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Sonntag, 2. Januar 2022

Klangpantomime (Coviello Classics)

 

„Klangpantomimen“ nennt das Beiheft die sechs Sonaten von Luigi Boccherini (1743 bis 1805) für Violoncello und Bass. Die „Ballette ohne Tänzer und Bühnenbild, die der Zuhörer gleichsam mit den Ohren sieht“ präsentiert Barockcellist Dmitri Dichtiar auf dieser CD. 

Boccherini war selbst Cellist und hat diese Werke sicherlich zum eigenen Gebrauch komponiert. Glücklicherweise gab es seinerzeit noch kein Urheberrecht; so sind um 1770 in London einige dieser Stücke gedruckt und somit überliefert worden. Wer diese Aufnahme hört, der wird mir zustimmen: Der geschäftstüchtige Musikverleger hat in diesem Falle einen enormen Verlust verhindert.  

Dmitri Dichtiar spielt die ebenso anspruchs- wie effektvollen Stücke gekonnt im Dialog mit Pavel Serbin am Continuo-Cello und Thorsten Bleich, der die Basspartie mit Laute, Theorbe und Gitarre klanglich sehr ansprechend und abwechslungsreich gestaltet. Eine vorzügliche Einspielung, unbedingte Empfehlung! 


Dienstag, 19. März 2019

Glauben, lieben, hoffen (Coviello)

Glaube, Liebe, Hoffnung – Paulus preist sie in seinem Brief an die Korinther, und immer wieder haben darauf auch Musiker Bezug genommen. Das Ensemble Wunderkammer schließt sich dem an, und kombiniert auf dieser CD drei geistliche Vokalwerke des 17. Jahrhunderts mit Sonaten von Dario Castello (vor 1600 bis um 1650), die jeweils auf ihre Art das Bibelzitat ausdeuten: „Wir hören Kampf und Schlacht, Sinnlichkeit und Sehnsucht, Warten und große Feste, Jubel, Zorn“, schreiben die Musiker im Beiheft. „Für uns sind diese Sonaten eine Quelle neuer Ideen gewesen, eine Herausforderung in der Gemeinsamkeit des Ensembles. Sie erzählen die Geschichten der Vokalwerke untergründig weiter oder bereiten sie vor, sie verwandeln ihre Affekte oder kontrastieren sie.“ 
Wir hören die Klage des Königs David um seinen Sohn Absalom, der gegen den Vater in die Schlacht gezogen und dabei zu Tode gekommen ist – in den Symphoniae Sacrae I bewegend in Musik gesetzt von Heinrich Schütz (1585 bis 1672); ein Meisterwerk der Textauslegung mit musikalischen Mitteln. 
Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) ist ein ausdrucksstarkes Lamento; und während der Sänger in seinem Monolog grübelt, spiegelt auch der virtuose Violinpart die Gefühle des Verzweifelten – auch dieses Stück, geschaffen von einem Cousin von Johann Sebastian Bachs Vater, gehört zu den ganz großen Kunstwerken der Musikgeschichte. 
Christian Geist (um 1650 bis 1711) stammte aus Güstrow, und wirkte später in Kopenhagen und Stockholm. In seinem kurzen Stück Es war aber an der Stätte schildert er die Grablegung Christi. „Das Stück lässt sich modern hören als eine Umschreibung von Abwesenheit“, schreiben Sarah Perl und Peter Uehling in ihrem Begleittext: „Das Heilsgeschehen, die  Hoffnung wird nicht explizit, der Text ist buchstäblich eine ,Perikope', ,herumgeschnitten' um das Eigentliche. Gerade aber vom Abwesenden und Unbeschworenen geht ein Kraftfeld aus.“ Ein großartiges Album mit einem klugen Konzept; Hans Wijers, Bass, sowie das Ensemble Wunderkammer musizieren nicht nur hörenswert, sie ermutigen auch und regen zur Reflektion an: Das heißt auch, dass wir alle die Kraft haben zum Glauben, zum Lieben und zum Hoffen. Jederzeit und immer. Niemand kann es uns nehmen. Wir brauchen es nur zu tun.

Samstag, 6. Januar 2018

Brescianello: Concerti à 3 (Coviello Classics)

