Warum sich Gunar Letzbor mit sei- nem Ensemble Ars Antiqua Austria immer wieder der Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) zuwendet, das erklärt der Geiger im Beiheft zu dieser CD – kurz und bündig: „Ein Genie, dessen Lebens- geschichte noch größtenteils unerforscht ist, ein Violinvirtuose, der die Technik des Geigenspiels in Österreich auf eine unglaublich hohe Entwicklungsstufe emporgehoben hat, ein Mensch mit unglaublicher Fantasiefähigkeit und Mut zur Abstraktion.“
Biber wirkte erst in Kremsier und dann in Salzburg in der bischöflichen Hofkapelle. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet; wer sich dafür interessiert, der findet die entsprechenden Texte am schnellsten durch Klicken auf das Schlagwort „Biber“. Auf der vorlie- genden CD kombiniert Letzbor einmal mehr Vokalmusik des Komponisten mit einem seiner hinreißenden Werke für die Geige.
Das Glanzstück dieser Einspielung ist, ohne Zweifel, die Missa Alleluja a 36 voci, eine groß besetzte Messe, mehrchörig und ausgesprochen pracht- voll, mit Pauken und Trompeten. Warum allerdings die Sängerbesetzung auf die Hälfte reduziert wurde, das ist mir ein Rätsel – Biber schreibt ausdrücklich 8 voci concerti, 8 voci ripieni, hier sind aber insgesamt nur neun Vokalisten zugange, die gegen die Instrumentalchöre oftmals leider etwas schwächlich klingen.
Zu loben sind allerdings die drei Sopranisten; Josef Pascal Auer, Simon Paul Bernhard und Daniel Mandl von den St. Florianer Sängerknaben können mit ihren strahlenden Knabenstimmen überzeugen. Alois Mühlbacher, der vor dem Stimmbruch mehrere Solo-CD mit teilweise abenteuerlichem Repertoire veröffentlicht hat – was er aber grandios bewältigte, unterstützt durch Chorleiter Franz Farnberger – ist nunmehr offensichtlich ins Countertenor-Fach gewechselt. Gemeinsam mit Markus Forster singt Mühlbacher Altus. Dazu gesellen sich die Tenöre Markus Miesenberger und Bernd Lambauer sowie Gerhard Kenda und Ulfried Staber, Bass. Es musiziert das Ensemble Ars Antiqua Austria, diesmal gleich mit zwei Orgelpositiven sowie mit einer ebenso brillanten wie kopfstarken Bläsergruppe. Sechs (!) Trompeten, drei Posaunen und zwei Zinke – das ist wirklich eine Luxusbesetzung; die Sänger haben aber leider ihre Not, sich gegen die beiden Bläserchöre zu behaupten.
Die beiden wundervollen Solokantaten Nisi Dominus und Hic est panis singt Gerhard Kenda, und man freut sich, endlich einmal wieder einen richtigen Bass zu hören; im Dialog mit Letzbors Violine sowie mit Erich Traxler, Orgel und beim Nisi Dominus auch mit Hubert Hoffmann, Theorbe. Eine Pastorella Bibers, von Letzbor aufgespürt in den legendären Notenbeständen des Wiener Minoritenklosters, führt den Zuhörer zudem direkt in das Weihnachtsgeschehen. Wir erleben, wie der Engel seine Botschaft verkündet, und wir treten mit den Hirten zur Krippe, die die Geburt Jesu ausgelassen feiern – natürlich vor dem Stall; das Kind soll ja nicht erschrecken.
