Grigory Sokolov ist als Pianist noch immer eine Klasse für sich. Seit vielen Jahren spielt der Musiker ausschließlich Solo-Recitals. Er tritt nur in Mitteleuropa auf, und er meidet Medienrummel ebenso wie Marketingstrategen. Er gibt keine Interviews, und er stellt seine Programme so zusammen, wie er es für richtig hält.
Viele Jahre lang hat Sokolov keinerlei Aufnahmen erlaubt. Es ist ein großer Gewinn, dass er nun zumindest ausgewählte Live-Mitschnitte für eine Veröffentlichung freigibt.
Denn seine Konzentration auf die Musik, seine brillante Technik und seine bewundernswerte Autonomie ermöglichen ihm Interpretationen von enormer Tiefe und Klarheit. Sokolov musiziert mit höchster Präzision; seine Artikulation ist atemberaubend, Nuancen- und Farbenreichtum seines Spiels sind faszinierend. Das ist Klavierkunst auf allerhöchstem Niveau, wie aus einer anderen Welt.
Diese Box enthält die Sonate in C-Dur op. 2 Nr. 3 sowie die Bagatellen op. 119 von Ludwig van Beethoven, sowie die Klavierstücke op. 118 und 119 von Johannes Brahms und sieben wunderbare Zugaben. Diese wählt Sokolov stets mit derselben Sorgfalt aus wie die „großen“ Stücke.
Zu hören sind in diesem Falle das Impromptu in As-Dur D 935/2 von Franz Schubert, Les Sauvages von Jean-Philippe Rameau, das Intermezzo in b-Moll op. 117/2 von Johannes Brahms, Le Rappel des Óiseaux, ebenfalls von Rameau, das Prelude in gis-Moll op. 32/12 von Sergej Rachmaninoff, Schuberts Allegretto in c-Moll D 915 und Des pas sur la neige aus den Préludes von Claude Debussy. Als Zugabe gibt es außerdem eine DVD, mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart.
Klavierkonzerte mit Grigory Sokolov? Das kann keine aktuelle Aufnahme sein. Denn der Pianist verzichtet seit Jahren darauf, gemeinsam mit einem Orchester zu musizieren. Um so neu- gieriger macht es, wenn der Musiker Konzertmitschnitte zur Veröffent- lichung freigibt.
Für diese CD hat Grigory Sokolov zwei Aufnahmen aus den Jahren 2005 und 1995 ausgewählt: Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur KV 488 mit dem Mahler Chamber Orchester unter der Leitung von Trevor Pinnock und Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3 in d-Moll op. 30 mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter Yan Pascal Tortelier.
Der Hörer erlebt fasziniert das enorme Gestaltungsvermögen dieses Pianisten. Denn die beiden Konzerte sind im Charakter wie auch in ihrer musikalischen Gestaltung so unterschiedlich und so weit voneinander entfernt wie Nord- und Südpol.
Mozarts populäres Klavierkonzert erklingt in seinen Ecksätzen flott und heiter – und im fis-Moll-Adagio dann irritierend: Sokolov wählt für sein einleitendes Solo ein beunruhigend langsames Tempo. Das wirkt beinahe schon nicht mehr wie von dieser Welt, beängstigend, diesseits. Und zugleich gestaltet der Pianist diesen Satz mit hinreißender Innigkeit und Leuchtkraft – man möchte jedem Ton nachsinnen.
„Rach 3“ hingegen gilt als „K2 der Klavierliteratur“, als eine Herausforde- rung, an der schon so mancher Pianist gescheitert ist. Sokolov hat dieses Konzert oft gespielt. Bei diesem Werk nimmt er sich zurück, und macht deutlich, dass hinter der virtuosen Fassade noch viel mehr musikalische Substanz aufzufinden ist – wenn man sich nicht vom Zirzensischen blenden lässt. Flinke Finger hat so mancher, aber das Ausdrucksvermögen von Grigory Sokolov ist wirklich phänomenal.
