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Montag, 7. Februar 2022

Robert Schumann - Lieder in historischen Aufnahmen (Hänssler Profil)

 

Was für eine Schatzkiste! Mehr als hundert Jahre Liedgesang sind in dieser 4-CD-Box dokumentiert: Lotte Lehmann, Fjodor Schaljapin, Elisabeth Schwarzkopf, der junge Dietrich Fischer-Dieskau, Lilli Lehmann, Richard Tauber, Flora Nielsen, Hans Hotter, und noch sehr viel mehr Bühnenlegenden sind hier zu hören. Auch unter den Klavierpartnern findet sich so manche Legende. Doch bei etlichen der Lieder, die berühmte Sänger seinerzeit in die Aufnahmetrichter der Plattenfirmen gesungen haben, ist heute nicht mehr herauszufinden, wer sie seinerzeit begleitet hat. Die frühesten Tondokumente dieser Edition reichen immerhin bis in das Jahr 1901 zurück. 

Was für eine Sammlung hat Keith Hardwick da 1984 für EMI zusammengestellt! Es ist wunderbar, dass Hänssler Classic nunmehr diese Raritäten, sorgsam restauriert und remastered, wieder zugänglich macht. Dieter Fuoß als Herausgeber hat für diese Box drei CD mit Schumann-Liedern in historischen Aufnahmen noch durch eine weitere CD mit Liederzyklen des Komponisten, ebenfalls in historischen Einspielungen, ergänzt. Beim Anhören kommt Nostalgie auf: Was für Stimmen! Danke für diese Edition. 


Sonntag, 14. Juni 2020

Sena Jurinac Schumann (Hänssler Profil)

Sena Jurinac (1921 bis 2011) wirkte fast 40 Jahre lang an der Wiener Staatsoper. Sie wurde aber auch an vielen anderen Häusern gern beschäftigt, und war weltweit unter anderem als Octavian in Strauss‘ Rosenkavalier, in Mozart-Partien wie Donna Elvira, Fiordiligi, Cherubino oder die Contessa, als Jenufa und auch als Küsterin oder als Knusperhexe in Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel zu erleben. Von der Bühne verabschiedete sie sich 1982 in der Rolle der Marschallin. 
Dass sie auch eine hervorragende Liedersängerin war, beweist die vorliegende Einspielung aus dem Jahre 1954 – es ist die einzige Einspielung von Klavierliedern, an der Sena Jurinac jemals mitgewirkt hat. Die Sopranistin ist auf dieser CD mit zwei Liederzyklen von Robert Schumann zu hören. Begleitet wird sie am Klavier von Franz Holetschek. 
Frauenliebe und Leben op. 42 gehört mit seinen altbackenen Texten, die vom Komponisten musikalisch zudem ziemlich eindimensional gestaltet worden sind, nicht gerade zu meinen Favoriten. Doch wenn Sena Jurinac die Lieder singt, vergisst man, dass dieses Rollenkonzept auch mit viel Mottenpulver nicht in die heutige Zeit zu retten ist. Sie gestaltet Schumanns Musik so intensiv und so lebendig, dass insbesondere auch der Liederkreis op. 39 zum Erlebnis wird. Sena Jurinac erweist sich als eine herausragende Lied-Interpretin – und mit dieser Platte hat sie sich für alle Zeit einen Platz in meinem ganz persönlichen Sänger-Olymp gesichert. Großartig! 

Sonntag, 7. Juli 2019

L'Histoire de la romance russe (Hänssler Profil)

Ein durch und durch russisches Genre ist die Romanze. Dabei handelt es sich um ein Kunstlied, das oftmals, aber nicht zwingend, die romantische Liebe besingt. Die ersten Romanzen imitierten westeuropäische Vorbilder, und sie haben auch einen Text in italienischer oder französischer Sprache. Doch bald wurde die Romanze zum Liebling der russischen Salons – und auf dieser CD stellt das Dashkova Ensemble eine kleine Auswahl aus der Fülle dieses sehr speziellen Repertoires vor. 
Zu hören sind Werke aus dem 18. und 19. Jahrhundert – beispielsweise von den „drei Alexandern“, Alexander Alexandrowitsch Aljabjew (1789 bis 1851), Alexander Jegorowitsch Warlamow (1801 bis 1848) und Alexander Lwowitsch Guriljow (1803 bis 1858), berühmten russischen Liedkomponisten. Die Texte und Melodien sind oft volksliedhaft gehalten; und viele dieser Lieder wurden so populär, dass man sie auch beinahe für ein Volkslied hält. Ein gutes Beispiel dafür ist Warlamows Der rote Sarafan. Bekannt ist auch Die Nachtigall, eine Romanze Aljabjews, die viele Komponisten sehr schätzten. Tschaikowski liebte diese Melodie, und Kollegen wie Glinka oder Liszt schrieben Variationen darüber. 
Die meisten Romanzen wurden für Gesang und Klavier geschrieben. Das Tasteninstrument imitiert mit seinen Figuren dabei häufig eine Gitarre – und so begleitet Oleg Timofejew die Stücke auf dieser CD auch auf der siebensaitigen russischen Gitarre. Der Musiker hat zudem einige Werke herausgesucht, die dieses Traditionsinstrument und sein Repertoire exemplarisch vorstellen. 
Gesungen werden die Romanzen von der deutschen Mezzosopranistin Anna Bineta Diouf, die der russischen Sprache und Kultur leidenschaftlich verbunden ist. Man darf gespannt sein, welche musikalischen Schätze das Duo bei seinen kommenden Aufnahmen präsentieren wird. 

