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Mittwoch, 22. Januar 2020

Variety - The Art of Variation (Deutsche Harmonia Mundi)

Das Chamäleon ist, bedenkt man es recht, ein perfektes Wappentier für die Barockmusik. Denn wann immer man es anschaut, es erscheint immer wieder neu und irgendwie anders. Es passt sich seinem Untergrund an – was beispielsweise hätte uns Bach hinterlassen, wenn er nicht Thomaskantor in Leipzig geworden wäre? Und was wäre geschehen, wenn Händel nicht nach London gegangen wäre, sondern beispielsweise eine Anstellung als Hofkapellmeister in Dresden akzeptiert hätte? 
Auch die barocken Kompositionen geben den Interpreten meist großen Freiraum. Wie sie korrekt aufzuführen sind, darum wurden heftige Debatten geführt, und jede Menge Aufsätze publiziert. 
Mittlerweile dürfte klar sein: Die eine unverrückbar „richtige“ Interpretation wird wohl ein Phantom bleiben. Jede Aufführung klingt anders, und das ist auch gut so. Das Chamäleon darf weiter die Farbe wechseln. Und wir Musikliebhaber erfreuen uns an Kompositionen, die anspruchsvoll sind, aber nicht unzugänglich, die herausfordernd und abwechslungsreich sind, und dazu vergnüglich anzuhören. 
Barockmusik, in ihren vielen höchst unterschiedlichen Facetten, bereitet noch immer den Interpreten und dem Publikum gleichermaßen Freude. Das gilt auch für das jüngste Album des Ensembles Les Passions de l’Ame aus Bern. Das Orchester für „Alte“ Musik um Konzertmeisterin Meret Lüthi präsentiert Werke der Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680). 
Zentrales Thema des Programmes ist die Variation, nicht nur in der Barockzeit ein beliebtes Kompositionsverfahren. Die ausgewählten Musikstücke bieten den Musikern vielerlei Möglichkeiten, ihre Virtuosität zu zeigen – und sie sind auch für die Zuhörer höchst attraktiv. Denn sie begeistern durch ihren enormen musikalischen Einfallsreichtum ebenso wie durch spektakuläre Spieltechniken und Show-Effekte. Die Instrumentalisten von Les Passions de l’Ame überzeugen durch Spielfreude und Ausdrucksstärke. Wunderbar, diese Aufnahme hört man sich wirklich gern an. 

Montag, 9. Dezember 2019

Ludwig Güttler - Europa cantat (Berlin Classics)

Wenn die Trompeten und Pauken der Herrscher gemeinsam mit den Oboen der Hirten musizieren, dann ist wieder einmal Weihnachten. Das Fest verbindet Himmel und Erde, Arme und Reiche, und Menschen aus der ganzen Welt. Ludwig Güttler war es deshalb ein Anliegen, auf eine Tradition europäischer Musik hinzuweisen, die man aus heutiger Sicht oftmals vergisst: Musik überschreitet Grenzen. Und Musiker in Europa haben schon immer über Grenzen geschaut. 
Flämische Musiker inspirierten Italiener, deutsche Musiker lernten in Italien, Musiker aus Böhmen waren nicht nur in Österreich sehr begehrt, und der französische Hof bot mit seiner Pracht und seinem Sonnenkönig ein Vorbild, das europaweit vielfach kopiert wurde. Händel stammte aus Halle an der Saale, er war schon in Italien erfolgreich, und er ging schließlich nach England. Hasse stammte aus Bergedorf bei Hamburg; in Italien wurde er – nach heutigen Maßstäben – zum Star, und er wirkte schließlich in Dresden. 
Bachs weiteste Reise ging nach Lübeck. Doch in seiner Musik griff er, ebenso wie sein Kollege Telemann und viele andere, Anregungen aus Italien ebenso auf wie die neuesten Trends aus Frankreich. Denn nicht nur Musiker reisten von Rom bis nach St. Petersburg, von Stockholm bis Madrid und von Wien bis London quer durch Europa. Auch Noten wurden eifrig studiert, kopiert und weitergegeben. 
„Europa cantat“, überschrieb Ludwig Güttler seine neuen CD, Europa singt. Und das prägt auch die Musikauswahl: „Mir war es wichtig, Komponisten zu versammeln, die den Europagedanken zum Ausdruck bringen, sei es in ihrer Herkunft, ihrer Ausbildung, den Reisen und Umzügen nach unterschiedlichen Wirkungsorten“, sagt Güttler. Und so fasst der Trompeter und Dirigent auf dieser CD barocke Weihnachtsmusiken aus verschiedenen Regionen Europas zusammen, die verdeutlichen, wie gut doch seinerzeit der kulturelle Austausch europaweit funktionierte. 
Werke namhafter Komponisten wie Bach, Händel und Telemann stehen dabei neben denen weniger bekannter Musiker, wie Pietro Torri, Pavel Josef Vejvanovský oder William Brade. Im Laufe seiner langen Musiker- karriere hat Güttler etliche davon in Archiven wiederentdeckt und mit seinen Ensembles aufgeführt. Dort sind aber auch weiterhin Schätze zu heben, meint der Musiker: „Der Fundus an Meisterwerken ist riesig“, unterstreicht Güttler. „Wir dürfen heute mit unseren Taschenlampen Lichtkegel darauf richten.“ 

