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Dienstag, 21. Dezember 2021

Jonas Kaufmann - It's Christmas! (Sony)

 


Das Weihnachtsalbum von Jonas Kaufmann gehörte im vergangenen Jahr bereits zu den Highlights. Nun hat der Tenor das Programm noch einmal erweitert: „Der unglaublich schöne Erfolg und die Freude über das erste Weihnachtsalbum reizten mich, in diesem Jahr erneut ins Studio zu gehen, um einer Musikgattung Tribut zu zollen, die für mich, der ich in Bayern und Tirol aufgewachsen bin, sofort Weihnachtsstimmung auslöst: die alpenländische Stubenmusi.“ Zugleich wird die ohnehin beeindruckende Liste der Mitwirkenden ergänzt, um die Mezzosopranistin Stefanie Irányi und die Spielmusik Karl Edelmann. Und das ist ohne Zweifel ein Gewinn; die stimmungsvollen Klänge werden in ihrer Schlichtheit und Innigkeit auch Flachlandtiroler bezaubern. 

Wer die beiden Versionen des Albums vergleicht, wird zudem feststellen: Im internationalen Teil, auf der zweiten CD, ist ebenfalls ein neues Lied dazugekommen. Auf das Lied Trois anges sont venus ce soir machte Kaufmann sein Sängerkollege Ludovic Tézier aufmerksam. Darüber hinaus enthält das Beiheft jetzt einige Gedichte und weihnachtliche Rezepte sowie jede Menge Fotos aus dem privaten Album von Jonas Kaufmann. Abgedruckt sind in dem ziemlich umfangreichen, mehrsprachigen, ansprechend gestalteten Heft aber auch sämtliche Liedtexte. 

Wenn ich mich entscheiden müsste – ich würde trotz des höheren Preises die „Extended Version“ wählen. Die Stubenmusi ist wirklich hinreißend. Und es ist erneut faszinierend, wie gekonnt der Sänger von der Opernbühne ins populäre Genre wechselt. Weihnachten und Jonas Kaufmann? Gefällt mir! 


Freitag, 1. Januar 2021

Aus der Neuen Welt (Querstand)




Orgelduos sind reizvoll, aber auf CD selten zu finden. Zwei Organisten, die an einer Orgel gemeinsam musizieren – das verdoppelt quasi die Möglichkeiten, die dieses ohnehin orchestrale Instrument klanglich bietet. 
Die Brüder Markus und Pascal Kaufmann, aus dem sächsischen Lichtenstein stammend, pflegen diese spezielle Kunst schon seit Kindertagen. Mittlerweile haben sie gemeinsam an der Dresdner Musikhochschule sowie der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden studiert. Pascal Kaufmann war Assistent bei Frauenkirchen-Organist Samuel Kummer; er ist mittlerweile als Kirchenmusiker in Augustusburg unweit von Chemnitz tätig. Markus Kaufmann wirkt als Domorganist in Quedlinburg. 
Auf der vorliegenden CD musizieren die Brüder an der Orgel, die Daniel Kern für die Dresdner Frauenkirche geschaffen hat. Der Orgelbauer aus dem Elsass vereinte in diesem Instrument aus dem Jahre 2005 Register nach dem barocken Vorbild von Gottfried und Andreas Silbermann sowie nach dem Vorbild der großen französischen sinfonischen Orgeln von Aristide Cavaillé-Coll. Charakteristische Stimmen aus beiden Epochen stehen nebeneinander. 
Diese besonderen Klangmöglichkeiten nutzten Markus und Pascal Kaufmann auch für ihre Einspielung. Im Zentrum steht die Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ op. 95 von Antonín Dvořák in der von Pascal Kaufmann transkribierten Fassung für Orgel vierhändig. Komplettiert wird das Programm durch die Humoreske op. 101/7 des Komponisten in einer Transkription für Orgel von Edwin Lemare, vorgetragen von Markus Kaufmann, sowie durch eine Tondichtung von Franz Liszt – Der Heilige Franziskus von Paula auf den Wogen schreitend S 175, eigentlich ein Klavierstück, gleichfalls für vierhändiges Spiel auf der Orgel bearbeitet von Pascal Kaufmann. Die Kern-Orgel erweist sich als wunderbares Instrument für dieses Repertoire, und ihr Facettenreichtum passt zu dieser Musik ausgezeichnet.