Montag, 3. Juni 2019

Pleyel: Piano compositions for two and four hands (Hänssler Profil)

Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) war vielseitig interessiert und auch sehr geschäftstüchtig. Über den Lebensweg des erfolgreichen Pianisten, Kapellmeisters, Komponisten, Musikverlegers und Begründers einer Klaviermanufaktur haben wir in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. 
Von seiner Musik hingegen gibt es zumeist wenig zu berichten, weil sie heutzutage wenig gespielt wird. Ich bin zu der Meinung gelangt, dass Pleyel unterschätzt wird. Und darin bestätigt mich auch diese neue Einspielung aus der Edition Günter Hänssler: Leonore von Stauss und ihr Lehrer Wolfgang Brunner stellen Klaviermusik des Komponisten vor. Dabei scheuen sie, ebenso wie einst Pleyel, das Populäre nicht – und so erklingen neben dem Konzert für zwei Klaviere und Ausschnitten aus dem Receuil de trois pieces pour le Clavecin solo ou Harpe auch drei Sonaten à Quatre Mains, geschickt arrangiert von Pleyel nach drei seiner Violinduos, und eine Folge von Ecossaisen, also Tänzen, die Wolfgang Brunner behutsam für zwei Hammerflügel arrangiert hat. Musiziert wird auf Nachbauten historischer Instrumente, und klanglich sind die beiden Fortepianos wirklich sehr reizvoll. Die Einspielung hat generell Witz und Charme; in den Kadenzen lugt gelegentlich auch die Moderne um die Ecke. Hinreißend! 

Sonntag, 7. April 2019

Secret Places (Hänssler Profil)

Schon als Kinder musizierten Marie-Luise und Christoph Dingler zusam- men. Die Geschwister studierten dann Violine bei Dora Bratchkova in Mannheim, und sie gingen gemeinsam auf Konzertreisen. Bald stellten sie fest, dass es extrem wenig zeitgenössische Musik für Violinduo gibt. Aus diesem Grunde schufen die Twiolins den Crossover Composition Award: Alle drei Jahre sind Komponisten aufgerufen, sich neue, publikumswirksame Werke für Violinduo auszudenken, mit einer Spieldauer von jeweils etwa fünf Minuten. Eine international besetzte Jury begutachtet dann die eingereichten Werke, und wählt sechs davon für das Finale aus. Dort werden sie von den Twiolins aufgeführt, so dass auch das Publikum sich sein Urteil bilden und Favoriten auswählen kann. Die Zuhörer entscheiden letztendlich über die Gewinner. 
Mehr als 500 Komponisten aus 50 Nationen haben sich bereits an diesem Wettbewerb beteiligt. Derzeit läuft eine neue Runde – und auf dieser CD sind nun die Musikstücke zu hören, die beim letzten Crossover Competi- tion Award erfolgreich waren. Gewonnen hat mit Schillers Nachtflug Benedikt Brydern (*1966); er war übrigens schon einmal, bei der Wett- bewerbspremiere im Jahre 2009, der Erstplatzierte. 
Jens Hubert (*1973) gewann mit Rock you vs. Ballerina den 2. Preis, Johannes Meyerhöfer (*1985) mit Atem . Licht den 3. Preis. David Lubowicz (*1981) mit Carpathian, Alexander Gonobolin (*1953) mit Metamorphosis und András Derecskei (*1982) mit Balkanoid folgen auf den weiteren Plätzen. Auch die anderen Musikstücke auf der CD – mit Ausnahme von Hammers von Nils Frahm – sind für den Wettbewerb entstanden. Mein persönlicher Favorit ist Waltz Diabolique von Edmund Jolliffe (*1976). 
Man staunt über die enorme stilistische Vielfalt und den großen Einfalls- reichtum der Komponisten. Was man doch alles mit zwei Violinen ausdrücken kann! Die Twiolins musizieren mit hörbarer Begeisterung – und wir freuen uns heute schon auf die Werke des neuen Crossover Competition Award. Auch den Sponsoren ist zu danken; dass sich mittlerweile ein ganzer Förderverein für den Wettbewerb engagiert, ist wunderbar und keinesfalls selbstverständlich. 

