Raffaele Calace (1863 bis 1934) entstammte einer Instrumenten- bauerdynastie aus Neapel und verschrieb sich schon früh der Mandoline. Er spielte dieses Instrument virtuos, und er engagierte sich dafür, dass ihm im Musikleben mehr Bedeutung zugemessen wird. So ging der „Paganini der Mandoline“ auf ausgedehnte Konzertreisen, bis nach Japan, auch gemeinsam mit seinen Kindern Maria und Vincenzo.
Und gemeinsam mit seinem Bruder Nicola übernahm er die Werkstatt seiner Vorväter.
Er entwickelte unter anderem die neapolitanische Mandoline weiter zu jenem Konzertinstrument, das auch heute noch weltweit gespielt wird. Die Werkstatt wurde übrigens von seiner Tochter Maria und seinem Sohn Giuseppe Calace weitergeführt; heute wird sie durch seinen Enkel Raffaele Calace jr. geleitet.
Außerdem gründete Calace einen Musikverlag, mit einem umfangreichen Katalog, und eine Zeitschrift zur Unterstützung des neapolitanischen Musiklebens, die immerhin fünf Jahre lang erschien. Raffaele Calace schrieb zudem pädagogische Werke, und mehr als 200 Kompositionen für sein geliebtes Instrument. Für Mandolinisten weltweit sind sie noch immer Maß aller Dinge.
Das Motus Mandolin Quartet hat für sein Debütalbum daher seine Musik ausgewählt. Auf der CD erklingen drei der vier Originalkompositionen Calaces für klassisches Mandolinenquartett, und dazu noch sieben Bearbeitungen von Werken, die für romantisches Mandolinenquartett – mit Gitarre – oder aber für Mandoline und Klavier entstanden sind. Musiziert wird hinreißend, erstklassig. Wer den Klang der Mandoline liebt, dem bietet diese CD Gelegenheit, ein Lebenswerk wiederzuentdecken, das sonst nur Insidern ein Begriff ist. Und das lohnt sich!
Auf zwölf CD bietet diese Box die Möglichkeit, sämtliche Madrigalbücher von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) anzuhören, sehr schön gesungen vom Ensemble Le Nuovo Musiche unter Leitung von Krijn Koetsveld.
In den acht zu Lebzeiten den Komponisten veröffentlichten Madrigalbüchern lässt sich der Übergang von der strengen Polyphonie („stile antico“) zu den erweiterten harmonischen Möglichkeiten der „nuova pratica“ nachvollziehen. Für die Musikgeschichte gilt dies als ein wichtiger Schritt auf dem Wege von der Renaissance zum Barock. Ein neuntes Buch, das nach dem Tode Monteverdis erschienen ist, erweist sich als eine Sammlung früher Werke im alten Stil. Ein Beiheft ergänzt die Edition durch eine Fülle von Informationen zu jedem Madrigalbuch und zu den beteiligten Musikern.
Die niederländischen Alte-Musik-Spezialisten beeindrucken durch einen stets ausgewogenen, harmonisch abgestimmten Ensembleklang. Wer an Monteverdis Madrigalen den Wohlklang schätzt, der wird mit dieser Aufnahme glücklich sein. Wer allerdings auf musikalischen Ausdruck besonderen Wert legt, der wird mit dieser Box nicht vollends zufriedengestellt. Dramatik kommt hier leider zu kurz. Schade.
Als Box mit immerhin 20 CD veröffentlichte Brilliant Classics die erste umfassende Kollektion der Werke von Johann Nepomuk Hummel (1778 bis 1837). Über den Lebensweg des Musiker, der in Pressburg, dem heutigen Bratislava, zur Welt kam, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. Der musikalisch hochbegabte Junge lebte in Wien zwei Jahre lang im Haushalt von Wolfgang Amadeus Mozart, der ihn kostenlos unterrichtete. Hummel nutzte seine Chance, und wurde zu einem berühmten Klaviervirtuosen, Komponisten und Hofkapellmeister. So wurde er Nachfolger Haydns beim Fürsten Esterházy; später wirkte er in Stuttgart und in Weimar, wo er letztendlich auch starb.
