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Donnerstag, 3. August 2017

Telemann: 12 Fantasien für Violine solo (Es-Dur)

Die 12 Fantasien für Violine solo von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) interpretiert Thomas Pietsch auf der Barockvioline. Die Einspie- lung ist jüngst bei dem Hamburger Label Es-Dur erschienen. Alltägliches Repertoire ist das nicht. 
Telemann hat Fantasien für einige Instrumente veröffentlicht: für Cembalo, Traversflöte, Viola da gamba und Violine. Typisch für diese Werke ist ihre scheinbare Freiheit von formalen Beschränkungen. Wer sie aber spielen will, der darf sie keineswegs unterschätzen. So werden die 12 Fantasien für Violine solo noch heute gerne als „Vorstufen“ zu den Solowerken Bachs betrachtet, die man quasi als Vorübung durcharbeiten solle – ein kurioser Irrtum, gleichsam als Echo der jahrzehntelangen Geringschätzung des Komponisten Telemann. Das ist, als käme jemand auf die Idee, etwa Beethovens Violinsonaten als Wegweiser zu Mozarts Werken zu betrachten. 
Thomas Pietsch, dem barocken Repertoire seit vielen Jahren zugewandt, sieht den Schlüssel zu Telemanns Fantasien in der barocken Rhetorik und Poetik: „Nur in Kenntnis dieser Umstände werden die Fantasien lesbar und letztlich auch spielbar“, mahnt der Geiger. „Diese Musik ist aus der Geste, aus der Figur, aus der Andeutung geboren und entzieht sich dadurch einer aus Etüden erlernten Handhabung von Bogen und Geige.“ 
Mit antrainierter Virtuosität allein sind diese charmanten, aber dennoch anspruchsvollen Werke nicht zu bewältigen. Pietsch hat offenbar viel Arbeit investiert, um „seinem“ Telemann gerecht zu werden: „Seine galante Schreibweise leuchtet in die Fantasien durch ihre leichte, schmeichelnde, pointenreiche und witzige Art hinein“, resümiert der Musiker. Eleganz, Leichtigkeit und Esprit prägen daher auch das Spiel von Thomas Pietsch. Ein würdiges Gedenken zum Jubiläumsjahr. 

Montag, 27. März 2017

C.P.E. Bach: 4 Symphonies Wq 183 6 Sonatas Wq 184 (Es-Dur)

Die vier Orchestersinfonien Wq 183 und die sechs Kleinen Sonaten für Bläser Wq 184 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) hat das Ensemble Resonanz auf dieser CD zusammengefasst. Das ist eine interessante Kombination. Denn die Kleinen Sonaten, entstanden 1775, künden vom verstärkten Interesse des Komponisten am Bläserklang. Besetzt sind sie jeweils mit zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Hörnern und Fa- gott. Die Sonaten 1, 2, 3, und 5 sind Bearbeitungen älterer Trios, Wq 92. Bachs Hinwendung zu den Bläsern folgt einerseits dem Zeitgeist – um 1770 kam die sogenannte Harmonie- musik, komponiert typischerweise für Bläseroktett, groß in Mode. 
Dieses Experiment wirkt aber darüberhinaus wie die Vorbereitung auf ein wesentlich komplexeres Projekt, das Bach im gleichen Jahr begonnen hat: In seinen Orchestersinfonien Wq 183 spielen ebenfalls Bläser mit; noch die Hamburger Sinfonien Wq 182 waren für reines Streichorchester ent- standen. Wir erleben somit die ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Orchester – zwar lang noch nicht mit der vollen Bläserbesetzung, wie wir sie heute kennen, dafür aber noch mit Cembalo, an dem wir uns Carl Philipp Emanuel Bach denken können, wie er seine Musiker dirigiert. 
Im empfindsamen Zeitalter löste Einfühlung das barocke Musikverständnis ab, das die Musik als eine rhetorische Kunst betrachtete, die auch der Mathematik durchaus nahe war. Der „Hamburger“ Bach hingegen wollte weniger den Verstand als vielmehr das Herz seiner Zuhörer ohne Umwege ansprechen. Und so zündet er auch in diesem Sinfonien ein wahres Gefühlsfeuerwerk. 
Das Ensemble Resonanz lässt, dirigiert von Riccardo Minasi, jede einzelne Rakete genussvoll aufleuchten. Die Musiker zeigen, wie dramatisch Bachs Werke teilweise sind, wie kühn, innovativ und farbenreich – und mitunter auch mitreißend heiter. So energisch und konsequent hört man das selten; das ist Sturm und Drang auch in der Interpretation. Faszinierend! 