Freitag, 18. Dezember 2020

It's Christmas! (Sony)


Was macht ein international gefeierter Opernsänger, wenn Corona ihm statt des üblicherweise prall gefüllten Terminkalenders eine Zwangspause beschert? Jonas Kaufmann hat das Krisenjahr genutzt, um musikalische Projekte zu verwirklichen, für die bei normalem Spielbetrieb an den Opernhäusern weltweit wohl kaum Zeit gewesen wäre. 

Für dieses Weihnachtsalbum hat er seine Lieblings-Weihnachtslieder aus Deutschland und aus aller Welt zu einem Programm zusammengestellt, dass auch Freunden populärer Klänge leuchtende Augen bescheren dürfte. Auf „It’s Christmas“ erklingen einerseits auf CD 1 deutsche Weihnachtslieder, die für Jonas Kaufmann mit der Erinnerung an glückliche Weihnachten im Kreise der Familie verbunden sind. Zu hören sind daher nicht nur bekannte Lieder wie Stille Nacht, Alle Jahre wieder oder Leise rieselt der Schnee, sondern auch bayerische Volksweisen wie Es wird scho glei dumpa oder Im Woid is so staad

Auch amerikanische Weihnachts-Songs wie White Christmas, O Holy Night oder Winter Wonderland gehören zu Kaufmanns Favoriten, weil sein Vater nach der Bescherung oft die legendären Weihnachts-Schallplatten von Bing Crosby, Sinatra und Ella Fitzgerald auflegte. CD 2 enthält zudem eine kleine Auswahl französischer, englischer, italienischer und schwedischer Weihnachtslieder. 

Begleitet wird der Startenor bei den Klassikern vom Mozarteum Orchester Salzburg, dem Bachchor Salzburg und den St. Florianer Sängerknaben unter Leitung von Jochen Rieder. Die Cologne Studio Big Band hingegen ist sein Partner für viele der internationalen Weihnachtshits. Bei Let it snow und Have yourself ist zudem Till Brönner als Solist zu hören. 

Jonas Kaufmann gelingt bei diesem Album die perfekte Balance zwischen Moderne und Tradition. Die zeitgenössischen Arrangements sorgen ebenfalls für stilistische Vielfalt und musikalische Abwechslung. Eine Einspielung, die man auch verschenken kann – sie dürfte so ziemlich der ganzen Familie gefallen. 


Donnerstag, 28. September 2017

L'Opéra - Jonas Kaufmann (Sony)

Arien und Duette aus französischen Opern des 19. Jahrhunderts präsentiert Jonas Kaufmann auf seinem jüngsten Album. Der Sänger hat dafür nicht nur bekannte Melodien und große Szenen ausgewählt, sondern vor allem auch Werke und Rollen, die für ihn Schlüsselerlebnisse waren: „Ein solches hatte ich mit der Partie des Wilhelm Meister, meiner ersten großen französischen Rolle, 2001 in Toulouse“, erzählt Kaufmann im Beiheft. „Zu diesem Zeitpunkt war mein Französisch noch so dürftig, dass ich mich in Gegenwart des Regisseurs Nicolas Joel, der alle Sprachen beherrscht, ziemlich schämte und dachte: Das muss unbedingt besser werden!“
Den Werther sang Kaufmann dann neun Jahre später zum ersten Mal – „an der Pariser Oper“, so der Tenor, „in der Höhle des Löwen, umgeben von lauter französischen Sängern und vor einem Publikum, das keinen Spaß versteht, wenn du nicht halbwegs idiomatisch klingst.“ Zu diesem Zeitpunkt lobte die Kritik dann bereits sein perfektes Französisch.
Im Repertoire kennt sich Kaufmann inzwischen ebenfalls bestens aus, wie seine Auswahl beweist. Und er singt noch immer wunderbar, begeistert auch bei dieser Einspielung mit betörender Technik und gestalterischer Intelligenz. Die beiden Duo-Partner, Sopranistin Sonya Yoncheva in Massenets Manon und Bariton Ludovic Tézier im berühmten Duett aus Bizets Perlenfischern, harmonieren mit Kaufmann bestens. Den Instrumentalpart übernahm das vielfach ausgezeichnete Bayerische Staatsorchester unter Bertrand de Billy – und es liefert weit mehr als nur eine Begleitung. Prächtig!

