In Mégève in den Savoyen kam er zur Welt, er betrachtete sich selbst als Deutschen, hatte aber schottische Vorfahren, und in seiner Musik sind neben französischen vor allem italienische Einflüsse deutlich zu spüren – Georg Muffat (1653 bis 1704) war Europäer mit Leib und Seele, und das prägte auch seine Kompositionen.
Nach Studien bei Lully in Paris sowie bei Pasquini und Corelli in Rom wirkte Muffat im Elsaß, in Wien, Prag, Salzburg und Passau. In den fünf Kammersonaten, die Muffat 1682 nach seiner Rückkehr aus Italien in Salzburg unter dem Titel Armonico Tributo veröffentlichte, kombinierte er französische Grazie und italienische Formen; vor allem Corellis Concerti grossi waren ihm dabei offensichtlich ein wichtiges Vorbild.
Bei der Wahl der Instrumente räumte Muffat den Interpreten sehr viel Spielraum ein; Armonico Tributo ist sowohl als Kammermusik als auch mit einem Orchester aufführbar. Gunar Letzbor und sein Ensemble Ars Antiqua Austria haben sich für eine schlank besetzte Version entschieden. Diese Einspielung möchte man immer wieder anhören, denn sie sprüht geradezu von Musizierlust. Grandios!
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Dienstag, 26. November 2019
Donnerstag, 22. August 2019
Festive Masses for Lambach Abbey (Accent)
Die Benediktinerabtei Lambach, im Herzen von Oberösterreich, hat nicht nur eine prächtige Kirche mit kulturhistorisch wertvollen Fresken. Sie hat auch ein höchst interessantes Archiv, mit einer reichen Notenkollektion. Dort wurde Gunar Letzbor, mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria immer wieder auf der Suche nach bislang unentdeckten Werken, im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Schaffen P. Romanus Weichleins noch auf zwei weitere Komponisten aufmerksam: Benjamin Ludwig Ramhaufski (um 1631 bis 1694) und Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731). Sie lebten und musizierten ebenfalls im Kloster Lambach.
Hochreiter entstammte wohl einer Musikerdynastie. Seine Vorfahren sollen als Sänger am Salzburger Dom gewirkt haben. Der Junge war Chorsänger am Salzburger Kapellhaus, das zu dieser Zeit von keinem geringeren als Heinrich Ignaz Franz von Biber geleitet wurde. Er besuchte das Gymnasium und studierte an der Universität Salzburg, wo er 1688 das Magister-Examen ablegte.
Im Stift Lambach wirkte er als Organist und Chorpräfekt; allerdings war er mit den Bedingungen dort nicht wirklich zufrieden, so dass er sich schließlich eine neue Anstellung suchte: 1721 wurde er Domstiftsorganist in Salzburg. Im Kloster Lambach sind viele seiner Werke überliefert; für diese Einspielung wurde die Missa ad multos annos ausgewählt, die Hochreither 1705 zur Weihe des Abtes Maximilian Pagel geschrieben hat.
Benjamin Ludwig Ramhaufski war Hochreithers Amtsvorgänger im Stift Lambach. Der Organist und Komponist stammte aus Prag. Er begann seine Ausbildung als Kapellknabe beim Fürsten Martenitz in Passau, und kam 1648 in das Kloster, wo ihn Abt Placidus Hieber 1653 als Organisten beschäftigte. Das ist durchaus spannend, denn die Stiftsorgel wurde 1653 bis 1657 von dem Straubinger Christoph Egedacher erbaut. Es könnte also gut möglich sein, dass Ramhaufski die Konzeption dafür mit entwickelt hat.
Auch sonst muss er einen exzellenten Ruf genossen haben, denn die Benediktineruniversität Salzburg gab mehrfach Musiktheaterstücke bei ihm in Auftrag. Leider sind keine dieser Kompositionen mehr aufzufinden. Entdeckt wurde aber eine Missa á 23 aus dem Jahre 1670 im Stift Kremsmünster, dem dortigen Abt gewidmet.
Die beiden Werke sind musikalisch gehaltvoll. „Wie war es möglich, dass in Stiften zur Zeit schrecklicher Kriege und Seuchen mitten im Oberösterreicher Bauernland solche komplexen und anspruchsvollen Partituren zum Klingen gebracht werden konnten?“, staunt Gunar Letzbor. Mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria, den Vokalsolisten Radu Marian, Sopran, Markus Forster, Alt, Thomas Künne und Bernd Fröhlich, Tenor, sowie Gerd Kenda und Ullrich Staber, Bass, und St. Florianer Sängerknaben zeigt er, welche Klangpracht damals zu festlichen Anlässen aufgeboten wurde.
Die beiden heute nahezu unbekannten Barockkomponisten begeistern mit einer Vielzahl von Klangeffekten. So sorgt in der Missa ad multos annos ein Trompetenchor für den strahlenden Glanz der göttlichen Herrlichkeit; ihm antworten fünfstimmig die Sängerstimmen, wobei die stark besetzten Soprane den Trompeten an Strahlkraft kaum nachstehen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie souverän die St. Florianer Sängerknaben agieren, und es ist eine große Leistung des Chorleiters Franz Farnberger, der immer wieder exzellente Stimmen ausbildet. Gemeinsam mit den erwachsenen Kollegen und den brillanten Musikern um Letzbor gestalten die Jungs auf dieser CD ein überwältigendes barockes Klangspektakel. Sehr beeindruckend!
Hochreiter entstammte wohl einer Musikerdynastie. Seine Vorfahren sollen als Sänger am Salzburger Dom gewirkt haben. Der Junge war Chorsänger am Salzburger Kapellhaus, das zu dieser Zeit von keinem geringeren als Heinrich Ignaz Franz von Biber geleitet wurde. Er besuchte das Gymnasium und studierte an der Universität Salzburg, wo er 1688 das Magister-Examen ablegte.
Im Stift Lambach wirkte er als Organist und Chorpräfekt; allerdings war er mit den Bedingungen dort nicht wirklich zufrieden, so dass er sich schließlich eine neue Anstellung suchte: 1721 wurde er Domstiftsorganist in Salzburg. Im Kloster Lambach sind viele seiner Werke überliefert; für diese Einspielung wurde die Missa ad multos annos ausgewählt, die Hochreither 1705 zur Weihe des Abtes Maximilian Pagel geschrieben hat.
Benjamin Ludwig Ramhaufski war Hochreithers Amtsvorgänger im Stift Lambach. Der Organist und Komponist stammte aus Prag. Er begann seine Ausbildung als Kapellknabe beim Fürsten Martenitz in Passau, und kam 1648 in das Kloster, wo ihn Abt Placidus Hieber 1653 als Organisten beschäftigte. Das ist durchaus spannend, denn die Stiftsorgel wurde 1653 bis 1657 von dem Straubinger Christoph Egedacher erbaut. Es könnte also gut möglich sein, dass Ramhaufski die Konzeption dafür mit entwickelt hat.
Auch sonst muss er einen exzellenten Ruf genossen haben, denn die Benediktineruniversität Salzburg gab mehrfach Musiktheaterstücke bei ihm in Auftrag. Leider sind keine dieser Kompositionen mehr aufzufinden. Entdeckt wurde aber eine Missa á 23 aus dem Jahre 1670 im Stift Kremsmünster, dem dortigen Abt gewidmet.
Die beiden Werke sind musikalisch gehaltvoll. „Wie war es möglich, dass in Stiften zur Zeit schrecklicher Kriege und Seuchen mitten im Oberösterreicher Bauernland solche komplexen und anspruchsvollen Partituren zum Klingen gebracht werden konnten?“, staunt Gunar Letzbor. Mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria, den Vokalsolisten Radu Marian, Sopran, Markus Forster, Alt, Thomas Künne und Bernd Fröhlich, Tenor, sowie Gerd Kenda und Ullrich Staber, Bass, und St. Florianer Sängerknaben zeigt er, welche Klangpracht damals zu festlichen Anlässen aufgeboten wurde.
Die beiden heute nahezu unbekannten Barockkomponisten begeistern mit einer Vielzahl von Klangeffekten. So sorgt in der Missa ad multos annos ein Trompetenchor für den strahlenden Glanz der göttlichen Herrlichkeit; ihm antworten fünfstimmig die Sängerstimmen, wobei die stark besetzten Soprane den Trompeten an Strahlkraft kaum nachstehen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie souverän die St. Florianer Sängerknaben agieren, und es ist eine große Leistung des Chorleiters Franz Farnberger, der immer wieder exzellente Stimmen ausbildet. Gemeinsam mit den erwachsenen Kollegen und den brillanten Musikern um Letzbor gestalten die Jungs auf dieser CD ein überwältigendes barockes Klangspektakel. Sehr beeindruckend!
