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Sonntag, 15. August 2021

Baroque Gender Stories (Deutsche Harmonia Mundi)


 Das Theater war, zumindest in der Vergangenheit, keine politisch korrekte Kunst. So scherten sich die Opernkomponisten früherer Jahrhunderte einen Krümel um Figur, Geschlecht oder Hautfarbe ihrer Darsteller. Arien wurden oftmals für den jeweiligen Sänger maßgeschneidert – oder eben für die Sängerin. 
Für heutige Verhältnisse erscheint das sicherlich irritierend, aber noch im 18. Jahrhundert war es auf der Opernbühne gängige Praxis, dass Kastraten als Königinnen oder Prinzessinnen auftraten, während Frauen in sogenannten Hosenrollen den Part von Helden oder Königen sangen. 

Die Lautten Compagney Berlin gibt gemeinsam mit Mezzosopranistin Vivica Genaux und Countertenor Lawrence Zazzo einen kleinen Einblick in das barocke Verwirrspiel. Auf diesem Album tauscht Vivica Genaux von Arie zu Arie mit Lawrence Zazzo die Rollen: Mal ist sie „primo uomo“ und er „prima donna“, mal umgekehrt. 

So besetzte Georg Friedrich Händel seinerzeit die Titelfigur seiner Oper Serse sowohl mit dem Kastraten-Superstar Caffarelli als auch mit einer Sängerin. Bei dieser Einspielung brilliert in der Partie des Perserkönigs die Mezzosopranistin, während der Countertenor die Rolle von Serses Braut Amastre übernimmt. Die beiden Sänger sind rundum fabelhaft; es ist ein großes Vergnügen, ihnen zuzuhören. 

Das Spiel mit den Geschlechterrollen lässt sich aber noch viel weiter treiben, denn es kommt vor, dass sich Männer als Frauen und Frauen als Männer verkleiden. Ein gutes Beispiel dafür gibt Semiramide riconosciuta, die Geschichte der Königin Semiramis, die als Mann verkleidet über Babylon herrscht. Dummerweise wird sie von ihrem einstigen Geliebten Scitalce erkannt. Auf diesem Album ist dieser Stoff in Vertonungen von Nicola Porpora und Giovanni Battista Lampugnani zu erleben. Johann Adolf Hasse hingegen zeigte in seiner Oper Achille in Sciro, wie sich der Held als Frau verkleidet, um nicht am Trojanischen Krieg teilnehmen zu müssen. 

Auch ansonsten wurde das Programm dieses Doppelalbums mit großer Sorgfalt zusammengestellt. Es finden sich ausgesprochene Raritäten, wie Ausschnitte aus fünf Vertonungen des Siroe – von Händel, Hasse, Baldassare Galuppi, Tommaso Traetta und Georg Christoph Wagenseil, oder Arien aus Orlando furioso von Antonio Vivaldi. Bei jeder Rolle ist in dem sehr informativen Beiheft zudem zu erfahren, wer sie zuerst gesungen hat. 

Ein grandioses Konzept, das zudem erstklassig umgesetzt wird. Denn Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney Berlin begleiten die beiden Sänger aufs Beste. Die Musiker gestalten die einzelnen Stücke absolut stilsicher, und sie reagieren dabei feinsinnig auf die teilweise sehr unterschiedlichen musikalischen Ideen der einzelnen Komponisten. Bravi!

