„Beethoven’s world“ erkundet eine CD-Reihe bei Sony – und dabei handelt es sich, das lässt sich nach den beiden ersten Neuerscheinungen bereits sagen, ohne Zweifel um wichtige Beiträge zum Jubiläumsjahr.
Mit diesem Aufnahmeprojekt zeigt sich Reinhard Goebel einmal mehr als exzellenter Kenner der Musikgeschichte und des Repertoires. Denn nach Violinkonzerten von Franz Clement (1780 bis 1842), Widmungsträger von Beethovens Violinkonzert, bietet Vol. 2 nun weitere Entdeckungen.
Den Anfang macht eine irrwitzig virtuose Sinfonia Concertante für zwei Violoncelli und Orchester von Antonín Reicha (1770 bis 1836). Auch das nachfolgende Concertino op. 72 von Bernhard Romberg (1767 bis 1841) stellt allerhöchste Ansprüche an die beiden Solisten; es ist ein knackiges Stück, dass Romberg seinerzeit gemeinsam mit seinem Sohn Karl auf Konzertreisen vorgetragen hat.
Konzerte für zwei Violoncelli sind rar – insofern sind die beiden Stücke durchaus interessant. Bruno Delepelaire und Stephan Koncz, beide Mitglieder der Berliner Philharmoniker, präsentieren diese Werke höchst ansprechend. Sie musizieren mit der Deutschen Radio Philharmonie Kaiserslautern unter Leitung von Reinhard Goebel, der für dieses Album neben der Reicha-Sinfonia auch noch eine weitere Weltersteinspielung parat hatte: Das Divertisment für Fasching Dienstag von Josef von Eybler (1765 bis 1846), weiland k.u.k. Hofkapellmeister. Das Stück ist höfische Gebrauchsmusik, und dafür ist es gar nicht schlecht.
Zur Musik gibt es ein Beiheft mit einem durchaus interessanten Text aus der Feder von Reinhard Goebel. Als Autor äußert sich der Musiker gewohnt launig; der wirklich informative Aufsatz wäre allerdings noch besser, wenn Goebel darauf verzichten könnte, die Dinge ins Negative zu verzeichnen. Maßstäbe wandeln sich – das dürfte doch keiner besser wissen als der Dirigent und Musikhistoriker.
Der Pariser Instrumentenbauer Jean-Nicolas Savary le jeune (1786 bis 1853) hat die Entwicklung des Fagot- tes entscheidend mit beeinflusst. Zeitgenossen galt er als „the Stradi- vari of the bassoon“, so Charles Russel Day 1891; seine Instrumente waren nicht nur in Frankreich, sondern auch in England sehr begehrt und wurden von den besten Musikern seiner Zeit gespielt. Es verwundert daher nicht, dass andere Werkstätten sich an diesen Fagotten mehr oder minder deutlich orientierten.
Mehr als 60 Fagotte des Instrumentenbauers sind bis zum heutigen Tage erhalten geblieben; einige davon sind auch noch spielbar. In einem For- schungsprojekt an der Hochschule der Künste Bern haben Musikwissen- schaftler Sebastian Werr und Fagottist Lyndon Watts diese Instrumente untersucht und festgestellt, dass eine Entwicklung vom Fagott des späten 18. Jahrhunderts hin zum typischen französischen Basson, mit seinem markanten Klang, zu verzeichnen ist. Verändert habe sich auch die Mechanik; sie wurde von acht auf 17 Klappen erweitert.
Savary le jeunes Originalinstrumente sind noch heute gesucht – nach- gebaut wurden sie aber bislang nicht. Das wollten die Forschenden ändern, mit dem Ziel, romantische Fagotte für den heutigen Spielbetrieb verfügbar zu machen. Sie fanden ein Savary-Fagott, das sich als Vorbild eignete. Der Schweizer Fagottbauer Walter Bassetto aus Frauenfeld fertigte dann ein Instrument an. Es wird wohl nicht das letzte gewesen sein; die Hochschule jedenfalls will zukünftig jungen Musikern die Auseinander- setzung mit französischer und italienischer Musik jener Zeit in historisch informierter Aufführungspraxis als Vertiefungsrichtung anbieten.