Die Sammlung enthält neben Hummels Oper Mathilde von Guise auch das Oratorium Der Durchzug durchs rote Meer, in einer schönen Aufnahme mit einem exzellenten Solistenensemble sowie der Rheinischen Kantorei und Das kleine Konzert unter Leitung von Hermann Max, eine weitere CD mit geistlichen Werken, zwei CD mit diversen Instrumentalkonzerten, etliche Aufnahmen von Kammermusik und natürlich Klavierkonzerte, die 24 Etüden op. 125, eine Auswahl an anderen Klavierstücken und sämtliche Klaviersonaten. Zu hören sind diverse Solisten und Ensembles, oftmals auf historischen Instrumenten.
So spielt beispielsweise Hammerflügelspezialist Costantino Mastroprimiano Hummels Klaviersonaten auf einem Instrument von Urbano Petroselli nach einem Vorbild von Anton Walter, um 1790, und auf einem Tafelklavier von Érard aus dem Jahre 1838. Und das Konzert für Klavier, Violine und Orchester in G-Dur op. 17 interpretieren Alessandro Commelato an einem Böhm-Hammerklavier aus dem Jahre 1823, Stefano Barneschi und das Kammerorchester Milano Classica ebenfalls auf zeitgenössischen Instrumenten unter Leitung des Hummel-Spezialisten Didier Talpain.
Insgesamt gibt es in dieser Box viel zu entdecken, und das lohnt sich auch. Hummel gehört zu jenen Beethoven-Zeitgenossen, die zu Unrecht, sozusagen im Schatten des Genies, aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwunden sind. Die Musik jener Komponisten aufmerksam anzuschauen und gegebenenfalls auch wieder ans Licht zu bringen, das bleibt eine dankbare Aufgabe.
Heinrich Joseph Baermann (1784 bis 1847) und sein Sohn Carl Baermann (1810 bis 1885) zählen zu den bedeutendsten Klarinettisten der Musikgeschichte.
Heinrich Baermann wirkte zunächst in Preußen am Hof von Prinz Louis Ferdinand; später wechselte er an den Hof von König Max Joseph in München. Konzertreisen quer durch Europa machten Heinrich Baermann berühmt.
Seiner Freundschaft mit Felix Mendelssohn Bartholdy verdanken wir grandiose Werke, die noch heute von Klarinettisten mit Begeisterung gespielt werden. Wie viele Virtuosen seiner Zeit, komponierte Heinrich Baermann aber auch selbst.
Baermanns wichtigster Schüler war sein Sohn Carl, der ab 1827 ebenfalls in der Münchner Hofkapelle musizierte, und nicht nur als Solist, sondern auch als Musikpädagoge sehr erfolgreich war. Seine Vollständige Clarinettenschule ist bis heute im Gebrauch, und seine Kompositionen stehen hinter denen seines Vaters nicht zurück, wie die vorliegende CD beweist.
Der italienische Klarinettist Dario Zingales – gefragter Solist, Mitglied der Bläserphilharmonie Mozarteum und Lehrer am Mozarteum Salzburg – spielt gemeinsam mit dem Pianisten Florian Podgoreanu Werke von Vater und Sohn Baermann für Klarinette und Klavier. So bearbeitete Carl Baermann sechs Lieder von Franz Schubert für sein geliebtes Rohrblatt- instrument. Dario Zingales hat zudem sechs Weltersteinspielungen für das Programm ausgesucht, in dem er mit sanglichem Spiel die Vorzüge der Klarinette gekonnt zur Geltung bringt.
Über das Violoncello wird gern gesagt, dass es mit seinem warmen, farbenreichen Klang hervorragend in der Lage sei, die menschliche Stimme zu imitieren. Als Solo-Instrument tritt es in der Mitte des 17. Jahrhun- derts erstmals in Erscheinung; hundert Jahre später hatte sich das Cello bereits anstelle der Gambe durchgesetzt.
Sechs Sonaten aus jenen frühen Tagen stellt Adriano Maria Fazio nun bei Brilliant Classics vor. Entstanden sind sie einst als Gemeinschaftswerk – Nicola Porpora (1686 bis 1768), ungemein erfolgreich vor allem als Opernkomponist und Gesangspäda- goge, schuf sie offenbar zusammen mit Giovanni Battista Costanzi (1704 bis 1778). Dieser wirkte in Rom; er stand in den Diensten des kunst- liebenden Kardinals Pietro Ottoboni, und spielte exzellent Violoncello. Er komponierte auch selbst; Costanzi schrieb Kantaten, Oratorien und andere Kirchenmusik.
In den sechs Violoncello-Sonaten spiegeln sich sowohl Costanzis Virtuosität als auch die theatralische Sangeskunst der italienischen Barockoper. Adriano Fazio legt nun die erste Gesamteinspielung dieser hochinteressanten Raritäten vor. Der junge Cellist wird dabei von einer international besetzten Continuo-Gruppe begleitet.
Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) war ein Schüler von Johann Sebastian Bach, der den begabten jungen Mann sehr schätzte. Der Lebensweg des Organisten ist in diesem Blog an anderer Stelle ausführlich nachzulesen.
Für die Moden seiner Zeit hatte Krebs nicht viel übrig. Obwohl selbst Bachs Söhne ihre Werke am sogenannten empfindsamen Stil ausrichteten, orientierte er sich zeitlebens am Kontrapunkt und an norddeutschen Traditionen. Wie beeindruckend Krebs' Werke sind, das zeigt ihre Gesamtaufnahme, die Manuel Tomadin nun bei Brilliant Classics auf insgesamt sieben CD veröffentlicht hat.
Der italienische Organist nutzte dafür nicht die Trost-Orgel in der Altenburger Schlosskirche, die Krebs ab 1755 gespielt hat. Tomadin entschied sich für die Arp-Schnitger-Orgel Noordbroek, die F.C. Schnitger- und H.H. Freytag-Orgel der Petruskerk in Zuidbroek und die Gottfried-Silbermann-Orgel der Petrikirche im sächsischen Freiberg. Außerdem erklingt ein Instrument, das der italienische Orgelbauer Giovanni Pradella 2007 im Valle di Colorina errichtet hat, wobei er historische Handwerks- techniken nutzte. Diese Orgel wählte Tomadin für die Clavier-Übung.
Chor- und Sologesang, Posaunen, Hörner, Klarinetten und Oboen, Geigen und Flöten, Pauken und Trompeten bietet diese CD, die Ludwig Güttler eigens zusammen- gestellt hat, um den 200. Geburts- tag des Liedes Stille Nacht, heilige Nacht zu würdigen.
Dabei ging es in dem kleinen öster- reichischen Dorf, in dem das wohl bekannteste Weihnachtslied der Welt entstanden ist, einst eher bescheiden zu. Berichtet wird, dass es bei einer Christmette 1818 in Ort Oberndorf bei Salzburg zum ersten Mal gesungen wurde, erdacht von Franz Xaver Gruber, der in jenen Jahren dort die Orgel spielte, und dem Hilfspriester Joseph Mohr. Allerdings haben die beiden Herren es im Duett zur Gitarre vorgetragen, weil die Orgel nicht funktionierte, und kein Geld für eine Reparatur da war.
Ludwig Güttler kennt und liebt das Lied von frühester Kindheit an: „Es ist eines der ersten Weihnachtslieder, die ich selbst auf der Ziehharmonika spielte. Die hatte ich nach meinem fünften Geburtstag zu Weihnachten geschenkt bekommen“, erinnert sich der Trompeter, der dieses Jahr seinen 75. Geburtstag gefeiert hat.
Mit dieser CD beleuchtet Güttler den musikalischen Hintergrund, aus dem Stille Nacht, heilige Nacht damals hervorgegangen ist. Neben einer Auswahl aus dem Bestand finden sich auf dem Album auch noch nicht veröffentlichte Aufnahmen. So hat Güttler Stille Nacht, heilige Nacht für sein Blechbläserensemble arrangiert, und mit seinen Musikerkollegen kürzlich im Sommer im österreichischen Zwettl eingespielt. Die Bläserversion beginnt mit einem Waldhorn-Solo, doch jede der sechs Strophen wird anders wiedergegeben. So wechseln Klangfarben, und die vielfältigen Möglichkeiten des Blechbläserensembles werden erfahrbar.
Ganz am Ende steht ein Spiel mit dem Echo und dem Verklingen – entsprechend den Assoziationen, die Güttler mit dem Lied verbindet: „Ich denke an eine klare, verschneite Nacht mit Mondschein“, schreibt der Musiker, „an eine unter dem Schnee beruhigte Welt der Stille.“ Doch bevor es soweit ist, erklingt erst einmal jede Menge Musik zur Weihnachtszeit, festlicher Bläserglanz inklusive.
Die Musikerfamilie Bach, ansässig im Thüringischen und im benachbarten Franken, war weit verzweigt, und reich an Talenten. Wie reich, das zeigt diese Box, die auf sagenhaften 24 (!) CD in einzigartiger Weise kompakt einen Überblick gibt über Orgelwerke, die Mitglieder der Familie Bach komponiert haben.
