Und gleich noch einmal Musik aus der Zeit der Renaissance. Sie sollte ebenfalls beeindrucken – wenn auch in einem gänzlich anderen Umfeld: Vom 27. Juni bis zum 16. Juli 1519 trafen im Leipzig die führenden Vertreter der Reformation – Martin Luther, Andreas Karlstadt und Philipp Melanchton – auf Johannes Eck, einen ganz entschieden papsttreuen Theologen. Ihr mit aller Vehemenz geführtes Streitgespräch, bei dem wesentliche Unterschiede zwischen katholischer und reformatorischer Lehre offenbar wurden, ist als „Leipziger Disputation“ in die Geschichte eingegangen.
Das von der Universität Leipzig organisierte Ereignis fand in Anwesenheit Herzogs Georg von Sachsen – ein entschiedener Gegner Luthers – in der Hofstube der Leipziger Pleißenburg statt. Nach der Begrüßung gingen alle Beteiligten zunächst gemeinsam zur Messe in die Thomaskirche, wo natürlich auch der Thomanerchor unter der Leitung des damaligen Thomaskantors Georg Rhau zu hören war.
Welche Musik damals erklungen ist, mit dieser Frage haben sich nun zwei renommierte A-Cappella-Formationen aus Leipzig beschäftigt: Sowohl Amarcord als auch das Calmus Ensemble haben ihre Ursprünge im Thomanerchor. Miteinander gesungen hatten sie zuvor noch nie. Doch dieses Aufnahmeprojekt haben sie nun gemeinsam verwirklicht – und sie mussten sich zusätzlich Verstärkung dazuholen.
Denn im Mittelpunkt des Programmes steht die Messe Et ecce terrae motus von Antoine Brumel (um 1460 bis nach 1513). Sie beruht auf den ersten sieben Tönen der gleichnamigen Oster-Antiphon, und gibt auch musikalisch einen Eindruck von diesem Erdbeben. Dieses Werk ist unglaublich kunstvoll, ebenso unglaublich in seiner Wirkung – und es ist zwölfstimmig, hohe Stimmen inklusive, so dass die beiden jeweils fünfköpfigen Ensembles noch die Sopranistinnen Anja Kellnhofer und Isabel Schicketanz mit vor die Mikrophone gebeten haben.
Komplettiert wird die Messe auf der Carus-CD durch das ebenfalls zwölfstimmige Agnus Dei aus der Missa Tempore Paschali von Nicolas Gombert, sowie Werken von Johann Walter Thomas Stoltzer, Cipriano de Rore, Josquin des Préz und gregorianischen Gesängen. Mehr als eine Stunde lang lauscht man gebannt dem Gesang, und die beiden Leipziger Vokalensembles geben dazu auch allen Anlass. Ob meditativ-schlichte Gregorianik oder die enorm komplexen Kompositionen von Brumel und Gombert – die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch ihren stets homogenen, traumhaft ausgewogenen Gesang, individuelles Gestaltungsvermögen und sagenhafte Präzision. Ein musikalisches Ereignis!
Posts mit dem Label Amarcord werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Amarcord werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Freitag, 20. Dezember 2019
Donnerstag, 12. Januar 2017
Schubert (Raumklang)
„Denn es ziemt, des Tags Vollendung mit Genießern zu genießen“, möchte man Amarcord zustimmen, beim Anhören dieser CD. Das Leipziger Vokalensemble hat aus der großen Anzahl mehrstimmiger Gesänge, die Franz Schubert im Laufe seines Lebens erschaffen hat, für diese Einspielung eine kleine, aber feine Auswahl zusammengestellt.
Schon als Sängerknabe, im Kompo- sitionsunterricht bei Antonio Salieri, schrieb Schubert seine ersten Chor- sätze; es sind sogar solche frühen Arbeiten überliefert, die der Lehrer korrigiert hat. Auch seine Mitstudenten und in späteren Jahren dann der Freundeskreis schätzten seine Werke, ebenso wie die geselligen Runden, die sich zum gemeinsamen Singen neuer Kompositionen versammelten.
Auch die Verleger schätzten Schuberts Männerquartette; sie waren offenbar sehr gefragt und verkauften sich gut. Hört man die Aufnahme, ahnt man, warum: Vom Weckruf für eine eingeschlummerte Freundin über die Beschwörung der Natur als Spiegel der eigenen Stimmungen bis hin zum empfindsamen Lobpreis der Liebe und zum pathetischen Trinklied findet sich in dieser musikalischen Schatztruhe so ziemlich alles.