Sonntag, 23. September 2018

Quantz: Four Concertos for Flute & Strings (Hänssler Profil)

Johann Joachim Quantz (1697 bis 1773) war der Flötenlehrer Friedrichs des Großen. Der Monarch hatte den Musiker, den er schon seit 1728 kannte und sehr schätzte, nach seiner Thronbesteigung 1740 umgehend engagiert. Ein Jahresgehalt von sagenhaften 2000 Talern konnte selbst August III., der Sohn Augusts des Starken, wie dieser polnischer König und ein großer Kunstmäzen, nicht bieten, so dass Quantz aus kursächsischen in preußische Dienste wechselte. 
Er gab seinem König Flötenunter- richt, fertigte Instrumente für ihn an und er war auch für die königliche Kammermusik zuständig. So komponierte Quantz mehr als 200 Flöten- konzerte, die nur Friedrich der Große spielen durfte. Auf dieser CD stellt der amerikanische Flötist Eric Lamb vier dieser Werke vor. 
Die ausgewählten Stücke geben einen guten Überblick über das Schaffen des Musikers für den König. Obwohl Quantz sich formal stets an dem gleichen Schema orientierte, wie es auch Vivaldi genutzt hatte, sind seine Konzerte erstaunlich abwechslungsreich und höchst raffiniert individuell gestaltet. Virtuose Ecksätze im traditionellen italienischen Ritornello-Stil umrahmen einen langsamen Mittelsatz, bei dessen Gestaltung Quantz enormen Einfallsreichtum beweist. 
Das ist kein Zufall – denn am Adagio und nicht an seiner Fingerfertigkeit wurde damals ein Virtuose gemessen. Eric Lamb musiziert hinreißend schön; er spielt bei dieser Aufnahme eine Holzflöte der Firma Sankyo Handmade Flutes. Dieser Traversflöte entlockt er herrliche, eher dunkle und runde Töne; sie hat nicht das Strahlende einer Böhmflöte, sondern beinahe etwas Geheimnisvolles. Die Kölner Akademie unter Leitung von Michael Alexander Willens begleitet den Solisten mit Eleganz und kammermusikalisch transparent. Sehr gelungen! 

Sonntag, 10. Juni 2018

Molters Miniatur-Opern (Hänssler Profil)

Die Hof-Capelle Carlsruhe hat sich zusammengefunden, um die Musik des dortigen Hofes in verschiedenen Besetzungen und mit historischen Instrumenten wieder zur Aufführung zu bringen. Diese Werke sind oftmals nur als Manuskripte überliefert. Insbesondere in der Badischen Landesbibliothek befinden sich reiche Bestände an Kompositionen, die seit ihrer Entstehungszeit nicht mehr erklungen sind. 
Die vorliegende CD bietet Musik aus dem 18. Jahrhundert. Als Hofkapell- meister in Karlsruhe wirkten damals Johann Melchior Molter (1696 bis 1765) und, nach dessen Tod, Giacinto Schiatti († 1777). Er stammte aus Ferrara und war unter Molter zunächst Konzertmeister in Karlsruhe. Nachfolger Schiattis wurde 1778 Joseph Alois Schmittbaur (1718 bis 1809). 
Sie alle sind mit Werken vertreten. Ergänzt wird das Programm durch Kompositionen von Sebastian Bodinus (1700 bis 1759) und Friedrich Schwindl (1737 bis 1786), beide ebenfalls Konzertmeister am markgräf- lichen Hof. Stilistisch reicht die Bandbreite von spätbarock-empfindsamen Klängen bis hin zu Schmittbaurs exquisit kraftvoller Symphonia G-Dur für Streicher, die schon sehr nach Klassik klingt. Auch Schwindls Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Basso continuo erweist sich als echte Entdeckung. Etliche Werke auf dieser CD sind in Weltersteinspielung zu hören. 
Molter weilte zweimal in Italien – was man insbesondere seiner Violinsonate auch deutlich anhört. Er ist auf dieser CD zudem mit drei Cantaten für Sopran und Streicher vertreten, beinahe schon kleine Kammeropern, bestehend aus zwei Arien, die ein Rezitativ einrahmen. Sie werden auf dieser CD gesungen von Julia Mende. Die Texte, in denen es stets um mehr oder minder glückliche Liebe geht, sind durchaus kunstvoll und anspruchsvoll vertont. 
Auch wenn die Karlsruher Hofkapelle, so berichtet das Beiheft, einst bis zu 40 Musiker umfasste, wurde die Kammermusik bei Hofe offenbar besonders geschätzt. Teure Stars aus dem Ausland haben die Markgrafen von Baden-Durlach hingegen nur selten engagiert; so haben sie auch auf Kastraten verzichtet. Auch bei dieser Aufnahme ist das Ensemble mit fünf Streichern und Cembalo nicht allzu üppig besetzt. Man staunt, über wieviel Durchsetzungsvermögen diese kleine Besetzung trotzdem verfügt. Und man freut sich über die Sorgfalt, mit der die Hof-Capelle Carlsruhe ein Repertoire präsentiert, dass bislang garantiert nur Insider kannten. Sehr hörenswert! 

Montag, 19. März 2018

Comedian Harmonists (Hänssler Profil)

