In einem Manuskript, das um 1770 zusammengestellt wurde und sich heute in der Musikaliensammlung Ton Koopmans befindet, wurde eine bislang unbekannte Version einer Kantate von Georg Friedrich Händel aufgespürt: Tu fedel? Tu costante? HWV 171a weicht erheblich von der bislang bekannten Fassung HWV 171 ab.
Es wird vermutet, dass Händel diese Kantate auf seiner Italienreise in Venedig oder in Florenz komponierte – und als sie 1707 in Rom aufgeführt werden sollte, hatte er die Noten nicht mehr, und musste sich noch einmal an die Arbeit machen. Das Ergebnis unterscheidet sich erheblich von der älteren Variante, was eine ziemliche Sensation darstellt. Zumal bislang unbekannte Kompositionen Händels aus seiner Zeit in Italien ohnehin nur noch sehr selten entdeckt werden.
Auf dieser CD ist die Kantate nun erstmals in der neu aufgefundenen Fassung zu hören, gemeinsam mit weiteren Kantaten aus Händels frühen Jahren sowie zwei auserlesenen Kammerduetten. Ton Koopman musiziert mit dem Amsterdam Baroque Orchestra. Es singen die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez und Bassbariton Klaus Mertens.
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Sonntag, 18. März 2018
Freitag, 15. September 2017
Mozart: Peasant Wedding and Toy Symphony; Koopman (Challenge)
„Dies ist eine besondere CD. Noch nie zuvor spielte das Amsterdam Baroque Orchestra Musik, in der Drehleier, Psalterium, Dudelsack und Kinderpfeifen erklangen. Diese Aufnahme hat uns sehr viel Spaß bereitet“, berichtet Ton Koopman im Beiheft.
Diese Freude überträgt sich beim Anhören – soviel Musizierlust macht einfach gute Laune. Und so kann man hier fröhlich der Bauernhochzeit lauschen sowie der Cassatio ex G mit der berühmten Kindersinfonie, allesamt von Leopold Mozart. Ergänzt haben die Musiker dieses unterhaltsame Programm noch durch die Sinfonie in Es-Dur KV 16 – die erste Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart, komponiert 1764 in London -, die Fuge aus dem Gallimathias musicum KV 32, und die bekannten Variationen über das französische Lied Ah, vous dirai-je maman K 265. Letzteres wird vorgetragen von Tini Mathot auf einem Hammerklavier von Andreas Stein aus dem Jahre 1803. Großartig, bravi!
Diese Freude überträgt sich beim Anhören – soviel Musizierlust macht einfach gute Laune. Und so kann man hier fröhlich der Bauernhochzeit lauschen sowie der Cassatio ex G mit der berühmten Kindersinfonie, allesamt von Leopold Mozart. Ergänzt haben die Musiker dieses unterhaltsame Programm noch durch die Sinfonie in Es-Dur KV 16 – die erste Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart, komponiert 1764 in London -, die Fuge aus dem Gallimathias musicum KV 32, und die bekannten Variationen über das französische Lied Ah, vous dirai-je maman K 265. Letzteres wird vorgetragen von Tini Mathot auf einem Hammerklavier von Andreas Stein aus dem Jahre 1803. Großartig, bravi!
Samstag, 29. Juli 2017
Scarlatti: 16 Sonatas; Koopman (Capriccio)
Dass der Klang eines Cembalos mitnichten monoton und reizlos ist, beweist diese Aufnahme. Ton Koopman hat im Jahre 1986 etliche Sonaten von Domenico Scarlatti derart aufregend interpretiert, dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Den Vergleich mit den meisten jüngeren Aufnahmen, bei denen üblicherweise das Klavier verwendet wurde, muss diese CD ebenfalls nicht scheuen.
Kein Wunder also, dass dieses Album bei diesem Repertoire noch immer eine Referenzposition hält. Koop- mans Einspielung hat seinerzeit zur Wiederentdeckung des Komponisten wesentlich mit angeregt. Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), ein Sohn von Alessandro Scarlatti, wurde 1719 Kapellmeister und Musiklehrer am Hofe des portugiesischen Königs. Als Prinzessin Maria Bárbara, eine ausgesprochen versierte Cembalistin, zehn Jahre später den spanischen Thronfolger heiratete, folgte er ihr und verblieb den Rest seiner Jahre in ihren privaten Diensten.