Sonntag, 30. Dezember 2018
Mayr: Psalms from Sacri Concentus 1681 (Challenge Classics)
„Ich komme aus den Bergen und ich liebe steinige Wege!“, schreibt Gunar Letzbor in seinem Geleitwort zu dieser Aufnahme. Als Geiger dürfte er auch mit den Mühen der Ebene ver- traut sein, denn eine Voraussetzung dafür, das Instrument exzellent zu spielen, ist jahrelanges beharrliches Üben – mit viel Geduld, Fortschritten und Rückschlägen. Die Ausbildung eines Sängers verläuft ähnlich; sie beginnt traditionell schon im Kindesalter. „Ich danke dem lieben Gott, dass er in St. Florian ein Sängerknaben-Institut bis zum heutigen Tag hat bestehen lassen“, meint Letzbor. „Wir konnten mit AAA schon von Anfang an mit diesen Knabenstimmen musizieren, ein Privileg!“
Auf dieser CD erklingen Psalmkonzerte von Rupert Ignaz Mayr (1646 bis 1712), die Sänger, Solovioline und Basso continuo gleichermaßen fordern. Mayr stammte aus Oberösterreich und erhielt seine musikalische Ausbildung vermutlich in Passau. Als Violinist musizierte er in Freising, Eichstätt, Regensburg und Passau. 1685 ging Mayr nach München, wo er in der kurfürstlichen Hofkapelle musizierte. Der Kurfürst schickte ihn zur weiteren Ausbildung nach Paris zu Jean-Baptiste Lully. Ansonsten orientierte sich die Musik am Münchner Hof aber an italienischen Vorbildern.
1706 wurde Mayr in Freising zum fürstbischöflichen Hofkapellmeister ernannt. In diesem Amt komponierte er neben Kirchen- und Instrumen- talmusik offenbar auch für das Schultheater. In seinen Werken erinnert er an Zeitgenossen wie Johann Caspar von Kerll, Johann Philipp Krieger oder die österreichischen Musiker um Heinrich Ignaz Franz Biber.
Diese CD mit Psalmvertonungen zeigt, dass Mayr auch protestantische Einflüsse durchaus nicht ignorierte. Insbesondere das Geistliche Konzert fand er interessant, wie seine äußerst anspruchsvollen Psalmkompo- sitionen aus den Sacri Concentus 1681 belegen. Es singen Fabian Winkelmaier, Knabensopran der St. Florianer Sängerknaben, Alois Mühlbacher, Sopran, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied des renommierten Knabenchores, der nun schon seit vielen Jahren erfolgreich von Franz Farnberger geleitet wird, Markus Forster, Alt, Markus Miesenberger, Tenor, und Gerd Kenda, Bass. Ebenso individuell wie die Sänger agieren auch die Musiker von Ars Antiqua Austria und Gunar Letzbor, der die Solo-Violine spielt und das Ensemble leitet.
Auf dieser CD erklingen Psalmkonzerte von Rupert Ignaz Mayr (1646 bis 1712), die Sänger, Solovioline und Basso continuo gleichermaßen fordern. Mayr stammte aus Oberösterreich und erhielt seine musikalische Ausbildung vermutlich in Passau. Als Violinist musizierte er in Freising, Eichstätt, Regensburg und Passau. 1685 ging Mayr nach München, wo er in der kurfürstlichen Hofkapelle musizierte. Der Kurfürst schickte ihn zur weiteren Ausbildung nach Paris zu Jean-Baptiste Lully. Ansonsten orientierte sich die Musik am Münchner Hof aber an italienischen Vorbildern.
1706 wurde Mayr in Freising zum fürstbischöflichen Hofkapellmeister ernannt. In diesem Amt komponierte er neben Kirchen- und Instrumen- talmusik offenbar auch für das Schultheater. In seinen Werken erinnert er an Zeitgenossen wie Johann Caspar von Kerll, Johann Philipp Krieger oder die österreichischen Musiker um Heinrich Ignaz Franz Biber.
Diese CD mit Psalmvertonungen zeigt, dass Mayr auch protestantische Einflüsse durchaus nicht ignorierte. Insbesondere das Geistliche Konzert fand er interessant, wie seine äußerst anspruchsvollen Psalmkompo- sitionen aus den Sacri Concentus 1681 belegen. Es singen Fabian Winkelmaier, Knabensopran der St. Florianer Sängerknaben, Alois Mühlbacher, Sopran, ebenfalls ein ehemaliges Mitglied des renommierten Knabenchores, der nun schon seit vielen Jahren erfolgreich von Franz Farnberger geleitet wird, Markus Forster, Alt, Markus Miesenberger, Tenor, und Gerd Kenda, Bass. Ebenso individuell wie die Sänger agieren auch die Musiker von Ars Antiqua Austria und Gunar Letzbor, der die Solo-Violine spielt und das Ensemble leitet.
Mittwoch, 25. April 2018
Weichlein: Messen (Accent)
Wieder einmal präsentiert Gunar Letzbor Werke eines wenig bekann- ten österreichischen Komponisten: P. Romanus Weichlein (1652 bis 1706) war Benediktiner und gehörte dem Stift Lambach an. Er entstammte einer Linzer Musikerdynastie. Andreas Franz Weichlein, so sein Taufname, erhielt ersten Unterricht im Geigenspiel sowie am Clavier wahrscheinlich von seinem Vater, einem Organisten, sowie dem Lam- bacher Stiftsorganisten Benjamin Ludwig Ramhaufski. 1671 trat er als Novize in das Kloster ein. Er studierte Theologie und Philosophie in Salzburg, wo er möglicherweise auch Musikunterricht bei Heinrich Ignaz Franz Biber nahm.
Nach seiner Priesterweihe 1678 war er als Gemeindepfarrer eingesetzt. 1687 wurde er Kaplan und Musikpräfekt im Salzburger Benediktinerin- nenstift Nonnberg; auf Bitten der Äbtissin wurde er 1691 in die neu gegründete Expositur Säben im Südtirol entsandt, wo er bis Januar 1705 tätig war. Dann kehrte er in sein Heimatkloster zurück. Doch schon nach einigen Wochen schickte man ihn wieder in den Pfarrdienst – nach Kleinfrauenhaid im Burgenland. Dort starb er 1706.
Viel mehr ist über den Lebensweg von Pater Weichlein nicht bekannt. Letzbor wurde bei Recherchen auf den Komponisten aufmerksam, der nicht nur Kirchenmusik, sondern auch Werke für die Violine geschrieben hat. Für diese Einspielung allerdings stand der Geiger am Dirigentenpult; mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria und den St. Florianer Sängerknaben stellt er auf dieser Doppel-CD vor allem Messen von Romanus Weichlein vor.
Letzbor will damit nicht nur auf ein Repertoire hinweisen, das seit dem Tode des Komponisten kaum noch aufgeführt worden sein dürfte. Er forscht zudem beständig nach, um herauszufinden, wie diese Musik einstmals geklungen haben könnte. Seine wichtigste Erkenntnis, die auch diese Aufnahme entscheidend geprägt hat: „Es verwundert mich seit langer Zeit, dass gerade berühmte Musiker aus der Alten Musik-Szene auf die Stimmen von Chorknaben bei der Aufführung kirchenmusika- lischer Werke vor Beethoven verzichten“, notierte der Musiker im Beiheft.
Noch im 19. Jahrhundert habe es in Österreich erhebliche Widerstände gegen den Einsatz von Sängerinnen in der Kirchenmusik gegeben. Und auch wenn es verlockend erscheint – aber selbst größere Gruppen von Chorsängern lassen sich nicht einsetzen, wenn man den ursprünglichen Klang rekonstruieren möchte.
