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Sonntag, 27. Dezember 2020

Die Späth-Orgel in St. Oswald Regensburg (Tyxart)


 Am 27. Dezember 1750, „mit Musiken von Trp. Und Pauken“, wurde die Orgel der Regensburger Oswaldkirche eingeweiht. Erbaut wurde dieses Instrument von dem ortsansässigen Frantz Jacob Späth (1714 bis 1786). Berühmtheit erlangte der experimentierfreudige Meister allerdings als Erfinder des Tangentenflügels. 

Die Orgel in der Oswaldkirche hat Frantz Jacob Späth gemeinsam mit Johann Andreas Stein errichtet. Dieser hatte das Handwerk bei Johann Andreas Silbermann in Straßburg erlernt, und nach seiner Tätigkeit bei Späth ließ er sich schließlich in Augsburg als Orgel- und Klavierbauer nieder. In seiner Bewerbung dort führte er an, er habe „in Regensburg in der großen schönen Orgel von St. Oswald das ganze Pfeiffwercke, als das Wesen einer Orgel, von meiner eigenen Handt verfertiget und intonieret.“ 

Glücklicherweise blieb das Instrument über Jahrhunderte unverändert; eine Erweiterung durch Paul Ott aus dem Jahre 1954 wurde in den Jahren 1986 bis 1991 durch die Bonner Orgelbaufirma Klais im Zuge einer umfassenden Restaurierung wieder rückgängig gemacht. So präsentiert sich die Späth-Orgel heute wieder im exzellenten und ursprünglichen Zustand. 

Roman Emilius, Stadt- und Dekanatskantor in Regensburg, stellt auf dieser CD das Instrument vor, das durch einzigartige Klangfarben begeistert. In bester süddeutscher Tradition, wirkt diese Orgel ausgesprochen charaktervoll und ausdrucksstark. Und mit seinem geschickt zusammengestellten Programm bringt Roman Emilius die Vorzüge des Instrumentes hervorragend zur Geltung. Für Kenner und Liebhaber bietet seine Werkauswahl zudem auch einige spezielle Höhepunkte. Humor und Orgel – eine Kombination, die ich nur empfehlen kann. 


Donnerstag, 6. September 2018

Vater unser - German Sacred Cantatas (Ricercar)

Eine Kollektion protestantischer Sakralmusik aus dem 17. Jahr- hundert hat das Ensemble Clematis auf dieser CD zusammengestellt. Die Werke entstammen überwiegend der Sammlung Düben; einige davon erklingen in Weltersteinspielung. Den Gesangspart hat der Counter- tenor Paulin Bündgen übernommen. 
Immer wieder staunt man, welch hohes Niveau doch die Kirchenmusik damals hatte. David Pohle (1624 bis 1695) und Johann Theile (1646 bis 1724) beispielsweise waren Schüler von Heinrich Schütz; ihre Werke sind nicht weniger beeindruckend als die bekannten geistlichen Konzerte von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) oder Johann Michael Bach (1648 bis 1694). Doch auch längst vergessene Komponisten wie Johann Wolf- gang Franck, der in Ansbach am Hofe und in Hamburg am Gänsemarkt-Opernhaus tätig war, der Mühlhäuser Johann Rudolph Ahle oder Heinrich Schwemmer,der als Kantor in Nürnberg an St. Sebald wirkte, überraschen mit handwerklich gelungenen, ausdrucksstarken Kompositionen. 

Donnerstag, 26. Januar 2017

The Romantic Flute (Hänssler Classic)