Mittwoch, 20. November 2019

Welter: Gott sey uns gnädig (Christophorus)


Elf Kantaten, zwei Magnificat-Vertonungen und elf Kirchenlieder – das ist alles, was von dem einstmals umfangreichen Werk Johann Samuel Welters (1650 bis 1720) erhalten geblieben ist. Im Nachlass des langjährigen Organisten der Kirche St. Michael in Schwäbisch Hall waren noch ca. 400 Kompositionen aufgelistet; und wer diese CD angehört hat, der wird den Verlust sehr bedauerlich finden. Nicht umsonst schätzen Musikwissenschaftler Welter als einen bedeutenden Choralkomponisten zwischen Hieronymus Praetorius und Johann Sebastian Bach.
Johann Samuel Welter kam in Obersontheim zur Welt; sein musikalisches Talent war schon früh erkennbar, und so durfte er als Stipendiat am Gymnasium illustre in Schwäbisch Hall lernen. Musikunterricht erteilte dort der örtliche Kantor. Die weitere Ausbildung übernahm dann ein Verwandter, der Stadtmusicus in Nürnberg war. Nach einer Anstellung als Organist und Kanzlist am Hofe des Grafen Joachim Albrecht von Hohenlohe-Langenburg auf Schloss Kirchberg a.d. Jagst wurde Welter 1675 Organist von Michael in Schwäbisch Hall, und dort wirkte er bis an sein Lebensende.
Diese Einspielung mit dem Ensemble ecco la musica stellt die Choralkantaten von Johann Samuel Welter vor. Es sind effektvolle Kompositionen, traditionell besetzt mit Violinen, Zinken, Viola da gamba und Posaunen, aber ausgesprochen ideenreich in der musikalischen Ausgestaltung, und in der Harmonik sogar kühn und extravagant.
Komplettiert wird dieses sehr ansprechende Programm durch Sonaten aus dem Langenburger Notenbestand – zumindest waren sie zu Welters Zeiten dort, wie ein Inventar verrät. Das Ensemble ecco la musica hat einige der dort verzeichneten Instrumentalwerke in anderen Sammlungen aufgespürt und bringt auch diese prächtigen Stücke, unter anderem von Bertali und Schmelzer, wieder zum Klingen. Eine hochinteressante und zudem ausgesprochen klangschöne CD. Unbedingte Empfehlung!

Montag, 13. November 2017

Passagio - Eine barocke Alpenüberquerung (Alpha)

Der Elefant auf dem Cover täuscht – es geht nicht um die Alexanders dieser Welt, sondern um Musiker, die die Alpen überquerten; im 16. und
17. Jahrhundert war dies noch ein strapaziöses und sicherlich auch nicht ganz ungefährliches Unter- fangen. Doch Instrumentalisten und Sänger aus Italien waren an europäischen Höfen gesucht, und umgekehrt reisten ihre Kollegen in den Süden, um in Italien zu lernen und sich mit den aktuellen Trends vertraut zu machen. 

