Das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker lockt alljährlich bis zu 100.000 Besucher in den festlich beleuchteten Park von Schloss Schönbrunn. In diesem Jahr musizierte das Orchester unter Leitung von Gustavo Dudamel. „Rhapsody in Blue“ lautete das Motto des Programmes – und da verwundert es nicht, dass faktisch alle Stücke irgend etwas mit Amerika zu tun hatten. Zugleich haben etliche von ihnen einen Bezug zur Wiener Musiktradition.
Das Programm beginnt mit Leonard Bernsteins schwungvoller Ouvertüre zu Candide. Der Komponist, Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker, dirigierte sie in Wien sogar einmal selbst – beim Philharmonikerball 1978. Den Jubilee Waltz schrieb Johann Strauss 1872, als er in die USA reiste, um in Boston seine Musik beim World's Peace Jubilee zu dirigieren. 1893 reiste auch Carl Michael Ziehrer in die USA. In Chicago musizierte er mit seinem 60köpfigen Orchester in „Old Vienna“, einem Kulissendorf, in dem auch Händler und Gastronomen Spezialitäten aus dem Österreich anboten. Als Referenz an das Publikum schrieb Ziehrer den Sternenbanner-Marsch, in dem er populäre amerikanische Melodien jener Zeit verarbeitete.
Die Idee zu The Stars and Stripes Forever hatte John Philipp Sousa auf der Rückreise von einem Urlaub in Europa 1896. Das Stück kann man getrost als amerikanischen Nationalmarsch ansehen. Etwas aus dem ansonsten recht beschwingten Rahmen fällt das berühmte Adagio von Samuel Barber. Er war der erste amerikanische Komponist, dessen Musik die Wiener Philharmoniker seinerzeit spielten – und die New Yorker Uraufführung dieses Stückes dirigierte einst 1938 Arturo Toscanini; seine Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern hatte dieser allerdings nach dem deutschen Einmarsch beendet.
George Gershwin, auf dieser CD vertreten mit der Rhapsodie in Blue, arbeitete am Broadway eng mit Max Steiner zusammen. Der gebürtige Wiener schuf die Musik für über 300 Filme, zu hören ist hier die Casablanca-Suite.
Böhmische und amerikanische Musiktraditionen verknüpfte Antonín Dvořák in seiner Symphonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“. Der Komponist wirkte mehrere Jahre als Leiter eines Konservatoriums in den USA. Sein Werk wurde 1896 erstmals von den Wiener Philharmonikern aufgeführt. Dvořák war dem Orchester verbunden, und er hat es auch mehrfach dirigiert.
Als Zugabe erklingt der Hoe-Down aus Aaron Coplands Ballett Rodeo, schwungvoll präsentiert von den Musikern. In diesem Konzert führte Gustavo Dudamel zwei sehr unterschiedliche musikalische Traditions- linien gekonnt zusammen, und zeigte, wie viele Berührungspunkte es doch gibt. Bei der Rhapsodie in Blue war Yuja Wang die grandiose Solistin. In der magischen Atmosphäre des wohl größten Klassik-Open-Airs konnte das Publikum somit ein ebenso unterhaltsames wie stimmungsvolles Konzert genießen.
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Freitag, 27. September 2019
Dienstag, 11. Dezember 2018
Der Nussknacker und die vier Reiche (Sony)
Die Geschichte von Nussknacker und Mausekönig, erdacht einst von dem Schriftsteller E.T.A. Hoffmann, gehört seit Jahrzehnten zur Vorweihnachtszeit. Ob als Ballett, mit der unsterblichen Musik Pjotr IljitschTschaikowskis, oder als Trickfilm – alle Kinder kennen und lieben die Geschichte um die kleine Marie, ihren Paten Drosselmeier und den etwas lädierten Nussknacker, der dennoch die Spielzeugsoldaten wacker in die Schlacht gegen das Heer der Mäuse führt.
Nun hat Disney eine Spielfilmversion ins Kino gebracht: Der Nussknacker und die vier Reiche, inspiriert durch Märchen und Ballett, nimmt Groß und Klein mit auf eine abenteuerliche Reise ins Reich der Fantasie. Und diese CD beweist: Ebenso opulent wie Inszenierung und Ausstattung ist die Filmmusik von James Newton Howard. Natürlich wird der Kenner zahlreiche Themen von Tschaikowski erkennen. Doch der Rest ist Hollywood pur – zelebriert von Stars wie Lang Lang am Klavier, und Gustavo Dudamel, der das Philharmonia Orchestra dirigiert. Das Duett Fall on me singt Tenor Andrea Bocelli gemeinsam mit seinem Sohn Matteo; das Video dazu wurde innerhalb weniger Tage Tage nach Erscheinen auf Youtube Ende September 2018 bereits über elf Millionen Mal geklickt.
