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Donnerstag, 28. November 2019

Saint-Saens: Works for Violin and Orchestra (Naxos)

Mit Leidenschaft, feinem Sinn für musikalische Differenzierung und technischer Brillanz begeistert Tianwa Yang auch bei dieser CD mit Musik von Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921). Die Solistin musiziert hier gemeinsam mit dem Malmö Symphony Orchestra, das von Marc Soustrot dirigiert wird. Introduction et Rondo capriccioso op. 28, Caprice andalou op. 122 oder die Havannaise in E-Dur op. 83 profitieren von Yangs ganz besonderer Beziehung zu spanischer Musik. Bei La Muse et le Poète op. 132 ist einmal mehr auch der Cellist Gabriel Schwabe zu hören, der sich erneut als ein grandioser Duo-Partner erweist. Einen weiteren Glanzpunkt setzt die Solistin im Morceau de concert in G-Dur op. 62; dieses Meisterwerk würde man auch im Konzert gern öfters hören. 

Montag, 8. Oktober 2018

Benjamin Schmid (Oehms Classics)

Benjamin Schmid feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag – und Oehms Classics würdigte den Musiker mit einer 20-CD-Edition. Sie erweist sich als faszinierendes Porträt eines Geigers, der seine Virtuosität stets in den Dienst des Ausdrucks stellt. Selbst wenn er Virtuosenliteratur spielt, wird daraus niemals eine Zirkusnummer; Schmid beherrscht die Technik derart souverän, dass er sie nicht zur Schau stellen muss. 
Seine musikalischen Interessen sind weit gespannt. So finden sich in dieser Box Aufnahmen etlicher bedeutender Violinkonzerte, von Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu Karol Szymanowski, von Johannes Brahms bis zu Karl Goldmark und von Antonio Vivaldi bis Erich Korngold. Auch das Violinkonzert von Peter Tschaikowski und die Romanze op. 11 von Antonín Dvořák sind zu hören. 
Die drei Violinsonaten op. 30 von Ludwig van Beethoven hat Benjamin Schmid gemeinsam mit Alfredo Perl eingespielt, und ausgewählte Sonaten für Klavier und Violine von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering. 
Zwei bislang unveröffentlichte Aufnahmen verweisen auf die Favoriten des Jubilars: My Favourite Paganini und Bach: Reflected. Große Bedeutung für den Violinisten haben insbesondere die Werke Johann Sebastian Bachs, die in der Box umfassend vertreten sind, wobei Schmid die Sonaten und Partiten für Violine solo durch die 6 Sonaten für Solovioline op. 27 von Eugène Ysaÿe kontrastiert. Außerdem schätzt Schmid die Musik von Niccolò Paganini, die er gern in den legendären Arrangements von Fritz Kreisler vorträgt. 
Kreislers Virtuosenstücke nimmt der Geiger auch als Anlass und Ausgangspunkt zu einem inspiriert beswingten Ausflug in Richtung Jazz. Auch Bach: Reflected zeigt, dass sich der Geiger in der Welt der Improvisation durchaus zu Hause fühlt. Und Hommage à Grappelli führt direkt in die Tradition der großen Vorbilder Stephane Grapelli und Django Reinhardt. Benjamin Schmid erweist sich auch im Reich der eher jazzigen Klänge als ein Souverän. Wir gratulieren! 

Montag, 15. Januar 2018

Arve Tellefsen plays Ole Bull (Simax)

Ole Bornemann Bull (1810 bis 1880) und Edvard Grieg waren die ersten Musiker aus Norwegen, die weltweit berühmt wurden. Bereits im Kindesalter glänzte Ole Bull mit seinem Geigenspiel. Dennoch sollte er Pfarrer werden, aber die Eignungs- prüfung zum Theologiestudium bestand er nicht – und so wurde letztendlich doch die Musik sein Lebensinhalt. 
Als Geiger kam er weit herum. So hörte er 1831 in Paris Niccolò Paganini, was ihn sehr beeindruckte (und wohl auch dazu motivierte, seine Technik zu verbessern). Auch den deutschen Violinvirtuosen Louis Spohr besuchte Bull; Konzertreisen führten ihn nach Irland und England sowie in die USA.  
Der norwegische Geiger Arve Tellefsen engagiert sich seit vielen Jahren, um das Schaffen seines Landsmannes wieder einer größeren musikali- schen Öffentlichkeit nahezubringen. So hat er zum 200. Geburtstag von Ole Bull im Jahre 2010 eine CD mit Werken des Jubilars eingespielt. 
Das Programm enthält einige Stücke für Violine und Orchester; hier ist Tellefsen zusammen mit dem Trondheim Symphony Orchestra unter Leitung von Eivind Aadland sowie mit einem Streicherensemble zu hören. So erklingen das Nocturne for fiolin og orkester aus dem Jahr 1842 oder das Adagio Sostenuto, der zweite Satz aus Bulls Violinkonzert in e-Moll, entstanden 1840/41. 
Im Jahre 1873 trat Ole Bull gemeinsam mit dem Pianisten Edvard Grieg in Boston auf. Tellefsen hat für diese CD zwei Stücke von Grieg herausge- sucht, die damals auf dem Programm standen. Und er hat eine Vielzahl kleinerer Stücke zusammengetragen, um dem Hörer einen Eindruck von jenem speziellen Klang zu geben, der Bulls Werken offenbar zu eigen ist: Bulls Musik ist ausgesprochen virtuos, und melodiös-melancholisch. Es sind romantische Miniaturen von einem ganz eigenen Charakter – und man kann Tellefsen gar nicht dankbar genug dafür sein, dass er auf diese musikalischen Schätze aufmerksam macht. 