Freitag, 17. Juli 2020

Bach - Redemption (Alpha)

Redemption ist der Titel des neuen Albums, das Anna Prohaska gemeinsam mit der Lautten Compagney Berlin veröffentlicht hat. In einer Zeit, in der aufgrund der Gefahr durch den Corona-Virus Konzerte extrem selten geworden sind, haben sich die Sängerin und die Musiker zusammengefunden, um ausgewählte Stücke aus Kantaten von Johann Sebastian Bach einzuspielen. Das Programm hat zum Ziel, mit Musik in diesen Krankheits- und Krisenzeiten Trost zu spenden, den Hörern emotionale und kontemplative Räume zu eröffnen. 
Die Sopranistin hat dazu weit mehr anzubieten als nur schöne Töne. Allerdings weiß Bach für kranke Seelen eher jenseitigen Trost. „Ich ende behende mein irdisches Leben“ (BWV 57) – diese Vorstellung wird beim modernen Menschen ganz sicher keinen Jubel auslösen. Den meisten Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts dürfte es eher seltsam erscheinen, mit Bach anzustimmen: „Ich habe genug. Drum wünsch ich noch heute mit Freuden von hinnen zu scheiden.“ (BWV 82a) Auch die Aufforderung „Bete aber auch dabei“ (BWV 115) wird wohl bei der Mehrheit Befremden auslösen. 
Inhaltlich also ist das mit der Erlösung so eine Sache. Musikalisch allerdings ist das Album wunderbar. Wie das Sängerquartett – in den Chören wirken neben Anna Prohaska auch Susanne Langner, Christian Pohlers und Karsten Müller mit – „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“ (BWV 25) anstimmt, das beispielweise ist ein ganz besonders Kabinettstückchen. Auch Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney weiß zum Ausdruck viel mit beizutragen. Und es ist in der Tat ein Trost, dass das Label Alpha die fertig geschnittene Aufnahme nur wenige Wochen nach der Einspielung digital auf den Markt gebracht hat. 

Dienstag, 17. März 2020

Circle Line (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Lautten Compagney überrascht doch immer wieder. Circle Line haben die Musiker um Wolfgang Katschner ihr neues Album genannt.  „Der Titel des Programms ist Symbol für die stetig pulsierende Großstadt“, sagt der Lautenist. „In Berlin bezeichnet man mit ›Circle Line‹ die Ringbahn, und für Berlin steht auch die Lautten Compagney. Beide kreisen durch die Stadtbezirke und durch die Jahrhunderte der Musik.“ 
Der Titel bezieht sich aber auch auf die Musikgeschichte. So erschien 1968 „Music as a Gradual Process“, ein Aufsatz von Steve Reich, in dem der amerikanische Komponist schrieb: „I am interested in perceptible processes. I want to be able to hear the process happening throughout the sounding music. To facilitate closely detailed listening a musical process should happen extremely graduality.” Dieser viel beachtete Text gilt als Geburtsurkunde der Minimal Music. 
Dass Repetition in der Musikgeschichte auch schon viel früher als formbildendes Prinzipien genutzt wurde, verdeutlicht diese Einspielung: Die Lautten Compagney verbindet Musik der Frührenaissance mit Minimal Music. Musiziert wird überwiegend mit dem Instrumentenbestand der „Alten“ Musik. Doch auch ein Saxophon sowie Schlagwerk sind beteiligt; die Aufnahme zeigt, dass Moderne nur ein Etikett ist – alle Werke können mit diesen Klängen durchaus faszinierend wirken. In scheinbar endloser Reihe folgen aufeinander Kompositionen von Philip Glass, John Cage, Meredith Monk, Steve Reich, Peter A. Bauer, Wim Mertens und Guillaume Dufay. An Anfang und am Ende steht Glass‘ Train To Sao Paulo – exzellente Filmmusik, man sieht den Zug förmlich vor sich. Und dann verknüpft die Lautten Compagney mit der „Neuen“ Musik gekonnt und beständig sorgsam ausgewählte Kompositionen von Dufay. Diese Circle Line über Jahrhunderte funktioniert ganz erstaunlich gut. Derart kenntnisreich verschachtelt, arrangiert, kombiniert und übereinander gelegt, ist am Ende das Ergebnis mehr als die Summe aller Teile – was für ein Kunstwerk, bravi! 

