Mit Chormusik hat sich Johannes Brahms (1833 bis 1897) zeitlebens beschäftigt. Er hat selbst sehr verschiedene Chöre geleitet, und eine Vielzahl von weltlichen und geistlichen Chorwerken komponiert.
Die Mitglieder des Rundfunkchores Berlin schätzen diese Kompositionen sehr. Gijs Leenaars, Chefdirigent und künstlerischer Leiter, freut sich darüber, dass nun mit dieser CD einen Herzenswunsch des Ensembles verwirklicht wurde. Das Album hat ein interessantes Konzept: „Ich finde, eine große Stärke des Rundfunkchores Berlin ist seine Wandlungsfähigkeit“, so der Chorleiter, „sowohl als großes Instrument für Chorsinfonik, bei der die richtige Balance zwischen Orchester und Vokalstimmen eine Herausforderung darstellt, als auch für die A-cappella-Arbeit, bei der die eigene fein trainierte Klangvorstellung sehr wichtig ist.“
Brahms fordert beides – und die Profis aus Berlin haben für diese CD ein Programm zusammengestellt, das den ganzen Reichtum seines Schaffens auf allerhöchstem Niveau präsentiert. Es beginnt mit dem Schicksalslied op. 54, einer der bedeutendsten Kompositionen für Chor und Orchester von Johannes Brahms, gefolgt von der A-cappella-Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen op. 74 Nr. 1. Zu hören sind auch die Nänie op. 82 für gemischten Chor und Orchester, die Drei Gesänge op. 42 für sechsstimmigen Chor a cappella, Es tönt ein voller Harfenklang op. 17 Nr. 1 für dreistimmigen Frauenchor, Horn und Harfe sowie das Geistliche Lied op. 30 für gemischten Chor und Streichorchester in einem Arrangement von Sir John Gardiner.
Die meisten dieser Stücke sind selten zu hören, weil Laienchöre damit heutzutage üblicherweise heillos überfordert wären. Umso mehr freut man sich über die farben- und nuancenreiche Interpretation dieser Pretiosen der Chorliteratur durch den Berliner Rundfunkchor; das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin übernimmt den Orchesterpart. Exzellent!
Dass Tianwa Yang auch Standardrepertoire kann, zeigt sie beim Violinkonzert von Johannes Brahms (1833 bis 1897). Dieses spielt sie wirklich phänomenal; sie musiziert technisch brillant, klug strukturiert und mit herrlichem, beseelten Ton. Unterstützt wird sie dabei durch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Antoni Wit, das in der bewährten Akustik der Berliner Jesus-Christus-Kirche seinen Part zu dieser Aufnahme beiträgt, die an Klangschönheit kaum zu übertreffen ist. Auf der CD erklingt zudem Brahms' populäres Doppelkonzert, das Tianwa Yang gemeinsam mit dem Berliner Cellisten Gabriel Schwabe interpretiert. Wie diese beiden Solisten miteinander in den Dialog treten, das ist einfach großartig. Eine Einspielung, die bis zur letzten Note spannend bleibt.
Das Orchesterwerk von Max Reger (1873 bis 1916) ist umfangreich und vielfältig. Schon beim Auspacken dieser 12-CD-Box, die jetzt die Deutsche Grammophon quasi als verspätete Gabe zum hundertsten Todestag des Komponisten, nach- gereicht hat, gerät man ins Staunen. Denn der Komponist ignorierte sowohl Gattungsgrenzen als auch stilistische Moden.
Hört man seine Musik an, so wird man feststellen: Alles ist möglich – vom knappen Scherzino, launig „compostiert“ für Horn und ein Dilettantenorchester, bis hin zur großformatigen Vertonung des 100. Psalms op. 106, mit dem sich Reger 1908/09 für die Verleihung des Ehrendoktors durch die Universität Jena bedankte, und vom außer- ordentlich komplexen Violinkonzert op. 101 bis zur fein ziselierten Ballett-Suite op. 130, und vom Requiem nach einem Text von Friedrich Hebbel bis zu zahlreichen Orchesterliedern. Reger war ein wirklich bedeutender Meister, der sein Handwerk rundum beherrschte, der sich auf die Kunst der Instrumentierung verstand, das Spiel mit Klangfarben und Klangeffekten liebte, dabei sehr eigenwillig war – und mitunter auch ausgesprochen witzig.