Das Duo Ombra e Luce spürt auf dieser CD den Auswirkungen nach, die dieser Austausch auf die Musik Europas hatte. Dazu haben Georg Kallweit und Björn Colell Musik für Violine und Laute eingespielt; die ausgewählten Werke zeigen, dass Komponisten seinerzeit nicht einmal selbst auf die Reise gehen mussten, um südliche Inspiration zu erfahren. Johann Heinrich Schmelzer beispielsweise, erst Geiger und später Hofkapellmeister in Wien, war nie in Italien. 
Georg Muffat hingegen hat sowohl bei Jean-Baptiste Lully als auch bei Arcangelo Corelli studiert. In seinem Schaffen integrierte er die verschiedensten stilistischen Einflüsse. Eine Lektion in Musikgeschichte freilich geben Georg Kallweit und Björn Colell eher im Hintergrund. In erster Linie präsentieren die beiden Musiker ein gut abgestimmtes Programm, in dem sie sowohl die Geige als auch Theorbe, Chitarrone und Barockgitarre mit ebenso virtuosen wie wohlklingenden Musikstücken auf das Beste ins Licht rücken. 
Und wie dieses Duo musiziert, das ist sensationell – Kallweit und Colell lassen die Klänge atmen; alles wirkt so lebendig und spontan, ganz als wäre diese Musik gerade eben entstanden. Das ist große Kunst, die den Hörer beglückt. Unbedingt anhören! 

Donnerstag, 2. November 2017

Schmelzer: Sonatas (Accent)

Auf dieser CD erkundet William Dongois mit seinem Ensemble Le Concert Brise eine ganz spezielle Facette der Musikgeschichte: Im Laufe der Jahrhunderte sind immer wieder Instrumente zeitweise besonders beliebt gewesen, und dann plötzlich aus der Mode gekommen. Mitunter sind sie dabei sogar völlig außer Gebrauch geraten, wie beispielsweise die komplette Familie der Gamben, die Blockflöten – oder der Zink, um den es auf dieser CD geht. 
Der Lebenslauf von Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680) spiegelt eine solche Entwicklung. Der Musiker begann seine Karriere als Cornettist – in dieser Funktion ist er 1643 am Wiener Stephansdom nachzuweisen – und wirkte später als Geiger in der Hofkapelle. Kaiser Leopold I. schätzte ihn sehr; er ernannte den Musiker 1665 zum Ballettkomponisten, 1671 zum Vizekapellmeister und 1679 schließlich als ersten Nicht-Italiener überhaupt zum Hofkapellmeister. Außerdem erhob er Schmelzer in den Adelsstand. Genießen freilich konnte der Musiker diese Ehren nicht allzu lange, denn er wurde 1680 ein Opfer der Pest. 
Der Zink war vom Spätmittelalter bis Mitte des 17. Jahrhunderts im Gebrauch. Er stand in dem Ruf, der menschlichen Stimme klanglich besonders gut zu entsprechen. Dass der Zink vom Instrument der Stadt- pfeiffer zu einem Virtuoseninstrument wurde, für das höchst anspruchs- volle Soli entstanden, dieser Trend kam zum Ende des 16. Jahrhunderts aus Italien. Aus Italien kam aber im 17. Jahrhundert auch die Violine, durch die der Zink verdrängt wurde. 
Die Ablösung des Grifflochhorns durch die neuartigen Streichinstrumente spiegelt auch das Schaffen Schmelzers. Während er zunächst Zink und Violine nebeneinander einsetzte, dominiert in seiner Kammermusik schließlich die Violine. Schmelzer selbst, so schreibt Johann Joachim Müller in seinem Reise-Diarium aus dem Jahre 1660, galt als „der berühmte und fast vornehmste Violist in ganz Europa“
Seine Werke waren beliebt und weit verbreitet; die Musiker um Dongois haben ihr Programm mit herrlichen Sonaten aus den verschiedensten Manuskripten sowie zwei Drucken zusammengestellt. Was für ein Klanggenuss! Mit dieser Aufnahme bestätigt der Musiker einmal mehr seine hohe Kunst; Dongois ist ohne Zweifel derzeit einer der besten Zinkenisten Europas. Im Ensemble Le Concert Brisé hat er brillante Partner an seiner Seite; zu hören sind Alice Julien-Laferrière, Barock- violine, Jean-François Madeuf, Naturtrompete, Stefan Legée, Posaune, Moni Fischalek, Dulcian und Hadrien Jourdan an der Orgel der Kirche von Talange, 2003 von Rudi Jacques im italienischen Stil erbaut. 