So komponierte er weit über 500 zumeist virtuose Cembalo-Sonaten, die sich um Konventionen herzlich wenig scherten. Im Gegenteil, Scarlatti hat sehr viel ausprobiert und experimentiert – wobei Koopman die verwegensten Stücke des Komponisten gar nicht berücksichtigt hat. Doch auch nach so vielen Jahren hört man die alte Aufnahme, die nunmehr bei Capriccio in der Reihe Encore wieder zugänglich ist, noch mit Genuss und Gewinn.
Kein Wunder also, dass dieses Album bei diesem Repertoire noch immer eine Referenzposition hält. Koop- mans Einspielung hat seinerzeit zur Wiederentdeckung des Komponisten wesentlich mit angeregt. Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), ein Sohn von Alessandro Scarlatti, wurde 1719 Kapellmeister und Musiklehrer am Hofe des portugiesischen Königs. Als Prinzessin Maria Bárbara, eine ausgesprochen versierte Cembalistin, zehn Jahre später den spanischen Thronfolger heiratete, folgte er ihr und verblieb den Rest seiner Jahre in ihren privaten Diensten.
So komponierte er weit über 500 zumeist virtuose Cembalo-Sonaten, die sich um Konventionen herzlich wenig scherten. Im Gegenteil, Scarlatti hat sehr viel ausprobiert und experimentiert – wobei Koopman die verwegensten Stücke des Komponisten gar nicht berücksichtigt hat. Doch auch nach so vielen Jahren hört man die alte Aufnahme, die nunmehr bei Capriccio in der Reihe Encore wieder zugänglich ist, noch mit Genuss und Gewinn.
Dienstag, 30. August 2016
Ton Koopman at the Zacharias Hildebrandt Organ (1726) Lengefeld in the Erzgebirge (Challenge Classics)
Instrumente, vor allem auch Orgeln, haben ihre Geschichte. In der Kirche zum Heiligen Kreuz im erzgebirgi- schen Lengefeld wurde, so ist es Rechnungen im Pfarrarchiv zu ent- nehmen, 1620/21 zum ersten Male ein solches Instrument aufgestellt. Doch schon 1660/61 wird dieses gegen ein anderes ausgetauscht, angefertigt von einem Leipziger Orgelbauer, wahrscheinlich Christoph Donat. 1726 lassen Pfarrer und Patron die Orgel erneut ersetzen – ein größeres Instrument soll her, mit 22 Registern. Den Auftrag erhält Zacharias Hildebrandt, ansässig in Liebertwolkwitz bei Leipzig. Es ist sein drittes Instrument; und er lässt sich etwas einfallen, um die vielen Orgel- pfeifen auf engstem Raum unterzubringen: Anstatt sie, wie gebräuchlich, hintereinander anzuordnen, teilt er das Hauptwerk und bringt es zu beiden Seiten des Mittelwerkes unter. Der Prospekt wurde dementsprechend, und ebenso ungewöhnlich, in fünf zur Mitte hin ansteigende Türme gegliedert und prachtvoll farbig gestaltet.
1882 aber schlug der Blitz in die Kirche ein. Die Schäden waren so groß, dass ein Neubau erforderlich war. Dafür wurde das Orgelwerk durch den Orgelbauer Guido Hermann Schäf aus Grünhainichen sorgsam aus- und im neuen Gebäude wieder eingebaut. Bei dieser Gelegenheit modernisiert er gleich auch die Balganlage und tauscht zwei unmodern gewordene Register aus. Auch der Prospekt erhält einen neuen Anstrich – statt barocker Pracht zeigt er nun eine braune Holzimitation.
1917 muss die Gemeinde sämtliche Prospektpfeifen abliefern. Sie werden erst 1921 ersetzt, durch Pfeifen aus Zink. Außerdem frass sich der Holz- wurm durch die Holzteile, was 1933 einen Umbau im Zeitgeschmack auslöst: Die Orgelbauanstalt Hermann Eule Bautzen verändert die Disposition und baut eine pneumatische Spielanlage mit freistehendem Spieltisch ein.
