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Mittwoch, 11. April 2018

Ludwig Güttler - Edition Europa (Berlin Classics)

In Vorbereitung auf den 75. Ge- burtstag, den Ludwig Güttler im Juni feiert, hat Berlin Classics nun eine Vier-CD-Box veröffentlicht. Sie fasst noch einmal Werke zusammen, die dem berühmten Trompeter besonders wichtig sind. Das liegt nicht allein an ihrer musikalischen Qualität. Ebenso bedeutsam findet Güttler einen ganz anderen Aspekt der Musik: Sie führt Europa zusammen – und das schon seit Jahrhunderten. 
Unbeeindruckt von politischen Ent- wicklungen, reisten Musiker durch die Lande. Sie lernten voneinander, sie korrespondierten miteinander, und sie tauschten ihre Werke aus. So spielte das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart unter anderem in Italien, in Paris und in London. „Reisen bereichern Persönlichkeit und Personalstil und wirken so auf die Arbeit des Komponisten an jedem Ort weiter“, unterstreicht Ludwig Güttler. Doch ein Musiker musste nicht unbedingt den mühsamen Weg über die Alpen antreten, um von seinen italienischen Kollegen zu lernen. 
Als Beispiel führt Güttler Johann Sebastian Bach an, der sich bekanntlich längere Zeit in Norddeutschland aufhielt – aber Vivaldis Konzerte mit Hilfe von Partituren erkundete, die sein Weimarer Dienstherr aus Italien mitgebracht hatte. Auch Georg Philipp Telemann war mit der italienischen Musik bestens vertraut, ohne jemals in Italien gewesen zu sein. Seine weiteste Reise führte nach Paris; seine erste Anstellung hatte er in Polen. All diese Eindrücke und Einflüsse spiegeln sich in seinen Werken. 
Gefördert wurde dieser Austausch durch den Adel Europas. In dem Bestreben, dem jeweiligen Hof Glanz zu verleihen und damit das eigene Renommée zu stärken, wetteiferten die Herrscher darum, die besten Musiker zu engagieren. Talente aus dem eigenen Land schickten sie zur Ausbildung bei berühmten Kollegen. So kam der Dresdner Geiger Johann Georg Pisendel zu Antonio Vivaldi nach Venedig, und der Kontrabassist Jan Dismas Zelenka nach Wien, wo er Kontrapunkt und Komposition bei Johann Joseph Fux studierte. 
Musikalisch war Europa schon früh vereint – diese Botschaft vermittelt der Trompeter Ludwig Güttler mit einer Auswahl an Einspielungen, die viele Facetten des kulturellen Austausches hörbar werden lässt. Dabei reicht diese Edition von Bach und dessen Zeitgenossen Vivaldi, Telemann, Pisendel, Zelenka, Neruda und Hasse über Haydn und Mozart bis hin zu Antonín Dvořák, der freilich bis nach Amerika reiste. Aber das ist eigentlich schon wieder ein anderes Kapitel europäischer Geschichte. 

Donnerstag, 3. August 2017

Zelenka: Sonatas ZWV 181 (Accent)

Noch eine weitere Gesamteinspielung der Triosonaten ZWV 181 von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) ist zu vermelden. Václav Luks hat in Prag diese Gipfelwerke der barocken Oboenliteratur mit seinem Collegium 1704 eingespielt. Und das will in diesem Falle heißen, dass er mit Xenia Löffler und Michael Bosch vor allem auch zwei exzellente Oboisten für dieses Projekt gewinnen konnte. Es musizieren zudem Jane Gower, Fagott, Helena Zemanová, Violine, Luděk Braný, Kontrabass, Shizuko Noiri, Laute, und, wie gesagt, Václav Luks am Cembalo. 
Musikalisch ist diese Aufnahme gut, wenn auch zwangsläufig klanglich wenig abwechslungsreich und dynamisch wenig differenziert. Insgesamt finde ich sie nicht gänzlich befriedigend, weil die beiden Oboen, bei aller virtuosen Brillanz, doch sehr dominieren. Dagegen wirken die Bassinstru- mente erstaunlich leise; insbesondere das Fagott ist akustisch oft wenig präsent. Ich vermisse daher eine gewisse Ausgewogenheit, mir fehlt hier Fundament. Wer einmal so richtig in wundervollen Oboengesängen schwelgen möchte, der wird aber hingerissen sein. 

Montag, 31. Juli 2017

Zelenka (Herisson)

Schon einmal hat das Ensemble Pasticcio Barocco Triosonaten von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) veröffentlicht – die Sonaten ZWV 181, Nummer 4, 5 und 6 sind bei Hérisson bereits erschienen. Nun lieferten die Musiker den Rest nach – und ein bisschen mehr: Auf dieser CD erklingen die Triosonaten Nummer 1 und 2, sowie die Simphonie à 8 con(certanti) ZWV 189 und die Hipocondrie à 7 con(certanti) ZWV 187. 
„La troisième sonate a été laisée de côté car elle est la seule pour violon, hautbois, basson et basse continue, et pose de complexes problèmes de texte, la partie de basse continue n'ayant pas été indiquée par Zelenka“, berichtet Cembalist Mathieu Dupoy im Beiheft. Und so sind hier also nur die Sonaten für zwei Oboen, Fagott und Basso continuo zu hören. 
Musiziert wird hinreißend; David Walter und Hélèle Gueret teilen sich paritätisch in die Oboenpartien, Fany Maselli spielt das Fagott, und das Continuo ist mit Esther Brayer, Kontrabass, Rémi Cassaigne, Theorbe und Mathieu Dupoy am Cembalo ebenso üppig wie farbenreich besetzt. Diese umfangreiche Besetzung passt allerdings gut, denn Oboen sind nicht gerade leise Instrumente. Will man das klanglich ausbalancieren, muss man schon ein wenig Volumen aufbieten – der Kontrabass passt da perfekt. 
Die Simphonie und die Hipocondrie erweisen sich als zauberhafte Musik- stücke voll überraschender Einfälle. Hier komplettiert das Orchestre de Chambre d'Auvergne mit seinen exzellenten Streichern das Ensemble. Dass der Geiger Pisendel, Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, seinem Freund Telemann einstmals im Begleitbrief zu einer Zelenka-Partitur schrieb, „de cet amandier, savourer beaucoup, beaucoup de doux fruits“ ist in diesem Zusammenhang ein charmantes Bild. Denn die Werke des Dresdner Kirchen-Compositeurs Zelenka haben, wie die Mandel, eine harte Schale und einen verlockenden Kern. Es verblüfft immer wieder aufs Neue, wie unkonventionell er mit dem doch als so antiquiert geltenden Kontrapunkt Musik setzt. Und in diesem Falle wird diese Musik auch noch sehr gelungen vorgetragen – bravi!  

