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Freitag, 21. Juni 2019

Baroque Journey - Lucie Horsch (Decca)

Lucie Horsch gehört ohne Zweifel zu den Stars im Blockflötenuniversum. Die Niederländerin, gerade einmal 19 Jahre alt, beeindruckt nicht nur durch unglaublich flinke Finger und ihre brillante Technik. Auch ihr musikalisches Gestaltungsvermögen ist erstklassig, wie die vorliegende CD beweist. 
Das Album lädt die Zuhörer ein zu einer Rundreise durch Europa im Zeitalter des Barock. Die Flötistin startet diese virtuelle Tour in Utrecht, mit einer Melodie aus Jacob van Eycks berühmter Sammlung Der Fluyten Lust-hof. Die Reise führt dann über Deutschland – wo die Musikerin auch Georg Friedrich Händel verortet –, über Italien und Frankreich bis nach England, und von dort wieder zurück in die Niederlande. 
Begleitet wird die junge Solistin auf ihrem virtuosen Ausflug in die Musikgeschichte höchst souverän von der Academy of Ancient Music, der Flötistin Charlotte Barbour-Condini sowie dem Lautenisten Thomas Dunford. Zu hören sind neben bekannten Melodien wie Dido's Lament von Henry Purcell, Händels berühmtem Arrival of the Queen of Sheba, der Erbarme-dich-Arie aus der Matthäuspassion, dem Konzert BWV 1059R und der Badinerie von Johann Sebastian Bach oder van Eycks Engels Nachtegaeltje auch Entdeckungen, wie die Welterstaufnahme eines Konzertes von Jaques-Christoph Naudot. 

Sonntag, 16. Juni 2019

Castello: Sonate concertate in stil moderno (AAM)

Viel ist nicht bekannt über Dario Castello. Er lebte und wirkte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Venedig, und er hat so wenig Spuren hinterlassen, dass er von einigen Musikwissenschaftlern für ein Phantom gehalten wird: Vielleicht ist sein Name ja ein Pseudonym seines Kollegen Claudio Monteverdi? Die Musik von Dario Castello jedenfalls war beliebt und wurde sogar im fernen Amsterdam nachgedruckt. 
Der Organist und Cembalist Richard Egarr beschäftigt sich mit diesen Klängen seit vielen Jahren. „Castello's work still remains some of my favourite music to play, so I was determined eventually to find an opportunity to record all of these sonatas“, schreibt Egarr im Beiheft. Denn nun ist es ihm gelungen, sie mit der Academy of Ancient Music auf CD einzuspielen. Die Sonate concertate in stil moderno, Libro Primo, 1621 erstmals erschienen, bilden den ersten Teil. 
„We used high Venetian pitch (A'=466), which has great implications for all the instruments involved, both technically and sonically“, berichtet der Musiker. „we opted for a pure ¼-comma meantone tuning, a system of pitches commonly used in Castello's time. This adds incredible spice and shocking colour to Castello's often pungent melodic and harmonic turns.“ 
Auch bei der Besetzung folgte die Academy of Ancient Music den Vorgaben des Komponisten: „no recorders here“ - so Egarr - „just violins, cornetto, dulcian, trombone and violetta (a curios edgy-toned small cello-gamba hybrid, tuned an fifth higher than the 'normal' cello). The continuo was simply keyboard (organ or harpsichord) and theorbo.“ 
Das Ergebnis ist überwältigend. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich nämlich nicht nur für Freunde der „Alten“ Musik. Castellos Musik ist so erfrischend, ideenreich und unkonventionell – und musiziert wird ebenfalls hinreißend. 

Dienstag, 19. März 2019

Glauben, lieben, hoffen (Coviello)