Allein auf 15 CD widmet sich Stefano Molardi dem Schaffen von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Er musiziert dabei an der Trost-Orgel der Stadtkirche Waltershausen, der Silbermann-Orgel der Katholischen Hofkirche Dresden, der Hildebrandt-Orgel der Jacobikirche Sangerhausen und der Thielemann-Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Gräfenhain.
An der Volckland-Orgel der Cruciskirche Erfurt hat der renommierte italienische Organist auf drei CD zudem die Orgelmusiken eingespielt, die von Johann Christoph (1642 bis 1703) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) überliefert sind. Die beiden Brüder sind Söhne von Heinrich Bach (1615 bis 1692), Stammvater der sogenannten Arnstädter Linie, der wiede- rum ein Bruder von Christoph Bach (1613 bis 1661) war, dem Großvater Johann Sebastian Bachs. Johann Michael war zudem der Vater von Maria Barbara Bach, der ersten Frau des genialen Musikers.
Orgelmusik von Heinrich Bach ist ebenfalls überliefert; Molardi spielt diese an einer modernen italienischen Orgel, die die Firma Dell'Orte e Lanzini 2003 in der Pfarrkirche S Tomaso Di Gesso in Zola Predosa errichtet hat. Die beiden CD enthalten außerdem Musik von Johann Bernhard Bach I (1676 bis 1749) und seinem Sohn Johann Ernst Bach II (1722 bis 1777), Verwandtschaft aus der Erfurter Linie. Johann Friedrich Bach (1682 bis 1730) wiederum, Bachs Amtsnachfolger in Mühlhausen, war ein Sohn von Johann Christoph Bach. Johann Lorenz Bach (1695 bis 1773), ein Urenkel von Christoph Bach, gehört zur großen Schar der Schüler Johann Sebastians. Von ihm sind einzig Präludium und Fuge in D überliefert. In diesem Teil der Edition sind zudem alle Bach-Werke enthalten, deren Zuschreibung unsicher ist.
Die Orgelwerke der Bach-Söhne sind in dieser Box ebenfalls zu hören. Dem Schaffen Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 bis 1788) widmet sich Luca Scandali, ebenfalls an einer Orgel von Dell'Orte e Lanzini aus dem Jahre 2007, die sich in der Kirche Santa Maria Assunta von Vigliano Biellese befindet. Den wenigen Werken von Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784), die nicht verloren sind, hat Filippo Turri an einer Truhenorgel in der Abtei Santa Maria delle Carceri sowie an der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate in Padua eingespielt.
Dieses musikalische Projekt nahm seinen Anfang im Sommer 2015, als das Blockflötenquintett Seldom Sele- ne zum Internationalen Kammermu- sikfestival in Utrecht eingeladen war. Die künstlerische Leiterin, die Geigerin Janine Jansen, hatte die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach in den Mittelpunkt des Festivalprogrammes gestellt. Jedes Ensemble sollte sich mit dieser Musik auseinandersetzen – und die fünf Musikerinnen von Seldom Selene arrangierten einige der Variationen speziell für Blockflöten.
„The process and the result motivated us to carry on and prepare an arrangement of the entire work“, schreibt María Martínez Ayerza im Beiheft zur CD. „It may seem surprising that aan ensemble of five musicians chooses to arrange and perform a work which is mostly written in two or three parts, four at most. (..) However, in most tracks you will hear us all: due to the relatively small range of the recorder, five players are needed to play the complete Goldberg Variations comfortably without making any modifications, which, for us, is an essential condi- tion.“
Die fünf Flötistinnen musizieren subtil und routiniert; Registerwechsel erfolgen so dezent, dass sie kaum wahrzunehmen sind. Auch ihre Instru- mente harmonieren klanglich ausgezeichnet, obwohl sie von einem Dutzend (!) unterschiedlichen Flötenbauern auf drei Kontinenten ange- fertigt worden sind. So bietet diese exquisite Version von Bachs Clavier Übung, auch wenn sie diesmal nicht auf einem Clavicimbal ausgeführt wird, Wohlklang pur. Hinreißend schön!
Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach gelten als eines jener Werke, an denen die Qualitäten von Pianisten und Cembalisten deutlich werden. Nicht wenige Tastenspezialisten arbeiten an diesem Zyklus ein Leben lang.
