforgani- sten Matthias Weckmann, in dem er eine goldene Kette gewann – und einen Freund fürs Leben. Auch in den Niederlanden, Frankreich und England konzertierte der Organist, der überall Leute kannte und sicherlich nicht nur Noten, sondern vor allem auch sehr viele Briefe geschrieben haben wird.
Auf der vorliegenden CD stellt Jaroslav Tuma einige Werke Frobergers vor. Der Prager Musiker hat sich den historischen Tasteninstrumenten ver- schrieben. Die Clavichorde, die er für diese Einspielung ausgewählt hat, spielt er nicht nur brillant – er zeigt auch auf, welche verblüffenden Klang- effekte sich durch kleine Veränderungen im Aufbau solcher Instrumente erzielen lassen. Das macht die CD, die ohnehin sehr gelungen ist, doppelt interessant.

Samstag, 2. März 2013

Musici da Camera (Supraphon)

Wer Barockmusik schätzt, der sollte es nicht versäumen, diese gelungene Doppel-CD anzuhören. Sie enthält Werke von Komponi- sten, die eine Beziehung zu Prag hatten. So wurden in Prager Klöstern, Schulen und Palästen zu Beginn des 18. Jahrhunderts ganze Heerscharen begabter Knaben zu Musikern herangezogen; die meisten von ihnen suchten sich allerdings dann eine - solide bezahlte - Anstellung außerhalb von Böhmen. Musiker aus dem Ausland machten in Prag Station; sie wirkten für einige Zeit in den Kapellen des Adels, oder aber sie komponierten für sie. So war Antonio Vivaldi Maestro di Musica in Italia des Grafen Wenzel Morzin. Er schrieb aber etliche Werke auch für Graf Josef von Wrtby, der wohl das Lautenspiel liebte, und den Solopart möglicherweise sogar selbst gespielt hat. 
Das superbe Collegium Marianum unter Leitung Leitung der Flötistin Jana Semerádová hat auf den beiden CD eine Auswahl dieser Werke eingespielt, unterstützt durch den Fagottisten Sergio Azzolini. Etliche der Musikstücke erklingen hier in Weltersteinspielung. Das Programm ist abwechslungsreich, und es erstreckt sich von einem Quartet für Violine, Violoncello, Fagott und Basso continuo in g-Moll von Anto- nín Reichenauer über Werke von Johann Friedrich Fasch, Frantisek Jiránek, Christian Gottlieb Postel, Johann Georg Orschler und Frantisek Ignác Antonín Tuma bis hin zum Trio in g-Moll für Violine, Laute und Basso continuo RV 85 von Antonio Vivaldi und zu einer Sonata in A-Dur für Violine und Basso continuo von Antonio Caldara.