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Sonntag, 19. September 2021

Bach: Dritter Theil der Clavier Übung (MDG)

 

Die große Orgel in der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen gehörte einst zu den beeindruckenden Erbstücken des hanseatischen Orgelbarock. Ein Instrument gab es dort wohl bereits um 1400; über Jahrhunderte haben Organisten wie David und Heinrich Scheidemann oder Jan Adam Reincken immer wieder Umbauten und Erweiterungen veranlasst. Bereits Hans Scherer d.J., der 1605/06 ein neues Gehäuse mit Hamburger Prospekt anfertigte, hat Pfeifenbestände seiner Vorgänger übernommen und erweitert. Ab 1631 ergänzte Gottfried Fritzsche ein Brustwerk und jeweils ein Register im Pedal und im Hauptwerk; dessen Schüler Friedrich Stellwagen zeichnete in den Jahren 1644 bis 1647 für einen Umbau verantwortlich, und unter Reincken fügte Friedrich Besser ab 1671 unter anderem die Pedalregister Groß-Posaune und Principal 32‘ hinzu. 

An diesem Instrument hat Johann Sebastian Bach 1720 musiziert, als er sich um die Organistenstelle an St. Jacobi bewarb. Er zeigte sich begeistert von der „Schönheit und Verschiedenheit des Klanges“ der 16 (!) Zungenregister „dieses in allen Stücken vortrefflichen Werkes“, und er spielte mehr als zwei Stunden. Auch die Zuhörer waren sehr beeindruckt: „Ich dachte, diese Kunst wäre ausgestorben, ich sehe aber, dass sie in Ihnen noch lebet“, soll der betagte und von Bach verehrte Reincken nach dem Probespiel gesagt haben. 

Dennoch bewarb sich der Thüringer damals vergebens. Die Stelle erhielt ein Kollege, der bereit war, dafür eine Spende von 4.000 Mark – seinerzeit eine immense Summe – aufzuwenden. Bach wurde später Thomaskantor, und noch später schrieb er die Orgelchoräle, die auf dieser CD zu hören sind. Doch noch einmal zurück zur Geschichte der Orgel in St. Katharinen. Denn dieses Instrument, mittlerweile eine Großorgel, wurde auch in den darauffolgenden Jahrhunderten immer wieder verändert. 1943 veranlasste schließlich der Organist Friedrich Brinkmann, dass 17 Register demontiert und im Kellergewölbe von St. Michaelis eingelagert wurden. 

Bei einem Luftangriff wenig später, am 30. Juli 1943, wurden Kirche und Orgel zerstört. Nach dem Wiederaufbau errichtete die Firma Kemper in den Jahren 1960 bis 62 eine neue Orgel. Sie wurde aber zunehmend als unbefriedigend empfunden, und schließlich 2007 an eine polnische Gemeinde verkauft – mit Ausnahme jener Pfeifen, die einst Bestandteil der historischen Orgel waren. 

Sie wurden zum Schlüsselmaterial für einen rekonstruktiven Neubau, der auf der Grundlage aller Informationen erfolgte, die man über das Instrument im Jahre 1720 hatte. Die „Orgel für Bach“ wurde in den Jahren 2007 bis 2013 durch die Orgelbaufirma Flentrop (Zaandam/Niederlande) errichtet. Der Initiator dieses Projektes, Andreas Fischer, Kantor und Organist an St. Katharinen, hat nun Bachs exemplarischen Zyklus von Orgelchorälen an diesem Instrument eingespielt: Der berühmte Dritte Theil der Clavier Übung – 21 Choralvorspiele, quasi eingerahmt zwischen einem großen Präludium und einer ebenso gewichtigen Tripelfuge. In dieser Kollektion zeigt Bach an repräsentativen Beispielen die vielfältigen Möglichkeiten der Choralbearbeitung. 

Fischers Interpretation ist exzellent, und die Aufnahme macht zudem deutlich, dass die Flentrop-Orgel mit ihren vielfältigen Klangfarben und der norddeutschen Wucht ihrer Pedalregister bestens zu Bachs Musik passt. Zu loben ist außerdem, dass die Aufnahme einen ausgezeichneten akustischen Eindruck vom Kirchenraum vermittelt. Eine grandiose Einspielung, vom ersten bis zum letzten Ton rundum gelungen. Unbedingte Empfehlung! 


Mittwoch, 11. August 2021

Listen to our cry (Ars Produktion)


 Diese CD ist besonders, das zeigt schon ein Foto von der Aufnahmesituation im Innenteil: Musiker, die mit Mund-Nase-Maske am Pult sitzen. Werke von fünf Komponisten, die ihre Heimat verlassen haben, um künstlerisch tätig zu sein. Musik, die Einflüsse aus unterschiedlichsten Kulturen verknüpft – und damit oftmals auch Konflikträume aufzeigt. Ein Trompeter aus Deutschland, der ein Schofar bläst, das ihm der israelische Pianist und Komponist Benjamin Jussupow geschenkt hat. 