Freitag, 25. Oktober 2019

War & Peace - 1618:1918 (Deutsche Harmonia Mundi)

Andreas Hammerschmidt neben Friedrich Hollaender, Samuel Scheidt und Heinrich Schütz neben Hanns Eisler – auf dieser Doppel-CD bringt die Lautten Compagney höchst unterschiedliche Musikstücke zusammen. Zwei Jahreszahlen verbinden die Zeithorizonte: 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, und 1918 endete der Erste Weltkrieg. Beide verwüsteten ganze Regionen Europas und brachten die Menschen in Not und Elend. 
„Angst“, „Katastrophe“, „Vergäng- lichkeit“ und „Sehnsucht“ stehen als Überschriften über den vier Kapiteln, in denen die Musiker um Wolfgang Katschner sowohl Barockmusik als auch Klänge aus dem frühen 20. Jahrhundert miteinander kombiniert haben. Sopranistin Dorothee Mields gibt sowohl den Klageliedern als auch der Hoffnung auf Frieden und auf ein friedvolles Leben Stimme. Sie singt ergreifend und berührend, wobei mir ihr engelsreiner Gesang freilich besser zu den barocken Melodien zu passen scheint als zu den doch oft recht ruppigen Liedern aus dem Berlin der 20er Jahre. Großartig sind die Arrangements von Bo Wiget und Ensembleleiter Wolfgang Katschner. Eisler, Hollaender und Satie in frühbarockem Klanggewand - das ist sehr spannend. 

Dienstag, 31. Juli 2018

Monteverdi: La dolce vita (Deutsche Harmonia Mundi)

„Der göttliche Claudio Monteverdi, der einzigartige Meister der Harmonien, pflegte zu sagen, (..) dass die Noten, mit denen er die Worte einkleidet, alle aus jenem harmonischen Geist entstehen, der dem Text selbst innewohnt, und dass Jeder im Innern der Worte schon schweigend den Gesang vernehmen kann, wenn er nur mit der Aufmerksamkeit der Seele gut zuhört.“ 
So zitiert das Beiheft zu dieser CD Michelangelo Torcigliani, der einst den Text geschrieben hat zu einer heute verlorenen Oper von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643). 
Diese Aufmerksamkeit der Seele richten Dorothee Mields und die Lautten Compagney unter Leitung von Wolfgang Katschner auf das Schaffen des einstigen Kapellmeisters am Markusdom in Venedig. Diese CD bietet eine wunderbare Best-of-Auswahl, wobei es den Musikern um Katschner eher darum geht, das Wesen dieser damals so kühnen Musik zu erfassen, als diese bis ins Detail korrekt historisierend vorzutragen. 
Die Lautten Compagney präsentiert Monteverdis Kompositionen schwungvoll und höchst lebendig. In Dorothee Mields fand das renommierte Ensemble dafür auch die perfekte Sängerin. Mit ihrer ausdrucksstarken, schlanken und beweglichen Stimme erweist sie sich als ideale Interpretin der berühmten Madrigale, Canzonetten, Lamenti und Psalmvertonungen. Hinreißend! 

Mittwoch, 21. März 2018

Bach meets Vivaldi - Lautten Compagney Berlin ( K&K)