Denn selbst an bedeutenden Kirchen standen nur kleine Besetzungen zur Verfügung: „Am Passauer Dom sangen beispielsweise lange Zeit nicht mehr als vier Knabensoprane Figuralmusik und noch weniger Knaben- altisten“, hat Letzbor festgestellt. „In kleineren Kirchenmusiken waren zwei bis drei Knaben eingestellt. In der vorliegenden Aufnahme haben wir die Sängerbesetzung also nochmals reduziert. Manche Knaben sangen nur bei Fortestellen im Tutti.“
Die St. Florianer Sängerknaben freilich bewältigen ihre Partien mühelos – der Chor beeindruckt seit Jahren, und selbst die jüngsten Mitwirkenden sind bereits hervorragend ausgebildet. Immer wieder fällt auf, wie viele schöne und gut geschulte Solostimmen aus dem Ensemble, das von Franz Farnberger geleitet wird, jederzeit hervortreten können. Ergänzt werden die jungen Sänger bei dieser Aufnahme durch Männerstimmen aus dem Kepler Konsort Linz bzw. dem Wiener Vokalensemble Nova.
Bei der Missa Rectorum Cordium, sechsstimmig sowie mit Pauken, Trompeten und Posaunen, hat sich Letzbor allerdings nicht allein auf die Knabenstimmen verlassen. Auf CD 1 sind bei den Solopartien neben dem St. Florianer Sängerknaben Martin Wild der Sopranist Radu Marian und Alto Markus Forster zu hören. Insgesamt ist festzustellen, dass diese Auf- nahme Weichleins Werke gekonnt und in all ihrer Klangpracht vorstellt. Rundum erfreulich!
Nach seiner Priesterweihe 1678 war er als Gemeindepfarrer eingesetzt. 1687 wurde er Kaplan und Musikpräfekt im Salzburger Benediktinerin- nenstift Nonnberg; auf Bitten der Äbtissin wurde er 1691 in die neu gegründete Expositur Säben im Südtirol entsandt, wo er bis Januar 1705 tätig war. Dann kehrte er in sein Heimatkloster zurück. Doch schon nach einigen Wochen schickte man ihn wieder in den Pfarrdienst – nach Kleinfrauenhaid im Burgenland. Dort starb er 1706.
Viel mehr ist über den Lebensweg von Pater Weichlein nicht bekannt. Letzbor wurde bei Recherchen auf den Komponisten aufmerksam, der nicht nur Kirchenmusik, sondern auch Werke für die Violine geschrieben hat. Für diese Einspielung allerdings stand der Geiger am Dirigentenpult; mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria und den St. Florianer Sängerknaben stellt er auf dieser Doppel-CD vor allem Messen von Romanus Weichlein vor.
Letzbor will damit nicht nur auf ein Repertoire hinweisen, das seit dem Tode des Komponisten kaum noch aufgeführt worden sein dürfte. Er forscht zudem beständig nach, um herauszufinden, wie diese Musik einstmals geklungen haben könnte. Seine wichtigste Erkenntnis, die auch diese Aufnahme entscheidend geprägt hat: „Es verwundert mich seit langer Zeit, dass gerade berühmte Musiker aus der Alten Musik-Szene auf die Stimmen von Chorknaben bei der Aufführung kirchenmusika- lischer Werke vor Beethoven verzichten“, notierte der Musiker im Beiheft.
Noch im 19. Jahrhundert habe es in Österreich erhebliche Widerstände gegen den Einsatz von Sängerinnen in der Kirchenmusik gegeben. Und auch wenn es verlockend erscheint – aber selbst größere Gruppen von Chorsängern lassen sich nicht einsetzen, wenn man den ursprünglichen Klang rekonstruieren möchte.
Denn selbst an bedeutenden Kirchen standen nur kleine Besetzungen zur Verfügung: „Am Passauer Dom sangen beispielsweise lange Zeit nicht mehr als vier Knabensoprane Figuralmusik und noch weniger Knaben- altisten“, hat Letzbor festgestellt. „In kleineren Kirchenmusiken waren zwei bis drei Knaben eingestellt. In der vorliegenden Aufnahme haben wir die Sängerbesetzung also nochmals reduziert. Manche Knaben sangen nur bei Fortestellen im Tutti.“
Die St. Florianer Sängerknaben freilich bewältigen ihre Partien mühelos – der Chor beeindruckt seit Jahren, und selbst die jüngsten Mitwirkenden sind bereits hervorragend ausgebildet. Immer wieder fällt auf, wie viele schöne und gut geschulte Solostimmen aus dem Ensemble, das von Franz Farnberger geleitet wird, jederzeit hervortreten können. Ergänzt werden die jungen Sänger bei dieser Aufnahme durch Männerstimmen aus dem Kepler Konsort Linz bzw. dem Wiener Vokalensemble Nova.
Bei der Missa Rectorum Cordium, sechsstimmig sowie mit Pauken, Trompeten und Posaunen, hat sich Letzbor allerdings nicht allein auf die Knabenstimmen verlassen. Auf CD 1 sind bei den Solopartien neben dem St. Florianer Sängerknaben Martin Wild der Sopranist Radu Marian und Alto Markus Forster zu hören. Insgesamt ist festzustellen, dass diese Auf- nahme Weichleins Werke gekonnt und in all ihrer Klangpracht vorstellt. Rundum erfreulich!
Samstag, 4. Februar 2017
Biber: Missa Alleluja (Accent)
Warum sich Gunar Letzbor mit sei- nem Ensemble Ars Antiqua Austria immer wieder der Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) zuwendet, das erklärt der Geiger im Beiheft zu dieser CD – kurz und bündig: „Ein Genie, dessen Lebens- geschichte noch größtenteils unerforscht ist, ein Violinvirtuose, der die Technik des Geigenspiels in Österreich auf eine unglaublich hohe Entwicklungsstufe emporgehoben hat, ein Mensch mit unglaublicher Fantasiefähigkeit und Mut zur Abstraktion.“
Biber wirkte erst in Kremsier und dann in Salzburg in der bischöflichen Hofkapelle. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet; wer sich dafür interessiert, der findet die entsprechenden Texte am schnellsten durch Klicken auf das Schlagwort „Biber“. Auf der vorlie- genden CD kombiniert Letzbor einmal mehr Vokalmusik des Komponisten mit einem seiner hinreißenden Werke für die Geige.
Das Glanzstück dieser Einspielung ist, ohne Zweifel, die Missa Alleluja a 36 voci, eine groß besetzte Messe, mehrchörig und ausgesprochen pracht- voll, mit Pauken und Trompeten. Warum allerdings die Sängerbesetzung auf die Hälfte reduziert wurde, das ist mir ein Rätsel – Biber schreibt ausdrücklich 8 voci concerti, 8 voci ripieni, hier sind aber insgesamt nur neun Vokalisten zugange, die gegen die Instrumentalchöre oftmals leider etwas schwächlich klingen.
Zu loben sind allerdings die drei Sopranisten; Josef Pascal Auer, Simon Paul Bernhard und Daniel Mandl von den St. Florianer Sängerknaben können mit ihren strahlenden Knabenstimmen überzeugen. Alois Mühlbacher, der vor dem Stimmbruch mehrere Solo-CD mit teilweise abenteuerlichem Repertoire veröffentlicht hat – was er aber grandios bewältigte, unterstützt durch Chorleiter Franz Farnberger – ist nunmehr offensichtlich ins Countertenor-Fach gewechselt. Gemeinsam mit Markus Forster singt Mühlbacher Altus. Dazu gesellen sich die Tenöre Markus Miesenberger und Bernd Lambauer sowie Gerhard Kenda und Ulfried Staber, Bass. Es musiziert das Ensemble Ars Antiqua Austria, diesmal gleich mit zwei Orgelpositiven sowie mit einer ebenso brillanten wie kopfstarken Bläsergruppe. Sechs (!) Trompeten, drei Posaunen und zwei Zinke – das ist wirklich eine Luxusbesetzung; die Sänger haben aber leider ihre Not, sich gegen die beiden Bläserchöre zu behaupten.
Die beiden wundervollen Solokantaten Nisi Dominus und Hic est panis singt Gerhard Kenda, und man freut sich, endlich einmal wieder einen richtigen Bass zu hören; im Dialog mit Letzbors Violine sowie mit Erich Traxler, Orgel und beim Nisi Dominus auch mit Hubert Hoffmann, Theorbe. Eine Pastorella Bibers, von Letzbor aufgespürt in den legendären Notenbeständen des Wiener Minoritenklosters, führt den Zuhörer zudem direkt in das Weihnachtsgeschehen. Wir erleben, wie der Engel seine Botschaft verkündet, und wir treten mit den Hirten zur Krippe, die die Geburt Jesu ausgelassen feiern – natürlich vor dem Stall; das Kind soll ja nicht erschrecken.