Bei einer Kirchenrenovierung 1963 tritt die originale, längst vergessene Farbfassung des Prospektes wieder zutage und wird wieder hergestellt. In den Jahren 2010 bis 2014 wurde das Instrument durch die Firma Eule und die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider rekonstruiert und dabei auf den Zustand von 1726 zurückgebaut. Wegscheider fand dabei heraus, dass die Orgel noch sieben komplette Register aus dem Instrument von Christoph Donat enthält – und somit den ältesten Pfeifenbestand des an historischen Orgeln wahrlich nicht gerade armen Sachsen.
Nach der Rekonstruktion hat Ton Koopman eine Aufnahme mit Werken aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf dieser besonderen Orgel eingespielt. Bach schätzte die Orgeln von Zacharias Hildebrandt, und auch Koopman hat es dieses Instrument hörbar angetan. Er spielt Musik von Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Gottfried Walther, Gottfried August Homilius und Johann Gottfried Walther – und er nutzt diese Werke auch, um die Hildebrandt-Orgel mit ihren speziellen Klangfarben zu präsentieren. So spielt er Musik von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), bei dem seinerzeit viele insbesondere norddeutsche Organisten in die Lehre gingen, ausschließlich mit den Registern von 1620/21.
Leider enthält das Beiheft zahlreiche Fehler; wer Informationen zur Geschichte der Hildebrandt-Orgel sucht, der sollte daher besser auf die Webseite des Fördervereins schauen, der zur Erhaltung des kostbares Instrumentes beitragen will.
1882 aber schlug der Blitz in die Kirche ein. Die Schäden waren so groß, dass ein Neubau erforderlich war. Dafür wurde das Orgelwerk durch den Orgelbauer Guido Hermann Schäf aus Grünhainichen sorgsam aus- und im neuen Gebäude wieder eingebaut. Bei dieser Gelegenheit modernisiert er gleich auch die Balganlage und tauscht zwei unmodern gewordene Register aus. Auch der Prospekt erhält einen neuen Anstrich – statt barocker Pracht zeigt er nun eine braune Holzimitation.
1917 muss die Gemeinde sämtliche Prospektpfeifen abliefern. Sie werden erst 1921 ersetzt, durch Pfeifen aus Zink. Außerdem frass sich der Holz- wurm durch die Holzteile, was 1933 einen Umbau im Zeitgeschmack auslöst: Die Orgelbauanstalt Hermann Eule Bautzen verändert die Disposition und baut eine pneumatische Spielanlage mit freistehendem Spieltisch ein.
Bei einer Kirchenrenovierung 1963 tritt die originale, längst vergessene Farbfassung des Prospektes wieder zutage und wird wieder hergestellt. In den Jahren 2010 bis 2014 wurde das Instrument durch die Firma Eule und die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider rekonstruiert und dabei auf den Zustand von 1726 zurückgebaut. Wegscheider fand dabei heraus, dass die Orgel noch sieben komplette Register aus dem Instrument von Christoph Donat enthält – und somit den ältesten Pfeifenbestand des an historischen Orgeln wahrlich nicht gerade armen Sachsen.
Nach der Rekonstruktion hat Ton Koopman eine Aufnahme mit Werken aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf dieser besonderen Orgel eingespielt. Bach schätzte die Orgeln von Zacharias Hildebrandt, und auch Koopman hat es dieses Instrument hörbar angetan. Er spielt Musik von Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Gottfried Walther, Gottfried August Homilius und Johann Gottfried Walther – und er nutzt diese Werke auch, um die Hildebrandt-Orgel mit ihren speziellen Klangfarben zu präsentieren. So spielt er Musik von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), bei dem seinerzeit viele insbesondere norddeutsche Organisten in die Lehre gingen, ausschließlich mit den Registern von 1620/21.
Leider enthält das Beiheft zahlreiche Fehler; wer Informationen zur Geschichte der Hildebrandt-Orgel sucht, der sollte daher besser auf die Webseite des Fördervereins schauen, der zur Erhaltung des kostbares Instrumentes beitragen will.
Sonntag, 10. Mai 2015
Bach: Constantin Emanuel sings from Schemellis Gesangbuch (Challenge Classics)
Liedern aus Schemellis Gesangbuch widmet Ton Koopman seine jüngste CD. Georg Christian Schemelli (um 1680 bis 1762) lernte 1695 bis 1700 an der Leipziger Thomasschule. 1707 wurde er Kantor in Treuenbrietzen, 1727 Hofkantor in Zeitz, wo er bis zu seinem Ruhestand wirkte. Bekannt ist er als Herausgeber eines Gesang- buches, zu dem auch Johann Sebastian Bach Beiträge lieferte – doch ist nicht sicher festzustellen, welche. Zwar sind sämtliche Lieder im Bach-Werkeverzeichnis gelistet. Neuere Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass nur die Lieder BWV 452, 478 und 505 tatsächlich von Bach stammen. Es wird angenommen, dass er bei anderen zumindest den bezifferten Bass hinzugefügt hat.