Auch Pieter-Jan Belder hatte die Clavier Ubung / bestehend / in einer Aria / mit verschiedenen Veraende- rungen schon einmal eingespielt. Der niederländische Cembalist zeigt nun, nach 15 Jahren, wie sich seine Sicht auf dieses ikonische Werk verändert hat. In ebenso launigen wie kenntnisreichen Anmerkungen im Beiheft erläutert der Musiker zudem, was ihn an den Goldberg-Variationen so fasziniert.
Auch der Zuhörer wird fasziniert sein, denn Belders Einspielung ist sehr differenziert und gelungen. Als Instrument wählte er ein zauberhaftes Cembalo von Titus Crijnen aus dem Jahre 2014 nach einem Vorbild aus der Werkstatt Johannes Ruckers' von 1624.
Charles Burney (1728 bis 1814) ist heute in erster Linie durch seine Reiseberichte bekannt, in denen er mit durchaus spitzer Feder schil- derte, was er auf zwei ausgedehnten Studienreisen durch den Kontinent erlebt hat. Begegnet ist er dabei nicht nur Sängern und Musikern, sondern auch dem europäischen Adel.
Ziel des musikhistorisch interessier- ten Organisten, der aus Shrewsbury stammte und dann auch in Norfolk sowie in London wirkte, war es, auf seinen Reisen das Material für eine umfassende Darstellung der Musikgeschichte zu sammeln. Diese hat er dann in den Jahren 1776 bis 1789 in vier Bänden veröffentlicht. Erwähnenswert ist zudem eine Schrift im Gedenken an Georg Friedrich Händel, inklusive einer sorgsam erarbei- teten Biographie, die Burney 1785 publizierte.
Der Musiker wurde von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt und geachtet. In späteren Jahren erhielt er sogar eine Staatspension, und er starb als ein vermögender und hoch geehrter Mann. Dass er auch als Komponist ein gar nicht kleines Werk hinterlassen hat, ist weniger bekannt.
Auf zwei CD stellen Anna Clemente und Susanna Piolanti nun bei Brilliant Classics Sonaten vor, die Burney für Musikliebhaber geschrieben hat – zu spielen am Fortepiano oder am Cembalo zu vier Händen. Die Musikerin- nen haben dafür ein Tafelklavier ausgewählt, das ein Josephus Kirckman 1800 in London angefertigt hat. Es verfügt über ein Pedal mit einem Dämpfermechanismus; die Hämmerchen sind mit Hirschleder bezogen. Sein Klang ist facettenreich und faszinierend; die beiden Pianistinnen demonstrieren gekonnt insbesondere auch den erstaunlichen Farben- reichtum dieses Instrumentes.
Die Musikstücke sind elegant, und zu einer Zeit, da es kein Radio und kein Internet gab, waren sie sicherlich im gutbürgerlichen Haushalt auch eine willkommene Unterhaltung. Musikalisch sind sie aber kein wirklich großer Wurf, und mit ihren unendlich vielen Wiederholungen stellen sie die Geduld des Hörers heute mitunter schon auf die Probe.
Zu den Jubilaren des Jahres gehört Giulio Briccialdi (1818 bis 1881). Er kam in Terni zur Welt. Das Flöten- spiel erlernte er bei seinem Vater, der allerdings früh starb.
Giulio setzte daher seine Ausbildung in Rom bei Giuseppe Maneschi fort, und musizierte dann in verschiede- nen Opernorchestern. Sie wurden jeweils für eine Saison zusammen- gestellt. So kam der junge Musiker herum, und erwarb sich bald einen guten Ruf, was dazu führte, dass er zeitweise auch dem Grafen von Syrakus Flötenunterricht erteilen durfte, also dem Bruder des Königs von Sizilien.
Ab 1839 ging er auf ausgedehnte Konzertreisen, die ihn quer durch Europa bis nach London führten, und auch nach Amerika. Dabei lernte er viele Musiker kennen, wobei eine Begegnung für Briccialdi besonders wichtig war: In München traf er 1847 Theobald Böhm. Er engagierte sich auch selbst für die Weiterentwicklung der Böhm-Flöte; die Doppelklappe für den Daumen ist eine Innovation von Briccialdi.
1871 wurde der Flötenvirtuose Professor am Konservatorium von Florenz. Dort unterrichtete er, und er gründete zudem eine Werkstatt für den Flötenbau. Außerdem schrieb er Unterrichtswerke und er komponierte Musik, bevorzugt für sein Instrument.