Dienstag, 2. August 2016

Romantic Cello (Es-Dur)

Zum 70. Geburtstag gratuliert mit dieser CD dem Cellisten David Geringas das Label Es-Dur. Was könnte zu einem solchen Anlass besser passen als ein Programm mit Werken der Romantiker? Und so sind hier die Sonate in a-Moll D. 821 Arpeggione von Franz Schubert zu hören, die Fantasiestücke op. 73 und die Fünf Stücke im Volkston op. 102 von Robert Schumann, sechs Lieder von Johannes Brahms – die Transkriptionen sind noch zu Leb- zeiten des Komponisten bei seinem Verleger Simrock erschienen – und die Romanze in F-Dur von Richard Strauss. 
Die Aufnahmen, aus dem Jahre 1993, hat David Geringas gemeinsam mit seiner Frau Tatjana eingespielt. Sie musizierte mit ihm zusammen bereits während des Studiums am Moskauer Konservatorium, und war ihm mehr als 40 Jahre lang eine perfekte Duopartnerin. 
David Geringas, ein Schüler von Mstislaw Rostropowitsch, hat nicht nur Konzerte mit einer Vielzahl von Orchestern und Dirigenten gegeben und knapp hundert CD eingespielt. Er hat selbst auch sehr erfolgreich junge Cellisten ausgebildet. Geringas lehrte als Professor in Hamburg, Lübeck und Berlin; in seiner Celloklasse haben unter anderem Jens Peter Maintz, Tatjana Vassilieva, Johannes Moser, Sol Gabetta und Gustav Rivinius studiert. Der Musiker wurde mit einer Vielzahl von Preisen und Auszeich- nungen geehrt. Und er musiziert immer noch, mit Leidenschaft und Präzision; seinen Ehrentag feierte der Jubilar beim Siena Festival, und auch im August wird er mehrere Konzerte spielen. Wir wünschen dem Musiker weiterhin Gesundheit, Kraft und Kreativität – herzlichen Glückwunsch! 

Freitag, 4. Dezember 2015

Es ist ein Ros entsprungen (Es-Dur)

Es ist ein Ros entsprungen – dieses Lied begegnet uns auf der Weih- nachtslieder-CD, die der NDR Chor unter Leitung von Philipp Ahmann aufgenommen hat, gleich mehrfach. Es erklingt in Chorsätzen von Michael Praetorius (1571 bis 11621), Hugo Distler (1908 bis 1942) und Alban Berg (1885 bis 1935). Damit ist auch gleich das Programm umrissen: Die CD enthält Liedsätze und Kompo- sitionen von der Reformationszeit bis ins 20. Jahrhundert. Ein Gutteil da- von stammt von Michael Praetorius; vertreten sind zudem neben Distler und Berg noch Heinrich Kaminski (1886 bis 1946), Johannes Brahms (1833 bis 1897) und Peter Cornelius (1824 bis 1874), wobei dessen Weihnachtslieder in spannungsvollen Chor-Bearbeitungen von Clytus Gottwald erklingen. Der NDR Chor singt brillant und mit erfreulicher Textverständlichkeit, seine Mitglieder sind jeder Herausforderung gewachsen. Wer eine eher besinnliche, vorsichtig moderne CD sucht, der sollte sich diese einmal anhören – es lohnt sich!

Sonntag, 18. Oktober 2015

del Signor Hasse - Works for Flute (Es-Dur)

Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) hat nicht nur für die Singstimme und für das Cembalo wundervolle Musik geschrieben. Er mochte offenbar auch die Flöte, wie diese CD zeigt – und in der Tat wurde kein anderes Instru- ment von Hasse mit derart vielen Konzerten und kammermusikali- schen Werken bedacht. Die Flötistin Imme-Jeanne Klett hat eine Auswahl getroffen und stellt auf ihrer zweiten CD bei Es-Dur gemeinsam mit den Musikern des Elbipolis Barock- orchesters Hamburg gekonnt einige der Konzerte und Sonaten vor. 
Erstmals auf CD zu hören sind dabei das Konzert in G-Dur, op. 3.7, die Sonate in d-Moll op. 1,11 sowie zwei Duo-Sonaten des englischen Kom- ponisten Robert Valentine (1674 bis nach 1735). Sie sind als Nr. 7 und Nr. 8 der VIII Sonates pour deux flutes im Jahre 1735 bei Le Cène in Amsterdam als Werke Hasses erschienen, aber sie waren bereits um 1720 in einem anderen Verlag publiziert worden – mit korrekter Autorenangabe. Valentine wirkte als Flötist, Oboist und Komponist in Rom; so musizierte er mehrfach im Palazzo Ruspoli. Es wird angenommen, dass er um 1730 nach England zurückgekehrt ist; belegen lässt sich das aber nicht, ebenso wenig wie andere Überlegungen, die den Musiker 1735 bei Locatelli in Amsterdam vermuten. Seine Duo-Sonaten sind wirklich Kabinettstück- chen; Imme-Jeanne Klett hat die beiden Werke mit Nele Lamersdorf eingespielt. 

Montag, 24. November 2014

C. P. E. Bach: 6 Hamburg Symphonies (Es-Dur)

„Schwerlich ist je eine musikalische Composition von höherm, keckerm, humoristischerm Charakter einer genialen Seele entströmt.“ Das schrieb Johann Friedrich Reichardt seinerzeit über die sechs Streicher- sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Entstanden waren diese Werke auf ausdrückli- chen Wunsch und exklusiv für Baron Gottfried van Swieten; Reichardt hatte bei der Uraufführung die erste Geige gespielt. 
Bach selbst war nach langen Jahren im Dienste Friedrichs des Großen der höfischen Etikette entronnen. Die neue Position als Nachfolger seines Taufpaten Georg Friedrich Telemann in der Position des städtischen Musikdirektors und Kantors am Johanneum in Hamburg, die er 1768 antrat, dürfte ihm vergleichsweise große Freiräume beschert haben. 
Und so hat er für van Swieten einen Parforcegalopp durch die Affekte komponiert – wobei er diese am liebsten durch Kontraste hervortreten lässt. „Moderne und Paläolithikum stehen sich direkt gegenüber“, meint Riccardo Minasi. Der Geiger hat die Hamburger Sinfonien gemeinsam mit dem Ensemble Resonanz bei dem Label Es-Dur eingespielt. Die Musiker feiern damit die Idee der Freiheit – allerdings höchst diszipliniert: „Man sollte die Partitur so genau wie möglich respektieren und die Paradoxien und Kontraste so gut wie möglich unterstreichen, die der Komponist darin formuliert hat“, erläutert Minasi. Das Ensemble Resonanz folgt ihm darin mit großem Engagement, und das Ergebnis ist wirklich sehr beein- druckend. 

Sonntag, 8. Juni 2014

Musik am Gothaer Hof: Andreas Romberg (Es-Dur)

Andreas Jakob Romberg (1767 bis 1821) ist einst in einem Zuge mit Haydn, Mozart und Beethoven genannt worden. Er entstammte einer Musikerdynastie, und begann seine musikalische Laufbahn ge- meinsam mit seinem fast gleich- altrigen Cousin Bernhard Rom- berg. Die beiden Wunderkinder konzertierten als Geiger und als Cellist, tatkräftig unterstützt auf ihren Konzertreisen durch die Väter. 
1790 traten sie schließlich in die Bonner Hofkapelle ein, in der damals etliche außergewöhnliche Talente musizierten. Dort begegneten sie beispielsweise dem jungen Ludwig van Beethoven, Anton und Josef Reicha, dem Geiger Franz Josef Ries und dem Hornisten und späteren Musikverleger Nikolaus Simrock. Napoleons Truppen setzten dem allerdings ein Ende: 1793 gingen die Rombergs nach Hamburg, wo sie sehr erfolgreich waren. Andreas Romberg wurde mittlerweile auch als Komponist gefeiert – nur seine Opern fielen beim Publikum stets durch. Reisen führten Romberg nach Italien, nach Wien und nach Paris. Doch der Krieg machte den Musikern das Leben schwer. 1812 kam der Konzert- betrieb in Hamburg gänzlich zum Erliegen. 
In dieser Situation entschied sich Romberg, als Nachfolger von Louis Spohr die Konzertmeisterstelle am Gothaer Hof anzunehmen. 1815 trat er seinen Dienst dort an; 1821 starb er. Seine Musik, obwohl zu Lebzeiten weithin präsent, geriet in Vergessenheit. Das mag mit durch den Genie-Kult bedingt sein, der die Plätze auf dem Olymp (und in den Konzertprogrammen) limitiert und einer Handvoll Auserwählter zugewiesen hat. Rombergs Musik jedenfalls hat daran keinen Anteil, ein „Kleinmeister“ war er nicht. Es ist daher schade, dass Aufnahmen seiner Werke zu den Raritäten gehören. 
Das unterstreicht eine CD, die jüngst bei dem Label Es-Dur erschienen ist. Die Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl unter Hermann Breuer hat dafür einige Werke Rombergs eingespielt. Nicht nur als Kompo- nisten, sondern auch als Violinvirtuosen zeigt ihn beispielsweise das Potpourri A-Dur nach Melodien von Mozarts Oper Don Giovanni für Violine und Orchester. Den attraktiven Solopart hat Antje Weithaas übernommen. Notenmaterial hat die Arbeitsstelle Andreas Romberg an der Universität seiner Geburtsstadt Vechta bereitgestellt. Das Engagement der Forscher um Professor Dr. Karlheinz Höfer lässt darauf hoffen, dass zuverlässige Editionen in Zukunft auch anderen Werke Rombergs zu einer Wiederentdeckung verhelfen – seine Musik ist jede Mühe wert. 