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Samstag, 4. Februar 2017
Samstag, 27. Juli 2013
Stimmen. Saiten. Klarinetten. (Preiser)
Mit ihrer CD „stimmen. saiten. klarinetten“ begeben sich die
St. Florianer Sängerknaben in die Welt der Volksmusik. „Echte“ Volksmusik, mit „echtem“ Instrumentarium und richtigen Musikanten wollte Franz Farnberger ohnehin mit seinen Chorknaben einmal machen, berichtet er im Beiheft zu dieser CD. „Hilfreich für die Erfüllung dieses Wunsches war meine Bekanntschaft mit Michael Killinger, Vater eines (mittlerweile ehemaligen) Sängerknaben, hauptberuflich Busunternehmer und legendärer, zahlreicher Instrumente beherrschender Volksmusiker“, schreibt Farnberger. „Ihn konnte ich nicht nur als Fachberater für die Repertoireauswahl gewinnen, sondern auch – zusammen mit seinen Ensembles ,Genießermusi’ und ,Dürnberg Klarinettenmusi’ – als Mitwirkenden für ein großes Konzert im Marmorsaal des Stiftes und die anschließende, jetzt vorliegende CD-Aufnahme.“
Und so versuchten sich also die jungen Sänger, normalerweise eher mit den großen Werken der sogenannten „ernsten“ Musik befasst, an Jodlern, Polka und Schuhplattler. „Es war für mich bei der Proben- arbeit sehr bereichernd und erstaunlich zu beobachten, wie schnell sich die Buben für diese Musik begeistern ließen“, schreibt Killinger im Beiheft. Tradition trifft hier auf Tradition, und für das Projekt konnten sich, wie man feststellen wird, auch zahlreiche ehemalige St. Florianer erwärmen. So ist neben Markus Stumpner, als Jodler-An- sänger, auch Alois Mühlbacher zu hören, immer noch Mezzosopran, aber mittlerweile offenbar nicht mehr bei den St. Florianern.
Musiziert wird mit Hingabe – und blitzsauber, auch wenn Farnberger anmerkt: „Wie so oft in der Musik ist die scheinbar ,einfachste’ Variante nicht immer die leichteste, denn gerade der dreistimmige unbegleitete Satz stellt höchste Anforderungen an die Intonations- sicherheit.“ Wer schwungvolle Klänge aus Oberösterreich mag, lebendiges Brauchtum statt Musikantenstadl – hier kann der Zuhörer erleben, wie die nächste Generation antritt, dieses Erbe weiterzu- führen.
St. Florianer Sängerknaben in die Welt der Volksmusik. „Echte“ Volksmusik, mit „echtem“ Instrumentarium und richtigen Musikanten wollte Franz Farnberger ohnehin mit seinen Chorknaben einmal machen, berichtet er im Beiheft zu dieser CD. „Hilfreich für die Erfüllung dieses Wunsches war meine Bekanntschaft mit Michael Killinger, Vater eines (mittlerweile ehemaligen) Sängerknaben, hauptberuflich Busunternehmer und legendärer, zahlreicher Instrumente beherrschender Volksmusiker“, schreibt Farnberger. „Ihn konnte ich nicht nur als Fachberater für die Repertoireauswahl gewinnen, sondern auch – zusammen mit seinen Ensembles ,Genießermusi’ und ,Dürnberg Klarinettenmusi’ – als Mitwirkenden für ein großes Konzert im Marmorsaal des Stiftes und die anschließende, jetzt vorliegende CD-Aufnahme.“
Und so versuchten sich also die jungen Sänger, normalerweise eher mit den großen Werken der sogenannten „ernsten“ Musik befasst, an Jodlern, Polka und Schuhplattler. „Es war für mich bei der Proben- arbeit sehr bereichernd und erstaunlich zu beobachten, wie schnell sich die Buben für diese Musik begeistern ließen“, schreibt Killinger im Beiheft. Tradition trifft hier auf Tradition, und für das Projekt konnten sich, wie man feststellen wird, auch zahlreiche ehemalige St. Florianer erwärmen. So ist neben Markus Stumpner, als Jodler-An- sänger, auch Alois Mühlbacher zu hören, immer noch Mezzosopran, aber mittlerweile offenbar nicht mehr bei den St. Florianern.
Musiziert wird mit Hingabe – und blitzsauber, auch wenn Farnberger anmerkt: „Wie so oft in der Musik ist die scheinbar ,einfachste’ Variante nicht immer die leichteste, denn gerade der dreistimmige unbegleitete Satz stellt höchste Anforderungen an die Intonations- sicherheit.“ Wer schwungvolle Klänge aus Oberösterreich mag, lebendiges Brauchtum statt Musikantenstadl – hier kann der Zuhörer erleben, wie die nächste Generation antritt, dieses Erbe weiterzu- führen.