Die Silberflöte mit zylindrischer Bohrung, entwickelt von Theobald Böhm (1794 bis 1881), ist heute das Standardinstrument, das Flötisten weltweit nutzen. Doch bevor es soweit war, gab es eine lange Übergangszeit, in der Flöten in erstaunlich vielen verschiedenen Bauweisen gespielt worden sind. 
Die alten Traversflöten – die aller- dings bereits Klappen hatten – wurden von führenden Flötisten der damaligen Zeit nur ungern aufge- geben. Sie schätzten die klanglichen Differenzierungsmöglichkeiten, die ihnen diese Instrumente boten. Für jeden Ton existierten zahlreiche unterschiedliche Griff-Versionen, die von den Virtuosen zur Nuancierung eingesetzt wurden. Anton Bernhard Fürstenau (11792 bis 1852), Erster Flötist der Dresdner Hofkapelle, schrieb 1833: „Die Töne der Böhm-Flöte sind schön gleichmäßig, die Arpeggios sind rein und der Ton spricht leicht und mit ungewöhlicher Stärke an. Aber eben diese Ausgeglichenheit zerstört den Charakter der Flöte.“ Er meinte damit die frühe Böhm-Flöte, eine konische Ringklappenflöte. Sie wurde in einzelnen Orchestern bis in die 30er Jahre gespielt, und dürfte somit die Flöte der Romantik sein. 
Auch wenn sie heute wenig bekannt sind – aber in dieser Zeit entstanden Werke für die Flöte in ganz enormer Zahl. Eine Auswahl davon präsen- tieren Dorothea Seel und Christoph Hammer auf diesem Album – stilecht vorgetragen auf einer konischen Ringklappenflöte von Julius Max Bürger, angefertigt um 1890 nach Böhms Modell von 1832, und auf einem Ham- merklavier aus der Werkstatt von Johann Baptist Streicher, entstanden um 1870. 
Er erklingen die Sonate Undine für Flöte und Klavier op. 167 von Carl Reinecke, die Variations sur une valse de Schubert op. 21 von Theobald Böhm, Introduktion, Thema und Variationen von Richard Strauss, die Rhapsodie für Flöte und Pianoforte op. 27 von Josef Rheinberger sowie die bekannte Fantasie pastorale hongroise op. 26 von Albert Franz Doppler. Nicht nur das Repertoire, auch der Klang bietet so manche Überraschung. 

Dienstag, 3. November 2015

Weichlein: Opus 1, 1695 (Alpha)

Die Encaenia Musices von Andreas Franz („Romanus“) Weichlein (1652 bis 1706) stehen auch im Mittelpunkt einer weiteren CD, die bei dem Label Alpha erschienen ist. Das Ensemble Masques, bei drei Stücken unterstützt durch Skip Sempe, stellt ausgewählte Sonaten daraus in Beziehung zur Musik von Zeitgenossen. Dabei wird zum einen deutlich, wie eng verwandt Weichleins Musik jener etwa von Heinrich Franz Ignaz Biber (1644 bis 1704) ist. Zum anderen zeigen die Musiker auf, dass Ostinatotechniken seinerzeit gern genutzt wurden, um Virtuosität zu demonstrieren. Weichlein hatte dazu allen Anlass – widmete er doch seine Sonaten keinem geringeren als Leopold I. und schrieb in seiner Widmung, er hoffe, dass sie auch von der Hofkapelle gespielt wür- den. Der Kaiser beherrschte selbst mehrere Instrumente und komponierte. 
Allerdings wirkt die Musik, wie sie das Ensemble Masquerades auf dieser CD präsentiert, eher meditativ als vordergründig konzertant. Eine Ent- deckung ist das allemal; und vielleicht werden irgendwann einmal auch die nur handschriftlich überlieferten Werke von Romanus Weichlein erschlos- sen – es könnte sich lohnen. 

Montag, 20. April 2015

Stellwagen-Orgel zu St. Marien, Stralsund - Die Norddeutsche Orgelkunst Vol. 4 (MDG)