Freitag, 6. November 2015

Nessun dorma - Jonas Kaufmann - The Puccini Album (Sony)

Jonas Kaufmann gehört zu den wenigen Tenören, die mit ihrer Musik schon mehrfach in den deutschen und österreichischen Albumcharts vertreten waren. Sein neues Album Nessun Dorma widmet er dem Werk des italienischen Komponisten Giacomo Puccini: 16 Arien aus Opern des Komponisten interpretiert Kaufmann gemeinsam mit Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Leitung des Dirigenten Antonio Pappano. In einigen Szenen sind zudem die lettische Sopranistin Kristīne Opolais sowie Bariton Massimo Simeoli und Bass Antonio Pirozzi zu hören. 
Ausgewählt wurden bekannte Stücke, wie das Liebesduett aus dem ersten Akt von La Bohème, das berühmte Nessun dorma aus Turandot, oder Recondita armonia, der erste Auftritt des Malers Mario Cavaradossi in Tosca, aber auch wenig bekannte Arien beispielsweise aus Le Villi, Edgar oder La Rondine. Dank chronologischer Abfolge bietet das Album zugleich einen guten Einblick in die klangsprachliche Entwicklung Puccinis. Das gesamte Programm hat Kaufmann übrigens bereits am 14. Juni 2015 in der Mailänder Scala gesungen. 
Der Sänger gilt als der derzeit erfolgreichste Tenor der Welt. Die Financial Times bezeichnete ihn unlängst sogar als „star tenor of his generation“. Ein Grund dafür ist seine Vielseitigkeit, denn er ist sowohl im italienischen als auch im deutschen und französischen Repertoire zu Hause. Kaufmann beherrscht mehrere Sprachen, er singt mit einem hinreißenden Timbre und einer profunden Technik, und er gestaltet seine Stücke überaus intelligent. Außerdem sieht er gut aus und ist ein versierter Darsteller, was in einem Zeitalter, in dem die Leute zumeist deutlich besser sehen können als hören, ganz sicher nicht schädlich ist. 
Diese gelungene CD wird ergänzt durch eine Bonus-DVD sowie durch ein üppig ausgestaltetes Beiheft, das unter anderem Anmerkungen von Jonas Kaufmann zu den diversen Arien und Szenen, Plakate und Fotos sowie sämtliche Texte enthält. 

Mittwoch, 23. September 2015

Jonas Kaufmann - The Age of Puccini (Decca)

„Beim Verismo geht es nur um Seele und Leidenschaft, doch gerade das liebe ich so daran!“, meint Jonas Kaufmann. Der Tenor hat in seinem Repertoire etliche Partien aus dem Zeitalter Puccinis. 
Bei der Auswahl der Arien für diese CD wurden nicht nur die Publikumsrenner berücksichtigt – natürlich erklingen berühmte Stücke wie Che gelida manina aus La Bohème und E lucevan le stelle aus Tosca. Doch der Sänger hat auch weniger bekannte Werke erkundet, und auf dieser CD gemeinsam mit dem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Antonio Pappano so manche Entdeckung zusammengetragen. Auch hier überzeugt Jonas Kaufmann mit intelligenter Gestaltung, einem faszinierenden Timbre und exzellenter Technik. Bravo! 