Auf dieser CD präsentiert Lyndon Watts den Savary-Nachbau; gemeinsam mit Edoardo Torbianelli, Hammerklavier, und Marion Treupel-Franck, Flöte, spielt er Werke von Giuseppe Tamplini (1817 bis 1888), Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827), Anton Reicha (1770 bis 1838) und Gioachino Rossini (1792 bis 1868).
Raphael Wallfisch spielt virtuose Cellomusik - Werke aus jener Zeit, da das Instrument, soeben dem Continuo entwachsen, zunehmend mit solistischen Aufgaben betraut wurde. So verwundert es nicht, dass zwei der Komponisten, deren Stücke Wallfisch hier präsentiert, selbst exzellente Cellisten waren. Josef Reicha (1752 bis 1795) wirkte zunächst als Solocellist in der Kapelle des Fürsten Kraft Ernst von Oettingen-Wallerstein, und später als Konzertmeister und Musikdirektor der Kurfürstlichen Hofkapelle in Bonn. Sein Cello- konzert in A-Dur op. 4 Nr. 1 klingt noch ganz erstaunlich nach Mozart. Franz Danzi (1763 bis 1826), Solocellist in Mannheim und München, ist auf dieser CD vertreten mit Variationen über Là ci darem la mano aus Mozarts Don Giovanni - ein zauberhaftes Werk, das in erster Linie Charme und Grazie dieses Duettes betont.
Carl Maria von Weber (1786 bis 1826) wiederum war mit Danzi eng befreundet. Sein Konzert Grand pot-pourri op. 20 aus dem Jahre 1808 ist nicht zuletzt eine Verneigung vor Danzi - und zudem ein musikalischer Spaß von hohen Graden. Weber inszeniert das Cello wie einen Opernstar; er lässt es vor einer dramatischen Kulisse singen.
Louis Spohr (1784 bis 1859) war einer der besten Geiger seiner Zeit. Er war unglaublich populär, und galt zu Lebzeiten auch als einer der führenden Komponisten. Sein Violinkonzert Nr. 8 in a-Moll op. 47, in Form einer Gesangsszene, war offenbar noch für die nachfolgende Generation so attraktiv, dass der Cello-Virtuose Friedrich Grützma- cher (1832 bis 1903) eigens eine Version für Violoncello arrangier- te. Und nicht umsonst sagt man dem Instrument nach, dass es singen könne wie die menschliche Stimme.
Wallfisch nutzt diese vier doch recht unterschiedlichen Werke, um verschiedene Facetten des Celloklanges zu demonstrieren - von der schlanken, beweglichen, fast noch barock geführten Stimme bis hin zum satten, grandiosen Belcanto. Das Northern Chamber Orchestra aus Manchester unter Nicholas Ward begleitet ihn dabei stilsicher - und zeigt auf, welch enorme Vielfalt an musikalischen Handschriften und Ideen in Deutschland blühte, als sich noch jeder Hof sein Orche- ster leistete.
Es klingt fast wie Beethoven - doch es ist Reicha, man staune! Das Guarneri Trio aus Prag spielt die ersten drei der Six grands trios concertants, die 1824 als Opus 101 in Paris erstmals erschienen sind. Sie sind von klassischem Zuschnitt und lassen jedes Instrument sei- nem Klangcharakter entsprechend zu Wort kommen - sehr schön, sehr harmonisch und sehr hörenswert.
Wer sich für die Biographie von Anton Reicha (1770 bis 1836) in- teressiert, der sei auf einen kürz- lich veröffentlichten Beitrag in diesem Blog verwiesen - oder auf das Beiheft zu dieser CD, wo über das Leben des Komponisten sehr aus- führlich und liebevoll berichtet wird.