Glaube, Liebe, Hoffnung – Paulus preist sie in seinem Brief an die Korinther, und immer wieder haben darauf auch Musiker Bezug genommen. Das Ensemble Wunderkammer schließt sich dem an, und kombiniert auf dieser CD drei geistliche Vokalwerke des 17. Jahrhunderts mit Sonaten von Dario Castello (vor 1600 bis um 1650), die jeweils auf ihre Art das Bibelzitat ausdeuten: „Wir hören Kampf und Schlacht, Sinnlichkeit und Sehnsucht, Warten und große Feste, Jubel, Zorn“, schreiben die Musiker im Beiheft. „Für uns sind diese Sonaten eine Quelle neuer Ideen gewesen, eine Herausforderung in der Gemeinsamkeit des Ensembles. Sie erzählen die Geschichten der Vokalwerke untergründig weiter oder bereiten sie vor, sie verwandeln ihre Affekte oder kontrastieren sie.“ 
Wir hören die Klage des Königs David um seinen Sohn Absalom, der gegen den Vater in die Schlacht gezogen und dabei zu Tode gekommen ist – in den Symphoniae Sacrae I bewegend in Musik gesetzt von Heinrich Schütz (1585 bis 1672); ein Meisterwerk der Textauslegung mit musikalischen Mitteln. 
Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) ist ein ausdrucksstarkes Lamento; und während der Sänger in seinem Monolog grübelt, spiegelt auch der virtuose Violinpart die Gefühle des Verzweifelten – auch dieses Stück, geschaffen von einem Cousin von Johann Sebastian Bachs Vater, gehört zu den ganz großen Kunstwerken der Musikgeschichte. 
Christian Geist (um 1650 bis 1711) stammte aus Güstrow, und wirkte später in Kopenhagen und Stockholm. In seinem kurzen Stück Es war aber an der Stätte schildert er die Grablegung Christi. „Das Stück lässt sich modern hören als eine Umschreibung von Abwesenheit“, schreiben Sarah Perl und Peter Uehling in ihrem Begleittext: „Das Heilsgeschehen, die  Hoffnung wird nicht explizit, der Text ist buchstäblich eine ,Perikope', ,herumgeschnitten' um das Eigentliche. Gerade aber vom Abwesenden und Unbeschworenen geht ein Kraftfeld aus.“ Ein großartiges Album mit einem klugen Konzept; Hans Wijers, Bass, sowie das Ensemble Wunderkammer musizieren nicht nur hörenswert, sie ermutigen auch und regen zur Reflektion an: Das heißt auch, dass wir alle die Kraft haben zum Glauben, zum Lieben und zum Hoffen. Jederzeit und immer. Niemand kann es uns nehmen. Wir brauchen es nur zu tun.

Montag, 18. März 2019

Perfume of Italy (Christophorus)

Die Mandoline – eigentlich eine Instrumentenfamilie mit etlichen Angehörigen, von der eigentlichen Mandoline in ihren diversen regionalen Bauformen bis hin zur etwas größeren und tieferen Mandola – erfreute sich in Italien zu Beginn des 17. Jahrhunderts ganz enormer Beliebtheit. Auch in Paris schätzte man ihren lieblichen Klang, und reisende Virtuosen waren an vielen europäischen Höfen willkommen. Allerdings kam die Mandoline um 1790 wieder aus der Mode, und verschwand ebenso dezent aus dem Musikleben, wie sie einstmals gekommen war. 
Auf dieser CD präsentiert das Ensemble Artemandoline barocke Musik für das Instrument. Zu hören sind sowohl Originalwerke, wie die Sonata per mandolino e basso von Carlo Arrigoni (1697 bis 1744) oder eine Sonate von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), als auch geschickte Bearbeitungen. Dabei nutzen die Musiker barocke Mandolinen und Mandolen, sowie Barockgitarre und Renaissancelaute, Viola da gamba und Violone sowie das Cembalo. Ihr außerordentlich gut aufeinander abgestimmtes, virtuoses Spiel hätte die barocken Zeitgenossen ganz sicher begeistert; der Zuhörer heute darf sich auf eine gute Stunde anmutige Klänge freuen.

Montag, 10. Oktober 2016

Serpent & Fire (Alpha)

Dido und Cleopatra, literarische Figuren, die noch nach Jahr- hunderten Maler, Dichter und Komponisten inspirierten, hat die Sopranistin Anna Prohaska zum Mittelpunkt dieser CD erkoren. Cleopatra war die letzte Königin des Pharaonenreiches. Um ihre Herrschaft zu sichern, verbündete sie sich mit den Römern, insbesondere mit Gaius Iulius Caesar und, nach dessen Ermordung, mit dem Feldherrn Marcus Antonius. Als dieser von Octavian geschlagen wurde, folgte sie mit ihm in den Tod; die Legende besagt, dass sie sich von einer Schlange beißen ließ. 
Dido ist, der Sage nach, eine phönizische Prinzesssin. Sie gründete Karthago, und entzog sich dem Werben des Numidierkönigs Iarbas durch die Selbstverbrennung. Vergil bringt in seiner Aeneis Dido und den aus Troja zurückkehrenden Aeneas zusammen; in dieser Version der Geschichte verlässt der Held die verliebte Königin, die sich daraufhin in sein Schwert stürzt. Die Aeneis gehört zu den beliebtesten Opern-Stoffen; allein das Libretto Didone abbandonata von Pietro Metastasio wurde mehr als vierzigmal (!) vertont. 
Auf dieser CD erklingen Arien aus Opernraritäten von Francesco Cavalli (1602 bis 1676), Daniele da Castrovillari (vermutlich 1613 bis 1678), Antonio Sartorio (1630 bis 1681), Henry Purcell (1659 bis 1695), Christoph Graupner (1683 bis 1760), Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) und Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783), ergänzt durch gut passende Instrumentalmusik unter anderem von Matthew Locke und Luigi Rossi. Anna Prohaska singt mit einer berückenden Melancholie und mit grandioser Technik, bestens unterstützt durch das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini. Ohne Zweifel eines der schönsten Alben des Jahres! 

