Noch eine Aufnahme mit Klavierkonzerten von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791)? Wenn sie Qualität hat – aber ja! Und diese CD, eingespielt von Alexander Schimpf mit der Bayerischen Kammerphilharmonie, ist rundum eine erfreuliche Überraschung.
Schimpf hat die Klavierkonzerte KV 413, 414 und 415 dafür ausgewählt, aus der Werkgruppe der sogenannten frühen Wiener Konzerte, entstanden im Winterhalbjahr 1782/83. Er hat sich zudem dafür entschieden, auf Bläser zu verzichten, und musiziert zusammen mit 13 Streichern der Bayerischen Kammerphilharmonie, die von Konzertmeister Gabriel Adorján geleitet wird.
Diese Besetzung ist zwar klein genug, um kammermusikalisch intensives Zusammenspiel zu ermöglichen; dennoch ermöglicht sie eine orchestrale Gesamtwirkung.
Auch auf einen Dirigenten wurde verzichtet; die Musiker erarbeiteten die Interpretation im demokratischen Miteinander, berichtet der Pianist im Beiheft: „Es ist gerade dieser intensive Austausch im Moment des Spielens, der Geist einer Gemeinsamkeit im Musizieren, der die Aufnahme innerlich motiviert und beseelt hat“, schreibt Alexander Schimpf, „und ich bin jeder und jedem einzelnen der hervorragenden Musikerinnen und Musiker der Bayerischen Kammerphilharmonie für diese Erfahrung und die großartige Zusammenarbeit zutiefst dankbar.“
Musiziert wird lebhaft, bewegt, und bis ins kleinste Detail ausdifferenziert. Die Interpretation ist wunderbar ausbalanciert. Dazu trägt übrigens auch der Blüthner Konzertflügel, der hier verwendet wird, mit seinem unverwechselbaren Ton mit bei. Es ist eine hohe Kunst, Mozart so leicht, beschwingt und fein abgestimmt zu spielen. Und die Kadenzen, die Alexander Schimpf selbst aus Mozarts musikalischem Material heraus „erfunden“ hat, wie es nennt, runden diese sehr gelungene Interpretation zusätzlich ab. Bravi!
Als Ignaz Lachner (1807 bis 1895) 1826 nach Wien kam, war Mozart schon mehr als 30 Jahre tot. Dennoch schätzten Kenner seine Werke noch sehr; so schrieb Ludwig van Beethoven Variationen über Themen Mozarts. Auch Lachner verehrte seine Musik; er schuf zu 12 von Mozarts 27 Klavierkonzerten Bearbeitungen für eine kleinere Besetzung. Auf dieser CD hat der französische Pianist Didier Castell-Jacomin zwei davon eingespielt, gemeinsam mit dem Streichquintett Wiener Kammersymphonie. Er hat dafür KV 246 ausgewählt, ein relativ frühes Werk mit Mannheimer Anklängen, und das vergleichsweise komplexe KV 488, entstanden 1786 – im gleichen Jahr wurde Le nozze di Figaro erstmals aufgeführt.
Komplettiert wird das Programm durch Melodien aus Mozarts Oper Die Zauberflöte, arrangiert für Streichquartett und Kontrabass – wer diese reizvolle Bearbeitung angefertigt hat, das ist unbekannt. „Il est véritablement le résult d’une recontre musicale extraordinaire“, so schreibt Didier Castell-Jacomin im Beiheft. „Je suis fier et honoré de vous livrer le résultat, car c’est également le tout premier enregistrement du quintette, et pour moi un tournant à l’aube de mes 50 ans. Je liens à preciser également que le concerto K.246 est un enregistrement en première mondiale.“
Konzerte neu zu arrangieren, das hat in der Musikgeschichte eine lange Tradition. Erinnert sei beispielsweise an Orgelversionen italienischer Konzerte, wie sie Johann Gottfried Walther oder Johann Sebastian Bach schufen. Ignaz Lachner (1807 bis 1895) befindet sich also in bester Gesellschaft, wenn er den Orchesterpart von Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzerten für Streichquintett neu arrangiert.
Mit gehöriger Neugier lauscht man also dieser Einspielung. Und mit großer Neugier hat auch der Solist die Bearbeitungen studiert: „Mozart's piano concertos are like miniature operas“, meint Alon Goldstein. „The pianist who is responsible for multiple characters – Don Giovanni or Figaro, Susanna or Donna Anna, the Count, or even Antonio the gardener – is conversing with the strings or the woodwinds, each of whom represents a character in the story. When playing with full orchestra, the pianist's dialogue with the woodwinds is done while sitting at some distance from one another while they are all looking at the conductor. Having such a close arrangement as we had making this recording, makes the storytelling, the conversation between the characters / instruments much more intimate and intense.“
Lachners geniales Arrangement gibt Mozarts Klavierkonzert eine Klarheit und Direktheit, die begeistert – zumal dann, wenn erstklassige Kammermusiker die Partner des Pianisten sind. Das elegante Klavierspiel Alon Goldsteins wird durch das sensibel musizierende Fine Arts Quartet, zum Quintett komplettiert durch den Kontrabassisten Alexander Bickard, bestens ergänzt. Mozarts Musik erklingt hier in einer Klarheit und Transparenz, die begeistert. Großartig!