Nun hat Disney eine Spielfilmversion ins Kino gebracht: Der Nussknacker und die vier Reiche, inspiriert durch Märchen und Ballett, nimmt Groß und Klein mit auf eine abenteuerliche Reise ins Reich der Fantasie. Und diese CD beweist: Ebenso opulent wie Inszenierung und Ausstattung ist die Filmmusik von James Newton Howard. Natürlich wird der Kenner zahlreiche Themen von Tschaikowski erkennen. Doch der Rest ist Hollywood pur – zelebriert von Stars wie Lang Lang am Klavier, und Gustavo Dudamel, der das Philharmonia Orchestra dirigiert. Das Duett Fall on me singt Tenor Andrea Bocelli gemeinsam mit seinem Sohn Matteo; das Video dazu wurde innerhalb weniger Tage Tage nach Erscheinen auf Youtube Ende September 2018 bereits über elf Millionen Mal geklickt.
Montag, 28. Dezember 2015
Star Wars: The Force Awakens (Walt Disney Records)
Pünktlich zur Premiere des siebten Teils der Star-Wars-Saga ist auch der Soundtrack zum Film erhältlich. Die Filmmusik stammt erneut von John Williams – und sie setzt mit Routine fort, was das Publikum schon von den vorigen Teilen kennt. Sie ist pathe- tisch, wo Pathos gefragt ist, sie klingt bedrohlich, wo die Andere Seite der Macht ins Spiel kommt – und sie ist dramatisch, sie ist witzig, sie ist emotional, mitunter sogar fast romantisch. Aber die Musik von John Williams war bisher stets wesentlich mehr als „nur“ ein Sound zum Film. Es gehört wenig Phantasie dazu, vorherzusagen, dass auch Melodien aus Das Erwachen der Macht den Weg in den Konzertsaal finden werden – wenn auch wahrscheinlich weniger als bei den Vorgänger-Filmen, denn einen richtig großen „Hit“ habe ich diesmal vermisst.
Dafür gab's aber schon Wochen vor der Filmpremiere eine Welle an Star-Wars-Merchandising, so breit wie die Galaxien, die Williams in seiner Musik durcheilt. Da merkt man schon vorher, dass Disney nun bei Lucas- film das Sagen hat – und ganz sicher werden auch die nachfolgenden Filme der Trilogie so gestylt sein, dass die Kasse klingelt.
Ein Stardirigent war, neben dem Komponisten selbst sowie William Ross, bereits an den Aufnahmen beteiligt: „Als John mich anrief und fragte, ob ich Beginn- und Schlussmusik dirigieren wolle, glaubte ich, er würde Witze machen“, berichtet Gustavo Dudamel, Künstlerischer Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestra: „John hat einen so großartigen Sinn für Humor, dass ich dachte, da muss doch irgendwo ein Haken sein. Und siehe da, es gab einen: Ich durfte es niemandem erzählen, und auch John hat totales Stillschweigen bewahrt!“
Als Dudamel dann im Studio erschien, um seinen Part zu dirigieren, war dies sicherlich eine ziemliche Überraschung. Zum ersten Mal musizierte dabei übrigens nicht das London Symphony Orchestra in den traditions- reichen Abbey Road Studios, sondern ein „freelance orchestra“ in Los Angeles, das seit Jahren mit John Williams Filmmusiken produziert.
Dafür gab's aber schon Wochen vor der Filmpremiere eine Welle an Star-Wars-Merchandising, so breit wie die Galaxien, die Williams in seiner Musik durcheilt. Da merkt man schon vorher, dass Disney nun bei Lucas- film das Sagen hat – und ganz sicher werden auch die nachfolgenden Filme der Trilogie so gestylt sein, dass die Kasse klingelt.