Sonntag, 6. April 2014

mon petit caprice - Rossini piano works (Es-Dur)

In seinen letzten Lebensjahren schrieb Gioachino Rossini (1792 bis 1868) nach langer Schaffens- pause vorwiegend Salonmusik für das Klavier. Das es sich dabei keineswegs um Trivialitäten handelt, wird man beim Anhören dieser CD erkennen. Die Faszina- tion durch Rossinis Alterssünden ereilte den italienischen Pianisten Marco Marzocchi, nachdem er bereits gemeinsam mit Anna Bo- nitatibus eine CD mit Liedern und Arietten des Komponisten einge- spielt hatte. Zum Dank schenkte die Mezzosopranistin ihrem Klavier- begleiter ein umfangreiches Paket Noten – es waren die Péchés de vieillesse. Dieses Sammelsurium ließ Marzocchi nicht wieder los: „Cominciai a sfogliare quelle pagine dapprima con curiosità, poi con crescente stupore, man mano che prendevo consapevolezza del loro artistico. Ero affasionato della musica: un ,colpo di fulmine' che si tramutò ben presto in un'autentia passione“, beschreibt er im Beiheft zu dieser CD seine Begegnung. 
Nun hat er eine Auswahl dieser charmanten Miniaturen bei dem Label Es-Dur eingespielt. Dabei werden die Qualität und der Witz dieser Werke deutlich, die zwar sehr unterhaltsam, aber durchaus nicht seicht und schlicht sind. Hörbar wird zudem das Vergnügen, das sie dem Interpreten bereiten. Wenn freilich Rossini schreibt: „Ich widme diese Alterssünden den Pianisten der vierten Klasse, zu denen dazu- zugehören ich die Ehre habe!“, dann ist das glatt untertrieben. 

Dienstag, 11. Februar 2014

Sei Solo - J. S. Bach (Es-Dur)

Thomas Pietsch, engagierter Musiker mit einer Vorliebe für die Barockvioline, hat für das Label
Es-Dur die Sonaten und Partiten BWV 1001 bis 1006 eingespielt. Es sind jene berühmten Werke für Violine solo von Johann Sebastian Bach, in vielerlei Ausführung be- reits auf dem Musikmarkt erhält- lich. Man fragt sich also: Was zeichnet diese Aufnahme aus, im Vergleich mit all den anderen? 

Das Begleitheft verweist darauf, dass sich Pietsch außerordentlich tiefgründig mit den Sonaten und Partiten auseinandergesetzt hat. Er betrachtet diese Werke aus der norddeutschen Musiktradition heraus – und hat auch ähnliche Musikstücke von Bach-Zeitgenossen aufge- spürt. Zu hören allerdings ist das nicht. Die Aufnahme erscheint zäh, spröde und seltsam unmusikantisch. Pietsch betont, so will mir scheinen, den kontemplativen Charakter, und stellt rhythmisch-tänzerische Aspekte eher in den Hintergrund. Mir fehlt bei dieser Aufnahme der Blick über die jeweilige Phrase hinaus, die Klarheit der Struktur und zugleich die Präzision im Detail. Dabei erweist sich sicherlich auch die Akustik der Klosterkirche in Bordesholm, wo diese CD entstanden ist, mit ihrem satten Nachhall nicht als hilfreich. Schade! 

