Posts mit dem Label Graun werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Graun werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 3. Januar 2021

The Berlin Album (Audax)

 


Nach Dresden, London und Paris wendet sich das Ensemble Diderot nunmehr mit Berlin einer weiteren Musikmetropole des Spätbarock zu. Erkenntnis nach einem Blick auf die Titelliste: Preußen hat auch ohne den Flöte spielenden König, seinen Cembalisten und seinen Flötenlehrer erstaunlich viel zu bieten. 

Nein, es geht diesmal wirklich nicht um Potsdam; es geht eher um die Anfänge eines genuin bürgerlichen Musiklebens – und in diesem Zusammenhang haben die Violinisten Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé, die Cellistin Gulrim Choï und Philippe Grisvard an Cembalo und Fortepiano eine Fülle interessanter Werke entdeckt. Mit Ausnahme einer Triosonate von Johann Philipp Kirnberger (1721 bis 1783) erklingen alle Stücke auf diesem Album in Weltersteinspielungen. 

Musiziert wird mit Eleganz und Temperament. Das Ensemble Diderot lädt uns zum Hörvergnügen ein – wie die Musiker um Johann Gottlieb Janitsch (1708 bis 1763) das Publikum einst in Berlin, bei den ersten öffentlich zugänglichen Konzerten. 


Sonntag, 11. November 2018

Forgotten chamber works with oboe from the Court of Prussia (Deutsche Harmonia Mundi)

Bei der Suche in Archiven hat das Ensemble Notturna unter Leitung von Oboist Christopher Palameta einen kleinen Schatz gehoben: Auf dieser CD präsentieren die Musiker in Weltersteinspielungen Kammer- musik aus der Zeit Friedrichs des Großen, bei der nicht in erster Linie die Flöte, sondern die Oboe Solo- instrument ist. 
Richtet man den Blick einmal nicht auf den König und auf seinen Flötenlehrer Quantz, so wird man feststellen, dass auch andere Virtuosen am preußischen Hof brilliert haben. Die Oboe wurde in Preußen durchaus geschätzt. So waren an der Hofoper vier Oboisten engagiert. Und der Oboist Johann Christian Fischer, weiland eine Berühmtheit, gastierte 1763 in Berlin. Wie Charles Burney berichtet, wurde diesem „die Ehre zuteil (..), einen Monat lang seine Majestät (..) jeden Tag vier Stunden allein zu akkompagnieren.“ 
Was damals gespielt wurde, ist heute nicht mehr zu erfahren. Aber Musik der drei Komponisten, die auf dieser CD vertreten sind, könnte vielleicht dabei gewesen sein. So schrieb Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771), ab 1741 Konzertmeister der königlichen Hofkapelle, ein Quintetto à Cembalo Concertato, Flauto Traverso, Violino, Viola da Braccio e Violoncello in a-Moll, das jede Menge Überraschungen bereithält. Und den Violinpart kann, so steht es auf der Stimme vermerkt, auch die Oboe übernehmen. 
Christian Gottfried Krause (1717 bis 1770) war eigentlich Rechtsanwalt; dass er aber die Musik sowohl mit Leidenschaft als auch mit Sachverstand betrieb, zeigt seine Triosonate für Oboe, Violine und Basso continuo, die Notturna ebenfalls auf dieser CD vorstellt. 
Gleich mit drei Sonaten vertreten ist zudem Johann Gottlieb Janitsch (1708 bis 1763). Er hatte wie Krause in Frankfurt/Oder Jura studiert, sich dann aber für den Musikerberuf entschieden: 1736 wurde er Contravioli- nist der Hofkapelle Friedrichs des Großen. In seiner Wohnung versam- melte sich die sogenannte Freitagsakademie, bei der Hofmusiker gemeinsam mit Liebhabern aus dem Berliner Bürgertum musizierten. 
Für diese Veranstaltungen entstanden die beiden Trios und die Quartett- sonate für Traversflöte, Oboe, Viola und Bass, die auf dieser CD erklingen. Das Ensemble Notturna begeistert mit diesem Programm, und macht sehr neugierig auf weitere Entdeckungen – die Archive geben bestimmt noch mehr her! 

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Graun: Uns ist ein Kind geboren (Oehms Classics)

Im Jahre 1724 wurde Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) als Tenor an den Braunschweiger Hof verpflichtet. Doch bald stellte sich heraus, dass der junge Hofsänger, der seine musikalische Ausbildung an der Dresdner Kreuzschule erhalten hatte, weit mehr konnte – und so wurde er neben Hofkapellmeister Georg Caspar Schürmann zunächst zum Opernkomponisten, und dann auch zum Vizekapellmeister. 
Für die Hochzeit des preußischen Kronprinzen komponierte er 1733 eine Oper, die diesem so gut gefiel, dass er den Musiker an seinen Hof nach Rheinsberg holte. Als Friedrich II. 1740 den Thron bestieg, ernannte er Carl Heinrich Graun zu seinem Hofkapell- meister. 
Von den zahlreichen geistlichen Werken des Komponisten sind nur sehr wenige überliefert. Desto erfreuter war die Musikwelt, als in den 1990 in Washington D.C., in der Library of Congress, die Abschrift eines Weihnachtsoratoriums von Graun gefunden wurde. Wer sie angefertigt hat, wann das Stück entstanden ist und wer den Text geschaffen hat – all diese Fragen konnte die Musikwissenschaft bislang noch nicht klären. 
Mittlerweile haben einige Ensembles Grauns Weihnachtsoratorium wiederentdeckt – so auch die Arcis-Vocalisten, gegründet im Jahre 2005 von Thomas Gropper, der das Ensemble noch immer leitet. Der Münchner Projektchor hat das Werk nun gemeinsam mit dem Barockorchester L'arpa festante in einer Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk bei Oehms Classics veröffentlicht. Aus der gut besetzten Solistenriege sticht insbeson- dere Monika Mauch heraus, die ihren Part mit beeindruckender Eleganz singt. Zu hören sind zudem Marion Eckstein, Mezzosopran, Georg Poplutz, Tenor, und Raimund Nolte, Bassbariton.