Ein Stardirigent war, neben dem Komponisten selbst sowie William Ross, bereits an den Aufnahmen beteiligt: „Als John mich anrief und fragte, ob ich Beginn- und Schlussmusik dirigieren wolle, glaubte ich, er würde Witze machen“, berichtet Gustavo Dudamel, Künstlerischer Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestra: „John hat einen so großartigen Sinn für Humor, dass ich dachte, da muss doch irgendwo ein Haken sein. Und siehe da, es gab einen: Ich durfte es niemandem erzählen, und auch John hat totales Stillschweigen bewahrt!“
Als Dudamel dann im Studio erschien, um seinen Part zu dirigieren, war dies sicherlich eine ziemliche Überraschung. Zum ersten Mal musizierte dabei übrigens nicht das London Symphony Orchestra in den traditions- reichen Abbey Road Studios, sondern ein „freelance orchestra“ in Los Angeles, das seit Jahren mit John Williams Filmmusiken produziert.
Dienstag, 22. Mai 2012
Gustavo Dudamel - Discoveries (Deutsche Grammophon)
Wie gelingt es einem Jungen aus einfachsten Verhältnissen, ein weltweit gefeierter Dirigent und ein Star der internationalen Klassik-Szene zu werden? Gustavo Duda- mel hat es vorgemacht. Das staat- liche venezolanische System der Kinder- und Jugendorchester er- möglichte es ihm, Geige zu lernen. Der Unterricht ist kostenlos; doch die Kinder erklären sich im Gegen- zug bereit, ihrerseits jüngere Schüler anzuleiten, sobald sie etwas gelernt haben, und in einem Orchester mitzuspielen.
José Antonio Abreu, der "El Sistema" entwickelt hat, um den jungen Leuten eine Alternative zu Gewalt und Kriminalität zu bieten, ent- deckte Dudamels spezielles Talent, als er ihn dabei beobachtete, wie der Fünfzehnjährige das Amadeus Chamber Orchestra dirigierte. Fünf Jahre später übernahm Dudamel die Leitung des Simón Bolívar Ju- gendorchesters, in dem die besten jungen Musiker zusammen spielen, die durch "El Sistema" ausgebildet worden sind.
Musiker aus Venezuela spielen mittlerweile in den Spitzenorchestern der Welt. Und Dudamel gewann mit 25 Jahren den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker. Zwei Jahre später wurde er Chefdirigent der Göteborgs Symfoniker, des schwe- dischen Nationalorchesters. Seit 2009 leitet er das Los Angeles Philharmonic Orchestra. Und natürlich hat er längst auch die Berliner und die Wiener Philharmoniker dirigiert.
Ein Mitschnitt der Schottischen Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy, entstanden bei Dudamels offiziellem Debütkonzert mit den Wiener Philharmonikern, erschien nun auf Vinyl. Der Erlös dieser exklusiven Edition soll die Arbeit von "El Sistema" in einer besonders armen Region von Venezuela unterstützen. Auch dieser Sampler, der wichtige Stationen der Karriere des Dirigenten dokumentiert, tritt für diese spezielle, solidarische Form des Musikunterrichtes ein. Ihm liegt eine DVD bei, die mit einem Dokumentarfilm von Enrique Sán- chez Lansch Einblick in die Tätigkeit des "Systems" gibt.
"El Sistema ist das wichtigste Kulturprojekt meiner Heimat", unter- streicht Gustavo Dudamel im Beiheft, "doch es hat auch weltweit symbolhafte Wirkung als eines der wichtigsten Kulturprojekte der heutigen Zeit. Dank der besonderen Art der Vermittlung zwischen Kunst und Gesellschaft bei El Sistema sehen die Leute klassische Musik mit anderen Augen. Mitten im Nirgendwo zu einem Orchester zu gehören, bedeutet für diese Kinder, dass sie eine wirkliche Brücke zu bauen beginnen, die allmählich immer weniger eine Utopie ist, bis hin zu ihrem Traum, den Weg zum Simón Bolívar Symphony Orchestra oder den Wiener Philharmonikern zu schaffen. Schritt für Schritt wird aus dem Wunschtraum Wirklichkeit", betont der Diri- gent. "Musik ist ein Menschenrecht. Und das ist der Gedanke, der hinter El Sistema steht."
José Antonio Abreu, der "El Sistema" entwickelt hat, um den jungen Leuten eine Alternative zu Gewalt und Kriminalität zu bieten, ent- deckte Dudamels spezielles Talent, als er ihn dabei beobachtete, wie der Fünfzehnjährige das Amadeus Chamber Orchestra dirigierte. Fünf Jahre später übernahm Dudamel die Leitung des Simón Bolívar Ju- gendorchesters, in dem die besten jungen Musiker zusammen spielen, die durch "El Sistema" ausgebildet worden sind.