Auch mit dieser CD setzt sich Rosemary Tuck für die Wiederentdeckung des Schaffens von Carl Czerny (1791 bis 1857) ein. In Wien, wo Czerny zur Welt kam, gab es seinerzeit – so berichtet die australische Pianistin im Geleitwort zu dieser Aufnahme – dreimal mehr Klavierlehrer als Ärzte.
In dieser musikalischen Atmosphäre wuchs Carl Czerny auf, und schon als Zehnjähriger beeindruckte er Ludwig van Beethoven mit seinem Klavierspiel derart, dass ihn dieser als Schüler annahm. Die beiden Musiker blieben lebenslang befreundet. Czerny wirkte als Solist bei den Uraufführungen von zwei Klavierkonzerten seines Lehrers, und er fertigte auch die Klavierfassungen zu Orchesterwerken Beethovens an.
In späteren Jahren zog Czerny das Komponieren und Unterrichten der Virtuosenlaufbahn vor. Zu seinen Schülern gehören unter anderem Beethovens Neffe, sowie der junge Franz Liszt und Sigismund Thalberg. Bekannt ist Czerny heute in erster Linie als Autor von Unterrichtswerken und gefälligen Stücken für die Hausmusik.
Im Fun-Zeitalter freilich hat kaum noch ein Klavierschüler Lust, sich durch die Schule der Geläufigkeit hindurchzuackern. Dabei waren die Lehrwerke Czernys einst hoch geschätzt, wie uns ein Brief verrät, den Johannes Brahms 1878 an Clara Schumann schrieb: „Die große Pianoforteschule von Czerny ist wohl der Mühe wert, durchgelesen zu werden. (..) Der Fingersatz bei Czerny ist höchst sehr zu beachten, überhaupt meine ich, man dürfe heute mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann haben.“
Czerny schrieb aber nicht nur unkomplizierte Musik, die gut klingt und gut in der Hand liegt. Er hat auch eine ganze Reihe von „seriösen“ Werken komponiert – die aber technisch ziemlich hohe Anforderungen an den Pianisten stellen. Und deshalb sind Czernys Klavierkonzerte musikalische Raritäten, die man live fast nie zu hören bekommt.
Rosemary Tuck hat für Naxos schon etliche dieser Werke eingespielt. Auf dieser CD erklingen Czernys Erstes Klavierkonzert in d-moll und das stimmungsvolle Introduktion, Variationen und Finale über den Jägerchor aus Webers Oper Euryanthe op. 60 – beides in Weltersteinspielung – und das temperamentvolle Introduzione e Rondo Brillant op. 233, ein geistreiches Bravourstück.
Die Pianistin musiziert gemeinsam mit dem English Chamber Orchestra unter Leitung von Richard Bonynge; sie spielt virtuos, mit einer atemberaubenden Technik. Ihr Anschlag ist unglaublich differenziert. Eine beeindruckende Aufnahme, die unser Bild von der Wiener Klassik höchst schätzenswert ergänzt.
Joseph Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) ist heute eigentlich nur noch mit seiner Orgelmusik, und vielleicht auch noch mit einigen seiner Vokalwerke, im Konzertleben präsent. Dass er auch Kammer- und Orchestermusik geschrieben hat, das ist weit weniger bekannt. Mit entsprechend großer Neugier habe ich daher sein Klavierkonzert in As-Dur op. 94 angehört, das Simon Callaghan gemeinsam mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra unter Leitung von Ben Gernon für Hyperion eingespielt hat.
Entstanden ist dieses Werk im Jahre 1876; damals wurde Rheinberger als Orgel- und Kompositionsprofessor an das Münchner Konservatorium berufen, und kein Geringerer als Richard Strauss übernahm die Uraufführung seiner Orchesterwerke. Über den Lebensweg Rheinbergers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. Sein Klavierkonzert zeichnet sich aus durch Virtuosität, durch Leidenschaft und Tiefe. Warum dieses beeindruckende Werk nicht mehr im Repertoire ist, das ist mir ein Rätsel.
Wahrend Rheinberger einst das Musikleben Münchens mit prägte, wirkte Bernhard Scholz (1835 bis 1916) in Breslau als Leiter des dortigen Musikvereins. Ausgebildet ursprünglich als Drucker, sollte Scholz eigentlich das Verlagsgeschäft der Familie in Mainz fortführen. Doch seine musikalische Begabung setzte sich letztendlich durch; nach einer soliden Unterweisung in Klavierspiel, Komposition und Gesang unterrichtete Scholz zunächst Kontrapunkt am Münchner Konservatorium, und wurde dann nach einigen Kapellmeister-Stationen der Leiter des Breslauer Orchestervereins.
1883 wurde er dann Direktor des Hoch'schen Konservatoriums in Frankfurt/Main, außerdem leitete er den Rühlschen Gesangsverein. Musikalisch stand er Joseph Joachim, Clara Schumann und vor allem auch Johannes Brahms nahe. Auf dieser CD erklingen sein Klavierkonzert in H-Dur op. 57 sowie das Capriccio für Klavier und Orchester op. 35, beides in Weltersteinspielung. Und beides ebenfalls sehr hörenswert. Herzlichen Dank für die Wiederentdeckung dieser attraktiven Musik!