Dass dieser bedeutende Flötist nur Insidern ein Begriff ist, liegt mit daran, dass er seine Werke zumeist nicht veröffentlicht hat. So sind auch diese vier Flötenkonzerte erst in diesem Jahr (!) bei Ricordi im Druck erschienen. Ginevra Petrucci und I Virtuosi Italiani präsentieren die brillanten Kompositionen auf dieser CD in Weltersteinspielung. Und diese Entdeckung lohnt sich, vom ersten bis zum letzten Ton. Grandiose Musik, sehr engagiert gespielt, unbedingt anhören!
Orgelmusik von Joseph Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) präsentiert der italienische Organist Carlo Guandalino auf dieser Doppel-CD. Geboren wurde Rheinberger in Liechtenstein. Schon als Sieben- jähriger soll er in Vaduz Organisten- dienste übernommen haben; mit zwölf Jahren ging er nach München, wo er am Konservatorium studierte. Er wurde Organist, bald auch Hoforganist, und begann, selbst zu unterrichten; 1867 wurde er zum Professor für Orgel und Komposition an der Königlich bayerischen Musikschule berufen, einem Vorläufer der heutigen Musikhochschule.
Er schuf eine große Anzahl an Werken, von Opern über Lieder, auch für Chöre, bis hin zu Sinfonien, Solokonzerten und Kammermusik. Bekannt ist Joseph Rheinberger heute insbesondere für seine Orgelmusik; er gilt für dieses Instrument als der wichtigste Komponist seiner Zeit.
Aus dem ebenso umfang- wie facettenreichen Werk hat Guandalino vier Kompositionen ausgesucht, die exemplarisch die Vielfalt von Rheinbergers Schaffen zeigen: Die Orgelsonate Nr. 4 op. 98 mit ihrem Rückgriff auf den mittelalterlichen tonus peregrinus, die Zehn Trios op. 49, die Passacaglia in e-Moll aus der Orgelsonate Nr. 8 op. 132 und die 12 Charakterstücke op. 156. Sie zeigen den Komponisten als einen Musiker, der sich von Moden wenig beeindrucken ließ.
Für seine Einspielung hat Carlo Guandalino eine moderne Orgel von Alessio Lucato ausgewählt, die sich in der Pfarrkirche in San Michele delle Badesse befindet, unweit von Padua. Dieses Instrument verfügt über insgesamt 30 Register auf zwei Manualen und Pedal, und Lucato selbst schreibt, sie sei „ispirato alla musica sinfonica per organo“. Insofern eignet sie sich gut für Rheinbergers farbenreiche Musik.
Das Leipziger Ensemble Camerata Bachiensis hat sich auf dieser CD der Musik von Johann Melchior Molter (1696 bis 1765) zugewandt. Über den Lebensweg des Thüringer Kompo- nisten, der als Hofkapellmeister in Karlsruhe sowie in Eisenach wirkte, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet.
Seine Musik verbindet deutsche Kontrapunktik mit italienischen und französischen Stilelementen - „vermischter Stil“, nennt das die Musikwissenschaft. Molter freilich dürfte einfach versucht haben, die Erwartungen seiner Auftraggeber zu erfüllen. Und diese wünschten sich musikalische Unterhaltung; galante Klänge, zu denen man seinerzeit durchaus geplaudert oder aber Karten gespielt hat.
So etwas muss nicht unbedingt musikalisch von minderem Wert sein, wie diese Aufnahme beweist. Die Camerata Bachiensis hat aus den Handschriften, die sich in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe befinden, ein hörenswertes Programm zusammengestellt. Die CD bietet eine Sinfonia, eine Ouvertüre, ein Concerto, eine Sonata à quadro für Oboe, Violine, Viola und Continuo sowie zwei weltliche Kantaten – allesamt in Weltersteinspielung. Musiziert wird gekonnt, und auch technisch ist die Aufnahme rundum bestens gelungen. Besonders hervorzuheben sind Roberto De Franceschi, der als Solist sowohl im Flötenkonzert als auch an der Oboe überzeugt, und die Sopranistin Julia Kirchner, die die beiden Kammerkantaten souverän gestaltet.
Auch diese CD ist dem Umfeld von Johann Sebastian Bach gewidmet: Der italienische Organist Emanuele Cardi spielt Werke von Johann Christian Kittel, Johann Ludwig Krebs, Johann Caspar Vogler, Johann Gottfried Walther, Carl Philipp Emanuel Bach und natürlich auch vom Meister höchstselbst.