Nahezu hundert Aufnahmen mit den Comedian Harmonists weist der Katalog ihrer Plattenfirma Electrola aus. Das Ensemble war 1928 ent- standen, in wirtschaftlich schwieriger Zeit – und fast ein Jahr lang dauerte es dann, bevor in ganz Deutschland schließlich der Durchbruch gelang. Harry Frommermann, Robert Biberti, Ari Leschnikoff, Roman Cycowski, Erich Collin und der Pianist Erwin Bootz waren Stars; sie sangen vor ausverkauften Häusern und wurden weltweit gefeiert. 
Das Ende dieser Erfolgsgeschichte kam 1935, als drei „Nichtarier“ mit Auftrittsverbot belegt wurden, und Deutschland verließen. Noch bis 1949 gab es Nachfolge-Gruppen, die aber allesamt nicht das Format des Originals hatten. 
Noch heute sind Lieder wie Wochenend und Sonnenschein oder Veronika, der Lenz ist da bekannt und beliebt. Und so habe ich mich gefreut, als das Label Profil eine Kollektion ihrer Hits auf zwei CD veröffentlichte. Die Freude aber hielt nicht lange vor. Zum einen befindet sich auf der ersten CD ein dicker Kratzer, der dafür sorgt, dass einige Titel nicht angehört werden können. 
Zum anderen hat das Unternehmen diesmal das Beiheft eingespart. An Informationen sind wirklich nur die Titel der Songs verfügbar – es gibt keine Aufnahmedaten, keine Hinweise auf die genutzten Platten, keine Angaben zu Komponisten und Textautoren, keinerlei biografische Anmerkungen. Und das ist wirklich enttäuschend. Wer nur eine Playlist haben möchte, der kann sich diese ganz sicher auch anderweitig zusammenstellen. 

Sonntag, 20. November 2016

Karl Richter Edition (Hänssler Profil)

Was für ein Schatzkästlein! Auf 31 CD finden sich in dieser Box viele jener Aufnahmen, mit denen Karl Richter (1926 bis 1981) berühmt geworden ist. In Freiberg aufgewachsen, sang der Pfarrerssohn im Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger und wurde dann in den 40er Jahren der letzte Schüler von Karl Straube. Er studierte in Leipzig am Kirchenmusikalischen Institut bei Günther Ramin und wurde 1949 Thomasorganist. Dennoch entschied er sich 1951, der DDR den Rücken zu kehren. 
Letztendlich wurde er Kantor an der Markuskirche in München, und erschuf sich dort mit dem Münchner Bach-Orchester und dem Münchner Bach-Chor seine musikalische Welt. Kon- zertreisen führten ihn in viele Länder der Erde, in die USA übrigens ebenso wie in die Sowjetunion. An seinen Aufführungen und Schallplatten- aufnahmen wirkten die besten Solisten seiner Zeit mit. Als man Richter dann das Amt des Thomaskantors antrug, lehnte er ab – was er in München aufgebaut hatte, das wollte er nicht mehr aufgeben. Die hohe Arbeitsbelastung allerdings ruinierte die Gesundheit des Musikers; er starb im Alter von nur 54 Jahren an Herzversagen. 
Was bleibt? Diese Box gibt eine Anwort darauf. Sie enthält berühmte Auf- nahmen, von Bachs Brandenburgischen Konzerten und Orchestersuiten bis zu Haydns Sinfonien und von Mozarts Requiem bis hin zu Arien von Händel oder Mendelssohn Bartholdy. Matthäus-Passion, Weihnachts- oratorium, h-Moll-Messe, Magnificat und etliche Kantaten Bachs sind ebenso zu hören wie die Cembalo-Konzerte, die Goldberg-Variationen, die Partiten BWV 825-830, das Musikalische Opfer und einige Orgelwerke Bachs. Mit Aurèle Nicolet spielte Richter Mozarts Flötenkonzerte ein, und Flötensonaten von Johann Sebastian Bach wie von seinem Sohn Carl Philipp Emanuel Bach. Auch Händels Orgelkonzerte sind enthalten, und die Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz. 
Richters Musikauffassung stammt aus dem Zeitalter vor der historischen Aufführungspraxis. Mit Engagement, Neugier und Tiefgang hat er Werke überwiegend aus dem Bereich der „Alten“ Musik erkundet, und mit Sach- verstand und Begeisterung Musiker wie Publikum inspiriert. Natürlich mag aus heutiger Sicht manches überholt sein, aber an Ausdruck und Eindrück- lichkeit ist Richter kaum zu übertreffen. Diese alten Aufnahmen haben eine Aura, der man sich nicht entziehen kann – und die man bei sehr vielen neuen Einspielungen leider vermisst.

Sonntag, 7. August 2016

Zaderatsky: 24 Preludes & Fugues (Hänssler Profil)