Amarcord lädt ein zu einer Reise in die phantasievolle Welt des 19. Jahr- hunderts. Begleitet wird das Quintett bei manchen Liedern von dem Pianisten Eric Schneider, der sich als ein hervorragender Klavierpartner präsentiert. Die ehemaligen Thomaner lassen sich einmal mehr perfekt aufeinander abgestimmt hören; besonders erfreulich finde ich, dass auch die Textverständlichkeit durchweg exzellent ist.
Schon als Sängerknabe, im Kompo- sitionsunterricht bei Antonio Salieri, schrieb Schubert seine ersten Chor- sätze; es sind sogar solche frühen Arbeiten überliefert, die der Lehrer korrigiert hat. Auch seine Mitstudenten und in späteren Jahren dann der Freundeskreis schätzten seine Werke, ebenso wie die geselligen Runden, die sich zum gemeinsamen Singen neuer Kompositionen versammelten.
Auch die Verleger schätzten Schuberts Männerquartette; sie waren offenbar sehr gefragt und verkauften sich gut. Hört man die Aufnahme, ahnt man, warum: Vom Weckruf für eine eingeschlummerte Freundin über die Beschwörung der Natur als Spiegel der eigenen Stimmungen bis hin zum empfindsamen Lobpreis der Liebe und zum pathetischen Trinklied findet sich in dieser musikalischen Schatztruhe so ziemlich alles.
Amarcord lädt ein zu einer Reise in die phantasievolle Welt des 19. Jahr- hunderts. Begleitet wird das Quintett bei manchen Liedern von dem Pianisten Eric Schneider, der sich als ein hervorragender Klavierpartner präsentiert. Die ehemaligen Thomaner lassen sich einmal mehr perfekt aufeinander abgestimmt hören; besonders erfreulich finde ich, dass auch die Textverständlichkeit durchweg exzellent ist.
Samstag, 9. Juli 2016
Wald. Horn. Lied (Genuin)
Hörnerklang und Männergesang – wer denkt da nicht sofort an Wald und Weidwerk? Das Leipziger Vokalquintett Amarcord und das Hornquartett German Hornsound beschwören auf ihrer neuen CD in der Tat raunende Wipfel und die Freuden der Jagd. Bei der Zusammenstellung des Programms sind sie selbst auf die Pirsch gegangen - und haben einige Raritäten aufzubieten. So beginnt die CD mit einem herrlichen Waldlied von August Horn (1825 bis 1893), einem Leipziger Kapellmeister, der insbesondere als Arrangeur seinerzeit weithin geschätzt und gerühmt wurde. Von Robert Schumann erklingen die Fünf Gesänge aus Heinrich Laubes Jagdbrevier op. 137. Sie zeigen den Komponisten als einen Mann von Humor; so warnt eines der Lieder „Habet acht auf der Jagd! Mancher ist zu Grund gegangen, weil der Nachbar sich verfangen und ein Lauf ist losgegangen! Habet acht auf der Jagd!“
Abwechslung bringt das Quartett für vier Jagdhörner op. 38 von Constan- tin Fjodorowitsch Homilius (1840 bis möglicherweise 1918). Sein Vater war 1838 von Dresden nach St. Petersburg gegangen, wo er zunächst als Erster Waldhornist im Orchester der Kaiserlichen Theater musizierte, später dann als Professor am Konservatorium unterrichtete, und der St. Petersburger Philharmonischen Gesellschaft als Direktor und Schatz- meister vorstand. Sein erstgeborener Sohn Constantin wurde erst Geiger an der Kaiserlichen Oper, und war dann von 1866 bis 1910 Organist der deutschen reformierten Kirche. Danach verliert sich seine Spur. Das Horn- quartett könnte für die Hornklasse seines Vaters entstanden sein. Es ist großartige Musik, wirklich eine Entdeckung.