Angesichts der aktuellen woken Trends am Weltanschauungsmarkt zuckt man kurz zusammen und fragt sich: Ja, darf der denn das? Oder ist das etwa schon kulturelle Aneignung?? Unsere Vorväter aber, die Feldherrn und Königen gern die Sopranlage zuwiesen, dürften kaum die Auffassung teilen, dass Hautfarbe, Geschlecht und Herkunft für die Vergabe von Rollen ein entscheidendes Kriterium darstellen. Über die Saturiertheit, Verklemmtheit und Verblendung der modernen Gesellschaft würden sie vermutlich ein homerisches Gelächter anstimmen. 

Freiheit ist auch das zentrale Motiv der Musiker, die zu dem vorliegenden Album beigetragen haben. Schon die Liste der Instrumente, die Reinhold Friedrich für diese Einspielung genutzt hat, führt einmal rings um die Welt. Benjamin Jussupow vereint in seinem Stück Listen to our cry Motive aus der jüdischen, der christlichen und der muslimischen Tradition. Ivan Fischer kombiniert in seiner Kantate Die Stimmen der Geister jiddische und deutsche Texte und Klänge. 

Giya Kancheli stellt in Night Prayers die Erinnerung an seine im Bürgerkrieg zerstörte Heimat Georgien neben ein Echo der westlichen Welt, abgespielt vom Tonband. Alan Hovhaness, geboren in den USA, nimmt in Haroutioun Bezug auf armenische Traditionen. Luca Lombardi, geboren und aufgewachsen in Italien, hat 2008 die israelische Staatsangehörigkeit angenommen. Er lebt heute in beiden Ländern, und sein Stück predah (Hebräisch für Abschied/Trennung) entstand 2014 im Andenken an den verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado. 

Die Trompete vereint all diese verschiedenen Stimmen; Reinhold Friedrich führt in seinem Spiel die unterschiedlichen musikalischen Welten zusammen. Er musiziert gemeinsam mit dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt unter Leitung von Ruben Gazarian. Den Klavierpart in Jussupows Konzert spielt Eriko Takezawa, und die Kantate singt Dorothee Mields. 


Donnerstag, 31. Dezember 2020

Beethoven: Complete Symphonies (Naxos)


 Kurz vor dem Jahresende möchte ich unbedingt noch auf eine faszinierende Aufnahme sämtlicher Sinfonien von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) hinweisen, mit dem das Label Naxos den Jubilar aufs Würdigste geehrt hat. Eingespielt wurde sie von Ádám Fischer mit dem Dänischen Kammerorchester. 

Der Dirigent baut damit auf zwei anderen Großprojekten auf: In den Jahren 1987 bis 2001 erarbeitete er mit der Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie alle 104 Sinfonien von Joseph Haydn, und ab 2006 wandte er sich dann mit dem Dänischen Kammerorchester den Sinfonien Wolfgang Amadeus Mozarts zu. 

Das Dänische Kammerorchester freilich hieß damals noch Nationales Kammerorchester Dänemarks, und war ein Ensemble des dänischen Rundfunks. Allerdings setzte sich 2014 die Kulturministerin des Landes über eine Empfehlung des Parlaments hinweg und ordnete die Auflösung des damals bereits seit 75 Jahre bestehenden Orchesters an. Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne konnte dies jedoch verhindert werden: Seit 2015 ist der Klangkörper unabhängig, und trägt den Namen Dänisches Kammerorchester. 

Aus der Perspektive dieser beiden Aufnahmeprojekte heraus hat Ádám Fischer einen ganz besonderen Zugang zu Beethovens Sinfonien gefunden: Er ordnet diese Kompositionen in den musikhistorischen Kontext ein, und interpretiert sie aus diesem heraus. Erkennbar wird dabei, dass Beethoven mit den Konventionen seiner Zeit bestens vertraut war – und sich mit Wucht darüber hinwegsetzte, wo immer er sich dadurch eingeengt fühlte. 

Fischer arbeitet mit den Musikern des Dänischen Kammerorchesters Strukturen und Details gleichermaßen plastisch heraus. Es ist phänomenal, aber diese Musiker lassen uns mit ihrem virtuosen Spiel und ihrer präzisen Artikulation Beethovens Sinfonien vollkommen neu entdecken. Es ist, als hörte man diese Werke zu ersten Mal. 

So erweist sich beispielsweise Beethovens Achte, im Konzert eher selten zu hören, urplötzlich als Sinfonie von Format, hochinteressant. Und die Pastorale, derart lebendig vorgetragen, zeigt auf einmal, dass sie keineswegs nur ein Landidyll abbildet. Fischer macht auch die Naturgewalten hörbar – die Sturm-Szene beispielsweise lässt er bedrohlich brausen und toben; seine Interpretation fegt außerdem so manches Vorurteil hinweg. Der Heros wird wieder zum Komponisten; statt einer Gipsbüste, die nur noch zur Deko taugt, zeigt uns Fischer hier einen Menschen mit vielerlei Leidenschaften. 

