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Montag, 2. August 2021

Popper: Cello Concertos (Naxos)


 David Popper (1843 bis 1913) gehörte zu den großen Cello-Virtuosen seiner Zeit. Über den Lebensweg des Musikers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet; er stammte aus Prag, wo er auch am Konservatorium bei dem Cellisten August Julius Goltermann studierte. 1868 wurde Popper Solocellist der Wiener Hofoper, empfohlen durch Hans von Bülow. Doch diese Stelle gab er schon fünf Jahre später wieder auf, weil er sich auf seine Konzertreisen konzentrieren wollte. 

Popper hat, wie seinerzeit üblich, auch komponiert. Ein fester Bestandteil des Repertoires angehender Cellisten sind allerdings weniger seine Konzerte als vielmehr seine teilweise höchst anspruchsvollen Etüden. Insbesondere mit der Hohen Schule des Violoncellospiels reagierte der Musiker auf die Weiterentwicklung der Spieltechnik nach der Einführung des Stachels. David Popper hat immer auch Schüler unterrichtet; er war ein gesuchter Musikpädagoge, und 1896 wurde er Professor an der Musikakademie in Budapest. 

Die vier Violoncello-Konzerte von David Popper sind leider selten zu hören. Martin Rummel, der sich schon seit etlichen Jahren intensiv mit dem Schaffen seines berühmten Kollegen auseinandersetzt, hat diese Werke für Naxos eingespielt. In seinem Spiel kombiniert er Eleganz und Kraft mit der notwendigen Virtuosität – scheinbar mühelos bewältigt Rummel all die technischen Parade-Effekte, die Popper einst in seine Konzertsätze einbaute. Ob Flageolett-Passagen oder Mehrfachgriffe, jeder Ton sitzt perfekt; und der Solist musiziert stets mit schönem Ton und beeindruckendem Ausdruck. 

Bei den drei ersten Cellokonzerten wird Martin Rummel vom Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice unter Leitung von Tecwyn Evans begleitet. Beim vierten Cellokonzert in h-Moll op. 72 entschied er sich für die Klavierversion, und musiziert gemeinsam mit Mari Kato. 

Mittwoch, 18. März 2020

The Golden Age (Genuin)

Vor einiger Zeit hat Christoph Heesch bei Genuin eine CD veröffentlicht, die dann leider in meinem Regal liegen geblieben ist. Jetzt habe ich sie angehört – und beschlossen, trotzdem darüber zu schreiben, weil die Aufnahme rundum fasziniert. Der junge Cellist, der bei Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt studierte, konnte bereits etliche Wettbewerbe gewinnen. Bei diesem Projekt musiziert er unter Leitung von Jakob Lehmann gemeinsam mit dem Kammerorchester Eroica, dessen Solo-Cellist er auch ist. Und er hat dafür ein geradezu phänomenales Programm zusammengestellt: Heesch spielt vier Cellokonzerte aus den Jahren 1924/25, die jeweils für sich schon eine Sensation sind. 
Es war eine aufregende Zeit, in der spektakuläre Musik entstand. Die Kammermusik Nr.3 op. 36 Nr. 2 von Paul Hindemith (1895 bis 1963), das Konzert für Violoncello und Blasorchester von Jacques Ibert (1890 bis 1962), das Konzert für Violoncello und Kammerorchester op. 35 von Ernst Toch (1887 bis 1964) und das Concertino für Violoncello, Bläser, Klavier und Schlagzeug von Bohuslav Martinů (1890 bis 1959) hinterfragen Konventionen klassischer Musik, und suchen nach neuen Wegen des Musizierens. Allen gemeinsam ist das reduzierte „Orchester“, in dem nur einige wenige Musiker spielen. Die Grenzen zwischen den Gattungen und auch die Abgrenzung zwischen Solist und Orchester kommen ins Fließen. 
Daraus lässt sich auch für die heutige Zeit lernen, meint Heesch: „Es ist mir ein großes Anliegen, sie mit Blick auf die Werke dieser vier fantastischen Komponisten aus vollkommen unterschiedlichen Kulturkreisen, Schulen und Einflüssen zu betrachten. Bieten sie doch Inspiration und Ideen für die Zukunft – sowohl jedes für sich als auch alle zusammen. Die rhythmische Strenge bei Hindemith, die französisch-elegante Leichtigkeit von Ibert, die tiefe Empfindsamkeit bei Toch und die folkloristisch-kraftvolle Dramatik im Werk von Martinů ergänzen sich zu einer musikalisch revolutionären Klangidee. Durch die schlanke Besetzung entwickelt sich in allen vieren eine musikalische Transparenz, die es ermöglicht, aus dem sinfonischen ,Korsett‘ des Cellokonzertes in die viel intimere Kompositionsform des Solokonzertes zu wechseln.“  
Der inszenierte Auftritt des Solisten und die Trennung von Solo- und Orchesterpassagen, wie man dies aus romantischen Instrumentalkonzerten kennt, wird in diesen Stücken durch quasi kammermusikalisches Musizieren in unmittelbaren Dialog ersetzt. Dennoch sind diese vier Konzerte nicht weniger anspruchsvoll, sie sind virtuos, sperrig, herausfordernd – und Heesch musiziert grandios. Was für ein Ton, welch enorme Intensität – von diesem jungen Musiker wird man hoffentlich noch viel hören! 