Giuseppe Antonio Brescianello (um 1690 bis 1758) kam im Jahr 1715 im Gefolge der Kurfürstin aus Venedig an den Münchner Hof. Belegt ist zudem, dass er nach gut einem Jahr als Director Musices an den württembergischen Hof wechselte, wo er zunächst für die fürstliche Kammermusik zuständig war. In Stuttgart verbrachte er den Rest seines Lebens. 
Allerdings wollte der ehrgeizige junge Violinvirtuose schon bald auch Hof- kapellmeister werden. Das Problem: Es gab bereits einen Kapellmeister, und so sah der Herzog wenig Anlass, den Italiener zu befördern. Doch dann kam 1719 auch noch Reinhard Keiser nach Stuttgart, ein gefeierter Opernkomponist, der ebenfalls eine solche Anstellung zu erringen trachtete. 
Dass dies zu Auseinandersetzungen führte, kann man sich leicht vorstellen. Die Streitigkeiten beendete Herzog Eberhard Ludwig, indem er im Februar 1721 Brescianello zum Oberkapellmeister ernannte. Keiser kehrte nach Hamburg zurück. Und unter Brescianello soll die württembergische Hofmusik eine künstlerische Blütezeit erlebt haben. 
Das Ensemble Der musikalische Garten, hervorgegangen aus der Schola Cantorum Basiliensis, einer höchst renommierten Ausbildungsstätte im Bereich der „Alten“ Musik, hat sich auf die Spurensuche begeben und Werke gefunden, die man auch heute noch mit Vergnügen anhört. So sind in der Bibliothek des Conservatorio Statale di Musica Luigi Cherubini in Florenz 12 Concerti à 3 von Brescianello überliefert, von denen auf dieser CD die ersten sechs erklingen. 
Heiter und elegant spielen Germán Echeverri Chamorro und Karoline Echeverri Klemm, Violine, Annekatrin Beller, Violoncello, und Daniela Niedhammer, Cembalo, diese Werke, die durchweg dem Muster der italienischen Sonata da chiesa folgen. Aus heutiger Sicht sind es Triosonaten, bei denen meistens die beiden Geigen miteinander wetteifern – nur die Sonata seconda ähnelt eher einem Solokonzert; dort gibt es sogar eine Kadenz für die erste Geige. Auffällig ist zudem, dass die Bassstimme oftmals ebenfalls recht anspruchsvoll gestaltet ist, sie reicht über eine reine Begleitstimme weit hinaus. 
So erweist sich diese Einspielung erneut als ein hübscher Farbtupfer in der Kollektion des Musikalischen Gartens; auf weitere Blütenlesen dieses Ensembles darf man gespannt bleiben. 

Montag, 18. September 2017

Johann Christian Bach: Six Quartettos Opus 8 for Carl Friedrich Abel (Coviello)

Mit Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787), dem bedeutendesten Gambisten seiner Zeit, war Johann Christian Bach (1735 bis 1782) eng befreundet. Beide waren Kammer- musiker der Königin Charlotte, und sie riefen 1764 gemeinsam die „Bach-Abel-Concerts“ ins Leben, die ersten Abonnementskonzerte in England, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Außerdem lebten sie gut zehn Jahre in einem Haushalt zusammen. 
Warum also sollte der „Londoner“ Bach für den Gambenvirtuosen Abel nicht auch komponiert haben? Dennoch war das Erstaunen groß, als 1992 bei einer Auktion das teil- autographe Manuskript einer Sonate für Viola da gamba und Clavier angeboten wurde. Die Sammlung enthielt auch noch weitere Gamben- sonaten, die auf Bachs op. 10 basieren. Sie befindet sich heute als Leihgabe im Bach-Archiv Leipzig. 
Der Leihgeber besitzt zudem ein Ensemble von Stimmbüchern für fünf der sechs Quartette op. 8; auf der Titelseite dieses Manuskriptes ist bei der Besetzung statt der Viola die Viola da gamba benannt. Leider ist die Kollektion unvollständig: Es fehlt das Es-Dur-Quartett – und die Gamben- stimme. 
Thomas Fritzsch ließ sich davon nicht entmutigen. Auf Grundlage der vorhandenen Quellen konnte er in mühsamer Kleinarbeit gemeinsam mit Günter von Zadow sowohl den fehlenden Gambenpart als auch die entsprechende Fassung des Es-Dur-Quartettes erstellen. Der Aufwand hat sich gelohnt, wie die Weltersteinspielung beweist. 
Go Arai, Oboe, Daniel Deuter, Violine, Thomas Fritzsch, Gambe und Inka Döring, Violoncello, präsentieren den kompletten Quartettzyklus op. 8 von Johann Christian Bach – klanglich reizvoll, dazu musikalisch einfalls- und abwechslungsreich, und in dieser Aufnahme auch ausgesprochen inspiriert vorgetragen. Sehr hörenswert!

Sonntag, 4. Juni 2017

Salut à la forêt (Coviello Classics)

