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Freitag, 6. Dezember 2019

Bach: Weihnachtsoratorium (Accentus)

Jauchzet, frohlocket! Johann Sebastian Bachs Weihnachts- oratorium, erstmals aufgeführt zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 in den beiden Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai, gehört mittlerweile zu den Fundamenten der Identität und des musikalischen Erbes der Stadt Leipzig. Ohne Bachs musikalisches Meisterwerk ist ein Weihnachtfest an der Pleiße kaum vorstellbar. 
Allerdings haben musikalische Traditionen so ihre Tücken, wie man feststellen wird, wenn man die Aufnahmen anhört, die die Thomaner in der Vergangenheit vorgelegt haben. Umso erfreulicher ist es, nun zu erleben, dass Thomaskantor Gotthold Schwarz die Erbe-Pflege offenbar nicht eine lästige Verpflichtung, sondern eine Herzensangelegenheit ist. Bachs 17. Amtsnachfolger hat sehr genau in die Partitur geschaut, und lässt ebenso präzise musizieren. 
Diese Einspielung aus dem Jahre 2018 mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester Leipzig berückt nicht nur mit festlichem Glanz, sondern auch mit unendlich vielen kleinen Details, die zeigen, wie sorgfältig Schwarz arbeitet. Die Thomaner singen hinreißend, und auch das Solistenensemble beeindruckt. Unbedingte Empfehlung! 

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Bach: Weihnachtsoratorium (Naxos)

Jauchzet, frohlocket! Ralf Otto beweist mit dieser Einspielung, dass auch bei Johann Sebastian Bachs vielgespieltem Weihnachtsoratorium durchaus noch Entdeckungen möglich sind. Das gilt insbesondere für den Instrumentalpart, der vom Bachorchester Mainz großartig vorgetragen wird. Die Musik wird nicht nur faszinierend gestisch und lebendig interpretiert, sondern vor allem auch derart sauber strukturiert, dass beim Zuhören immer wieder Be- geisterung ausbricht: So viele Details waren wohl noch nie zu hören. 
Der Bachchor Mainz singt ebenfalls hervorragend. Die Chöre erklingen flott, aber immer exakt und nie verwischt, und die Choräle werden eindringlich-andächtig gesungen. Das Solistenquartett ist mit Julia Kleiter, Katharina Magiera, Georg Poplutz und Thomas E. Bauer opulent besetzt, wobei mir Poplutz als Evangelist besser gefällt als in den Arien. Aber Ralf Otto gelingt doch tatsächlich das Kunststück, das Duett Herr, dein Mitleid von einer nervigen Pflichtübung (Kirchen können ziemlich kalt sein!) zu dem zentralen Stück den Oratoriums zu machen. Exzellent! 

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Weihnachtsoratorium - Ensemble Resonanz (Resonanzraum Records)