Mit dieser CD komplettiert Mitsuko Uchida ihre Einspielung der Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Es handelt sich dabei um einen Konzert-Live-Mitschnitt, der im Februar 2016 aufgezeichnet worden ist. Die Pianistin hat sich dafür entschieden, das G-Dur-Konzert KV 453 mit dem C-Dur-Konzert KV 503 zu kombinieren. Und sie leitet das Cleveland Orchestra vom Klavier aus selbst. Das funktioniert bestens; die Solistin und die Orchestermusiker harmonieren wunderbar. Mitsuko Uchida spielt einen modernen Steinway, und sie verzichtet auf historisch korrektes Musizieren. Ihr Mozart ist nicht Museum, sondern Moderne – und er klingt außerordentlich elegant und feinsinnig. Das wird nicht jedem gefallen, aber es hat eine ganz eigene Qualität, ohne Zweifel.
Klavierkonzerte mit Grigory Sokolov? Das kann keine aktuelle Aufnahme sein. Denn der Pianist verzichtet seit Jahren darauf, gemeinsam mit einem Orchester zu musizieren. Um so neu- gieriger macht es, wenn der Musiker Konzertmitschnitte zur Veröffent- lichung freigibt.
Für diese CD hat Grigory Sokolov zwei Aufnahmen aus den Jahren 2005 und 1995 ausgewählt: Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur KV 488 mit dem Mahler Chamber Orchester unter der Leitung von Trevor Pinnock und Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3 in d-Moll op. 30 mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter Yan Pascal Tortelier.
Der Hörer erlebt fasziniert das enorme Gestaltungsvermögen dieses Pianisten. Denn die beiden Konzerte sind im Charakter wie auch in ihrer musikalischen Gestaltung so unterschiedlich und so weit voneinander entfernt wie Nord- und Südpol.
Mozarts populäres Klavierkonzert erklingt in seinen Ecksätzen flott und heiter – und im fis-Moll-Adagio dann irritierend: Sokolov wählt für sein einleitendes Solo ein beunruhigend langsames Tempo. Das wirkt beinahe schon nicht mehr wie von dieser Welt, beängstigend, diesseits. Und zugleich gestaltet der Pianist diesen Satz mit hinreißender Innigkeit und Leuchtkraft – man möchte jedem Ton nachsinnen.
„Rach 3“ hingegen gilt als „K2 der Klavierliteratur“, als eine Herausforde- rung, an der schon so mancher Pianist gescheitert ist. Sokolov hat dieses Konzert oft gespielt. Bei diesem Werk nimmt er sich zurück, und macht deutlich, dass hinter der virtuosen Fassade noch viel mehr musikalische Substanz aufzufinden ist – wenn man sich nicht vom Zirzensischen blenden lässt. Flinke Finger hat so mancher, aber das Ausdrucksvermögen von Grigory Sokolov ist wirklich phänomenal.
Die Deutsche Grammophon hat der CD eine Dokumentation der russi- schen Filmemacherin Nadya Zhdanova beigefügt: „Ein Gespräch, das nie stattgefunden hat“ versucht, Sokolovs künstlerisches und privates Leben zu beleuchten. Dazu sammelte sie Zeugnisse aus dem Umfeld des Künstlers. Der Pianist selbst gibt seit Jahren keine Interviews mehr.
„Period performance is in the mind and not in the hardware“, zitiert Sebastian Knauer den Dirigenten Sir Roger Norrington. Und weil das so ist, spielt der Pianist auf Bach & Sons 2 Werke von Johann Sebastian Bach und seinen Söhnen Carl Philipp Emanuel und Johann Christian auf dem Konzertflügel.
Ausgewählt hat Knauer für dieses Projekt neben den beiden bekannten Konzerten BWV 1055 und 1056 auch das Konzert für Flöte, Violine und Cembalo BWV 1044 sowie zwei wirkliche Raritäten: Das Konzert in F-Dur von Johann Christian Bach entdeckte Knauer beim Stöbern in einem sich auflösenden Notenarchiv – ursprünglich war es Wilhelm Friedemann Bach zugeschrieben: „Dann hat sich jedoch herausgestellt, dass es unter falschem Namen veröffentlicht wurde und eigentlich von Johann Christian Bach stammt“, so der Musi- ker.
Das Konzert in G-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach faszinierte Knauer – „aber es gab noch kein editiertes Notenmaterial dazu. Da hat mir der Dohr-Verlag geholfen, dass wir rechtzeitig für die CD auch eine Noten- ausgabe bekamen.“
Glück hatte Sebastian Knauer auch mit seinen Partnern. „Wir atmen gleich, denken gleich und können unglaublich schnell aufeinander reagieren“, beschreibt der Pianist seine Erfahrungen mit dem Geiger Daniel Hope, mit dem er schon seit vielen Jahren gern musiziert. Beim Tripelkonzert spielt er zudem mit dem Flötisten Philipp Jundt.
Fast noch wichtiger ist aber dafür, dass diese Einspielung derart fabelhaft gelungen ist, Knauers langjährige Zusammenarbeit mit dem Zürcher Kammerorchester: „Es ist einfach eine reine Freude, mit diesem Orchester zu spielen“, schwärmt der Pianist für dieses Ensemble. „Für mich ist es elementar, dass ich mich mit den anderen Musikern blind verstehe. Das ist auch der Fall bei Philipp Jundt, zu dem der Kontakt über das Orche- ster kam. Das ist die Grundlage von Erfolg, wenn man gemeinsam musiziert.“
Und musiziert wird lustvoll, zupackend, mit Schwung und Eloquenz. Das moderne Instrumentarium ist dabei kein Hindernis: „Ich nutze die Mög- lichkeiten eines modernen Flügels, versuche mich aber in Klang und Spielweise dem Cembalo zu nähern“, sagt Sebastian Knauer. „Das heißt, dass ich nicht die ganze Bandbreite eines Pedals benutze oder den Anschlag nicht so ansetze, wie ich es bei einem romantischen Werk tun würde.“ Das dynamische Differenzierungsvermögen seines Steinways aber setzt er gern ein; auf einem Cembalo wäre ein derart facettenreiches Spiel nicht möglich. Die drei Solisten und das Zürcher Kammerorchester wirken zudem ungemein sensibel zusammen. Für die Interpretation hat das erfreuliche Konsequenzen: Bach & Sons 2 klingt frisch und natürlich; die Aufnahme wirkt in sich rund und stimmig. Unbedingt anhören, es lohnt sich!