Dienstag, 30. Mai 2017

Graun: Opera Arias - Julia Lezhneva (Decca)

Bei der Vorbereitung eines Konzertes im Schloss Sanssouci hielt Julia Lezhneva zum ersten Male eine Arie von Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) in den Händen – Mi paventi aus der Oper Britannico, wird im Beiheft zu dieser CD berichtet: „I was completely amazed by this fabulous aria“, schwärmt die Sängerin. „It is so beautiful and emotional that I felt myself trembling when I sang it. It was written for one of the greatest female sopranos of the time, Giovanna Astrua. (..) Unlike Handel and Porpora, where you can feel that castrati were still reigning supreme in opera and dominating the concert stage, it seems that Graun had a deep love of the natural female voice and tried to make women equal to the castrati, creating lots of roles for them with as much emotional and dramatic range as possible.“ 
Carl Heinrich Graun stand, wie auch sein Bruder, der Konzertmeister Johann Gottlieb Graun (1702/03 bis 1771), im Dienst Friedrichs II. von Preußen. Zu seinen Aufgaben als Hofkapellmeister gehörte unter anderem die Leitung des Berliner Opernhauses, für das er auch selbst zahlreiche Werke komponierte. In den Beständen der Staatsbibliothek Berlin, gegenüber dem Opernhaus, befinden sich Abschriften etlicher dieser Opern. Julia Lezhneva hat diese alten Handschriften gemeinsam mit dem Dirigenten Michail Antonenko durchgesehen, um Arien für dieses Album herauszusuchen. 
Mit Ausnahme von Mi paventi handelt es sich dabei durchweg um Welt- ersteinspielungen. „Graun goes deep into a character's emotions, and we chose pieces displaying different kinds: furioso, lamenting, ,character', tragic, bravura and utterly joyful“, so die Sängerin. Dennoch sind seine Werke von der Opernbühne vollkommen verschwunden. 
Den Grund dafür ahnt man bald. Denn insbesondere die Arien, die durch Leidenschaften motiviert sind, erfordern eine enorme Virtuosität. Rasante Koloraturen, ganze Ketten von Verzierungen – mit ihrer Kehlfertigkeit hätte Julia Lezhneva wohl auch einen Porpora beeindruckt. Mir persönlich aber gefällt ihr Gesang am besten dort, wo sie große Linien gestaltet und langsamen Stücken Farbe gibt. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Klagelied aus Grauns Oper Mithridate: „I was moved on tears when I first saw the score of ,Piangete, o mesti lumi'“, meint auch die Sängerin, „it is one of the most touching pieces of music I've ever seen.“ 
Begleitet wird die Sopranistin bei ihrem Ausflug in die Berliner Opern- geschichte vom Ensemble Concerto Köln unter Michail Antonenko. Die Musiker, die gerade im Bereich der Barockmusik schon viele Schätze gehoben haben, sind ihr ebenso zuverlässige wie temperamentvolle Partner. 

Mittwoch, 13. Juli 2016

Dresdner Fagottkonzerte aus Schranck II (Ars Produktion)

Die Dresdner Kapellsolisten, 1994 gegründet von Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle und geleitet von Helmut Branny, bringen Musik wieder zum Klingen, die zur Zeit Augusts des Starken von der Dresdner Hofkapelle gespielt wurde. Die Auswahl ist groß, denn die umfangreiche Musikaliensammlung des damaligen Dresdner Konzert- meisters Johann Georg Pisendel ist nahezu komplett überliefert. Sie wurde nach ihrem Ankauf durch den Hof im „Schranck No: II“ aufbewahrt; über diese spektakuläre Noten- kollektion, die sich heute in den Beständen der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden befindet, wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet. 
Auf dieser CD sind nun aus den Beständen des „Schranck No: II“ zwei Fagottkonzerte von Antonín Reichenauer (?1694 biss 1730) sowie eines von Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771) und eines von Franz Horneck (um 1690 bis nach 1724) zu hören, vorbildlich interpretiert von Solo-Fagottist Erik Reike. Diese erstmals eingespielten Konzerte dürften Fagottisten generell erfreuen (sobald Noten-Editionen erschienen sind), denn sie bereichern das nicht übermäßig umfangreiche Repertoire für dieses Instrument um vier echte Perlen. Man staunt, welche Schätze im „Schrank No: II“ immer noch verborgen liegen! 
Georg Philipp Telemanns (1681 bis 1767) Concerto für zwei Hörner, Streicher und Basso continuo in Es-Dur, TWV 52: Es 1, befindet sich nicht in Pisendels Sammlung. Es ist aber bekannt, dass der Komponist 1719 zur Kurprinzenhochzeit in Dresden war, und Musik dafür geschrieben hat. Vermutet wird, dass dieses Konzert für die virtuosen Hornisten der Hof- kapelle entstanden ist, und 1719 während der Feierlichkeiten von diesen aufgeführt wurde. Nicht umsonst beginnt es mit einer majestätischen Polonaise. Den anspruchsvollen Solo-Part haben Harald Heim und Klaus Gayer übernommen. 