Die Deutsche Grammophon hat der CD eine Dokumentation der russi- schen Filmemacherin Nadya Zhdanova beigefügt: „Ein Gespräch, das nie stattgefunden hat“ versucht, Sokolovs künstlerisches und privates Leben zu beleuchten. Dazu sammelte sie Zeugnisse aus dem Umfeld des Künstlers. Der Pianist selbst gibt seit Jahren keine Interviews mehr.
„Sie wird den Pianisten zu schaffen machen“, soll Ludwig van Beethoven einst über seine Große Sonate für das Hammerklavier op. 106 geäußert haben. Das Werk gilt noch immer als Gipfelpunkt pianistischer Kunst; umso erstaunlicher erscheint es, dass der junge Grigory Sokolov einst eine Interpretation in einer Studioaufnah- me eingespielt hat. Der Pianist hatte sich im November 1975, im Alter von 25 Jahren, an Beethovens Opus gewagt.
Die Aufzeichnung ist in München entstanden, als Co-Produktion von Ariola-Eurodisc und dem Bayerischen Rundfunk; wiederveröffentlicht wurde sie nun durch Sony. Sie zeigt, mit welcher Perfektion Sokolov schon damals sein Instrument beherrschte. Es steht jedoch zu vermuten, dass der Musiker mit diesem Tondokument heute nicht mehr vollends zufrieden sein könnte.
Zum einen ist Sokolov dafür bekannt, dass er Aufnahmen generell extrem kritisch gegenübersteht. Seine Konzerte sind wahre Wunder an sensibler, fein abgestimmter Artikulation und Phrasierung; Effekthascherei ist ihm zuwider. Zum anderen ist es eine Binsenweisheit, dass Fingerfertigkeit zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für pianistische Spitzenleistungen ist. Mindestens ebenso wichtig wie das rein technische Vermögen eines Musikers ist sein Musikverständnis – und in diesem Punkt dürfte auch Grigory Sokolov heute, selbstverständlich, so manches anders lesen als in seinen Jugendjahren.
Grigory Sokolov hat weitere Auf- nahmen für eine Veröffentlichung freigegeben. Auf CD 1 sind die vier populären Impromptus D 899 sowie die Drei Klavierstücke D 946 aus dem letzten Lebensjahr von Franz Schubert zu hören, aufgezeichnet bei einem Konzert im Mai 2013 in Warschau. Auch die zweite CD enthält einen Live-Mitschnitt, von einem Konzert im August 2013 in Salzburg. Hier spielt der Pianist die Hammerklavier-Sonate op. 106 von Ludwig van Beethoven, nebst Zuga- ben – fünf kleinen Charakterstücken von Jean-Philippe Rameau und dem Intermezzo in b-Moll op. 117 Nr. 2 von Johannes Brahms.
Sokolov erweist sich erneut als ein Meister des großen Spannungsbogens. Die Musikstücke Schuberts beispielsweise spielt er erstaunlich flott, zwar durchaus poetisch, aber frei von aller Sentimentalität. Statt romantischer Behaglichkeit zeigt er Abgründe und Ausweglosigkeit. Er setzt geradezu ruppige Akzente, und bremst vor so manchem Harmoniewechsel mit einem extremen Rubato ab, wie man es lange nicht mehr gehört hat. Dennoch passt am Ende alles zusammen; nichts wirkt gewollt oder aufgesetzt – und was Sokolov aus den Noten zu Tage bringt, das lässt einen Schubert neu hören.