Sonntag, 21. Juli 2013
Hochreither: Requiem / Missa Jubilus sacer (Pan Classics)
Anders als die evangelische Kir- chenmusik, die zumindest in ihrem Ursprung stark am Wort und seiner Auslegung mit den Mitteln der Musik orientiert war, scheint die katholische Kirchenmusik eher auf den Klang zu setzen, um Gefühle und Assoziatio- nen zu wecken. Welche Ideen die Komponisten dazu entwickelten, das zeigt exemplarisch eine CD, die kürzlich bei Pan Classics erschienen ist.
Das Ensemble Ars Antiqua Austria unter Gunar Letzbor stellt darauf gemeinsam mit St. Florianer Sänger- knaben ein Requiem sowie die Missa Jubilus sacer von Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731) vor. Dieser Komponist entstammte einer Salzburger Musikerdynastie. Seine Lehrjahre absolvierte er ab 1681 am Salzburger Kapellhaus, einer Ausbildungsstätte für talentierte Knaben, die ab 1684 durch Heinrich Ignaz Franz Biber geleitet wurde. 1688 verließ Hochreither als Magister die Salzburger Universität. Nach einer Zwischenstation als Organist in einem Benediktinerinnenkloster wechselte er 1694 an das Stift Lambach. 1721 schließlich ging er als Domstiftsorganist nach Salzburg, wo er dann bis an sein Lebensende wirkte.
Lediglich 21 Werke des Komponisten sind überliefert. Ein neuer Musikarchivar hat etliche Kompositionen in den Beständen des Stiftes Lambach aufgespürt. Letzbor hat mit Ars Antiqua Austria bereits die Missa Ad multos annos eingespielt. Erfreut von der Klangpracht dieser Neuentdeckung, stellt das Ensemble nun zwei weitere Werke vor.
Das Requiem ist nicht nur aufgrund seiner Überlieferung in drei Mappen ein Kuriosum. Jede von ihnen enthält Teile des Werkes; sie unterscheiden sich in Datierung, Handschrift und Besetzung. Zu welchem Anlass das Werk geschrieben wurde, das ließ sich nicht herausfinden.
Hochreither schreckte auch vor außergewöhnlichen Methoden nicht zurück, um die gewünschten Effekte zu erzielen. So gibt er vor, der Bassist möge „das Tuba mirum, item das Lacrymosa (…) aus einem Rödtrohr“ singen. „Diese Anweisung bereitete mir schlaflose Nächte“, gesteht Gunar Letzbor. „Bis kurz vor der CD-Aufnahme hatte ich keine Idee, was das bedeuten sollte. (...) In der vorletzten Nacht vor dem ersten Aufnahmetag kam dann die rettende Idee. Ich erinnerte mich an einen Bericht, wonach in der Barockzeit manchmal akustische Spielereien versucht wurden, wo man beispielsweise ein Rohr über lange Strecken durch dicke Mauern legte und damit Überraschungseffekte erzielte, wenn aus dem Nichts plötzlich eine bedrohliche Stimme erklang. (...) Am nächsten Morgen montierte ich die Plastikregenwasserrohre von unserer Gartenhütte ab.“ Man kann sich vorstellen, welche Wirkung eine solche Konstruktion im Konzert auf das Publikum hat – der Klangeffekt aber, der dadurch erzielt wurde, ist beeindruckend.
Die Missa Jubilus sacer, entstanden 1731, ist Abt Gotthart Haslinger von Lambach gewidmet. Es ist ein prächtiges Werk, eine Festmesse, die für alle Solisten virtuose Passagen bereithält. Die St. Florianer Sängerknaben, in Mini-Besetzung, singen wunderbar; insbesondere Alois Mühlbacher hat einen großartigen Auftritt. Von allen CD mit dem herausragenden Knabensopran ist dies ohne Zweifel eine der besten.
Ob es allerdings wirklich zweckmäßig ist, mit einer CD den Klangeindruck vermitteln zu wollen, den der Dirigent am Pult hat, sollte kritisch überprüft werden. „Natürlich sind hier Ansatzgeräusche bei den Bläsern und Streichern auch abgebildet“, schreibt Letzbor. „Man hört manches Klopfen der Bögen, das man in drei Metern Entfernung nicht mehr bemerken kann.“ Genau dort sitzen aber üblicherweise die Zuhörer; dort erreichen sie die „Arbeitsgeräusche“ der Musizierenden nur noch gedämpft – und das ist gut so.