Eine Reise in die Geschichte des Horns unternimmt das Deutsche Horn Ensemble auf dieser CD. „Die Beschäftigung mit ,Alter Musik' und der historisch informierten Auffüh- rungspraxis bringt es automatisch mit sich, dass man immer wieder originalen, wirklich alten Instru- menten begegnet“, berichten die Musiker im Beiheft. „Schon allein die angeborene Neugier eines interes- sierten Musikers führt immer wieder zu Erlebnissen und Entdeckungen. Sei es, dass man die Gelegenheit findet, in den Archiven und Magazinen eines etablierten Museums andächtig vor den intrumentalen Schätzen der Vergangenheit zu stehen und im Idealfall unter kundiger Aufsicht und Zuhilfenahme weicher Handschuhe den alten Preziosen mehr oder weni- ger vorsichtige Töne zu entlocken. Oder ein befreundeter Sammler, oft auch ein Kollege öffnen einem die Tore zu ihren Sammlungen. Auch die Zeiten des vermehrten Onlinehandels oder der sozialen Netzwerke bringen immer wieder vermehrt Kontakt mit einer überraschend viel- fältigen Welt der Instrumentenentwicklung.“ 
Denn nicht immer hat das Horn so ausgesehen, wie wir es heute kennen. Das Naturhorn hat nicht nur keine Ventile, es klingt auch anders. Mit der Erfindung der Ventile, zum Anfang des 19. Jahrhunderts, war es aber nicht getan. Denn auch das Instrument insgesamt musste angepasst werden – heute hilft der Computer dabei; damals war die Qualität der veränderten Instrumente teilweise so unbefriedigend, dass Hornvirtuosen im Zweifels- fall lieber das vertraute Naturhorn spielten.  
So erzählen die Hornisten im Beiheft die berühmte Anekdote, dass bei der Uraufführung von Schumanns höchst anspruchsvollem Konzertstück für vier Hörner im Jahre 1850 Eduard Pohle, Solohornist des Leipziger Gewandhauses, noch in der letzten Probe vor dem Konzert wieder zum Naturhorn griff, und sich entschied, den technisch schwierigen Part doch nicht auf dem Ventilhorn zu blasen. 
Auch die Mitglieder des Deutschen Horn Ensembles haben mit solchen Problemen zu kämpfen: „Der Konzertbetrieb der letzten zehn Jahre bringt immer häufiger romantisches Repertoire in historischer Aufführungs- praxis auf die Programme. Dafür müssen die passenden Instrumente gefunden werden.“ Originale Ventilhörner aber aus jener Zeit kommen, siehe oben, eher nicht in Frage. Das Deutsche Horn Ensemble hat statt dessen gemeinsam mit dem Hornbauer Andreas Jungwirth aus Freischling bei Wien ein Instrument nach einem alten Vorbild entwickelt, das in seiner Spielbarkeit heutigen Ansprüchen genügt. 
Ein Satz dieser Hörner ist hier zu hören, wenn Christoph Moinian, Joaquim Palet Sabater, Oliver Kersken und Stefan Oetter Musik für vier Hörner in F aus dem 19. Jahrhundert spielen. Besondere Schmankerl sind dabei die stimmmungsvollen Chorsätze von Franz Abt (1819 bis 1885). Doch auch die Serenade von Robert Stark (1847 bis 1922) oder die Quatuors originaux op. 75 von Carl August Hänsel (1799 bis möglicher- weise 1885) geben interessante Einblicke in den Gebrauch des chroma- tischen Horns in der damaligen Zeit. 
Das Hornquartett Salut à la Forêt stammt von Rainulphe Marie Eustache Marquis d'Osmond (1828 bis 1891), Spross eines ebenso bedeutenden wie vermögenden Adelsgeschlechtes, der hier seine Leidenschaft für die Jagd auf gelungene Weise mit jener für die Musik kombiniert. 
Und weil es gerade so schön passt, haben die vier Hornisten die Instru- mente gewechselt und das Programm noch um die Segeberger Messe für Parforcehörner in Es ergänzt, ein Werk ihres Ensemblemitgliedes Oliver Kersken. Auch die Besetzung wurde dafür erweitert, um Johannes Leuftink, Lars Mechelke und Sascha Blaue. Und so grüßt, auf den musikhistorisch eigentlich älteren Instrumenten, das 21. Jahrhundert, mit berückenden Klängen, die Tradition und Moderne vereinen. Ein tolles Album, unbedingt anhören! 

Samstag, 20. August 2016

Carl Friedrich Abel - Ledenburg (Coviello)

Die Notenbibliothek der Eleonore von Münster – sie befindet sich heute zusammen mit ihren literarischen Werken, Zeichnungen und Archiva- lien des Gutes Ledenburg im Nieder- sächsischen Landesarchiv am Standort Osnabrück – enthielt noch weitere Schätze, die Thomas Fritzsch offenbar umgehend gehoben hat. Nur wenige Wochen nach der Ersteinspie- lung von Telemanns Fantasien für Viola da gamba, die er dort aufspürte, veröffentlichte der Gambist bei Coviello Classics eine weitere CD mit bislang unbekannten Musikstücken aus der Feder Carl Friedrich Abels (1723 bis 1787). 
Der berühmte Gambenvirtuose stammte aus Köthen, wo sein Vater in der Hofkapelle musizierte. Es wird vermutet, dass er in Leipzig an der Thomas- schule lernte; belegt ist jedenfalls, dass Abel, dem Hofkapellmeister Hasse durch Bach empfohlen, neun Jahre lang in Dresden wirkte. Wegen des Siebenjährigen Krieges verließ er 1757 die Residenzstadt. In London wurde der Musiker ansässig; dort konzertierte er mit großem Erfolg, und wurde Kammermusiker von Königin Charlotte. Gemeinsam mit Johann Christian Bach veranstaltete er ab 1764 die ersten Abonnnementskonzerte in England. Abel war der letzte bedeutende Gambist; nach seinem Tod spielte das Instrument auf dem Konzertpodium faktisch keine Rolle mehr. Auch wenn die Romantiker den Klang der Viola da gamba durchaus schätzten – sie schrieben keine Musik dafür. 
Das sollte sich erst im 20. Jahrhundert, im Zuge der Originalklang-Bewe- gung, wieder ändern. Und so freuen wir uns denn, dass Thomas Fritzsch uns auf dieser CD drei Sonaten Abels und drei ebenfalls neu entdeckte Trios vorstellt. Er musiziert dabei auf einem Instrument des letzten englischen Gambenbauers Samuel Gilkes (1787 bis 1827), angefertigt 1812 in London. Diese Gambe begeistert mit nobler, ausgewogener Klangfülle. Eva Salonen, Violine, und Katharina Holzhey, Violoncello, lassen sich auf dazu passenden Instrumenten hören. Michael Schönheit spielt ein Piano- forte von John Broadwood aus dem Jahre 1805 – was für ein Reichtum an Klangfarben! 