Die vierte CD der Reihe „Norddeut- sche Orgelkunst“ beschäftigt sich mit Orgelmusik aus Lüneburg. Nach Lübeck, Danzig und Hamburg rückt somit eine Stadt in den Blick, die nicht gerade als musikalisches Zentrum gilt. Was also, einmal abgesehen von der Nähe zu Hamburg, bewog seinerzeit den 14jährigen Johann Sebastian Bach, aus dem thüringischen Ohrdruf in die Fremde zu ziehen? Einen Freitisch hätte der Waisenknabe mit der schönen Sopranstimme ganz sicher auch an einer Lateinschule im heimatlichen Thüringen bekommen können. 
Was also fand der junge Bach in Lüneburg vor? Die Lateinschule am ehemaligen Michaeliskloster, die Jugendliche aus dem Bürgertum auf das Studium vorbereitete, befand sich direkt neben der Ritterakademie, in der der Nachwuchs des Adels lernte. Sie verfügte über eine der größten Chorbibliotheken evangelischer Kantoreien. Direkt am Marktplatz hatten die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg erst vor kurzem ein neues Residenzschloss errichtet. Dort wurde garantiert auch musiziert – ebenso wie in den vier Großkirchen der Stadt. 
Martin Rost, Kantor und Organist an der Marienkirche zu Stralsund, hat für die vorliegende Einspielung Orgelmusik aus Lüneburg herausgesucht. So erklingen die vier überlieferten Orgelwerke von Johann Steffens (1559/60 bis 1616). Er wirkte als Kantor an St. Johannis, und gilt als einer der Ahnväter der norddeutschen Orgelschule. Peter Morhard (um 1635 bis 1685) war Organist an St. Michaelis. Auf der CD sind drei Stücke von ihm zu hören. An St. Lamberti musizierte Christian Flor (1626 bis 1697), mög- licherweise der berühmteste Lüneburger Organist; seine drei erhaltenen Orgelwerke spielt Rost ebenfalls. 
Georg Böhm (1661 bis 1733) verknüpfte in seinen Werken mitteldeutsche und norddeutsche Musiziertraditionen. Der Musiker, der aus Gotha stammt und in Jena studiert hat, war Organist an St. Johannis. Es wird vermutet, dass er zu den Lehrern Bachs gehörte. Sein Schaffen ist, anders als das seiner Kollegen, relativ gut belegt. Einer seiner Amtsnachfolger, Johann Christoph Schmügel (1727 bis 1798), Sohn eines Organisten aus dem mecklenburgischen Pritzier, ein Schüler Telemanns, ist ebenfalls mit Musikbeispielen vertreten. Er folgt in den hier gespielten zwei Werken wohl eher süddeutschen Vorbildern. 
Und natürlich hat Rost auch frühe Werke Bachs für diese Einspielung herausgesucht. Der Organist musiziert an der Stellwagen-Orgel der Marienkirche in Stralsund – ein großartiges Instrument, errichtet von dem Lübecker Orgelmacher Friedrich Stellwagen (1603 bis 1660) als Krönung seines Lebenswerkes und zu Beginn dieses Jahrtausends sorgsam wieder restauriert. So ist es möglich, dass diese Orgel-CD mit dem Signal des Calcantenglöckchens beginnt, gefolgt vom geräuschvollen Aufseufzen der Balganlage. Das ist nicht nur ein Showeffekt. Das Beiheft bestätigt, dass den Orgelwind für die Aufnahmen tatsächlich „statt des Orgelmotors in authentischer Weise die durch Calcanten betätigten 12 Keilbälge“ geliefert haben. Das Glöckchen sendet unmissverständlich das Signal: Hier wird mit Sorgfalt, Leidenschaft und Sachverstand musiziert. Rost spielen zu hören, ist immer wieder ein Erlebnis. 

Freitag, 18. Juli 2014

Theobald Boehm - The Revolution of the Flute (MDG)