Biber wirkte erst in Kremsier und dann in Salzburg in der bischöflichen Hofkapelle. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet; wer sich dafür interessiert, der findet die entsprechenden Texte am schnellsten durch Klicken auf das Schlagwort „Biber“. Auf der vorlie- genden CD kombiniert Letzbor einmal mehr Vokalmusik des Komponisten mit einem seiner hinreißenden Werke für die Geige.
Das Glanzstück dieser Einspielung ist, ohne Zweifel, die Missa Alleluja a 36 voci, eine groß besetzte Messe, mehrchörig und ausgesprochen pracht- voll, mit Pauken und Trompeten. Warum allerdings die Sängerbesetzung auf die Hälfte reduziert wurde, das ist mir ein Rätsel – Biber schreibt ausdrücklich 8 voci concerti, 8 voci ripieni, hier sind aber insgesamt nur neun Vokalisten zugange, die gegen die Instrumentalchöre oftmals leider etwas schwächlich klingen.
Zu loben sind allerdings die drei Sopranisten; Josef Pascal Auer, Simon Paul Bernhard und Daniel Mandl von den St. Florianer Sängerknaben können mit ihren strahlenden Knabenstimmen überzeugen. Alois Mühlbacher, der vor dem Stimmbruch mehrere Solo-CD mit teilweise abenteuerlichem Repertoire veröffentlicht hat – was er aber grandios bewältigte, unterstützt durch Chorleiter Franz Farnberger – ist nunmehr offensichtlich ins Countertenor-Fach gewechselt. Gemeinsam mit Markus Forster singt Mühlbacher Altus. Dazu gesellen sich die Tenöre Markus Miesenberger und Bernd Lambauer sowie Gerhard Kenda und Ulfried Staber, Bass. Es musiziert das Ensemble Ars Antiqua Austria, diesmal gleich mit zwei Orgelpositiven sowie mit einer ebenso brillanten wie kopfstarken Bläsergruppe. Sechs (!) Trompeten, drei Posaunen und zwei Zinke – das ist wirklich eine Luxusbesetzung; die Sänger haben aber leider ihre Not, sich gegen die beiden Bläserchöre zu behaupten.
Die beiden wundervollen Solokantaten Nisi Dominus und Hic est panis singt Gerhard Kenda, und man freut sich, endlich einmal wieder einen richtigen Bass zu hören; im Dialog mit Letzbors Violine sowie mit Erich Traxler, Orgel und beim Nisi Dominus auch mit Hubert Hoffmann, Theorbe. Eine Pastorella Bibers, von Letzbor aufgespürt in den legendären Notenbeständen des Wiener Minoritenklosters, führt den Zuhörer zudem direkt in das Weihnachtsgeschehen. Wir erleben, wie der Engel seine Botschaft verkündet, und wir treten mit den Hirten zur Krippe, die die Geburt Jesu ausgelassen feiern – natürlich vor dem Stall; das Kind soll ja nicht erschrecken.
Sonntag, 13. November 2016
Vejvanovsky: Festive Baroque Music for Trumpets and Strings (Pan Classics)
Pavel Josef Vejvanovský (?1633 bis 1693) ist immer wieder hörenswert – und diese Aufnahme, eingespielt von Gunar Letzbor mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria, ist rundum gelungen. Vejvanovský wirkte am Hof des kunstsinnigen Fürstbischofs Karl von Liechtenstein-Kastelkorn in Kremsier, heute Kromĕříž. Die Stadt, in Dreißigjährigen Krieg zerstört und nach seinem Regierungsantritt neu aufgebaut, gilt noch heute als „Athen Mährens“, und als schönste histori- sche Stadt Tschechiens obendrein. Das Schloss, das der Bischof errichten ließ, gehört mit seinen Gartenanlagen zum Unesco-Weltkulturerbe.
Die Gemäldegalerie, die Karl von Liechtenstein-Kastelkorn begründete, folgt im Rang gleich auf die Prager Nationalgalerie. Sein Orchester bestand im Jahre 1695 aus 38 Instrumentalisten – zum Vergleich: Die Wiener Hofkapelle konnte damals gerade einmal 23 Musiker aufbieten. Und die Musikaliensammlung des Bischofs umfasste mehr als tausend Bände; im Mittelpunkt dieser Kollektion steht die Instrumentalmusik.
Auch Vejvanovský hat dafür viele Seiten abgeschrieben, und zudem die Sammlung seines Dienstherrn durch zahlreiche eigene Kompositionen bereichert. Nach der Abreise von Heinrich Franz Ignaz Biber nach Salzburg im Jahre 1670 übernahm der Trompeter die Aufgaben des Kapellmeisters am Hof sowie an der Stiftskirche. Etwa hundert Werke, die er für die Hofkapelle und die Kirchenmusik geschaffen hat, sind im Archiv des Schlosses in Kremsier sowie in der Musikabteilung des Nationalmuse- ums in Prag überliefert. Gunar Letzbor hat sich mit Ars Antiqua Austria vor allem den Sonaten, Serenaden und Balletten Vejvanovskýs zugewandt. Dabei erlebt der Hörer so manche Überraschung, denn diese Musikstücke erinnern sowohl in ihrer Harmonik als auch in den Techniken des Kon- zertierens oftmals eher an die Musik der Renaissance. Man fühlt sich an die venezianische Mehrchörigkeit erinnert, doch sie wird nicht einfach kopiert, sondern auf eine ebenso eigenwillige wie reizvolle Weise mit lokalen Traditionen und musikalischen Trends verknüpft. Die CD enthält so manche Entdeckung – und die Musiker um Letzbor spielen einmal mehr brillant. Bravi! Unbedingt anhören.
Die Gemäldegalerie, die Karl von Liechtenstein-Kastelkorn begründete, folgt im Rang gleich auf die Prager Nationalgalerie. Sein Orchester bestand im Jahre 1695 aus 38 Instrumentalisten – zum Vergleich: Die Wiener Hofkapelle konnte damals gerade einmal 23 Musiker aufbieten. Und die Musikaliensammlung des Bischofs umfasste mehr als tausend Bände; im Mittelpunkt dieser Kollektion steht die Instrumentalmusik.
Auch Vejvanovský hat dafür viele Seiten abgeschrieben, und zudem die Sammlung seines Dienstherrn durch zahlreiche eigene Kompositionen bereichert. Nach der Abreise von Heinrich Franz Ignaz Biber nach Salzburg im Jahre 1670 übernahm der Trompeter die Aufgaben des Kapellmeisters am Hof sowie an der Stiftskirche. Etwa hundert Werke, die er für die Hofkapelle und die Kirchenmusik geschaffen hat, sind im Archiv des Schlosses in Kremsier sowie in der Musikabteilung des Nationalmuse- ums in Prag überliefert. Gunar Letzbor hat sich mit Ars Antiqua Austria vor allem den Sonaten, Serenaden und Balletten Vejvanovskýs zugewandt. Dabei erlebt der Hörer so manche Überraschung, denn diese Musikstücke erinnern sowohl in ihrer Harmonik als auch in den Techniken des Kon- zertierens oftmals eher an die Musik der Renaissance. Man fühlt sich an die venezianische Mehrchörigkeit erinnert, doch sie wird nicht einfach kopiert, sondern auf eine ebenso eigenwillige wie reizvolle Weise mit lokalen Traditionen und musikalischen Trends verknüpft. Die CD enthält so manche Entdeckung – und die Musiker um Letzbor spielen einmal mehr brillant. Bravi! Unbedingt anhören.
Donnerstag, 29. September 2016
Vivaldi: The Four Seasons (Challenge Classics)
„Warum Vivaldi? Warum die Vier Jahreszeiten und warum gerade jetzt? Diese Fragen stellen sich sicherlich viele Freunde, die den Werdegang von Ars Antiqua Austria seit Jahren mitverfolgt haben“, schreibt Gunar Letzbor im Beiheft zu dieser CD. „Die Verlockung, seine Musik auf unsere Konzertprogram- me zu setzen, war sicherlich immer groß. Allein sein Name garantiert viele Besucher und erleichtert Ver- handlungen mit Konzertveran- staltern“, räumt der Geiger ein.