Mittwoch, 10. August 2016

Telemann: 12 Fantaisies pour la Basse de Violle (Coviello)

„Von Telemannischer Music sind folgende neue Werke, in nicht gar langer Zeit, ans Licht getreten, und bey deren Verfasser zu bekommen“, vermeldete der Hamburger Relations-Courier am 12. Januar 1736 – unter anderem: „(4) Zwölf Fantasien für die Violine, ohne Baß, 1 Fl. 4; (5) Dergleichen für die Gambe.“ 
Erschienen sind sie also zweifelsfrei, die 12 Fantaisies pour la Basse de Violle von Georg Philipp Telemann, erfasst wurden sie als TWV 40: 26-37. Generationen von Musikern und Musikhistorikern haben nach dem Werk gesucht – allein es fand sich, trotz aller Bemühungen, nicht ein einziges Exemplar dieses Druckes. Das Werk galt schließlich, eine bessere Marketingstrategie hätte sich selbst der mit allen Wassern gewaschene Telemann nicht einfallen lassen können, als das verschollene Bernstein- zimmer der solistischen Gambenmusik. 
Dem Gambisten Thomas Fritzsch ist es nun gelungen, diesen Schatz zu heben: Nach einem Hinweis des französischen Musikwissenschaftlers Francois-Pierre Goy fand er auf Schloss Ledenburg in der Privatbibliothek der Dichterin Eleonore von Münster (1734 bis 1794) ein Exemplar des Erstdrucks von 1735. Gemeinsam mit Günter von Zadow publizierte er in der Edition Güntersberg eine Notenausgabe, und spielte das Werk bei Coviello Classics ein. Schon allein das ist ohne Zweifel eine Sensation. 
Beim Anhören wird man feststellen: Alle Mühen haben sich gelohnt. Telemanns Fantasien für Viola da gamba sind ohne Zweifel ein bedeu- tendes Werk des Komponisten, den man nicht länger unterschätzen sollte. Sie sind unglaublich abwechslungsreich; die Formen reichen von der kunstvollen kanonischen Imitation bis hin zum nicht minder souverän gestalteten Tanz und vom komplexen, kontrapunktisch gearbeiteten Satz bis hin zu fugierenden Sätzen. Auch melodisch hat Telemann hier das Füllhorn ausgegossen; dabei beweist er zudem eine sehr weitgehende Kenntnis der Spielmöglichkeiten des Instrumentes. Er fordert den Solisten, aber seine Musik ist der Gambe stets angemessen. „Es sind nicht in allen Muscheln Perlen, aber man muss sie alle durchsuchen“, schreibt das Label im Programmheft. In diesem Falle wurde gleich eine ganze Perlenkette wiederentdeckt – unbedingt anhören

Samstag, 7. Mai 2016

Northern Baroque - Sweelinck, Buxtehude & Co. (Coviello Classics)

Auf den Spuren der Norddeutschen Orgelschule unterwegs ist auf dieser CD Fabien Moulaert. Der junge belgische Organist hat dafür Werke von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) und Dieterich Buxte- hude (1637 bis 1707) herausgesucht. Sie zeigen exemplarisch die Entwicklung der Orgelmusik in den reichen Hansestädten über einen Zeitraum von einem knappen Jahr- hundert. 
Sweelinck gehört zu den „Gründervätern“ der norddeutschen Orgeltradi- tion. Er war nicht nur Organist, sondern vor allem auch ein führender Musikpädagoge, der eine ganze Organistengeneration prägte. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Heinrich Scheidemann, in späteren Jahren Organist an der Hauptkirche St. Katharinen zu Hamburg. Er gilt als Schöpfer der Choralfantasie
Buxtehude wirkte als Organist der Marienkirche zu Lübeck. Seine Musik führt Traditionen kreativ weiter; man höre nur seine Choralfantasien sowie die Toccata, die ein schönes Beispiel gibt für den Stylus Phantasticus
Moulaert hat die Orgelwerke an der Arp Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg eingespielt. Er musiziert brillant; es ist wirklich eine Freude, zuzuhören. Zwischen den Werken der drei Altmeister hat Moulaert zwei der Kleinen Geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) platziert. Sie werden von der ungarischen Sopranistin Zsuzsi Tóth ausdrucksstark gesungen, ebenso wie das Klag-Lied, das Buxtehude zum Abschied von seinem verstorbenen Vater komponiert hat. Als Continuo-Orgel fungiert dabei die Thomas-Orgel der St. Katharinenkirche Hoogstraten in Belgien. 

Montag, 18. Januar 2016

Fantasia baroque (Coviello Classics)