Montag, 23. Juli 2018

Live from Taipei (Oehms Classics)

Der Cellist Wen-Sinn Yang war in der Saison 2016/17 Artist in Residence beim Taiwan Philharmonic in Taipei. Das Nationale Symphonieorchester (NSO) – unter diesem Namen ist es ebenfalls bekannt – gehört zu den besten Orchestern im asiatischen Raum. Es wird seit 2010 von dem Dirigenten Shao-Chia Lü geleitet. 
Er ist ein Meister der filigranen Gestaltung, mit einem ausgeprägten Sinn für Klangfarben und subtile Nuancen. Auf dieser CD sind drei Live-Mitschnitte von Cellokonzerten zu hören, die Wen-Sinn Yang mit dem NSO gespielt hat. Die Aufführungen wurden vom Publikum derart gefeiert, dass sich das Label Oehms Classics entschloss, sie zu veröffent- lichen.
Das lohnt sich durchaus. Insbesondere die Interpretation des Cellokon- zertes e-Moll op. 85 von Edward Elgar (1857 bis 1934) ist hochspannend; Yang und Lü setzen dabei in erster Linie auf Schönklang statt auf Drama. Das verleiht dem Stück eine erstaunliche Leichtigkeit, ohne jedoch oberflächlich zu wirken. Yang musiziert mit hellem, singenden Ton, schwungvoll, aber eher lyrisch und innig. Beim Cellokonzert von Robert Schumann (1810 bis 1856) ist mir das dann fast schon etwas zu viel Kantilene, und zu wenig dramatischer Kontrast. 
Das Cellokonzert von Erich Korngold (1897 bis 1957) ist kurz, aber rundum faszinierend. Es wird sowohl vom Solisten als auch vom Orchester hinreißend gespielt – man höre nur den Dialog zwischen Soloflöte und Solo-Cello, so ziemlich in der Mitte. Schon allein deswegen lohnt sich diese CD. Unbedingte Empfehlung! 

Sonntag, 2. Oktober 2016

CPE Bach: Cello Concertos; Steckel (Hänssler Classic)

„Aus der Seele muss man spielen, nicht wie ein abgerichteter Vogel“, forderte Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Er war Johann Sebastian Bachs zweitältester Sohn, und er wirkte ab 1738 als Kammer- virtuose am Hof Friedrichs II. von Preußen, und ab 1768 als Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Tele- mann als städtischer Musikdirektor und Kantor am Gymnasium Johan- neum in Hamburg. 
Seine drei Violoncello-Konzerte schrieb er noch während seiner Jahre als Cembalist Friedrichs des Großen – allerdings nicht für seinen Dienstherrn, sondern für die bürgerliche Musikalische Gesellschaft in Berlin und Potsdam. Sie haben seinerzeit zur Emanzipation des Cellos und zu seiner Loslösung aus dem Continuo mit beigetragen. Und sie stellen noch heute ziemlich hohe Anforderungen an den Solisten und seine Technik; im Konzert sind sie eher selten zu hören. 
Umso erfreulicher ist es, dass Julian Steckel sie nun gemeinsam mit dem Stuttgarter Kammerorchester, unter künstlerischer Leitung der Konzert- meisterin Susanne von Gutzeit, komplett eingespielt hat. 
Der Cellist, der unter anderem den ARD-Musikwettbewerb 2010 gewonnen hat und 2012 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet wurde, musiziert mäßig historisierend, und ganz im Sinne Carl Philipp Emanuel Bachs. Er spürt den Klangeffekten nach, die der Komponist durch den Einsatz der unterschiedlichen Register des Instrumentes offenbar bewusst gesetzt hat. Der Cellist spielt mit leicher Hand. Auf Vibrato verzichtet Steckel weitge- hend, dafür reizt er Kontraste sehr lebhaft aus, und begeistert durch kluge Phrasierung. Das Stuttgarter Kammerorchester ist dem Solisten dabei ein kongenialer Partner. Bravi! 