Wenn es die Reihe Das klassische Klavierkonzert bei Hyperion nicht gäbe, dann müsste man sie erfinden. Howard Shelley, Spiritus rector dieses Projektes, hat dafür mittler- weile so einige vergessene, aber durchaus hörenswerte Musikstücke aus der Zeit der Wiener Klassik aufgespürt und eingespielt. Zunehmend wird deutlich, dass nicht nur zur Zeit Beethovens und Mozarts, sondern auch in den darauffolgenden Jahrzehnten etliche Komponisten durchaus Beachtliches geschaffen haben. Diese Musik, die im Schatten der großen Heroen vollkommen aus dem Blick verschwunden war, wieder ans Licht und vor allem auch vors Publikum zu bringen, das hat sich Shelley zum Ziel gesetzt – beteiligt ist er auch an der Schwesterreihe Das romantische Klavierkonzert, die mittlerweile immerhin 70 (!) Veröffent- lichungen umfasst.
Das klassische Klavierkonzert hat erst die vierte Ausgabe erreicht. Nach Johann Ludwig Dussek, Daniel Steibelt, Franz Xaver Mozart und Muzio Clementi wendet sich Shelley diesmal den Klavierwerken Leopold Antonín Koželuchs (1747 bis 1818) zu. Sein Name ist heute nur noch Musikhisto- rikern bekannt – und doch waren sich einst die Zeitgenossen einig: „Leopold Kozeluch ist ohne Widerrede, bey jung und alt, der allgemein beliebteste, unter unsern itzt lebenden Komponisten und das mit allem Recht“, so urteilte beispielsweise Ernst Gerber im Lexikon der Tonkünstler.
Der Musiker, der aus Böhmen stammte, besuchte das Gymnasium in Prag und studierte anschließend Jura – ohne freilich seine musikalische Ausbildung zu vernachlässigen. Unterricht erhielt er unter anderem bei seinem Cousin Jan Antonín Koželuh und bei Franz Xaver Dussek. Nachdem es ihm gelungen war, sich mit ersten Werken für das Prager Nationaltheater einen Namen zu machen, gab er das Studium auf. 1778 zog Koželuch nach Wien, wo er vom Adel als Virtuose, Komponist und als Klavierlehrer geschätzt wurde. Innerhalb kürzester Zeit war er etabliert; 1781 lehnte er ohne Zögern das Angebot ab, als Nachfolger Mozarts Hoforganist in Salzburg zu werden.
Koželuchs berühmteste Schülerinnen waren Erzherzogin Maria Elisabeth, eine Tochter der Kaiserin, und Maria Theresia Paradis (1759 bis 1824), eine blinde Pianistin, für die auch Mozart komponierte. Der Hof schätzte den Musiker: 1792 wurde Koželuch zum Kammerkapellmeister und Hofkomponisten auf Lebenszeit ernannt. Geschaffen hat er etwa 400 Kompositionen, darunter mehr als 40 Klavierkonzerte, 30 Sinfonien und eine Vielzahl von Sonaten. Nicht wenige davon veröffentlichte er im eigenen Musikverlag.
Wer auf die Idee gekommen ist, ihn deshalb einen Vielschreiber zu schelten, der hat nicht erkannt, dass die Musik des Böhmen, mitunter verspielt und galant, teilweise aber auch an Werke Beethovens und Schuberts erinnernd, ausgesprochen reizvoll ist. „Den Charakter seiner Werke bezeichnen Munterkeit und Grazie, die edelste Melodie mit der reinsten Verbindung und gefälligsten Ordnung in Absicht der Rhytmik und Modulation“, so schrieb Gerber.
Howard Shelley zelebriert die bezaubernden Melodielinien Koželuchs ebenfalls mit Munterkeit und Grazie; der Pianist spielt einfach hinreißend. Etwas weniger begeistern mich die London Mozart Players, die bei dieser Aufnahme den Orchesterpart übernommen haben. Sie könnten durchaus pointierter, präziser und inspirierter musizieren. Aber insgesamt lohnt sich die Aufnahme sehr. Hyperion ist doch immer wieder für eine Überraschung gut.
„Mozarts Klavierkonzerte sind wie Opernwerke, in denen unterschied- liche Akteure auf der Bühne in Interaktion treten“, meint Sophie-Mayuko Vetter. Die Pianistin hat für diese CD mit dem Klavierkonzert Nr. 27 in B-Dur KV 595 das letzte Klavierkonzert Mozarts ausgewählt. Dazu spielt sie das Konzert Nr. 17 in G-Dur KV 453, das Mozart für seine Schülerin Barbara Ployer geschrieben hat. Die Hamburger Symphoniker unter Peter Ruzicka harmonieren aufs Schönste mit der Solistin, die durch ihr sensibles Spiel begeistert. Dass sie sich gegen ein Hammerklavier und für einen modernen Konzertflügel entschieden hat, vermag den Genuss in diesem Falle nicht zu trüben.