Dagegen spricht, dass die Musik des berühmten Venezianers heutzutage allgegenwärtig ist. Die vier Jahreszei- ten sind derzeit wohl das am häufigsten aufgenommene Werk der Musik- geschichte. Und um in diesem Wust an Einspielungen wahrgenommen zu werden, entwickeln Musiker einen geradezu olympischen Ehrgeiz: „Wer spielt eigentlich die Läufe (..) am schnellsten? Wer kratzt, quietscht, heult, säuselt, klopft und donnert daselbst am extremsten? Wer hier punkten will, muss alles Bisherige überbieten“, ätzt Letzbor. „Es ist wie bei einer Sportveranstaltung. Da zählen Millimeter und Hundertstel- sekunden!“
Auf der CD hat Ars Antiqua Austria Die vier Jahreszeiten mit dem Violin- konzert in d-Moll von František Jiránek (1698 bis 1778) gekoppelt. Der Zusammenhang ergibt sich über den Widmungsträger – „Signor Venceslao Conte di Marzin“, Graf Wenzel Morzin, dem Vivaldi verbunden war, und dem er Die vier Jahreszeiten widmete. Jiránek, Sohn von Bediensteten des Grafen, schickte dieser im Jahre 1624 zur Ausbildung nach Venedig, wo er drei Jahre lernte – bei Vivaldi oder aber in dessen Umfeld. Nach Prag zurückgekehrt, musizierte er wieder in der Kapelle des Grafen. 1637, nach dem Tode seines Dienstherren, ging er nach Dresden, wo er in der Kapelle des Grafen Brühl wirkte. Er verbrachte des Rest seines Lebens in der sächsischen Residenzstadt. Überliefert sind von ihm ausschließlich Instrumentalwerke, wobei die Geige klar im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Das Konzert auf dieser CD kombiniert auf eine ausgesprochen reizvolle Weise böhmische und italienische Einflüsse. Mir persönlich gefällt auch die Interpretation dieser Entdeckung weit besser als das Resultat von Letzbors Auseinandersetzung mit den Vier Jahreszeiten. Denn der Versuch, Vivaldis berühmte Violinkonzerte frisch und unver- braucht klingen zu lassen, führt letzten Endes auch Letzbor und das Ensemble Ars Antiqua Austria ins Extrem. Diese Musik einfach Musik sein zu lassen, und weder ins Sportive noch ins Theatralische zu übertreiben, das muss enorm schwierig sein.
Dagegen spricht, dass die Musik des berühmten Venezianers heutzutage allgegenwärtig ist. Die vier Jahreszei- ten sind derzeit wohl das am häufigsten aufgenommene Werk der Musik- geschichte. Und um in diesem Wust an Einspielungen wahrgenommen zu werden, entwickeln Musiker einen geradezu olympischen Ehrgeiz: „Wer spielt eigentlich die Läufe (..) am schnellsten? Wer kratzt, quietscht, heult, säuselt, klopft und donnert daselbst am extremsten? Wer hier punkten will, muss alles Bisherige überbieten“, ätzt Letzbor. „Es ist wie bei einer Sportveranstaltung. Da zählen Millimeter und Hundertstel- sekunden!“
Auf der CD hat Ars Antiqua Austria Die vier Jahreszeiten mit dem Violin- konzert in d-Moll von František Jiránek (1698 bis 1778) gekoppelt. Der Zusammenhang ergibt sich über den Widmungsträger – „Signor Venceslao Conte di Marzin“, Graf Wenzel Morzin, dem Vivaldi verbunden war, und dem er Die vier Jahreszeiten widmete. Jiránek, Sohn von Bediensteten des Grafen, schickte dieser im Jahre 1624 zur Ausbildung nach Venedig, wo er drei Jahre lernte – bei Vivaldi oder aber in dessen Umfeld. Nach Prag zurückgekehrt, musizierte er wieder in der Kapelle des Grafen. 1637, nach dem Tode seines Dienstherren, ging er nach Dresden, wo er in der Kapelle des Grafen Brühl wirkte. Er verbrachte des Rest seines Lebens in der sächsischen Residenzstadt. Überliefert sind von ihm ausschließlich Instrumentalwerke, wobei die Geige klar im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Das Konzert auf dieser CD kombiniert auf eine ausgesprochen reizvolle Weise böhmische und italienische Einflüsse. Mir persönlich gefällt auch die Interpretation dieser Entdeckung weit besser als das Resultat von Letzbors Auseinandersetzung mit den Vier Jahreszeiten. Denn der Versuch, Vivaldis berühmte Violinkonzerte frisch und unver- braucht klingen zu lassen, führt letzten Endes auch Letzbor und das Ensemble Ars Antiqua Austria ins Extrem. Diese Musik einfach Musik sein zu lassen, und weder ins Sportive noch ins Theatralische zu übertreiben, das muss enorm schwierig sein.
Dienstag, 5. Juli 2016
Accordato - Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)
Die Handschrift XIV 726 des Wiener Minoritenkonvents enthält zahlreiche erlesene Musikstücke für die Violine. Damit zählt sie zu den bedeutendsten Quellen österreichischer Barock- musik. „Ein besonderes Merkmal aller im Konvolut vereinigten Sonaten ist die Forcierung des virtuosen Elements“, schreibt Gunar Letzbor, und sinniert: „Wer hat sich wohl die Arbeit gemacht, über hundert Sonaten mit der Hand zu Papier zu bringen, wenn nicht ein Geiger, der diese Sonaten selbst musizieren konnte? Es muss ein sehr guter Violinist gewesen sein, sonst hätte er nicht gerade diese anspruchs- volle Musik notiert.“
Letzbor hat mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria bereits zwei CD mit Werken aus dieser Handschrift veröfffentlicht. Eines dieser Programme widmete er anonym überlieferter Musik, das andere Stücken speziell für skordierte, umgestimmte, Violine. Im dritten Teil, zum Abschluss dieser Serie, spielt er Sonaten von Rupert Ignaz Mayr, Bonaventura Viviani, Antonio Bertali, Johann Caspar Teubner, Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich Ignaz Franz Biber.
Die Einspielung ist erneut hörenswert, zumal die meisten Stücke bislang anderweitig noch nicht zugänglich sind. Auf die zukünftigen Entdeckun- gen dieses Ensembles darf man gespannt bleiben.
Letzbor hat mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria bereits zwei CD mit Werken aus dieser Handschrift veröfffentlicht. Eines dieser Programme widmete er anonym überlieferter Musik, das andere Stücken speziell für skordierte, umgestimmte, Violine. Im dritten Teil, zum Abschluss dieser Serie, spielt er Sonaten von Rupert Ignaz Mayr, Bonaventura Viviani, Antonio Bertali, Johann Caspar Teubner, Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich Ignaz Franz Biber.
Die Einspielung ist erneut hörenswert, zumal die meisten Stücke bislang anderweitig noch nicht zugänglich sind. Auf die zukünftigen Entdeckun- gen dieses Ensembles darf man gespannt bleiben.
Mittwoch, 9. März 2016
Muffat: Missa in labore requies (Pan Classics)
Die Missa in Labore Requies ist, leider, das einzige erhaltene Kirchenmusik-Werk von Georg Muffat (1653 bis 1704). In Salzburg und Passau, wo Muffat viele Jahre wirkte, gab es offenbar exzellente Musiker; die Anforderungen jedenfalls sind hoch und die Partien schwierig. Das gilt für die Sänger ebenso wie für die Streicher und die üppig besetzten Bläser. Bei Gunar Letzbor und seinem Ensemble Ars Antiqua Austria, das schon mehrfach groß angelegte Festmessen aufgeführt hat, ist dieses prachtvolle Werk in besten Händen. Die St. Florianer Sängerknaben unter Leitung von Franz Farnberger singen erneut wunderbar; es ist faszinierend, zu erleben, wie souverän die Knaben und jungen Männer diese komplexe Musik solistisch oder in Kleingruppen gestalten. Beeindruckend, unbedingt anhören!