Samstag, 17. Dezember 2016

Zelenka: Lamentationes Jeremiae Prophetae (Supraphon)

Zwischen all die weihnachtlichen Pretiosen will ich an dieser Stelle eine CD einfügen, die im Jahreslauf eigentlich an eine ganz andere Stelle gehört – in die Woche vor dem Osterfest nämlich: Die Lamenta- tiones Jeremiae Prophetae ZWV 53 gehören zu den frühesten Kompo- sitionen von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Ich fand diese Aufnahme so gelungen, dass ich die CD aber nicht bis ins Frühjahr liegen lassen wollte. 
Entstanden sind diese Werke für Gottesdienste am Dresdner Hof während der Karwoche. Ihren Platz haben die Klagelieder des Propheten Jeremias in der Matutin am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag; am Dresdener Hof wurden die Karmetten offensichtlich jeweils am Vor- abend gehalten. 
Zelenka hat seine Vertonungen augenscheinlich nicht vollendet; die dritte Lesung wird daher auf dieser CD als gregorianischer Gesang vorgetragen. Die beiden ersten allerdings sind beeindruckend. Sie verbinden geistliche Kontemplation und emotionale Dramatik, Eindringlichkeit und Abwechs- lung. An den beiden ersten Tagen wechseln sich Alt, Tenor und Bass in den Soloparts ab, begleitet von Oboen, Streichern und Continuo. Am dritten Tage aber setzt der Komponist in der ersten Lamentatio zwei Flöten und zwei Violoncelli, in der zweiten Solovioline, Chalumeau und Fagott ein – und die Tonarten wechseln vom Moll ins Dur: Christus liegt bereits im Grabe, der entrückte Klang von Flöten und Chalumeau symbolisiert Klage und Tod. Die eigentlichen Verse werden als Rezitativ vorgetragen; kunst- voll gestaltet sind aber die Sätze, die den vorangehenden hebräischen Buchstaben ausrufen, sowie der abschließende Ruf Jerusalem convertere. 
Jana Semerádová hat die Lamentationes mit ihrem Ensemble Collegium Marianum geradezu mustergültig eingespielt. Als Solisten zu hören sind Damien Guillon, Alt, Daniel Johannsen, Tenor, und Tomáš Král, Bass. 

Mittwoch, 13. Juli 2016

Zelenka: Missa Divi Xaverii / Litaniae de Sancto Xaverio (Accent)

Noch einmal Musik aus Dresden: Dort wurde 1729 das Fest des Heiligen Franz Xaver mit besonderer Inbrunst begangen. Denn im Vorjahr war der älteste Sohn von Maria Josepha von Habsburg, Gattin des sächsischen Kronprinzen Friedrich August II., an den Pocken gestorben. Ein weiterer Sohn, Christian Friedrich, saß im Rollstuhl und sollte eigentlich den geistlichen Stand erwählen. Dass er dereinst zwar kurz, aber doch recht erfolgreich regieren sollte, das konnte Maria Josepha nicht ahnen. Ihr persönlicher Schutz- patron sollte dem jungen Paar daher nicht zuletzt dabei behilflich sein, einen männlichen Erben in die Welt zu setzen. 
Entsprechend glanzvoll gestaltete Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) die Musik für die Feier der Oktav des Heiligen: Die Missa Divi Xaverii ZWV 12 ist für eine der größten Besetzungen geschrieben, die Zelenka jemals verwendet hat: Solisten und Chor, jeweils vierstimmig, Pauken und vier Trompeten, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Hörner, Fagott, Streicher sowie Basso continuo. 
Man wundert sich, dass dieses beeindruckende Werk bislang noch nie- mand eingespielt hat. Zelenkas Musik ist grandios, und Vaclav Luks präsentiert mit einem exzellenten Solistenensemble sowie seinem Colle- gium Vocale 1704 bzw. Collegium 1704 die Messe nun in einer ebenfalls großartigen Aufnahme bei Accent. Man höre nur die Blechbläser – phantastisch! Zu hören ist zudem eine Litanei Zelenkas für den Gedenk- tag des Heiligen. 

Sonntag, 29. Mai 2016

Zelenka: Psalmi Vespertini I (Nibiru)