Mindestens ebenso interessant wie die beiden Klavierkonzerte aber sind zwei Werke, die Mozart nie vollendet hat: Im Jahre 1778 begann der Kom- ponist die Arbeit an einem Doppelkonzert in D-Dur für Violine, Klavier und Orchester. Er brachte allerdings nur 120 Takte zu Papier, und davon wiederum nur 74 in vollständiger Instrumentierung. Das Werk bricht nach weniger als vier Minuten ab. Eine ebenfalls unvollendete Sonatensatz- exposition für Klavier und Violine in c-Moll – mit dem winzigen Fragment einer Violinstimme – wurde nach Mozarts Tod von seinem Freund, dem Benediktiner-Abt Maximilian Stadler, zu einer Fantaisie pour Clavecin ou Piano-Forte ergänzt und veröffentlicht. Bei diesen beiden Werken ist Rainer Kussmaul zu hören, ein exzellenter Geiger, der gemeinsam mit Sophie-Mayuko Vetter seit vielen Jahren im Duo musiziert.
Mit dem Klavierkonzert hat sich Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) sein ganzes Leben lang inten- siv beschäftigt. Sein erstes Klavier- konzert schrieb der zweitälteste Sohn von Johann Sebastian Bach als 18jähriger, noch an der Thomas- schule in Leipzig. In seinem Todesjahr vollendete er in Hamburg sein letztes Klavierkonzert. Mehr als 50 dieser Werke schuf der Komponist in all den Jahren; und wer da Massenware vermutet, der irrt gewaltig. Das beweist auch Michael Rische, der inzwischen, nun mit der Kammersymphonie Leipzig, etliche dieser Konzerte eingespielt hat.
Im Gesamtwerk des „Hamburger“ Bach gibt es ohne Zweifel noch viel zu entdecken. Dazu zählt auch das Konzert für zwei Klaviere und Orchester Wq. 46, zu hören auf Vol. III, gespielt von Rische gemeinsam mit Rainer Maria Klaas. Unüberhörbar macht der berühmteste der Bach-Söhne deutlich, dass er ein neues Kapitel der Musikgeschichte aufzuschlagen gedenkt: An die Stelle des althergebrachten Kontrapunktes setzt der Kom- ponist die Arbeit mit dem Motiv, seine Verknüpfung und Verwandlung. Carl Philipp Emanuel Bach kennt die Erwartungen des Publikums; er spielt mit ihnen, und wenn alle glauben, genau zu wissen, wie es weitergehen muss, dann sorgt er für Überraschungen. Auch Rollen verändern sich: Der Pianist tritt aus dem Orchester heraus; er ist nicht mehr primus inter pares, sondern er wird zum Solisten.
Wie spielt man nun diese Musik des Überganges, der Innovationen, heute? Rische musiziert auf einem modernen Flügel, und er nutzt dessen Möglich- keiten auch voll aus – allerdings dezent, wohlüberlegt, ganz auf Klang und Tongebung orientiert. Er brilliert in den äußeren Sätzen, und lässt in den langsamen Mittelsätzen das Klavier singen, mit ganz viel Gefühl. Der Pianist konzertiert sowohl bei CD III als auch bei CD IV gemeinsam mit der Kammersymphonie Leipzig. Dieses Ensemble, 2007 von Mitgliedern des MDR Sinfonieorchesters gegründet, setzt die Tradition des Leipziger Rundfunk-Kammerorchesters fort. Es musiziert kraftvoll und sensibel, präzise und aufmerksam – zu den Klavierkonzerten Carl Philipp Emanuel Bachs passt das ausgezeichnet.
Musik, die von zwei Schülern Chopins komponiert wurde, ist auf dieser CD zu hören: Der vielfach ausgezeichnete Pianist Hubert Rutkowski spielt Werke von Thomas Dyke Acland Tellefsen (1823 bis 1874) und Carl Filtsch (1830 bis 1845). Begleitet wird er dabei vom Polnischen Radio-Sinfonieorchester unter Łukasz Borowicz.
Thomas Tellefsen stammte aus Trondheim; 1842 verließ er Nor- wegen, um in Paris Musik zu studieren. 1844 wurde er Chopins Schüler; nach dem Tode des Meisters 1847 übernahm er eines Teil seines Unterrichtes und galt bald als ein exzellenter Klavierlehrer. Auch als Pianist war Tellefsen sehr erfolgreich. Er komponierte 44 Werke; auf dieser CD ist das erste seiner beiden Klavierkonzerte zu hören. Sie sind um 1850 entstanden und orientieren sich am Vorbild Fields und Chopins.
Carl Filtsch war ein Wunderkind. Der Sohn eines Pfarrers aus Sieben- bürgen kam im Alter von sieben Jahren zur weiteren Ausbildung nach Wien, wo er bald bei Hofe eingeführt wurde, und mit dem gleichaltrigen Kronprinzen Franz Joseph spielte und musizierte. Als Elfjähriger debütierte er im Wiener Musikverein; ein Jahr später wurde er in Paris der Lieblingsschüler Chopins. Liszt unterrichtete ihn ebenfalls, vertretungs- weise, und er soll über Filtsch gesagt haben: „Wenn dieser Kleine reisen wird, kann ich meine Bude zusperren.“ Die Kritiker feierten den jungen Virtuosen. Er reiste – aber nicht lange. Wenige Tage vor seinem 15. Ge- burtstag starb Carl Filtsch in Venedig an Tuberkulose.