Donnerstag, 23. November 2017

Paganini rediscovered (Dynamic)

Neuigkeiten von Niccolò Paganini? Luca Fanfoni hat in Archivbeständen danach gesucht, und was er dort gefunden hat, das ist nicht weniger als eine Sensation. Auf dieser CD präsentiert der Geiger nun seine Entdeckungen. 
So waren die Variations de bravoure sur des Thèmes de Moϊse, de Rossini, sur la 4me Corde, nach dem wichtigsten Thema auch Sonata a Preghiera M.S. 23 benannt, bislang nur in Form von Orchesterstimmen als Autograph überliefert, aber es fehlten sowohl eine Partitur als auch der Solopart. Die einzige Quelle für den Geigen-Solopart war eine Bearbeitung für Violine und Klavier, veröffentlicht 1855 in Hamburg. 
Bei einem Vergleich beider Notenmaterialien wurde festgestellt, dass in dieser Edition drei Abschnitte fehlen, gleich zu Beginn – und sie konnten nicht rekonstruiert werden, weil dafür keine Violinstimme vorlag. Luca Fanfoni hat gemeinsam mit seinem Sohn Daniele – ebenfalls ein exzellenter Geiger – bei Recherchen in der Biblioteca Palatina di Parma ein Manuskript mit dem Titel Preghiera del Mosè / di / Pagagini / Parte del Pianoforte entdeckt. Es enthielt eine vollständige Version, die sich zudem erfreulich nahe am Ochester-Original bewegte – und die solang vermisste Solostimme. 
Fanfoni vermutet, dass diese Noten aus dem Bestand von Romeo Franzoni stammen, Geigenlehrer am Konservatorium zu Parma. Er war mit den Erben Paganinis eng befreundet. Von ihnen erhielt er auch verschiedene Manuskripte geschenkt, wie man in dem sehr informativen Beiheft nachlesen kann. 
Auf dieser CD ist nun also Paganinis berühmtes Werk, das allein auf der vierten Saite der Geige zu spielen ist, erstmals wieder in seiner originalen Gestalt zu hören. Für die Aufnahmen durfte Luca Fanfoni zudem Paganinis Lieblingsgeige, die legendäre Cannone, spielen. Sie wurde 1742 oder 1743 in Cremona von Giuseppe Guarneri gebaut. Heute wird die Cannone im Palazzo Doria Tursi aufbewahrt, dem Sitz der Stadtverwaltung von Genua, und von einer Expertengruppe sorgsam betreut. 
Nach einer Beschädigung im Jahre 1833 reparierte der Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume das Instrument; er fertigte außerdem eine Kopie an, die Paganinis Schüler Camillo Sivori in späteren Jahren erwarb. Auch dieses Instrument ist auf dieser CD zu hören – gespielt wird es von Daniele Fanfoni bei den Drei Ritornellen für zwei Violinen und Violoncello M.S. 1. Dabei handelt es sich wohl um frühe Werke, die sich im Manuskript in der Biblioteca Casanatense in Rom befinden. 
Die CD enthält dazu noch weitere Raritäten, wie die Sechs Präludien für Violine solo, das Capriccio (Andante) für Solovioline M.S. 54, das Rondo für Violine und Violoncello M.S. 63 und das Grande Concerto in e-Moll M.S. 75 in seiner ursprünglichen Gestalt, für Violine und Gitarre, und mit den Kadenzen von Franco Gulli. Musizierpartner sind hier Luca Simoncini, Violoncello, und Fabrizio Giudice, Gitarre. 