Aleksandra und Alexander Grychtolik beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit Improvisation und Generalbass-Spiel. Noch im 17. und 18. Jahrhundert gehörte beides selbstverständlich zum Handwerks- zeug eines jeden Musikers; doch mit dem veränderten Werkverständnis der Romantik brach diese Tradition ab. Heute sind am ehesten noch Kanto- ren und Organisten in dieser Kunst ausgebildet, sie spielen Improvisatio- nen mitunter noch in Konzerten. 
Dass es möglich ist, Musik nicht nur modern, sondern auch im Stil der Bach-Zeit und sogar im Duo zu improvisieren, beweist das Ehepaar Grychtolik mit dieser ganz erstaunlichen CD. „Zentral war für uns, mit dieser CD etwas von dem Trance-artigen ,Flow' zu vermitteln, in den sich ein Improvisator spielen muss, um in die barocke Musiksprache einzu- tauchen“, berichten die beiden Musiker. Im Zentrum der Einspielung stehen vier Sonaten über zwei bezifferte Bässe von Bernardo Pasquini (1673 bis 1710), furios vorgetragen auf zwei Cembali. „Die berühmten Sonaten von Pasquini bestehen eigentlich nur aus zwei Basslinien und kurzen Angaben zu den Harmonien in Form von äußerst lückenhaften Generalbassziffern“, erläutert Aleksandra Grychtolik. „Wir hatten quasi eine ,Carte Blanche' und konnten unsere ganz eigene, individuelle ,Fassung' dieser Sonaten in verschiedenen Stimmungen und Stilen improvisieren. Man wird diese Sonaten deshalb nie mehr genau so hören wie auf der CD, deswegen ist sie für uns auch eine Dokumentation unserer gemeinsamen musikalischen Arbeit.“ 
Alexander Grychtolik lässt darauf die Improvisation einer Partita in der Art Johann Sebastian Bachs folgen, Aleksandra Grychtolik antwortet mit der Fantasie fis-Moll Wq. 67 von Carl Philipp Emanuel Bach. Atemberau- bend freilich erscheint insbesondere der Rahmen, in den die beiden Musiker diese Proben ihrer Kunst stellen: Die CD beginnt mit einer Ciaccona improvvisata per la Madonna di Grodowiec nach Antonio Bertali (11605 bis 1669), und sie endet mit einer irrwitzigen Concerto-Improvisation für zwei Cembali
„Das war für die Tonmeisterin während der CD-Aufnahme ziemlich aufregend, denn bei richtigen Live-Improvisationen gibt es natürlich keine Noten, die der Tonmeister hätte mitverfolgen können. So etwas ist für Cembalo-CDs ein echtes Novum“, meint Alexander Grychtolik. „Man hört förmlich, wie die musikalischen Gedanken sich erst beim Spielen richtig ausformen und der Hörer die unmittelbare Entstehung von Barockmusik erlebt – das unterscheidet sich von üblichen CD-Hörge- wohnheiten.“ 
Die Grychtoliks musizieren virtuos und wie aus einem Atem. Wer diese CD zum ersten Male anhört, der mag es gar nicht glauben, dass man heutzu- tage wieder so Cembalo spielen kann, so lebendig und temperamentvoll. Der alte Bach würde sich darüber sicherlich freuen – weit mehr als über so manche ehrfurchtsvoll eingespielte „Originalklang“-Aufnahme, die daherkommt wie aus dem Museum. 

Dienstag, 22. Dezember 2015

Holy Night - Heilige Nacht (Coviello Classics)

Deutsche, englische und ameri- kanische Weihnachtslieder präsentiert das Ensemble Vokalzeit auf seiner neuen CD. Dabei setzt das Herrenquartett auf Lieder, die auch literarischen Ansprüchen genügen können – und hat ihnen zudem moderne Arrangements maßge- schneidert. Da erklingt das populäre O Holy Night, komponiert von Adolphe Adam als Cantique de Noël, neben Weihnachtsliedern von Peter Cornelius, und das bekannte Have yourself a merry little Christmas, in der Sinatra-Textversion, neben Es ist ein Ros' entsprungen, in einem Vokalzeit-eigenen Satz, und Egbert Hum- perdincks Weihnachtslieder neben Markt und Straßen steh'n verlassen von Arnold Mendelssohn. Bei einigen wenigen Liedern, so auch bei diesem, haben Holger Marks und Markus Schuck, Tenor, Michael Timm und Oliver Gawlik, Bass, und Philip Mayers, Klavier, die Besetzung um die Altistin Judith Simonis erweitert. Gesungen wird gekonnt – was nicht überrascht, schließlich wurde das Ensemble durch Mitglieder des Rund- funkchors Berlin gegründet. Und auch wenn die Herren musikalischen Späßen offenbar sehr zugeneigt sind, ist dieses Album insgesamt eher ruhig und besinnlich. 

Montag, 16. November 2015

Tarkmann: Jack und die Bohnenranke (Coviello Classics)

„Als die Düsseldorfer Philharmoniker mich beauftragten, ein Orchester- märchen für Kinder zu komponieren, durfte ich mir die Geschichte frei aussuchen. Die einzige Bedingung war, dass das Fagott darin eine ganz besondere Rolle spielen solle“, berichtet Andreas N. Tarkmann im Beiheft zu dieser CD. „Ich hatte näm- lich schon einmal ein Orchester- märchen komponiert, das von den Abenteuern eines reisenden Mistkäfers handelt. Diesen eitlen und immer etwas beleidigten Käfer ließ ich in meiner Musik von einem Fagott (..) spielen.“ Den Musikern hatte das so gut gefallen, dass sie sich ein weiteres Werk von Tarkmann wünschten. 
Der Komponist hat sich nach einiger Überlegung für das englische Märchen Jack und die Bohnenranke entschieden. „Es ist die Geschichte über den Mut und das Erwachsenwerden eines armen Jungen, die mich noch mehr in Staunen versetzte als die Größe seiner Bohnenranke, die immerhin bis zu einer langen Straße am Himmel reicht“, so Tarkmann. Reich werden Jack und seine Mutter zudem schnell. Aber glücklich werden sie erst, als der Riese besiegt ist, Jack dabei eine singende Harfe sowie zwei Kinder befreit hat – und sie mit dem Vermögen, das ihnen so unverhofft zugefallen ist, nicht nur selbst in Wohlstand leben, sondern auch Waisen- kindern zu einem besseren Leben verhelfen. 
Diese Geschichte erzählt Tarkmann mit musikalischen Mitteln – und mit Unterstützung durch den Sprecher Malte Arkona, der sie mit hörbarem Vergnügen und ausgesprochen souverän gestaltet. Auch die Duisburger Philharmoniker unter ihrem Dirigenten Francesco Savignano setzen sehr viel Leidenschaft daran, die Bohnenranke in den Himmel wachsen zu lassen, oder aber den Riesen hörbar zu machen. Was für ein Spaß! Diese CD ist wirklich sehr gelungen, fanden auch unsere Jungs. 