Samstag, 28. November 2015

Die Ludwig Güttler Edition - Die Highlights des sächsischen Barock (Berlin Classics)

Ludwig Güttler, geboren 1943 in Sosa im Erzgebirge, ist nicht nur ein grandioser Trompetenvirtuose. Er ist zudem unermüdlich in seinem Enga- gement, wo er dieses erforderlich sieht – sei es beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, oder aber bei der Wiederentdeckung des Repertoires der berühmten Dresdner Hofkapelle. 
Güttler hat in Leipzig bei Armin Männnel studiert, und war dann zunächst beim Händel-Festspiel- orchester in Halle/Saale engagiert, später dann als Solotrompeter an der Dresdner Philharmonie. Er unterrichtete an der Musikhochschule in Dresden sowie beim alljährlichen Internationalen Musikseminar in Weimar. Sein besonderes „Steckenpferd“ ist die Musik des 18. Jahrhun- derts. Mit der hochgestimmten Piccolotrompete spielt er Partien, die seinerzeit für Clarinbläser geschrieben worden waren. Auch für das Corno da caccia hat Güttler gemeinsam mit dem Leipziger Instrumentenbauer Friedbert Syhre eine Alternative geschaffen, die modernen Spielkomfort bietet; im Original soll das Corno da caccia allerdings obertonreicher geklungen haben. 
1985 gründete Ludwig Güttler das Ensemble Virtuosi Saxoniae, in dem vor allem Mitglieder der Dresdner Staatskapelle musizieren. Mit diesem Kammerorchester pflegt der Trompeter seitdem die europäische Musik- kultur des 18. Jahrhunderts, wie sie sich im Repertoire der sächsischen Hofkapelle widerspiegelt. Dabei hat er viele Werke wieder zugänglich gemacht, die in Vergessenheit geraten waren. 
Zum 30jährigen Bestehen dieses renommierten Ensembles hat Berlin Classics nun eine umfangreiche Edition zum günstigen Preis heraus- gebracht. Sie versammelt auf 25 CD alle wesentlichen Aufnahmen der Virtuosi Saxoniae, die in den Jahren nach 1990 enstanden sind. So erklingen die Brandenburgischen Konzerte und die Orchestersuiten von Bach, dazu eine Auswahl an Kantaten, die Johannes-Passion und natürlich das Weihnachtsoratorium. Dazu gib es geistliche Musik, beispielsweise von Johann Adolf Hasse, Johann David Heinichen oder Jan Dismas Zelenka, sowie eine Vielzahl origineller Konzerte aus dem Umfeld des Dresdner Hofes. 
Die Liste der Mitwirkenden ist lang und ausgesprochen illuster; sie reicht von Dagmar Schellenberger bis zu Christiane Oelze, und von Olaf Bär bis hin zu Peter Schreier, von Andreas Lorenz, Oboe, über Eckart Haupt, Flöte, bis hin zu Güttlers langjährigem Wegbegleiter Friedrich Kircheis an Orgel und Cembalo, und von den Hallenser Madrigalisten bis zum Concentus Vocalis Wien. 

Samstag, 14. November 2015

Motetten der Hiller-Sammlung (Carus)

Johann Adam Hiller (1728 bis 1804), war ein musikalisches Phänomen. Nach einer Ausbildung am Gymna- sium in Görlitz, an der Dresdner Kreuzschule sowie dem anschließen- den Studium an der Universität in Leipzig wurde er 1754 zunächst Hauslehrer beim Grafen Brühl. Doch schon bald war er wieder in Leipzig: 1759 gründete er die erste deutsche Musikzeitschrift, Der musikalische Zeitvertreib. 1763 sorgte Hiller für die Wiederbelebung des wegen des Siebenjährigen Krieges zwischen- zeitlich eingestellten Großen Concerts. Er gründete eine Singschule, aus der berühmte Sängerinnen hervorgingen, sowie die Musikübende Gesellschaft, die zunächst im Apelschen Haus, später dann im Gewandhaus konzertierte. Damit war Hiller der erste Gewandhaus-Kapellmeister. Von 1789 bis 1801 wirkte Hiller zudem als Thomaskantor. 
Hiller hatte enormen Erfolg als Singspielkomponist. Er hatte eine klare Meinung, was gute Musik sei – und vertrat sie auch entschieden. So gab er ab 1776 eine mehrteilige Sammlung Vierstimmige Motetten und Arien von verschiedenen Componisten zum Gebrauche der Schulen und anderer Gesangsliebhaber heraus, zunächst vor allem interessante Werke der Komponistengeneration nach Bach; aus seiner Amtspraxis als Thomas- kantor dann 1791 noch ergänzt um ein sechstes und letztes Heft, das auch liturgische Stücke und Begräbniskompositionen enthielt. Sie stammten fast alle von Hiller. Ansonsten sind etliche Beiträge enthalten vom Dresdner Kreuzkantor Gottfried August Homilius und vom Magdeburger Musik- direktor Johann Heinrich Rolle, sowie Werke des früheren Thomaskantors Gottlob Harrer, von Homilius' Amtsvorgänger Theodor Christlieb Rein- hold, dem Dresdner Organisten Christoph Ludwig Fehre, Johann Gottfried Weiske und Christian Friedrich Penzel, Kantoren in Meißen und in Merseburg. Auch Carl Heinrich Graun, Kapellmeister am Hofe Friedrichs des Großen, ist darin vertreten. 
Die Motetten dieser Komponisten zeugen vom hohen Stand, den die Gattung – die zu Bachs Zeiten nur noch als Gelegenheitskomposition eine Rolle spielte – in der Kirchenmusik zu Hillers Zeiten wieder erlangt hatte. Im Gottesdienst ließ Bach Motetten aus dem Florilegium Portense singen; Hiller hingegen verbannte den „lateinischen Singsang, den Meister Bodenschatz zusammengeschleppt hat“, aus dem Gebrauch der Thomaner. Sein Urteil: „So schlecht und ohne Wahl auch diese Compilation gemacht, so fehlerhaft sie auch gedruckt ist. Resquiat in pace!“ Ein einziges Werk allerdings fand vor dem gestrengen Auge Hillers Gnade, eine Motette von Jacobus Gallus aus dem 16. Jahrhundert. Diese nahm Hiller, in überar- beiteter Form, in seine Kollektion auf. 
Auch das Sächsische Vocalensemble hat sie in seine Auswahl aus Hillers vierstimmigen Motetten und Arien aufgenommen, die jüngst bei Carus erschienen ist. Der renommierte Dresdner Kammerchor, 1996 von Matthias Jung gegründet, zeichnet sich durch seinen schlanken, wasser- klaren Chorklang aus. Die Sängerinnen und Sänger bieten absolute Präzision und beeindruckende klangliche Homogenität. Eines macht die CD deutlich: Mitteldeutschland, mit seiner reichen und vor allem auch breiten Musiktradition, ist immer wieder für Entdeckungen gut.