Beethovens monumentale Hammerklavier-Sonate wiederum spielt der russische Pianist nicht wuchtig-heroisch, sondern schlicht, bedächtig und gänzlich ohne Pathos. Er stellt die Form in den Vordergrund, und arbeitet mit großer Sorgfalt eine Fülle von Details heraus. So vermeidet er den Eindruck des Kolossalen; das Werk erweist sich, wie Sokolov es liest, als erstaunlich feingliedrig und durchaus traditionsbezogen. Man höre nur die irrwitzige Fuge im letzten Satz – Sokolov musiziert stets überlegt und überlegen, alles ist wohlgeordnet, und es gibt keinen einzigen Moment, in dem er nicht die Strukturen ebenso wie den Klang im Griff hätte. Höhepunkt der Aufnahme ist aber der dritte Satz, Adagio sostenuto, von dem man gar nicht genug bekommen kann. Mehr als 20 magische Minuten schenkt der Pianist hier seinem Publikum – ich mag es nicht beschreiben; man muss es gehört haben, sonst glaubt man nicht, dass so etwas möglich ist. Ob die Sonate länger dauert, ob das Tempo langsamer ist als bei den berühmten Kollegen – diese Frage ist doch vollkommen unerheblich angesichts der Klarheit und Abgeklärtheit dieser Interpre- tation.
Als Zugabe spielt Grigory Sokolov fünf kurze Stücke von Jean-Philippe Rameau. Dabei demonstriert der Pianist nicht nur seine Virtuosität in rasanten Läufen, Trillern und wilden Sprüngen. Sie sind ihm nicht Selbstzweck, sondern Gestaltungsmittel. Rameaus Miniaturen haben, darauf weist der Komponist hin, das Ziel „peindre les passions“ – und daran arbeitet Sokolov mit großer Hingabe. Er gestaltet Les Tourbillons, die Wirbelwinde, ebenso sorgsam wie Les Tendres Plaintes, die zärtlichen Klagen, oder Les Sauvages, die Wilden. Nichts ist hier Zufall, und am Ende wird alles Ausdruck.
Als Schlusswort wählte der Pianist Brahms' b-Moll-Intermezzo – herb, sperrig, unmissverständlich. Man muss Sokolov sehr dankbar dafür sein, dass man dank dieser Aufnahmen seiner Kunst nun auch folgen kann, wenn man keine Gelegenheit hat, eines seiner Konzerte zu besuchen. Es lohnt sich, denn dieser Pianist ist ein Solitär: Grigory Sokolov ist auf der Suche nach der musikalischen Wahrheit, und geht diesen Weg kompro- misslos. Gott sei Dank.

Aufnahmen mit dem russischen Pianisten Grigory Sokolov sind Raritäten. Der Musiker, der als derzeit weltbester Pianist gilt, hat schon sehr lange keine Studio- aufnahmen mehr gemacht, und auch Live-Mitschnitte sind nicht besonders viele verfügbar. Das russische Label Melodija hat nun seine Schatz- kammern geöffnet – und einige dieser Aufzeichnungen aus den Archiven geholt. Darunter befindet sich auch ein ganz besonderes Tondokument: Aufnahmen jenes Konzerts, mit dem Sokolov seinerzeit 1966 im Alter von nur 16 Jahren die Goldmedaille des Tschaikowski-Wettbewerbs gewann. Er spielte damals die Etüde op. 25, Nr. 11 von Frédéric Chopin und die Etüde op. 8, Nr. 10 von Alexander Skrjabin. Die beiden CD enthalten zudem einen Mitschnitt von Schumanns Carnaval op. 9 aus dem Jahre 1967, Schuberts a-Moll-Klaviersonate D784 sowie eine weitere Chopin-Etüde und eine Mazurka, aufgezeichnet 1969, dazu Skrjabins Sonate Nr. 9, op. 68, Fragmente aus dem Ballett Petruschka von Igor Strawinsky, sowie die Klaviersonaten Nr. 7 und 8 von Sergej Prokofjew.
Auch wenn Sokolov heute noch wesentlich klarer strukturiert – seine unentwegte Suche nach dem Kern eines jeden Werkes, nach der ange- messenen Interpretation ist bei diesen frühen Aufnahmen bereits zu spüren. Es ist sehr erfreulich, dass man diesem grandiosen Pianisten in Zukunft (hoffentlich!) öfters zuhören kann. Einige seiner Konzertauftritte von seiner Studienzeit bis hinein in die 80er Jahre jedenfalls sind nun auf diesen beiden CD zu erleben.