Sonntag, 29. Juni 2014

Mozart: Harmoniemusik (Coviello Classics)

Dass erfolgreiche Werke oftmals in neuen Arrangements aufgeführt werden, ist ein alter Hut. Es erscheint ein bisschen kurios, dass Andreas N. Tarkmann im Beiheft zu dieser CD meint, sich für seine Bearbeitungen rechtfertigen zu müssen. Denn von Bach bis Berlioz und von Haydn bis Henze haben viele Komponisten eigene oder auch fremde Musik bearbeitet. Auch Mozart hat das mehr als einmal getan, beispielsweise um beliebte Melodien aus seinen Opern in einem Arrangement für Bläser vermarkten zu können. Diese sogenannten Harmoniemusiken waren zu Mozarts Zeit sehr beliebt. So hat der Komponist seine eigene Bläserserenade KV 375 nachträglich zum Oktett gemacht. In dieser Fassung spielt sie auf dieser CD das Ensemble Prisma. Tarkmann hat Mozarts Sinfonie Nr. 1 sehr ansprechend für Bläser arrangiert. Auch ein Fragment, das wohl einmal ein Quintett für Klarinette, Bassett- horn und Streicher werden sollte, ergänzte er, wobei er aber auf allzu kühne Hinzufügungen verzichtet hat. Das berühmte Rondo Alla Turca erklingt als virtuoser Schluss. 

Donnerstag, 1. August 2013

Danzi: Overtures & Flute Concertos (Coviello Classics)

Franz Danzi (1763 bis 1826)? Der Name dieses Komponisten dürfte heutzutage wohl nur noch Cellisten und Musikhistorikern geläufig sein. Dabei hielten seine Zeitgenossen einst große Stücke auf ihn. „Danzi's Name steht schon unter der Reihe der ersten Componisten unseres Vaterlandes“, schwärmte bei- spielsweise 1804 der Weimarer Christian Schreiber. 
Der solcherart Verehrte freilich blieb gelassen und schrieb: „...ich bin eben nicht sehr eitel auf meine Kompositionen und glaube nicht, dass alles gut sein müsse, was ich schreibe.“ Was bedauerlicherweise und was auch mit gutem Grund in Vergessenheit geraten ist, davon vermittelt die vorliegende CD einen ersten Eindruck. Die Flötistin Annie Laflamme hat im Jugendstilsaal des Kurhauses Bergün gemeinsam mit dem Orchester le phénix eine Auswahl der Flöten- konzerte sowie einige Ouvertüren zu Bühnenwerken Danzis eingespielt. 
Es ist eine würdige Gabe zum 250. Geburtstag des Komponisten, der den Mozarts nahegestanden hat und stilistisch wohl am ehesten in der Frühromantik zu verorten wäre. 
Danzis Flötenkonzerte sind eine echte Entdeckung; sie sind einfach schön, und auch für den Solisten eine dankbare Aufgabe. Die Ouver- türen zu Camilla und Eugen oder Der Gartenschlüssel, zu dem Duodrama Cleopatra und zu Wilhelm Tell sind Bruchstücke verlorener größerer Werke; die Noten dazu sind ansonsten überwiegend während des Zweiten Weltkrieges im bombardierten Karlsruher verbrannt. Diese Trümmer einstiger Bühnenwerke dokumentieren Danzis virtuosen Umgang mit dem Orchester und seinen Klangfarben; aber sie erwecken darüber hinaus nicht den Eindruck, dass es sich um bedeutende Werke gehandelt haben muss. Musiziert wird stilsicher und auf historisch korrekten Instrumenten – meine Empfehlung! 

Dienstag, 25. Juni 2013

Vivaldi: Le Quattro Stagioni - La Follia (Coviello Classics)