Das gilt auch für Meeresstille und Glückliche Fahrt für Männerchor und Hörnerbegleitung op. 16 von Carl Goldmark (1830 bis 1915). Damit verlassen wir den sächsischen Wald und machen einen Abstecher nach Wien. Dort lebte Goldmark, der Sohn eines jüdischen Kantors, geboren und aufgewachsen in Ungarn, und fristete sein Dasein als Theatergeiger und indem er Klavierunterricht gab. Von 1862 bis 1865 leitete er zudem sehr erfolgreich einen Männerchor. Als Komponist aber wurde er dann berühmt – auch wenn Hanslick ihn „Dissonanzenkönig“ nannte, feierten ihn sowohl die Kritiker als auch das Publikum. Mit dem Anschluss ans Dritte Reich verschwanden allerdings die Werke Carl Goldmarks von der Bühne; auch nach 1945 interessierte sich niemand mehr für das Schaffen des einst so populären Komponisten. Hört man die farbenreichen Gesänge, wünscht man sich unbedingt die Re-Integration dieses Gesamtwerkes in den Konzert- und Spielbetrieb – das lohnt sich garantiert.
Ins Grüne kehrt die CD anschließend zurück, mit der Waldwanderung von Ferdinand Hummel (1855 bis 1928), sechs Gesängen für Männerchor und Hörner in wechselnder Besetzung. Er war Musikdirektor am Königlichen Schauspielhaus zu Berlin und einer der ersten Filmkomponisten überhaupt. Ohne Hörner erklingen dann die Vier Gesänge op. 17 D 983 von Franz Schubert. Sein Nachtgesang im Walde D 913, nun wieder mit Hornquartett, ist ein bezauberndes Stück, mit sehr viel Atmosphäre. Ähnlich viel Waldes- rauschen findet sich in Waldeinsamkeit op. 38 von Carl Steinhauer (1852 bis 1934). Er hatte in Leipzig studiert und prägte dann über Jahrzehnte den Chorgesang in seiner Heimatstadt Düsseldorf sowie in Oberhausen. Als städtischer Musikdirektor, hochgeachtet und geehrt, ging er 1921 in Rente.
Die beiden Ensembles, die diese Werke abseits des üblichen Repertoires herausgesucht haben, haben bis zum Ruhestand glücklicherweise noch viele Jahre vor sich – wir gratulieren zu einer gelungenen CD, und hoffen auf weitere gemeinsame Projekte. Bravi!
Abwechslung bringt das Quartett für vier Jagdhörner op. 38 von Constan- tin Fjodorowitsch Homilius (1840 bis möglicherweise 1918). Sein Vater war 1838 von Dresden nach St. Petersburg gegangen, wo er zunächst als Erster Waldhornist im Orchester der Kaiserlichen Theater musizierte, später dann als Professor am Konservatorium unterrichtete, und der St. Petersburger Philharmonischen Gesellschaft als Direktor und Schatz- meister vorstand. Sein erstgeborener Sohn Constantin wurde erst Geiger an der Kaiserlichen Oper, und war dann von 1866 bis 1910 Organist der deutschen reformierten Kirche. Danach verliert sich seine Spur. Das Horn- quartett könnte für die Hornklasse seines Vaters entstanden sein. Es ist großartige Musik, wirklich eine Entdeckung.
Das gilt auch für Meeresstille und Glückliche Fahrt für Männerchor und Hörnerbegleitung op. 16 von Carl Goldmark (1830 bis 1915). Damit verlassen wir den sächsischen Wald und machen einen Abstecher nach Wien. Dort lebte Goldmark, der Sohn eines jüdischen Kantors, geboren und aufgewachsen in Ungarn, und fristete sein Dasein als Theatergeiger und indem er Klavierunterricht gab. Von 1862 bis 1865 leitete er zudem sehr erfolgreich einen Männerchor. Als Komponist aber wurde er dann berühmt – auch wenn Hanslick ihn „Dissonanzenkönig“ nannte, feierten ihn sowohl die Kritiker als auch das Publikum. Mit dem Anschluss ans Dritte Reich verschwanden allerdings die Werke Carl Goldmarks von der Bühne; auch nach 1945 interessierte sich niemand mehr für das Schaffen des einst so populären Komponisten. Hört man die farbenreichen Gesänge, wünscht man sich unbedingt die Re-Integration dieses Gesamtwerkes in den Konzert- und Spielbetrieb – das lohnt sich garantiert.