Wenn man diese Aufnahme aus der Edition Kloster Maulbronn angehört hat, weiß man, warum das Sprich- wort sagt, der Himmel hänge voller Geigen. Die Lautten Compagney Berlin war am 26. Mai 2017 zu Gast in der Klosterkirche – und spielte gemeinsam mit Julia Schröder unter dem Titel „Bach meets Vivaldi“ einige der schönsten Violinkonzerte überhaupt. 
Das Programm beginnt mit dem berühmten Doppelkonzert in d-Moll BWV 1043 von Johann Sebastian Bach, als Solisten sind Birgit Schnurpfeil, die Konzertmeisterin der Lautten Compagney, und Julia Schröder zu hören. Die Freiburger Violinprofessorin spielt auch die Soloparts der beiden anderen Bach-Konzerte BWV 1041 und 1042. Im Programm wechseln sie sich ab mit Violinkonzerten von Antonio Vivaldi. Und hier sind zunächst alle Streicher Solisten, denn das Concerto in h-Moll RV 580 für vier (!) Violinen, zwei Violen, Violoncello und Basso Continuo aus der Sammlung L'Estro Armonico hält für alle Beteiligten höchst anspruchsvolle Aufgaben bereit. 
Das Concerto in d-Moll RV 565 für zwei Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo gestalten Birgit Schnurpfeil und Matthias Hummel. Es ist sehr interesssant, diese Werke neben Bachs Konzerten zu hören, denn dieser hat sich mit Vivaldis Musik sehr eingehend beschäftigt – das Konzert RV 565 hat Bach sogar für die Orgel bearbeitet (BWV 596). 
Das g-Moll-Konzert RV 157 folgt noch der ursprünglichen Idee der damals neuen Gattung, ein Streicherorchester mit Basso continuo musizieren zu lassen. Das gelingt traumhaft. Und daher sollen an dieser Stelle auch die weiteren Mitwirkenden benannt werden: Daniela Gubatz, Violine, Bettina Ihrig, Viola, Magdalena Schenk-Bader, Violine/Viola, Ulrike Becker, Violoncello, Alf Brauner, Kontrabass, Johannes Gontarski, Laute und Elina Albach, Cembalo. 
Musiziert wird durchweg kammermusikalisch und in historischer Aufführungspraxis – engagiert, sehr präzise, aber auch ausgesprochen lustvoll, lebendig und abwechslungsreich. Kurzum: Es war ein rundum gelungenes Konzert. Und es wurde in gewohnt exzellenter Qualität mitgeschnitten. Unbedingt anhören, diese Aufnahme ist wirklich hinreißend! 

Samstag, 10. Juni 2017

Händel: Neun deutsche Arien - Brockes Passion (Audite)

Eine sehr schöne Aufnahme der Neun Deutschen Arien von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) haben Ina Siedlaczek und die Lautten Compag- ney kürzlich bei Audite veröffentlicht. Mit dem Textdichter, Barthold Heinrich Brockes (1680 bis 1747), könnte der Komponist 1702/03 in Halle Bekanntschaft geschlossen haben – beide studierten im selben Jahr dort. Und Brockes stammte aus Hamburg, wo Händel dann als Musiker arbeitete, bis 1706 er nach Italien ging. 
Von ihm stammt auch der Text für Händels Passionsoratorium Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus, 1719 in Hamburg uraufgeführt. „Im Ergebnis sehen wir die beiden einzigen Gelegenheiten, bei denen sich Händel mit der Vertonung von Texten in deutscher Sprache, seiner Muttersprache, für Stimme und obligates Soloinstrument beschäftigt hat. Aus dem sprach- lichen Idiom resultieren die stilistischen Besonderheiten der beiden Werke, da die Texte viel an Charakter und Klang vorgeben“, schreibt Wolfgang Katschner, der Leiter der Lautten Compagney, im Beiheft zu dieser CD. „Diese Nähe hat mich dazu bewogen, die deutschen Arien um Arien aus der Brockes-Passion zu ergänzen und damit ein Programm zu gestalten. Für den inhaltlichen Hintergrund der Arien erscheint mir darüber hinaus der Bezug zum Halleschen Pietismus von Bedeutung zu sein.“ 
Und so legen die Musiker größten Wert darauf, die Aussage der Texte auch im Klangbild zu unterstreichen. Dieses ist ausgesprochen farbig, üppig und abwechslungsreich – sowohl in der obligaten Instrumentalstimme als auch im Basso continuo. Dort wechseln sich Orgel, Cembalo, Harfe, Laute, Theorbe, Fagott und Cello in unterschiedlichen Kombinationen ab, was für erstaunliche Effekte sorgt und den Hörer erfreut. 
Kleine Änderungen können mitunter faszinierende Konsequenzen haben. Das zeigt sich ganz besonders eindrücklich am Beispiel der Arie Brich mein Herz, zerfließ in Tränen aus der Brockes-Passion. Bei diesem Stück wurde der Violinpart von einer Viola da gamba übernommen, was seinen Charakter wirkungsvoll unterstreicht. 
Die durchweg attraktive musikalische Gestaltung harmoniert aufs Beste mit dem Gesang von Ina Siedlaczek. Ihr Vortrag wirkt innig und natürlich; mit ihrer reinen, schlank geführten und wunderbar runden Sopranstimme gestaltet die Sängerin die alten Texte nuancenreich und eindringlich. 