Dienstag, 29. Juli 2014

Jonas Kaufmann - Opera Arias (Decca)

„It's me“, überschrieb Decca diese Zusammenstellung mit Arien, ge- sungen von Jonas Kaufmann. Der Tenor, der auf faktisch allen großen Opernbühnen dieser Welt zu Hause ist, hatte kürzlich seinen 45. Ge- burtstag – ein guter Anlass, wie das Label fand, für eine Jubiläumsedi- tion. 
Vom Publikum und von der Kritik gleichermaßen gefeiert, erschließt sich der Sänger seit Jahren immer wieder neue Bereiche des Reper- toires. Davon legen die vier CD in dieser Box Zeugnis ab. Eine Neueinspielung freilich ist nicht dabei. 
Gestartet ist Kaufmann als lyrischer Tenor. Sein erstes Arien-Album aus dem Jahre 2008, Romantic Arias mit dem Prager Philharmo- nischen Orchester unter Marco Armiliato, präsentiert ihn als José, Rodolfo, Max oder Alfredo. Glanzpunkte gibt es viele; hervorzuheben ist vielleicht der große Monolog von Berlioz' Faust. Das zweite Album von 2009, aufgenommen mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Claudio Abbado, zeigt bereits, wie er sich neue Horizonte erschließt. Auf Sehnsucht steht der Tamino neben dem Florestan, und der Lohengrin neben einem wahrhaft heroischen Siegfried. Die dritte CD aus dem Jahre 2010, mit dem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia Roma unter Antonio Pappano, ist ausschließlich dem italienischen Repertoire gewidmet. Die vierte aus dem Vorjahr gilt Werken von Richard Wagner; mitgewirkt hat hier das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles. Sie wurde in diesem Blog übrigens bereits besprochen. 
Folgt man den Aufnahmen, so wird man feststellen, dass sich Kauf- mann zunehmend dem Fach des Heldentenors annähert. Natürlich sind solche Abgrenzungen ohnehin nur Hilfsbegriffe, um die Entwick- lung einer Stimme zu beschreiben. Bei Kaufmann ist festzustellen, dass er über eine exzellente Technik verfügt – und seine Partien überaus intelligent auswählt und gestaltet. Wer den charismatischen Sänger als „the sexiest tenor alive“ oder „the hottest tenor on stage“ bezeichnet, der beweist damit nur, dass er besser sehen als hören kann. Denn Kaufmanns Stimme hat erstaunlich viele Facetten. Sie vereint tenoralen Glanz mit baritonaler Kraft und Wärme. 
Der Sänger lässt sich allerdings nicht dazu verleiten, lediglich virtuos aufzutrumpfen. Bei Kaufmann sitzt jede einzelne Phrase perfekt; der Sänger achtet stets auf den Text, die jeweilige Figur, und darauf, was das Orchester spielt. Souverän formt er dann den Ton – und macht jede Partie zu einem Ereignis. 

Sonntag, 17. März 2013

Kaufmann Wagner (Decca)