Dienstag, 12. Mai 2015

Bach & Entourage (Audax)

Auf Johann Sebastian Bach und sein musikalisches Umfeld konzentriert sich die zweite CD, die Johannes Pramsohler und Cembalist Philippe Grisvard gemeinsam bei Audax veröffentlicht haben. Die beiden Musiker interessierte Bachs Einfluss auf die Violinmusik insbesondere auch der nachfolgenden Musiker- generation. „Mit Graun, Pisendel, Krebs, aber auch mit den Brüdern Benda und Bachs Söhnen Carl Phi- lipp Emanuel und Johann Christian hatte Deutschland eine Reihe von Violinkomponisten hors pair vorzu- weisen“, schreibt Pramsohler im Beiheft. „Das ausgeprägte Epochen- bewusstsein zwischen Sachsen und Preußen und die protestantisch-strenge Ausbildung von Musikern als exzellente Handwerker brachte eine äußerst starke Geigergeneration hervor, die sich – beinahe ausnahmslos – um Johann Sebastian Bach scharte, während (..) Veracini mit gebroche- nem Stolz und Bein aus Dresden abzog.“ 
Damit zitiert der Geiger eine Anekdote, der zufolge der Italiener mit dem Hofkapellmeister Johann David Heinichen und dem Kastraten Senesino derart aneinander geraten sein soll, dass er vor Wut aus einem Fenster sprang – im zweiten Stock, was dazu führte, dass er sich Bein und Hüfte brach. Nun, ähnlich verärgert dürfte der Hörer auf diese CD wohl kaum reagieren. Denn schon die beiden ersten Stücke, die Violinsonate BWV 1024 – bei der vermutet wird, dass sie eventuell auch Pisendel geschrieben haben könnte – sowie die Violinsonate BWV Anh. II 153, die den Tonfall des großen mitteldeutschen Meisters fast noch besser trifft, verlangen eine äußerst solide Geigentechnik. 
Pramsohler musiziert auf dieser CD wesentlich geschmeidiger und eleganter als bei seinem Erstling, was das Wesen dieser Musik auch besser trifft. Das zeigt sich hervorragend auch bei der Sonate für Solovioline von Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), die der Geiger gekonnt vorstellt. Eine Herausforderung ist dieses Stück in jedem Falle; Pisendel, lang- jähriger Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle, war ein exzellenter Musiker. Für diese CD ausgewählt haben Pramsohler und Grisvard zudem jeweils eine Sonate von Johann Gottlieb Graun und Johann Ludwig Krebs, beide erklingen in Weltersteinspielung. An den Schluß gesetzt haben die beiden Musizierpartner die älteste überlieferte kammermusikalische Komposition Bachs, die Fuge in g-Moll BWV 1026, „deren Entstehungs- geschichte und Zugehörigkeit bislang ungeklärt bleiben“, so Pramsohler. Der alleinstehende Satz sei „raffiniert und virtuos angelegt: von erstaunlicher Länge, mit ausholenden Doppelgriff-Passagen und Figurenwerk in der sechsten Lage, konnte so ein Werk nur von einem absoluten Könner auf der Geige ausgeführt werden.“ 

Mittwoch, 15. April 2015

Graun: Der Tod Jesu (Oehms Classics)

Carl Heinrich Grauns Passions- oratorium Der Tod Jesu, uraufgeführt 1755 im Berliner Dom, war ein Auftragswerk von Prinzessin Anna Amalia. Die kunstsinnige Schwester Friedrichs II. von Preußen nutzte dafür ein Libretto von Karl Wilhelm Ramler (1725 bis 1798); der Dichter war seinerzeit eine Berühmtheit und galt als der deutsche Horaz. Zu seinen geistlichen Kantatentexten, die allesamt von etlichen bedeutenden Komponisten vertont wurden, gehören auch noch Die Hirten bey der Krippe zu Bethlehem (1757) und Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu (1760). 
Das Passionsoratorium legt weniger Wert auf die Erzählung als vielmehr auf die Reflexion des Passionsgeschehens. Graun kombinierte dazu virtuose Arien mit emotional bewegenden Chören und feierlichen Chorälen. Nicht die strenge Form, sondern Leidenschaft und Ausdruck sollten die Zuhörer bewegen. Der Tod Jesu war ein großer Erfolg; das Oratorium wurde bis weit in das 19. Jahrhundert alljährlich in Berlin aufgeführt. Um 1850 begann das Publikum allerdings zu murren. Die Arien im Stile der opera seria und die empfindsamen Texte wurden als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Und so verschwand dieses Werk des Hofkapellmeisters Friedrichs des Großen schließlich aus dem Repertoire. 
Erst jüngst haben einige Ensembles Grauns Oratorium wiederentdeckt – so auch die Münchner Arcis-Vocalisten, gegründet im Jahre 2005 von dem renommierten Gesangspädagogen Professor Thomas Gropper, der das Ensemble noch immer leitet. Dieser Projektchor hat nun Der Tod Jesu gemeinsam mit dem Barockorchester L'arpa festante in einer Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk bei Oehms Classics veröffentlicht. Aus der gut besetzten Solistenriege sticht insbesondere Monika Mauch heraus, die selbst die schwierigsten Passagen mit Leichtigkeit und Eleganz singt. Zu hören sind zudem Georg Poplutz, Tenor, und Andreas Burkhart, Bass.