Der junge Musiker hat erstaunlich viele Werke komponiert, aber nur zwei für Klavier und Orchester – eine Ouvertüre und ein Concert-Stück. Es ist kraftvolle, jugendlich zupackende Musik, wie diese Aufnahme zeigt. Rutkowski sind einmal mehr Entdeckungen gelungen; sehr hörenswert.
Mozarts Klavierkonzerte waren sehr beliebt – aber nicht jeder, der sie spielen oder anhören wollte, konnte sich ein Orchester leisten. Daher entstanden schon zu Lebzeiten des Komponisten Arrangements, die dem Solisten am Klavier ein kleineres Ensemble zur Seite stellten. Zwei solche Bearbeitungen von Mozarts Schüler Johann Nepomuk Hummel (1778 bis 1873) sind nun bei Dyna- mic erschienen – die Klavierkonzerte in B-Dur KV 456 und in d-Moll
KV 466. Diese Veröffentlichung scheint zugleich Nebenergebnis eines Forschungsprojektes an der Hochschule der Künste Bern (HKB) zu sein, das die damalige Aufführungspraxis untersucht. Es musizieren Leonardo Miucci, Fortepiano, Martin Skamletz, Traversflöte, Johannes Gebauer, Violine, sowie Bruno Hurtado Gosalvez, Violoncello.
In der Serie „Aus dem Wald in die Konzerthalle – baue Dein eigenes Fortepiano“ ist mittlerweile Schritt neun erreicht: Das Titelbild dieser CD zeigt, wie die Beine befestigt werden. Deutlich ernsthafter angelegt ist die Einspielung, die erneut drei Konzerte Wolfgang Amadeus Mozarts so vorstellt, wie sie einstmals geklungen haben könnten. Ronald Brautigam spielt sie auf einem Hammerflügel, den Paul McNulty 2013 als Nachbau eines Exemplares angefertigt hat, das in der Werkstatt Anton Walter und Sohn um 1802 entstanden ist. Gabriel Anton Walter (1752 bis 1826) stammte aus Neuhausen auf den Fildern, südöstlich von Stuttgart. Er ließ sich 1778 als Klavierbauer in Wien nieder und war damit sehr erfolgreich. Mozart hat seine Instrumente sehr geschätzt; auch Haydn und Beethoven spielten sie.
Das helle, transparente Klangbild unterscheidet sich krass von dem, was man üblicherweise im Ohr hat – doch ehrlicherweise bleibt festzustellen, dass es Mozarts Musik sehr zustatten kommt, wenn man die romantischen Puderzuckerschichten weglässt und einmal wirklich nach den Noten fragt. Brautigam macht dies, unterstützt und begleitet von der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens, recht konsequent und bringt so ganz erstaunliche Details zutage.
Auf dieser CD stellt Brautigam drei Konzerte vor, die 1776 bzw. 1782/83 entstanden sind. Das C-Dur-Konzert KV 415 und das F-Dur-Konzert KV 413 gehören zu den drei Subskriptionskonzerten, die Mozart um die Jahreswende 1782/83 angekündigt hat. An seinen Vater schrieb er, die „Concerten sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in die ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nichtkenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen, warum.“
Das Konzert KV 415 ist imposant, feierlich und groß besetzt. Zur Urauf- führung am 23. März 1783 war Kaiser Joseph II. höchstselbst anwesend – Mozart wollte beeindrucken, und ergänzte eigens für die Majestät das Orchester um Trompeten und Pauken.
Im Kontrast dazu ist das Konzert in F-Dur ausgesprochen kammermusi- kalisch angelegt; Mozart selbst warb dafür, man könne es auch à quattro spielen. Insbesondere das Larghetto gehört zu den ganz großen Würfen des Komponisten – das ist Musik, wie sie kein anderer jemals schreiben konnte.
Die Super Audio-CD endet mit dem Konzert in C-Dur KV 246, geschrieben für Gräfin Antonia Lützow, eine der Schülerinnen von Leopold Mozart. Es ist ein Stück für den Unterricht, mit relativ geringen technischen Anfor- derungen und umfangreichen Reprisen. Überliefert sind drei Kadenz- varianten für die beiden ersten Sätze, was ebenfalls als eine Hilfe für Lernende gedacht gewesen sein könnte. In Salzburg scheint das Werk rege gespielt worden zu sein; auch Mozarts Schwester Nannerl trug es vor und übte es mit ihren Schülerinnen. Mozart hat das Konzert offenbar aber auch gern und oft selbst gespielt.