Montag, 25. Juli 2016

Muffat: Missa in labore requies (Audite)

Die Klosterkirche St. Martin der ehemaligen Benediktinerabtei Muri, gelegen im Kanton Aargau, ist ein ganz besonderer Raum. Es handelt sich dabei um ein barockes Oktogon, errichtet in den Jahren 1694 bis 1697 nach den Plänen des Baumeisters Giovanni Battista Bettini – noch heute der größte Kuppelzentralbau der Schweiz. 
Mit ihren vier Musizier-Emporen lädt diese Kirche zur Aufführung mehrchöriger Musik geradezu ein. Dazu kommt, dass das ehemalige Hauskloster der Habsburger im 18. Jahrhundert nicht nur mit Altären, Stuck, Schnitzwerk und Ausmalungen üppig ausgestattet wurde, sondern auch über fünf Orgeln verfügt. Zwei davon, die Epistel- und die Evangelienorgel, 1743 erbaut von Joseph und Viktor Ferdinand Bossart, und dazu drei Truhenorgeln, sind auf dieser CD zu hören. 
Die Cappella Murensis, gegründet 2002 durch den Kirchenmusiker Johan- nes Strobl, hat den Raum genutzt, um die Missa In labore requies von Georg Muffat (1653 bis 1704) aufzuführen – eine Komposition mit 24 (!) Stimmen in fünf Chören. Die Partitur dieser Rarität befand sich zunächst im Besitz Joseph Haydns; heute ist sie ein Bestandteil der Musikalien- sammlung der Fürsten Esterházy und wird in der Széchényi-National- bibliothek in Budapest aufbewahrt. In welcher Weise die Sänger und Musiker dabei im Kirchenraum positioniert worden sind, das wurde mit einigem Aufwand im Beiheft zu dieser CD dokumentiert. 
Außerdem erklingen groß besetzte Kirchensonaten von Antonio Bertali (1605 bis 1669), Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680). Das Label Audite hat dieses musikalische Ereignis aufgezeichnet – angesichts der Raumsituation kein einfaches Unterfangen, wie auch das gemeinsame Musizieren derart ver- teilter Ensembles nicht ganz unkompliziert ist. Der Zuhörer aber hat den akustischen Eindruck, mitten im Kirchenraum zu sitzen. Dieses Klang- erlebnis sollte man sich nicht entgehen lassen, zumal sowohl die Sänger der (professionellen) Cappella Murensis als auch die Mitwirkenden vom Trompetenconsort Innsbruck und Les Cornets Noirs sehr hörenswert musizieren. 

Dienstag, 5. Juli 2016

Accordato - Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)

Die Handschrift XIV 726 des Wiener Minoritenkonvents enthält zahlreiche erlesene Musikstücke für die Violine. Damit zählt sie zu den bedeutendsten Quellen österreichischer Barock- musik. „Ein besonderes Merkmal aller im Konvolut vereinigten Sonaten ist die Forcierung des virtuosen Elements“, schreibt Gunar Letzbor, und sinniert: „Wer hat sich wohl die Arbeit gemacht, über hundert Sonaten mit der Hand zu Papier zu bringen, wenn nicht ein Geiger, der diese Sonaten selbst musizieren konnte? Es muss ein sehr guter Violinist gewesen sein, sonst hätte er nicht gerade diese anspruchs- volle Musik notiert.“ 
Letzbor hat mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria bereits zwei CD mit Werken aus dieser Handschrift veröfffentlicht. Eines dieser Programme widmete er anonym überlieferter Musik, das andere Stücken speziell für skordierte, umgestimmte, Violine. Im dritten Teil, zum Abschluss dieser Serie, spielt er Sonaten von Rupert Ignaz Mayr, Bonaventura Viviani, Antonio Bertali, Johann Caspar Teubner, Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich Ignaz Franz Biber. 
Die Einspielung ist erneut hörenswert, zumal die meisten Stücke bislang anderweitig noch nicht zugänglich sind. Auf die zukünftigen Entdeckun- gen dieses Ensembles darf man gespannt bleiben. 