Samstag, 5. Oktober 2013

Zani: Complete Cello Concertos (Capriccio)

Dies ist eine weitere Entdeckung, die wir Rudolf Franz Erwein, Graf von Schönborn (1677 bis 1754) verdanken. Denn der spielte nicht nur gern Violoncello, er sammelte auch Musikalien. Und in der Kollektion, die sich noch heute in Wiesentheid bei Würzburg befindet, wurde schon so manches Musikstück aufgespürt, das Cellisten ebenso wie das Publikum jubeln lässt. 
Nun hat eine Musikwissenschaft- lerin aus Neuseeland in diesem Bestand zwölf concerti da camera für Violoncello und Streicher von Andrea Zani (1696 bis 1757) aufgefunden. Kurioserweise musste Dr. Jill Ward, die 2010 ihre Dissertation an der University of Canterbury in Christchurch geschrieben hat, dazu nicht einmal ihre Heimat verlassen – die modernen Kommunikationstechnologien machen's möglich. Mittlerweile hat Ward eine Gesamtausgabe aller derzeit bekannten Werke von Zani vorgelegt, sowie eine Biographie des Musikers. 
Viel ist freilich über sein Leben nicht herauszufinden. Zani war der Sohn eines Geigers aus Casalmaggiore, einer kleinen Stadt in der Nähe von Cremona. Er begann seine musikalische Ausbildung bei seinem Vater, und setzte sie dann bei zwei Musikerkollegen fort. Irgendwann ging er nach Wien; Ward vermutet, dass ihn Antonio Caldara, Vizekapellmeister am kaiserlichen Hof, zu diesem Schritt ermutigt haben könnte. Und irgendwann ist er dann auch wieder nach Italien zurückgekehrt. Dort hat er ab 1738 einige Spuren hinterlassen. Belegt ist, dass er 1757 auf einer Reise nach Mantua an den Folgen eines Kutschenüberschlags gestorben ist. 
Die Violoncello-Konzerte, die Zani für den Grafen von Schönborn komponiert hat, sind abwechslungsreich und geradezu betörend gut gelungen. „Schon das Partiturstudium und das Lernen des Soloparts war nur mit dem beglückenden Gefühl zu vergleichen, das man beim Betreten eines sonnenbeschienenen Neuschneefeldes in den Bergen hat – und das gleich zwölf Mal“, begeistert sich Martin Rummel, der die Werke gemeinsam mit dem Ensemble Die Kölner Akademie unter Leitung von Michael Alexander Willens eingespielt hat. „Da aber, wie schon Gustav Mahler wusste, das Beste der Musik nicht in den Noten steht, war der Beginn der ersten Probe mit dem Orchester, als die ersten Töne eines Cellokonzerts von Andrea Zani wahrscheinlich zum ersten Mal seit fast dreihundert Jahren wieder erklungen, einer der reichsten Momente meines bisherigen musikalischen Lebens. Die daran anschließende Woche bis zur Aufnahme des letzten Takes wird in ihrer Beglückung unvergessen bleiben.“ 
Etwas von diesem Glücksgefühl überträgt sich auch auf den Hörer. Zanis Konzerte sind eher graziös als betont virtuos. Sie bieten alles, was Cellokonzerte attraktiv macht – schöne Melodien, einen bunten Strauss an musikalischen Ideen, so dass sie nie langweilig werden, und obendrein eine tänzerische Leichtigkeit, die gute Laune verbrei- tet. Bravi! 

Freitag, 23. November 2012

Haydn: The Cello Concertos; Krijgh (Capriccio)

Die niederländische Cellistin Harriet Krijgh, Jahrgang 1991, hat die beiden Violoncello-Konzerte von Joseph Haydn eingespielt. Und man muss sagen, das ist ihr ganz hervorragend gelungen. Die junge Musikerin überzeugt mit einem schönen Ton, Dynamik und kluger Phrasierung. So gelingt es ihr insbesondere auch beim D-Dur-Konzert, dem eine gewisse Schwerfälligkeit nachgesagt wird, Haydns wundervolle Melodien in den Vordergrund zu stellen. Krijgh setzt auf Eleganz und Leichtigkeit - und gestaltet zusammen mit der Wiener Kammerphilharmonie unter Claudius Traunfellner die beiden Konzerte so, wie man sie gern öfter hören würde. Der jungen Cellistin gelingt damit eine Referenzaufnahme, und ich bin sicher, das wird nicht die letzte sein. Bravi! 