Freitag, 7. März 2014

Graun: Oboe Concertos (Accent)

„Das umfangreiche, erst 2006 von Christoph Henzel erstellte Graun-Werkverzeichnis dürfte wohl das einzige sein, das sich gleich zwei Komponisten widmet“, schreibt Bernhard Blattmann in dem informativen Beiheft zu dieser CD. „In ihm verzeichnet sind die Werke der beiden komponierenden Brüder Johann Gottlieb (1701 bis 1771) und Carl Heinrich Graun (1703 bis 1759).“ 
Sie wirkten beide die am Hof Friedrichs II. Ihre Werke sind oftmals nur in Abschriften überliefert, wo als Autor dann „Sign. Graun“ genannt ist – aber welcher? Diese Frage stellten sich aber schon ihre Zeitgenossen. Schon Johann Georg Pisendel, Konzertmeister am Dresdner Hof, meinte in einem Brief an seinen Kollegen Telemann: „Mit denen Herren Grauens wird gemeiniglich eine Confusion, die schönsten u feurigsten mit Douceur melierten Sinfonien sind nicht von dem berühmten Herrn CapellMr Graun, sondern von seinem Bruder dem ConcertMr.“ 
Oftmals lässt sich aber selbst die Autorschaft eines der beiden Brüder nicht zweifelsfrei nachweisen. Von solchen Authentizitätsfragen un- beeindruckt, hat die Oboistin Xenia Löffler auf dieser CD gemeinsam mit der Batzdorfer Hofkapelle einige Werke eingespielt, die zwar möglicherweise von umstrittener Echtheit, jedoch garantiert sehr reizvoll sind. Auch wenn es mit keinem Wort erwähnt wird – aber zumeist dürfte es sich um Weltersteinspielungen handeln. Musiziert wird gekonnt, wie man es bei den „Alte“-Musik-Enthusiasten um Stefan Maass mittlerweile erwartet. Eine gelungene CD, die ich nur empfehlen kann. 

Sonntag, 18. August 2013

Der stille Kurfürst (Klanglogo)

Der sächsische Kurfürst Friedrich August III. (1750 bis 1827) – ab 1806 König Friedrich August I. – regierte ein verarmtes und durch Kriege verheertes Land. Obwohl seine Untertanen den Regenten sehr schätzten und mit dem Beinamen „der Gerechte“ ehrten, brachte seine Redlichkeit dem König eine Menge Ärger ein. So geriet er nach dem Ende der Napoleonischen Kriege, die Sachsen furchtbar verwüstet hatten, in Gefangenschaft, und verlor große Teile seines Territoriums an Preußen. 
Politik war nicht die Leidenschaft des Herrschers, der sich lieber mit der Botanik beschäftigte – und mit der Musik. So gab es neben den repräsentativen Aufführungen am Dresdner Hof durchaus auch das private Musizieren der Herrscherfamilie. Friedrich August III. war musikalisch sehr versiert, doch offenbar schätzte er es nicht, wenn darum viel Aufsehens gemacht wurde. 
So musizierte der König vorzugsweise gemeinsam mit seinem Hoforganisten Peter August (1726 bis 1787), der auch etliche Werke dafür bearbeitete. Nach seinem Tod übernahm dies Hofkapellmeister Joseph Schuster (1748 bis 1812). Die vorliegende CD enthält Beispiele aus der reichhaltigen Musikaliensammlung des Regenten. Hildegard Saretz und Michaela Hasselt haben die Werke nicht, wie der König und seine Musizierpartner, an zwei Cembali, sondern an einem Cembalo und einem Hammerflügel eingespielt. Das klingt sehr apart – und gibt dem Zuhörer die Möglichkeit, die beiden Partien akustisch differenziert zu verfolgen. 
Die Aufnahme verweist auf einen wenig bekannten Aspekt sächsischer Musikgeschichte. Die Suche in den Archiven ist mühsam, doch lohnenswert. Saretz und Hasselt zeigen, dass abseits des immer gleichen Standard-Repertoires Entdeckungen noch immer möglich sind. So ist dieses Debüt des Leipziger Cembalo-Duos gleich doppelt gelungen. Bravi! 

Dienstag, 3. Juli 2012

Graun: Trios - Les Récréations (Raumklang)

Etwa 130 Triosonaten von Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771) sind überliefert. Vier seiner Werke haben die Musiker des Ensembles Les Récréations für diese CD nach Handschriften aus der Berliner Amalienbibliothek eingespielt. Die Auswahl fiel ihnen offenbar nicht leicht: "Nous avons échangé des pièces jusqu'au dernier moment et arions probablement fait un choix encore différent une semaine plus tard", meint Matthieu Camilleri. Er ist ebenso wie Clara Mühlethaler, Emily Robinson und Philippe Grisvard ausgewiesener Experte für "Alte" Musik. Beim Quatro ergänzt der Gambist Atsushi Sakai die Be- setzung. Auch eine gewisse Vorliebe für originelle Kompositionen scheinen die Musiker ja zu teilen; nach Spätbarock klingen diese Stücke jedenfalls nur noch andeutungsweise. 
Grauns Werke sind gekennzeichnet durch ausgedehnte konzertante Passagen, in die sich alle Stimmen ziemlich fair teilen. Dabei ähnelt das gemeinsame Musizieren stark einer zwar virtuosen, aber auch sehr gepflegten Konversation - hier darf jeder ausreden, und der Gesprächspartner ist weniger darauf erpicht, eigene Ideen ins Spiel zu bringen; er greift vielmehr das zuvor Gesagte auf und führt es weiter. Der Kontrapunkt als Strukturprinzip bringt da interessante Effekte.
Graun war ein Geiger, seine Lehrer hießen Pisendel und Tartini. 1732 trat der junge Musiker gemeinsam mit seinem Bruder Carl Heinrich in die Dienste des preußischen Kronprinzen Friedrich, der sich damals noch in Neuruppin aufhielt. Die Gebrüder Graun folgten Friedrich dann nach Rheinsberg und Berlin. Am Hofe des preußischen Königs wirkte Johann Gottlieb Graun bis an sein Lebensende als Konzert- meister und Kammermusikus; seine Kompositionen, die Friedrich sehr schätzte, dürften so manches Konzert in Sanssouci bereichert haben. 
Diese CD wiederum dürfte die Sammlung musikhistorisch interes- sierter Hörer bereichern. Denn wer Grauns Werke hört, der lernt zugleich die Wurzeln der Klassik kennen. Sie sind zwar eher virtuos als galant - doch vom Kontrapunkt Grauns ist der Weg hin zu Haydn, ja selbst zum frühen Beethoven nicht mehr weit. Und so durchdacht und temperamentvoll vorgetragen, wie man Grauns Triosonaten hier er- leben kann, sind sie wirklich ein Genuss - bravi!  