„Because Mozart wrote to his father, that four of his piano concertos could be performed a quattro, pianists occasionally perform them with string quartet alone, leaving out the woodwind parts“, berichtet Ralph Evans in einem Begleittext zu dieser CD. Er musiziert als Geiger im Fine Arts Quartet, und zeigt sich mit dieser Variante nicht recht zufrieden: „Whenever I hear such chamber performances, however, I miss Mozart's beautiful wind lines and wonder if any accomplished composer had ever taken a Mozart piano concerto and transcribed all its orchestral lines for string quartet (or quintet).“
Auf der Suche nach einer besseren Lösung fand das Fine Arts Quartet schließlich Transkriptionen, die Ignaz Lachner (1807 bis 1895) angefertigt hatte. Die Lachner-Brüder gehörten zum Freundeskreis um Franz Schubert; sie waren allesamt als Kapellmeister und Komponisten sehr erfolgreich. Auch in diesem Falle hat Ignaz Lachner hervorragende Arbeit geleistet, wie diese CD beweist. „Together with pianist Alon Goldstein, we performed two of Mozart's greatest works, the D minor Concerto, K. 466, and the C Major Concerto, K.467 (,Elvira Madigan'), in Lachner's chamber versions for piano with string quartet and bass“, so Evans. Den Kontrabass-Part übernahm dabei Rachel Calin. „The results in both cases were splendid“, begeistert sich Evans. „The accompaniments for string quintet sound natural – almost as if Mozart himself had transcribed them.“
Diese Bearbeitungen sind weit mehr als „nur“ ein Notbehelf für Pianisten, denen kein komplettes Orchester zur Verfügung steht, um diese Werke aufzuführen. Denn die kleine Besetzung ermöglicht eine Intensität des gemeinsamen Musizierens, und eine Intimität, wie sie mit Orchester kaum jemals zu erreichen ist. Und das Fine Arts Quintet ist ohnehin deutlich mehr als nur ein Begleitensemble. Das feinsinnige Spiel von Alon Goldstein jedenfalls kommt in dieser Konstellation hervorragend zur Geltung. Bravi!
Auf der Suche nach dem perfekten Klang hat Ronald Brautigam schon so manche Entdeckung vorzuweisen. So hat der niederländische Pianist bei BIS Records bereits Klavierwerke von Haydn, Mendelssohn und Beethoven auf dem Hammerklavier eingespielt. Mit dieser Super Audio CD setzt er nun seinen ebenfalls hochgelobten Mozart-Zyklus fort. Ausgewählt hat er für diese Aufnahme das Klavier- konzert Nr. 18 KV 456, komponiert 1784 für die blinde Pianistin Maria Theresia von Paradis, und das Klavierkonzert Nr. 22 KV 482 aus dem Jahre 1785. Beide Werke zeichnen sich durch die gekonnte Verwen- dung der einzelnen Orchesterstimmen, insbesondere der Bläser, aus.
Der Komponist setzte sie immer ein wenig anders ein, als erwartet, und erreichte damit auch überraschende Klangfärbungen. So schrieb Mozarts Vater über das Konzert KV 456 im Jahre 1785 begeistert an Mozarts Schwester, Wolfgang habe „ein herrliches Concert“ gespielt: „Ich (..) hatte das vergnügen alle Abwechslungen der Instrumente so vortrefflich zu hören, dass mir vor Vergnügen die thränen in den augen standen.“
KV 482 ist eines von nur drei Konzerten, in denen Mozart Klarinetten einsetzte – damals ein gänzlich neues Instrument, dessen „Effect“ der Musiker schon früh zu schätzen wusste. Dieses Konzert ist ohnehin erstaunlich umfangreich besetzt, mit Pauken und Trompeten, und mit Hörnern, die einen für die damalige Zeit ungewöhnlich selbständigen Part bekamen. Gemeinsam mit der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens erkundet Brautigam die Klangeffekte, die sich daraus ergeben. Der Pianist musiziert auf dem Nachbau eines Fortepianos aus der Werkstatt des berühmten Wiener Klavierbauers Anton Walter (1752 bis 1826). Angefertigt wurde dieses Instrument, das sich klanglich schon sehr von einem modernen Konzertflügel unterscheidet, 1992 von Paul McNulty. Die Einspielung ist insgesamt sehr farbenreich, und erfreut mit vielen kleinen Details, die normalerweise in den Klangfluten der modernen Instrumente untergehen. Unbedingt anhören!
Noch eine Aufnahme der Klavier- konzerte von Johann Sebastian Bach, seufzt der Rezensent, und legt die CD in den Player. Doch dann folgt eine Überraschung. Denn was Yorck Kronenberg gemeinsam mit dem Zürcher Kammerorchester bei Genuin veröffentlicht hat, das ist alles andere als Mainstream. „Ich liebe Bach“, erklärt der Pianist in einem Interview im Beiheft – und das darf man ruhig als Credo verstehen.
Mit beeindruckender Sorgfalt und der gehörigen Ehrfurcht hat sich Kronen- berg die Konzerte erschlossen. „Ich spiele Bach gern auf dem Cembalo; die Auseinandersetzung mit diesem Instrument beeinflusst zweifellos meine Sicht auf seine Musik“, erläutert der Pianist. „Es ist wichtig zu wissen, in welchem dynamischen Rahmen man sich bewegt, was beispielsweise auch Auswirkungen auf die Anlage von Phrasen hat, auf deren Länge und ihre innere Spannung. Auf dem Cembalo ergibt sich der Ausdruck wesentlich durch Artikulation und Tempoführung, diese Erkenntnis ist auch für heutige Pianisten von unschätzbarem Wert. Das heißt nicht, dass ich mir den Klangfarben- reichtum des modernen Flügels versage. Ich verzichte aber weitgehend auf den Einsatz des Haltepedals; und ich scheue mich vor allzu kurzatmigen dynamischen Ausbrüchen, die grell und aufgesetzt wirken können. Bachs Musik hat eine gleichermaßen archaische wie intellektuelle Kraft, die solche Effekte nicht nötig hat.“
Ein Konzert, BWV 1057, spielt Kronenberg auch bei dieser Einspielung auf dem Cembalo. Damit nimmt er Rücksicht auf die beiden solistisch besetz- ten Blockflöten; eine weise Entscheidung, wie man beim Anhören fest- stellen wird. Auch sonst hört der Pianist gern auf seine Mitmusiker. Gemeinsam mit dem Zürcher Kammerorchester musiziert er ungemein lebendig, aber stets auch präzise und ausbalanciert.