Ins Grüne kehrt die CD anschließend zurück, mit der Waldwanderung von Ferdinand Hummel (1855 bis 1928), sechs Gesängen für Männerchor und Hörner in wechselnder Besetzung. Er war Musikdirektor am Königlichen Schauspielhaus zu Berlin und einer der ersten Filmkomponisten überhaupt. Ohne Hörner erklingen dann die Vier Gesänge op. 17 D 983 von Franz Schubert. Sein Nachtgesang im Walde D 913, nun wieder mit Hornquartett, ist ein bezauberndes Stück, mit sehr viel Atmosphäre. Ähnlich viel Waldes- rauschen findet sich in Waldeinsamkeit op. 38 von Carl Steinhauer (1852 bis 1934). Er hatte in Leipzig studiert und prägte dann über Jahrzehnte den Chorgesang in seiner Heimatstadt Düsseldorf sowie in Oberhausen. Als städtischer Musikdirektor, hochgeachtet und geehrt, ging er 1921 in Rente.
Die beiden Ensembles, die diese Werke abseits des üblichen Repertoires herausgesucht haben, haben bis zum Ruhestand glücklicherweise noch viele Jahre vor sich – wir gratulieren zu einer gelungenen CD, und hoffen auf weitere gemeinsame Projekte. Bravi!
Montag, 17. August 2015
Armarium (Raumklang)
„Claustrum sine armario quasi castrum sine armamentario“,
diesen Spruch soll einst ein französischer Augustiner-Chorherr
geprägt haben. Bücher galten als die Waffen des Mönches im Kampf
gegen den Teufel. Und deshalb hatte jedes Kloster seine Bibliothek –
auch St. Thomas zu Leipzig, 1212 durch Markgraf Dietrich von Meißen
gestiftet. In jenem Jahr begann auch die Geschichte des
Thomanerchores. Denn zu dem Kloster gehörte eine Lateinschule,
deren Schüler unter anderem auch im Gesang unterwiesen wurden. Eine
der Aufgaben der Scholaren war der Chorgesang im Gottesdienst. Daran
hat sich auch durch die Reformation und den anschließenden Erwerb
des Thomasklosters durch die Stadt Leipzig nichts geändert – bis
zum heutigen Tage gestalten die Thomaner Gottesdienste.
Das Ensemble Amarcord hat seine Wurzeln im Thomanerchor. Wolfram und Martin Lattke sowie Robert Pohlers, Tenor, Frank Ozimek, Bariton und Daniel Knauft sowie Holger Krause, Bass haben schon verschiedent- lich in historischen Notenschätzen des berühmten Knabenchores gestö- bert. So haben sie auf einer CD bereits Musik aus dem Thomas-Graduale vorgestellt.
Zwei Sequenzen aus diesem Codex vom Beginn des 14. Jahrhunderts bilden auch den musikalischen Rahmen für dieses Programm, in dem die Sänger A-Cappella-Musik aus dem Notenschrank der Thomaner zusammengestellt haben, vom Mittelalter bis zu Heinrich Schütz. Auf der CD finden sich Werke von großen Meistern wie Orlando di Lasso, Thomas Stoltzer oder Johann Walter sowie den einstigen Thomaskantoren Sethus Calvisius und Johann Hermann Schein, neben jenen weniger bekannter Komponisten aus jener Zeit; vieles davon wurde in Sammelbänden wie Florilegium selectissimum hymnorum, Leipzig 1666, oder Florilegium Musici Porten- sis, Leipzig 1621, überliefert. Amarcord singt all diese Stücke aus dem reichen musikalischen Erbe der Thomaner gekonnt, stets durchhörbar und ausgewogen – und mit einem beneidenswert homogenen Ensembleklang. Sehr gelungen!
Das Ensemble Amarcord hat seine Wurzeln im Thomanerchor. Wolfram und Martin Lattke sowie Robert Pohlers, Tenor, Frank Ozimek, Bariton und Daniel Knauft sowie Holger Krause, Bass haben schon verschiedent- lich in historischen Notenschätzen des berühmten Knabenchores gestö- bert. So haben sie auf einer CD bereits Musik aus dem Thomas-Graduale vorgestellt.
Zwei Sequenzen aus diesem Codex vom Beginn des 14. Jahrhunderts bilden auch den musikalischen Rahmen für dieses Programm, in dem die Sänger A-Cappella-Musik aus dem Notenschrank der Thomaner zusammengestellt haben, vom Mittelalter bis zu Heinrich Schütz. Auf der CD finden sich Werke von großen Meistern wie Orlando di Lasso, Thomas Stoltzer oder Johann Walter sowie den einstigen Thomaskantoren Sethus Calvisius und Johann Hermann Schein, neben jenen weniger bekannter Komponisten aus jener Zeit; vieles davon wurde in Sammelbänden wie Florilegium selectissimum hymnorum, Leipzig 1666, oder Florilegium Musici Porten- sis, Leipzig 1621, überliefert. Amarcord singt all diese Stücke aus dem reichen musikalischen Erbe der Thomaner gekonnt, stets durchhörbar und ausgewogen – und mit einem beneidenswert homogenen Ensembleklang. Sehr gelungen!