Dass wir heute diese Doppel-CD mit Musik von Wselowod Petrowitsch Saderatski (1891 bis 1953) anhören können, ist eine Sensation. Zum einen ist es ein Wunder, dass der Komponist die Stalinzeit überlebt hat. Denn Saderatski stammte aus einer russischen Adelsfamilie. Er ging in Kursk zur Schule, und studierte dann am Moskauer Konservatorium. Im ersten Weltkrieg und wohl auch noch im russischen Bürgerkrieg kämpfte er unter dem Befehl von Anton Iwanowitsch Denikin. Allein die Zugehörigkeit zu den „Weißgardisten“ war seinerzeit Grund genug für ein Todesurteil. 
Doch Saderatski war obendrein bis zu seiner Einberufung der Klavierlehrer des Zarensohns und Thronfolgers Alexej Romanow gewesen – was ihm ebenfalls garantiert bei den Bolschewiki keine Sympathiepunkte brachte. Erstaunlicherweise durfte er nach dem Sieg der Roten Armee dennoch sein Studium fortsetzen, und schloss es 1923 ab. 
Saderatski wurde mehrfach verhaftet, so auch 1937, wo er wegen „Verbrei- tung faschistischer Musik“ – er hatte mit einem Schulorchester Werke von Richard Wagner und Richard Strauss einstudiert – zu zehn Jahren „Haft ohne Recht auf Briefwechsel“ im Nordosten Sibiriens verurteilt wurde. Diese Lager waren üblicherweise ein Ort ohne Wiederkehr; die Lebens- bedingungen dort waren besonders hart, und die Arbeit schwer. 
Saderatski war, so berichtet sein Sohn, ein „Geschichtenerzähler“; die Mithäftlinge und wohl auch die Wachen schätzten ihn, und so durfte er manchmal in der Baracke bleiben, während die anderen seine Arbeit mit übernahmen. Das Arbeitslager überlebte er letztendlich auch, weil seine Frau sich vehement für ihn einsetzte; so wurde er bereits nach zwei Jahren „wegen der Schließung des Falles“ entlassen. 
Für den Rest seiner Jahre aber wurde Saderatski in die Provinz verbannt. Und auch wenn er ab 1949 am Konservatorium in Lemberg unterrichten konnte, durfte seine Musik weder publiziert noch aufgeführt werden. Mehrfach wurden Werke sogar vernichtet. Dennoch komponierte Saderatski – sogar im Arbeitslager, wo es ihm gelungen ist, Papier und einen Bleistift zu organisieren. Die 24 Präludien und Fugen notierte er auf der Rückseite von Telegramm-Formularen; und weil er keinen Radier- gummi hatte, musste Saderatski darauf achten, bei der Niederschrift ja keine Fehler zu machen. 
Man glaubt es kaum, aber erst im Jahre 2015 erfolgte die Uraufführung dieser Musik durch den Pianisten Jascha Nemtsov bei den 6. Internatio- nalen Schostakowitsch Tagen im Kurort Gohrisch, in der Sächsischen Schweiz. Das ist ein guter Ort für ein solches Projekt, denn das Festival widmet sich dem Themenkreis Musik und Diktatur. Eine Einspielung ist nun zudem auf zwei CD bei Hänssler Profil verfügbar. 
Und sie ist faszinierend: Die 24 Präludien und Fugen von Saderatski ähneln in ihrer Konzeption und in ihrer Konsequenz den Vorbildern von Bach und Schostakowitsch. Wie diese beeindrucken sie durch ein breites Ausdrucksspektrum, das hier von barock-verspielt bis zu dramatisch-düster reicht. Saderatski arbeitet sowohl mit „klassischen“ Formen als auch mit „modernen“ Klangfarben. Oft nutzt er zudem ein Leitmotiv, das jeweils sowohl das Präludium als auch die Fuge prägt. 
Die Musik ist ebenso ausdrucksstark wie einzigartig; man kann Jascha Nemtsov für diese Entdeckung daher nicht genug danken. Und man wünscht sich, den Zyklus zumindest in Teilen zukünftig auch im Konzertsaal hören zu können – Saderatskis Werk ist jede Mühe wert. 

Dienstag, 10. November 2015

Schubert: Winterreise; Schreier (Hänssler Profil)

Dies ist ein einzigartiges Tondoku- ment: Peter Schreier, berühmt besonders für seine überragende Gestaltung der Partie des Evange- listen in den beiden Passionen und dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, beendete im Jahre 2005 seine Sängerlaufbahn mit einer allerletzten CD-Einspielung. Dafür wählte der Tenor Franz Schuberts Winterreise – in einer selten zu hörenden Version für Singstimme und Streichquartett statt Klavier. Diese Bearbeitung des Kasseler Komponisten Jens Josef ist oftmals noch grusliger und endgültiger als das Original; das Dresdner Streichquartett bringt ganz erstaunlich fahle Klangfarben ins Spiel. 
Peter Schreier hat den Liederzyklus erst spät in sein Repertoire aufgenom- men. Zum ersten Male gesungen hat er die Winterreise 1985 anlässlich der Wiedereröffnung der Semperoper in Dresden; am Klavier war sein Partner dabei Swjatoslaw Richter. In den Folgejahren hat der Sänger Schuberts Werk vorzugsweise gemeinsam mit András Schiff interpretiert, der ihm ein kongenialer Begleiter war. Auch davon existiert eine Aufnahme. 
Zum Ende einer Weltkarriere die Winterreise einzuspielen, dazu gehört Mut – zum einen, weil der Liederzyklus enorm anspruchsvoll ist. Zum anderen kreisen die einzelnen Lieder fortwährend um Abschied und Tod. Wenn man mit 70 Jahren, noch auf der Höhe des sängerischen Vermögens, Abschied von der Sängerlaufbahn nimmt, dann ist dies ganz bestimmt keine erbauliche Perspektive. 
Schreier hat diese Herausforderung professionell gemeistert. Und was das Alter seiner Stimme genommen hat, wie jugendliche Elastizität, das macht der Sänger bei dieser Einspielung durch seine langjährige Erfahrung mehr als wett. Es mag Aufnahmen geben, die stürmischer sind und wilder – aber diese hier überzeugt durch sängerische Weisheit und Ausdruck. 