Umso erfreulicher ist es, dass die Deutsche Grammophon mit dieser Edition einen Schatz gehoben hat, der lange Zeit nicht zugänglich war. Denn die Grundsubstanz entstammt der legendären Reger-Edition des Labels Koch-Schwann, dessen Katalog sich mittlerweile im Besitz von Universal Music befindet. Und somit sind nun die grandiosen Reger-Aufnahmen, die die Bamberger Symphoniker in den 90er Jahren unter Leitung von Horst Stein eingespielt haben, endlich wieder zugänglich.
Erweitert wurde diese Edition durch einige Werke, die mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Gerd Albrecht und Uroš Lajovic in den 80er Jahren aufgezeichnet worden sind. Neu hinzugekommen sind zudem Aufnahmen des Hebbel-Requiems op. 144B, des Requiem-Fragmentes, und die Erstveröffentlichung des Gesangs der Verklärten op. 71 auf CD überhaupt. Zu hören sind hier neben einem hochkarätigen Solisten- quartett der NDR Chor und das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Roland Bader.
"Ich glaube, dass die Synthese der dem Ohr eingängigen Melodien mit einer neuartigen rücksichts- losen Harmonik und harten ver- wegenen Rhythmik etwas ganz Neues ist, das Sie der Opernbühne bringen." Das schrieb Librettist Max Brod kurz vor der Urauffüh- rung der Oper Nana an den Kom- ponisten Manfred Gurlitt, der das Werk geschaffen hat.
Gurlitt (1890 bis 1972) wuchs in Berlin auf, und studierte dort am Sternschen Konservatorium Musiktheorie und Komposition. Er assistierte einigen namhaften Kapellmeistern, und begann dann selbst eine derartige Laufbahn. 1924 wurde er in Bremen Generalmusikdirektor; drei Jahre später wechselte er an die Kroll-Oper nach Berlin. Doch seine Karriere brach dann ab, weil ihn die Nazis zum "jüdischen Mischling zweiter Ordnung" erklärten, was den Ausschluss aus der NSDAP und eine spürbare Beschränkung seiner künstlerischen Tätigkeit mit sich brachte.
Kurioserweise rettete Gurlitt vor dem Rassenwahn nicht einmal die eidesstattliche Erklärung seiner Mutter, er sei mitnichten ein Sohn des Kunsthändlers Fritz Gurlitt, dessen Mutter eine Jüdin war, sondern das Resultat ihrer Beziehung zu dessen Geschäftsführer Willi Waldecker (den Annarella Gurlitt nach dem Tode ihres Ehemannes umgehend geheiratet hat). 1939 ging Gurlitt nach Japan, wo er als Professor an der Kaiserlichen Musikakademie wirkte, und als Dirigent der Fujiwara Opera Company. Später gründete er die Gurlitt Opera Company, die er bis 1970 leitete. Mit diesen Ensembles führte er zahlreiche europäische Opern erstmals in Japan auf - zumeist in japanischer Sprache - und prägte somit das Musikleben des Landes stark.
In Deutschland konnte er sich nicht wieder etablieren. Zwar erhielt er 1957 das Bundesverdienstkreuz, und 1958 erlebte endlich auch seine Oper Nana, die er in den 30er Jahren komponiert hatte, am Theater Dortmund ihre Premiere. Doch Gurlitts Werke konnten sich im Musik- betrieb, der sich in jenen 20 Jahren ja ebenfalls weiterentwickelt hatte, nicht behaupten. Und so gerieten sie in Vergessenheit.
Das Label Crystal Classics hat sich nun die Rehabilitation Manfred Gurlitts auf seine Fahnen geschrieben. In Weltersteinspielungen erschienen dort einige wichtige Werke des Komponisten: Die Goya-Symphony sowie die Vier dramatischen Gesänge für Sopran und Orchester mit der exzellenten Sängerin Christiane Oelze und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Antony Beaumont, Wozzeck mit diversen Solisten, dem Rias-Kammerchor und dem Rundfunk-Kinderchor Berlin sowie dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Gerd Albrecht. Und natürlich die Oper Nana, 2010 wieder- aufgeführt am Theater Erfurt und hier zu hören in einem Live-Mitschnitt.