Samstag, 2. Januar 2016
Scordato - Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)
Wieder einmal hat sich Gunar Letzbor der Handschrift XIV 726 des Wiener Minoritenkonvents zuge- wandt. Sie ist, schreibt der Geiger im Beiheft zu dieser CD, „nicht nur eine herausragende Quelle für Violin- musik österreichisch/süddeutscher Herkunft, sie ist auch eine Fund- grube für Kompositionen mit ,verstimmter' Geige.“
Diese Musizierpraxis sei wahrschein- lich durch Geiger niederer sozialer Schichten entwickelt worden, erläutert Letzbor in seinem sehr informativen Text: „Diese Bradlgeiger oder Linksfäustler, wie sie auch abwertend genannt wurden, (..) passten die Stimmung der Instrumente an die besonderen Anforderungen für verschiedene Musikstücke an.“
Die Stadtpfeifer und Hofmusiker übernahmen allerdings dann dieses Vorgehen der Bauerngeiger und Wirtshausvirtuosen, weil sie feststellten, dass das Umstimmen, die sogenannte Skordatur, den Klang der Instru- mente beeinflusst: „Eine Geige, deren Saiten mehr gespannt sind als in Normalstimmung, klingt lauter und durchdringender. Vermindert man die Saitenspannung, klingt die Violine dunkler, weicher, sonorer“, so Letzbor. „Eine Tonart kann eine besondere Klangfülle erhalten, wenn möglichst alle vier Saiten der Geige in den Tönen des Grundtondrei- klanges gestimmt werden, es gibt dann viele resonanzen. Manche Skordaturen mischen Töne des Grundtondreiklanges mit Tönen der Dominante und der Subdominante. Es entstehen dabei besondere Klangfarben, die die Normalstimmung niemals hervorbringen kann.“
Die experimentierfreudigen Musiker der Barockzeit schätzten solche Effekte, wie Letzbor gemeinsam mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria auf dieser CD gekonnt deutlich macht. Sie enthält unter anderem Sonaten von Nikolaus Faber, der zu Bibers Zeiten in Kromeritz am Bischofshof wirkte, einem Joan Voita, bei dem Letzbor vermutet, es könnte sich um den Prager Musiker Johann Ignaz Franz Voita handeln, und Werke der berühmten Musikerfamilie Schmelzer. Nicht alles hat höchstes Niveau, aber einige grandiose Entdeckungen sind Letzbor dennoch gelungen. Auf die dritte CD der Serie „ex Vienna“, die in diesem Jahr erscheinen soll, darf man bereits gespannt sein.
Diese Musizierpraxis sei wahrschein- lich durch Geiger niederer sozialer Schichten entwickelt worden, erläutert Letzbor in seinem sehr informativen Text: „Diese Bradlgeiger oder Linksfäustler, wie sie auch abwertend genannt wurden, (..) passten die Stimmung der Instrumente an die besonderen Anforderungen für verschiedene Musikstücke an.“
Die Stadtpfeifer und Hofmusiker übernahmen allerdings dann dieses Vorgehen der Bauerngeiger und Wirtshausvirtuosen, weil sie feststellten, dass das Umstimmen, die sogenannte Skordatur, den Klang der Instru- mente beeinflusst: „Eine Geige, deren Saiten mehr gespannt sind als in Normalstimmung, klingt lauter und durchdringender. Vermindert man die Saitenspannung, klingt die Violine dunkler, weicher, sonorer“, so Letzbor. „Eine Tonart kann eine besondere Klangfülle erhalten, wenn möglichst alle vier Saiten der Geige in den Tönen des Grundtondrei- klanges gestimmt werden, es gibt dann viele resonanzen. Manche Skordaturen mischen Töne des Grundtondreiklanges mit Tönen der Dominante und der Subdominante. Es entstehen dabei besondere Klangfarben, die die Normalstimmung niemals hervorbringen kann.“
Die experimentierfreudigen Musiker der Barockzeit schätzten solche Effekte, wie Letzbor gemeinsam mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria auf dieser CD gekonnt deutlich macht. Sie enthält unter anderem Sonaten von Nikolaus Faber, der zu Bibers Zeiten in Kromeritz am Bischofshof wirkte, einem Joan Voita, bei dem Letzbor vermutet, es könnte sich um den Prager Musiker Johann Ignaz Franz Voita handeln, und Werke der berühmten Musikerfamilie Schmelzer. Nicht alles hat höchstes Niveau, aber einige grandiose Entdeckungen sind Letzbor dennoch gelungen. Auf die dritte CD der Serie „ex Vienna“, die in diesem Jahr erscheinen soll, darf man bereits gespannt sein.
Dienstag, 11. August 2015
Biber: Sonatae Tam Aris Quam Aulis Servientes (Challenge Classics)
Für eine Interpretation der berühmten Sonatae Tam Aris Quam Aulis Servientes von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) ist Ars Antiqua Austria das ideale Ensemble. Die Musiker um Gunar Letzbor spielen seit vielen Jahren österreichische Barockmusik, die durch vielerlei Einflüsse geprägt wurde. Und für diese beeindruckenden Werke finden sie den perfekten Gestus. Die Sonaten vereinen höfische Klangpracht, tänzerische Ausgelassenheit und rasante Virtuosität – und Ars Antiqua Austria zelebriert all dies mit Leidenschaft und Musizierlust. So ist dem Ensemble eine hinreißende Einspielung gelungen. Bravi!
Mittwoch, 12. November 2014
Anonymus Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)
Für diese CD hat Gunar Letzbor Werke aus einer der bedeutendsten Quellen österreichischer Barock- musik ausgewählt: Die Handschrift XIV 726 des Wiener Minoriten- konvents enthält sowohl Musik berühmter Komponisten, als auch interessante Stücke von Kompo- nisten, über die man kaum mehr weiß als ihren Namen – und etliche anonym überlieferte Werke.
Wer sie geschaffen hat, das ist heute wohl nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Die Einspielung macht allerdings deutlich, dass der Name des jeweiligen Komponisten nicht deshalb unbekannt geblieben ist, weil es seiner Musik an Qualität mangelt. Die Sonaten, die Letzbor vorstellt, sind durchaus erstaunlich brillant. Die Geiger, die seinerzeit in die Fußstapfen Schmelzers oder Bibers traten, nutzen die hohen Lagen. Sie verblüfften ihr Publikum mit unerwarteten Bogenstrichen, mit mehrstimmigem Spiel und mit rasanten Tempi.
Ob das Musicalisch Urwerck, Das Posthorn oder aber die Sonaten – musikalisch interessant sind die sorgsam ausgesuchten Stücke alle; sie geben zudem Zeugnis vom hohen Stand der damaligen Violinschule nördlich der Alpen. Letzbor hat hörbar Vergnügen an den geigentech- nischen Kabinettstückchen. Begleitet wird er durch das Ensemble Ars Antiqua Austria. Eine rundum gelungene CD, die man immer wieder anhören möchte.
Wer sie geschaffen hat, das ist heute wohl nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Die Einspielung macht allerdings deutlich, dass der Name des jeweiligen Komponisten nicht deshalb unbekannt geblieben ist, weil es seiner Musik an Qualität mangelt. Die Sonaten, die Letzbor vorstellt, sind durchaus erstaunlich brillant. Die Geiger, die seinerzeit in die Fußstapfen Schmelzers oder Bibers traten, nutzen die hohen Lagen. Sie verblüfften ihr Publikum mit unerwarteten Bogenstrichen, mit mehrstimmigem Spiel und mit rasanten Tempi.
Ob das Musicalisch Urwerck, Das Posthorn oder aber die Sonaten – musikalisch interessant sind die sorgsam ausgesuchten Stücke alle; sie geben zudem Zeugnis vom hohen Stand der damaligen Violinschule nördlich der Alpen. Letzbor hat hörbar Vergnügen an den geigentech- nischen Kabinettstückchen. Begleitet wird er durch das Ensemble Ars Antiqua Austria. Eine rundum gelungene CD, die man immer wieder anhören möchte.
Donnerstag, 24. April 2014
Biber: Fidicinium Sacro-Profanum (Challenge Classics)
Mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria widmet sich Gunar Letzbor erneut dem Schaffen von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704). 25 Jahre hat der Geiger gezögert, bis er es gewagt hat, eines der zen- tralen Werke des Barockmusikers einzuspielen. Schon der Titel lässt vermuten, dass diese Musik alles andere ist als trivial: „Fidicinium Sacroprofanum, tam Choro quam Foro“, vermerkte Biber einst. Dieses Geistlich-weltliche Saitenspiel veröffentlichte er 1683 in Nürnberg; ein einziges Exemplar dieses Druckes blieb erhalten. Es befindet sich heute in der Zentralbibliothek Zürich, und diente als Grundlage für diese Aufnahme.
Typischerweise waren sakrale und Kammermusik voneinander klar geschieden. Die Grenzen zwischen Kirchensonate und Sonata da camera verschoben aber seinerzeit auch andere Musiker jener Zeit wie Johann Heinrich Schmelzer – möglicherweise ein Lehrer Bibers – im Sacro-profanus Concentus musicus oder Giovanni Antonio Pandolfi Mealli in seiner Sonata à Violino solo, per chiesa e camera.