Koopman schert sich um diese Debatte wenig. Er verweist darauf kurz im Beiheft, und wählt dann aus, was er lohnend findet, und was zu seinem jungen Sänger passt: Constantin Emanuel sei „één van de zeer weinige jongenssopranen die het epitheton ornans ,schattig' vorbij is, en die muzikaal iets te vertellen heeft“, lobt der Organist und Musikwissen- schaftler. Der junge Sänger klingt in der Tat nicht mehr „niedlich“, und er singt immer noch in Sopranlage, obwohl er bereits 15 Jahre alt ist. Das ist heute selten; zu Bachs Zeiten aber war das normal.
Es wird nicht verblüffen, dass die längere sängerische Ausbildung, nicht durch den Stimmbruch unterbrochen, den Jungen das Singen schwieri- gerer Partien ermöglicht. Constantin Emanuel singt sehr ordentlich, auch wenn sein Timbre nicht immer angenehm ist. Seine Phrasierung ist intelligent, und – was ich besonders erfreulich finde – jedes Wort ist zu verstehen.
Die Lieder, die auf dieser CD zu hören sind, waren für die häusliche An- dacht bestimmt; dennoch sind es eher kleine Arien als schlichte Choräle. Man mag sich also vorstellen, was unsere Altvorderen, die ihren Zeit noch nicht an Fernseher und Smartphones verschwendeten, einstmals zum Gebet und zum Zeitvertreib zu Hause musizierten. Und damit es nicht zuviel Gesang wird, spielt Koopman auf dieser CD nach einigen Liedern stets ein kurzes Orgelstück.
Koopman schert sich um diese Debatte wenig. Er verweist darauf kurz im Beiheft, und wählt dann aus, was er lohnend findet, und was zu seinem jungen Sänger passt: Constantin Emanuel sei „één van de zeer weinige jongenssopranen die het epitheton ornans ,schattig' vorbij is, en die muzikaal iets te vertellen heeft“, lobt der Organist und Musikwissen- schaftler. Der junge Sänger klingt in der Tat nicht mehr „niedlich“, und er singt immer noch in Sopranlage, obwohl er bereits 15 Jahre alt ist. Das ist heute selten; zu Bachs Zeiten aber war das normal.
Es wird nicht verblüffen, dass die längere sängerische Ausbildung, nicht durch den Stimmbruch unterbrochen, den Jungen das Singen schwieri- gerer Partien ermöglicht. Constantin Emanuel singt sehr ordentlich, auch wenn sein Timbre nicht immer angenehm ist. Seine Phrasierung ist intelligent, und – was ich besonders erfreulich finde – jedes Wort ist zu verstehen.
Die Lieder, die auf dieser CD zu hören sind, waren für die häusliche An- dacht bestimmt; dennoch sind es eher kleine Arien als schlichte Choräle. Man mag sich also vorstellen, was unsere Altvorderen, die ihren Zeit noch nicht an Fernseher und Smartphones verschwendeten, einstmals zum Gebet und zum Zeitvertreib zu Hause musizierten. Und damit es nicht zuviel Gesang wird, spielt Koopman auf dieser CD nach einigen Liedern stets ein kurzes Orgelstück.
Mittwoch, 28. Januar 2015
Bach: Six Partitas for harpsichord (Challenge Classics)
Ton Koopman gilt in Sachen Barockmusik zu Recht als Experte. Der engagierte Musiker hat bereits etliche aufsehenerregende Editionen vorgelegt. Darunter sind nicht nur die Werke Buxtehudes und die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Auch das komplette Orgelwerk des einstigen Thomaskantors hat Koopman bereits eingespielt. Jetzt setzte er sich ans Cembalo, und widmete sich den Sechs Partiten aus dem ersten Buch der Clavierübung ein. Er spielt sie wohlüberlegt, ausbalanciert und klar strukturiert. Die auch klanglich hervorragende Aufnahme setzt einen weiteren Glanz- punkt in Koopmans Diskographie.