Samstag, 19. November 2016

Bach without words (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Lautten Compagney Berlin wendet sich auf ihrer neuen CD dem Kantatenwerk Johann Sebastian Bachs zu. „So vielfältig wie die Anlässe und die damit verbundenen Texte, so vielfältig sind auch die Musik und ihre Formen“, schreibt Wolfgang Katschner, der Leiter des renommierten Barockensembles. „Diese Musik setzt weniger formale Zwänge, als ein Instrumentalkonzert oder eine Orchestersuite, weil sie von den zugrundeliegenden Texten bestimmt wird. Dadurch ist sie kommunikativ, kleinteilig und offen für Interpretation und Veränderung.“ 
Auf den Text verzichtet die Lautten Compagney in diesem Falle, und fügt die ausge- wählten Arien, Chöre und Rezitative unter jeweils einem Motto – natürlich ebenfalls aus einer Kantate – zu drei neuen Werken zusammen, deren Musik jeweils einem bestimmten Grundcharakter und einer Drama- turgie folgt. Für Bach without words hat Wolfgang Katschner die ausge- wählten Kantaten-Puzzleteile für Soloinstrumente und wechselnde Instrumentalbesetzung neu arrangiert. „Wir haben keine Note geändert“, so Katschner, „wohl aber Zusammenstellungen, Besetzungen und Ton- arten, so dass im Grunde neue, so noch nicht gehörte Werke entstehen.“ 
Das Verfahren hat auch Bach selbst genutzt; so hat er Vokalmusik mehrfach verwendet, indem er sie an einen neuen Text angepasst hat, und er hat auch Konzertsätze umgearbeitet. Insofern ist diese Form der Bearbeitung historisch legitimiert. Das Ensemble musiziert frisch und akzentuiert; es präsentiert Bachs Musik als ein facettenreiches Spiel mit barocken Klangfarben. Allerdings wird Bachs Musik, ohne den Text, erstaunlich beliebig. Man wundert sich, wie gefällig so manche Aria plötzlich klingt – bei aller Musizierlust, aber muss man Bach wirklich derart kaufhauskompatibel machen? 

Samstag, 27. Dezember 2014

Monteverdi: Marienvesper (Carus)