Weihnachtsoratorium einmal anders: Das Ensemble Resonanz präsentiert Bachs Kantaten als urbane Kammermusik; „Jauchzet, frohlocket“ – auf das Wesentliche reduziert. Und das heißt in diesen Falle ein Sängerquartett und eine Mini-Besetzung. Eine Trompete muss ausreichen, wo Bach einst derer drei in die Partitur schrieb; auf die Pauken sowie auf Flöten und Oboen wird sogar gänzlich verzichtet. Vier Geigen, drei Bratschen, ein Violoncello und ein Kontrabass musizieren, und dazu gesellen sich Michael Petermann mit Hammond-Orgel und vier weiteren Vintage-Tasteninstrumenten sowie Johannes Öllinger, E-Gitarre. Das ist alles – und das ist erstaunlich viel, wie der Hörer bald feststellen wird. 
Schon seit 2014 verzückt das Ensemble Resonanz alljährlich sein Publi- kum mit dieser modernen Version gehobener Hausmusik. Die Musiker um Konzertmeisterin Juditha Haeberlin, die in Hamburg mit dem Resonanz- raum St. Pauli im Bunker an der Feldstraße einen eigenen Kammermusik- saal bespielen, und außerdem ein Hausensemble der Elbphilharmonie sind, haben „ihr“ Weihnachtsoratorium seitdem beständig weiterent- wickelt. Es ist ein Herzensprojekt. Und deshalb haben sie Bachs Chöre, Arien, Rezitative und Choräle in ihrer eigenen und besonderen Bearbei- tung nun auch auf CD veröffentlicht. 
Da gibt es viel zu entdecken – auch für die Beteiligten übrigens: „Abgese- hen von einer Schallplatte meiner Eltern hatte ich bis zu diesem Projekt eigentlich keinen Kontakt mit dem Weihnachtsoratorium. Mittlerweile geht es mir aber ähnlich wie den Kollegen, die das Stück bereits oft gespielt hatten und damit groß geworden sind: Weihnachten ohne WO ist nur die halbe Wahrheit“, so beschreibt der Gitarrist Johannes Öllinger diese Erfahrung. „Außerdem macht es Spaß, mit meinen Gitarren in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen, von der Pauke über Basso Continuo bis zur Oboe, und auch hier und da ein paar stilfremde Akzente zu setzen.“ Auch die Tasteninstrumente wagen mitunter einen kecken klanglichen Ausflug in die Moderne. 
Was da zu hören ist, das wirkt schlank, frisch und sehr engagiert. Der Eingangschor beispielsweise, gesungen nur von vier Solisten, erweist sich als ausgesprochen reizvoll – weil man endlich einmal die Koloraturen und Verzierungen so richtig schön genießen kann. Und die Choräle werden von Johanna Winkel, Sopran, Truike van der Poel, Alt, Benjamin Glaubitz, Tenor, und Dominik Köninger, Bass, gemeinsam mit dem gesamten Ensemble wunderbar gesungen. Benjamin Glaubitz erweist sich zudem als ein formidabler Evangelist. 
Die Interpretation zeigt uns Bachs Weihnachtsoratorium nicht als musika- lischen Festakt, sondern als persönliche Meditation; christliche Botschaft statt Gans und Lametta. Das hätte wohl selbst Johann Sebastian Bach so gelten lassen. 

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Graun: Uns ist ein Kind geboren (Oehms Classics)

Im Jahre 1724 wurde Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) als Tenor an den Braunschweiger Hof verpflichtet. Doch bald stellte sich heraus, dass der junge Hofsänger, der seine musikalische Ausbildung an der Dresdner Kreuzschule erhalten hatte, weit mehr konnte – und so wurde er neben Hofkapellmeister Georg Caspar Schürmann zunächst zum Opernkomponisten, und dann auch zum Vizekapellmeister. 
Für die Hochzeit des preußischen Kronprinzen komponierte er 1733 eine Oper, die diesem so gut gefiel, dass er den Musiker an seinen Hof nach Rheinsberg holte. Als Friedrich II. 1740 den Thron bestieg, ernannte er Carl Heinrich Graun zu seinem Hofkapell- meister. 
Von den zahlreichen geistlichen Werken des Komponisten sind nur sehr wenige überliefert. Desto erfreuter war die Musikwelt, als in den 1990 in Washington D.C., in der Library of Congress, die Abschrift eines Weihnachtsoratoriums von Graun gefunden wurde. Wer sie angefertigt hat, wann das Stück entstanden ist und wer den Text geschaffen hat – all diese Fragen konnte die Musikwissenschaft bislang noch nicht klären. 
Mittlerweile haben einige Ensembles Grauns Weihnachtsoratorium wiederentdeckt – so auch die Arcis-Vocalisten, gegründet im Jahre 2005 von Thomas Gropper, der das Ensemble noch immer leitet. Der Münchner Projektchor hat das Werk nun gemeinsam mit dem Barockorchester L'arpa festante in einer Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk bei Oehms Classics veröffentlicht. Aus der gut besetzten Solistenriege sticht insbeson- dere Monika Mauch heraus, die ihren Part mit beeindruckender Eleganz singt. Zu hören sind zudem Marion Eckstein, Mezzosopran, Georg Poplutz, Tenor, und Raimund Nolte, Bassbariton.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Bach: Christmas Oratorio (Linn)