Einmal mehr wendet sich das Ensemble Inégal mit den Prager Barocksolisten dem Werk von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) zu. Die Sänger und Musiker um Adam Viktora haben bereits mehrfach Kompositionen des Dresdner Hof- musikers aus dem Archivschlaf erweckt und sich damit große Verdienste um die Wiederentdeckung seiner Musik erworben. Zelenka, so stellt sich zunehmend heraus, beein- druckt nicht nur durch handwerkliche Perfektion. Seine Werke sind in jeder Hinsicht bemerkenswert – und je mehr davon wieder aufgeführt werden, desto interessanter erscheint das Schaffen dieses Musikers, der in Dresden zunächst Violone bzw. Kontra- bass spielte, und dann 1735 zum Kirchencompositeur ernannt wurde. 
In den Jahren zwischen 1725 und 1728 komponierte Zelenka unter ande- rem sechs Vesperpsalmen und ein Magnificat. Die Auswahl der Psalmtexte machte es möglich, diese prächtigen Musikstücke für nahezu jede Vesper- feier des Kirchenjahres zu nutzen. Dieses umfangreiche Projekt hatte ganz sicher noch einen anderen Hintergrund: Johann David Heinichen, der Dresdner Hofkapellmeister, litt an Tuberkulose und war in seinen letzten Lebensjahren oftmals so krank, dass ihn Zelenka und Ristori vertreten mussten. Zelenka nutzte die Chance, sich mit seinen originellen Kirchen- kompositionen insbesondere der Kurfürstin zu empfehlen. Als Heinichen 1729 starb, bewarb er sich schließlich um die Nachfolge – die Stelle erhielt jedoch Johann Adolf Hasse. Auf dieser CD sind nun Zelenkas Psalmi Vespertini I erstmals vollständig zu hören. 

Mittwoch, 13. April 2016

Zelenka: Italian Arias (Accent)

Am 18. November 1733 bewarb sich Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) beim sächsischen Kurfürsten um den Posten des Kapellmeisters. Zwar hatte Friedrich August II. bereits 1730 Johann Adolf Hasse zum Hofkapell- meister ernannt. Doch existierte daneben noch eine zweite Stelle, die seit langem unbesetzt war. 
Um zu beweisen, dass er durchaus in der Lage war, nicht nur Kirchenmu- sik, sondern auch Opern zu kompo- nieren, hatte Zelenka seinem Dienstherrn bereits im Oktober acht italienische Arien überreicht. Diese Arbeitsprobe freilich überzeugte den Kurfürsten nicht. Er ernannte den Musiker lediglich zum Hofkomponisten, 1735 dann zum Kirchencompo- siteur. 
Wer die Entscheidung des Herrschers nachvollziehen will: Petr Wagner hat nun mit seinem Ensemble Tourbillon bei Accent die Arien ZWV 176 eingespielt. Mit ihrer kleinen Besetzung und ihrem üppigen Umfang scheinen sie eher Arie da camera zu sein; dank der versierten Musiker sowie der exzellenten Sänger Hana Blažiková, Sopran, Markéta Cukrová, Alt, und Tomás Šelc, Bassbariton, ist dies rundum Musik zum Genießen. Bravi!

Samstag, 20. Februar 2016

Rota: Clarinet Sonata - Clarinet Trio (Naxos)

Nino Rota (1911 bis 1979) ist bekannt als Komponist von Filmmusik. Er arbeitet unter anderem mit Federico Fellini zusammen, mit Francis Ford Coppola („Der Pate“) und mit Luchino Visconti. Doch er hat auch Opern geschrieben, Konzerte, Sinfonien, Chorwerke und jede Menge Kammermusik. Dass diese ebenso hörenswert sind wie seine brillanten Filmmusiken, zeigt diese CD: Goran Gojevic, Klarinette, Lynn Kuo, Violine, Winona Zelenka, Violoncello, Michael Sweeney, Fagott und Mary Kenedi am Klavier haben eine spannende Auswahl an Kammermusik dafür zusammengestellt. Sie reicht vom Trio für Klarinette, Cello und Klavier (1973) über das Improvviso in d-Moll für Violine und Klavier (1947), die Toccata für Fagott und Klavier (1974) und die Sonate in D-Dur für Klarinette und Klavier (1945) bis zur Fantasie in G-Dur für Klavier (1945). 

Samstag, 28. November 2015

Die Ludwig Güttler Edition - Die Highlights des sächsischen Barock (Berlin Classics)

Ludwig Güttler, geboren 1943 in Sosa im Erzgebirge, ist nicht nur ein grandioser Trompetenvirtuose. Er ist zudem unermüdlich in seinem Enga- gement, wo er dieses erforderlich sieht – sei es beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, oder aber bei der Wiederentdeckung des Repertoires der berühmten Dresdner Hofkapelle. 
Güttler hat in Leipzig bei Armin Männnel studiert, und war dann zunächst beim Händel-Festspiel- orchester in Halle/Saale engagiert, später dann als Solotrompeter an der Dresdner Philharmonie. Er unterrichtete an der Musikhochschule in Dresden sowie beim alljährlichen Internationalen Musikseminar in Weimar. Sein besonderes „Steckenpferd“ ist die Musik des 18. Jahrhun- derts. Mit der hochgestimmten Piccolotrompete spielt er Partien, die seinerzeit für Clarinbläser geschrieben worden waren. Auch für das Corno da caccia hat Güttler gemeinsam mit dem Leipziger Instrumentenbauer Friedbert Syhre eine Alternative geschaffen, die modernen Spielkomfort bietet; im Original soll das Corno da caccia allerdings obertonreicher geklungen haben. 
1985 gründete Ludwig Güttler das Ensemble Virtuosi Saxoniae, in dem vor allem Mitglieder der Dresdner Staatskapelle musizieren. Mit diesem Kammerorchester pflegt der Trompeter seitdem die europäische Musik- kultur des 18. Jahrhunderts, wie sie sich im Repertoire der sächsischen Hofkapelle widerspiegelt. Dabei hat er viele Werke wieder zugänglich gemacht, die in Vergessenheit geraten waren. 
Zum 30jährigen Bestehen dieses renommierten Ensembles hat Berlin Classics nun eine umfangreiche Edition zum günstigen Preis heraus- gebracht. Sie versammelt auf 25 CD alle wesentlichen Aufnahmen der Virtuosi Saxoniae, die in den Jahren nach 1990 enstanden sind. So erklingen die Brandenburgischen Konzerte und die Orchestersuiten von Bach, dazu eine Auswahl an Kantaten, die Johannes-Passion und natürlich das Weihnachtsoratorium. Dazu gib es geistliche Musik, beispielsweise von Johann Adolf Hasse, Johann David Heinichen oder Jan Dismas Zelenka, sowie eine Vielzahl origineller Konzerte aus dem Umfeld des Dresdner Hofes. 
Die Liste der Mitwirkenden ist lang und ausgesprochen illuster; sie reicht von Dagmar Schellenberger bis zu Christiane Oelze, und von Olaf Bär bis hin zu Peter Schreier, von Andreas Lorenz, Oboe, über Eckart Haupt, Flöte, bis hin zu Güttlers langjährigem Wegbegleiter Friedrich Kircheis an Orgel und Cembalo, und von den Hallenser Madrigalisten bis zum Concentus Vocalis Wien. 