Monsieur Boehm (de Munich) a obtenu une grande médaille pour l'application d'un nouveau systè- me de perce aux instruments à vent à trous“, schrieb einst Hector Berlioz, der bei der ersten Weltaus- stellung 1851 in London Mitglied der Jury war. „M. Boehm fait la plupart de ses flûtes en argent. Le son des ces instruments est doux, cristallin, mais moins plein et moins fort que celui des flûtes en bois. Ce noveaux système a pour avantage de donner aux instru- ments à vent à trous une permettre aux exécutants de jouer sans difficulté, dans des tonalités presque impracticables sur les instru- ments anciens. (..) Nous ne doutons pas qu'avant peu le système de Boehm ne triomphe, et il faut féliciter les jurys de l'Exposition univer- selle de'l avoir compris.“ 
Der Franzose sollte recht behalten. Die Veränderungen, die Theobald Boehm (1794 bis 1881) vorgenommen hat, eröffneten der Flöte gänzlich neue Wege. Bei der Konstruktion der zylindrischen Flöte nahm Boehm akustische Untersuchungen vor – und führte somit zum ersten Male überhaupt den Holzblasinstrumentenbau auf physikali- sche Grundlagen zurück. Weil es sich besser messen ließ, nutzte er dafür Metallröhren – und stellte zugleich fest, dass Silber sich ideal als Material für den Flötenbau eignet. Boehm hatte viele Talente. Der Münchner war nicht nur Musiker, er komponierte auch, und die von ihm angefertigten Querflöten zeigen, dass er wohl als Goldschmied ebenfalls nicht unerfahren war. 
Um zu zeigen, in welchen Schritten Boehm einst die Traversflöte überarbeitete, spielt Konrad Hünteler auf dieser CD verschiedene Exemplare, durchweg Originale aus Boehms Werkstatt. Die CD beginnt mit der „klassischen“ konischen Flöte in alter Konstruktion, angefer- tigt von Boehm und Greve um 1840, und stellt dann ein ähnliches Instrument vor, das aber bereits mit Ringklappen ausgestattet ist. Es erklingen zudem die zylindrische Silberflöte, die Boehm 1851 zur Weltausstellung vorgestellt hat, eine Altflöte, entstanden um 1860, sowie eine zylindrische Holzflöte von Boehm & Mendler um 1870. 
Vorgestellt werden die Instrumente anhand von Kompositionen und Arrangements von Theobald Boehm – der auch in diesem Bereich durchaus sehr versiert war. Begleitet wird Hünteler dabei durch Michaela Pühn auf einem Fortepiano von Conrad Graf, einem klang- lich gut passenden Instrument um 1835. „Dass seine Musik und seine Flöten (..) zu jeder Zeit und in jedem Stadium von enormem Klang- sinn, tiefem musikalischen Ausdruck, unbändiger Spielfreude und zirzensischer Lust an der Virtuosität geprägt sind, das will diese Einspielung zum ersten Mal erlebbar machen“, schreibt Hünteler in dem sehr informativen Beiheft. Die Klangbeispiele sind faszinierend – und das nicht nur, weil sie überragend gespielt werden. Es ist ganz erstaunlich, wie sehr sich die Flöten im Klang unterscheiden. Hün- teler macht exemplarisch hörbar, welche enormen Auswirkungen im Musikinstrumentenbau scheinbar kleine Details haben können. 

Dienstag, 10. September 2013

...mit der Seel' und Mundes Stimm' - Geistliche Lieder und Arien des Barock (Rondeau)

Die Familie Bach und ihr Freundes- und Bekanntenkreis steht im Mittelpunkt der Werkauswahl dieser CD. Gotthold Schwarz, langjähriger Wegbegleiter der Thomaner, hat gemeinsam mit Siegfried Pank, Viola da gamba und Violoncello, und Hans Christoph Becker-Foss, Cembalo, Orgelpositiv und Orgel, geistliche Lieder und Arien des Barock eingespielt, die den Menschen überwiegend in Glaubensgewissheit und Lobpreis zeigen. Ausdrucksstarke Werke, ausdrucksstark vorgetragen – wobei dem Sänger seine enorme Routine über technische Schwächen hinweghilft. Beeindruckend!  

Donnerstag, 23. Mai 2013

Himmelsklänge (Querstand)