Musiker aus Venezuela spielen mittlerweile in den Spitzenorchestern der Welt. Und Dudamel gewann mit 25 Jahren den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker. Zwei Jahre später wurde er Chefdirigent der Göteborgs Symfoniker, des schwe- dischen Nationalorchesters. Seit 2009 leitet er das Los Angeles Philharmonic Orchestra. Und natürlich hat er längst auch die Berliner und die Wiener Philharmoniker dirigiert.
Ein Mitschnitt der Schottischen Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy, entstanden bei Dudamels offiziellem Debütkonzert mit den Wiener Philharmonikern, erschien nun auf Vinyl. Der Erlös dieser exklusiven Edition soll die Arbeit von "El Sistema" in einer besonders armen Region von Venezuela unterstützen. Auch dieser Sampler, der wichtige Stationen der Karriere des Dirigenten dokumentiert, tritt für diese spezielle, solidarische Form des Musikunterrichtes ein. Ihm liegt eine DVD bei, die mit einem Dokumentarfilm von Enrique Sán- chez Lansch Einblick in die Tätigkeit des "Systems" gibt.
"El Sistema ist das wichtigste Kulturprojekt meiner Heimat", unter- streicht Gustavo Dudamel im Beiheft, "doch es hat auch weltweit symbolhafte Wirkung als eines der wichtigsten Kulturprojekte der heutigen Zeit. Dank der besonderen Art der Vermittlung zwischen Kunst und Gesellschaft bei El Sistema sehen die Leute klassische Musik mit anderen Augen. Mitten im Nirgendwo zu einem Orchester zu gehören, bedeutet für diese Kinder, dass sie eine wirkliche Brücke zu bauen beginnen, die allmählich immer weniger eine Utopie ist, bis hin zu ihrem Traum, den Weg zum Simón Bolívar Symphony Orchestra oder den Wiener Philharmonikern zu schaffen. Schritt für Schritt wird aus dem Wunschtraum Wirklichkeit", betont der Diri- gent. "Musik ist ein Menschenrecht. Und das ist der Gedanke, der hinter El Sistema steht."
Sonntag, 28. März 2010
Fiesta - Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela, Dudamel (Deutsche Grammophon)
Das Simón Bolívar-Jugend- orchester aus Venezuela spielt lateinamerikanische Musik - aber da geht der Bär ab! Satte Bläser- chöre, ein Schlagwerk, wie es im Konzertsaal selten zu hören ist, und dazu Streicher, die offenbar das Tanzen im Blut haben. Was für ein Programm, und was für ein Temperament! Hier ist Spielfreude pur zu erleben - was aber die Präzision nicht vermindert, mit der das Orchester agiert. Dudamel spielt mit Akzenten und Klang- farben, und die Jugendlichen folgen ihm mit Begeisterung.
Die CD beginnt mit Silvestre Revueltas Sensemayá - einem Stück voll indianischer Anklänge, das mit seinen Dissonanzen insgesamt etwas aus dem Rahmen fällt. Die folgenden Werke sind rhythmusgetrie- bener, tänzerischer und zugleich oftmals bildhafter. Dudamel beweist Sinn für Dramatik, lässt aber auch die kantablen Stellen nicht in der allgemeinen Party untergehen. Die CD endet mit dem Mambo aus West Side Story - eine Referenz an Leonard Bernstein. Wer sich einen Eindruck von zeitgenössischer lateinamerikanischer Orchestermusik verschaffen will - diese CD sei empfohlen.
Die CD beginnt mit Silvestre Revueltas Sensemayá - einem Stück voll indianischer Anklänge, das mit seinen Dissonanzen insgesamt etwas aus dem Rahmen fällt. Die folgenden Werke sind rhythmusgetrie- bener, tänzerischer und zugleich oftmals bildhafter. Dudamel beweist Sinn für Dramatik, lässt aber auch die kantablen Stellen nicht in der allgemeinen Party untergehen. Die CD endet mit dem Mambo aus West Side Story - eine Referenz an Leonard Bernstein. Wer sich einen Eindruck von zeitgenössischer lateinamerikanischer Orchestermusik verschaffen will - diese CD sei empfohlen.