Dienstag, 31. März 2015

Zelenka - Tuma (Supraphon)

Auch wenn Johann Joseph Fux (um 1660 bis 1741) uns heute vor allem als Musiktheoretiker ein Begriff ist – zu Lebzeiten hatte der kaiserliche Hof- kapellmeister eine Vielzahl höchst praktischer Aufgaben. So war er für die Hofmusiker zuständig, und entschied über die Besetzung von Vakanzen. Mit seiner Musik reprä- sentierte er das Habsburgerreich – und er bildete ganze Scharen von Schülern aus, die ähnliche Aufgaben an all den vielen anderen Höfen Europas übernehmen wollten. 
Diese CD stellt drei dieser Musiker mit Werken vor. František Ignác Antonín Tuma (1704 bis 1774) beispielsweise, Sohn eines böhmischen Organisten, studierte bei den Jesuiten in Prag, und stand zunächst in Wien bei Franz Ferdinand Graf Kinsky im Dienst. Später wurde er Kapellmeister der Kaiserinwitwe Elisabeth Christine. Tumas Werk ist umfangreich, aber zum größten Teil editorisch bislang unerschlossen. Eine der wenigen Ausnahmen ist sein Stabat mater, das auch hier zu hören ist. Dieses Werk, das lediglich mit einem vierstimmigen Chor nebst Basso continuo besetzt ist, beeindruckt durch die geschmeidige Verbindung des stile antico mit der Frühklassik. Das ist wirklich großartige Musik, die es wert wäre, viel öfter aufgeführt zu werden. 
Zwei Sonaten des aus Breslau stammenden Geigers und Komponisten Johann Georg Orschler (1698 bis zwischen 1767 und 1770) hat der Dresdner Konzertmeister Johann Georg Pisendel eigenhändig kopiert. Sie befinden sich in den Notenbeständen der Dresdner Hofkapelle. Schon diese Tatsache macht deutlich, dass es sich bei Orschler nicht um ein künstlerisches Leichtgewicht handelte. Auch er hat bei Fux studiert, musizierte dann für diverse adelige Herrschaften und war zuletzt Mitglied der Wiener Hofmusikkapelle. Die Triosonate, die hier erklingt, erscheint ebenso originell wie klangschön. 
Dass Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) ebenfalls zu Fux' Schülern gehörte, das wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet. Dem Dresdner Hof-Kirchenkomponisten verdanken wir zudem einen Einblick in die Unterrichtspraxis des Wiener Musikpädagogen: In Zelenkas Nachlass, so berichtet Václav Kapsa in dem sehr informativen Beiheft zu dieser CD, fand sich ein Notenband mit Übungen zum Kontrapunkt sowie Abschriften diverser Meisterwerke mit Modellcharakter. Zelenka selbst hat Palestrinas Missa Nigra sum, von der in Dresden wohl nur Kyrie, Gloria und Credo vorhanden waren, dem Vorbild entsprechend um Sanctus und Agnus Dei ergänzt. Analog dazu schrieb er Ergänzungen für Palestrinas Missa sine nomine. Im stile antico gestaltete der Komponist auch seine Vertonungen des Gebetes Sub tuum praesidium, das in Wien sehr gebräuchlich war. Maria Josefa, Ehefrau des sächsischen Kronprinzen und Tochter des Kaisers Joseph I., ließ die Kirchenmusik offenbar auch in Dresden nach dem vertrauten Vorbild gestalten. 
Das Collegium 1704 stellt unter Vaclav Luks diese wenig bekannten Werke vor, einige sogar in Weltersteinspielung. Die Sänger und Musiker des Ensembles präsentieren sich ausgesprochen versiert, sie sind mit derartigen Repertoire bestens vertraut. Klanglich stets ausgewogen, stets sehr durchdacht und souverän musiziert diese kleine Besetzung, und bringt den Zauber dieser musikalischen Traditionslinie bestens zur Geltung. Sehr hörenswert! 

Dienstag, 24. März 2015

Zelenka: Missa Dei Patris (Brilliant Classics)

Dass das Werk von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) zunehmend wiederentdeckt wird, liegt nicht zuletzt an dem großen Engagement, mit dem Ludwig Güttler und seine Ensembles Musik aus langjährigem Archivschlaf erweckt haben, die einst am Dresdner Hof erklungen ist. Auch die Zelenka-Renaissance, die in jüngster Vergangenheit eine Vielzahl beeindruckender CD-Veröffentli- chungen hervorgebracht hat, hat letzten Endes ihre Wurzeln in der Initiative des rührigen Dresdner Trompeters. 
Zelenka gehört zu den bedeutenden Komponisten des 18. Jahrhunderts. Er kam als Kontrabassist an den Dresdner Hof, und wurde durch seinen Dienstherrn sehr gefördert. So erhielt er Unterricht in Wien beim kaiser- lichen Hofkapellmeister Johann Joseph Fux. Zuständig war Zelenka in erster Linie für die Kirchenmusik; 1735 erhielt er dann auch den Titel des Kirchencompositeurs. Zelenka erweist sich als Individualist, der musi- kalisch sehr eigene Wege fand. So sind seine Werke höchst unkonven- tionell, originell und faszinierend. 
Das vorliegende Album stellt einige geistliche und weltliche Werke Zelenkas in Einspielungen aus den 80er und 90er Jahren vor. So erklingt die Missa Dei Patris, gesungen von Venceslava Hruba-Freiberger, René Jacobs, Reinhart Ginzel, Olaf Bär und dem leider mitunter etwas schwächelnden Thüringischen Akademischen Singkreis. Zu hören sind zudem das Laudate pueri, gesungen von Peter Schreier, und das Confitebor tibi Domine, gesungen von Olaf Bär. Auch drei der eigenwilligen Capricci Zelenkas erfreuen den Zuhörer. Es musizieren die Virtuosi Saxoniae unter Leitung und zumeist auch mit Ludwig Güttler. 