Dienstag, 13. August 2013

Pohádka. Dvorák - Janácek - Mahler - Suk (Es-Dur)

Dem kleinen Hamburger Label Es-Dur ist mit Pohádka ein großer Wurf gelungen. David Geringas und Ian Fountain haben für dieses Programm Musik ausgewählt, die allerdings – anders, als der Titel zunächst vermuten lässt – keineswegs nur Märchen erzählt. Was die Herren Josef Suk (1874 bis 1935), Antonín Dvorák (1841 bis 1904), Leos Janácek (1854 bis 1928) und Gustav Mahler (1860 bis 1911) mit dem Thema des Albums verbindet, das erfährt der geneigte Hörer aus dem liebevoll gestalteten Beiheft.
Doch das ist letzten Endes Nebensache. Denn diese Einspielung ist einfach hinreißend. Den beiden Musikern zu lauschen, das ist ein absolutes Vergnügen. Man könnte jetzt darüber sinnieren, ob man Mahlers berühmte Lieder wirklich für Violoncello und Klavier bearbeiten muss – aber letzten Endes folgt man Geringas und Fountain gespannt, bis zum letzten Takt. Was für ein Dialog zwischen den Instrumenten, was für eine Spannung und Intensität! Hier sind zwei großartige Musikerpersönlichkeiten, zu erleben, jeder ein Meister, und auch ihr Zusammenspiel ist einfach nur grandios.

Montag, 22. April 2013

Spohr: Doppelkonzerte - Musik am Gothaer Hof (Es-Dur)

Die Pflege musikalischer Traditio- nen wird beim Landessinfonie- orchester Thüringen, heute Thüringen Philharmonie Gotha, groß geschrieben. Zu den Namen, die vom Glanz der einstigen Hofkapelle in den zurückliegenden Jahrhunderten künden, zählt auch der von Louis Spohr ( 1784 bis 1859). Der Geiger, der nach seinem Debüt 1804 im Leipziger Gewand- haus als bedeutendster deutscher Violinvirtuose gefeiert wurde, wirkte von 1805 bis 1812 in der thüringischen Residenzstadt. Der junge Musiker wurde durch Herzo- gin Caroline Amalie von Sachsen-Gotha zum Konzert- und Kapell- meister der Hofkapelle berufen. 
In Gotha organisierte er öffentliche Konzerte, Musikfeste und Konzertreisen, er musizierte, dirigierte, unterrichtete, und fand trotz dieser Vielzahl von Aufgaben noch die Zeit zum Komponieren. Auf dieser CD erklingen zwei sogenannte Concertanten, Doppelkonzerte für zwei Violinen bzw. Violine und Violoncello und Orchester, aus den Jahren 1808 und 1803, sowie ein Potpourri für diese Solo-Instrumen- te und Orchester, in dem Spohr 1823 Themen aus seiner Oper Jesson- da verarbeitete. Das sind Raritäten, die man so leicht sonst nirgends hören kann. 
Die Musik ist kraftvoll, romantisch und heiter - Unterhaltung im besten Sinne, und die Solisten Antje Weithaas und Mila Georgieva, Violine, und Michael Sanderling, Violoncello, setzen Spohrs Werke mit Virtuosität und Temperament in bestes Licht. 

Sonntag, 28. August 2011

Musik am Gothaer Hof (Es-Dur)