Der Eingangschor des Weihnachts- oratoriums von Johann Sebastian Bach, mit Pauken und Trompeten, wird typischerweise von einem großen Chor gesungen. Kantoreien landauf, landab üben lange daran, vor allem auch an den Koloraturen. „Jauchzet, frohlocket?“ – naja, letztendlich ist der Zuhörer oftmals froh, wenn die Massen ohne größere Verluste an musikalischer Substanz über die gesangstechnischen Klippen gelangt sind, die Bach da aufgetürmt hat. 
John Butt hat Bachs originale Noten sorgsam studiert, und dann beschlossen, das Weihnachtsoratorium mit seinem Dunedin Consort gänzlich anders aufzuführen: Auf dieser CD wird alles von Solisten gesungen. „First, I have assumed a corpus of eight ,expert' singers who shared out the unusually protracted task of singing six cantatas over the short period between Christmas and Epiphany“, erläutert Butt im Beiheft. „Therefore, ohne group of four sings three oft the parts (Parts 1, 3 and 6) and the other group remainder (Parts 2, 4 and 5). For the three parts with trumpets (Parts 1, 3 and 6) I have added ripie- nists to the choruses and chorales (sometimes differentiating between tutti and solo when the texture seems to call for it, just as Bach seems to have done when he provided ripieno parts).
Ebenso differenziert gestaltet Butt auch die Tempi; so geht er in den Ein- gangschor längst nicht so rasant wie viele seiner Kollegen – was aber den Sängern erlaubt, Bachs Verzierungen wirklich auszusingen. Das Solisten- quartett ist in den Chören, auch in denen ohne Ripienisten, sehr präsent und gut über das Orchester hinweg zu hören, das von John Butt vom Cembalo aus geleitet wird. Die schlanke Besetzung hat hier große Vorzüge – so transparent jedenfalls habe ich die Chöre noch nie gehört. Die Auf- nahme zeichnet sich generell aus durch ein heiter-beschwingtes Musizie- ren, das aber nie plump und oberflächlich wird. Sehr gut ausbalanciert, wohldurchdacht, und insgesamt sehr hörenswert! 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Wunderlich - Das Weihnachts-Album (Deutsche Grammophon)

An einen großartigen Sänger, der leider viel zu früh von der Bühne abtreten musste, erinnert die Deutsche Grammophon mit einem Weihnachtsalbum. Dazu hat das Label gleich zwei bedeutende Weihnachtsmusik-Einspielungen der 60er Jahre miteinander verbunden: Die Weihnachtslieder hat Fritz Wunderlich im Sommer 1966, kurz vor seinem überraschenden Tod, gemeinsam mit dem Bariton Hermann Prey für das Label Polydor eingesungen. Dabei begleitete ihn sein Lehrer Fritz Neumeyer mit einem kleinen Ensemble. Und das Weihnachtsoratorium mit Karl Richter, dem Münchner Bach-Chor und dem Münchner Bach-Orchester gehört zu jenen raren Einspielungen, die durch ihre unglaubliche Vitalität und musika- lische Brillanz für alle Zeit unter meinen ganz persönlichen Referenz- aufnahmen sein werden. 
Die Deutsche Grammophon hat nun die weihnachtlichen Melodien der Neumeyer-Produktion sowie Arien und Rezitative Wunderlichs aus dem Weihnachtsoratorium auf einem Album zusammengefasst. Und Barbara Wunderlich, die jüngste Tochter des Sängers, berichtet im Beiheft über die Bedeutung, die die weihnachtlichen Klänge einst im Hause Wunderlich hatten, und über ihre Entstehung. Im Grunde ist das auch das einzige Neue. Aber Wunderlichs herrlichen Tenor hört man doch immer wieder gern. 