Donnerstag, 2. Januar 2014

Zelenka: Sonatas (Linn)

Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) war im Umgang mit Klangfarben ein Meister. Das zeigt auch diese CD mit Instrumental- musik des Musikers, der am Dresdner Hof erst Violone bzw. Kontrabass spielte, später dann zumindest zum Kirchen-Kompo- nisten ernannt wurde. Das Ensemble Marsyas, unterstützt durch die Geigerin Monica Hug- gett, hat drei der sechs Sonaten ZWV 181 sowie das Andante aus der Simphonie à 8 Concertanti ZWV 189 eingespielt. Die Sonaten erweisen sich für die Bläser als Kabinettstückchen – was der Komponist hier den zumeist zwei Oboen und insbesondere auch dem Fagott abverlangt, das ist nur von erstklassigen Solisten zu meistern. Die Musiker des Ensembles Marsyas spielen sehr hörenswert; nur schade, dass der Platz auf der CD nicht für alle Sonaten ausgereicht hat. 

Dienstag, 31. Dezember 2013

Zelenka: Melodrama de Sancto Wenceslao (Supraphon)

Im Jahre 1723 wurde mit großer Pracht die Prager Krönung Karls VI. und seiner Gemahlin Elisabeth Christine gefeiert. Costanza e Fortezza, Beständigkeit und Stärke, rühmte eine Oper des kaiserlichen Kapellmeisters Johann Joseph Fux. Und nicht weniger Aufmerk- samkeit galt dem von den Jesuiten aufgeführten Huldigungsmelodram Sub olea pacis et palma virtutis conspicua orbi regia Bohemiae corona. Die Musik dazu hatte Fux' Schüler Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) komponiert. Das Werk ist auch unter dem Titel Melodrama de Sancto Wenceslao bekannt, unter dem die Partitur seinerzeit in den Dresdner Inventaren verzeichnet wurde. 
Es steckt voll Anspielungen und Allegorien, und hatte zum Ziel, den neuen Herrscher als regulären Erben des Heiligen Wenzels zu inszenieren – jenes sagenumwobenen ersten Königs, der einst auf dem Reichstag zu Worms durch Kaiser Otto I. gekrönt worden war. An der Aufführung wirkten mehr als 150 Teilnehmer mit, so auch der junge Franz Benda, der damals an einem der drei Prager Jesuiten- kollegien studierte und in seinen Erinnerungen erwähnt, er habe drei Soli gesungen. 
Das Melodram muss großen Eindruck gemacht haben, nicht nur auf die Hoheiten, sondern auch dem sonstigen Publikum, so dass es drei Tage später sogar noch einmal wiederholt wurde. Verwundern wird das nicht. Denn schon allein der große Eingangschor macht deutlich, was den Zuhörer erwartet: Ausgefeilte Sätze, das eine oder andere musikalische Wagnis sowie eine überaus farbige Instrumentierung. Natürlich dürfen bei einer Krönung Pauken und Trompeten nicht fehlen. Doch auch andere Soloinstrumente wie Chalumeau, Flöten oder Violoncello setzt Zelenka wirkungsvoll ein. 
Der Aufwand ist allerdings beträchtlich, und deshalb ist das Opus ausgesprochen selten zu hören. Das letzte Mal erklang es im Jahr 2000 im Wladislaw-Saal der Prager Burg; die vorliegende Doppel-CD enthält den Mitschnitt. 

Freitag, 10. Mai 2013

Zelenka: The Capriccios (Sono Luminus)

Als der sächsische Kronprinz Friedrich August II. nach Wien auszog, um dort um die Hand der Erzherzogin Maria Josepha von Österreich anzuhalten, begleiteten ihn auch etliche Musiker. Unter ihnen war Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745), der während des Aufenthaltes in Wien - er dauerte immerhin vom Oktober 1717 bis zum März 1719 - auch durch den kaiserlichen Kapellmeister Johann Joseph Fux unterrichtet wurde. 
Die Abrechnungen jener Reise zeigen, dass der Kronprinz standesgemäß Hof hielt, so wie es von ihm erwartet wurde. Und seine Musiker spielten ihm auf - auch zu Parfor- cejagden, einem beliebten Vergnügen des Adels. Eigens dafür kom- ponierte Zelenka offenbar seine Capricci - höfische Unterhaltungs- musik, die sich durch anspruchsvolle Partien für Horn auszeichnet. 
Man darf darüber spekulieren, ob dies wirklich das Waldhorn meint, das Cor de chasse, wie es am Hof in Versaille gespielt wurde - oder aber das Corno da caccia. Dieses Instrument war am sächsischen Hof sehr beliebt, und wurde dort virtuos geblasen. In jedem Falle müssen es exzellente Solisten gewesen sein, die diese extrem schwierigen Partien gespielt haben. Unter den Musikern, die mit dem Kronprinzen nach Wien gereist waren, befanden sich mit Tobias Butz und Johannes Josef Götzel allerdings zwei herausragende Hornisten aus Böhmen. Ihre Kunst wird man in Wien sehr bewundert haben. 
Das Ensemble The Bach Sinfonia, geleitet von Daniel Abraham, hat Zelenkas Werke nun erstmals so vorgestellt, wie sie damals in Wien vermutlich gespielt worden sind - mit Naturhörnern. R. J. Kelley und Alexandra Cook bewältigen diese Herausforderung bewundernswert. Und die klangschönen Stücke lohnen die Wiederentdeckung. 