Samstag, 28. März 2015

Mozart: Requiem (Hänssler Profil)

Karl Richter (1926 bis 1981), der Sohn eines Pfarrers, begann seine musikalische Ausbildung als Kruzianer in Dresden. Nach dem Krieg studierte er in Leipzig bei Karl Straube und Günther Ramin. Schon früh galt er als überragender Bach-Interpret; 1949 wurde er Organist an der Leipziger Thomaskirche, 1951 ging er als Kantor nach München an die Markuskirche. Im gleichen Jahr übernahm er die Leitung des Hein- rich-Schütz-Kreises, 1954 umbenannt in Münchener Bach-Chor; 1953 gründete Richter dazu das Münchener Bach-Orchester. Mit den beiden Ensembles hat Karl Richter legendäre Konzerte, insbesondere auch mit Werken von Johann Sebastian Bach, gegeben. Dabei zeigte er sich von Musizier-Moden ziemlich unbeeindruckt – Richter orientierte sich strikt am Notentext, und das macht auch die Aufnahmen bis heute interessant, die unter seiner Leitung entstanden sind. In der Edition Günter Hänssler ist jüngst eine hörenswerte Einspielung aus dem Jahre 1961 erschienen – ausnahmsweise dirigierte Richter einmal nicht Bach, sonndern Mozarts berühmtes Requiem

Montag, 16. Juni 2014

Brahms: Ein deutsches Requiem (Hänssler Profil)

Ein deutsches Requiem von Johannes Brahms gehört zu jenen Werken, die wieder und wieder eingespielt werden. Diese Auf- nahme mit dem Schleswig-Holstein Festival Chor Lübeck und dem Kammerorchester Basel unter Rolf Beck erträgt man aufgrund der herausragenden Solisten. Christia- ne Karg ist ein Ereignis, und Thomas E. Bauer singt ebenfalls sehr hörenswert. Das Beiheft ist sorgsam erstellt und enthält einen lesenwerten Aufsatz von Dr. Gerald Felber über Brahms' Musik. Ansonsten ist über diese CD leider nicht viel Positives zu berichten – Lautstärke ersetzt halt nicht innere Spannung, und auch dieser Chor hat Probleme mit der Höhe. Schade. 

Samstag, 20. Juli 2013

Wagner again? Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen (Hänssler Profil)

Vier Jahre lang mussten Dresdner Opernliebhaber nach 1945 warten, bis sie erstmals wieder eine Oper Richard Wagners anhören konnten. Immer wieder versuchten Dresdner Kapellmeister, die Musik des Kom- ponisten zumindest im Konzert zu spielen. So gelang es Generalmusik- direktor Joseph Keilberth, im Novem- ber 1946 das Vorspiel zu Parsifal aufzuführen. 
Danach aber verschwanden Wagners Werke wieder für zwei Jahre aus allen Programmen. 1948 erklang dann in einem Festkonzert zum 400jährigen Bestehen der Staatskapelle Dresden das Vorspiel zu den Meistersingern. Die Oper komplett zur Eröffnung des Großen Hauses aufzuführen, das wiederum wurde Keilberth nicht gestattet. 
Wagners Musik war in der DDR, zumal in den Besatzungsjahren, ein Politikum. Denn seine Werke waren durch die Wagner-Verehrung im Dritten Reich sozusagen kontaminiert; wurden die Aufführungen zunächst von der sowjetischen Militäradministration verboten, so waren es später die SED und ihre Handlanger, die Wagner aufgrund politischer Vorbehalte von der Bühne verbannten.
Erst 1949 durfte wieder eine Oper Wagners in Dresden aufgeführt werden – Tannhäuser; zu hören waren unter anderem Christel Goltz und Bernd Aldenhoff. In den nächsten Jahren folgten Die Meistersinger von Nürn- berg, Der fliegende Holländer, Lohengrin, Die Walküre, Tristan und Isolde und Rheingold.
Einige dieser Aufführungen wurden durch den Rundfunk mitgeschnitten; auch gab es aus den frühen Jahren einige Rundfunkproduktionen von Wagner-Opern. Hänssler Profil hat auf drei CD für die Semperoper Edition eine Auswahl dieser ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen zusammen- gestellt. Hier sind in akzeptabler Qualität viele namhafte Dresdner Sänger jener Zeit zu hören, und Dirigenten wie Keilberth, Rudolf Kempe oder Kurt Striegler.


Montag, 15. April 2013

von Suppé: Requiem (Hänssler Profil)