Freitag, 14. Dezember 2012

Bach: Weihnachtsoratorium - Live aus der Dresdner Frauenkirche (Berlin Classics)

Wenn Frauenkirchenkantor Matthias Grünert alljährlich Bachs Weihnachtsoratorium aufführt, dann sind in dem Gotteshaus keine von weither angereisten Weltstars zu hören, sondern Sänger und Musiker aus der Region. Trotzdem quetscht sich das Publikum gern ins Kirchengestühl, um an einem von zwei Abenden alle sechs Kan- taten hintereinander anzuhören. So hatte Grünert das Weihnachts- oratorium bereits in seiner frühe- ren Gemeinde aufgeführt - allerdings gab es in dem Städtchen Greiz nach der dritten Kantate eine Stunde Pause, inklusive Glühwein und Thüringer Rostbratwürste draußen vor der Kirche. Und die Musiker starteten um 17 Uhr. In Dresden ist dies nicht möglich, weil das Zeitregime der Frauenkirche dafür keinen Freiraum lässt. 
Dennoch ist Grünert zumindest teilweise dabei geblieben. "Böse Zungen sprechen von Tortur", meint der Kantor, "das kann ich gar nicht verstehen. Gut, die Kirchenbänke sind schon unbequem. Aber es ist doch so kurzweilige Musik, wenn man sich darauf einlässt. Die Musik entschädigt doch für alles." Berlin Classics hat die kompakte Aufführung, die mittlerweile in Dresden schon eine Tradition gewor- den ist, im vergangenen Jahr mitgeschnitten. Das Label legt die Doppel-CD nun allen Klassikfreunden auf den Gabentisch. 
Wenn man die Aufnahmen anhört, ahnt man, dass es sich dabei um ein schwieriges Unterfangen gehandelt haben muss. Denn die Frauenkirche ist kein Konzertsaal, sondern ein akustisch schwieriger Rundbau mit einer gigantischen Kuppel - was dazu führt, dass die Musiker, insbesondere auch die Bläser, auf der CD klanglich sehr präsent sind, während die Sänger mitunter zu kämpfen haben. 
Musiziert wird auf modernen Instrumenten, aber historisch infor- miert und mit straffen Tempi. Die Musiker sind vorzüglich; man merkt, dass sie normalerweise an den Pulten der Sächsischen Staats- kapelle und der Dresdner Philharmonie sitzen. Hier spielen sie als Ensemble Frauenkirche. Zu hören sind zudem der (ziemlich kopf- starke) Kammerchor der Frauenkirche sowie die Solisten Jana Büchner, Britta Schwarz, Markus Brutscher und Gotthold Schwarz. 

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Bach: Weihnachtsoratorium; Fläming (Berlin Classics)

Eine schöne Aufnahme von Bachs Weihnachtsoratorium aus den Jahren 1974/75. Angesichts der Besetzung ist man fast geneigt, sie historisch zu nennen: Es singen Arleen Augér, Sopran, Annelies Burmeister, Alt, Peter Schreier, Tenor und Theo Adam, Bass sowie der Dresdner Kreuzchor unter Martin Flämig. Und auch die Liste der Instrumentalisten enthält viele bekannte Namen, wie Karl Suske, 1. Solo-Violine, Eckart Haupt, 1. Solo-Flöte, Ludwig Güttler, Trompete oder Herbert Collum, Orgel; zudem musiziert die Dresdner Philhar- monie. 
Natürlich würde man heute sicherlich einiges anders machen, aber die vielen exzellenten Musiker sorgen für eine Qualität, die diese Ein- spielung über manches stellt, was später und vermeintlich "historisch korrekt" aufgeführt worden ist. So bleiben diese drei CD nicht nur als Referenz hörenswert - und es ist schön, dass die Aufnahme bei Berlin Classics noch immer verfügbar ist. 

Montag, 19. Dezember 2011

Wetz: Ein Weihnachtsoratorium (cpo)