Es ist die Geschichte einer jungen Dame, die durch einen Theater- direktor entdeckt wird - im Bett seines Operettenkomikers. Sie zeichnet sich nicht unbedingt durch Talent aus, ist aber hübsch und hat lange Beine. Und so bestätigt die Geschichte einmal mehr den bösen Spruch, dass Männer ohnehin besser sehen als hören können. Denn Nana macht rasant Karriere, auf der Bühne ebenso wie in der Männerwelt. Dass dies ein schlimmes Ende nehmen wird, ist keine Überraschung.
Zu hören sind Solisten und Opernchor des Theaters Erfurt sowie das Philharmonische Orchester unter Enrico Calesso. Die Aufführung hat leider Stadttheater-Niveau - aber die Oper ist interessant, und deshalb ist diese 3-CD-Box musikhistorisch durchaus spannend.
Wie integriert man ein Streichtrio in eine Sinfonia concertante? Der junge Ludwig van Beethoven (1770 bis 1824) hat es ausprobiert - und stellte 1808 sein sogenanntes Tripelkonzert vor. Den Klavierpart passte der Komponist dabei den Möglichkeiten seines Schülers Erzherzog Rudolf von Österreich an. Und nicht nur das Solistentrio als solches tritt dem Orchester ge- genüber - auch das Klavier erhält mitunter eine eigenständige Rolle gegenüber den beiden Streichern.
Kolja Blacher und Johannes Moser musizieren auf Violine und Violoncello sehr elegant, und mit schlankem, singendem Ton. Mari Kodama nimmt sich am Klavier eher zurück. Dafür greift die Pianistin dann bei Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll op. 37 umso nachdrücklicher in die Tasten, sie spielt kraftvoll und behauptet sich ganz entschieden gegen das Orchester, das von Kent Nagano - man möchte fast sagen in die Schlacht - geführt wird.
Über dieses Werk berichtet Ignaz Xaver Ritter von Seyfried, weiland Kapellmeister des Theaters an der Wien und ein enger Freund Beet- hovens, er sei gebeten worden, dem Komponisten, der den Klavier- part spielte, die Noten umzublättern. Doch bei der Uraufführung erlitt er einen Schock: "Ich erblickte fast lauter leere Blätter, höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar mir recht unverständliche ägyptische Hieroglyphen hingekritzelt." Ob es sich dabei um einen der berüchigten Scherze Beethovens handelte, werden wir nicht mehr klären können. Auch Mozart räumt ja gelegentlich ein, dass er es nicht geschafft habe, seinen Part rechtzeitig zu Papier zu bringen.
Beethoven orientierte sich hörbar an Mozarts c-Moll-Konzert KV 491. Der Komponist zeigt den Solisten als einen Solitär in der Masse, hier verkörpert durch das Orchester. Sein Part ist nicht mehr spielerisch, sondern heroisch, ja herrisch und erhaben. Diese Inszenierung gelingt Mari Kodama und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Kent Nagano grandios; obwohl das Werk nicht eben selten zu hören ist, erlebt man eher selten eine solche Klarheit und Entschiedenheit in der Interpretation.
Schon bei den ersten Takten, die selbstverständlich - es handelt sich um eine der sechs Märchenopern von Engelbert Humperdinck (1854 bis 1921) - dahergewagnert kommen, wird es jedermann klar, dass diese Geschichte nicht glücklich enden wird wie Hänsel und Gretel, das wohl berühmteste musikalische Weihnachtsmärchen des deutschen Stadttheaters.