Donnerstag, 9. Mai 2013

Zelenka: Gaude laetare / Missa Sanctissima Trinitatis (Nibiru)

Die fünf späten Messen von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) sind rätselhafte Werke. Das beginnt schon mit dem Titel - die Missa Sanctissimae Trinitatis ist nicht etwa für das Trinitatisfest be- stimmt, sondern der Heiligen Dreifaltigkeit gewidmet; Zelenka schrieb zudem noch weitere Messen Dei Patris, Dei Filii und, als seine letzte Messe, die Missa Omnium Sanctorum. 
Diese Messen scheren sich weder in der Besetzung noch in der Länge um höfische Konventionen. Es fehlt der Glanz der Blechbläser, der repräsentative Auftritt, den man vom Hof Augusts des Starken und seines Sohnes erwartet. Und obendrein waren diese Werke deutlich zu lang, sie erscheinen trotz der geradezu kammermusikalisch anmutenden Besetzung außer- ordentlich umfangreich. 
Die fünf späten Messen, entstanden zwischen 1736 und 1741, ent- halten prachtvolle konzertante Chorsätze und beeindruckende Chorfugen ebenso wie kunstvolle Arien und solistische Ensembles. Die Prager Barocksolisten und das Ensemble Inégal haben die Missa Sanctissimae Trinitatis unter Adam Viktora bei Nibiru eingespielt. Als Solisten singen Gabriela Eibenová, Sopran, Carlos Mena, Alto, Makoto Sakurada und Václav Cízek, Tenor, Roman Hoza, Bariton und Lisandro Abadie sowie Marián Krejcík, Bass. Das Ensemble ist rund- um grandios, und die Aufnahmen sind wirklich hörenswert. 
Die CD enthält ein weiteres Stück des Komponisten, die Motette Gauda, laetare. Sie wurde, wie Quellenforschungen ergaben, wahr- scheinlich zu Trinitatis 1731 im Vespergottesdienst erstmals auf- geführt. Es ist ein heiteres Werk, und man kann Zelenka hier geradezu opernhaft galant erleben - was sich über seine Kompositionen nicht eben oft sagen lässt. 

Dienstag, 25. Dezember 2012

Uns ist ein Kind geboren (Carus)

Einmal mehr haben sich der Tenor Hans Jörg Mammel und das auf Barockmusik spezialisierte Orche- ster L'arpa festante gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und das, was sie in den Tiefen der Notenschränke aufgespürt haben, legen sie dem Publikum auf den Gabentisch: Konzerte und Arien zur Weihnacht, durchweg Raritä- ten; man staunt, aber dennoch erklingen nur zwei dieser Werke, die so selten zu hören sind, hier in Weltersteinspielung. 
Es handelt sich dabei um Kompositionen des Schütz-Meisterschülers Christoph Bernhard (1628 bis 1692). Im Kontrast dazu erklingen zwei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die pietisti- sche Gedankenwelten in barocke Klänge einbetten. Das Ergebnis möchte man beinahe eine protestantische Oper nennen: "Göttlichs Kind, lass mit Entzücken / dich doch an mein Herze drücken, / deine Schönheit nimmt mich ein". 
Berückend sind die beiden Concerti von Johann Hermann Schein (1586 bis 1630), in denen der Tenor gleichberechtigt neben diversen Instrumentalisten mit Generalbass-Begleitung konzertiert. Der Tho- maskantor hat hier das italienische Vorbild beachtlich weiterent- wickelt - und nannte seine eigenen Musikstücke dennoch bescheiden Opella nova, was wohl als "neue Werklein" zu übersetzen ist. 
Die Musiker von L'arpa festante präsentierten jeweils eine Sonate von Pavel Josef Vejvanovský (vermutlich 1633 bis 1693) und Johann Heinrich Schmelzer (vermutlich 1623 bis 1680). Gesang und Basso continuo kombiniert Philipp Friedrich Böddecker (1607 bis 1683) in Natus est Jesus. Der Komponist, im Elsass geboren, wuchs in Stuttgart auf, wo sein Vater an der Stiftskirche und in der Hofkapelle musizierte. Böddecker begann seine künstlerische Laufbahn als Gesangslehrer und Organist an einer Lateinschule; er wirkte unter anderem am Darmstädter Hof, als Organist am Straßburger Münster, und als Stiftsorganist in Stuttgart. 
Auch Melchior Schildt (1592/93 bis 1667) war Organist. Er war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck, der nicht nur als Orpheus von Amsterdam, sondern auch als deutscher Organistenmacher galt. Schildt war unter anderem Hoforganist bei Christian IV. von Däne- mark, und folgte dann seinem Vater nach als Organist der Markt- kirche von Hannover. Auf dieser CD erklingt das einzige überlieferte Vokalwerk Schildts, ein Choralkonzert über Ach mein herzliebes Jesulein. 
Die CD beschließt das Laudate pueri Dominum ZWV 81 von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Der Komponist, der am Dresdner Hof für die (katholische) Kirchenmusik zuständig war, hat Psalm 113 mit der angemessenen Klangpracht vertont. Man lauscht dem Sänger wie auch den Musikern gern. Sie sind technisch versiert, und gestalten diese "Alte" Musik mit sehr viel Sorgfalt und Hingabe. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches, glanzvolles Weihnachtsalbum, das ohne Zweifel zu den besten Editionen des Jahres gehört. Bravi! 