Ein Requiem von Franz von Suppé? Es ist kaum zu glauben - aber dieser Komponist, den wir heute vor allem als Souverän im Reich der leichten Muse kennen, begann seine Laufbahn in der Kirchen- musik. Francesco Ezechiele Erme- negildo Cavaliere Suppè-Demelli (1819 bis 1895) entstammte einer Beamtenfamilie. Er sag schon als Kind im Chor der Kathedrale seiner Heimatstadt Split. Sein Vater hätte es gern gesehen, dass sich der Filius für einen handfesten Beruf entscheidet. Die Mutter aber erkannte seine Begabung, und sorgte dafür, dass Franz auch eine musikalische Ausbildung absolvieren durfte.
Der Vater bestand dennoch auf einem "richtigen" Studium - was dazu führte, dass der Sohn nach Padua ging, um Jura zu studieren, aber dort wohl mehr Zeit in der Oper verbrachte als an der Hochschule. Nach dem Tod des Vaters war schließlich der Weg zum Musikerberuf frei. Zwar ging Franz von Suppé zunächst nach Wien, um Medizin zu studieren. Doch lange blieb er nicht dabei, er wechselte bald ans Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. Als - unbezahlter - dritter Kapellmeister am Theater in der Josefstadt konnte er dann erste Bühnenerfahrungen sammeln. Das kam ihm ab 1845 in seiner Tätigkeit am Theater an der Wien sowie am Carltheater zustatten - und der Komponist widmete sich fürderhin den Opern und Operetten sowie dem ganzen bunten Spektrum dessen, was man heute gern als Unterhaltungsmusik geringschätzt.
Das 1855 komponierte Requiem aber zeigt, dass Franz von Suppé musikalisch keineswegs ein Leichtgewicht war. Es erinnert deutlich an das Mozart-Requiem, aber wer genau hinhört, der wird feststellen, dass es sich keineswegs um eine Imitation handelt. Von Suppé ent- wickelt das Vorbild weiter - harmonisch, dynamisch, in den Klang- farben, und letzten Endes auch in seiner sehr individuellen Ausdeu- tung des Textes. Denn der Gott, mit dem der Komponist in seiner Musik Zwiesprache hält, wird nicht als Rex tremendae majestatis vorgestellt, sondern als gnädiger Gott, der das Salva me erhört. Im Kontrast zu den Ängsten und der Düsternis des irdischen Daseins zeichnet von Suppé eine himmlische Welt voll Klarheit und Harmo- nie. 
Wuchtig und mit einer gehörigen Portion Italianitá hat die Philhar- monie Festiva unter der Leitung von Gerd Schaller dieses Requiem im Juli 2012 live im Kloster Ebrach vorgestellt. Es singen Marie Fajtová, Franziska Gottwald, Tomislav Muzek, Albert Pesendorfer und der Philharmonische Chor München. Die Solisten sind wirklich brillant, und dem Chor trägt man einige kleine Schwächen angesichts der Live-Situation nicht nach. Eine stimmungsvolle Aufnahme, die hier mit Nachdruck empfohlen wird. 

Samstag, 9. März 2013

Wilhelm Backhaus - The Virtuoso (Profil)

Als der junge Wilhelm Backhaus 1905 gemeinsam mit Richard Strauss in Berlin dessen Burleske vorgetragen hatte, schwärmte der Komponist, dieser Pianist sei "ein Künster von glänzenden Fähig- keiten, eminent musikalisch, un- fehlbare Technik." 
Als Backhaus 1969 starb, rühmte ihn die Times in ihrem Nachruf als den „größten überlebenden Ver- treter der klassischen deutschen Musiktradition, wie sie im Konservatorium seiner Geburts- stadt Leipzig gepflegt wurde.“ Glücklicherweise können wir nahezu vom Beginn seiner Karriere an heute noch nachvollziehen, wie Backhaus musiziert hat, denn der Klaviervirtuose spielte bereits 1907 seine erste Platte ein. Als er 1909 auf einer Acht-Minuten-Platte Aus- schnitte des Grieg-Konzertes vorstellte, war dies die erste Schall- platteneinspielung eines Konzertes überhaupt. 
Diese beiden frühen Aufnahmen sind auf der vorliegenden CD nicht zu bewundern, aber dafür eine Auswahl nicht minder spektakulärer Ein- spielungen. So zeigt Mozarts Krönungskonzert KV 537, aufgenommen 1940 in Berlin, gleich zu Anfang, wie schnell auch in der Musik die Moden wechseln. Backhaus hat dafür Kadenzen entwickelt, die Puristen heute Schweißperlen auf die Stirn treiben dürften. Sogar ein paar Takte Beethoven vermeint man da herauszuhören - und der Pianist hat in seine Stimme ohnehin zusätzliche Noten eingefügt. Zu dieser Interpretation passt das aber. Und Mozart selbst wäre wohl vor Lachen vom Klavierhocker gefallen, wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, ihm zu erklären, was eine Urtextausgabe ist. 
Selbstzweck freilich war das Virtuosentum für Wilhelm Backhaus nicht: „Mein Ziel ist nicht, das Publikum zu überreden, dass ich gut spiele, sondern ihm die Schönheit des Werkes, das ich interpretiere, nahezubringen.“ Bis ins Detail nachspüren kann man seiner künst- lerischen Handschrift in den Klavierrollenaufnahmen auf der ersten CD. Da wäre zum einen die Tatsache, dass das Rollenklavier präzise nachvollzieht, was ihm die Rolle vorgibt. Zum anderen aber hat Backhaus etliche Werke für diese Aufnahmen bearbeitet. 
Die zweite CD bringt dann akustische und elektrische Aufnahmen aus den Jahren 1908 bis 1928 - darunter Werke von Franz Liszt, Frédéric Chopin, Franz Schubert und erneut der Naila-Walzer von Léo Délibes; er scheint zu Backhaus frühen Paradestücken zu gehören. Die Paganini-Variationen von Johannes Brahms op. 35 sind ebenfalls sowohl in der Rollen-Aufzeichnung als auch in einer Aufnahme für His Masters Voice zu hören. Das ist alles sehr beeindruckend - zumal, wenn man bedenkt, dass eine Schellackplatte nur für etwa viereinhalb Minuten Musik pro Seite ausreicht. 