Montag, 13. November 2017

Passagio - Eine barocke Alpenüberquerung (Alpha)

Der Elefant auf dem Cover täuscht – es geht nicht um die Alexanders dieser Welt, sondern um Musiker, die die Alpen überquerten; im 16. und
17. Jahrhundert war dies noch ein strapaziöses und sicherlich auch nicht ganz ungefährliches Unter- fangen. Doch Instrumentalisten und Sänger aus Italien waren an europäischen Höfen gesucht, und umgekehrt reisten ihre Kollegen in den Süden, um in Italien zu lernen und sich mit den aktuellen Trends vertraut zu machen. 

Das Duo Ombra e Luce spürt auf dieser CD den Auswirkungen nach, die dieser Austausch auf die Musik Europas hatte. Dazu haben Georg Kallweit und Björn Colell Musik für Violine und Laute eingespielt; die ausgewählten Werke zeigen, dass Komponisten seinerzeit nicht einmal selbst auf die Reise gehen mussten, um südliche Inspiration zu erfahren. Johann Heinrich Schmelzer beispielsweise, erst Geiger und später Hofkapellmeister in Wien, war nie in Italien. 
Georg Muffat hingegen hat sowohl bei Jean-Baptiste Lully als auch bei Arcangelo Corelli studiert. In seinem Schaffen integrierte er die verschiedensten stilistischen Einflüsse. Eine Lektion in Musikgeschichte freilich geben Georg Kallweit und Björn Colell eher im Hintergrund. In erster Linie präsentieren die beiden Musiker ein gut abgestimmtes Programm, in dem sie sowohl die Geige als auch Theorbe, Chitarrone und Barockgitarre mit ebenso virtuosen wie wohlklingenden Musikstücken auf das Beste ins Licht rücken. 
Und wie dieses Duo musiziert, das ist sensationell – Kallweit und Colell lassen die Klänge atmen; alles wirkt so lebendig und spontan, ganz als wäre diese Musik gerade eben entstanden. Das ist große Kunst, die den Hörer beglückt. Unbedingt anhören! 

Samstag, 1. Juli 2017

Farina: Sonate e Canzoni (Pan Classics)

Betrachtet man die Entwicklung des Geigenspiels, gehört das 17. Jahr- hundert mit zu den spannendsten Epochen der Musikgeschichte. Leila Schayegh hat für diese CD einige äußerst interessante Werke aus dieser Zeit zusammengestellt. Die meisten dieser Musikstücke stammen von Carlo Farina (um 1604 bis 1639). Dieser Geiger, der aus Mantua stammte, wurde 1625 nach Dresden berufen, wo er unter Heinrich Schütz als Konzertmeister in der Hofkapelle des sächsischen Kurfürsten musizierte. 
Als bei Hofe durch den 30jährigen Krieg das Geld knapp wurde, sah sich Johann Georg I. gezwungen, das Orchester aufzulösen. Farina kehrte zunächst wieder nach Italien zurück; er ging dann nach Danzig und schließlich nach Wien. Einige seiner Werke sind in fünf Sammlungen überliefert, die in den Jahren 1626 bis 1628 in Dresden gedruckt wurden. Schayegh hat ihre Auswahl durch drei Stücke ergänzt, die aus derselben Zeit stammen und in einer Breslauer Handschrift zu finden sind. Sie zeigen, wie das virtuose Violinspiel italienischer Provenienz Musiker in Deutschland beeindruckt und beeinflusst hat. 
Die Geigerin spürt konsequent dem historischen Klang nach. Das geht so weit, dass sie sogar die „alten“ Haltungen erprobt: „Wir haben uns für die vorliegende Aufnahme an Bildern und Texten orientiert, die zeigen, dass die Violine zur Zeit Farinas in Italien, Frankreich und im norddeutschen Raum meist nicht auf dem Schlüsselbein, sondern weiter unten, oberhalb der Brust, angesetzt wurde“, berichtet Leila Schayegh in einem Geleitwort. „Dazu gehörte auch eine andere Bogenhaltung: der Daumen hielt den Bogen unter dem Frosch, auf dem Übergang zum Haar. (..) Schließlich wurden auf die Violine noch vier reine Darmsaiten gespannt, ein Setting, das den Gesamtklang aufhellt und gleichzeitig aufrauht. Nun fühlt sich das Spiel plötzlich ganz anders an. Die Bogenhand ist etwas unflexibler, da Daumen und Finger weiter voneinander entfernt sind. Das Gewicht des rechten Arms hängt tief und schwer in den Saiten. Die linke Hand hält die Violine gänzlich allein, das Instrument schwingt fast frei auf minimaler Auflagefläche. Auch in den schwierigsten Passagen (..) ist kein Schlüsselbein als Unterlage mehr da, kein Kopf, keine Schulter, die auch nur kurz zu Hilfe eilen könnten. Beim Cello wird der Klang etwas indirekter und feiner, vielleicht auch etwas sandiger, bei der Violine konkreter, penetranter, roher.“ 
Diese Veränderungen prägen diese Aufnahme ganz erstaunlich. Bei ihrem beinahe meditativen Violinspiel begleiten Daniele Caminiti, Erzlaute, Jonathan Pesek, Violoncello und Viola da gamba, und Jörg Halubek, Cembalo und Continuo-Orgel, die Geigerin. Zwei Toccaten für Cembalo von Michelangelo Rossi (1601 bis 1656) sowie das beeindruckende Il Ciarlino Capriccio Chromatico von Pietro Paolo Melli (1579 bis 1623) runden das Programm ab. 