Dienstag, 18. Dezember 2012

Zelenka: Missa Nativitatis Domini (Supraphon)

Das Ensemble Musica Florea, 1992 von dem Cellisten Marek Stryncl gegründet, hat sich einmal mehr auf die Suche nach den Werken des Komponisten Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) begeben. Diese CD beweist, dass da noch immer viel zu entdecken ist. Sie beginnt mit dem Magnificat ZWV 107, für Solo-Sopran, Chor und Orchester, gefolgt von der Weihnachtsmotette O magnum mysterium ZWV 171. Dabei handelt es sich um die Paro- die einer Arie aus dem Melodrama Sub olea pacis, das Zelenka 1723 für die Prager Jesuiten zu den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Karls VI. komponiert hatte. Der Komponist schrieb ein neues Rezitativ, gab der Arie einen neuen Text und fügte der Besetzung Flöten hinzu, um das pastorale Idyll zu unterstreichen, in dem das Jesuskind in den Schlaf gewiegt wird. 
Mit der "goldenen Stadt", wo Zelenka seine Jugend verbracht und seine Ausbildung absolviert hatte, blieb der Komponist zeitlebends in Verbindung. Seine Musik war  in Prag präsent; so ist beispielsweise die Missa Nativitatis ZWV 8 in der Musiksammlung der Jesuitenkir- che St. Nikolaus auf der Kleinseite in einer Abschrift aus dem Jahre 1736 zu finden. Entstanden war das Werk zehn Jahre vorher, 1726, für die weihnachtliche Kirchenmusik am Dresdner Hof. 
Dort wirkte Zelenka seit 1710 als Kontrabassist; nach seinem Erfolg mit der Prager Krönungsmusik komponierte er zunehmend auch Sakralmusik für seinen Dienstherrn, August den Starken. Dennoch erhielt er nicht die erhoffte Anstellung als Hofkapellmeister. Augusts Sohn und Erbe, Kurfürst Friedrich August II., ernannte ihn schließ- lich zum Hofkomponisten und Kirchen-Compositeur. Es wird oft darüber spekuliert, warum Hasse die Stelle bekam, die Zelenka versagt blieb. Die Antwort dürfte deutlich einfacher sein, als die Musikwissenschaftler vermuten: Stars feierte der Hof  auf der Opernbühne; was in Kirche und Kammer erklang, das dürfte wohl eher als Gebrauchsmusik betrachtet worden sein. 
Nun denn - wenn die Musik, die fromme Andacht mit höfischem Repräsentationsanspruch verknüpfte, damals in Dresden durchweg das Niveau und den handwerklichen Anspruch dieser Missa Zelenkas hatte, dann wurden die Wettiner, ihre Höflinge und Gäste seinerzeit auch in der Kirche exzellent beschallt. Es ist beeindruckend, wie individuell Zelenka in seiner Musik den Text der Messe auslegt und - unterstrichen durch die Instrumentierung mit Traversflöten, Oboen und Waldhörnern - pastorale Akzente setzt. 
Wann und aus welchem Anlass die Motette Chvalte Boha silného ZWV 165 entstanden ist, das wird wohl im Dunkel der Geschichte verbor- gen bleiben. Interessant ist das Werk, eine Vertonung von Psalm 150, weil es die einzige überlieferte Komposition Zelenkas auf einen Text in tschechischer Sprache ist - und weil der Komponist darin die verschiedenen Instrumente, mit denen Gott gelobt werden soll, mit Orchesterinstrumenten wundervoll imitiert, man höre nur Violine und Viola im pizzicato als Laute und Zither. 
Das Ensemble Musica Florea hat an diesen anspruchsvollen Aufgaben spürbar Vergnügen. Es wird mit großem Engagement musiziert. Dies gilt nicht nur für die Instrumentalisten, sondern auch für die Sängerinnen und Sänger. Man mag es kaum glauben, doch der Chor, den man hier hört, ist in jeder Stimme nur dreifach besetzt - und an den Soli sind nahezu alle Sänger beteiligt. Bravi! 

Dienstag, 9. Oktober 2012

Sacred Music by Jan Dismas Zelenka (Helios)

Zur Wiederentdeckung des Kom- ponisten Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) hat diese Aufnahme aus dem Jahre 2002 mit Sicherheit beigetragen. Zu verdanken ist die wundervolle Einspielung dem King's Consort unter Robert King, das sich einmal mehr die Mühe gemacht hat,    abseits des Best- seller-Repertoires nach Werken zu suchen, deren Aufführung sich lohnt. 
Zelenka, der in Dresden als Orche- stermusiker und Kirchencompo- siteur wirkte, hat Musik geschrieben, die durch ihre Eigenwilligkeit verblüfft. Bereits der Leipziger Musikschriftsteller Friedrich Rochlitz, der um 1820 Zugang zu einigen Stücken Zelenkas erhielt, begeisterte sich für die "bewundernswerthe Eigenthümlichkeit" seiner harmo- nischen Sprache und die "kunstreich verflochtenen" Singstimmen. 
Dennoch blieben die Werke noch nahezu 200 weitere Jahre im Archiv liegen; erst in jüngster Vergangenheit begannen Musiker und Musik- wissenschaftler, die Handschriften zu erschließen. So enthält diese CD neben der Litaniae de Venerabili Sacramento Z147 und den Maria- nischen Antiphonen Regina caeli laetare Z134 und Salve regina, mater misericordiae Z135 auch Teile aus dem Officium defunctorum Z47, das Zelenka 1733 für die Trauerfeierlichkeiten in Dresden nach dem Tode seinen Dienstherrn August des Starken geschrieben hat. Diese düstere, aber dennoch seltsam kraftvolle Trauermusik würde man gern einmal vollständig hören.  