Das Ensemble Ars Antiqua Austria unter Gunar Letzbor stellt darauf gemeinsam mit St. Florianer Sänger- knaben ein Requiem sowie die Missa Jubilus sacer von Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731) vor. Dieser Komponist entstammte einer Salzburger Musikerdynastie. Seine Lehrjahre absolvierte er ab 1681 am Salzburger Kapellhaus, einer Ausbildungsstätte für talentierte Knaben, die ab 1684 durch Heinrich Ignaz Franz Biber geleitet wurde. 1688 verließ Hochreither als Magister die Salzburger Universität. Nach einer Zwischenstation als Organist in einem Benediktinerinnenkloster wechselte er 1694 an das Stift Lambach. 1721 schließlich ging er als Domstiftsorganist nach Salzburg, wo er dann bis an sein Lebensende wirkte.
Lediglich 21 Werke des Komponisten sind überliefert. Ein neuer Musikarchivar hat etliche Kompositionen in den Beständen des Stiftes Lambach aufgespürt. Letzbor hat mit Ars Antiqua Austria bereits die Missa Ad multos annos eingespielt. Erfreut von der Klangpracht dieser Neuentdeckung, stellt das Ensemble nun zwei weitere Werke vor.
Das Requiem ist nicht nur aufgrund seiner Überlieferung in drei Mappen ein Kuriosum. Jede von ihnen enthält Teile des Werkes; sie unterscheiden sich in Datierung, Handschrift und Besetzung. Zu welchem Anlass das Werk geschrieben wurde, das ließ sich nicht herausfinden.
Hochreither schreckte auch vor außergewöhnlichen Methoden nicht zurück, um die gewünschten Effekte zu erzielen. So gibt er vor, der Bassist möge „das Tuba mirum, item das Lacrymosa (…) aus einem Rödtrohr“ singen. „Diese Anweisung bereitete mir schlaflose Nächte“, gesteht Gunar Letzbor. „Bis kurz vor der CD-Aufnahme hatte ich keine Idee, was das bedeuten sollte. (...) In der vorletzten Nacht vor dem ersten Aufnahmetag kam dann die rettende Idee. Ich erinnerte mich an einen Bericht, wonach in der Barockzeit manchmal akustische Spielereien versucht wurden, wo man beispielsweise ein Rohr über lange Strecken durch dicke Mauern legte und damit Überraschungseffekte erzielte, wenn aus dem Nichts plötzlich eine bedrohliche Stimme erklang. (...) Am nächsten Morgen montierte ich die Plastikregenwasserrohre von unserer Gartenhütte ab.“ Man kann sich vorstellen, welche Wirkung eine solche Konstruktion im Konzert auf das Publikum hat – der Klangeffekt aber, der dadurch erzielt wurde, ist beeindruckend.
Die Missa Jubilus sacer, entstanden 1731, ist Abt Gotthart Haslinger von Lambach gewidmet. Es ist ein prächtiges Werk, eine Festmesse, die für alle Solisten virtuose Passagen bereithält. Die St. Florianer Sängerknaben, in Mini-Besetzung, singen wunderbar; insbesondere Alois Mühlbacher hat einen großartigen Auftritt. Von allen CD mit dem herausragenden Knabensopran ist dies ohne Zweifel eine der besten.
Ob es allerdings wirklich zweckmäßig ist, mit einer CD den Klangeindruck vermitteln zu wollen, den der Dirigent am Pult hat, sollte kritisch überprüft werden. „Natürlich sind hier Ansatzgeräusche bei den Bläsern und Streichern auch abgebildet“, schreibt Letzbor. „Man hört manches Klopfen der Bögen, das man in drei Metern Entfernung nicht mehr bemerken kann.“ Genau dort sitzen aber üblicherweise die Zuhörer; dort erreichen sie die „Arbeitsgeräusche“ der Musizierenden nur noch gedämpft – und das ist gut so.
Mittwoch, 26. Dezember 2012
Alois - Von Hirten und Engeln (Preiser Records)
Die hohe Stimme ist Alois Mühl- bacher offenbar bislang erhalten geblieben. Der junge Mann singt seit 2005 bei den St. Florianer Sängerknaben; er ist mittlerweile 17 Jahre alt, und gilt nicht nur deshalb als Stimmwunder. Wer seine bislang erschienenen CD nicht kennt, der kann auch bei Youtube nachschauen: Von der Königin der Nacht bis hin zu Strauss und Mahler - es gibt fast nichts, was Mühlbacher nicht gesungen hat, üblicherweise am Klavier begleitet vom Chorleiter Franz Farnberger.