Samstag, 2. Januar 2016

Scordato - Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)

Wieder einmal hat sich Gunar Letzbor der Handschrift XIV 726 des Wiener Minoritenkonvents zuge- wandt. Sie ist, schreibt der Geiger im Beiheft zu dieser CD, „nicht nur eine herausragende Quelle für Violin- musik österreichisch/süddeutscher Herkunft, sie ist auch eine Fund- grube für Kompositionen mit ,verstimmter' Geige.“ 
Diese Musizierpraxis sei wahrschein- lich durch Geiger niederer sozialer Schichten entwickelt worden, erläutert Letzbor in seinem sehr informativen Text: „Diese Bradlgeiger oder Linksfäustler, wie sie auch abwertend genannt wurden, (..) passten die Stimmung der Instrumente an die besonderen Anforderungen für verschiedene Musikstücke an.“ 
Die Stadtpfeifer und Hofmusiker übernahmen allerdings dann dieses Vorgehen der Bauerngeiger und Wirtshausvirtuosen, weil sie feststellten, dass das Umstimmen, die sogenannte Skordatur, den Klang der Instru- mente beeinflusst: „Eine Geige, deren Saiten mehr gespannt sind als in Normalstimmung, klingt lauter und durchdringender. Vermindert man die Saitenspannung, klingt die Violine dunkler, weicher, sonorer“, so Letzbor. „Eine Tonart kann eine besondere Klangfülle erhalten, wenn möglichst alle vier Saiten der Geige in den Tönen des Grundtondrei- klanges gestimmt werden, es gibt dann viele resonanzen. Manche Skordaturen mischen Töne des Grundtondreiklanges mit Tönen der Dominante und der Subdominante. Es entstehen dabei besondere Klangfarben, die die Normalstimmung niemals hervorbringen kann.“  
Die experimentierfreudigen Musiker der Barockzeit schätzten solche Effekte, wie Letzbor gemeinsam mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria auf dieser CD gekonnt deutlich macht. Sie enthält unter anderem Sonaten von Nikolaus Faber, der zu Bibers Zeiten in Kromeritz am Bischofshof wirkte, einem Joan Voita, bei dem Letzbor vermutet, es könnte sich um den Prager Musiker Johann Ignaz Franz Voita handeln, und Werke der berühmten Musikerfamilie Schmelzer. Nicht alles hat höchstes Niveau, aber einige grandiose Entdeckungen sind Letzbor dennoch gelungen. Auf die dritte CD der Serie „ex Vienna“, die in diesem Jahr erscheinen soll, darf man bereits gespannt sein. 

Montag, 27. Juli 2015

Passagi (Atma Classique)