"Meiner Musik geht es merkwür- dig", soll Richard Wetz (1875 bis 1935) gesagt haben: "wo sie er- klingt, ergreift sie aufs tiefste; aber es wird ihr selten Gelegenheit dazu gegeben." Geboren in Oberschle- sien, ging der junge Wetz nach dem Abitur zum Studium zunächst nach Leipzig und dann nach München, wo er sich bei Ludwig Thuille vor allem mit Kontrapunkt und Fuge auseinandersetzte. 
Um den Broterwerb musste er sich offenbar nicht sorgen: Er arbeitete kurz als Theaterkapellmeister, und ging dann zurück nach Leipzig, wo er Partituren studierte. 1906 wurde Wetz Leiter des Musikvereins in Erfurt. Dort gefiel es ihm, und er blieb in der thüringischen Provinz bis an sein Lebensende. Wetz leitete Chöre, und er unterrichtete am Landeskonservatorium in Erfurt sowie an der Großherzoglichen Mu- sikschule zu Weimar, dem Vorläufer der heutigen Musikhochschule. Er gilt als einer der wichtigsten Liedkomponisten seiner Generation, schuf aber auch zahlreiche Chorwerke, drei Sinfonien, ein Violinkon- zert, Orgel- und Kammermusik. 
Die vorliegende CD enthält sein Weihnachtsoratorium, das, neben Wetz' Requiem, als sein wichtigstes und reifstes Werk gilt. Es wurde 1929 in Erfurt erstmals aufgeführt - und wird auch hier vom Dom- bergchor Erfurt und vom Philharmonischen Chor Erfurt vorgetragen, sowie von der Sopranistin Marietta Zumbült, Dozentin für Gesang an der Franz Liszt Musikhochschule Weimar, und Máté Sólyom-Nagy, Bariton, engagiert am Erfurter Theater. Zu hören ist zudem das Thü- ringische Kammerorchester Weimar - das aus Musikern der Staats- kapelle besteht. Und die Leitung hat George Alexander Albrecht, der sich als Chefdirigent der Staatskapelle Weimar unter anderem für das Werk Furtwänglers und Pfitzners eingesetzt hat. Auch Bruckner, Mahler und Liszt gehören zu seinen Favoriten - ideale Voraussetzun- gen für die Auseinandersetzung mit Wetz' Werk. 
Das Weihnachtsoratorium auf altdeutsche Gedichte op. 53 erzählt die Weihnachtsgeschichte nicht, es setzt sie voraus und kommentiert eher, als zu schildern. Wetz' musikalisches Vokabular ist grundsätz- lich das der Spätromantik, aber sein Umgang damit beeindruckt, weil er es durchaus eigensinnig und ziemlich originell einsetzt. Das macht dieses Werk interessant - und vielleicht wird man es zukünftig auch außerhalb von Thüringen hier und da hören. Seine Wiederentdeckung lohnt sich, wie diese Aufnahme beweist. 

Samstag, 19. November 2011

Bach: Weihnachtsoratorium (Rondeau)

Der Thomanerchor Leipzig singt Bachs Weihnachtsoratorium - und das gar nicht mal schlecht. Der Chor, der seit 1992 von Georg Christoph Biller geleitet wird, hat an Klang in jüngster Zeit gewaltig zugelegt. Besonders deutlich wird das, wenn man die vorliegende Aufnahme mit dem Mitschnitt aus dem Jahre 1998 vergleicht, der bei Philips erschienen ist (und über- haupt nicht begeistern konnte). 
Erfreulich ist auch, dass sämtliche Sopransoli hier durch die Thoma- ner Friedrich Praetorius und Paul Bernewitz übernommen werden konnten. Die Jungs singen klangschön und selbstbewusst - doch wie dünn das technische Fundament ist, auf dem sich die jungen Solisten bewegen, das wird beispielsweise im Herr, dein Mitleid-Duett deutlich hörbar. Für die anderen Soli wurden, Thomanertradition hin oder her, erwachsene Sänger engagiert. Zu hören sind Ingeborg Danz, Alt, die Tenore Martin Petzold als Evangelist und Christoph Genz, Arien sowie Panajotis Iconomou, Bassbariton. Zwar haben die Herren durchweg ihre ersten musikalischen Schritte als Mitglieder von Kna- benchören gemacht - Petzold und Genz waren wie Biller Thomaner, Iconomou war als Knabenalt einer der Solisten des Tölzer Knaben- chores. Doch würde man sich wünschen, dass bei der nächsten Aufnahme das komplette Solistenensemble mit Thomanern besetzt werden könnte. Das wäre unterm Strich ein weiterer Qualitätsgewinn - für den ganzen Chor. 
Erfreulich ist zudem die ausgeprägte rhetorische Zielrichtung, mit der hier musiziert wird. Es dominiert nicht das Gewandhausorchester, sondern der Gesang - und der legt Text aus, wie zu Bachs Zeiten üblich. Das macht die Aufnahme spannend. 