Schon in jungen Jahren war Jonas Kaufmann mit der Musik Richard Wagners vertraut. "Mein Groß- vater sitzt am Klavier und spielt Wagner", schildert der Sänger im Beiheft zu dieser CD Kindheits- erinnerungen. "Er war ein echter Wagnerianer, hatte von allen Wagner-Opern Klavierauszüge, und wenn er daraus spielte, sang er alle Partien mit, vom Hagen bis zur Brünnhilde. Da wir im gleichen Haus wohnten, gehörte Wagner quasi zu meinem Alltag; ich bin mit dieser Musik groß geworden, ich fand es faszinierend, in den Klavierauszügen meines Großvaters zu blättern. Das waren liebevoll gestaltete Ausgaben, schön illustriert mit alten Bühnenbildern und mit Übersicht der Leitmotive. Auf diese Weise lernte ich die Magie von Wagners Musik quasi spielerisch kennen." 
Heute gilt Kaufmann als der Wagner-Tenor schlechthin. Doch der Sänger hatte bereits in seinem ersten Engagement in Saarbrücken bemerkt, dass der Beruf durchaus Gefahren mit sich bringt - insbe- sondere das Risiko, die Stimme zu überfordern und zu schädigen. So wird man also beim Anhören dieser CD erstaunt feststellen, dass es etliche Wagner-Partien gibt, die Kaufmann auf der Bühne noch nicht gesungen hat. Das gilt beispielsweise für den Tannhäuser. "Als eher vorsichtiger Sänger habe ich bislang alle Angebote, die Partie auf der Bühne zu singen, ausgeschlagen", berichtet Kaufmann. "Deshalb war ich mir anfangs nicht sicher, ob ich die Romerzählung über- haupt aufnehmen sollte. Doch je länger ich mich mit dem Stück beschäftigte, desto mehr fand ich, dass ich stimmlich viel näher dran bin, als ich dachte." 
Wie Kaufmann hier die Emotionen des nach Eisenach zurückgekehr- ten Pilgers gestaltet, von tiefer Verzweiflung über die Auflehnung hin zur Ekstase beim Ertönen der Venus-Musik, das ist großes Kino. Die Einwürfe des Wolfram steuert präzise Markus Brück bei. Von einer Reise singt aber auch Lohengrin in der sogenannten Gralserzählung. Kaufmann hat sich hier für die vollständige, zweistrophige Fassung entschieden. "Zwar kann ich nachvollziehen, warum Wagner in letzter Minute die zweite Strophe gestrichen hat", meint der Sänger: "Offenbar fürchtete er, dass die Konzentration im Publikum nach- lassen könnte. Dennoch finde ich es schade, sie wegzulassen. Erstens erklärt sie einen wichtigen Teil der Handlung, und zweitens ist es sehr schöne Musik." 
Erzählt wird auch in dem Ausschnitt aus den Meistersingern, den Kaufmann ausgewählt hat: Walther von Stolzing berichtet im ersten Akt den in der Singschul versammelten Meistern davon, wie ein altes Buch seinen Sinn für die Poesie erweckt hat. Die Kommentare der braven Nürnberger sind in dieser Version nicht mit enthalten; wer den Gesang des Ritters ohne die Einwürfe anhören möchte, der kann dies hier also und wird sich an der Eleganz erfreuen, mit der Kauf- mann diese Figur ausstattet. 
Auf der Opernbühne hat er diese Partie gleichfalls noch nicht ge- sungen: "Wenn ich mal Zeit hatte, gab es keine passende Produktion und umgekehrt", bedauert der Sänger. Aber falls sich dies einmal doch ergeben sollte, dann wird das Publikum Kaufmann ganz sicher einmal mehr feiern - zumal er nicht nur über ein sehr ansprechendes Timbre, enorme Musikalität sowie eine bewundernswerte Kondition verfügt, sondern obendrein sehr gut aussieht, und seine Rollen nicht nur hervorragend singt, sondern auch überzeugend spielt. Damit dürfte er in seinem Fach derzeit weltweit konkurrenzlos dastehen - zumal ziemlich viele Opernfreunde heutzutage besser sehen als hören. Das kann man allerdings nicht dem Sänger ankreiden. 
Kaufmann zeigt mit seinem Wagner-Album auch die Entwicklung des Komponisten auf. Auf die Feen hat er dabei verzichtet; ein Stück aus Rienzi hingegen hat er mit eingesungen. "Rienzis Gebet ist wie eine klassische italienische Arie aufgebaut, und man muss sich als Sänger ein Konzept überlegen, um diese Musik lebendig zu machen", erläu- tert er. "Die Musik des Siegfried ist ein völlig anderer Stil, durchweg rezitativisch. Statt Arioso und Legato nun hauptsächlich Parlando. Und es sollte so selbstverständlich klingen wie gesprochene Sprache. (...) Dieses Parlando muss immer aus der Musik entwickelt werden, es hat quasi einen einzigen riesigen Legatobogen über dem Text. Das erschließt sich nicht auf den ersten Blick, da muss man sich erst reinarbeiten." 
Und zum Siegfried (Dass der mein Vater nicht ist) gesellt er den Siegmund aus der Walküre. Hier entschied sich Kaufmann für den Schwert-Monolog, der nicht zuletzt mit seinen Wälse-Rufen ein Prüfstein ist für jeden Wagner-Sänger. "Dass nach langen Strecken in der Baritonlage immer wieder hochliegende Phrasen kommen, macht die besondere Schwierigkeit der Partie aus", meint der Tenor, der damit aber hervorragend zurecht kommt. Das tiefe Register liegt Kaufmann, dessen Stimme ohnehin eher baritonal gefärbt ist als heldisch-metallisch. 
Mit dem Orchester sowie dem Chor der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles stand Kaufmann bei den Aufnahmen ein in Sachen Dramatik versiertes Ensemble zur Seite. "Wir waren von der ersten Note an in 'Bühnenstimmung', und das hat unglaublich geholfen", sagt der Sänger. Und so wagte Kaufmann eine weitere Ergänzung seines Wagner-Programms - durch die Wesendonck-Lieder, ge- schrieben eigentlich für eine Frauenstimme. Nach all den großen Helden, die mit der Welt so ihre Schwierigkeiten haben, ist dies ver- blüffenderweise nicht wirklich ein Kontrast. 