Montag, 7. Mai 2012

Preussens Hofmusik (Berlin Classics)

Musiker der Staatskapelle Berlin pflegen das sozusagen hauseigene musikalische Erbe. Dazu haben sie das Ensemble Preußens Hofmusik gegründet, das auf modernen Instrumenten Musik interpretiert, wie sie zur Zeit Friedrichs des Großen erklungen ist. 
Das Ensemble formiert sich um Konzertmeister Stephan Mai, einen ausgewiesenen Experten für histo- risch informierte Musizierweise, und eines der Gründungsmitglie- der der Akademie für Alte Musik. Auf dieser CD spielen die Musiker Ouvertüre und Allegro d-Moll von Johann Gottlieb Graun, ganz so, wie einst in Friedrichs Tagen ein Abend am Berliner Opernhaus eröffnet worden sein mag. Wilhelm Friedemann Bach widmete Adagio und Fuge d-Moll Friedrich II., und natürlich erklingt auch der Ricercar à 6 aus dem Musikalischen Opfer von Johann Sebastian Bach, dem wohl bedeutendsten Werk, das für den König komponiert worden ist. Die Orchestersinfonie Es-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach hingegen erinnert uns an Joseph Haydn, der den Bach-Sohn sehr verehrte, und auf dieser CD mit seiner Sinfonie Nr. 3 G-Dur vertreten ist. Musiziert wird solide, die CD ist durchaus hörenswert. 

Dienstag, 6. März 2012

Friedrich II "Der Grosse" und seine Hofkomponisten (Crystal Classics)

Friedrich II. (1712 bis 1786) engagierte für sein Orchester einige der besten Musiker seiner Zeit. Am Hof des Preußenkönigs wirkten unter anderem Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Joachim Quantz, die Brüder Graun und Franz Benda. Wer wissen will, welche Musik Friedrich schätzte, dem bietet diese Doppel-CD einen ersten Höreindruck. 
Die Aufnahmen stammen aus dem Archiv von Capriccio; sie sind zumeist von hoher Qualität. Zu hören sind unter anderem Flötisten wie Eckart Haupt, Manfred Friedrich und Christoph Huntgeburth, Christine Schornsheim, Cembalo, sowie die Berliner Barock-Compagney, die Dresdner Barocksolisten und das Kammerorchester "Carl Philipp Emanuel Bach" unter Hartmut Haen- chen. 

Samstag, 14. Januar 2012

Musik am Preußischen Hof (Berlin Classics)

Ein ganz besonderes Präsent hat Berlin Classics zum 300. Geburts- tag Friedrichs II. von Preußen (1712 bis 1786) zusammengestellt: Eine Fünf-CD-Box mit Musik am Preußischen Hof, aus den reichen Archivbeständen des Labels. 
Aus dem Jahre 1982 stammt eine Einspielung mit dem Kammer- orchester des Berliner Sinfonie-Orchesters unter Hans-Peter Frank und Werken Berliner Komponisten des 18. Jahrhunderts. Sie enthält die Sinfonia Nr. 3 C-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach, ein schönes Harfenkonzert von Ernst Eichner, und das Flötenkonzert Nr. 4 aus der Feder des preußischen Königs. 
Das Kammerorchester "Carl Philipp Emanuel Bach" unter Hartmut Haenchen hat 1985 fünf der neun Sinfonien seines Namenspatrons eingespielt, die in Berlin entstanden sind. Sie sind abwechslungsreich, und werden durch die Musiker historisch informiert, aber auf moder- nen Instrumenten mit Esprit vorgetragen. 
Ein musikalisches Ereignis war seinerzeit die CD mit  Jochen Kowalski sowie dem Kammerorchester Berlin unter Max Pommer und Arien aus der Berliner Operngeschichte - von Hasse, Graun, Bononcini, aber natürlich auch von Friedrich selbst. Es war das Debüt-Album des Countertenors, der in den 80er und 90er Jahren weltweit erfolgreich war, vor allem in den Händel-Inszenierungen Harry Kupfers. 
Ersteinspielungen nach unveröffentlichten Handschriften der Deut- schen Staatsbibliothek Berlin präsentierte die CD Musik am Berliner Hof, eingespielt 1991 auf historischen Instrumenten von der Akade- mie für Alte Musik Berlin. Hier ist beispielsweise Ernst-Burghard Hilse, Traversflöte, mit Quantz' Flötenkonzert Pour Potsdam zu hören. Ein Erlebnis ist auch das Zusammenspiel von Christine Schornsheim und Raphael Alpermann, Cembalo, im Konzert F-Dur für zwei Cembali, zwei Hörner, Streicher und Basso continuo Wq 46 von Carl Philipp Emanuel Bach. Die CD enthält zudem Werke von Christoph Nichelmann, Johann Kirnberger und Christoph Schaffrath. 
Ebenfalls 1991 aufgenommen wurde die CD Konzert am Preußischen Hof mit Werken von Johann Gottlieb und Carl Heinrich Graun, Georg Benda und Carl Philipp Emanuel Bach. Hier ist erneut das Kammer- orchester "Carl Philipp Emanuel Bach" unter Hartmut Haenchen zu hören. Insgesamt geben diese fünf CD einen ersten Einblick in die musikalische Welt, in der sich Friedrich der Große bewegte. Und die Aufnahmen sind von einer Qualität, die so manches, was später er- schienen ist, ganz klar in den Schatten stellt. 

