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Donnerstag, 29. September 2016

Vivaldi: The Four Seasons (Challenge Classics)

„Warum Vivaldi? Warum die Vier Jahreszeiten und warum gerade jetzt? Diese Fragen stellen sich sicherlich viele Freunde, die den Werdegang von Ars Antiqua Austria seit Jahren mitverfolgt haben“, schreibt Gunar Letzbor im Beiheft zu dieser CD. „Die Verlockung, seine Musik auf unsere Konzertprogram- me zu setzen, war sicherlich immer groß. Allein sein Name garantiert viele Besucher und erleichtert Ver- handlungen mit Konzertveran- staltern“, räumt der Geiger ein. 
Dagegen spricht, dass die Musik des berühmten Venezianers heutzutage allgegenwärtig ist. Die vier Jahreszei- ten sind derzeit wohl das am häufigsten aufgenommene Werk der Musik- geschichte. Und um in diesem Wust an Einspielungen wahrgenommen zu werden, entwickeln Musiker einen geradezu olympischen Ehrgeiz: „Wer spielt eigentlich die Läufe (..) am schnellsten? Wer kratzt, quietscht, heult, säuselt, klopft und donnert daselbst am extremsten? Wer hier punkten will, muss alles Bisherige überbieten“, ätzt Letzbor. „Es ist wie bei einer Sportveranstaltung. Da zählen Millimeter und Hundertstel- sekunden!“ 
Auf der CD hat Ars Antiqua Austria Die vier Jahreszeiten mit dem Violin- konzert in d-Moll von František Jiránek (1698 bis 1778) gekoppelt. Der Zusammenhang ergibt sich über den Widmungsträger – „Signor Venceslao Conte di Marzin“, Graf Wenzel Morzin, dem Vivaldi verbunden war, und dem er Die vier Jahreszeiten widmete. Jiránek, Sohn von Bediensteten des Grafen, schickte dieser im Jahre 1624 zur Ausbildung nach Venedig, wo er drei Jahre lernte – bei Vivaldi oder aber in dessen Umfeld. Nach Prag zurückgekehrt, musizierte er wieder in der Kapelle des Grafen. 1637, nach dem Tode seines Dienstherren, ging er nach Dresden, wo er in der Kapelle des Grafen Brühl wirkte. Er verbrachte des Rest seines Lebens in der sächsischen Residenzstadt. Überliefert sind von ihm ausschließlich Instrumentalwerke, wobei die Geige klar im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Das Konzert auf dieser CD kombiniert auf eine ausgesprochen reizvolle Weise böhmische und italienische Einflüsse. Mir persönlich gefällt auch die Interpretation dieser Entdeckung weit besser als das Resultat von Letzbors Auseinandersetzung mit den Vier Jahreszeiten. Denn der Versuch, Vivaldis berühmte Violinkonzerte frisch und unver- braucht klingen zu lassen, führt letzten Endes auch Letzbor und das Ensemble Ars Antiqua Austria ins Extrem. Diese Musik einfach Musik sein zu lassen, und weder ins Sportive noch ins Theatralische zu übertreiben, das muss enorm schwierig sein. 

Donnerstag, 1. Januar 2015

Il Violino Boemo (Supraphon)

Aus Böhmen kamen im 18. Jahr- hundert zahlreiche talentierte Komponisten und Musiker, berühmte Hornisten beispielsweise, aber auch nicht wenige exzellente Geiger. Diese CD sucht nach den Spuren, die diese Virtuosen in Prag hinterlassen ha- ben. Dabei fanden sich glücklicher- weise einige Werke von Frantisek Benda (1709 bis 1786), der mehrfach unter abenteuerlichen Umständen den Dienstherrn wechselte, am kur- sächsischen Hof musizierte, und schließlich als Geiger in der Hof- kapelle Friedrichs des Großen zu hohen Ehren kam. Benda war berühmt für sein adagio – für seine Melodien und für seine Ausdrucksstärke. 
In Dresden wirkte auch Frantisek Jiránek ((1698 bis 1778). Er stand zunächst im Dienst des Grafen Wenzel Morzins, der den Musiker so schätzte, dass er ihn für zwei Jahre zur Ausbildung nach Venedig schickte. Nach dem Tode des Grafen wurde das Orchester aufgelöst; Jiránek musizierte dann als bestbezahltes Mitglied in der Privatkapelle des Grafen Brühl in Dresden. In Sachsen blieb er bis an sein Lebensende. 
Josef Antonín Gurecký (1709 bis 1769) war, wie auch sein älterer Bruder Václav Matyás, bei dem Olmützer Bischof und Kardinal Wolfgang Hannibal von Schrattenbach beschäftigt. Er scheint sich einige Zeit in Dresden aufgehalten und um eine Anstellung bei Hofe bemüht zu haben. Als er damit keinen Erfolg hatte, kehrte er nach Mähren zurück, und trat erneut in die Dienste des Olmützer Bischofs; dieser hieß mittlerweile Jakob Ernst von Liechtenstein-Kastelkorn. 1743 wurde Gurecký Kapellmeister am Olmützer Dom. Von ihm stammt die technisch wohl ambitionierteste Violinsonate auf dieser CD. Sie erinnert mit ihren vier Sätzen an die traditionelle sonata da chiesa, ist aber im galanten Stil verfasst und verlangt vom Violinsolisten nicht nur Fingerfertigkeit. Lenka Torgersen, Barockvioline, Václav Luks, Cembalo und Libor Masek, Violoncello, stellen all diese Entdeckungen souverän vor. 