Montag, 20. Dezember 2010

Bach: Great Choral Works; Münchinger (Newton)

Der Stuttgarter Kantor und Kapellmeister Karl Münchinger (1915 bis 1990) gründete 1945, nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, das Stutt- garter Kammerorchester. Mit schlanker Besetzung, klanglicher Homogenität, ausgeglichener Dynamik, reduzierten Tempi und handwerklicher Perfektion beein- druckte dieses Ensemble das Publikum, und erwarb sich so innerhalb weniger Jahre weltweit einen ausgezeichneten Ruf.
Münchinger versammelte um sich auch eine ganze Riege erstklassiger Sänger - diese CD mit den großen Chorwerken Bachs gibt davon in herausragender Art und Weise Zeugnis. So singen beispielsweise die Matthäus-Passion Peter Pears als Evangelist, Hermann Prey als Christus, Elly Ameling, Marga Höffgen, Fritz Wunderlich, Tom Krause, Manfred Ackermann und Allan Ahrans. Bei der h-Moll-Messe sind Elly Ameling, Yvonne Minton, Helen Watts, Werner Krenn und Tom Krause zu hören. Und das Weihnachtsoratorium, aufgezeichnet 1966 in der Kirche von Schloss Ludwigsburg bei Stuttgart, singen ebenfalls Peter Pears, Elly Ameling, Helen Watts und Tom Krause. Natürlich enthält die immerhin neun CD starke Box auch das Magnificat BWV 10 und die Johannes-Passion
Die Aufnahmen sind ein Dokument der Suche nach neuen musika- lischen Wegen zwischen Postromantik und der historischen Auf- führungspraxis. Sie wirken insbesondere in der Wahl der Tempi und in manchen Details der Interpretation mitunter museal, sind teilweise aber auch sehr ausdrucksstark und faszinierend - und man darf nicht vergessen, dass sie mittlerweile gut 40 Jahre alt sind. Dennoch beeindrucken diese historischen Einspielungen durch ihre hohe Qualität; wer sich für Musikgeschichte interessiert, der sollte sie unbedingt in seine Sammlung aufnehmen.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium; Max (cpo)

Viel und vieles wurde geschrieben über das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Darauf verweist auch Hermann Max im Beiheft zu der vorliegenden Super Audio-Doppel-CD. Leider begibt er sich in seinem Text ziemlich rasch ins Reich der Spekulation - dabei bietet Bachs Notentext doch so viel interessantes; ob Bach "modern" komponieren wollte, erscheint mir angesichts dieses gewaltigen Werkes hingegen eher eine von jenen Fragen, wie sie heute vorzugsweise die Kollegen vom Boulevard stellen.
Warum also noch eine weitere Einspielung des Weihnachtsorato- riums, das im CD-Regal schon in etlichen Aufnahmen zu finden ist - und einige davon sind ja gar nicht schlecht. Das innovative Aufzeich- nungsverfahren mag sicher für einige Technikfreaks ein Kaufargu- ment sein. Doch ist die neue Aufnahme besser als ihre Vorgänger? Bringt sie neue Ideen, zeigt sie Strukturen auf, ist sie von besonderer musikalischer Qualität? 
Neugierig startet man den Player - und erschrickt sofort über die Dominanz und den ungewohnt flachen Klang der Pauken. Willkommen im Reich der historical correctness. Nun ja - die Rheinische Kantorei ist bei dieser Interpretation gerade einmal mit 16 Sängerinnen und Sängern besetzt. Und das Barockorchester Das Kleine Konzert spielt ebenfalls mit schlanker Besetzung, wobei aber das Continuo jeweils mit Violoncello, Violone, Fagott, Orgel und Cembalo vergleichsweise üppig ausgestattet ist. 
Die Chöre nimmt Max zügig, aber nicht flüchtig. Der Chor singt ge- schmeidig, und hat keine Mühe, diesen Tempi zu folgen. Veronika Winter, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass, singen klangschön und solide, aber nicht umwer- fend. Am meisten beeindruckt mich Jan Kobow dort, wo er die Partie des Evangelisten singt. Die Arien sind ansonsten durchweg sehr konventionell gestaltet; insbesondere bei der Wahl der Tempi ist Max von beeindruckender Inkonsequenz (Beispiel: Frohe Hirten - die Aufforderung, zu eilen, dürfte ganz sicher niemand ernst nehmen, wenn sie so lässig-tänzerisch vorgetragen wird). Vom Orchester sind leider nicht nur schöne Töne zu hören - Originalklang hin, Barock- musik her, das ist keine Entschuldigung, Profis müssen das bringen. Tut mir leid, aber diese Aufnahme kann ich nicht empfehlen.