Gotha gehörte zu jenen thüringi- schen Residenzen, die sich im Laufe der Jahrhunderte weithin einen Ruf als Musenhof erworben haben. Die Herrscher dort wett- eiferten geradezu darum, bedeu- tende Komponisten, Musiker und Sänger, Schauspieler und Dichter in ihre Dienste zu nehmen. Die Thüringen Philharmonie Gotha, die ihre Wurzeln in der 1651 gegründe- ten Hofkapelle hat, stellt auf dieser CD einige Werke jener Komponi- sten vor, die seinerzeit das Musikleben am Gothaer Hof prägten. 
So wirkte in Gotha von 1750 bis 1778 Georg Anton Benda als Hof- kapellmeister. Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha hatte ihn aus Potsdam abgeworben, wo er seit 1742 in der Hofkapelle des Preußen- königs musizierte. Er komponierte vor allem für die Bühne. Auf dieser CD erklingt jedoch sein Konzert für Viola und Orchester F-Dur, eines der ersten Bratschenkonzerte überhaupt; als Solistin zu hören ist Tat- jana Masurenko, ausgebildet in St. Petersburg, seit 2003 Professorin an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. 
Sein Nachfolger Anton Schweitzer kam 1774 aus Weimar nach Gotha, und wirkte dort von 1778 bis zu seinem Tode 1787 als Hofkapell- meister. Seine Alceste nach einem Text Wielands, gern als die erste deutsche Oper angesehen, war 1773 in Weimar uraufgeführt worden. Auf dieser CD erklingt die Ouvertüre dazu. 
Von 1805 bis 1812 wirkte Louis Spohr als Violinvirtuose und Hof- kapellmeister in Gotha. Als Solisten in seiner Concertante C-Dur für Violine, Violoncello und Orchester musizieren Antje Weithaas und Michael Sanderling. Spohrs Nachfolger wurde Andreas Romberg - seinerzeit ein bekannter Geiger, Dirigent und Komponist, der vor allem für seine Vertonungen von Schillers Balladen gerühmt wurde. Er schuf 1816 in Gotha die Oper Die Großmut des Scipio; diese CD stellt die Ouvertüre vor. 
Ludwig Böhner, der "Thüringer Mozart", war der Sohn eines Kantors aus Töttelstädt bei Gotha. Er war als Pianist und Komponist zunächst ziemlich erfolgreich, soll davon jedoch aufgrund von charakterlichen Schwächen nicht wirklich profitiert haben. "In der vergangenen Nacht ist der einst in den weitesten Kreisen hochgefeierte Componist Ludwig Böhner nach wechselvollem Leben in hohem aber leider freudlosem Alter verstorben", vermeldete am 29. März 1860 un- missverständlich die Gothaische Zeitung. Die Thüringen Philharmo- nie Gotha spielt seinen Grand Galop concertant e brillant pour grand orchestre, nach der Gattin eines Gothaer Postmeisters auch Aurora-Galopp genannt. 
1844 übernahm Herzog Ernst II. die Regierung in Gotha. Er unterhielt enge Verbindungen zu Franz Liszt, Richard Wagner und Giacomo Meyerbeer, und komponierte auch selbst fünf große Opern. So erlebte Santa Chiara, 1854 in Gotha unter der Leitung von Liszt uraufgeführt, selbst in Paris sechzig Vorstellungen - was damals keineswegs selbst- verständlich war, und für die Qualität der Musik des "Opernherzogs" spricht. 
Friedrich Grützmacher, Erster Cellist am Leipziger Gewandhaus und Königlicher Kammervirtuose der Dresdner Hofkapelle, verwendete thematisches Material aus dieser Oper als Grundlage seiner Großen Concert-Fantasie op. 33 für Violoncello und Orchester, die er dem Herzog widmete. Die Solopartie in diesem hochvirtuosen Werk übernimmt hier der brillante Jens Peter Maintz. 
Auch Franz Liszt setzte in seinem Festmarsch aus dem Jahre 1859 auf Motive aus einer Oper des Herzogs. Und Johann Strauss hatte eine ganz eigene Beziehung zu dem thüringischen Musenreich: 1887 reiste er an, um Bürger des Herzogtums zu werden. Denn er wollte seine Adele heiraten - eine Scheidung aber war im katholischen Österreich nicht möglich. Dankbar widmete der Walzerkönig mehrere Werke dem Herzog, darunter - gewiss kein Zufall - die Polka Neues Leben op. 278. Und natürlich spielen die Musiker der Thüringen Philharmonie auch ein Werk von Ernst II. - den Fackeltanz, den dieser zur Vermäh- lung des Prinzregenten von Baden mit Prinzessin Louise von Preußen 1856 komponiert hat. 
Eine ambitionierte Werkauswahl, die vom Orchester unter Hermann Breuer leider nicht durchweg perfekt gespielt wird - aber die Solisten sind wirklich sehr gut; insofern lohnt sich die CD als ein Dokument der mitteldeutschen Musikgeschichte in doppelter Hinsicht.