Seine Beethoven-Einspielungen bieten statt Klangbrei und Pathos jede Menge Akzente und feinste Nuancen. Man hört Stimmverläufe, die bislang noch nie aufgefallen sind. Und auch die gewählten Tempi tragen zur Sogwirkung dieser Aufnahmen zweifelsohne mit bei. 

Fischer hat sich mit den umstrittenen Vorgaben des Komponisten intensiv auseinandergesetzt. „Zu meiner Studentenzeit glaubte man noch allgemein, dass Beethovens Metronom fehlerhaft sei, mit der Begründung, dass die Tempi zu schnell und unspielbar seien“, meint der Dirigent. „Ich glaube, dass weder ein unvorsichtiger Ansatz, der Beethovens Metronomangaben ignoriert, noch ein unerbittliches Festhalten an ihnen der Musik gerecht werden kann.“ 

Die Musiker des Dänischen Kammerorchesters haben keine Schwierigkeiten damit, Fischers Tempovorgaben zu folgen. Der Dirigent kann somit eine brillante, mitreißende Interpretation verwirklichen, die gerade durch die kammermusikalische Präzision eine beeindruckende Dynamik entfaltet. Chapeau! 

Dienstag, 30. April 2019

Bach: St Mark Passion (MDG)

1731, am Karfreitag, wurde in Leipzig die Markus-Passion von Johann Sebastian Bach erstmals aufgeführt. Dies wissen wir, weil uns ein Abdruck des Textes überliefert ist. Er stammt, wie auch das Libretto der Matthäus-Passion, von Christian Friedrich Henrici, bekannter unter seinem Pseudonym Picander. Aus dem Jahre 1744 ist ein weiterer Textdruck vorhanden; ein Vergleich ergibt, dass Bach sein Werk für diese Aufführung überarbeitet und um zwei Arien ergänzt hat. 
Die Texte sind vor allem deshalb für uns heute so interessant, weil von Bachs Markus-Passion keine einzige Note auf uns gekommen ist. Weder die Partitur noch irgendeine Stimme war aufzuspüren. Bekannt ist allerdings, dass Bach etliche seiner Kompositionen mehrfach verwendete; das sogenannte Parodieverfahren wurde seinerzeit viel genutzt. Dabei erhielt eine Arie oder ein Chor einfach einen neuen Text – fertig! 
Die Bach-Forschung hat daher akribisch geprüft, welche Werke des Komponisten zu Picanders Texten passen könnten. Und sie hat festgestellt, dass der Eingangs- und der Schlusschor sowie drei Arien wahrscheinlich in der Trauerode Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198 zu finden sind. Mit aufmerksamem Blick konnten so vier der acht Arien sowie die meisten Choräle identifiziert werden. 
Es hat zudem etliche Versuche gegeben, die fehlenden Teile zu ergänzen – modern, historisierend oder unter Rückgriff auf originale Musik von Bach und seinen Zeitgenossen. Kirchenmusikdirektor Andreas Fischer, Kantor und Organist an der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg, legt auf dieser Doppel-CD nun seine Version vor. Dieser Fassung liegen durchweg und ausschließlich Kompositionen Bachs zugrunde, auch bei den Rezitativen. 
Sie haben in diesem Passionsoratorium besonderes Gewicht, weil der Gang der Handlung nur selten durch Arien unterbrochen wird. Ähnlich bedeutend sind aber die Choralstrophen; sie beziehen die Gemeinde in das Heilsgeschehen quasi mit ein. Und es sind ziemlich viele – eine dankbare Aufgabe für die Hamburger Cantorey St. Catharinen. 
Für sein Experiment konnte Andreas Fischer zudem das renommierte Ensemble Bell' arte Salzburg gewinnen, das von der Geigerin Annegret Siedel geleitet wird. Der Zuhörer darf sich darüber freuen; man lausche nur den Gambenpartien, die von den Musikern wirklich großartig gespielt werden. Und auch das Solistenquintett ist mit Katherina Müller, Jan Börner, Matthias Bleidorn, Manfred Bittner und Richard Logiewa überzeugend besetzt. 

Donnerstag, 6. September 2018

Vater unser - German Sacred Cantatas (Ricercar)

Eine Kollektion protestantischer Sakralmusik aus dem 17. Jahr- hundert hat das Ensemble Clematis auf dieser CD zusammengestellt. Die Werke entstammen überwiegend der Sammlung Düben; einige davon erklingen in Weltersteinspielung. Den Gesangspart hat der Counter- tenor Paulin Bündgen übernommen. 
Immer wieder staunt man, welch hohes Niveau doch die Kirchenmusik damals hatte. David Pohle (1624 bis 1695) und Johann Theile (1646 bis 1724) beispielsweise waren Schüler von Heinrich Schütz; ihre Werke sind nicht weniger beeindruckend als die bekannten geistlichen Konzerte von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) oder Johann Michael Bach (1648 bis 1694). Doch auch längst vergessene Komponisten wie Johann Wolf- gang Franck, der in Ansbach am Hofe und in Hamburg am Gänsemarkt-Opernhaus tätig war, der Mühlhäuser Johann Rudolph Ahle oder Heinrich Schwemmer,der als Kantor in Nürnberg an St. Sebald wirkte, überraschen mit handwerklich gelungenen, ausdrucksstarken Kompositionen. 