Zwei junge kanadische Musiker aus Kanada haben diese CD mit „alter“ europäischer Musik eingespielt. Vincent Lauzer, Blockflöten, hat ebenso wie der Cembalist und Organist Mark Edwards bereits etliche Wettbewerbe gewonnen. Für ihre Einspielung haben sie ein Programm zusammengestellt, das sich weniger an populären Melodien und bekannten Namen als vielmehr an musikhistorischen Entwicklungen orientiert. So erklingen die Variationen von Giovanni Bassano (1558 bis 1617) zu Orlando di Lassos Lied Susanne un jour, mit einer wahren Flut an Verzierungen. Ähnliches ist über die Variationen von Riccardo Rogniono (um 1555 bis um 1620) über das Madrigal Ancor che co'l partire von Cipriano de Rore zu berichten. Auch wenn die Komponisten sicherlich, wie es damals Brauch war, nicht alles ausnotiert haben, was die Musiker letztendlich gespielt haben, so geben diese beiden Werke doch einen interessanten Einblick in die damalige Musizierpraxis. Ähnlich sorgsam haben Lauzer und Edwards auch den Rest des Programmes zusammengestellt – mit Werken von Girolamo Frescobaldi (1583 bis 1643), Angelo Notari (1566 bis 1663), Angelo Berardi (um 1636 bis 1694), Dario Castello (um 1590 bis um 1630), zwei der expressiven Sonaten von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (um 1620 bis 1669) und zwei von seinem deutschen Kollegen Johann Heinrich Schmelzer (um 1620 bis 1680). Eine spannende Kombination, die beiden Musikern Gelegenheit bietet zu virtuosem und farbenreichem Spiel.  Unbedingt hörenswert.

Donnerstag, 9. Juli 2015

à 2 Violin. Verstimbt - Music for 2 Scordatura Violins and Basso continuo (Ars Produktion)

Musik für zwei Violinen und Basso continuo hat Der musikalische Garten für seine Debüt-CD ausge- wählt. Das Ensemble wurde nicht umsonst mehrfach mit Preisen geehrt – und so spielen die Musiker hier ein mit Sorgfalt zusammengestelltes Programm, dass sich durch ein konkretes Merkmal auszeichnet: Die Streichinstrumente sind anders gestimmt, als üblich und gewohnt. 
Diese sogenannte Skordatur, entstanden wahrscheinlich in Italien, war im 17. Jahrhundert vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet und beliebt. Das „Verstimmen“ verändert einerseits den Klang des Instrumentes. Andererseits ermöglicht es dem Geiger, bestimmte Intervalle oder Akkorde zu spielen, die sich sonst nur schwer oder gar nicht greifen lassen. Mitunter lassen sich auch schnelle Passagen durch einen einfacheren Fingersatz  besser spielen – wobei die Stücke auf dieser CD nicht unbedingt die Virtuosität in den Vordergrund stellen. Meistens geht es eher um Klangeffekte, doch simpel ist keine dieser Kompositionen. Auf seiner Suche nach Repertoire aus dem deutschsprachigen Raum hat das Ensemble Der musikalische Garten in diversen europäischen Bibliotheken Werke entdeckt, die wirklich hörenswert sind, und echte Raritäten – etwa die Hälfte der Stücke auf dieser CD erklingt in Weltersteinspielung.

Freitag, 14. Juni 2013

Trombett- undt musikalischer Taffeldienst (Fra Bernardo)

„Ein paar Hörproben kaiserlicher Prachtentfaltung und fürstlichen Repräsentationsgeistes“ verheißt diese CD des Labels Fra Bernardo. Sie ist geprägt vom strahlenden Klang der Blechbläser. Pauken und Trompeten gelten nicht umsonst bis heute als Symbole der Macht. Bereits im Mittelalter standen ihre Klänge für weltliche Herrschaft und höfischen Glanz. 
In Österreich war, neben dem Hof des Kaisers in Wien und dem der Bischöfe von Salzburg, insbesondere die Kapelle des Fürstbischofs Carl von Liechtenstein-Kastelkorn im mährischen Kremsier berühmt für ihre exzellenten Musiker. Dort wirkte der Violinvirtuose Heinrich Ignaz Franz Biber, der sich allerdings bald nach Salzburg absetzte. Sein Nachfolger in der Position des Hofkapellmeisters wurde der Trompeter Pavel Vejvanovsky.
Doch nicht nur virtuose barocke Trompetenmusik ist in Kremsier erklungen. Das Archiv des erzbischöflichen Schlosses enthält eine Vielzahl bedeutender Werke; etliche herausragende Komponisten, die nicht im Dienst des Fürstbischofs standen, sind zumindest mit Manu- skripten oder Abschriften ihrer Werke dort vertreten.
Das Ensemble Concerto Stella Matutina hat eine Auswahl dieser musi- kalischen Schätze gekonnt eingespielt. Es sind nicht alles Werke, in denen die Trompete dominiert. So sind von Biber neben einer Sonate für zwei Trompeten, zwei Violinen und Basso continuo auch zwei launige Stücke zu finden, in denen überhaupt keine Bläser zu hören sind. Das eine hat den Beinamen Die Pauern Kirchfahrt genandt -den Grund dafür wird jedermann bald heraushören. Das andere nannte der Violinvirtuose ironisch Trombett- undt musikalischer Taffel- dienst. Der Herr, dem hier aufgespielt wird, kann sich ein richtiges Orchester offenbar nicht leisten, so dass die Geige den Part der Trompete übernehmen muss. Insbesondere die Intrada ist ein wahres Juwel; Biber hat für derartige Spötteleien ein Händchen.