Samstag, 27. Dezember 2014
Monteverdi: Marienvesper (Carus)
Die Lautten Compagney unter Wolf- gang Katschner hat gemeinsam mit dem Leipziger Vokalensemble Amarcord Monteverdis berühmte Marienvesper eingespielt. Grundlage für diese Aufnahme bildete die neue kritische Ausgabe des Carus-Verla- ges, deren Herausgeber Uwe Wolf auch einen der Begleittexte für das Beiheft beigesteuert hat.
Die Sänger und Musiker um Katsch- ner haben sich für eine Gesamtauf- führung der Marienvesper ent- schieden – ohne den eigentlich damit verbundenen liturgischen Rahmen, und auch auf die in dem Sammeldruck von 1610 vorangestellte Sanctissi- mae Virgini Missa senis vocibus wird verzichtet. Diese Missa In illo tem- pore demonstriert eindrucksvoll die Fertigkeiten Monteverdis im „alten“ Stil, für Vespermusiken hingegen wurden üblicherweise modernere Aus- drucksmittel genutzt.
Um die Expressivität der fünf Vesper-Psalmvertonungen sowie der dazwi- schen placierten Concerti herauszustellen, kombiniert diese Aufnahme eine üppige Instrumentalbesetzung mit einem solistisch besetzten Sänger- ensemble. Es ist freilich noch immer kraftvoll genug, denn der Psalm Nisi dominus gibt mit seinen zehn Stimmen den Umfang dieser Sängergruppe vor. Die fünf Herren von Amarcord haben sich daher Verstärkung einge- laden; es sind dies Angelika Lenter und Hanna Zumsande, Sopran, David Erler und Stefan Kunath, Altus sowie Daniel Schreiber, Tenor. Die Gäste fügen sich hervorragend in den Ensembleklang ein.
Musiziert wird im hohen Stimmton bei 465 Hertz, was die Sänger nicht in Probleme bringt – wohl aber den Gesamtklang mitunter seltsam dünn und hell ausfallen lässt. Lauda sion und Magnificat sind eben doch vielleicht nicht umsonst in Chiavetten notiert. In Schwierigkeiten geraten die Sänger allerdings hörbar bei Nigra sum oder aber beim Duo Seraphim. Die Aus- zierung solcher Stücke ist eine große Herausforderung, und da überzeugt Amarcord nicht wirklich.
Auch die „frischen Tempi“, von vielen Rezensenten lobend erwähnt, finde ich nicht per se gelungen. Es ist ja nett, wenn die komplette Marienvesper auf eine CD passt. Aber Kontemplation benötigt auch Muße; Klang muss sich entwickeln, muss erblühen und seine Wirkung entfalten können. Geläufigkeit ist eben doch nicht alles.
Die Sänger und Musiker um Katsch- ner haben sich für eine Gesamtauf- führung der Marienvesper ent- schieden – ohne den eigentlich damit verbundenen liturgischen Rahmen, und auch auf die in dem Sammeldruck von 1610 vorangestellte Sanctissi- mae Virgini Missa senis vocibus wird verzichtet. Diese Missa In illo tem- pore demonstriert eindrucksvoll die Fertigkeiten Monteverdis im „alten“ Stil, für Vespermusiken hingegen wurden üblicherweise modernere Aus- drucksmittel genutzt.
Um die Expressivität der fünf Vesper-Psalmvertonungen sowie der dazwi- schen placierten Concerti herauszustellen, kombiniert diese Aufnahme eine üppige Instrumentalbesetzung mit einem solistisch besetzten Sänger- ensemble. Es ist freilich noch immer kraftvoll genug, denn der Psalm Nisi dominus gibt mit seinen zehn Stimmen den Umfang dieser Sängergruppe vor. Die fünf Herren von Amarcord haben sich daher Verstärkung einge- laden; es sind dies Angelika Lenter und Hanna Zumsande, Sopran, David Erler und Stefan Kunath, Altus sowie Daniel Schreiber, Tenor. Die Gäste fügen sich hervorragend in den Ensembleklang ein.