Montag, 12. Juni 2017

Luther Collage (Carus)

Luther-Choräle stehen im Mittelpunkt der neuen CD des Leipziger Calmus Ensembles. „Die Luther Collage ist die zweite CD, die wir zum 500jährigen Reformationsjubiläum vorlegen“, schreibt Bariton Ludwig Böhme. Das Album sei „eine in ihrer Besetzung sehr reduzierte, beinahe minimalistische Auseinandersetzung mit den Liedern Martin Luthers.“ 
Dem Kirchenjahr folgend, erklingen sieben Choräle, von Ein feste Burg ist unser Gott bis zu Verleih uns Frieden gnädiglich. Die Sänger haben diesen bekannten Melodien die unterschied- lichsten Versionen aus gut 600 Jahren Musikgeschichte zur Seite gestellt. Zu hören sind beispielsweise die (gregorianischen) Originale, Choralvor- spiele von Max Reger (1873 bis 1916) und von Carl Piutti (1846 bis 1902), und Chorsätze von Heinrich Schütz, Sethus Calvisius, Johann Hermann Schein, Michael Praetorius, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, oder auch zeitgenössischen Komponisten wie Gunnar Eriksson (*1936) oder Arvo Pärt (*1935). So entsteht rings um jedem Choral ein musikalischer Mikrokosmos, auf den Spuren Martin Luthers. 
Aufgenommen wurde diese Produktion in der Leipziger Thomaskirche. An diesem ganz besonderen Ort dürfen natürlich auch Werke Johann Sebastian Bachs nicht fehlen. Das Vokalquintett erweist sich dabei durch- aus als experimentierfreudig: „Wir übertragen den Luftstrom, der die vielen Register einer Orgel zum klangprächtigen Schwingen bringt auf unsere Stimmen und vokalisieren Orgelmusik“, so Böhme. „Wir reflektieren ebenso den katholischen Ursprung der Choräle, die Martin Luther aus dem Lateinischen in für jedermann verständliches Deutsch übertragen hat, indem wir gregorianische Gesänge einflechten, die lange vor Luthers Zeit entstanden.“ 
Und all das singt das Calmus Ensemble wirklich großartig. Auch technisch ist die Aufnahme ausgezeichnet; die besondere Atmosphäre jener Spät- sommernächte, in denen das Quintett in dem berühmten Kirchenraum gesungen hat, wird so tatsächlich hörbar. 

Sonntag, 26. März 2017

Ferdinand Fischer - From Heaven on Earth (Challenge)

„Als ich vor einigen Jahren das Benediktinerstift Kremsmünster in Oberösterreich besuchte, um die dort verwahrten Lauten zu sehen, konnte ich noch nicht ahnen, dass dieser Besuch mein Leben als Laute spielender Musiker von Grund auf verändern würde“, berichtet Hubert Hoffmann im Geleitwort zu dieser CD. Der Lautenist schaute sich nicht nur die Instrumente an, er sichtete auch das Notenarchiv  – und dabei fand er in einigen Tabulaturbüchern Variationssätze, die ihn faszinierten: „Diese waren liebevoll kalligrafisch in winzigen Buchstaben niedergeschrieben und setzten für ihre Realisie- rung beträchtliches spieltechnisches Vermögen voraus.“ 
Hoffmann stellte fest, dass diese Werke Pater Ferdinando Fischer (1652 bis 1725) niedergeschrieben hat, der einst im Kloster lebte – seine Laute übri- gens ist erhalten geblieben, im Beiheft sieht man sie im Bild. Die Stücke, die Fischer notiert hat, seien  in keinem der vielen anderen Lautenmanu- skripte jener Zeit zu finden. „Es handelte sich also um Unikate“, so Hoffmann – und je mehr sich der Lautenist mit dieser Musik beschäftigte, desto stärker wurde in ihm der Wunsch, sie dem Publikum vorzustellen. „Da ich zudem über ein sehr außergewöhnliches elfchöriges Instrument aus der Werkstatt Andreas von Holst verfüge, welches für die Wiedergabe dieser Musik wie geschaffen schien, war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Plan diese wirklich ,neuen Lautenfrüchte' auf einer CD zu präsentieren“, schreibt Hoffmann. 
In den Galaxy Studios zu Mol/Belgien – einem der stillsten Aufnahme- räume ganz Europas, wie der Lautenist berichtet – ist dann diese Einspielung entstanden. Die drei Partiten zeigen uns Pater Fischer als einen Musiker von hoher technischer Brillanz, ausgezeichneter Repertoirekenntnis und ganz erstaunlicher Originalität. Fischer kennt offenbar die französischen Vorbilder und schätzt sie, aber er kopiert sie nicht. Man kann vermuten, dass es ihm weniger darum ging, mit seinem Lautenspiel zu beeindrucken, dass ihm vielmehr an einer musikalischen Meditation gelegen war. Denn Fischer liebte die Variation, insbesondere die Passacaglia, und er legte wenig Wert auf üppige Verzierungen. 
Hoffmann entführt uns in diese musikalische Welt, manchmal versonnen, mitunter auch galant – aber immer sehr eigen. Der Zuhörer darf sich auf eine Entdeckung freuen, sehr schön eingespielt und vor allem auch exzellent aufgenommen. Das klingt, als säße der Lautenist direkt vor einem im Zimmer, unglaublich! 