Donnerstag, 4. Dezember 2014
Buxtehude: Opera Omnia - Vocal Works; Koopman (Challenge Classics)
Ton Koopman verdanken wir viele bedeutende musikalische Entdek- kungen und Einspielungen. Erinnert sei hier an seine Gesamtaufnahmen des Orgelwerkes sowie der Kantaten von Johann Sebastian Bach. Die Auseinandersetzung mit diesen Werken hat – glücklicherweise – Koopmans Aufmerksamkeit auf einen weiteren Komponisten gelenkt, von dem Bach sehr viel gelernt hat: Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707).
Warum ist Bach seinerzeit im November 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck gewandert, und wieso blieb er dort wesentlich länger, als ihm vom Rat der Stadt zugestanden worden war? Diese Frage trieb wohl auch Koopman um. Eine Antwort liegt nahe: Buxtehudes Vokalmusik erklang an der Marienkirche in Lübeck nicht im regulären Gottesdienst, sondern in den sogenannten Abendmusiken, alljährlich an fünf Sonntagen nach dem Martinstag, also dem 11. November.
Damit waren die Kompositionen nicht liturgisch gebunden. Buxtehude war sowohl in der Auswahl der Inhalte als auch der Formen frei, und so schuf er Arien, Konzerte und Kantaten auf der Grundlage kirchlicher Hymnen sowie biblischer oder poetischer Texte. In den Abendmusiken erklangen aber auch Instrumentalwerke – und was die Orgelmusik angeht, war Buxtehude der berühmteste Protagonist der Norddeutschen Orgelschule.
Verblüffenderweise werden seine Werke, insbesondere seine Instrumental- und Vokalmusik, heute bis auf wenige Ausnahmen äußerst selten aufge- führt. Auch wenn Bruno Grusnick (1900 bis 1992) sich große Verdienste um die Erschließung des Notenbestandes insbesondere auch der Sammlung Düben erworben hat, ist eine historisch-kritische Edition derzeit immer noch nur für einige wenige Werke verfügbar. Der Carus-Verlag hat diese Ausgabe begonnen; die Orgelmusik erscheint aber wohl bei Bärenreiter.
Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich Ton Koopman mit seinem Amster- dam Baroque Orchestra and Choir sowie einer großen Schar engagierter Solisten an eine Gesamtaufnahme gewagt. 2005 begann er das Projekt „Dieterich Buxtehude – Opera Omnia“. Mittlerweile ist diese Kollektion vollendet. Koopman hat dafür bei seinem eigenen Label Antoine Marchand den kompletten Buxtehude eingespielt, die Vokal- und Kammermusik ebenso wie die Kompositionen für Orgel und Cembalo, die er selbst auf historischen Instrumenten interpretiert.
Und man muss sagen, diese Arbeit hat sich gelohnt. Denn die Musik ist wirklich beeindruckend. Die Aufnahmen zeigen allerdings auch, dass die Vokalwerke Buxtehudes zumeist durch eine normale Kantorei nicht ohne weiteres aufzuführen sind. So werden sie wohl Musik für professionelle Ensembles bleiben. Hören freilich möchte man sie gern öfters.
Man mag sich kaum vorstellen, was für ein Kraftakt die Vorbereitung einer solchen Gesamteinspielung gewesen sein dürfte. Es ist kaum zu glauben, aber Ton Koopman hat im Oktober 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Für den Ruhestand hat er gar keine Zeit: Die Webseite verrät es – der Kalender des Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftlers ist voll wie eh und je. Wir gratulieren, wenn auch mit Verspätung, und wir freuen uns schon auf die nächsten Projekte.
Warum ist Bach seinerzeit im November 1705 vom thüringischen Arnstadt nach Lübeck gewandert, und wieso blieb er dort wesentlich länger, als ihm vom Rat der Stadt zugestanden worden war? Diese Frage trieb wohl auch Koopman um. Eine Antwort liegt nahe: Buxtehudes Vokalmusik erklang an der Marienkirche in Lübeck nicht im regulären Gottesdienst, sondern in den sogenannten Abendmusiken, alljährlich an fünf Sonntagen nach dem Martinstag, also dem 11. November.