Donnerstag, 10. Januar 2013

Bizet: Carmen (EMI Classics)

Was für ein Gesindel, und das auf der Bühne der Pariser Opéra-Comique! Soldaten, Gassenjungen, Schmuggler, Zigeuner und Huren sind die Helden der Oper Carmen von Georges Bizet, ein brutaler Mord ist ihr Finale, und als sie 1875 uraufgeführt wurde, da bebte nicht nur die Kritik vor Empörung. 
Drei Monate später war der Kom- ponist tot. Mehr als 4.000 Men- schen kamen zu seiner Beisetzung - und auf einmal rühmte man den Komponisten, dessen Werk zuvor durchgefallen war, als eines der größten französischen Talente. Und seine Oper Carmen erklang bald darauf in Wien, an der Hofoper. Sie wird noch immer viel gespielt - im vergangenen Jahr beispielsweise erklang sie zu den Osterfestspielen in Salzburg, mit einem illustren Solistenensemble, Chor und Kinderchor der Deutschen Staatsoper Berlin sowie den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle. 
In der Berliner Philharmonie wurde in Anschluss daran im April 2012 diese Studio-Aufnahme aufgezeichnet. Sie ist durchaus hörenswert. Insbesondere Magdalena Kozená als Carmen und Jonas Kaufmann als Don José sind brillant; so intensiv und ausdrucksstark sind diese Partien selten zu hören. Der Sopran von Genia Kühmeier erscheint mir für eine Micaela allerdings zu mächtig, ein junges Mädchen vom Lande stellt man sich weniger dramatisch vor. Auch die kleineren Rollen, wie Escamillo, Zuniga, Moralès und die sonstigen sind solide besetzt. 
Die Chöre sind ein Ereignis. Auch die Berliner Philharmoniker erweisen sich als ein interessantes Opernorchester - obwohl dieser Elite-Klangkörper, der es sich geleistet hat, den Salzburger Oster- festspielen die Zusammenarbeit für die Zukunft aufzukündigen, normalerweise keine Dienste im Graben schiebt. Das freilich ist bei der Staatskapelle Dresden anders. Man darf gespannt darauf sein, was die Nachfolger der Berliner in diesem Jahr in Salzburg leisten - ein Thielemann dürfte in jedem Falle eigene Akzente setzen. 

Dienstag, 16. Februar 2010

Schubert: Die schöne Müllerin; Jonas Kaufmann (Decca)

Diese Aufnahme lässt sofort auf- horchen: Derart beredt hat man einen Steinway selten gehört. Helmut Deutsch zelebriert "seinen" Schubert, und man bemerkt schon nach wenigen Takten, wieviel Wissen und wieviel Erfahrung, Virtuosität und Überlegung hinter dieser Interpretation stecken. Chapeau!
Schubert hat seine "Schöne Müllerin" für Tenor geschrieben. Das ist die Stimmlage von Jonas Kaufmann, und er ist mit seinen
40 Jahren auf der Opernbühne offenbar bereits fest verwurzelt. In dieser Live-Aufzeichnung vom Juli 2009 jedenfalls ist kein Zögern und Zagen zu spüren. Es ist erstaunlich, wie gut diese Stimme zu dem Liedzyklus passt. Kaufmann gestaltet die Strophenlieder wie Mini-Opern; er scheut keinen Überschwang und kein Pathos. Ironie hingegen ist ihm offensichtlich fremd. Eine respektable Lesart, die man aber nicht teilen muss.