Eine Orgel mit einem wahrlich be- zaubernden Klang stellt Kirchen- musikdirektor Barry Jordan, Kantor und Organist am Magde- burger Dom, auf dieser CD vor. Sie befindet sich in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu Niederndode- leben, einem Dorf westlich von Magdeburg, und ersetzte einst ein älteres Instrument von Heinrich Compenius, das im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden war.
Erbaut wurde die Orgel in den Jahren 1724 bis 1727 - es wird vermutet durch Matthias Hartmann, einen Schüler des berühmten norddeutschen Orgelbauers Arp Schnitger; sicher ist das aber nicht. Johann Georg Hartmann, möglicherweise sein Sohn, erweiterte die Orgel dann 1750/51 um ein zweites Manual. In einem Stimmvertrag aus dem Jahre 1753 ist die Disposition des Instrumentes detailliert beschrieben.
Auf dieser Grundlage wurde die Orgel in den Jahren 2000 bis 2002 durch Jörg Dutschke aus Dambeck restauriert und rekonstruiert. Dabei orientierte sich der Orgelbaumeister zudem an der erhalten gebliebenen Hartmann-Orgel in Stegelitz, 30 Kilometer östlich von Magdeburg. Nach diesem Vorbild schuf er ein viertes Register für das Pedal, es war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts um ein drittes Register im Pedal ergänzt worden. Dieses wurde bei der Sanierung erhalten.
Jordan hat für dieses Orgelporträt Werke ausgewählt, die den charakteristischen Klang dieser Orgel herausstellen, und ihre Stärken unterstreichen. Dabei beschränkte er sich zudem auf Komponisten aus dem Umkreis Johann Sebastian Bachs. Werke wie die Partite diverse sopra il Chorale Ach, was soll ich Sünder machen BWV 770 von Bach oder die Biblische Sonate III, in der Johann Kuhnau Jacobs Heyrath mit musikalischen Mitteln schildert, zeigen, dass sich dieses Instrument weniger durch Strahlkraft, metallischen Klang und Brillanz als vielmehr durch sanfte, innige Töne auszeichnet. Der Titel Himmelsklänge ist dafür wirklich gut gewählt.

Montag, 25. März 2013

Mein Herz ist bereit (Rondeau)

Wenn wir heute über norddeutsche Barockmusik reden, dann meinen wir in erster Linie die Werke der Komponistengenerationen zwi- schen Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach.
Wie stark sie Traditionen kreativ weiterentwickelt hat, das zeigt die vorliegende CD, die im September 2011 in St. Wilhadi zu Stade auf- gezeichnet wurde. Dort befindet sich eine prachtvolle Orgel, die der ortsansässige Orgelbauer Erasmus Bielfeldt in den Jahren 1731 bis 1735 errichtet hat. 1990 wurde sie durch die Orgelbauwerkstatt Jürgen Ahrend restauriert. 
An diesem hochbarocken Instrument spielt der Stader Kirchenmusik- direktor und Organist Hauke Ramm Orgelwerke von Georg Böhm (1661 bis 1733) und Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707). Sie bilden einen beeindruckenden Rahmen für eine Reihe von Solokantaten, die Bassbariton Gotthold Schwarz gemeinsam mit Solisten des Sächsi- schen Barockorchesters vorträgt. 
In ihrer Werkauswahl zeigen die Musiker geschickt auch Verbin- dungslinien auf. So hatte Franz Tunder (1614 bis 1667), der Vor- gänger Dieterich Buxtehudes im Amt dies Organisten an der Lübecker Marienkirche, sogenannte Abendmusiken neu eingeführt. Welche Musik dort erklang, das wird anhand der Kantate O Jesu dulcissime demonstriert. Buxtehude führte diese Tradition fort - und erweiterte zugleich die Besetzung, wie an Ich bin die Auferstehung und das Leben hörbar wird. 
Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697) gilt als Lieblingsschüler Buxte- hudes; er kam als 16jähriger nach Lübeck, um durch seinen Onkel, einen Ratsmusiker, auf Geige und Gambe unterwiesen zu werden. Bruhns wurde das jüngste Mitglied der Lübecker Violinisten, ging dann als Organist an den königlichen Hof nach Kopenhagen und wechselte 1689 an die Husumer Stadtkirche. Es wird vermutet, dass Bruhns die beiden Kantaten, mit denen er auf dieser CD vertreten ist, für Kantor Georg Ferber geschrieben hat, der hervorragend gesungen haben soll. 
Vokalwerke von Schütz' Meisterschüler Christoph Bernhard und von Georg Philipp Telemann runden das Bild; sie wirkten beide als Kantor am Johanneum und Musikdirektor der Stadt Hamburg - und fügten den Anregungen, die sie durch ihre Ausbildung in Sachsen erhalten hatten, etliche stilistische Eigenheiten hinzu, die wir heute als typisch norddeutsch bezeichnen. 
Doch wer diese CD anhören möchte, der muss sich mit solchen Über- legungen gar nicht plagen. Man kann sich auch entspannt zurück- lehnen und genießen - Gratulation zu dieser klangschönen, rundum gelungenen CD!  