Sonntag, 1. April 2012

Bach: Matthäus-Passion BWV 244 (Profil)

Diese Aufnahme ist eine Legende. Karl Richter (1926 bis 1981) war der Sohn eines evangelischen Pfarrers aus Plauen. Er sang bei den Kruzianern, und studierte nach dem Krieg am Leipziger Kon- servatorium und am Institut für Kirchenmusik bei Karl Straube und Günther Ramin. Schon dort galt er als erstklassiger Bach-Interpret. 1949 wurde er Thomasorganist; 1951 ging er als Kantor an die Münchner Markuskirche. Mit dem Münchner Bach-Chor und dem Münchner Bach-Orchester prägte er die Bach-Rezeption in der Zeit vor der "historischen" Aufführungspraxis. 
Natürlich würde man heute vieles anders machen. Und die Chöre, insbesondere der große Eingangschor Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen, stellen die Leidensfähigkeit des Zuhörers schon auf eine harte Probe. Doch wenn man sie ertragen hat, wird dies belohnt. Denn Richter hat, ausgehend von der spätromantischen Tradition, einige spannende Ideen, wie er Bachs Klangrede ausdeutet. Besonders auf- fällig wird dies, wenn die Jünger die Frau schelten, die das Glas mit köstlichem Wasser über Jesus ausgegossen hat. Hier zeigt er die Jünger als eine Gruppe übereifriger Spießer, ganz und gar unsympa- thisch - und das Orchester zetert herzhaft mit, ganz besonders die Flöten. Ihnen weist Richter immer wieder die Funktion des musikali- schen Kommentators zu; so klar und deutlich sind die Flöten in keiner anderen Einspielung von Bachs Matthäus-Passion zu hören. 
Richter konnte bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1959 nicht nur auf den Münchner Bach-Chor, die Münchner Chorknaben und das Münchner Bach-Orchester mit seinen hervorragenden Instrumenta- listen bauen; ihm stand auch ein exzellentes Solistenensemble zur Verfügung. Irmgard Seefried, Sopran, Hertha Töpper, Alt, Ernst Haeflinger als Evangelist und Arientenor in Personalunion, Kieth Engen, Bass/Jesus und der junge Dietrich  Fischer-Dieskau, Bass/Arien - diese Sänger beeindrucken noch heute durch ihre enorme künstlerische Strahlkraft und ihr Gespür für musikalische Zusammenhänge, unbeeindruckt von jeder Mode. 

Sonntag, 29. Januar 2012

Liebesfreud & Liebesleid - Encores für the cello (Profil)

"Diese CD entstand, um endlich meine beliebtesten Zugabenstücke aufzunehmen", berichtet Michael Hell, Konzertmeister der Violon- celli bei den Münchner Philharmo- nikern, aber auch ein engagierter Solist, Kammermusiker und Musik- pädagoge. "Oft haben mich Freun- de und Bekannte darum gebeten - diesen Wunsch komme ich nun mit großem Vergnügen nach." Am Klavier begleitet den Cellisten Micaela Gelius. 
Wer also eine Aufnahme von Sara- sates Zigeunerweisen, Kreislers Liebesfreud und Liebesleid oder der Meditation aus Thais von Massenet und vielen anderen Schmankerln aus dem Repertoire auf CD sucht - hier ist sie, und sie ist wirklich anhörenswert. Meine Empfehlung! 

Montag, 9. Mai 2011

Flute Concertos (Profil)

Flötenmusik zwischen Antonio Vivaldi und Louis Spohr. Man lauscht erstaunt - aber ein Blick in das beiliegende Faltblatt, Beiheft kann man das nicht nennen, be- stätigt den Verdacht: Es gibt Flö- tensalat, bestehend aus Einzel- sätzen, Auswahlkriterien nicht nachvollziehbar; Solisten und Begleitorchester sind zwar durch- weg gut bis sehr gut, aber die Auswahl ist auch hier nicht nach- zuvollziehen. Da sind wir von der Edition Günter Hänssler aber eigentlich besseres gewohnt! Flötenkonzerte wünscht man sich mit mehr Würze und auch ein bisschen Hingabe angerichtet, diese beiden Silberscheiben mit ihrem klingenden Chaos jedenfalls machen keinen Appetit auf den nächsten Gang. Zurück in die Küche! 

Montag, 25. April 2011

Telemann: Cantatas & Odes; Jacobs (Profil)

Wie sehr zeitgebunden so manche Einspielung ist, zeigt diese Auf- nahme mit René Jacobs und der Akademie für Alte Musik Berlin aus dem Jahre 1989. Der berühmte Countertenor - auf dieser CD wird er "Altus" genannt - hatte damals seine Hoch-Zeit als Sänger hörbar schon hinter sich, und startete gerade in seine zweite Karriere als Dirigent. 
Hört man diese Aufnahmen mit Kantaten und Arien Telemanns heute wieder, so staunt man, wie affektiert und unbefriedigend die Interpretationen erscheinen, wenn man sie mit jenen vergleicht, die Jacobs' Nachfolger eingespielt haben. Damals waren sie - wer kümmerte sich in den 80er Jahren schon um Telemann! - revolutionär, obzwar gesangstechnisch bereits nicht mehr überzeugend. Heute sind sie bereits Musikgeschichte.