Freitag, 12. Februar 2010
Mahler 5 - Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela, Gustavo Dudamel (Deutsche Grammophon)
Mahlers Fünfte, gespielt von einem Laienorchester - geht denn das? zumal, wenn keiner der Musiker älter ist als 25 Jahre? Es geht - wenn es sich um das Simón Bolívar Jugendorchester von Venezuela handelt. In diesem Orchester spielen die besten Nachwuchs- musiker eines Systems, das sich sistema nennt, und sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Jedem Kind sein Instrument. Auch und gerade dem aus dem Ghetto. Gustavo Dudamel, mittlerweile weltweit ein gefragter Dirigent, ist selbst aus dieser Schule hervor- gegangen. Mahlers Fünfte ist für ihn ein besonderes Stück, denn er leitete diese Sinfonie 2004 beim Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb der Bamberger Symphoniker - und gewann. Vorher war er nur Insidern bekannt; anschließend startete seine internationale Karriere. An dieser Einspielung fällt eines sofort auf: Die lange Namensliste der jungen Musikerinnen und Musiker, die daran mitgewirkt haben. 22 erste Violinen, 20 zweite Violinen, 21 Bratschen, 16 Celli, ein Dutzend Kontrabässe, sieben Hörner, fünf Flöten, drei Harfen, und so weiter - das ist wahrlich eine würdige Besetzung für ein Mahler-Werk.
Und das Wunder geschieht: Die Jugendlichen spielen hochprofessio- nell. Die schweren Partien meistern sie ohne Zagen und Klagen. Und die Orchestersoli erklingen absolut perfekt. Dudamel hat alle Möglichkeiten, zu gestalten. "Das Orchester braucht eine unglaubliche Technik und große Sensibilität", sagt der Dirigent, "es gibt in diesem Werk den extremen Ausdruck von Glück, Traurigkeit, Schwermut und Hoffnung. Manche sagen, man benötige viele Jahre Lebenserfahrung, um all diese Emotionen durchgemacht zu haben und sie vermitteln zu können. Ich glaube, das Wichtigste ist, sie zu fühlen und zu spielen."
Samstag, 23. Februar 2008
Beethoven 5 & 7 - Gustavo Dudamel (Deutsche Grammophon)
19 erste Violinen, 22 zweite Violinen, 15 Violas, 14 Celli, neun Kontrabässe, und ganze Heerscharen Bläser, die sich abwechseln müssen, damit mehr Leute mitspielen können - das Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela ist ein Phänomen. Das gilt auch und vor allem für die Herkunft der jungen Musiker. Denn die meisten von ihnen stammen mitnichten aus gutbürgerlichen Familien. Musikunterricht ist in Venezuela kein Privileg, sondern ein überaus erfolgreicher Ansatz der Sozialarbeit.
Edicson Ruiz beispielsweise wuchs in einem Armenviertel von Caracas auf. Er arbeitete schon mit elf Jahren stundenweise als Packer in einem Supermarkt, um das schmale Einkommen seiner Mutter zu ergänzen. Das Straßenleben faszinierte ihn; er wurde zunehmend gewalttätig. Irgendwann erzählte ihm ein Nachbar von der örtlichen Musikschule. "Sie gaben mir eine Bratsche und setzten mich mitten ins Orchester", erinnert sich Ruiz. "Ich hörte den Klang der Kontrabässe und dachte: ,Ja! Das ist dein Instrument!'" Mit 15 gewann Ruiz den ersten Preis beim Wettbewerb der International Society of Bassists in Indianapolis. Und mit 17 Jahren wurde er das jüngste Mitglied der Berliner Philharmoniker überhaupt.
Ähnliche Geschichten könnten 400.000 Kinder und Jugendliche erzählen, die ebenfalls von der "Fundación del Estado para el Sistema de Orquestra Juvenil e Infantil de Venezuela" ausgebildet wurden, einer staatlichen Stiftung, die die mehr als 180 Kinder- und Jugendorchester des Landes und die dazugehörigen Musikschulen unterhält. Venezuela hat nur 22 Millionen Einwohner, aber 30 professionelle Sinfonieorchester. Das "Sistema" beschäftigt immerhin 15.000 Musiklehrer, und ist mit seiner Arbeit sehr erfolgreich.