Mit über hundert Einspielungen im Katalog gehören Vivaldis Vier Jahreszeiten zu den beliebtesten Werken der „klassischen“ Musik überhaupt. Warum also noch eine weitere Aufnahme auf den Markt bringen? 
„Der Schwerpunkt unseres Ansat- zes liegt also auf dem Erzählenden, auf Basis unseres Wissens um historische Aufführungspraxis, ergänzt um ein freies, intuitives Klangempfinden und Gesanglich- keit“, begründet Daniel Sepec im Beiheft, warum er gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilhar- monie Bremen dennoch eine eigene Version vorstellt. Der Geiger, der für seine Interpretation von Bibers Rosenkranzsonaten bereits den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik erhalten hat, setzt auf Klangbilder. So sollen Harfe, Cembalo und Laute im langsamen Satz des Konzertes L'Autunno einen „vernebelten Klang“ erzeugen, denn die Dorfbewohner liegen alkoholisiert herum. Der Betrunkene im ersten Satz wird durch unrhythmisches Spiel vorgeführt. Wer freilich die Geschichte kennt, die Vivaldi in seiner Musik erzählt, der kann leicht zu der Meinung gelangen, dass hier mitunter überzeichnet wird. 
Die Einspielung hat allerdings durchaus auch interessante Aspekte. Denn Sepec verwendet nicht die übliche, 1725 in Amsterdam im Druck erschienene Version als Quelle, sondern eine Fassung, die sich im sogenannten Manchester-Manuskript findet. Spannend ist diese Variante, weil sie offenbar älter ist als der Druck – und weil sie in etlichen Details abweicht. Insgesamt wirkt diese Version farbiger, runder, fertiger; das macht diese Aufnahme sehr reizvoll. 
Auch die Zugabe wird dem Hörer Freude bereiten: Sepec spielt ge- meinsam mit Florian Donderer La Follia, eine nicht ganz brave Sonate für zwei Violinen und Basso continuo. Um den Charakter dieses Werkes – Follia bedeutet soviel wie Verrücktheit oder Wahn- sinn – hervorzuheben, haben die Musiker das Continuo verstärkt, und Schlagwerk hinzugefügt. Das passt sehr schön, aber es  reicht letzten Endes doch nicht ganz bis zur Ekstase. 

Freitag, 15. März 2013

Komm, süßes Kreuz (Coviello)

Die ganze Farbenpracht barocker Gambenmusik präsentieren Frauke Hess und ihre Mitstreiter auf dieser CD. Im Mittelpunkt der Einspielung steht der sogenannte Stylus Phan- tasticus, eine musikalische Form, die zunächst in der Orgelmusik außerhalb der eigentlichen Liturgie aus der Improvisation entstanden ist, und bald auch auf andere Instrumente übertragen wurde.
Die Viola da gamba erfreute sich im späten 17. Jahrhundert in der Kammermusik großer Beliebtheit. Und so nutzten nicht nur berühmte Gambenvirtuosen „die allerfreieste und ungebundenste Setz-, Sing- und Spiel-Art“ - so nannte Johann Mattheson 1739 den Stylus Phan- tasticus - um ihr Instrument gekonnt zu präsentieren.
Auf dieser CD erklingen einige Werke, die zeigen, wie die Gambe in dieser innovativen Spielart der Barockmusik verwendet wurde. Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714) beispielsweise, Hofkapell- meister im Hause Schwarzburg-Rudolstadt, veröffentlichte 1694
VI Sonate à Violino e Viola da Gamba col suo Basso Continuo. In der dritten Sonate aus dieser Sammlung, die hier erklingt, tritt die Gambe in einen Dialog mit der in Skordatur gestimmten Violine. So ergibt sich eine klanglich reizvolle Triosonate.

August Kühnel (1645 bis um 1700), im Dienst beim Landgrafen von Hessen-Kassel, gehörte zu den berühmten Gambenvirtuosen jener Zeit. In Kassel erschienen 1698 seine Sonate o Partite ad una o due Viola da Gamba con il Basso Continuo; die ersten sechs dieser Werke sind für zwei Gamben geschrieben, ansonsten erklingt das Instrument solistisch. Auch enthält der Band anspruchsvolle und weniger schwierige Stücke, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Landgraf wohl selbst die Viola da gamba gespielt hat. Zwei Sonaten aus dieser Sammlung sind auf dieser CD zu hören.
Über das Leben von Johann Michael Kühnel ist wenig zu erfahren; es wird vermutet, dass er als Lautenist und Gambist in Potsdam, Weimar und Dresden gewirkt hat. Die CD stellt ein Concerto vor, in dem die Gambe gemeinsam mit der Laute zum Basso continuo konzertiert - eine rare, aber sehr aparte Kombination.
Auch Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) schrieb Kammermusik, in der er die Gambe einsetzte. So gehören zwei Bände mit je VII Sonate à due, Violino et Viola da Gamba con Cembalo zu den wenigen Werken des Komponisten, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden. Bereits der erste Band war so gefragt, dass der Verleger die Druckkosten für den zweiten übernahm. Die Sonata IV aus dieser Sammlung, die 1696 in Hamburg erschienen ist, gehört mit ihrer kunstvollen Verknüpfung von Stylus Phantasticus und Kontrapunkt zu den schönsten auf dieser CD. 
Johann Sebastian Bach verwendet die Viola da gamba in seiner Matthäuspassion, beispielsweise in Ja! Freilich will in uns das Fleisch und Blut/Komm, süßes Kreuz. Dort übernimmt sie einen Solopart, der den des Sängers beinahe zur Nebensache werden lässt - und wohl auch zu den schwierigsten der gesamten Gambenliteratur gehört. Bassbariton Dominik Wörner antwortet auf diese instrumentale Brillanz mit Theatralik - mein Fall ist das nicht. Aber ansonsten ist die CD mit der Gambistin Frauke Hess, Josh Cheatham an der zweiten Gambe sowie am Violone, Veronika Skuplik, Violine, Andreas Arend, Chitarrone und Barocklaute, und Torsten Johann an Orgel und Cem- balo sehr gelungen und stimmungsvoll.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Geld Macht Musik - Music for the Fugger Family (Coviello Classics)