Dass Bach nach seinem Tode vergessen wurde, bis zu dem Zeitpunkt, da ihn die Romantiker wiederentdeckten, erscheint mir eine Legende. Denn als Lehrer hat er die musikalische Landschaft mindestens so nachhaltig verändert, wie mit seinen Kompositionen. Seine Spuren finden sich über Generationen, auch wenn seine Schüler und Enkelschüler natürlich neue Entwicklungen in der Musik aufgegriffen haben.
Johann Christian Kittel (1732 bis 1809) wirkte in seiner Heimatstadt Erfurt als Organist. Er unterrichtete zahlreiche Schüler, und vermittelte auch mit seiner dreibändigen Orgelschule Der angehende Organist die hohe Kunst des Orgelspiels, wie er sie bei Bach gelernt hatte. Allerdings beeindruckten ihn Haydn und Mozart sehr, was man deutlich hören kann.
Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) war neun Jahre lang Schüler, Notenkopist und wohl auch ein Freund Bachs. Er war ein Orgelvirtuose von hohem Rang, und erhielt 1756 eine Anstellung als Hoforganist in Altenburg.
Johann Caspar Vogler (1696 bis 1763) lernte gleich zweimal bei Bach – einmal in seiner Vaterstadt Arnstadt, und dann später noch einmal in Weimar. Er wurde zunächst Organist im thüringischen Stadtilm, und dann Hoforganist in Weimar. 1735 bewarb er sich erfolgreich in Hannover. Doch der Herzog ließ ihn nicht gehen, so dass er letztendlich nicht Organist der Marktkirche wurde, sondern Bürgermeister in Weimar.
Johann Gottfried Walther (1684 bis 1748) war ein entfernter Verwandter Bachs. Er stammte aus Erfurt, und war in Weimar als Organist und als Musiklehrer des hochtalentierten Prinzen Ernst August tätig. Mit Johann Sebastian Bach war er befreundet.
Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) war der berühmteste der Bach-Söhne. Ab 1735 musizierte er als Cembalist in der Hofkapelle Friedrichs II. von Preußen, und 1768 wurde er schließlich der Nachfolger seines verstorbenen Paten Georg Philipp Telemann als Musikdirektor und Kantor am Gymnasium Johanneum in Hamburg. Er war ein Musiker, der in ganz Europa wahrgenommen und verehrt wurde.
Cardi hat mit viel Geschick eine Werksauswahl zusammengestellt, die Querverbindungen aufzeigt, aber auch Individualität herausarbeitet. Für seine Einspielung wählte der Organist ein zweimanualiges Instrument, das sich in der Kirche San Martino im italienischen Cimego befindet. Es wurde 2014 von Giorgio Carli nach dem Vorbild der Silbermannorgeln im sächsischen Großhartmannsdorf sowie im benachbarten Helbigsdorf errichtet. Dabei orientierte sich der Orgelbauer sehr stark an den beiden Originalen. Einzig das Register Trompete 8' im Hauptwerk hat er wohl ergänzt. Und als Stimmton wählte er 440 statt der historischen 465 Hertz.
Das zentrale Werk auf dieser CD ist die Missa Dolorosa von Antonio Caldara (1670 bis 1736). Der Komponist, aufgewachsen in Venedig, wirkte als Kapellmeister unter anderem in Mantua und Rom. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er in Wien, wo er als Vizekapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. tätig war, und Ruhm und Wohlstand erwarb. Für die Hofkapelle komponierte Caldara eine enorme Anzahl von Werken, die in den letzten Jahren zunehmend wieder erschlossen werden.
So darf der neugierige Hörer immer wieder Kompositionen neu entdecken, die bislang auf CD noch nicht verfügbar waren. Das gilt auch für die vorliegenden Aufnahmen – obwohl Brilliant Classics dies nicht explizit mitteilt. Aufgezeichnet wurden sie über einen verblüffend langen Zeitraum – vom Jahre 2000 bis 2015. Dennoch muss man sagen, dass der Anspruch, mit dem die Vokalisten und Instrumentalisten von La Silva unter der Leitung von Nanneke Schaap sich mit Caldaras Werken beschäftigen, durch die Interpretationen letztendlich nicht in befriedigender Weise eingelöst wird.
Diese Werke darf man nicht unterschätzen. Die prunkvolle Missa Dolorosa, 1735 uraufgeführt, das sechzehnstimmige (!) Crucifixus oder aber die eher intimen Motetten sind für die kaiserliche Hofkapelle entstanden. Dort müssen insbesondere auch exquisite Sänger verfügbar gewesen sein – eine Ressource, mit der das niederländisch-italienische Ensemble nur sehr begrenzt aufwarten kann. Schade!