Die Lautten Compagney unter Wolf- gang Katschner hat gemeinsam mit dem Leipziger Vokalensemble Amarcord Monteverdis berühmte Marienvesper eingespielt. Grundlage für diese Aufnahme bildete die neue kritische Ausgabe des Carus-Verla- ges, deren Herausgeber Uwe Wolf auch einen der Begleittexte für das Beiheft beigesteuert hat. 
Die Sänger und Musiker um Katsch- ner haben sich für eine Gesamtauf- führung der Marienvesper ent- schieden – ohne den eigentlich damit verbundenen liturgischen Rahmen, und auch auf die in dem Sammeldruck von 1610 vorangestellte Sanctissi- mae Virgini Missa senis vocibus wird verzichtet. Diese Missa In illo tem- pore demonstriert eindrucksvoll die Fertigkeiten Monteverdis im „alten“ Stil, für Vespermusiken hingegen wurden üblicherweise modernere Aus- drucksmittel genutzt. 
Um die Expressivität der fünf Vesper-Psalmvertonungen sowie der dazwi- schen placierten Concerti herauszustellen, kombiniert diese Aufnahme eine üppige Instrumentalbesetzung mit einem solistisch besetzten Sänger- ensemble. Es ist freilich noch immer kraftvoll genug, denn der Psalm Nisi dominus gibt mit seinen zehn Stimmen den Umfang dieser Sängergruppe vor. Die fünf Herren von Amarcord haben sich daher Verstärkung einge- laden; es sind dies Angelika Lenter und Hanna Zumsande, Sopran, David Erler und Stefan Kunath, Altus sowie Daniel Schreiber, Tenor. Die Gäste fügen sich hervorragend in den Ensembleklang ein. 
Musiziert wird im hohen Stimmton bei 465 Hertz, was die Sänger nicht in Probleme bringt – wohl aber den Gesamtklang mitunter seltsam dünn und hell ausfallen lässt. Lauda sion und Magnificat sind eben doch vielleicht nicht umsonst in Chiavetten notiert. In Schwierigkeiten geraten die Sänger allerdings hörbar bei Nigra sum oder aber beim Duo Seraphim. Die Aus- zierung solcher Stücke ist eine große Herausforderung, und da überzeugt Amarcord nicht wirklich. 
Auch die „frischen Tempi“, von vielen Rezensenten lobend erwähnt, finde ich nicht per se gelungen. Es ist ja nett, wenn die komplette Marienvesper auf eine CD passt. Aber Kontemplation benötigt auch Muße; Klang muss sich entwickeln, muss erblühen und seine Wirkung entfalten können. Geläufigkeit ist eben doch nicht alles. 

Freitag, 20. Juni 2014

Praise the Lord - Luthers Lieder auf dem Weg in die Welt (Carus)

Mit dieser CD verweist der Stadt- singechor Halle/Saale auf Tradi- tionen, die die Hallorenstadt geprägt haben. Denn sie war einst ein Zentrum des Pietismus. Dort gründete der Theologe August Hermann Francke (1663 bis 1727) eine Anstalt zur Betreuung von Armen und Waisen. Diese soge- nannten Franckeschen Stiftungen, einst vor den Toren gelegen, heute eine kleine Stadt mitten in der Stadt, trugen ganz entscheidend dazu bei, dass Halle in ganz Europa als „neues Jerusalem“ gerühmt wurde. 
Im Hallenser Waisenhaus wurden Lieder gesungen – natürlich die aus der Feder Martin Luthers, aber auch die kunstvollen Vertonungen durch Johann Walther (1496 bis 1570). Der kursächsische Hofkapell- meister gilt als „Urkantor“ der Reformation. Hundert Jahre später entstand eine neue Art von Kirchenliedern. Sie war weniger für den Gottesdienst als vielmehr für die häusliche Andacht bestimmt und reflektierte die persönliche Beziehung des Christen zu Christus – was dem Geist des Pietismus sehr nahe lag. 
Insbesondere die Lieder Paul Gerhardts (1607 bis 1676) wurden von den Hallensern sehr geschätzt. Francke und sein Mitarbeiter Johann Anastasius Freylinghausen schufen auch eigene Lieder, die den frommen Lebenswandel so erfolgreich lobten, dass die örtlichen Drucker es kaum schafften, ausreichend Gesangbücher zu liefern – so groß war die Nachfrage. Und die Pietisten verbreiteten dieses Liedgut weltweit; diese CD zeigt anhand von Beispielen aus dem englisch- sprachigen Raum, wie die Ideen aus Mitteldeutschland singend bis in die Neue Welt gelangten. Der Stadtsingechor zu Halle, einer der ältesten Knabenchöre Deutschlands, derzeit unter Leitung von Frank-Steffen Elster, hat gemeinsam mit der Lautten Compagney Berlin unter Wolfgang Katschner sowie einem Solistenquartett eine Auswahl Kirchenlieder aus dieser Tradition eingespielt. 