Samstag, 3. Dezember 2011

Pergolesi: Stabat Mater (Naxos)

"Dein Brief fand mich just mitten in der Arbeit das Stabat Mater in teutsche reime mit beybehaltung des Rhythmus zu übersetzen; eine RuderknechtsArbeit, wenn's ein Mensch thun müßte", schrieb Christoph Martin Wieland 1779 an Johann Heinrich Merck. Wenige Tage später starb seine achtjährige Tochter Regina Dorothea - ein Verlust, der den Dichter, der am Weimarer Hof als Prinzenerzieher wirkte, schwer getroffen hat. Die Beschäftigung mit der Musik Giovanni Battista Pergolesis (1710 bis 1736), und das Ringen um die adäquate Übertragung des Textes in die deutsche Sprache mögen Wieland getröstet haben. 
Es mag verblüffen, doch die vorliegende CD bringt diese Textversion als Welt-Ersteinspielung - und dazu noch ein weiteres Werk nach einem Text Wielands, Der Frühling Wq 237 / H 723 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) sowie Entro le viscere, eine italieni- sche Kantate, die Carl Heinrich Graun (1701 bis 1759) für den preußi- schen Kronprinzen Friedrich komponiert hat. Auch dies sind Welt-Ersteinspielungen - erstaunlich angesichts der hohen musikalischen Qualität beider Werke; die Aufnahmen sind allerdings bereits 2008 entstanden. Es ist bei Naxos nicht die Regel - aber diese CD enthält ein geradezu üppiges Beiheft, und die Texte stammen überwiegend von hochdekorierten akademischen Fachkräften. 
Musiziert wird vorbildlich. Es singen Elisabeth Scholl, Sopran - deren Opernattitüde mir in der Graun-Kantate jedoch weit besser gefällt als in der Stabat Mater, - Marcus Ullmann mit einem schönen Tenor sowie Alexander Schneider, der mit einem schlanken, gut geführten Altus beeindruckt.  Das Barockorchester L'arpa festante steuert unter Alexander Eberle einen rhetorisch stark akzentuierten, spannungs- vollen Orchesterpart bei. 

Freitag, 12. August 2011

Graun: Montezuma (Capriccio)

"Liebste Schwester! Ich erlaube mir, Dir einen Mexikaner zu Füßen zu legen, der noch nicht ganz kul- tiviert ist. Ich habe ihm Franzö- sisch beigebracht; jetzt soll er Italienisch lernen", schrieb Fried- rich der Große an Wilhelmine. Der König höchstpersönlich hatte in französischer Prosa das Libretto verfasst, sein Hofdichter brachte es anschließend in italienische Verse. Und gemeinsam mit Carl Heinrich Graun, seinem Hofkapellmeister, setzte sich der König auch über so manche Konvention der italienischen Oper hinweg: "Die Mehrzahl der Arien soll kein Dacapo erhalten; nur die zwei Arien des Kaisers und der Eupaforice sind dazu bestimmt", kündigte er seiner Schwester an. Zudem eilt am Schluss des Werkes kein Gott herbei, um Montezuma, den König der Mexikaner, und sein Volk vor dem Spa- nier Cortes zu erretten. Die Oper endet mit dem Schreckenschor der Azteken, die versuchen, den Flammen und dem Gemetzel zu entrin- nen - wahrlich nicht das genretypische Happy End.
Musikalisch ist das alles perfekt umgesetzt; Graun hat sein Handwerk verstanden, und auch das Fünkchen Genie, das aus einer historisch interessanten Komposition eine noch heute anhörenswerte macht, war hier beteiligt: Montezuma ist eine grandiose Opera seria. Die vorliegende Aufnahme aus dem Jahre 1992, aufgezeichnet im Kölner Gürzenich, bringt Grauns Werk sehr gut zur Geltung. Amüsanterweise wird diese Oper hier durchweg von Frauenstimmen gesungen. Doch das Ensemble ist sehr ausgewogen besetzt, und die Deutsche Kammerakademie musiziert unter Johannes Goritzki ebenfalls sehr hörenswert. 
Friedrich II., der König von Preußen, zeigte in seinem Libretto exemplarisch, was geschieht, wenn ein allzu aufgeklärter Herrscher auf die Kraft der Vernunft statt auf schlagkräftige Truppen setzt. 1755 hatte diese Oper in Berlin Premiere; ein Jahr später marschierte der König, der doch eigentlich ein Aufklärer war, in Sachsen ein, um einem Angriff auf Preußen zuvorzukommen: Der Siebenjährige Krieg hatte begonnen. 

Freitag, 24. Juni 2011

Graun: Concerti (cpo)

Die Cappella Academica Frankfurt ist ein Ensemble, das aus der Hoch- schule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/Main, insbeson- dere aus dem Institut für Histori- sche Interpretationspraxis, hervorgegangen ist. Dort lehren Musiker, die durchweg lange Jahre in führenden europäischen Barock- orchestern gewirkt haben. Sie bringen ihre Erfahrungen in das Zusammenspiel mit ihren fortge- schrittenen Studenten ein, die in der Cappella Academica Frankfurt gemeinsam mit ihren Professoren und mit Alumni der Hochschule musizieren.
Für diese CD haben die Musikerinnen und Musiker um Konzertmeiste- rin und Solo-Bratschistin Petra Müllejans, Swantje Hoffmann, Solo-Violine, Michael Schneider, Blockflöte, Karl Kaiser, Traversflöte und Christian Beuse, Fagott, ein Programm mit Werken der Brüder Graun zusammengestellt. Natürlich haben sie versucht, die Urheberfrage zu klären. Doch das ist nicht so einfach, erläutert Michael Schneider in dem sehr informativen Beiheft. Denn erstens werden ihnen oftmals Werke zugeschrieben, die von ganz anderen Komponisten stammen. Und, zweitens, bleibt selbst bei Prüfung der Quellen oft unklar, ob ein Werk nun von Johann Gottlieb Graun oder von Carl Heinrich Graun stammt. Denn dort steht Del Signor Graun oder di Graun – und nicht einmal mit den Mitteln der Stilanalyse lässt sich genaueres heraus- finden.
Allerdings passt das Fagottkonzert auf dieser CD stilistisch überhaupt nicht zu den anderen Werken. Und in der Tat – die Handschrift ver- weist eher auf Christoph Graupner, und auch die Musik klingt nach dem Darmstädter Hofkapellmeister, der eine ganze Reihe von Fagott- konzerten geschaffen hat. Das Beiheft teilt mit, man habe dieses Kon- zert dennoch mit aufgenommen, weil es „die instrumentale Farbigkeit und das stilistische Spektrum unseres Programms noch in den Barock hinein erweitert“. Die Werke der Gebrüder Graun hingegen sind wohl eher der Empfindsamkeit zuzuordnen, und insbesondere die beiden Flötenkonzerte sind in der Tat von geradezu Telemann- scher Pfiffigkeit. All das macht diese CD zu einem Hörvergnügen. Wer neugierig ist auf die eine oder andere Entdeckung, der sollte sie durchaus anhören.