Donnerstag, 3. November 2016

Dvorák: Slavonic Dances - Legends - Notturno - Miniatures - Prague Waltzes (Eloquence)

Orchesterwerke von Antonin Dvořák hat Ivan Fischer im Jahre 1999 mit dem Budapest Festival eingespielt. Auf einer Doppel-CD, nun bei Elo- quence wiederveröffentlicht, finden sich die Slawischen Tänze op. 46 und 72, die Legenden op 59, das Notturno in B-Dur op. 40, die Miniaturen op. 75A sowie die Prager Walzer. Die Aufnahme begeistert durch die Spiel- kultur der Musiker, die zwar an Temperament nicht sparen, aber zugleich auch immer sensibel und elegant agieren. Obendrein gefällt mir der transparente Klang; immer- hin war dies eine der ersten Mehrkanalaufnahmen im SACD-Format. In jeder Hinsicht lohnenswert! 

Dienstag, 28. Juni 2016

Mozart with Friends (Sony)

Ausnahmebratschist Nils Mönke- meyer hat einige seiner Musiker- freunde eingeladen, mit ihm in wechselnder Besetzung ausgewählte Mozart-Werke einzuspielen. Es ist bekannt, dass Mozart gar nicht wenige seiner Musikstücke kompo- niert hat, um sie gemeinsam mit Freunden und Musikerkollegen in geselliger Runde aufzuführen. Das Klarinettentrio KV 498 beispiels- weise wird auch Kegelstatt-Trio genannt, weil es, wie eine Anekdote berichtet, 1783 auf der Kegelbahn entstanden sein soll. „Mozart hat diese Stücke geschrieben, um sie selber zu spielen – es waren also keine Auftragswerke“, erläutert Mönkemeyer. „Man merkt diesen musikanti- schen Aspekt beim Spielen der Stücke sehr: Wir treffen Mozart hier nicht nur als Komponisten, sondern auch als spontanen Musiker und Freigeist. Und in der Bratsche findet er dabei eine tolle Vielschichtigkeit.“ 
Im Beiheft zu dieser CD berichtet der Musiker, dass er kürzlich in Salzburg Mozarts Bratsche spielen durfte – „das war sehr berührend. Vor allen Dingen deshalb, weil diese Bratsche sehr dunkel und melancholisch klang.“ Dieses Instrument habe Mozart einst selbst ausgewählt. „Im Hinblick auf die Bratsche hat Mozart also vielleicht gar nicht das Strahlende gesucht, sondern eher das Verschattete“, meint Mönkemeyer. 
Gemeinsam mit den Klassikstars Sabine Meyer, Klarinette, Julia Fischer, Violine, und dem Pianisten William Youn hat Mönkemeyer ein Programm zusammengestellt, das beide Aspekte berücksichtigt – Spielfreude und Melancholie. Die ausgewählten Werke spannen zudem einen Bogen vom kindlichen bis zum reifen Mozart. So erklingen extra für diese Aufnahme von William Youn arrangierte Auszüge aus dem Londoner Skizzenbuch
KV 15 – Musik, die Mozart im Alter von neun Jahren geschrieben hat – oder das Duo in G-Dur KV 423 für Violine und Viola. Mönkemeyer spürt gemeinsam mit seinen Kollegen Klangfarben und Nuancen nach; doch auch die Musizierlust kommt nicht zu kurz. Ein phantastisches Album! 

Freitag, 11. März 2016

Classical Gems for oboe, clarinet, bassoon and harpsichord (Urania)

Kleine Schätze für Holzbläser hat das Ensemble Italian Classical Consort auf dieser CD gehoben – zauberhafte Musik, virtuos vorgetragen. Es erklingen die Sonate für Oboe und Cembalo KV 13 sowie drei Diverti- menti von Wolfgang Amadeus Mozart – KV 439 Nr. 2 in einer Bearbeitung für Oboe, Klarinette und Fagott, sowie KV 240 und 252, ursprünglich Bläsersextette, in Arrangements für Oboe, Fagott und Cembalo von Carl Ernst Naumann (1832 bis 1910). Naumann hat sehr viele solcher Bearbeitungen geschaffen. Er war mit Schumann und Brahms befreundet und wirkte als Organist und Kapellmeister in Jena. 
Komplettiert wird das Programm durch das Trio Nr. 3 für Oboe, Klarinette, Fagott und Cembalo von Joseph Haydn. Eine echte Entdeckung ist zudem das hübsche Duo in G-Dur für Oboe und Fagott von Johann Christian Fischer (1733 bis 1800). Dieser Musiker gehörte zunächst zur Kapelle des polnischen Königs und sächsischen Kurfürsten August III. In späteren Jahren lebte er in London, wo er 1780 zum Kammervirtuosen der Königin ernannt wurde. Er gilt als einer der besten Oboisten jener Zeit. 