Samstag, 22. März 2014

Bacharkaden (Carus)

Musikalische Bögen, die vom Werk Bachs ausgehen und dort auch wieder enden, haben das Calmus-Ensemble aus Leipzig und Musiker der Lautten Compagney um Wolfgang Katschner gemeinsam errichtet. „Ich habe hier in der Tat oft an das Alte Rathaus von Leipzig denken müssen mit seinen belebten Arkaden“, erläutert Ludwig Böhme, Bariton. „An der Marktseite wandelt man an den Schaufenstern entlang. Und so flanieren wir nun durch ein musikalisches Gewölbe, das ganz viel- fältige Bezüge zulässt.“ 
Platz ist zwischen den Chorälen des berühmten Thomaskantors, die die Pfeiler bilden, für Musik von Guillaume Dufay bis John Taverner – und für allerlei Experimente. Denn die Sänger übernehmen oftmals die Funktion der Orgel, was dem Ensemble mit seinem homogenen Klang ganz hervorragend gelingt. Die Musiker wiederum lassen nicht nur „alte“ Instrumente wie Blockflöte, Viola da gamba und Theorbe erklingen. Zu hören sind auch Marimba und Saxophon. Sie bringen weltliche Klänge in die geistliche Musik. „Der Glauben als Schirm des Daseins war einmal so selbstverständlich, dass man das gar nicht trennen konnte“, erklärt Katschner. „Gerade bei Bach, wo die gleiche Musik oft sowohl mit geistlichen als auch mit weltlichen Texten versehen ist. Wir knüpfen hier bewusst an, wenn wir die Choräle mit anderen musikalischen Zugängen verlebendigen.“ Wer der Meinung ist, dass diese Werke das nötig haben, und wer moderne Arrange- ments schätzt, der wird diese CD schätzen. 

Samstag, 29. September 2012

Handel with Care (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Lautten Compagney unter Wolfgang Katschner hat schon des öfteren an der Aufführung von Händel-Opern mitgewirkt. Wer die Musik des Komponisten gern hört, sich aber durch Sänger gestört fühlt, der sollte sich diese CD an- hören. Instrumente übernehmen hier die Partien von Kastraten, Oratorientenören und Sopranistin- nen. Das hat durchaus Unterhal- tungswert, zumal Katschner in seinen Arrangements etliche Überraschungen und dazu auch den einen oder anderen musikalischen Scherz versteckt hat. Gespielt wird natürlich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, feinsinnig und mit Esprit. Bravi!

Mittwoch, 7. März 2012

Eccard: Fröhlich will ich singen (Carus)