Sonntag, 4. November 2012

Kraft - Vranický - Stamitz: Cello Concertos (Supraphon)

Michal Kanka stellt auf dieser CD drei Cello-Konzerte vor, die nicht eben oft zu hören sind. Die drei Werke überraschen durch wunder- volle Melodien, Kanka lässt sein Violoncello dementsprechend singen. Das Prager Kammer- orchester musiziert gemeinsam mit dem Solisten, und die kammer- musikalisch orientierte, feinsinnige Gestaltung passt zu den Konzerten ausgesprochen gut. 
Anton Kraft (1749 bis 1820) und Anton Wranitzky (1761 bis 1820) waren Schüler Haydns. Kraft spielte als Cellist in der Hofkapelle Fürst Esterházys. Und Wranitzky stand im Dienst des Fürsten Lobkowitz. Er war ein exzellenter Geiger und ein überragender Violinpädagoge; das Konzert für Violoncello d-Moll ist sein einziges Werk, das nicht für die Violine entstanden ist. 
Carl Stamitz (1745 bis 1801) wuchs in Mannheim auf, wo er ganz im Geist der Mannheimer Schule ausgebildet wurde. Er komponierte seine Cellokonzerte für den preußischen König Friedrich Wilhelm II., der das Instrument offenbar selbst gut spielte. Kanka wählte für diese CD das Cello-Konzert Nr. 2 in A-Dur aus. 

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Weber - Spohr - Reicha. Raphael Wallfisch (Nimbus Records)

Raphael Wallfisch spielt virtuose Cellomusik  - Werke aus jener Zeit, da das Instrument, soeben dem Continuo entwachsen, zunehmend mit solistischen Aufgaben betraut wurde. So verwundert es nicht, dass zwei der Komponisten, deren Stücke Wallfisch hier präsentiert, selbst exzellente Cellisten waren. Josef Reicha (1752 bis 1795) wirkte zunächst als Solocellist in der Kapelle des Fürsten Kraft Ernst von Oettingen-Wallerstein, und später als Konzertmeister und Musikdirektor der Kurfürstlichen Hofkapelle in Bonn. Sein Cello- konzert in A-Dur op. 4 Nr. 1 klingt noch ganz erstaunlich nach Mozart. Franz Danzi (1763 bis 1826), Solocellist in Mannheim und München, ist auf dieser CD vertreten mit Variationen über Là ci darem la mano aus Mozarts Don Giovanni - ein zauberhaftes Werk, das in erster Linie Charme und Grazie dieses Duettes betont. 
Carl Maria von Weber (1786 bis 1826) wiederum war mit Danzi eng befreundet. Sein Konzert Grand pot-pourri op. 20 aus dem Jahre 1808 ist nicht zuletzt eine Verneigung vor Danzi - und zudem ein musikalischer Spaß von hohen Graden. Weber inszeniert das Cello wie einen Opernstar; er lässt es vor einer dramatischen Kulisse singen. 
Louis Spohr (1784 bis 1859) war einer der besten Geiger seiner Zeit. Er war unglaublich populär, und galt zu Lebzeiten auch als einer der führenden Komponisten. Sein Violinkonzert Nr. 8 in a-Moll op. 47, in Form einer Gesangsszene, war offenbar noch für die nachfolgende Generation so attraktiv, dass der Cello-Virtuose Friedrich Grützma- cher (1832 bis 1903) eigens eine Version für Violoncello arrangier- te. Und nicht umsonst sagt man dem Instrument nach, dass es singen könne wie die menschliche Stimme. 
Wallfisch nutzt diese vier doch recht unterschiedlichen Werke, um verschiedene Facetten des Celloklanges zu demonstrieren - von der schlanken, beweglichen, fast noch barock geführten Stimme bis hin zum satten, grandiosen Belcanto. Das Northern Chamber Orchestra aus Manchester unter Nicholas Ward begleitet ihn dabei stilsicher - und zeigt auf, welch enorme Vielfalt an musikalischen Handschriften und Ideen in Deutschland blühte, als sich noch jeder Hof sein Orche- ster leistete. 