Samstag, 28. Mai 2011

Bläserkammermusik der Brüder Graun (Musicaphon)

Ihre Manuskripte signierten sie Graun, ihre Musikstücke können nicht einmal Experten in jedem Falle sicher einem der Brüder zuordnen, und auch sonst waren ihre Lebenswege erstaunlich eng verflochten: Johann Gottlieb (1698 bis 1771) und Carl Heinrich Graun (1703 bis 1757) besuchten beide die Kreuzschule in Dresden. Johann Gottlieb erhielt Violin- unterricht bei Johann  Georg Pisendel; er ging später als Konzertmeister nach Merseburg, wo übrigens zu seinen Violinschülern auch Wilhelm Friedemann Bach gehörte, und wechselte dann in den Dienst des Prinzen Waldeck nach Arolsen. 
Carl Heinrich konnte schon in Dresden von seiner schönen Stimme profitieren. 1725 wurde er als Tenorist nach Braunschweig engagiert, wo er bald darauf Vizekapellmeister wurde, und seine ersten Opern komponierte - unter anderem für die Hochzeitsfeierlichkeiten des preußischen Kronprinzen Friedrich. Der war davon so angetan, dass er die Gebrüder Graun in seine Hofkapelle aufnahm. 
Das Ensemble Concert Royal aus Köln hat auf dieser CD Bläser-Kammermusik der Graun-Brüder eingespielt, die mit teilweise sehr kuriosen Besetzungen überrascht. Da finden sich unter anderem Trios für Oboe d'amore, Horn und Fagott, zwei Concerti für konzertieren- des Horn, Oboe d'amore und Basso continuo, sowie ein Concerto à 4 für zwei Oboen, Trompete und Fagott. Karla Schröter und Eric Douchy, Oboe d'amore, Anette Sichelschmidt, Barockvioline, Rafael Vosseler, Barockhorn, Friedemann Immer, Barocktrompete, Trudy von der Wulp, Barockfagott und Roman Giefer, Cembalo, sind zweifellos durchweg exzellente Instrumentalisten. Aber diese CD erfüllt nicht ganz die hohen Erwartungen, mit der man sie gestartet hatte. Diese Werke zwischen Spätbarock und galantem Stil hätte man sich eleganter, farbiger und mit mehr Esprit vorgetragen gewünscht. 

Montag, 28. März 2011

Graun: Der Tod Jesu (Hungaroton)

Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) begann seine Ausbildung als Kruzianer in Dresden. Seine erste Anstellung erhielt er als Hofsänger in Braunschweig; 1735 trat er ge- meinsam mit seinem Bruder Jo- hann Gottlieb Graun in die Kapelle des preußischen Kronprinzen ein. Friedrich der Große ernannte Graun zum Kapellmeister - und schickte ihn nach Italien, um Sänger für die Königliche Hofoper zu rekrutieren. 
Ironischerweise waren es Deut- sche, die die italienische Oper zur Blüte führten - Georg Friedrich Händel, Carl Heinrich Graun und Johann Adolf Hasse. Und obwohl Graun in erster Linie Opern komponiert hat, fiel dieser Teil seines Werkes mit dem Verschwinden der opera seria aus dem Repertoire dem Vergessen anheim. Die Kirchenmusik hingegen blieb im Gedächt- nis des Publikums - vor allem Grauns Passionskantate Der Tod Jesu, uraufgeführt in der Karwoche 1755 im Berliner Dom. 
Sie wurde bis 1858 alljährlich unter anderem durch die Berliner Singakademie am Karfreitag aufgeführt. Dann sollte das beliebte Werk durch Bachs Matthäuspassion ersetzt werden - doch auf Wunsch des Kaisers wurde das Programm bald wieder geändert, und Grauns Kan- tate erklang erneut, bis 1884.   Anders als Bach, setzt Graun weniger auf die Dramatik, sondern auf die Reflexion des Heilsgeschehens unter Mitwirkung des Publikums - denn die Choräle sang, mit einer Ausnahme, das Kirchenvolk mit. Der Text von Carl Wilhelm Ramler ist nicht gerade große Dichtkunst; aber die Interpreten dieser Auf- nahme schaffen trotzdem eine akzeptable Auslegung. Es singen Mária Zádori und Márta Fers, Sopran, Martin Klietmann, Tenor und Klaus Mertens, Bass sowie der Kammerchor Cantamus aus Halle/Saale. Es musiziert die Capella Savaria, ein renommiertes ungarisches Ensem- ble, das sich vor allem der Musik des 18. Jahrhunderts verschrieben hat, unter Leitung seines damaligen Leiterns Pál Németh. Wenn man bedenkt, dass diese Aufnahme aus dem Jahre 1991 stammt, dann ist sie sehr verdienstvoll und musikalisch hochachtbar.