Samstag, 11. Dezember 2010

Mattheson: Die heilsame Geburt (cpo)

Johann Mattheson, geboren 1681 und gestorben 1764 in Hamburg, war ein musikalisches Wunderkind. Sein Debüt gab er im Alter von neun Jahren als Sopran und Orga- nist - und als Mitglied des Ham- burger Opernchores. 1699 kom- ponierte er seine erste Oper, leitete ihre Aufführung selbst und sang darin auch gleich noch eine Haupt- rolle, so wird berichtet. 
Berühmt wurde Mattheson als Freund und Rivale Georg Friedrich Händels. Mattheson und Händel bewarben sich im August 1703 um die Nachfolge von Dieterich Buxtehude als Organist an der Lübecker Marienkirche. Zu den Bedingungen für den Bewerber gehörte es allerdings, eine Tochter Buxtehudes zu heiraten. Und so blieb die Stelle weiter unbesetzt. Händel reiste 1706 nach Italien, Mattheson blieb in Hamburg, wo er ab 1704 als Hofmeister, bald auch als Sekretär und Korrespondent des englischen Gesandten tätig wurde. 
Mattheson und Händel waren aber nicht immer einer Meinung, und wohl auch beide impulsiv und temperamentvoll. Während einer Aufführung von Matthesons Oper Cleopatra beispielsweise gab es einen lautstarken Streit, der sogar zu einem Duell vor dem Ham- burger Opernhaus führte. Die Legende besagt, dass ein Knopf an Händels Jacke den Degen Matthesons abgleiten ließ. So blieben beide Streithähne unversehrt - das enge kollegiale Verhältnis aber nahm wohl doch Schaden. 
1715 wurde Mattheson Musikdirektor am Hamburger Dom. Dort sorgte er für einen handfesten Skandal, als er Weihnachten 1715 erstmals auch Sängerinnen für die Kirchenmusik engagierte. In diesem Jahr erklang Matthesons Weihnachtsoratorium Die heilsame Geburt und Menschwerdung unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi - ein geradezu klassischer Actus musicus, sehr gelehrt, und furchtbar spröde. Ein Jahr später entstand das Magnificat a due chori, das ebenfalls stark auf rhetorische Effekte abzielt, aber zugleich reichlich spätbarocke Klangpracht entfaltet, und so geneigt ist, den Hörer nicht nur zu belehren, sondern auch zu erfreuen und zu berühren. Die beiden letzten Aspekte kommen mir bei dem ersten Werk zu kurz. 
Es singen Nicky Kennedy und Anna Markland-Crookes, Sopran, Ursula Eittinger und Dorothee Merkel, Alt, Andreas Post und Sven Hansen, Tenor sowie Stephan MacLeod und Johannes Gsänger, Bass. Und es musiziert die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens. Meine Lieblings-Weihnachts-CD wird das wohl nicht; so manches Werk, das im Staub der Archive vor sich hinschlummert, ist dem Vergessen gnädigerweise anheimgefallen. Diese beiden werden sicherlich auch umgehend wieder in dem mächtigen Strom versinken, der alles davonspült, was ein Publikum nicht begeistern kann.