Musiziert wird im hohen Stimmton bei 465 Hertz, was die Sänger nicht in Probleme bringt – wohl aber den Gesamtklang mitunter seltsam dünn und hell ausfallen lässt. Lauda sion und Magnificat sind eben doch vielleicht nicht umsonst in Chiavetten notiert. In Schwierigkeiten geraten die Sänger allerdings hörbar bei Nigra sum oder aber beim Duo Seraphim. Die Aus- zierung solcher Stücke ist eine große Herausforderung, und da überzeugt Amarcord nicht wirklich.
Auch die „frischen Tempi“, von vielen Rezensenten lobend erwähnt, finde ich nicht per se gelungen. Es ist ja nett, wenn die komplette Marienvesper auf eine CD passt. Aber Kontemplation benötigt auch Muße; Klang muss sich entwickeln, muss erblühen und seine Wirkung entfalten können. Geläufigkeit ist eben doch nicht alles.
Sonntag, 28. April 2013
Amarcord: Folks & Tales (Raumklang)
Mit diesem Album hat das Leipzi- ger Ensemble Amarcord erneut einen großen Wurf gelandet. Es gehört wenig Phantasie dazu, vorherzusagen, dass Folks & Tales nicht nur die Fans des Vokalquin- tetts begeistern wird.
Amarcord besteht nunmehr seit 20 Jahren. Konzertreisen haben Wolfram und Martin Lattke, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause in über 50 Länder geführt. Die Sänger haben dabei, als Refe- renz an ihr Publikum, oftmals auch Volkslieder aus der betreffenden Region in ihre Programme aufgenommen.
17 derartige "Folksongs" haben sie nun auf dieser CD zusammengetra- gen. Die ohnehin eingängigen Lieder erklingen in hinreißenden und farbenfrohen Arrangements, die speziell für die fünf Sänger entstan- den sind. Sie sind kein bisschen sentimental und volkstümelnd, sondern pfiffig und mitunter mit ihren Anleihen bei Pop und Jazz sogar etwas kühn.
Die Reise führt rund um die Welt, von Deutschland über Amerika und Australien, die Philippinen, Thailand, Korea und Japan, Kuba und Ghana, Israel, Sardinien, Irland und Schweden, Lettland und Russ- land bis nach Böhmen. Man folgt dem Quintett dabei gern. Denn die fünf Sänger von Amarcord sind perfekt aufeinander eingespielt. Das Ensemble beeindruckt durch seinen homogenen, ausgewogenen Klang - und durch Charme und Humor. Bravi! und mehr davon.
17 derartige "Folksongs" haben sie nun auf dieser CD zusammengetra- gen. Die ohnehin eingängigen Lieder erklingen in hinreißenden und farbenfrohen Arrangements, die speziell für die fünf Sänger entstan- den sind. Sie sind kein bisschen sentimental und volkstümelnd, sondern pfiffig und mitunter mit ihren Anleihen bei Pop und Jazz sogar etwas kühn.
Die Reise führt rund um die Welt, von Deutschland über Amerika und Australien, die Philippinen, Thailand, Korea und Japan, Kuba und Ghana, Israel, Sardinien, Irland und Schweden, Lettland und Russ- land bis nach Böhmen. Man folgt dem Quintett dabei gern. Denn die fünf Sänger von Amarcord sind perfekt aufeinander eingespielt. Das Ensemble beeindruckt durch seinen homogenen, ausgewogenen Klang - und durch Charme und Humor. Bravi! und mehr davon.
Dienstag, 22. Mai 2012
Historia de Compassione Mariae (cpo)
Die Historia de Compassione Gloriosissimae Virginis Mariae ist das älteste vollständig erhaltene Werk der Hamburger Musikge- schichte. Der Codex wurde im
15. Jahrhundert angefertigt, wie Experten festgestellt haben. Er trägt auf dem Innendeckel den Vermerk "ad usum Ecclesiae Cathedralis Hamburgensis", war also für den Gebrauch im Hambur- ger Dom bestimmt.
Das Manuskript verwendet die sogenannte gotische Notation. Sie dokumentiert zwar den melodischen Verlauf des Gesanges, enthält aber keinerlei Angaben über seine rhythmische Gestaltung.
Das Ensemble Amarcord, aus dem Thomanerchor hervorgegangen und mittlerweile ein fester Bestandteil des Leipziger Musiklebens, hat sich mit Unterstützung durch Godehard Joppich, einen der führenden Experten für gregorianischen Gesang in Deutschland, an eine Inter- pretation der drei Nocturnen gewagt.