"Wes Brot ich ess', des Lied ich sing", dieses Sprichwort prägte Musikerbiographien ganz beson- ders zur Zeit der Reformation und Gegenreformation. Johannes Eccard (1553 bis 1611) stammt aus der Keyserlich Freyen und des Heil. Reichs Stadt Mühlhausen in Thüringen - seit 1557 protestan- tisch. Seine musikalische Laufbahn begann er als Sängerknabe an der Hofkapelle in Weimar, ebenfalls evangelisch. Als diese 1571 aufge- löst wurde, wechselte Eccard als Cantorey Puebe bzw. Altist an die Münchner Hofkapelle München unter Orlando di Lasso. 
Er habe "daselbst von Orlando di Lassus (...) in itziger zeit under den Musicis dem beruhmbtesten (...) Composition in preceptis et funda- mento (...) gefast und gelernet", berichtet Eccard später. Da musi- zierte er bereits in Augsburg für Jakob Fugger, und damit erneut für einen katholischen Dienstherrn.
Die Religion könnte der Grund dafür sein, dass Eccard schließlich bei diesem Mäzen kündigte und in die Hofkapelle Markgraf Georg Fried- richs von Ansbach eintrat: Im Mai 1580 ging er als Vizekapellmeister nach Königsberg. Doch die Kapelle nahm der Markgraf 1586 wieder mit zurück nach Ansbach. Eccard blieb in Königsberg zurück, und schrieb eifrig Bittbriefe, der Markgraf möge ihm seine Tätigkeit doch angemessen vergüten. Als der Markgraf 1603 starb, übernahm der brandenburgische Kurfürst Johann Friedrich die Verwaltung des Herzogtums Preußen - und damit auch den Vizekapellmeister, der in Königsberg offenbar sowohl für die Musik bei Hofe als auch in der Kirche zuständig war. Erst sein Nachfolger Johann Sigismund machte Eccard endlich zum Kapellmeister, und holte den Musiker 1608 nach Berlin. Dort leitete Eccard die kurfürstliche Hofkapelle nebst sechs Chorknaben und den "andern so du aus Preußen mit zu bringen gemeint", so die Order. Die "Musica", so der Kurfürst, solle "Unns zur Zier, und dir selbst zum ruhm" gereichen.
Dafür sorgte dann letztendlich Eccards Schüler und Nachfolger Johannes Stobäus. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass die Werke Eccards nicht in Vergessenheit geraten sind. Noch heute erklingen seine Liedsätze in evangelischen Kirchen; sie sind im Gesangbuch zu finden. Staats- und Domchor Berlin und die Lautten Compagney Berlin haben nun für Carus eine Auswahl aus seinem umfangreichen Werk eingespielt. 
Der Staats- und Domchor wurde 1465 gegründet. Damals stellte Friedrich II. von Hohenzollern für die Kirchenmusik fünf "Singe- knaben" ein. Als Eccard dieses Ensemble leitete, bestand es bereits aus 12 Sängern, die zudem gemeinsam mit der Hofkapelle musizier- ten. Heute gehört der Chor zur Universität der Künste, er ist noch immer ein Knabenchor, und konnte unter Leitung von Kai-Uwe Jirka in jüngster Vergangenheit europaweit etliche Preise erringen. 
Die Jungs und jungen Männer singen - im typischen Knabenchor-Sound - geistliche und weltliche Lieder des von Johannes Eccard. Die CD beginnt und endet mit gewichtiger Kirchenmusik - Ein feste Burg, De profundis, Das Vater unser und Da pacem Domine. Dazwischen wird fröhlich und mitunter auch etwas keck gesungen, was die Noten hergeben. Und da findet sich auch allerhand Unterhaltsames. Für Abwechslung sorgt auch die Besetzung, sowohl instrumental als auch mit Chor und Soli; allerdings stammen diese wohl nicht durchweg aus dem Chor. Wie wenig erschlossen dieses Repertoire bislang ist, wird daran sichtbar, dass fast die Hälfte der Stücke auf dieser CD Welt- ersteinspielungen sind. 

Sonntag, 19. Juli 2009

La Diva - Handel: Arias for Cuzzoni (Berlin Classics)


"Es scheint, als habe Händel diese Arien nicht nur für die Cuzzoni geschrieben, sondern auch für mich", scherzt Simone Kermes. Denn als die Leipziger Sopranistin ihre Händel-Lieblingsarien für diese CD auswählte, musste sie feststellen, dass der Komponist sie seinerzeit alle für Francesca Cuzzoni, eine der Starsolistinnen seiner Zeit, geschrieben hatte. Das Album zeigt das ganze Spektrum menschlicher Leidenschaften - Liebe und Verführung, Hoffnung, Zorn, Trotz, Hass, Rachsucht, Verzweiflung und Todesahnung. Kermes ist ihnen allen gewachsen. Die Sängerin begeistert mit locker perlenden, stets sicher geführten Koloraturen ebenso wie mit großen Bögen und lyrischem Schmelz. Egal, wie furios sie agiert - Timbre und Intonation sind in jeder Situation unter Kontrolle. Gigantisch! Chapeau! Soviel Stimmkultur macht einfach Freude. Die Lautten Compagney Berlin begleitet Kermes mit Feingefühl und auch mit Temperament. Bravi!