Samstag, 26. Februar 2011

Haydn: Cello Concertos (Oehms Classics)

Aufnahmen von Haydns Cello- konzerten gibt es viele - doch diese hier unterscheidet sich gewaltig von allen anderen. Der Grund dafür ist der Solist. Gute und sehr gute Cellisten finden sich weltweit in großer Zahl - doch Wen-Sinn Yang ist, ohne Zweifel, mittlerweile eine Klasse für sich. 
Wer sein Cellospiel hört, der ver- gisst, dass das Musizieren harte Arbeit ist, die sehr viel Reflexion und auch sehr viel Disziplin ver- langt. "Haydns Cellokonzerte lassen sich ganz unterschiedlich ,anpacken': historisierend, ein wenig peppig oder - wie wir es nun versucht haben - im besten Sinne klassisch-gediegen und klangschön", erläutert Yang in dem sehr informativen Beiheft. "Die Überlegung, ob man einen gewählten ästhetischen Mittelweg, der ohne Extremismen auskommt, als schwerer oder leichter ansieht, sei dabei hintangestellt. (...) 
Ich glaube nicht, dass es in diesen beseelten, von Noblesse gepräg- ten Werken Haydns irgendwelche Schockerlebnisse zu vermitteln gibt. Vielmehr gilt es sicherzustellen, dass sich keine äußerlichen Effekte in den Vordergrund drängen, sich keine bloße Zurschau- stellung intimer Gefühle ereignet, immer eine gewisse Form gewahrt wird." 
Schon bei den ersten Takten wird das Wunder hörbar: So beschwingt, so federleicht schwebend, so elegant und mit derart schönem Ton spielt nur Yang diese Werke. Sein Vortrag ist nicht nur enorm präzise, er begeistert auch durch seine ungeheure Musikalität. Es ist ein bisschen so wie mit der berühmten Geige im Märchen, die alle Leute zum Tanzen zwingt: Alles, was Yang anfasst, das beginnt zu klingen.
Damit steckt der Cellist auch seine Mitmusiker an - in diesem Falle die Accademia d'Archi Bolzano, mit der er kongenial harmoniert. Yang schildert das Verfahren so: "Wenn ich gespielt habe, wurde die Streicherakademie  Bozen vom Konzertmeister Georg Egger zusam- mengehalten, was für ein Kammerorchester von 15 Instrumenta- listen absolut üblich ist. Damit mich alle genau sehen konnten, habe ich zu den Kollegen hinmusiziert. Bei den Tutti habe ich mir dann erlaubt, ein wenig ,herumzuwedeln', wozu ich vorab auch aufgefor- dert worden bin." 
Und weil die CD nach den beiden Concerti in C-Dur und in D-Dur noch ein wenig Platz bietet, gibt es noch ein weiteres Stück, das Musik- freunden sehr bekannt vorkommen wird: "Dahinter verbirgt sich Haydns G-Dur-Violinkonzert", berichtet Yang. "In meinem Eltern- haus gab es davon eine Platte, die ich als kleiner Junge häufig gehört habe. Die Geigenstimme spiele ich nun eine Oktave tiefer auf dem Cello - in der besten Lage des Instruments." Die Idee dazu, so der Cellist, hatte Konzertmeister Egger. "Die Kadenzen stammen von mir. Kadenzen schreiben, das mache ich sehr gerne", lacht Yang. "Dafür bin ich sogar in den ,Cello-Keller', auf die C-Saite, hinabgestiegen. Die Geiger werden sich wundern!"  

Dienstag, 24. August 2010

Davidoff: Cello Concertos 3 & 4 (cpo)