Diese Gesänge der sogenannten Matutin, des klösterlichen Nacht- offiziums, bestehen jeweils aus drei Psalmen mit Antiphonen, gefolgt von drei Lesungen mit Antwortgesängen, den Responsorien. Dass es sich bei der Hamburger Historia nicht mehr um den ganz "klassischen" gregorianischen Gesang, wie er über die Jahrhunderte in den Klöstern Europas gepflegt wurde, handelt, verrät uns vor allem auch der Text. Er entstammt nicht mehr nahezu ausschließlich der Bibel, sondern er wurde anderen Formen der geistlichen Literatur entnommen. Bei dem Hamburger Werk handelt es sich sogar nicht mehr um Verse, sondern um Prosa. Sie beschreibt das Leiden der Gottesmutter im Angesicht des Kreuzes.
Die fünf Sänger von Amarcord stellen uns ein sehr fremdes, aber auch faszinierendes und wunderschönes Kunstwerk aus einer fernen Zeit vor. Sie singen harmonisch, gelassen, und geben den alten Melodien Raum und Zeit, zu klingen und zu wirken. Auf diese CD muss man sich einlassen - doch das lohnt sich.
15. Jahrhundert angefertigt, wie Experten festgestellt haben. Er trägt auf dem Innendeckel den Vermerk "ad usum Ecclesiae Cathedralis Hamburgensis", war also für den Gebrauch im Hambur- ger Dom bestimmt.
Das Manuskript verwendet die sogenannte gotische Notation. Sie dokumentiert zwar den melodischen Verlauf des Gesanges, enthält aber keinerlei Angaben über seine rhythmische Gestaltung.
Das Ensemble Amarcord, aus dem Thomanerchor hervorgegangen und mittlerweile ein fester Bestandteil des Leipziger Musiklebens, hat sich mit Unterstützung durch Godehard Joppich, einen der führenden Experten für gregorianischen Gesang in Deutschland, an eine Inter- pretation der drei Nocturnen gewagt.
Diese Gesänge der sogenannten Matutin, des klösterlichen Nacht- offiziums, bestehen jeweils aus drei Psalmen mit Antiphonen, gefolgt von drei Lesungen mit Antwortgesängen, den Responsorien. Dass es sich bei der Hamburger Historia nicht mehr um den ganz "klassischen" gregorianischen Gesang, wie er über die Jahrhunderte in den Klöstern Europas gepflegt wurde, handelt, verrät uns vor allem auch der Text. Er entstammt nicht mehr nahezu ausschließlich der Bibel, sondern er wurde anderen Formen der geistlichen Literatur entnommen. Bei dem Hamburger Werk handelt es sich sogar nicht mehr um Verse, sondern um Prosa. Sie beschreibt das Leiden der Gottesmutter im Angesicht des Kreuzes.
Die fünf Sänger von Amarcord stellen uns ein sehr fremdes, aber auch faszinierendes und wunderschönes Kunstwerk aus einer fernen Zeit vor. Sie singen harmonisch, gelassen, und geben den alten Melodien Raum und Zeit, zu klingen und zu wirken. Auf diese CD muss man sich einlassen - doch das lohnt sich.
Mittwoch, 16. November 2011
Coming home for Christmas - amarcord (Raumklang)
Weihnachtslieder aus aller Welt in pfiffigen Close-harmony-Arrange- ments legt das Leipziger Ensem- ble Armacord dem Musikfreund auf den Gabentisch. Wolfram und Martin Lattke, Tenor, Frank Ozi- mek, Bariton sowie Daniel Knauft und Holger Krause, Bass, beein- drucken durch einen harmoni- schen, homogenen Ensembleklang - was die Sänger aber nicht daran hindert, durchaus auch individu- elles Profil zu zeigen. Dass das Leipziger Ensemble, das aus dem Thomanerchor hervorgegangen ist, im kommenden Jahr sein zwanzigjähriges Bestehen feiern kann, das dürfte wohl auch mit an dem ausgeprägten Humor der Fünf liegen. Er prägt auch die vorliegende Aufnahme unüberhörbar, obwohl sie eher entspannt als schmissig klingt. Zum Fest passt das perfekt. Wer die Comedian Harmonists mag, der wird diese CD mit Weihnachtsliedern lieben.