Samstag, 5. Januar 2013

Bach - Böhm: Music for weddings and other festivities (Ricercar)

"Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang" - dieser Ausspruch wird keinem geringeren zuge- schrieben als dem Reformator Martin Luther. So wird es nicht verblüffen, dass auch die große Musikerfamilie Bach, wo sie Ursache dazu hatte, offenbar gern gefeiert hat.  
Bach-Biograph Johann Nikolaus Forkel schreibt, dass ihm die beiden ältesten Söhne des Thomas- kantors berichtet hätten, die Familie Bach habe die Angewohnheit, sich einmal im Jahr vollzählig zu versammeln. "Da die Gesellschaft aus lauter Cantoren, Organisten und Stadtmusikanten bestand, die sämmtlich mit der Kirche zu thun hatten, und es überhaupt damahls noch eine Gewohnheit war, alle Dinge mit Religion anzufangen, so wurde, wenn sie versammelt waren, zuerst ein Choral angestimmt", so Forkel. "Von diesem andächtigen Anfang gingen sie zu Scherzen über, die häufig sehr gegen denselben abstachen. Sie sangen nemlich nun Volkslieder, theils von possierlichem, theils auch von schlüpfri- gem Inhalt zugleich miteinander aus dem Stegreif so, daß zwar die verschiedenen extemporierten Stimmen eine Art von Harmonie ausmachten, die Texte aber in jeder Stimme andern Inhalts waren. Sie nannten diese Art von extemporierter Zusammenstimmung Quodlibet, und konnten nicht nur selbst recht von ganztem Herzen dabey lachen, sondern erregten auch ein eben so herzliches und unwiderstehliches Lachen bey jedem, der sie hörte."
Als Beispiel für ein solches Quodlibet erklingt zum Abschluss dieser CD BWV 524 - mit einer Fülle von Scherzen und Anspielungen, die uns heute nicht mehr alle verständlich sind, aber doch beweisen, wie ausgelassen im Hause Bach einst gefeiert und gestichelt worden ist. Denn der zentrale Punkt dieses Werkes ist ein Backtrog, den ein Abkömmling der Musikerfamilie einst versuchsweise anstelle eines Schiffes genutzt haben muss - was wohl mit einem Bad im Teich endete. Und wer den Schaden hatte, der braucht hier um Spott nicht zu sorgen. 
Das Quodlibet ist leider als Fragment überliefert; es fehlen die ersten und die letzten beiden Seiten. Leonardo García Alarcón und die Mitglieder des Ensembles Clematis haben dieses wenig bekannte Werk dennoch mit Wonne zelebriert - und gleich noch um ein weiteres Zitat bereichert, das aus den Goldberg-Variationen stammt, und ebenfalls ein Quodlibet ist. Die Sänger und Musiker haben für diese CD auch noch weitere Werke herausgesucht, die bei großen Familienfesten der Bachs erklungen sein könnten. Als Hochzeitsmusik für seine eigene Feier 1679 komponierte beispielsweise der Eisenacher Organist Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) die Kantate Meine Freundin, du bist schön
Kurios ist auch die Geschichte der Hochzeitskantate Der Herr denket an uns BWV 196. Als Pastor Lorenz Stauber  im Jahre 1707 in der Kirche zu Dornheim Johann Sebastian und Maria Barbara Bach traute, war unter den Hochzeitsgästen die Schwester der Brautmutter. Sie muss den verwitweten Pfarrer schwer beeindruckt haben; im Juni 1708 heiratete das Paar - und Bach schrieb für den Traugottesdienst eine seiner ersten Kantaten. Was von ihr überliefert ist, das findet sich ebenfalls auf dieser CD. 
Georg Böhm (1661 bis 1733) stammte aus Thüringen, und wirkte später als Organist in Lüneburg. Dort verbrachte Johann Sebastian Bach seine letzten Schuljahre. Er war sogenannter Mettenschüler am Michaeliskloster; er musste also kein Schulgeld bezahlen, war aber im Gegenzug verpflichtet, als Chorsänger Dienst zu tun. In der Lüne- burger Residenz des Herzogs Georg Wilhelm konnte der junge Bach die Hofkapelle hören, die den französischen Stil pflegte. Auch lief er große Strecken zu Fuß, um namhafte Organisten spielen zu hören. Möglicherweise hat Böhm den Gymnasiasten im Orgelspiel unter- wiesen. Eines der wenigen Werke für Singstimmen, das von Böhm überliefert ist, eröffnet diese CD. Es ist ein geistliches Konzert über das Hohelied, Mein Freund ist mein, aber es hat mehr mystischen als weltlichen Bezug. Insofern fällt dieses Stück etwas aus dem Rahmen. Das dieses beeindruckende Werk durch die Bach-Familie aufgeführt worden ist, das erscheint nicht sehr wahrscheinlich. 
Die Sänger und Musiker von Clematis widmen sich den Raritäten aus der Bach-Zeit mit Hingabe und Sachkenntnis. Das Ensemble, das von Leonardo García Alarcón am Cembalo geleitet wird, musiziert sehr hörenswert und ergänzt durch dieses Album das Bild der Bach-Familie um einen spannenden Aspekt. 