Sonntag, 1. Juli 2012

Telemann: A fagotto solo (Ricercar)

Französische Musik und damit auch französische Musikinstru- mente waren im 17. Jahrhundert an deutschen Höfen groß in Mode. So löste die französische Version des Fagotts die deutsche Bauform ab. Das Barockfagott bestand daher aus mehreren Einzelteilen, und war eine kleine Terz tiefer gestimmt als sein Vorgänger, das Dulzian. 
Und es wurde, nicht zuletzt auf- grund seines charakteristisches Klanges und seiner beträchtlichen spieltechnischen Möglichkeiten nicht nur im Continuo, sondern gern auch als Solo-Instrument eingesetzt. Diese CD hat einige hübsche Beispiele dafür zusammengestellt. So fand sich die titelgebende Sonate in f-Moll a fagotto solo in einer Sammlung von Musikstücken für Laien, die Georg Philipp Telemann 1728 und 1729 unter dem Titel Der getreue Music-Meister publiziert hat. 
Auch sonst sind Jérémie Papasergio und seinem Ensemble Syntagma Amici im Werk des Hamburger Komponisten einige Entdeckungen gelungen. Der Fagottist hat diese Werke zudem um ein Trio B-Dur von Jan Dismas Zelenka und um ein Duetto g-Moll von Christoph Schaff- rath ergänzt. 
Zelenka wirkte am Dresdner Hof, und veröffentlichte 1723 einen Band mit 6 Sonate a due Hautbois et Basson. Sie sind, dem Niveau der Dresdner Hofkapelle entsprechend, hochvirtuos, und geben auch dem Fagott einen entsprechend anspruchsvollen Part. Schaffrath stand zunächst im Dienst Friedrichs von Preußen; später wurde er Clavicembalist und Cammermusicus von Prinzessin Amalie, der musikbegeisterten Schwester des Königs. Sein brillantes Duetto für Fagott und obligates Cembalo weist schon in die Vorklassik. Papasergio hat sich intensiv mit historischen Grifftechniken und Herstellungsweisen von Rohrblättern beschäftigt. Man wird schnell feststellen, dass sich der Klang des Fagottes wie auch der Oboe auf dieser CD erheblich von anderen historisierenden Aufnahmen un- terscheidet, die den Rohrblattinstrumenten offenbar zu wenig Auf- merksamkeit zugewendet haben. "Aus Bequemlichkeit hat man nämlich die modernen Techniken der Rohrblattherstellung an die alten Instrumente angepasst", erläutert Papasergio im Beiheft. "Wenn man sich aber von historischen Texten, von Bildquellen und den wertvollen erhaltenen Modellen inspirieren lässt, so ist es erstaunlich, wie anders die Instrumente klingen: Ihr Klang ist freier, hat ein volleres Timbre und außerdem ist die Phrasierung einfacher." Der Effekt ist deutlich, die Überraschung gelungen - und nicht nur Freunden "Alter" Musik sei diese CD empfohlen. Der Name a fagotto solo täuscht; hier sind unter anderem auch exzellent gespielte Block- flöten zu erleben. Syntagma Amici ist ein hervorragendes Ensemble, diesen Musikern zu lauschen, macht wirklich Freude! 

Donnerstag, 31. Mai 2012

Zelenka: Sepolcri - Cantatas for Holy Sepulchre (Supraphon)

"Die frühen Werke eines Kompo- nisten sind besonders interessant", meint Professor Dr. Wolfgang Horn, Inhaber des Lehrstuhls für Musikwissenschaft an der Uni- versität Regensburg. "Oft zeigen sie eine große Kraft und Kühnheit, zuweilen aber auch mangelnde Übung und Erfahrung. Gerade dies aber verrät, welchen Idealen ein Komponist zustrebt."
Der Zelenka-Experte hat zwei der drei Kantaten auf dieser CD rekon- struiert und für Aufführungen wieder zugänglich gemacht. Dr. Reinhold Kubik, Wien, edierte Immisit Dominus pestilentiam ZWV 58, das dritte Werk, das hier zu hören ist. Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) schrieb sie für das Sepulcrum Sacrum; sie waren also Bestandteil der Osterliturgie am Collegium Clementinum, und wurden bei den Altstädter Jesuiten in Prag als Bestandteil der Meditation am Gottesgrab aufgeführt. 
Immisit Dominus pestilentiam komponierte Zelenka im Jahre 1709. Attendite et videte ZWV 59 entstand 1712, da war der Musiker bereits in Dresden angestellt, und Deus dux fortissime ZWV 60 schrieb er 1716, da weilte er zu einem Studienaufenthalt beim Kaiserlichen Kapellmeister Johann Joseph Fux in Wien. Alle drei Werke, berichtet Horn in dem sehr informativen Beiheft der CD, sind in Dresden als autographe Partituren überliefert, die aber schlecht erhalten seien. Insbesondere Attendite et videte sei nur deshalb zu rekonstruieren gewesen, weil der Komponist bei dieser Kantate auf seine Missa Sanctae Caeciliae ZWV 1 zurückgegriffen hat, und so vorhandene Musik per Parodieverfahren in ein "neues" Stück verwandelt hat. Dieses "Musik-Recycling" war damals üblich; Händel beispielsweise hat seine schönsten Melodien mehrfach in seinen Opern eingesetzt, und auch Bach ließ Tönet ihr Pauken auch als Jauchzet, frohlocket singen. 
Bei Supraphon sind Zelenkas Kantaten nun in der Reihe Music from eighteenth-century Prague erschienen. Die Musikaliensammlung der Salvatorkirche im Prager Clementinum ist nicht erhalten geblieben, so dass diese Werke zu den wenigen Dokumenten gehören, die uns heute einen Rückschluss auf die Kirchenmusik ermöglichen, die im größten und ältesten Jesuitenkolleg Böhmens zu dieser Zeit erklungen ist. 
Das Collegium Marianum hat die Weltersteinspielung der drei Sepol- kra übernommen. Das Ensemble, das auf zeitgenössischen Instru- menten musiziert und von der Flötistin Jana Semerádová geleitet wird, konnte für dieses Projekt ein Doppelquartett von herausragen- den Sängern gewinnen. Hana Blazíková und Barbora Sojková, Sopran, David Erler und Daniela Cermáková, Alt, Tobias Hunger und Tomás Lajtkep, Tenor sowie Tomás Král und Jaromír Nosek, Bass, singen ausdrucksstark; Solisten wie Ripienisten sind exzellent, und die Auf- nahme ist vom ersten bis zum letzten Ton eine Freude.