Samstag, 4. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium - Chailly (Decca)

Bachs Weihnachtsoratorium in einem Mitschnitt vom Januar 2009 - aufgezeichnet wurde das sogenannte Große Concert des Gewandhausorchesters Leipzig, und dass ausgerechnet Bach dort gespielt wurde, das ist eine Sensation. Denn das gewaltige Werk erklang in der Messestadt erstmals 1634/35 - wie vom Komponisten vorgesehen, jeweils eine Kantate in sechs Gottes- diensten vom ersten Weihnachts- feiertag bis zum Epiphaniasfest, bekannter wohl als Dreikönigstag.
Ob es zu Bachs Lebzeiten noch einmal aufgeführt worden ist, das ist nicht sicher festzustellen. Nach dem Tode des Komponisten erbte Carl Philipp Emanuel Bach Partitur und Originalstimmen. Einzelne Teile führte Johann Theodor Mosewius in den 1840er Jahren mit der Breslauer Singakademie auf. Am 17. Dezember 1857 erklang das Weihnachtsoratorium zum ersten Male wieder "komplett" - allerdings aus Rücksicht auf die Sänger um einen Halbton tiefer, und aus Rück- sicht auf das Publikum drastisch gekürzt - im Konzerthaus der Sing-Akademie zu Berlin. Geleitet hat diese denkwürdige Aufführung, die die Wiederentdeckung des Werkes einleitete, Eduard Grell. War es zunächst weniger bekannt als Bachs Passionen, so erlebte das Weihnachtsoratorium im Zuge der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung sowie der Debatten um die historisch korrekte Aufführungspraxis eine Renaissance. Aus dem Gottesdienst allerdings ist das "WO" weitgehend verschwunden; sein Platz ist heute üblicher- weise in der Adventsmusik, wo es auf zwei Abende aufgeteilt Kantor und Kirchenchor zum Schwitzen und den Profis ein Zubrot bringt, und für volle Kirchen sorgt.
Wenn Riccardo Chailly Bachs großartigem Werk einen Platz im Großen Concert einräumt, dann ist er nach Carl Reineke, der 1861 einige Ausschnitte im Gewandhaus dirigierte, der erste Gewandhaus- kapellmeister, der das Weihnachtsoratorium in Leipzigs traditions- reichen Konzertsaal holt. Und er macht es konsequent zu einem Konzertstück - mit kammermusikalischem Zugriff, teilweise atem- beraubenden Tempi, sauber gesetzten Akzenten. In den Mittelpunkt des Weihnachtsgeschehens stellt Chailly nicht etwa die Erzählung des Evangelisten, sondern vielmehr die Arien der Altistin, die er offenbar als Stimme Mariens deutet. Dabei gelingen ihm Momente von berückender Intimität.
Mit welcher Zartheit er etwa die Sinfonia dahintupft, das ist grandios. Sie wirkt wie ein Echo aus der Himmelskantorei, eher nicht wie gemeinsames Musizieren von Menschen und Engeln. Die Oboen klingen hier nicht wie bäuerliche Instrumente, grob und laut, sondern süß und schmeichelnd. Und auch der Chor ist eine Wucht - der Dresd- ner Kammerchor, gegründet 1985 von Hans-Christoph Rademann, einstudiert von seinem ersten Dirigenten Jörg Genslein, folgt Chaillys Dirigat, als könnte er Gedanken lesen. 
Als Solisten sind auf dieser CD zu hören Carolyn Sampson, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Martin Lattke, Tenor - als sehr achtbarer Evangelist - und Wolfram Lattke, Tenor, mit einer preisverdächtigen Version der Arie Frohe Hirten, ach eilet, sowie Konstantin Wolff, Bass - naja, eigentlich ja wohl mehr Bariton. 
Chailly kennt und liebt "seinen" Bach. Und es gelingt ihm, einen ganz eigenen Zugang zu dieser Musik zu finden, was - zumal in Leipzig - nicht ganz einfach sein dürfte. Aber diese Version mit ihrem Esprit und ihrer tänzerischen Leichtigkeit, mit ihrer Balance zwischen den innigen und den dramatischen Momenten mag man immer wieder hören. Bravi!