Biber verknüpft in seiner Musik Andacht und Besinnung mit ekstati- schem Wirbel, gregorianischen Choral mit wilder Zigeunermusik, und strengsten Kontrapunkt mit konzertierenden Passagen. Im ersten Teil seiner Fidicinien komponierte Biber für die damals in Österreich wohl übliche fünstimmige Besetzung nebst Basso continuo. Im zweiten Teil reduziert er auf vier Einzelstimmen. Den Verzicht an Klangpracht macht er dabei durch einen Zuwachs an Virtuosität wett. Letzbor und seine Mitmusiker loten diese Kompositionen temperamentvoll aus. Da ist gelegentlich schon mal das Kratzen des Bogens auf den Saiten zu hören. „In der Jugend neigten wir stark zu Übertreibungen“, meint Letzbor dazu im Beiheft. „Vielleicht ist es einfach die Demut und das helle, wachsame Ohr aller Musiker des Ensembles gegenüber und für die Besonderheiten Biberscher Kammermusik, die dem Zuhörer die Qualitäten der musikalischen Botschaft des Meisters vermitteln!“
Typischerweise waren sakrale und Kammermusik voneinander klar geschieden. Die Grenzen zwischen Kirchensonate und Sonata da camera verschoben aber seinerzeit auch andere Musiker jener Zeit wie Johann Heinrich Schmelzer – möglicherweise ein Lehrer Bibers – im Sacro-profanus Concentus musicus oder Giovanni Antonio Pandolfi Mealli in seiner Sonata à Violino solo, per chiesa e camera.
Biber verknüpft in seiner Musik Andacht und Besinnung mit ekstati- schem Wirbel, gregorianischen Choral mit wilder Zigeunermusik, und strengsten Kontrapunkt mit konzertierenden Passagen. Im ersten Teil seiner Fidicinien komponierte Biber für die damals in Österreich wohl übliche fünstimmige Besetzung nebst Basso continuo. Im zweiten Teil reduziert er auf vier Einzelstimmen. Den Verzicht an Klangpracht macht er dabei durch einen Zuwachs an Virtuosität wett. Letzbor und seine Mitmusiker loten diese Kompositionen temperamentvoll aus. Da ist gelegentlich schon mal das Kratzen des Bogens auf den Saiten zu hören. „In der Jugend neigten wir stark zu Übertreibungen“, meint Letzbor dazu im Beiheft. „Vielleicht ist es einfach die Demut und das helle, wachsame Ohr aller Musiker des Ensembles gegenüber und für die Besonderheiten Biberscher Kammermusik, die dem Zuhörer die Qualitäten der musikalischen Botschaft des Meisters vermitteln!“
Sonntag, 21. Juli 2013
Hochreither: Requiem / Missa Jubilus sacer (Pan Classics)
Anders als die evangelische Kir- chenmusik, die zumindest in ihrem Ursprung stark am Wort und seiner Auslegung mit den Mitteln der Musik orientiert war, scheint die katholische Kirchenmusik eher auf den Klang zu setzen, um Gefühle und Assoziatio- nen zu wecken. Welche Ideen die Komponisten dazu entwickelten, das zeigt exemplarisch eine CD, die kürzlich bei Pan Classics erschienen ist.
Das Ensemble Ars Antiqua Austria unter Gunar Letzbor stellt darauf gemeinsam mit St. Florianer Sänger- knaben ein Requiem sowie die Missa Jubilus sacer von Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731) vor. Dieser Komponist entstammte einer Salzburger Musikerdynastie. Seine Lehrjahre absolvierte er ab 1681 am Salzburger Kapellhaus, einer Ausbildungsstätte für talentierte Knaben, die ab 1684 durch Heinrich Ignaz Franz Biber geleitet wurde. 1688 verließ Hochreither als Magister die Salzburger Universität. Nach einer Zwischenstation als Organist in einem Benediktinerinnenkloster wechselte er 1694 an das Stift Lambach. 1721 schließlich ging er als Domstiftsorganist nach Salzburg, wo er dann bis an sein Lebensende wirkte.
Lediglich 21 Werke des Komponisten sind überliefert. Ein neuer Musikarchivar hat etliche Kompositionen in den Beständen des Stiftes Lambach aufgespürt. Letzbor hat mit Ars Antiqua Austria bereits die Missa Ad multos annos eingespielt. Erfreut von der Klangpracht dieser Neuentdeckung, stellt das Ensemble nun zwei weitere Werke vor.
Das Requiem ist nicht nur aufgrund seiner Überlieferung in drei Mappen ein Kuriosum. Jede von ihnen enthält Teile des Werkes; sie unterscheiden sich in Datierung, Handschrift und Besetzung. Zu welchem Anlass das Werk geschrieben wurde, das ließ sich nicht herausfinden.
Hochreither schreckte auch vor außergewöhnlichen Methoden nicht zurück, um die gewünschten Effekte zu erzielen. So gibt er vor, der Bassist möge „das Tuba mirum, item das Lacrymosa (…) aus einem Rödtrohr“ singen. „Diese Anweisung bereitete mir schlaflose Nächte“, gesteht Gunar Letzbor. „Bis kurz vor der CD-Aufnahme hatte ich keine Idee, was das bedeuten sollte. (...) In der vorletzten Nacht vor dem ersten Aufnahmetag kam dann die rettende Idee. Ich erinnerte mich an einen Bericht, wonach in der Barockzeit manchmal akustische Spielereien versucht wurden, wo man beispielsweise ein Rohr über lange Strecken durch dicke Mauern legte und damit Überraschungseffekte erzielte, wenn aus dem Nichts plötzlich eine bedrohliche Stimme erklang. (...) Am nächsten Morgen montierte ich die Plastikregenwasserrohre von unserer Gartenhütte ab.“ Man kann sich vorstellen, welche Wirkung eine solche Konstruktion im Konzert auf das Publikum hat – der Klangeffekt aber, der dadurch erzielt wurde, ist beeindruckend.
Die Missa Jubilus sacer, entstanden 1731, ist Abt Gotthart Haslinger von Lambach gewidmet. Es ist ein prächtiges Werk, eine Festmesse, die für alle Solisten virtuose Passagen bereithält. Die St. Florianer Sängerknaben, in Mini-Besetzung, singen wunderbar; insbesondere Alois Mühlbacher hat einen großartigen Auftritt. Von allen CD mit dem herausragenden Knabensopran ist dies ohne Zweifel eine der besten.
Ob es allerdings wirklich zweckmäßig ist, mit einer CD den Klangeindruck vermitteln zu wollen, den der Dirigent am Pult hat, sollte kritisch überprüft werden. „Natürlich sind hier Ansatzgeräusche bei den Bläsern und Streichern auch abgebildet“, schreibt Letzbor. „Man hört manches Klopfen der Bögen, das man in drei Metern Entfernung nicht mehr bemerken kann.“ Genau dort sitzen aber üblicherweise die Zuhörer; dort erreichen sie die „Arbeitsgeräusche“ der Musizierenden nur noch gedämpft – und das ist gut so.
Das Ensemble Ars Antiqua Austria unter Gunar Letzbor stellt darauf gemeinsam mit St. Florianer Sänger- knaben ein Requiem sowie die Missa Jubilus sacer von Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731) vor. Dieser Komponist entstammte einer Salzburger Musikerdynastie. Seine Lehrjahre absolvierte er ab 1681 am Salzburger Kapellhaus, einer Ausbildungsstätte für talentierte Knaben, die ab 1684 durch Heinrich Ignaz Franz Biber geleitet wurde. 1688 verließ Hochreither als Magister die Salzburger Universität. Nach einer Zwischenstation als Organist in einem Benediktinerinnenkloster wechselte er 1694 an das Stift Lambach. 1721 schließlich ging er als Domstiftsorganist nach Salzburg, wo er dann bis an sein Lebensende wirkte.
Lediglich 21 Werke des Komponisten sind überliefert. Ein neuer Musikarchivar hat etliche Kompositionen in den Beständen des Stiftes Lambach aufgespürt. Letzbor hat mit Ars Antiqua Austria bereits die Missa Ad multos annos eingespielt. Erfreut von der Klangpracht dieser Neuentdeckung, stellt das Ensemble nun zwei weitere Werke vor.
Das Requiem ist nicht nur aufgrund seiner Überlieferung in drei Mappen ein Kuriosum. Jede von ihnen enthält Teile des Werkes; sie unterscheiden sich in Datierung, Handschrift und Besetzung. Zu welchem Anlass das Werk geschrieben wurde, das ließ sich nicht herausfinden.