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Plácido Domingo - My Christmas (Sony)

Plácido Domingo, Jahrgang 1941, macht noch immer mit Leidenschaft Musik. Der spanische Sänger ist nicht nur auf der Opernbühne überaus erfolgreich: Als einer der Drei Tenöre hat er gemeinsam mit Luciano Pavarotti und José Carreras ganze Stadien gefüllt und Millionen begeistert. Domingo ist an allen bedeutenden Opernhäusern dieser Welt zu Hause, mittlerweile auch als Dirigent. Er ist Operndirektor in Los Angeles, und er fördert mit großem Engagement junge Sänger und Pianisten. 
Jetzt hat Domingo bei Sony eine CD mit seinen Lieblings-Weihnachts- liedern veröffentlicht. Es ist eine Auswahl, die einige bekannte Melodien enthält, aber auch eine Menge Überraschungen – und das gilt ebenso für seine Musizierpartner. So singt Plácido Domingo Guardian Angels von Harpo Marx gemeinsam mit Idina Menzel, Silent Night mit den Piano Guys, God Rest Ye Merry, Gentlemen mit den Voices of Los Angeles Opera's Domingo-Colburn-Stein Young Artist Program. Bei Feliz Navidad lässt er sich gemeinsam mit der Banda El Recodo hören, das Pie Jesu aus Andrew Lloyd Webbers Requiem singt er zusammen mit Jackie Evancho, White Christmas mit Plácido Domingo Jr. – der auch einen Song auf dieser CD komponiert hat – und What Child Is This mit Helene Fischer. Das sind längst noch nicht alle Mitwirkenden; die Liste ist lang und illuster. Und selbst wenn man Crossover-Projekte üblicherweise nicht so schätzt, kann der stimmungsvollen Einspielung den Respekt nicht versagen. Denn Plácido Domingo singt mit hinreißender Freude und mit überwältigender Musizierlust – und bringt das Kunststück fertig, den Zuhörer damit regelrecht anzustecken. Für Weihnachten ist das absolut perfekt. 

Sonntag, 13. April 2014

Julia Fischer - Sarasate (Decca)

Spielt heute ein Geiger im Konzert Musik der sogenannten Virtuosen, so scheint das bei den Anhängern der „großen“ Kunst noch immer ein gewisses Naserümpfen hervor- zurufen. Julia Fischer jedenfalls, mittlerweile eine gestandene Soli- stin, sieht Rechtfertigungsbedarf. Und so schreibt sie im Beiheft ihrer CD einen langen Text, mit dem sie begründet, warum sie sich daran wagt, einige Werke des legendären spanischen Geigers Pablo de Sarasate (1844 bis 1906) vorzu- tragen. Schließlich habe sie selbst gesagt: Der Sinn eines Konzerts ist nicht, dass die Leute sich amüsieren oder unterhalten. Der Sinn eines Konzerts und der klassischen Musik an sich ist, dass man einen Menschen zum Nachdenken in irgendeiner Form anregt. 
Eigentlich ist das doch alles ganz einfach. Denn noch vor hundert Jahren hätte die Unterscheidung in (gute) „E-Musik“ und (pfui!!) „U-Musik“ kein Mensch verstanden. Erinnert sei beispielsweise an den grandiosen Fritz Kreisler, der buchstäblich alles spielte, was dem Publikum gefiel – und notfalls seine Tartinis und Pugnanis selbst schrieb. Julia Fischer spielt natürlich viel präziser und sauberer als Kreisler; aber Sarasate sollte man nicht nur mit brillanter Technik, sondern auch mit Ausdruck, mit ein bisschen Sinn für Theatralik vortragen. Tut mir leid, aber mir ist diese Aufnahme viel zu brav, da fehlt ganz entschieden das Herzblut. 