Montag, 27. Juni 2011
Das Lieben bringt groß Freud! German Folk Songs (MDG)
Dem deutschen Volkslied galt die besondere Liebe und Fürsorge der Romantiker. Dabei sahen sie diesen Begriff mitnichten museal-histo- risch. Wenn ein Lied überall gegen- wärtig ist, so dass der Name des Urhebers bedeutungslos werde, dann sei es ein Volkslied, befand Anton Wilhelm von Zuccalmaglio: "Wenn die ganze Zauberflöte ein- mal vom Volk gesungen würde, hätte selbst Mozart sein Recht daran verloren."
Zugleich rückte die Musik von Kirche und Hof in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Überall wurden Gesangsvereine gegründet, und all diese Liedertafeln be- nötigten Repertoire. Komponisten wie Friedrich Silcher (1789 bis 1860) lieferten diesen Chören gut klingende, einfach zu singende Chorsätze - und wenn gerade keine Volkslieder parat waren, wurden welche geschaffen; Texte fanden sich im Schaffen von Lyrikern wie Eichendorff, Uhland oder Heine, und da bis zum heutigen Tage buchstäblich jeder Männerchor diese Lieder singt, wurden sie bald ebenfalls als Volkslieder angesehen.
Auch Max Reger (1873 bis 1916) erlebte solche Männergesangs- vereine; und er schrieb selbst etliche Chorsätze, die er dem Münchner Lehrergesangverein, dem Regensburger Liederkranz und dem Wiener Männergesangverein widmete. Allerdings schreibt er nicht "aus dem Volk für das Volk"; seine Bearbeitungen machen das Lied kompro- misslos zum Kunstlied. Moritz Kässmeyer (1831 bis 1884) schließlich, seit 1854 Konzertmeister bei den Wiener Philharmonikern, macht aus den schlichten Volksliedern einen virtuosen musikalischen Spaß für Instrumentalisten.
In diesem Spannungsfeld agiert die vorliegende CD. Die Sänger des Leipziger Vokalensembles Amarcord teilen sie sich mit dem ebenfalls renommierten Leipziger Streichquartett. Die fünf Sänger beein- drucken durch ihren blitzsauberen, perfekt abgestimmten Vortrag. Der Sieg in diesem musikalischen Wettstreit freilich geht an die Instrumentalisten, denn der eher schlichte Satzgesang der Silcher-Arrangements und die raffinierten harmonischen Experimente Regers haben es neben den Wiener Scherzen Kässmeyers ausge- sprochen schwer - zumal, wenn sie so charmant vorgetragen werden.
Zugleich rückte die Musik von Kirche und Hof in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Überall wurden Gesangsvereine gegründet, und all diese Liedertafeln be- nötigten Repertoire. Komponisten wie Friedrich Silcher (1789 bis 1860) lieferten diesen Chören gut klingende, einfach zu singende Chorsätze - und wenn gerade keine Volkslieder parat waren, wurden welche geschaffen; Texte fanden sich im Schaffen von Lyrikern wie Eichendorff, Uhland oder Heine, und da bis zum heutigen Tage buchstäblich jeder Männerchor diese Lieder singt, wurden sie bald ebenfalls als Volkslieder angesehen.
Auch Max Reger (1873 bis 1916) erlebte solche Männergesangs- vereine; und er schrieb selbst etliche Chorsätze, die er dem Münchner Lehrergesangverein, dem Regensburger Liederkranz und dem Wiener Männergesangverein widmete. Allerdings schreibt er nicht "aus dem Volk für das Volk"; seine Bearbeitungen machen das Lied kompro- misslos zum Kunstlied. Moritz Kässmeyer (1831 bis 1884) schließlich, seit 1854 Konzertmeister bei den Wiener Philharmonikern, macht aus den schlichten Volksliedern einen virtuosen musikalischen Spaß für Instrumentalisten.
In diesem Spannungsfeld agiert die vorliegende CD. Die Sänger des Leipziger Vokalensembles Amarcord teilen sie sich mit dem ebenfalls renommierten Leipziger Streichquartett. Die fünf Sänger beein- drucken durch ihren blitzsauberen, perfekt abgestimmten Vortrag. Der Sieg in diesem musikalischen Wettstreit freilich geht an die Instrumentalisten, denn der eher schlichte Satzgesang der Silcher-Arrangements und die raffinierten harmonischen Experimente Regers haben es neben den Wiener Scherzen Kässmeyers ausge- sprochen schwer - zumal, wenn sie so charmant vorgetragen werden.
Abonnieren
Kommentare (Atom)