Anschauen sollte man den jungen Sänger allerdings besser nicht, denn sein musikalischer Ausdruckswille bricht sich Bahn in einer Gestik, die höchst affektiert wirkt. Derartiges Kaspertheater sollte sich ein angehender Profi schnell wieder abgewöhnen, das kommt beim Publikum nicht wirklich gut an.
Für das Weihnachtsfest haben Mühlbacher und sein Mentor Farnber- ger ein anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auf tradi- tionelle Weihnachtslieder vollkommen verzichtet, und statt dessen auf das (spät)romantische deutsche Kunstlied setzt. Es erklingen Lieder von Peter Cornelius (1824 bis 1874), Joseph Haas (1879 bis 1960), Max Reger (1873 bis 1916) sowie von Franz Philipp (1890 bis 1972), Johannes Hatzfeld (1882 bis 1953) und Casimir von Pászthory (1886 bis 1966). Im Mittelpunkt der CD aber stehen ohne Zweifel die sieben Lieder von Hugo Wolf (1860 bis 1903), drei davon aus dem Spanischen Liederbuch. Mühlbacher singt zudem Der Engel aus den Wesendonck-Liedern von Richard Wagner (1813 bis 1883). Ob das durchweg inhaltlich für einen Teenager passt, das muss jeder Hörer für sich entscheiden.
Gestaltet sind die Lieder zumeist überzeugend. Dabei zeigt der junge Solist eine für sein Alter ganz erstaunliche Reife. Aus den Höhen, in denen er sich bislang stimmlich bewegte, hat sich Alois Mühlbacher allerdings mittlerweile verabschiedet. Seine Stimme hat sich ver- ändert; sie ist voller geworden, klingt reifer - und deutlich tiefer. In der Mezzo-Region ist der Sänger hörbar daheim, die Spitzentöne hingegen klingen nicht mehr wirklich gut.
Es wäre Mühlbacher zu wünschen, dass er auch nach dem Stimm- bruch weiter künstlerisch gefördert wird. Möge er Partner finden, die seinen Ehrgeiz verstehen, aber den jungen Sänger doch ein wenig bremsen, damit er Zeit bekommt für seine weitere Entwicklung. Man darf gespannt sein - doch man wird ganz sicher weiter von ihm hören.
Anschauen sollte man den jungen Sänger allerdings besser nicht, denn sein musikalischer Ausdruckswille bricht sich Bahn in einer Gestik, die höchst affektiert wirkt. Derartiges Kaspertheater sollte sich ein angehender Profi schnell wieder abgewöhnen, das kommt beim Publikum nicht wirklich gut an.
Für das Weihnachtsfest haben Mühlbacher und sein Mentor Farnber- ger ein anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auf tradi- tionelle Weihnachtslieder vollkommen verzichtet, und statt dessen auf das (spät)romantische deutsche Kunstlied setzt. Es erklingen Lieder von Peter Cornelius (1824 bis 1874), Joseph Haas (1879 bis 1960), Max Reger (1873 bis 1916) sowie von Franz Philipp (1890 bis 1972), Johannes Hatzfeld (1882 bis 1953) und Casimir von Pászthory (1886 bis 1966). Im Mittelpunkt der CD aber stehen ohne Zweifel die sieben Lieder von Hugo Wolf (1860 bis 1903), drei davon aus dem Spanischen Liederbuch. Mühlbacher singt zudem Der Engel aus den Wesendonck-Liedern von Richard Wagner (1813 bis 1883). Ob das durchweg inhaltlich für einen Teenager passt, das muss jeder Hörer für sich entscheiden.
Gestaltet sind die Lieder zumeist überzeugend. Dabei zeigt der junge Solist eine für sein Alter ganz erstaunliche Reife. Aus den Höhen, in denen er sich bislang stimmlich bewegte, hat sich Alois Mühlbacher allerdings mittlerweile verabschiedet. Seine Stimme hat sich ver- ändert; sie ist voller geworden, klingt reifer - und deutlich tiefer. In der Mezzo-Region ist der Sänger hörbar daheim, die Spitzentöne hingegen klingen nicht mehr wirklich gut.