Die Familie Fugger war nicht nur reich; sie pflegte auch einen Lebensstil, der einem Fürstenhaus durchaus angemessen gewesen wäre. So wurden die Fugger-Söhne selbstverständlich in den Künsten unterwiesen, und auf Kavalierstour geschickt. Dabei besuchten sie die Niederlassungen des Handels- hauses und übten sich in der jewei- ligen Landessprache. Anton Fug- ger, der Neffe von Jakob Fugger, genannte "der Reiche", forderte von seinen Söhnen darüber hinaus, dass sie "zu gepürender zeit musica, als singen, tantzen, fechten und dergleichen ehrlich kurzweil (...) lernen und ieben." 
Raymund Fugger, der Bruder Antons, sammelte neben Antiken auch Musikinstrumente - und sein Sohn Raymund d.J. erweiterte diese Kollektion zu einer der größten des 16. Jahrhunderts. Die Fugger erwarben zudem Musikdrucke und Manuskripte in ganz Europa, und bestellten in den besten Schreibstuben prachtvoll ausgestattete Sammelbände. Ihre Musikalienbibliothek bildet heute den Grund- stock der Musiksammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek und der Wiener Nationalbibliothek.
Die vorliegende CD stellt zwei Manuskripte vor, die wahrscheinlich durch Raymund d.J. in den Besitz der Familie Fugger gelangten. Sie befinden sich heute in Wien. Carmina quinque vocum aus der Werkstatt von Peter Imhoff alias Petrus Alamire im flämischen Me- chelen enthält durchweg Werke im fünfstimmigen Satz, zu Beginn des 16. Jahrhunderts hochmodern. Es wird vermutet, dass es sich um Bearbeitungen bekannter Vokalwerke für Consort handelt. 
Ein weiteres Manuskript von Lukas Wagenseil, der damals in Mün- chen wirkte, versammelt Musik aus dem Umkreis der habsburgischen Hofkapelle. Auf der CD erklingen zudem Stücke aus dem frühesten bekannten Tanzmusikdruck, einer Sammlung von Bartholomäus und Paul Hess, die 1555 in Breslau erschienen ist. Es spielt das Blockflö- tenconsort B-Five, gegründet 2003 in Barcelona - perfekt aufeinander abgestimmt und mit einer Klangsinnlichkeit, die begeistert. Drei Lie- der singt zudem Tenor Johannes Weiss. Die Musiker machen deutlich, dass die Familie Fugger nicht nur mit Geld und Macht umzugehen wusste.  

Montag, 15. August 2011

Zwischen Kerker und Krone (Coviello Classics)

Das Horn und die Violine waren die bevorzugten Instrument von Jan Václav Stich (1746 bis 1803). Der Titel dieser CD spielt auf seinen Lebensweg an: Leider hatte der Musiker, der ein berühmter Horn- virtuose werden sollte, das Pech, als Leibeigener auf die Welt zu kommen. Sein Herr, Graf Thun, erkannte das musikalische Talent des Sohnes seines Kutschers, und ließ Stich junior ausbilden. Dazu sandte er ihn nach Prag, Dobris und Dresden. Doch der Jüngling verspürte anschließend offenbar wenig Lust darauf, bis ans Ende seiner Tage in der Hofkapelle seines Herrn aufzuspielen, und ansonsten in Livree Dienst zu tun. 
1768 flüchtete Stich. Der Graf ließ ihn per Steckbrief suchen. Um den Häschern zu entrinnen, nannte sich der Musiker bald Giovanni Punto. Er musizierte für Persönlichkeiten wie den Kurfürsten von Mainz und den Fürstbischof von Würzburg; 1781 ging er nach Frankreich, wo er für den Grafen Artois spielte, den späteren König Karl X. Zusätzlich zu diesen festen Anstellungen ging der Hornist viel auf Reisen. Seine Tourneen führten ihn durch ganz Europa. Mozart kannte Punto, und seiner Freundschaft mit dem jungen Beethoven verdanken wir dessen einzige Bläsersonate. 
Die Compagnia di Punto - ein Kölner Ensemble, in dem Streicher und Bläser gemeinsam auf historischen Instrumenten musizieren - hat auf dieser CD Werke aus dem Umfeld Puntos eingespielt. "Das hat eher mit Puntos Schwächen zu tun", begründet Christian Binde, der Hor- nist des Ensembles, diese Auswahl: "Er war Hornist, Geiger, Konzert- meister und Kapellmeister, aber als Komponist war er nicht beson- ders geschätzt, was man bei aller Bewunderung auch nachvoll- ziehen kann. Aber er hat mit einem feinen Gespür arrangiert, und das Quintett  von Fiorillo auf dieser Aufnahme ist ein Arrangement von Punto. Johann Andreas Amon war Schüler Puntos und daher dürften die Werke seines Lehrers Vorbild für seine Quintette gewesen sein. Johann Michael Mettenleitner war der Nachfolger von Amon in Oettingen-Wallerstein und auf diese Weise stehen alle Werke auf unserer CD in Verbindung mit Giovanni Punto." 
Horn, Traversflöte, Violine, Viola und Violoncello - das ist klanglich eine spannende Besetzung. Doch Werke dafür dürften Raritäten sein. Es wird sehr spannend sein, welchem Repertoire sich die exzellent ausgebildeten jungen Musiker in Zukunft zuwenden wollen - und ob die Compagnia di Punto bestand hat.