Damit waren die Kompositionen nicht liturgisch gebunden. Buxtehude war sowohl in der Auswahl der Inhalte als auch der Formen frei, und so schuf er Arien, Konzerte und Kantaten auf der Grundlage kirchlicher Hymnen sowie biblischer oder poetischer Texte. In den Abendmusiken erklangen aber auch Instrumentalwerke – und was die Orgelmusik angeht, war Buxtehude der berühmteste Protagonist der Norddeutschen Orgelschule.
Verblüffenderweise werden seine Werke, insbesondere seine Instrumental- und Vokalmusik, heute bis auf wenige Ausnahmen äußerst selten aufge- führt. Auch wenn Bruno Grusnick (1900 bis 1992) sich große Verdienste um die Erschließung des Notenbestandes insbesondere auch der Sammlung Düben erworben hat, ist eine historisch-kritische Edition derzeit immer noch nur für einige wenige Werke verfügbar. Der Carus-Verlag hat diese Ausgabe begonnen; die Orgelmusik erscheint aber wohl bei Bärenreiter.
Trotz dieser Schwierigkeiten hat sich Ton Koopman mit seinem Amster- dam Baroque Orchestra and Choir sowie einer großen Schar engagierter Solisten an eine Gesamtaufnahme gewagt. 2005 begann er das Projekt „Dieterich Buxtehude – Opera Omnia“. Mittlerweile ist diese Kollektion vollendet. Koopman hat dafür bei seinem eigenen Label Antoine Marchand den kompletten Buxtehude eingespielt, die Vokal- und Kammermusik ebenso wie die Kompositionen für Orgel und Cembalo, die er selbst auf historischen Instrumenten interpretiert.
Und man muss sagen, diese Arbeit hat sich gelohnt. Denn die Musik ist wirklich beeindruckend. Die Aufnahmen zeigen allerdings auch, dass die Vokalwerke Buxtehudes zumeist durch eine normale Kantorei nicht ohne weiteres aufzuführen sind. So werden sie wohl Musik für professionelle Ensembles bleiben. Hören freilich möchte man sie gern öfters.
Man mag sich kaum vorstellen, was für ein Kraftakt die Vorbereitung einer solchen Gesamteinspielung gewesen sein dürfte. Es ist kaum zu glauben, aber Ton Koopman hat im Oktober 2014 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Für den Ruhestand hat er gar keine Zeit: Die Webseite verrät es – der Kalender des Dirigenten, Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftlers ist voll wie eh und je. Wir gratulieren, wenn auch mit Verspätung, und wir freuen uns schon auf die nächsten Projekte.
Montag, 23. Juni 2014
C.P.E. Bach: 6 organ sonatas (Challenge Classics)
Ton Koopman spielt die Orgel- sonaten von Carl Philipp Emanuel Bach. Was für ein Glücksfall! Denn der Cembalist und Organist hat sich auch mit dem Werk seines Vaters und etlicher Zeitgenossen intensiv beschäftigt. Seine Gesamt- einspielung der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach gehört mit zu meinen absoluten Favoriten, weil Koopman dort tiefgreifendes Studium, technische Präzision und Perfektion und zugleich eine geradezu umwerfende Musikalität in wunderbarer Weise vereint.
Wenn er nun also die Orgelsonaten des zweitältesten Bach-Sohnes vorträgt, dann versucht Koopman nicht, sie mit der romantischen Brille zu lesen. Sie klingen ohnehin „modern“ genug. Der Organist weiß er um die Tradition, aus der diese Werke erwachsen sind, und macht dies auch hörbar. Einmal mehr setzt Koopman mit seiner Aufnahme die Referenz, an der sich in Zukunft alle Nachfolger messen lassen müssen. Und er spielt das Instrument, für das zumindest vier der sechs Orgelsonaten entstanden sind: Anna Amalia, die jüngste Schwester von Friedrich dem Großen besaß eine Orgel des Orgel- bauers Peter Migendt. Sie wurde 1755 im Berliner Stadtschloss aufgestellt. Die Prinzessin spielte dieses Instrument selber. Es besaß einen für die damalige Zeit außergewöhnlichen Tonumfang – während, so Koopman, der höchste Ton der Orgeln seinerzeit d''' oder c''' war, reichte die Klaviatur dieser Orgel bis zum f''' – und Bach nutzt diese Spanne in seinen Orgelsonaten auch aus.