Das Prinzip ist einfach: Schon Kleinkinder bekommen Instrumente. Unterricht, Reisen, Noten und ggf. soziale Betreuung sind gratis. Unterrichtet wird in Gruppen; Kinder, die schon weiter fortgeschritten sind, unterrichten Neueinsteiger. Gegenseitige Unterstützung ist Pflicht, und das Zusammenspiel im Orchester gehört von Anbeginn zum Unterrichtsprogramm. Wer aber an sechs Nachmittagen pro Woche musiziert, der hat keine Zeit für Schlägereien, Alkohol und Drogen. Nebeneffekt: Durch ihr Engagement erreichen die Jugendlichen oft schon sehr bald ein Niveau, das für die Aufnahmeprüfung an einer europäischen Musikhochschule locker ausreicht.
Gustavo Dudamel wurde mit 17 Jahren Chefdirigent des Simón Bolívar Youth Orchestra - und heute, als 27jähriger, ist er weltweit bekannt und akzeptiert.
Für die erste Einspielung seines Orchesters bei der Deutschen Grammophon wählte er Beethovens Fünfte und Siebente aus. Die enorme Besetzung bringt allerdings nicht nur Vorteile; die Durchhörbarkeit leidet darunter enorm, und auch die dynamische Elastizität könnte besser sein. Bei aller Kritik - die Aufnahmen sind eines nicht: langweilige Dutzendware. Beide Sinfonien kommen wuchtig und schwungvoll daher. Auf die nächsten CD, vorzugsweise mit romantischem Repertoire, darf man daher gespannt sein.
Edicson Ruiz beispielsweise wuchs in einem Armenviertel von Caracas auf. Er arbeitete schon mit elf Jahren stundenweise als Packer in einem Supermarkt, um das schmale Einkommen seiner Mutter zu ergänzen. Das Straßenleben faszinierte ihn; er wurde zunehmend gewalttätig. Irgendwann erzählte ihm ein Nachbar von der örtlichen Musikschule. "Sie gaben mir eine Bratsche und setzten mich mitten ins Orchester", erinnert sich Ruiz. "Ich hörte den Klang der Kontrabässe und dachte: ,Ja! Das ist dein Instrument!'" Mit 15 gewann Ruiz den ersten Preis beim Wettbewerb der International Society of Bassists in Indianapolis. Und mit 17 Jahren wurde er das jüngste Mitglied der Berliner Philharmoniker überhaupt.
Ähnliche Geschichten könnten 400.000 Kinder und Jugendliche erzählen, die ebenfalls von der "Fundación del Estado para el Sistema de Orquestra Juvenil e Infantil de Venezuela" ausgebildet wurden, einer staatlichen Stiftung, die die mehr als 180 Kinder- und Jugendorchester des Landes und die dazugehörigen Musikschulen unterhält. Venezuela hat nur 22 Millionen Einwohner, aber 30 professionelle Sinfonieorchester. Das "Sistema" beschäftigt immerhin 15.000 Musiklehrer, und ist mit seiner Arbeit sehr erfolgreich.
Das Prinzip ist einfach: Schon Kleinkinder bekommen Instrumente. Unterricht, Reisen, Noten und ggf. soziale Betreuung sind gratis. Unterrichtet wird in Gruppen; Kinder, die schon weiter fortgeschritten sind, unterrichten Neueinsteiger. Gegenseitige Unterstützung ist Pflicht, und das Zusammenspiel im Orchester gehört von Anbeginn zum Unterrichtsprogramm. Wer aber an sechs Nachmittagen pro Woche musiziert, der hat keine Zeit für Schlägereien, Alkohol und Drogen. Nebeneffekt: Durch ihr Engagement erreichen die Jugendlichen oft schon sehr bald ein Niveau, das für die Aufnahmeprüfung an einer europäischen Musikhochschule locker ausreicht.
Gustavo Dudamel wurde mit 17 Jahren Chefdirigent des Simón Bolívar Youth Orchestra - und heute, als 27jähriger, ist er weltweit bekannt und akzeptiert.
Für die erste Einspielung seines Orchesters bei der Deutschen Grammophon wählte er Beethovens Fünfte und Siebente aus. Die enorme Besetzung bringt allerdings nicht nur Vorteile; die Durchhörbarkeit leidet darunter enorm, und auch die dynamische Elastizität könnte besser sein. Bei aller Kritik - die Aufnahmen sind eines nicht: langweilige Dutzendware. Beide Sinfonien kommen wuchtig und schwungvoll daher. Auf die nächsten CD, vorzugsweise mit romantischem Repertoire, darf man daher gespannt sein.
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