Das Guarneri Trio musiziert seit 1986 zusammen. Cenek Pavlík spielt die Violine "Zimbalist" von Giuseppe Guarneri del Gesù aus der Geigensammlung von Luigi Tarisio, Marek Jerie ein Violoncello von Andrea Guarneri aus dem Jahre 1684. Pianist Ivan Klánský nutzt einen modernen Flügel; musiziert wird versiert, aber nicht histori- sierend. Die drei Prager Musiker begeistern durch ihr perfektes Zusammenspiel und ein breites Spektrum an Klangfarben, das sie sehr gezielt und gut abgestimmt einsetzen. Das macht diese Aufnahme zu einem musikalischen Ereignis, das ich nur empfehlen kann.
Antonius Josephus Reicha (1770 bis 1836) war der Sohn eines Pra- ger Stadtpfeiffers. Sein Vater starb jedoch, als er noch in den Windeln lag. Reicha wuchs daher am 1781 bei seinem Onkel Joseph auf, der als Cellist und Kapellmeister der Hofkapelle des Fürsten Krafft Ernst von Oettingen-Wallerstein eine so- lide Position hatte, und den Neffen adoptierte. Er unterrichtete seinen Ziehsohn in den Fächern Klavier, Violine, Flöte und Komposition. 1785 wechselte Joseph Reicha als Kapellmeister der Kurfürstlichen Hofkapelle nach Bonn. Dort musi- zierte bald auch Anton mit; er erhielt eine Stelle als Zweiter Flötist. In diesem Orchester lernte er einen anderen Musiker kennen, mit dem er zeitlebens eng befreundet blieb: Ludwig van Beethoven spielte dort Bratsche, an einem der hinteren Pulte.
Als die Franzosen das Rheinland besetzten, wurde das Orchester auf- gelöst. Anton Reicha ging als Musiklehrer nach Hamburg, später dann nach Wien, wo er Unterricht bei Johann Georg Albrechtsberger und Antonio Salieri nahm, selbst jedoch auch bereits sehr erfolgreich war als Komponist von Gelegenheitsmusik. 1808 ließ sich Reicha schließ- lich in Paris nieder; 1818 wurde er dort am Konservatorium Professor für Kontrapunkt. Zu seinen Studenten gehörten unter anderem Franz Liszt, Hector Berlioz, Charles Gounod und César Franck.
Seine Werke sind heute fast nur noch Bläsern bekannt. Denn Reicha gilt als der Vater des Bläserquintetts. Für diese Besetzung schuf er allein zwischen 1811 und 1820 mehr als 24 Werke. Sie waren für fünf Professoren am Pariser Conservatoire bestimmt, die außerordentlich virtuos Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott spielten. Ihre Kon- zerte müssen ein Ereignis gewesen sein; wenn sie der Öffentlichkeit ein neues Werk Reichas vorstellen wollten, dann soll sich das Publi- kum um den Einlass schier geprügelt haben.
Das Ensemble Island stellt auf dieser CD zwei ebenso ausgefallene Werke des Komponisten vor: Das Grand Quintet und die Variationen für Fagott und Streichquartett. Sie zeigen, dass Reicha für seine Zuhörer nicht nur jede Menge Überraschungen parat hatte, sondern offenbar auch ein Mann von Humor war, der das strenge Regelwerk der Form virtuos zu handhaben wusste. Jane Gower demonstriert, wie phantastisch ein Fagott - und wir sprechen hier vom historischen Instrument der damaligen Zeit, nicht vom modernen Fagott mit seinem Klappensystem - klingen kann, wenn es nur gut gespielt wird. Diese CD lässt den Zuhörer staunen. denn gemeinsam mit Madeleine Easton und Alice Evans, Violine, Galina Zinchenko, Viola und Cathe- rine Jones, Violoncello bringt Gower diese Musik regelrecht zum Swingen. Reichas tänzerische Sätze hüpfen so fröhlich daher, dass es eine Lust ist, und sein Lento arioso wirkt in seiner sanglichen Gestal- tung so edel, dass man sich nur wundern kann, wie so etwas mit einem Fagott möglich ist. Bravi!