Die Handlung der Königskinder ist eher ein Stück für den Psychoana- lytiker als eine Geschichte, die man Kindern erzählen kann: Tief im Wald lebt ein junges Mädchen bei einer Hexe, die sich als seine Großmutter ausgibt, und die "Trulle" als Gänsemagd und Mädchen für alles fleißig schaffen lässt. Weil sie ihre Sehnsucht nach anderen Menschen äußert, bannt sie die Alte mit einem Zauber, so dass sie den Wald nicht verlassen kann, und lässt sie zudem ein giftiges Brot backen, das nicht verdirbt.
Als die Hexe in den Wald geht, um "Pilze und Würzlein" zu suchen, trifft ein Königssohn, der sich im Wald verirrt hat, auf die Gänsemagd. Bei allerlei neckischen Spielchen zerreißt ihr Kränzlein - Freud lässt grüßen - und er gibt ihr eine Krone dafür. Doch dann kann sie sich vom Bann nicht befreien; der Königssohn zieht allein weiter. Und die Hexe sperrt die Trulle ein.
Da kommen ein Spielmann, ein Holzhacker und ein Besenbinder des Weges. Sie erzählen der Hexe, dass der König gestorben ist, und dass die Leute nun nach einem neuen König suchen. Außerdem verraten sie der Gänsemagd, wer ihre Eltern waren - und diese fasst Mut, und bricht mit dem Spielmann auf, den Königssohn zu suchen.
Zur Mittagsstunde trifft die Gänsemagd in der Stadt Hellabrunn ein, die sich bereits rüstet, um den König zu empfangen. Dieser soll, so hat es die Hexe prophezeit, eben mit dem Schlag der Mittagsglocke das Stadttor passieren. Sie begegnet dem Königssohn, der sich zwischen- zeitlich als Schweinehirt verdingt hatte, um Erfahrungen zu sammeln, und sie präsentieren sich den Bürgern als das neue Herrscherpaar. Doch diese finden das gar nicht lustig, und jagen die beiden davon.
Das Finale ist entsprechend gruslig. Die Jahreszeit: Winter. Der Ort: Das frühere Hexenhaus, in dem nun der Spielmann haust, der miss- handelt und aus der Stadt verjagt wurde, weil er sich als Fürsprech für das junge Paar eingesetzt hat. Die Hütte haben die Bürger demoliert, und die Hexe verbrannt. Nun kommen ihre Kinder mit Holzhacker und Besenbinder, um ihn zurückzuholen, weil es ohne Lieder gar zu langweilig ist. Doch zuvor soll er mit den Kindern das Königspaar suchen. Holzhacker und Besenbinder bleiben in der Hütte zurück. Als der Königssohn dort anklopft, und um Essen und Trinken für seine kranke Gefährtin bittet, weisen sie ihn ab. Als er die Krone zerbricht, um Nahrung zu kaufen, geben sie ihm, was sie in der Hütte gefunden haben: Das vergiftete Brot der Hexe.
Königskinder wurde 2008 von Deutschlandradio Kultur im Großen Saal der Philharmonie Berlin aufgenommen. Zu hören sind unter anderem Juliane Banse als Gänsemagd, Gabriele Schnaut als Hexe, Klaus Florian Vogt als Königssohn, Christian Gerhaher als Spielmann, sowie Andreas Hörl und Stephan Rügamer als Holzhacker und Besenbinder. Es singen der Rundfunkchor Berlin und der Berliner Mädchenchor. Es spielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, es dirigiert Ingo Metzmacher. Und der nimmt Humperdincks traurige Geschichte kristallklar, kein bisschen romantisch überzuckert und verklärt - was ihre Brutalität offen zutage treten lässt.
Anders als sein großes Vorbild setzte Humperdinck nicht systema- tisch auf Leitmotive, die Personen, Beziehungen oder Handlungen zugeordnet sind. Er setzt eher auf harmonisch-atmosphärische Bezüge, zitiert hier und da ziemlich offen Wagner, und verwendet sehr viel Sorgfalt auf die stilistische Trennung der Spielräume und auf die Gestaltung der zeitlichen Abfolge. Kein Happy End, keine grandiosen Arien. Kein Wunder, dass dieses Stück auf dem Spielplan der Theater und Opernhäuser heute nicht mehr zu finden ist. Hört man die Musik, wird man freilich sagen: Schade drum.