Samstag, 2. März 2013

Musici da Camera (Supraphon)

Wer Barockmusik schätzt, der sollte es nicht versäumen, diese gelungene Doppel-CD anzuhören. Sie enthält Werke von Komponi- sten, die eine Beziehung zu Prag hatten. So wurden in Prager Klöstern, Schulen und Palästen zu Beginn des 18. Jahrhunderts ganze Heerscharen begabter Knaben zu Musikern herangezogen; die meisten von ihnen suchten sich allerdings dann eine - solide bezahlte - Anstellung außerhalb von Böhmen. Musiker aus dem Ausland machten in Prag Station; sie wirkten für einige Zeit in den Kapellen des Adels, oder aber sie komponierten für sie. So war Antonio Vivaldi Maestro di Musica in Italia des Grafen Wenzel Morzin. Er schrieb aber etliche Werke auch für Graf Josef von Wrtby, der wohl das Lautenspiel liebte, und den Solopart möglicherweise sogar selbst gespielt hat. 
Das superbe Collegium Marianum unter Leitung Leitung der Flötistin Jana Semerádová hat auf den beiden CD eine Auswahl dieser Werke eingespielt, unterstützt durch den Fagottisten Sergio Azzolini. Etliche der Musikstücke erklingen hier in Weltersteinspielung. Das Programm ist abwechslungsreich, und es erstreckt sich von einem Quartet für Violine, Violoncello, Fagott und Basso continuo in g-Moll von Anto- nín Reichenauer über Werke von Johann Friedrich Fasch, Frantisek Jiránek, Christian Gottlieb Postel, Johann Georg Orschler und Frantisek Ignác Antonín Tuma bis hin zum Trio in g-Moll für Violine, Laute und Basso continuo RV 85 von Antonio Vivaldi und zu einer Sonata in A-Dur für Violine und Basso continuo von Antonio Caldara. 

Sonntag, 20. März 2011

Jiránek: Concertos & Sinfonias (Supraphon)

Frantisek Jiránek (1698 bis 1778) gehörte zu den Bediensteten des Grafen Wenzel Morzin. Dem war die musikalische Begabung dieses Pagen offensichtlich aufgefallen; 1724 schickte er ihn zur Ausbil- dung nach Venedig - möglicher- weise sogar direkt zu Antonio Vivaldi. Der böhmische Adlige und der maestro di musica in Italia waren einander nicht unbekannt; so widmete Vivaldi dem Grafen seine 12 Violinkonzerte Il cimento dell'armonia e dell'inventione, erschienen 1725 - zu diesen Konzerten gehören unter anderem die bekannten Vier Jahreszeiten. Graf Morzin gab bei dem Venezianer zudem Fagottkonzerte in Auftrag.
Im September 1726 war Jiránek zurück in Prag. Er musizierte in der Morzinschen Kapelle, die als eine der besten in Böhmen galt; zu seinen Kollegen gehörten zeitweise Antonín Reichenauer und Johann Friedrich Fasch. Als der Graf 1737 starb, wurde die Kapelle aufgelöst. Jiránek ging dann als Violinist nach Dresden, an den Hof Heinrichs von Brühl; er gehörte dort zu den am besten bezahlten Musikern. Nach dem Tode seines Dienstherrn 1763 wurde Jiránek pensioniert. Er starb 1778, im Alter von 80 Jahren, in Dresden.
Auf dieser CD sind einige seiner Werke in Weltersteinspielung zu hören; sie fanden sich, zumeist in Form von Abschriften, in diversen Archiven von Prag bis Stockholm. Die beiden Sinfonien stehen bereits an der Schwelle zur Frühklassik, während die vier Konzerte dem Vor- bild Vivaldis folgen, allerdings etwas modernisiert, nach den Regeln des galanten Stils. Ebenfalls nicht zu überhören ist ein gewisser Ein- fluss der böhmischen Musiktradition.
Besonders spannend erscheinen die beiden Fagottkonzerte. In der Kapelle des Grafen Morzin spielte der Fagottist Anton Möser, der ein ganz hervorragender Solist gewesen sein muss. Möglicherweise hat Jiránek sie für diesen Musiker geschaffen; in jedem Falle aber sind sie hochvirtuos, und sie reizen die Möglichkeiten des Barockfagotts in einer Art und Weise aus, die verrät, dass der Komponist genau wusste, wie er für dieses Instrument schreiben musste. Sergio Azzo- lini, Barockfagott, wird hier ganz schön gefordert. 
Marina Katarzhnova, Barockvioline, und Jana Semerádová, Travers- flöte, spielen die beiden anderen Konzerte. Sie sind ebenfalls klang- schön und musikalisch anspruchsvoll. Es musiziert das Collegium Marianum auf zeitgenössischen Instrumenten - und es beweist, dass nicht nur die Musik der großen Meister hörenswert ist. Auch die der weniger bekannten Komponisten sollte man mit Sorgfalt prüfen; oftmals sind es ja nur Zufälle, die darüber entscheiden, ob ein Werk in Vergessenheit gerät oder nicht. Dem Musikhistoriker Václav Kapsa haben wir nun für die Wiederentdeckung Frantisek Jiráneks zu danken.