Dienstag, 14. Januar 2014

Bach: Die authentischen Flötensonaten (Oehms Classics)

Zu Bachs Zeiten löste die Travers- flöte zunehmend die zuvor gebräuchlichen Blockflöten ab. Johann Sebastian Bach verwendete in seinen Werken beide Flöten-Typen; so finden sich im ersten Leipziger Kantatenjahrgang von 1724 bereits anspruchsvolle Partien für Solo(travers)flöte. Bach komponierte zudem einige Flötensonaten. Möglicherweise wurde der Thomaskantors dazu durch den Kontakt mit Pierre-Gabriel Buffardin, Flötist am Dresdner Hof, angeregt. Belegt ist nur für ein einziges Werk, wer es gespielt haben könnte: Die Sonate in E-Dur BWV 1035 widmete Bach Michael Gabriel Fredersdorf, dem Kammerdiener und engstem Ver- trauten Friedrichs des Großen. 
Bachs Werke gehören heute zum Repertoire eines jeden Flötisten. Aufnahmen davon gibt es viele. Doch Oehms Classics gelingt es, eine Aufnahme vorzulegen, die sich von den musikalisch oft ziemlich beliebigen Veröffentlichungen ringsum abhebt – durch pure Qualität. Verena Fischer, Traversflöte, und Léon Berben am Cembalo sind ausgewiesene Experten ihres Faches. Sie haben beide langjährige Erfahrungen im Bereich der „Alten“ Musik; so war Fischer Solo- flötistin und Berben Cembalist in Reinhard Goebels Ensemble Musica Antiqua Köln. 
Die beiden Musiker erweisen sich als eingespielte Duo-Partner, die aufeinander hören und einander zu Wort kommen lassen. Und das dunkle, warmeTimbre der Traversflöte, wie zu Bachs Zeiten nahezu ohne Mechanik, bringt Farben ein, die sich auf einer modernen Böhm-Flöte eben nicht erzielen lassen. So klingen Bachs Flötensonaten in der Tat „authentisch“ - was auch immer das Wort sonst hier besagen soll. 

Dienstag, 17. Dezember 2013

Harfhorn (Auris Subtilis)

Der Böhmischen Harfe und dem Alphorn hat sich Stefan Weyh verschrieben. Der Musiker legt nun bei dem Chemnitzer Label Auris subtilis seine erste CD vor: Harfhorn. Dabei hat ihn eine ganze Schar von Kollegen unterstützt; allen voran zu nennen ist hier Sebastian Fischer als versierter Duopartner auf Alphorn, Büchel und Zink. 
Die etwas archaische Gestaltung der CD-Hülle harmoniert perfekt mit den Klängen der geschichtsträchtigen Instrumente, deren Herkunft in einem kleinen Beiblatt erläutert wird. Das erweist sich als interessant, denn zwar stammen das Alphorn und seine gebogene Sonderform, das Büchel, aus dem Alpenraum. Die Böhmische Harfe aber ist offenbar im 18. Jahrhundert in Preßnitz im Erzgebirge ent- standen, und sie gelangte mit Wandermusikanten in den süddeut- schen Raum – aus der Klangwerkstatt Markt Wald im Allgäu kommt das Exemplar, das Weyh nun spielt. 
Zu hören sind auf dieser CD sowohl Klassiker, jedem Musikfreund bekannt, als auch Kompositionen, die speziell für Stefan Weyh entstanden sind. Mir persönlich gefallen letztere besser, denn hier ist der Musiker ganz in seinem Element – sei es im Wirbel des Tau- wetterwindes, den Weyh in seiner ausdrucksstarken Musik kongenial erfasst, oder in der entzückenden Hirtenmusik für Stefan von Herta Lippold. 

Donnerstag, 23. Juni 2011

Mozart: The Violin Concertos; Fischer (Pentatone)

Die Geige ist das Instrument des jungen Wolfgang Amadeus Mozart. Der Sechzehnjährige wurde 1772 vom Salzburger Erzbischof Collo- redo als Konzertmeister engagiert. Ein Blick auf diese Box macht deutlich, wie viele Werke er in den darauffolgenden Jahren für dieses Instrument schuf.
Doch nach seiner Paris-Reise 1777/78 wird aus diesem Schaf- fensstrom ein Rinnsal. Mozart hat die Geige an den Nagel gehängt. Er erkundete statt dessen lieber das Hammerklavier, das sein neues Medium wird. Der Grund dafür wird uns unbekannt bleiben; Mozarts Vater, der ein berühmter Geigen- lehrer war, mahnte den Sohn jedenfalls vergebens.
Julia Fischer hat gemeinsam mit dem Netherlands Chamber Orchestra unter Yakov Kreizberg sämtliche Violinkonzerte Mozarts nebst Sinfonia concertante, Adagio, Rondo und Concertone ein- gespielt. Die junge Solistin – Jahrgang 1983, seit 2006 lehrt sie als Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/Main – setzt ganz auf einen schlanken, konzentrierten Ton. Sie spielt Mozarts Violinkonzerte beinahe, als wären es Opernarien, und stellt die Virtuosität ganz in den Dienst der Melodie. Man hört ihr gern zu, denn sie absolviert selbst die schwierigsten Passagen mit spielerischer Leichtigkeit, und lässt ihre Guadagnini von 1742 singen. So schön kann Mozart sein.