Durch einen Zufall überstand diese sogenannte Amalien-Orgel Kriege und Nachkriegswirren; seit den 50er Jahren befindet sie sich in der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst. Und nach einer sorgsamen Restaurierung 2007 ist nun auch ihr originaler Klang wieder zu hören.
Wenn er nun also die Orgelsonaten des zweitältesten Bach-Sohnes vorträgt, dann versucht Koopman nicht, sie mit der romantischen Brille zu lesen. Sie klingen ohnehin „modern“ genug. Der Organist weiß er um die Tradition, aus der diese Werke erwachsen sind, und macht dies auch hörbar. Einmal mehr setzt Koopman mit seiner Aufnahme die Referenz, an der sich in Zukunft alle Nachfolger messen lassen müssen. Und er spielt das Instrument, für das zumindest vier der sechs Orgelsonaten entstanden sind: Anna Amalia, die jüngste Schwester von Friedrich dem Großen besaß eine Orgel des Orgel- bauers Peter Migendt. Sie wurde 1755 im Berliner Stadtschloss aufgestellt. Die Prinzessin spielte dieses Instrument selber. Es besaß einen für die damalige Zeit außergewöhnlichen Tonumfang – während, so Koopman, der höchste Ton der Orgeln seinerzeit d''' oder c''' war, reichte die Klaviatur dieser Orgel bis zum f''' – und Bach nutzt diese Spanne in seinen Orgelsonaten auch aus.
Durch einen Zufall überstand diese sogenannte Amalien-Orgel Kriege und Nachkriegswirren; seit den 50er Jahren befindet sie sich in der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst. Und nach einer sorgsamen Restaurierung 2007 ist nun auch ihr originaler Klang wieder zu hören.
Donnerstag, 16. Januar 2014
Buxtehude: Opera Omnia XVIII; Koopman (Antoine Marchand/Challenge Classics)
„Membra Jesu Nostri (BuxWV 75), ein Werk, das Buxtehude für seinen ,amico', den Kapellmeister Gustav Düben in Stockholm komponierte, war um 1980 fast unbekannt. Heute ist das anders – es gibt mehrere Aufnahmen des Werkes“, schreibt Ton Koopman. Er selbst hat soeben gemeinsam mit dem Amsterdam Baroque Orchestra und dem Amsterdam Baroque Choir eine Gesamteinspielung sämtlicher derzeit bekannter Vokal- und Instrumentalwerke Dieterich Buxtehudes (1637 bis 1707) abgeschlossen. „Es war schon etwas Besonderes, so viele nie oder selten aufgeführte Werke zu studieren und aufzunehmen“, meint der Musiker. „Wir alle lernten viel dabei, vom Gebrauch des hohen Orgeltons bis zum Singen und Spielen in mitteltöniger Stimmung.“
Diese beiden CD sind sehr gelungen, auch wenn die Solisten nicht durchweg überzeugen können. An die komplexen Werke aber, die Buxtehude insbesondere auch für die Abendmusiken an der Lübecker Kirche St. Marien geschaffen hat, dürfte sich auch in Zukunft kaum ein Kantor heranwagen. Das liegt zum einen daran, dass Buxtehude selbst im Chor exzellente Sänger zur Verfügung standen – heute hingegen, im Zeitalter von DSDS, können die Kids üblicherweise kaum noch einen gerade Ton singen, geschweigen denn Noten lesen. Zum anderen beteiligten sich an den Abendmusiken die Stadtmusiker, versierte und hervorragend ausgebildete Instrumentalisten. „Alte“ Musik aber ist heute eine Angelegenheit weniger Spezialisten; im Studienprogramm von Berufsmusikern steht dieses Repertoire eher am Rande. Und obendrein steht Notenmaterial von Buxtehudes Werken nicht eben üppig bereit. So klingt es ein bisschen wie Pfeifen im Walde, wenn Koopman resümiert: „Sänger, Chordirigenten, Instrumentalisten: das ist nicht alles! Ich hoffe, dass viele diese Musik hören, studieren und aufführen. Buxtehude hat es verdient.“