„Grigory Sokolovs Klavierspiel bewegt sich mehr und mehr im intergalaktischen Raum. Längst ist der russische Pianist sein eigenes Universum“, urteilten die „Salzburger Nachrichten“ über das Konzert, das er im Sommer 2008 bei den Salzburger Festspielen gegeben hat. Der Mitschnitt ist nun bei der Deutschen Grammophon erschienen. Das Unternehmen teilte jüngst mit, der Musiker habe im Oktober 2014 einen Vertrag mit dem Label unterzeichnet.
Beides löst großes Erstaunen aus – denn Sokolov ist bekannt für seinen rigiden künstlerischen Anspruch. So tritt er schon seit Jahren nicht mehr mit Orchestern auf, weil er die üblichen Probenzeiten als unzureichend empfindet. Er spielt ausschließlich Solo-Abende, und nur 70 Konzerte pro Jahr. Jeweils im Januar und Oktober wechselt er das Repertoire. Die letzte Aufnahme eines Konzertes mit Grigory Sokolov ist 1996 erschienen; sie war bereits 1992 aufgezeichnet worden.
Sokolovs Manager hat allerdings veranlasst, dass einige Konzerte des Pianisten mitgeschnitten wurden – zum einen, um seine Kunst für die Nachwelt zu dokumentieren, zum anderen in der Hoffnung darauf, dass der Künstler sie eines Tages für eine CD-Veröffentlichung freigeben wird. Mit der Deutschen Grammophon scheint Sokolov nun ein Label gefunden zu haben, das zu seinen Ideen passt. Die vorliegende CD sei „ein Statement“, so das Unternehmen: „Seine Alben werden ausschließlich Live-Auftritte wiedergeben. Kein Stück spielt er zweimal auf die gleiche Weise. Daher werden die Aufnahmen auch nicht bearbeitet. Sie sind, wie sie sind. Einmalig. Glücklicherweise kann sich Sokolov mit dem Gedanken anfreunden, diese einmaligen Erlebnisse einer größeren Hörerschaft zugänglich zu machen.“
„Sokolov – The Salzburg Recital“ gibt einen Vorgeschmack auf all die phantastischen Konzerte, die in Zukunft zumindest auf CD zu erleben sind, wenn man nicht zu den Privilegierten gehört, die es sich leisten können, dem Pianisten hinterherzureisen. In Salzburg spielte Sokolov zunächst die zwei Sonaten in F-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart KV 280 und 332. Da ist nichts Hübsches, Oberflächlich-verspieltes zu vernehmen; Sokolov interpretiert Mozarts Werke mit großer Sorgfalt, Klarheit und Intensität. Und man staunt, wie nahe diese Musik plötzlich Beethovens Klavier- sonaten ist – das ist nicht das galante Rokoko, das ist schon fast Wiener Klassik, mit ihrer ganzen Ausdruckstiefe.
In den 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin begeistert Sokolov mit einer schier überwältigenden Palette an Klangfarben. Auch die beiden Chopin-Mazurken, die der Pianist im Anschluss als Zugaben spielt, gestaltet er mit höchster Präzision und schier unglaublichen Nuancen. Sokolov eilt nicht, seine Tempi sind so gewählt, dass jede Phrase perfekt erklingt und wirken kann. Das ist faszinierend, ja, das hat magische Kraft; so möchte man diese Musik immer und immer wieder hören.
Zu den sechs (!) Zugaben gehören zudem zwei rätselhaft-flüchtige Poèmes von Alexander Scriabin und das reich ausgezierte Les Sauvages aus den Nouvelles Suiten de pièces de clavecin von Jean-Philippe Rameau. Sokolov beendet das Programm mit dem Choralvorspiel Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ aus Johann Sebastian Bachs Orgelbüchlein. Da bei diesem Piani- sten nichts Zufall ist, mag man das als Botschaft verstehen. Es gibt eben keine virtuose Turnübung, keinen brillanten Kehraus zum Finale. Auch das ist große Kunst. Auf die nächsten Konzert-Mitschnitte mit Grigory Sokolov jedenfalls darf man bereits sehr gespannt sein.