Es wäre Mühlbacher zu wünschen, dass er auch nach dem Stimm- bruch weiter künstlerisch gefördert wird. Möge er Partner finden, die seinen Ehrgeiz verstehen, aber den jungen Sänger doch ein wenig bremsen, damit er Zeit bekommt für seine weitere Entwicklung. Man darf gespannt sein - doch man wird ganz sicher weiter von ihm hören.
Freitag, 12. Oktober 2012
Alois und Christoph Florian Karsten (Preiser)
Alois Mühlbacher ist ohne Zweifel ein Ausnahme-Sänger - doch die St. Florianer Sängerknaben sind offenbar auch sonst selbstbewusste und exzellent ausgebildete kleine Künstler, die in dem Ensemble sehr individuell gefördert werden. Das jedenfalls zeigt die vorliegende CD, auf der Mühlbacher zumeist im Duett mit seinen Mitchoristen zu hören ist.
Bereits seine erste Solo-CD enthielt ein Duett aus der Oper Lakmé, vorgetragen von dem Knaben- sopran gemeinsam mit dem damaligen Knabenalt Karsten Köhne.
Es lag also nahe, weitere Duette aufzunehmen, zumal es ein umfang- reiches Repertoire gibt, das aber üblicherweise nur selten zu hören ist. Franz Farnberger, der Leiter und Mentor der St. Florianer Sängerknaben, hat daraufhin geeignete Stücke herausgesucht. Dabei konzentrierte er sich auf die zweistimmigen Gesänge von Schumann, Mendelssohn und Brahms.
Der größte Teil der Aufnahmen entstand bereits im Sommer 2010. Der Chor entschied dann allerdings wegen des Mahler-Jahres 2011, die später aufgezeichnete CD Alois - Um Mitternacht zuerst zu ver- öffentlichen. Wie schnell der Generationswechsel in einem Knaben- chor erfolgt, wird übrigens auch daran erkennbar, dass die Duett- partner mittlerweile alle im Stimmbruch sind - nur Alois Mühlbacher kann, obwohl auch er mittlerweile seinen 16. Geburtstag gefeiert hat, nach wie vor mit seinem strahlenden Sopran vor das Publikum treten.
Die Gesangstechnik dieses Knaben, viel mehr aber noch seine Fähi- keit, die Werke, die er singt, auch inhaltlich zu erfassen und ange- messen zu gestalten, erscheint phänomenal. Doch nicht weniger hörenswert singen seine Duettpartner. Hier sind drei sehr unter- schiedliche Stimmen zu erleben. In drei Duetten von Brahms ist Florian Eschelmüller zu hören, der ebenfalls durch Ausdrucksstärke auffällt. Bei zwei geistlichen Gesängen von Felix Mendelssohn Bartholdy singt Karsten Köhne gemeinsam mit Alois Mühlbacher. Beide Jungen verfügen über relativ große Stimmen, die sie routiniert einsetzen, um das religiöse Pathos dieser Stücke zu transportieren.
Einige Werke von Robert Schumann und die zweistimmigen Lieder op. 63 und 77 von Mendelssohn interpretiert Mühlbacher zusammen mit Christoph Schlögl. Zu den hübschen romantischen Duetten passt Schlögls helle, klare Knabenstimme ganz ausgezeichnet. Farnberger begleitet seine Zöglinge zuverlässig am Klavier.
Die CD klingt mit vier Solostücken Mühlbachers aus, die wie ein Nachhall zur Mitternacht-CD wirken. Wer diesen Sirenenklängen widerstehen kann, dem ist nicht zu helfen.
Bereits seine erste Solo-CD enthielt ein Duett aus der Oper Lakmé, vorgetragen von dem Knaben- sopran gemeinsam mit dem damaligen Knabenalt Karsten Köhne.
Es lag also nahe, weitere Duette aufzunehmen, zumal es ein umfang- reiches Repertoire gibt, das aber üblicherweise nur selten zu hören ist. Franz Farnberger, der Leiter und Mentor der St. Florianer Sängerknaben, hat daraufhin geeignete Stücke herausgesucht. Dabei konzentrierte er sich auf die zweistimmigen Gesänge von Schumann, Mendelssohn und Brahms.