Mittwoch, 8. Februar 2012

Telemann: Germanicus (cpo)

Musikhistorisch gesehen, ist diese Aufnahme eine Sensation. Denn bislang galten die "etlichen und zwantzig Opern", die Georg Philipp Telemann in seinen Jugendjahren für das Leipziger Opernhaus kom- poniert haben will, als verloren. In jüngster Vergangenheit jedoch ha- ben sich von einigen der 74 Opern, die in der Messestadt an der Pleiße im Zeitraum von der Gründung bis zur Pleite der Oper 1720 aufge- führt worden sind, Fragmente angefunden. Im Falle des Germanicus spürte Michael Maul, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bach-Archiv, in der Frankfurter Universitätsbibliothek 40 Arien auf, die bislang als Werke von Gottfried Grünewald galten - und er konnte nachweisen, dass es sich um jene Version der Telemann-Oper handeln muss, die 1710 zur Michaelismesse erklungen ist. Er fand zudem heraus, dass das Libretto, das vollständig erhalten ist, von der Pfarrersfrau Christine Dorothea Lachs, einer Tochter des Gründers der Leipziger Oper Nikolaus Adam Strungk, stammt, die auch noch weitere Texte für Telemann geschaffen hat. Weil aber die Rezitative, anders als die Arien, nicht zu rekonstruieren waren, ergab sich für die vorliegende Einspielung ein Problem.
Experte Maul hat die Leerstellen mit Sprechertexten gefüllt, die die Handlung zusammenfassen. So wird die Oper wieder aufführbar, quasi als Singspiel. Gotthold Schwarz hat sie mit dem Sächsischen Barock- orchester sowie Olivia Stahn und Elisabeth Scholl, Sopran, Thomaner Friedrich Praetorius, Knabensopran, Matthias Rexroth, Altus, Albrecht Sack, Tenor, und Henryk Böhm und Tobias Berndt, Bass, zu den Telemann-Festspielen 2010 in Magdeburg erstmals wieder zum Klingen gebracht. Im Nachgang ist dann zudem die vorliegende 3-CD-Box entstanden. 
Selbst bei diesem Frühwerk, das Telemann als Student geschaffen hat, ist schon erkennbar, wie versiert der Komponist die Klangrede einsetzt, um Personen und Situationen plastisch zu schildern. An einzelnen Teilen wird zudem deutlich, wie sich innerhalb weniger Jahre - die Urfassung entstand 1704, da war Telemann noch Student, die überarbeitete Version hingegen schrieb er 1710 bereits als Kapellmeister in Eisenach - sein musikalisches Ausdrucksvermögen gesteigert hat. Für den Musikhistoriker mag das eine Offenbarung bedeuten. Beim Opernfreund aber dürfte diese Aufnahme in erster Linie Ratlosigkeit hinterlassen. Denn um sie wirklich genießen zu können, reicht die Substanz nicht aus. Und auch die Zwischentexte tragen nach Kräften dazu bei, dass sich Langeweile ausbreitet. Schade.