Hochreither schreckte auch vor außergewöhnlichen Methoden nicht zurück, um die gewünschten Effekte zu erzielen. So gibt er vor, der Bassist möge „das Tuba mirum, item das Lacrymosa (…) aus einem Rödtrohr“ singen. „Diese Anweisung bereitete mir schlaflose Nächte“, gesteht Gunar Letzbor. „Bis kurz vor der CD-Aufnahme hatte ich keine Idee, was das bedeuten sollte. (...) In der vorletzten Nacht vor dem ersten Aufnahmetag kam dann die rettende Idee. Ich erinnerte mich an einen Bericht, wonach in der Barockzeit manchmal akustische Spielereien versucht wurden, wo man beispielsweise ein Rohr über lange Strecken durch dicke Mauern legte und damit Überraschungseffekte erzielte, wenn aus dem Nichts plötzlich eine bedrohliche Stimme erklang. (...) Am nächsten Morgen montierte ich die Plastikregenwasserrohre von unserer Gartenhütte ab.“ Man kann sich vorstellen, welche Wirkung eine solche Konstruktion im Konzert auf das Publikum hat – der Klangeffekt aber, der dadurch erzielt wurde, ist beeindruckend.
Die Missa Jubilus sacer, entstanden 1731, ist Abt Gotthart Haslinger von Lambach gewidmet. Es ist ein prächtiges Werk, eine Festmesse, die für alle Solisten virtuose Passagen bereithält. Die St. Florianer Sängerknaben, in Mini-Besetzung, singen wunderbar; insbesondere Alois Mühlbacher hat einen großartigen Auftritt. Von allen CD mit dem herausragenden Knabensopran ist dies ohne Zweifel eine der besten.
Ob es allerdings wirklich zweckmäßig ist, mit einer CD den Klangeindruck vermitteln zu wollen, den der Dirigent am Pult hat, sollte kritisch überprüft werden. „Natürlich sind hier Ansatzgeräusche bei den Bläsern und Streichern auch abgebildet“, schreibt Letzbor. „Man hört manches Klopfen der Bögen, das man in drei Metern Entfernung nicht mehr bemerken kann.“ Genau dort sitzen aber üblicherweise die Zuhörer; dort erreichen sie die „Arbeitsgeräusche“ der Musizierenden nur noch gedämpft – und das ist gut so.
Donnerstag, 8. Dezember 2011
Pandolfi: Sonate à Violino solo. Opera quarta (Arcana)
"So little information about Gio- vanni Antonio Pandolfi Mealli survives that an inquisitive liste- ner might be forgiven for suspec- ting that he was invented by a mischievous musicologist one wet Wednesday", schmunzelte der Geiger Andrew Manze 1999, als er für Harmonia Mundi USA Violin- sonaten Pandolfis einspielte.
Mittlerweile ist ein bisschen mehr bekannt, vor allem auch durch die akribische Spurensuche des Musik- historikers Fabrizio Longo. Er hat herausgefunden, dass Antonio Pandolfi am 17. Januar 1629 in der Toskana, und zwar in Montepul- ciano, getauft worden ist. Irgendwann ging dann seine Familie nach Venedig, wo sein Halbbruder Giovanni Battista Mealli als Kastrat an San Marco sang. 1660 erschienen bei einem Innsbrucker Noten- drucker seine Solosonaten; der Titel nennt als Autor D. Giovanni Antonio Pandolfi Mealli - und in der Tat scheint der Musiker den geistlichen Stand gewählt zu haben.
Später findet man ihn als Violinisten in der Domkapelle von Messina. Dort musste er 1675 flüchten - und eine Lokalchronik verrät auch den Grund: Während einer feierlichen Messe am Morgen des 21. Dezem- ber stritt sich Pandolfi mit dem Altkastraten Giovanni Marquett. Dabei geriet er so in Rage, dass er dem Sänger das Rapier von der Seite riß und ihn damit durchbohrte. Stunden später erlag Marquett seiner Verletzung; Pandolfi entwich auf einem französischen Schiff und reiste über Frankreich nach Spanien. Dort wirkte er 1679 und 1680 nachweislich als Violinist der königlichen Hofkapelle.
Der Chronist berichtet, Pandolfi sei am spanische Hof wegen seines Könnens sehr geschätzt worden, und habe dort bis zu seinem Tode als Priester und Musiker gewirkt. Noch unklar bleibt, wann und wo der Violinist letztendlich gestorben ist.
Der österreichische Geiger Gunar Letzbor hat nun mit seinem En- semble Ars Antiqua Austria Pandolfis Sonate à Violino solo. Opera quarta eingespielt. Sie sind durchweg bestimmten Personen gewid- met; nicht alle davon hat man bereits erkannt. Bei der Gestaltung der Werke hat sich Pandolfi erstaunliche Freiheiten eingeräumt. Die Sonaten sind sämtlich sehr expressiv, und wirken teilweise wie improvisiert. Sie erinnern insgesamt stark an den stylus phantasti- cus, jede Sonate ist anders, und keine einzige folgt erkennbar for- malen Normen. Letzbor erkundet gemeinsam mit seinen großen Continuo-Ensemble diese seltsamen Werke. Gemeinsam mit Jan Krigovsky, Violone, Daniel Oman, Colascione, Pierre Pitzl, Gitarre, Hubert Hoffmann, Erzlaute und Norbert Zeilberger, Cembalo und Orgel, hat Letzbor nach Klangfarben gesucht, die den Ausdruck dieser großartigen Musik unterstreichen und unterstützen. Diese Aufnahme ist ganz phantastisch; auf die Fortsetzung darf man gespannt bleiben.
Mittlerweile ist ein bisschen mehr bekannt, vor allem auch durch die akribische Spurensuche des Musik- historikers Fabrizio Longo. Er hat herausgefunden, dass Antonio Pandolfi am 17. Januar 1629 in der Toskana, und zwar in Montepul- ciano, getauft worden ist. Irgendwann ging dann seine Familie nach Venedig, wo sein Halbbruder Giovanni Battista Mealli als Kastrat an San Marco sang. 1660 erschienen bei einem Innsbrucker Noten- drucker seine Solosonaten; der Titel nennt als Autor D. Giovanni Antonio Pandolfi Mealli - und in der Tat scheint der Musiker den geistlichen Stand gewählt zu haben.
Später findet man ihn als Violinisten in der Domkapelle von Messina. Dort musste er 1675 flüchten - und eine Lokalchronik verrät auch den Grund: Während einer feierlichen Messe am Morgen des 21. Dezem- ber stritt sich Pandolfi mit dem Altkastraten Giovanni Marquett. Dabei geriet er so in Rage, dass er dem Sänger das Rapier von der Seite riß und ihn damit durchbohrte. Stunden später erlag Marquett seiner Verletzung; Pandolfi entwich auf einem französischen Schiff und reiste über Frankreich nach Spanien. Dort wirkte er 1679 und 1680 nachweislich als Violinist der königlichen Hofkapelle.
Der Chronist berichtet, Pandolfi sei am spanische Hof wegen seines Könnens sehr geschätzt worden, und habe dort bis zu seinem Tode als Priester und Musiker gewirkt. Noch unklar bleibt, wann und wo der Violinist letztendlich gestorben ist.
Der österreichische Geiger Gunar Letzbor hat nun mit seinem En- semble Ars Antiqua Austria Pandolfis Sonate à Violino solo. Opera quarta eingespielt. Sie sind durchweg bestimmten Personen gewid- met; nicht alle davon hat man bereits erkannt. Bei der Gestaltung der Werke hat sich Pandolfi erstaunliche Freiheiten eingeräumt. Die Sonaten sind sämtlich sehr expressiv, und wirken teilweise wie improvisiert. Sie erinnern insgesamt stark an den stylus phantasti- cus, jede Sonate ist anders, und keine einzige folgt erkennbar for- malen Normen. Letzbor erkundet gemeinsam mit seinen großen Continuo-Ensemble diese seltsamen Werke. Gemeinsam mit Jan Krigovsky, Violone, Daniel Oman, Colascione, Pierre Pitzl, Gitarre, Hubert Hoffmann, Erzlaute und Norbert Zeilberger, Cembalo und Orgel, hat Letzbor nach Klangfarben gesucht, die den Ausdruck dieser großartigen Musik unterstreichen und unterstützen. Diese Aufnahme ist ganz phantastisch; auf die Fortsetzung darf man gespannt bleiben.
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