Diese beiden CD sind sehr gelungen, auch wenn die Solisten nicht durchweg überzeugen können. An die komplexen Werke aber, die Buxtehude insbesondere auch für die Abendmusiken an der Lübecker Kirche St. Marien geschaffen hat, dürfte sich auch in Zukunft kaum ein Kantor heranwagen. Das liegt zum einen daran, dass Buxtehude selbst im Chor exzellente Sänger zur Verfügung standen – heute hingegen, im Zeitalter von DSDS, können die Kids üblicherweise kaum noch einen gerade Ton singen, geschweigen denn Noten lesen. Zum anderen beteiligten sich an den Abendmusiken die Stadtmusiker, versierte und hervorragend ausgebildete Instrumentalisten. „Alte“ Musik aber ist heute eine Angelegenheit weniger Spezialisten; im Studienprogramm von Berufsmusikern steht dieses Repertoire eher am Rande. Und obendrein steht Notenmaterial von Buxtehudes Werken nicht eben üppig bereit. So klingt es ein bisschen wie Pfeifen im Walde, wenn Koopman resümiert: „Sänger, Chordirigenten, Instrumentalisten: das ist nicht alles! Ich hoffe, dass viele diese Musik hören, studieren und aufführen. Buxtehude hat es verdient.“
Donnerstag, 10. November 2011
Sweelinck: Choral Works (Etcetera)
Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621) gehörte zu den einflussreich- sten Musikern seiner Zeit - nicht nur deshalb, weil der "Orpheus von Am- sterdam" mit seinen Improvisatio- nen auf Orgel und Cembalo Besucher aus ganz Europa begeisterte. Er wirkte als Organist an der Oude Kerk in Amsterdam, und bildete zudem offenbar ganze Heerscharen von Schülern aus. Dazu gehörten unter anderem Johann Praetorius, Gott- fried und Samuel Scheidt, Heinrich Scheidemann, und viele andere mehr. Über diese Musiker und ihre Schüler prägte der "hamburgische Organistenmacher" die sogenannte Norddeutsche Orgelschule ganz entscheidend.
Über der Bewunderung für sein "modernes" Orgelwerk, das stilistisch gern für frühbarock erklärt wird, waren allerdings Sweelinks Vokal- werke aus dem Blick der Musikwelt gerückt. Sie galten als Spätrenais- sance, und gerieten damit in den Verdacht, weniger "fortschrittlich" zu sein als die Instrumentalwerke.
Die vorliegende Box beweist, dass solche Urteile Unfug sind. Swee- lincks Vokalkompositionen sind bezaubernde, filigrane Kunstwerke - von erstaunlich solider Struktur, wie man beim genaueren Hinhören feststellt. Mit welcher Raffinesse, welcher Hingabe an das Detail Sweelinck Texte auslegte, das verdient höchste Bewunderung.
Der Netherlands Chamber Choir zeigt unter Leitung der renommier- ten Dirigenten Peter Phillips, William Christie, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Jan Boeke und Paul van Nevel, was für Juwelen hier zu entdecken sind. Die Sänger sind phantastisch; sie werden gelegentlich durch Instrumentalisten begleitet, die ebenso zu den besten ihres Faches gehören. Die Box enthält drei CD - das bedeutet mehr als drei Stunden ungetrübtes Hörvergnügen und eine Zeitreise, die man nur empfehlen kann. Bravi!
Über der Bewunderung für sein "modernes" Orgelwerk, das stilistisch gern für frühbarock erklärt wird, waren allerdings Sweelinks Vokal- werke aus dem Blick der Musikwelt gerückt. Sie galten als Spätrenais- sance, und gerieten damit in den Verdacht, weniger "fortschrittlich" zu sein als die Instrumentalwerke.
Die vorliegende Box beweist, dass solche Urteile Unfug sind. Swee- lincks Vokalkompositionen sind bezaubernde, filigrane Kunstwerke - von erstaunlich solider Struktur, wie man beim genaueren Hinhören feststellt. Mit welcher Raffinesse, welcher Hingabe an das Detail Sweelinck Texte auslegte, das verdient höchste Bewunderung.
Der Netherlands Chamber Choir zeigt unter Leitung der renommier- ten Dirigenten Peter Phillips, William Christie, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Jan Boeke und Paul van Nevel, was für Juwelen hier zu entdecken sind. Die Sänger sind phantastisch; sie werden gelegentlich durch Instrumentalisten begleitet, die ebenso zu den besten ihres Faches gehören. Die Box enthält drei CD - das bedeutet mehr als drei Stunden ungetrübtes Hörvergnügen und eine Zeitreise, die man nur empfehlen kann. Bravi!
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