Der größte Teil der Aufnahmen entstand bereits im Sommer 2010. Der Chor entschied dann allerdings wegen des Mahler-Jahres 2011, die später aufgezeichnete CD Alois - Um Mitternacht zuerst zu ver- öffentlichen. Wie schnell der Generationswechsel in einem Knaben- chor erfolgt, wird übrigens auch daran erkennbar, dass die Duett- partner mittlerweile alle im Stimmbruch sind - nur Alois Mühlbacher kann, obwohl auch er mittlerweile seinen 16. Geburtstag gefeiert hat, nach wie vor mit seinem strahlenden Sopran vor das Publikum treten.
Die Gesangstechnik dieses Knaben, viel mehr aber noch seine Fähi- keit, die Werke, die er singt, auch inhaltlich zu erfassen und ange- messen zu gestalten, erscheint phänomenal. Doch nicht weniger hörenswert singen seine Duettpartner. Hier sind drei sehr unter- schiedliche Stimmen zu erleben. In drei Duetten von Brahms ist Florian Eschelmüller zu hören, der ebenfalls durch Ausdrucksstärke auffällt. Bei zwei geistlichen Gesängen von Felix Mendelssohn Bartholdy singt Karsten Köhne gemeinsam mit Alois Mühlbacher. Beide Jungen verfügen über relativ große Stimmen, die sie routiniert einsetzen, um das religiöse Pathos dieser Stücke zu transportieren.
Einige Werke von Robert Schumann und die zweistimmigen Lieder op. 63 und 77 von Mendelssohn interpretiert Mühlbacher zusammen mit Christoph Schlögl. Zu den hübschen romantischen Duetten passt Schlögls helle, klare Knabenstimme ganz ausgezeichnet. Farnberger begleitet seine Zöglinge zuverlässig am Klavier.
Die CD klingt mit vier Solostücken Mühlbachers aus, die wie ein Nachhall zur Mitternacht-CD wirken. Wer diesen Sirenenklängen widerstehen kann, dem ist nicht zu helfen.
Dienstag, 5. Juni 2012
Alois. Um Mitternacht (Preiser Records)
Alois Mühlbacher, gehandelt als "Stimmwunder", seit 2005 bei den St. Florianer Sängerknaben, ist von Knabensopran zu einem Jugendli- chen gereift. Seine hohe Stimme hatte er noch, zumindest im ver- gangenen Jahr, als diese Aufnah- men entstanden sind - doch irgend- wann wird auch ihn der Stimm- bruch ereilen.
Auch in dem Repertoire, das er ge- meinsam mit seinem Chorleiter und Pianisten Franz Farnberger für diese CD ausgesucht hat, zeigt sich sein Abschied von der Kindheit. Ob man einen 16jährigen allerdings wirklich die Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler singen lassen muss, und die Vier letzten Lieder von Richard Strauss, diese Frage sei gestattet.
Mahlers Werke nach Texten aus Des Knaben Wunderhorn sind für mich jedenfalls der musikalische Höhepunkt dieser CD. Wie sensibel Mühlbacher hier Stimmungen erfasst und mit seiner Stimme gestaltet, das grenzt schon an Magie. Auch technisch hat der junge Sänger sich erheblich weiterentwickelt; das lässt darauf hoffen, dass er möglicher- weise seine Karriere auch nach dem Stimmbruch fortsetzen kann. Man wünscht es ihm - und eine große Portion Geduld, denn die wird er in Zukunft brauchen.
Auch in dem Repertoire, das er ge- meinsam mit seinem Chorleiter und Pianisten Franz Farnberger für diese CD ausgesucht hat, zeigt sich sein Abschied von der Kindheit. Ob man einen 16jährigen allerdings wirklich die Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler singen lassen muss, und die Vier letzten Lieder von Richard Strauss, diese Frage sei gestattet.
Mahlers Werke nach Texten aus Des Knaben Wunderhorn sind für mich jedenfalls der musikalische Höhepunkt dieser CD. Wie sensibel Mühlbacher hier Stimmungen erfasst und mit seiner Stimme gestaltet, das grenzt schon an Magie. Auch technisch hat der junge Sänger sich erheblich weiterentwickelt; das lässt darauf hoffen, dass er möglicher- weise seine Karriere auch nach dem Stimmbruch fortsetzen kann. Man wünscht es ihm - und eine große Portion Geduld, denn die wird er in Zukunft brauchen.