Es gibt doch noch wirkliche Über- raschungen für Klassikfreunde. Diese CD bringt gleich mehrere davon: Davidoff? Nein, mit Zigar- ren hat diese Aufnahme nichts zu tun. Der gebürtige Kurländer Carl Juljewitsch Davidoff  (1838 bis 1889), Sohn eines Arztes und Amateurgeigers, hat Mathematik studiert - und nebenher eifrig Cello geübt; seine Lehrer waren Heinrich Schmitt und Carl Schuberth. 
Nach dem Examen 1858 erlaubte ihm der Vater, nach Leipzig zu gehen, um dort an dem berühmten Konservatorium seine musikali- sche Ausbildung fortzusetzen. Das Cello allerdings, so ist überliefert, ließ Davidoff zu Hause - dem jungen Mann ging es wohl eher um die Musiktheorie. Doch dann wollte ein Kommilitone dem Professor ein Klaviertrio vorstellen, das er geschrieben hatte. 
Ein Geiger fand sich; der Komponist selbst setzte sich ans Klavier, und Davidoff meinte, er könne "ein wenig" auf dem Violoncello spielen. Man gab ihm ein Leihinstrument - und kurz darauf wurde ihm eine Stelle im Gewandhausorchester angeboten. Bereits am 15. Dezember 1859 stellte Davidoff als Solist in Leipzig sein Cellokonzert op. 5 vor; im Jahr darauf übernahm er die Cello-Klasse von Friedrich Grütz- macher am Leipziger Konservatorium. 
1862 kehrte er nach Russland zurück. Dort war er von 1862 bis 1882 als Solocellist an der Kaiserlichen Oper und als Professor an dem soeben von Anton Rubinstein gegründeten Konservatorium in Sankt Petersburg tätig. Von 1876 bis im Jahre 1887 war er sogar dessen Direktor, musste den Posten jedoch räumen, weil er eine Affäre mit einer schönen Klavierschülerin hatte - was aufflog und einen unge- heuren Skandal verursachte. All das erfährt der Leser aus dem Beiheft zu dieser CD, mit einem kenntnisreichen und sehr lesenswerten Aufsatz von Eckhardt van den Hoogen - Überraschung Nummer zwei. Davidoff  komponierte Cellokonzerte, vier an der Zahl, sowie Lieder, Balladen und Kammermusik. Außerdem schrieb er eine Violoncello-Schule.
Tschaikowski, sein Mitbewerber um die Direktorenstelle, pries ihn als den Zaren unter den Cellisten und widmete ihm sein Capriccio Italien. Das ist auf dieser CD nicht aufgezeichnet - dafür aber, Über- raschung Nummer drei, das Nocturne op. 19 Nr. 4, das Pezzo Capriccioso op. 62 und das Andante cantabile aus dem ersten Streichquartett D-Dur op.11.
Die eigentliche Überraschung aber ist der Solist, den ich hier zum ersten Male gehört habe - und der vom ersten bis zum letzten Takt begeistert: Wen-Sinn Yang, viele Jahre lang Solocellist im Sympho- nieorchester des Bayerischen Rundfunks, seit 2005 Professor an der Musikhochschule München, spielt Davidoffs Konzerte mit einer Leichtigkeit, die ich hinreißend finde. Er stellt die eleganten Werke derart souverän vor, dass man sich fragt, warum diese attraktiven, melodiösen und zugleich kraftvollen Konzerte nicht längst zum Repertoire eines jeden Cellisten gehören. Grandios! Er spielt so klangschön, so überlegt und zugleich so virtuos, dass man atemlos lauscht. Was für ein Erlebnis! 
Auch das Shanghai Symphony Orchestra unter Terje Mikkelsen, das ihn hier begleitet, ist zunächst eine Überraschung. Bei den Davidoff-Konzerten jedenfalls. Die Tschaikowski-Stücke hingegen versinken im orchestralen Mulm; am Arrangement allein kann das nicht liegen. Dazu kommen einige schiefe Töne, insbesondere seitens der Blech- bläser - schade. Ein Weltklasse-Orchester klingt anders.

Freitag, 2. Juli 2010

Haynd: Cello Concertos I - III; Vogler - Virtuosi Saxoniae (Berlin Classics)

"Ich konnte als Chef eines Orche- sters Versuche machen", schrieb Haydn, "beobachten, was den Eindruck hervorbringt und was ihn schwächt, als verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen; ich war von der Welt abgesondert. Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original werden."
Das Orchester von Fürst Paul Anton von Esterházy, dem Haydn als Kapellmeister vorstand, war nicht groß, aber offensichtlich leistungsfähig. Davon zeugen unter anderem auch die beiden Violoncello-Konzerte, die Haydn zweifels- frei für Cellisten aus diesem Orchester geschrieben hat, für Joseph Weigl und Anton Kraft. Bei einem dritten Cello-Konzert ist seine Urheberschaft umstritten. Dennoch wurde das hübsche Stück hier mit eingespielt. 
Die Aufnahmen sind mittlerweile bereits zehn Jahre alt;  Jan Vogler musiziert gemeinsam mit den Virtuosi Saxoniae unter Ludwig Güttler - solide, aber nicht überwältigend. Insbesondere der feine Haydnsche Humor dürfte gern etwas stärker zum Tragen kommen.