Der Klang des Bösendorfer Konzertflügels passt dabei perfekt zum be- schwingten und stets klar strukturierten Spiel des Orchesters. Kronenberg begeistert durch seine fein austarierte, gut durchdachte und nuancenreiche Interpretation. Hier wird ebenso lustvoll wie stilsicher ausgeziert, und mit einer Leidenschaft musiziert, die ich schlicht hinreißend finde. Man vergisst vollkommen, dass es zu Bachs Zeiten noch gar kein modernes Klavier gab. Bravi! Diese Aufnahmen haben zweifellos Referenzcharakter; man möchte sie wieder und wieder hören, freut sich an den Nebenstimmen, den Klangfarben, an Frische und Musizierlust. Mehr davon!
Lars Vogt spielt Mozart. Die Aufnahme erscheint zunächst unspektakulär – keine unerhörten Ausbrüche, keine historisierenden Klänge, und auch die Kadenzen im C-Dur-Konzert KV 467 wirken eher ironisch als bemüht originell oder virtuos. Diesem Werk aus Mozarts frühen Wiener Tagen stellt Vogt das letzte Klavierkonzert des Komponisten zur Seite, KV 595. Man lauscht, und stellt beein- druckt fest, dass Vogt kein Freund vordergründiger Effekte ist. Er gestaltet sorgsam austariert, in schönstem Zwiegespräch mit dem hr-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi. Dieses aufmerksame, feinfühlige Miteinander-Musizieren ist eine große Stärke dieser Aufnahme. So sensibel habe ich Mozart selten gehört, bravi!
Einmal mehr hat das Leipziger Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy aufge- führt. Bei dem Label Decca sind nun Mitschnitte der Konzerte aus dem Juni 2013 erschienen. Und wer romantische Orchesterklänge schätzt, dem sei diese CD ernsthaft empfohlen. Das Programm beginnt mit der Weltersteinspielung der Ouvertüre zu Ruy Blas – das war ein Theaterstück von Victor Hugo; Mendelssohn schätzte es gar nicht, er hat dieses Auftragswerk wohl auch eher widerwillig geschrieben und nie publiziert.
Bekannt ist hingegen seine Musik zu Shakespeares Komödie Ein Sommernachtstraum. Das sind fünf stimmungsvolle Stücke, inklusive Waldesrauschen, Feenzauber, Übermut und Kapriolen. Das Gewand- hausorchester bezaubert mit seinem farbigen Klang und einer Transparenz, die beispielsweise die Holzbläser hinreißend zur Geltung kommen lässt. Mendelssohns berühmte Schauspielmusik wird ergänzt durch seine zwei ersten Klavierkonzerte. Hier ist als Solist Saleem Ashkar zu hören. Der Pianist musiziert einfühlsam, doch auch hin- reichend brillant und stets im Dialog mit dem Orchester. Schade nur, dass Chaillys Tage in Leipzig gezählt sind; er wechselt 2017 als Musikdirektors an das Teatro alla Scala in Mailand.

„Weil ich meine meisten Arbeiten für gewisse Personen und fürs Publikum habe machen müssen, so bin ich dadurch allezeit mehr gebunden gewesen, als bey den wenigen Stücken, welche ich bloß für mich verfertigt habe. Unter allen meinen Arbeiten, insbeson- ders fürs Clavier, sind blos einige (…) Concerte, welche ich mit aller Freiheit und zu meinem eignen Gebrauch gemacht habe.“ Mit diesen Worten zitiert Michael Rische Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Der Pianist wendet ihnen daher seine Aufmerksam- keit zu, denn er will dem „Hamburger“ Bach zu mehr Geltung im Konzertleben verhelfen. „Mit anderen Worten: Alle Freiheiten, die den Personalstil Emanuel Bachs ausmachen, hat er sich in den Klavierkonzerten genommen, da er sie fast ausschließlich für sich selbst geschrieben hat“, merkt Rische an. „Das ist eine in die Auge fallende Parallele zu Mozart, dessen Klavierkonzerte ebenfalls überwiegend an ihn selbst adressiert sind – und die in einer ebenso erstaunlichen Anzahl vorliegen.“ Es sind immerhin 53 Kompositio- nen; Rische spielt sie gemeinsam mit dem agilen Leipziger Kammer- orchester unter Morten Schuldt-Jensen für Hänssler Classic ein. Ich habe zwei CD mit den Klavierkonzerten Wq. 23, 112/1 und 31 sowie 17, 43/4 und 14 angehört – und finde es erstaunlich, wie modern diese Musik wirkt. Von wegen „Rokoko-Beat“! Rische arbeitet auf dem Konzertflügel gezielt die klassischen Bezüge heraus. „Emanuel“ Bach hingegen soll auf dem Cembalo und, in kleinerem Kreise, auf dem Clavichord konzertiert haben. Das würde freilich gänzlich andere Klangfarben und Effekte bringen.