Sonntag, 8. Mai 2011

Ritual Obsessions (Genuin)

Zwei Klaviere und Schlagwerk - Béla Bartók schrieb für diese Besetzung eine Sonate, die unter Eingeweihten als Gipfelpunkt in seinem Schaffen gehandelt wird. Denn ihre Strukturen sind die pure Mathematik; man fühlt sich da ein wenig an die Zeiten vor Bach erinnert, als die Musik nicht nur als eine rhetorische, sondern vor allem auch als eine mathematische Kunst galt. 
Davon freilich ist beim Anhören dieser CD nichts zu spüren. "Nach- dem wir die Bartók-Sonate und ,Le Sacre du Printemps' zwei Jahre lang immer wieder aufgeführt und neu überdacht hatten, war die Aufnahme letztlich eine völlig freie Begegnung mit fantastischer Musik. Sollte es gelungen sein, auf dieser CD eine Ahnung der ent- spannten und fröhlichen Atmosphäre jener Apriltage in Lübeck wiederzugeben, wäre das für uns die größte Freunde", schreiben Lucia Huang, Sebastian Euler, Johannes Fischer und Domenico Mel- chiorre im Beiheft.
Die Pianisten, die seit 1999 als Duo d'Accord konzertieren, und die beiden Schlagzeuger, die seit 2006 als eardrum percussion duo gemeinsam musizieren, haben Strawinskis Ballett kongenial an diese Besetzung angepasst. Die Frage, ob das erlaubt ist, stellt sich ohnehin nicht - der Komponist selbst hat seinerzeit bereits eine Fassung für Klavier zu vier Händen veröffentlicht. "Basis unserer Interpretation war Strawinskis eigene Reduktion seines Balletts für Klavier zu vier Händen. Diese haben wir dann für die erweiterten Möglichkeiten von zwei Klavieren bearbeitet und dann erst einmal die Pauken- und Schlagzeugstimmen der Orchesterfassung hinzugenommen", berich- ten die Musiker. "In der sich über einen langen Zeitraum erstrecken- den Probenarbeit wurde dann viel mit der Stimmenverteilung expe- rimentiert mit dem Ziel, all das Material, das Strawinski aus techni- schen Gründen in seinen Klaviersatz nicht integrieren konnte, schlüssig in unseren Quartettklang einzubetten. An einigen Stellen erscheint dies sehr vordergründig, oft aber so subtil, dass man nur eine ,neue' Instrumentalfarbe wahrzunehmen meint, deren Elemente im Gesamtklang nicht zu orten sind." 
Das Ergebnis muss man gehört haben - denn diese Version klingt gänzlich anders als die oftmals träge-sinnlich interpretierte Orche- sterfassung. Sie ist erstaunlich transparent, mitunter schroffer und kantiger als das Original,  reduziert und kraftvoll, von einer bedroh- lichen Anmut. Grandios! 

Montag, 13. September 2010

Paganini: 24 Caprices; Julia Fischer (Decca)

Julia Fischer war acht Jahre alt, als sie Paganinis Capricen zum ersten Male hörte. Damals saß sie, als Mit- glied eines Kinderkurses, auf einer Holzbank in einer österreichischen Kirche und lauschte Thomas Ze- hetmair,  die Noten auf dem Schoß, berichtet die junge Violinistin. Jedes zu Ende gespielte Stück habe sie ordentlich abgehakt, erinnert sich die  Musikerin, und nach der Nummer 24 habe sie gedacht: "Wenn ich die auch mal spielen kann, dann habe ich es geschafft, dann bin ich eine echte Geigerin." 
Mittlerweile kann sie das, und viele dieser Piecen hat sie zudem bereits öffentlich gespielt, denn die virtuosen Häppchen sind eine lohnende Zugabe im Konzert; bestens geeignet, um das Publikum nachhaltig zu beeindrucken. Natürlich sind diese Stücke technisch anspruchsvoll - es sind ja eigentlich auch Etüden, Übungsstücke, an denen Musiker bestimmte Bewegungsabläufe trainieren, hunderte Male, bis der gewünschte Effekt "sitzt". Sie sind zudem durchaus faszinierend, weil jedermann mitbekommt, dass sie schwierig sind. Aber sind sie musikalisch auch derart lohnend, dass man sich daran machen muss, alle 24 hintereinander für eine CD einzuspielen?
"Ich kann nur ein Stück aufnehmen, an das ich glaube", meint Julia Fischer. Und ihre Technik ist in der Tat grandios. Die 24 Capricen spielt sie so locker, als ginge es um - pardon! - Kaffeehausmusik. Im Beiheft wird erläutert, sie gebe "dem Komponisten Niccoló Paganini mit dieser Aufnahme zurück, was er in den letzten 200 Jahren verloren hat: seine Bedeutung als Musikrevolutionär, der 1782 in die Wiener Klassik hineingeboren wurde, um halb Europa mit dieser romantisch-irrwitzigen Musik in seinen Bann zu ziehen." Davon freilich höre ich nichts; ich höre Etüden, blitzsauber und teilweise rasant gespielt, aber ohne Herzblut - und vollkommen ohne Humor.