Der Geiger Bartolomeo Campagnoli (1751 bis 1827) stammte aus Cento in Oberitalien, und war ein Schüler von Pietro Nardini. Nach ersten Erfah- rungen in italienischen Orchestern und erfolgreichen Konzertreisen, die den Musiker nach Deutschland, Polen und Skandinavien führten, stand der Virtuose zunächst im Dienst verschiedener Fürstenhäuser. 1797 wurde er Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, und er gehörte zur Urbesetzung des 1808 gegründeten Gewandhaus-Quartetts.
Campagnoli war auch ein bedeutender Violinpädagoge, der wichtige Lehrwerke geschrieben hat. Auf dieser CD sind allerdings seine sechs Flötenquartette zu hören. Diese reizvollen Werke erinnern an Serenaden, und kombinieren Wiener Klassik mit italienischer Kantabilität. Das Ensemble Il Demetrio musiziert, mit Gabriele Formenti, Traversflöte, Maurizio Schiavo, Violine, Mauro Righini, Viola, und Antonio Papetti, Violoncello. Nicht nur akustisch dominiert die Traversflöte diese Aufnahme. Die Streicher bleiben leider ein wenig im Hintergrund; auch klanglich überzeugt ihr Part neben Formentis elegantem Flötenspiel leider nicht durchweg. Nicht alle Passagen sind souverän gestaltet, was insgesamt das Hörvergnügen doch etwas beeinträchtigt.
Dass Johann Joachim Quantz (1697 bis 1773), der Flötenlehrer Friedrichs des Großen, zahlreiche Werke für die Traversflöte komponiert hat, ist allgemein bekannt. Er hat allerdings auch einige Konzerte und Sonaten für die Blockflöte geschrieben, in denen er diese teils allein, teils gemeinsam mit Traversflöte oder Violine er- klingen lässt. Stefano Bagliano, einer der besten Blockflötisten Europas, stellt auf dieser CD gemeinsam mit dem Collegium Pro Musica zwei Concerti und zwei Triosonaten vor. Wunderschön!
So könnte die Musik zur Ostermesse im Markusdom zu Venedig um das Jahr 1600 geklungen haben. Das Ensemble San Felice, dirigiert von Federico Bardazzi, musiziert gemeinsam mit dem Coro Ensemble Capriccio Armonico, der von Gianni Mini geleitet wird. An der Orgel ist Dimitri Betti zu hören.
Die Aufnahme ist zugleich ein Beitrag zum 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643), der im vergangenen Jahr festlich begangen wurde. So alternieren in diesem Programm Sätze aus Monteverdis Messa a 4 da cappella SV 257 aus dem Selva morale e spirituale und Instrumentalmusik von Giovanni Gabrieli sowie Giovanni Paolo Cima. Komplettiert wird die Rekonstruktion der Liturgie durch einige gregorianische Gesänge.
Es ergibt sich das Bild einer Messe, die nicht nur feierlich begangen, sondern dabei auch ausgesprochen üppig musikalisch ausgestaltet wurde. Allerdings sind sich die Mitwirkenden, was die Tempi angeht, leider nicht immer ganz einig. Und die Singstimmen klingen nach Oper, nicht nach „Alter“ Musik, was das Vergnügen an dieser Einspielung mitunter etwas schmälert.
Monteverdi XL ist nun vollständig: Mit einer Neueinspielung der Libri V und VI schließt das Ensemble Le Nuovo Musiche unter Leitung von Krijn Koetsveld seine Gesamtauf- nahme der Madrigalbücher von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) ab.
In den acht zu Lebzeiten den Komponisten veröffentlichten Madrigalbüchern lässt sich der Übergang von der strengen Polyphonie („stile antico“) zu den erweiterten harmonischen Möglichkeiten der „nuova pratica“ nachvollziehen. Es ist ein wichtiger Schritt auf dem Wege von der Renaissance zum Barock. Ein neuntes Buch, das nach dem Tode Monteverdis erschienen ist, erweist sich als eine Sammlung früher Werke im alten Stil.
Die niederländischen Alte-Musik-Spezialisten singen wirklich hinreißend. Wer an Monteverdis Madrigalen den Wohlklang schätzt, der wird mit dieser Aufnahme glücklich sein. Wer allerdings nicht nur schöne Töne, sondern vor allem auch Ausdrucksstärke wünscht, der wird eine andere Aufnahme auswählen müssen.