Donnerstag, 2. Juni 2011
Alois - unerhört (Preiser)
Wie würden Sie reagieren, wenn Sie Chorleiter wären, und es fragte Sie einer Ihrer Knabensoprane darum, mit ihm die schwierigste Arie der Literatur überhaupt zu üben? Franz Farnberger, der Leiter der St. Flo- rianer Sängerknaben, hat mit dem Sopransolisten Alois Mühlbacher Strauss' große Arie der Zerbinetta einstudiert - und noch so manches andere.
Er fand aber zu Recht, das sollten auch noch andere hören, als nur die Sängerknaben, die sich mit Opern in Kurzversion gelegentlich die Zeit vertreiben. Auf dieser CD findet sich daher Mozarts Königin der Nacht neben Pamina, Strauss' pfiffige Kammerzofe Adele neben ihrer Brötchengeberin Rosalinde, sowie berühmte Arien von Puccini, Dvorak, und vielen anderen.
Nicht jeder Ton ist gelungen. Doch in der Summe zeigt Alois Mühl- bacher, Jahrgang 1995, eine erstaunliche Leistung. Der Knaben- sopran, der seit 2005 bei den St. Florianer Sängerknaben ist, beein- druckt nicht nur durch seinen Gesang, sondern vielmehr durch seinen unbändigen Gestaltungswillen, der in jedem einzelnen Stück hörbar wird. Hier interessiert sich ein junger Sänger nicht allein für artistische Leistung, für perlende Läufe und virtuose Verzierungen, sondern für die Figur hinter den Noten. Und das ist in der Tat eine Überraschung, denn das lässt sich bei weitem nicht von jedem Profi sagen, der ein ähnliches Programm vorstellt.
Die St. Florianer Sängerknaben singen nicht nur die übliche geistliche Literatur, sondern sind auch auf den Opernbühnen der Welt oft zu erleben. So hat Mühlbacher bereits an der Wiener Staatsoper, im Theater an der Wien, in Salzburg, Tokio und Aix-en-Provence ge- sungen, in Dresden, und in vielen anderen Musikmetropolen der Welt. Was aus diesem Elfjährigen wird, wenn er in den Stimmbruch kommt, das vermag freilich keiner zu sagen. Wir jedenfalls wünschen diesem selbstbewussten und engagierten jungen Sänger, dass auch seine Zu- kunft so glücklich wird, wie er das jetzt ist, wenn er singt.
Er fand aber zu Recht, das sollten auch noch andere hören, als nur die Sängerknaben, die sich mit Opern in Kurzversion gelegentlich die Zeit vertreiben. Auf dieser CD findet sich daher Mozarts Königin der Nacht neben Pamina, Strauss' pfiffige Kammerzofe Adele neben ihrer Brötchengeberin Rosalinde, sowie berühmte Arien von Puccini, Dvorak, und vielen anderen.
Nicht jeder Ton ist gelungen. Doch in der Summe zeigt Alois Mühl- bacher, Jahrgang 1995, eine erstaunliche Leistung. Der Knaben- sopran, der seit 2005 bei den St. Florianer Sängerknaben ist, beein- druckt nicht nur durch seinen Gesang, sondern vielmehr durch seinen unbändigen Gestaltungswillen, der in jedem einzelnen Stück hörbar wird. Hier interessiert sich ein junger Sänger nicht allein für artistische Leistung, für perlende Läufe und virtuose Verzierungen, sondern für die Figur hinter den Noten. Und das ist in der Tat eine Überraschung, denn das lässt sich bei weitem nicht von jedem Profi sagen, der ein ähnliches Programm vorstellt.
Die St. Florianer Sängerknaben singen nicht nur die übliche geistliche Literatur, sondern sind auch auf den Opernbühnen der Welt oft zu erleben. So hat Mühlbacher bereits an der Wiener Staatsoper, im Theater an der Wien, in Salzburg, Tokio und Aix-en-Provence ge- sungen, in Dresden, und in vielen anderen Musikmetropolen der Welt. Was aus diesem Elfjährigen wird, wenn er in den Stimmbruch kommt, das vermag freilich keiner zu sagen. Wir jedenfalls wünschen diesem selbstbewussten und engagierten jungen Sänger, dass auch seine Zu- kunft so glücklich wird, wie er das jetzt ist, wenn er singt.
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