Montag, 27. Juli 2015

Passagi (Atma Classique)

Zwei junge kanadische Musiker aus Kanada haben diese CD mit „alter“ europäischer Musik eingespielt. Vincent Lauzer, Blockflöten, hat ebenso wie der Cembalist und Organist Mark Edwards bereits etliche Wettbewerbe gewonnen. Für ihre Einspielung haben sie ein Programm zusammengestellt, das sich weniger an populären Melodien und bekannten Namen als vielmehr an musikhistorischen Entwicklungen orientiert. So erklingen die Variationen von Giovanni Bassano (1558 bis 1617) zu Orlando di Lassos Lied Susanne un jour, mit einer wahren Flut an Verzierungen. Ähnliches ist über die Variationen von Riccardo Rogniono (um 1555 bis um 1620) über das Madrigal Ancor che co'l partire von Cipriano de Rore zu berichten. Auch wenn die Komponisten sicherlich, wie es damals Brauch war, nicht alles ausnotiert haben, was die Musiker letztendlich gespielt haben, so geben diese beiden Werke doch einen interessanten Einblick in die damalige Musizierpraxis. Ähnlich sorgsam haben Lauzer und Edwards auch den Rest des Programmes zusammengestellt – mit Werken von Girolamo Frescobaldi (1583 bis 1643), Angelo Notari (1566 bis 1663), Angelo Berardi (um 1636 bis 1694), Dario Castello (um 1590 bis um 1630), zwei der expressiven Sonaten von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (um 1620 bis 1669) und zwei von seinem deutschen Kollegen Johann Heinrich Schmelzer (um 1620 bis 1680). Eine spannende Kombination, die beiden Musikern Gelegenheit bietet zu virtuosem und farbenreichem Spiel.  Unbedingt hörenswert.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Andrea Falconieri - Il Spiritillo Brando (Glossa)

Zur Zeit der Renaissance stand der Hof zu Neapel in hoher Blüte. Die Herrscher, Vizekönige des spani- schen Königreiches, förderten die Künste, insbesondere auch die Musik. Einen Eindruck von den Klängen, die sie einst begleitet haben, vermittelt die vorliegende CD. Das Ensemble La Ritirata, geleitet von Josetxu Obregón, hat dafür zeitgenössische Quellen ausgewertet, wie das Primo libro di Canzone, Sinfonie, Fantasie, Capricci, Brandi, Correnti, Gagliarde, Alemane, Volte per Violini, Viole overo alto Strumento á uno, due, et tré con il Basso Continuo, zusammengetragen von Andrea Falconieri, zunächst Lautenist und nach 1647 auch Kapellmeister der Hofkapelle zu Neapel. Ergänzt wurde das abwechslungsreiche Programm dieser CD durch Werke bedeutender Musiker jener Zeit aus Spanien und Italien – darunter auch frühe Musik für das Violoncello als Solo-Instrument von Giovanni Battista Vitali, Domenico Gabrielli und Giuseppe Maria Jacchini. Die Musiker von La Ritirata agieren temperamentvoll und zugleich präzise; diese CD vermittelt somit nicht nur europäische Musikgeschichte, sondern auch eine große Portion gute Laune. Bravi!

Freitag, 11. Mai 2012

La sacqueboute (Flora)

"Il faut que j'avoüe que la pre- mière fois que j'oüis sonner de la sacqueboute, j'admirai presque autant l'addresse de cellui qui s'en servoit que l'artifice de cellui qui l'a inventée; j'acoit que sans diffi- culté l'inventeur mérite beaucoup plus de loüange", schrieb Pierre Trichet 1640 in seinem Traité des instruments de musique. Die Zug- vorrichtung gab dem Instrument, zumindest im Französischen, Spanischen und Englischen, mögli- cherweise seinen Namen. Denn wer die Posaune spielt, der muss in der Tat nicht nur blasen, sondern auch ziehen und drücken - sac- quer und bouter, im Landsknechtjargon
Im 16. Jahrhundert eroberte das Blasinstrument ganz Europa. Die Posaune erklang in der Kirche ebenso wie im Theater, im Ballsaal ebenso wie im Militärorchester. In Venedig erklang sie gemeinsam mit dem Zink in den Werken von Giovanni Gabrieli, Claudio Monte- verdi oder Heinrich Schütz. Welche Virtuosität die Posaunisten zu Beginn des 17. Jahrhunderts erreichten, davon berichtet diese CD, die einige extrem anspruchsvolle Werke aus jener Zeit mit Stücken kombiniert, die die typischen Klangfarben der Posaune alter Mensur und der Krummzinken besonders gut zur Geltung bringen. 
Das Ensemble Les Sacqueboutiers aus Toulouse musiziert gemeinsam mit Michel Becquet, einem renommierten Posaunisten und Sacque- boutier, der nach vielen Berufsjahren als Soloposaunist heute die Abteilung Blechblasinstrumente am Conservatoire National Supé- rieur de Musique in Lyon leitet. Eine wunderschöne CD, die allen Freunden historischer Bläserklänge wärmstens empfohlen wird.