Dienstag, 25. Dezember 2012

Uns ist ein Kind geboren (Carus)

Einmal mehr haben sich der Tenor Hans Jörg Mammel und das auf Barockmusik spezialisierte Orche- ster L'arpa festante gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und das, was sie in den Tiefen der Notenschränke aufgespürt haben, legen sie dem Publikum auf den Gabentisch: Konzerte und Arien zur Weihnacht, durchweg Raritä- ten; man staunt, aber dennoch erklingen nur zwei dieser Werke, die so selten zu hören sind, hier in Weltersteinspielung. 
Es handelt sich dabei um Kompositionen des Schütz-Meisterschülers Christoph Bernhard (1628 bis 1692). Im Kontrast dazu erklingen zwei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die pietisti- sche Gedankenwelten in barocke Klänge einbetten. Das Ergebnis möchte man beinahe eine protestantische Oper nennen: "Göttlichs Kind, lass mit Entzücken / dich doch an mein Herze drücken, / deine Schönheit nimmt mich ein"
Berückend sind die beiden Concerti von Johann Hermann Schein (1586 bis 1630), in denen der Tenor gleichberechtigt neben diversen Instrumentalisten mit Generalbass-Begleitung konzertiert. Der Tho- maskantor hat hier das italienische Vorbild beachtlich weiterent- wickelt - und nannte seine eigenen Musikstücke dennoch bescheiden Opella nova, was wohl als "neue Werklein" zu übersetzen ist. 
Die Musiker von L'arpa festante präsentierten jeweils eine Sonate von Pavel Josef Vejvanovský (vermutlich 1633 bis 1693) und Johann Heinrich Schmelzer (vermutlich 1623 bis 1680). Gesang und Basso continuo kombiniert Philipp Friedrich Böddecker (1607 bis 1683) in Natus est Jesus. Der Komponist, im Elsass geboren, wuchs in Stuttgart auf, wo sein Vater an der Stiftskirche und in der Hofkapelle musizierte. Böddecker begann seine künstlerische Laufbahn als Gesangslehrer und Organist an einer Lateinschule; er wirkte unter anderem am Darmstädter Hof, als Organist am Straßburger Münster, und als Stiftsorganist in Stuttgart. 
Auch Melchior Schildt (1592/93 bis 1667) war Organist. Er war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck, der nicht nur als Orpheus von Amsterdam, sondern auch als deutscher Organistenmacher galt. Schildt war unter anderem Hoforganist bei Christian IV. von Däne- mark, und folgte dann seinem Vater nach als Organist der Markt- kirche von Hannover. Auf dieser CD erklingt das einzige überlieferte Vokalwerk Schildts, ein Choralkonzert über Ach mein herzliebes Jesulein
Die CD beschließt das Laudate pueri Dominum ZWV 81 von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Der Komponist, der am Dresdner Hof für die (katholische) Kirchenmusik zuständig war, hat Psalm 113 mit der angemessenen Klangpracht vertont. Man lauscht dem Sänger wie auch den Musikern gern. Sie sind technisch versiert, und gestalten diese "Alte" Musik mit sehr viel Sorgfalt und Hingabe. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches, glanzvolles Weihnachtsalbum, das ohne Zweifel zu den besten Editionen des Jahres gehört. Bravi!