Samstag, 4. März 2017

Maier: Violin Concerto in D minor (dB)

Eine Entdeckung ist dbProductions gelungen: Das schwedische Label veröffentlichte kürzlich eine CD mit Werken von Amanda Röntgen-Maier (1853 bis 1894). Anfangsunterricht auf Klavier und Geige erteilte ihr der Vater, der aus dem württembergi- schen Riedlingen stammte und nicht nur Konditor, sondern auch Musiker war. Als 14jährige begann sie ein Musikstudium in Stockholm; neben den theoretischen Fächern studierte sie Violine, Violoncello, Orgel und Komposition. 
1872 erhielt sie als erste Frau in Schweden das Diplom als musikdirektørUm ihre Ausbildung zu komplettieren, ging sie dann nach Leipzig, wo sie, wahrscheinlich als Privatschülerin, bei Engelbert Röntgen studierte, dem Konzertmeister des Gewandhausorchesters, und bei Carl Reinecke, dem Gewandhauskapell- meister, der am Leipziger Konservatorium auch Komposition lehrte. Ihr Violinkonzert, 1875 in Halle erfolgreich uraufgeführt, spielte sie wenig später auch in Leipzig im Gewandhaus, und in Stockholm. In den nächsten Jahren folgten ausgedehnte Konzertreisen – und sie nutzte jede Gelegen- heit, um nach Leipzig zu fahren, wo sie sich in Julius Röntgen verliebt hatte, den Sohn ihres Lehrers, der ebenfalls Musiker war.
1880 heiratete das Paar in Landskrona, und dann ging Amanda Röntgen mit ihrem Ehemann nach Amsterdam. In der Öffentlichkeit musizierte sie danach nur noch sehr selten. Die beiden Musiker waren mit vielen nam- haften Kollegen eng befreundet, beispielsweise mit Edvard Grieg, Johannes Brahms, Anton Rubinstein und Joseph Joachim. Im Hause Röntgen scheint es recht lebhaft zugegangen zu sein, wie die sechs Schwedischen Weisen und Tänze verraten, die zum Abschluss auf dieser CD erklingen. Sie wurden von den Eheleuten gemeinsam zu Papier gebracht.
Zu hören ist außerdem der erste Satz aus dem Violinkonzert von Amanda Maier; die anderen Sätze sind offensichtlich nicht überliefert – was wirk- lich ein Verlust ist, denn das Konzert beginnt ziemlich vielversprechend. Ergänzt wird das Programm durch das Klavierquartett in e-Moll aus dem Jahre 1891, ihr letztes großes Werk. Es wird gekonnt vorgestellt von Gregory Maytan, Violine, Bernt Lysell, Viola, Sara Wijk, Violoncello, und Ann-Sofi Klingberg am Klavier. Das Violinkonzert spielt Maytan gemein- sam mit dem Helsingborg Symphony Orchestra unter Andreas Stoehr; alle Aufnahmen sind Studio-Weltersteinspielungen. Und die Veröffentlichung als Volume 1 deutet bereits an, dass weitere CD folgen werden – was angesichts der Qualität dieser Kompositionen in der Tat erfreulich wäre. 
Allzu umfangreich freilich dürfte das Werk von Amanda Röntgen-Maier nicht sein. Schon seit 1886 war die Gesundheit der Musikerin angeschla- gen. Erschöpft durch mehrere Schwangerschaften, reiste sie 1888 nach Davos und Nizza, um sich auszukurieren. Zwar schien sich dadurch ihr Zustand stabilisiert zu haben. Doch es blieb ihr nur noch eine kurze Frist; letztendlich erlag sie einem Lungenleiden, möglicherweise Tuberkulose.

Sonntag, 19. Februar 2017

Nigel Kennedy - My World (Neue Meister)

Im Dezember 2016 wurde Nigel Kennedy 60 Jahre alt – und als ganz besonderes Geburtstagsgeschenk veröffentlichte der Geiger wenig später ein neues Album. Er spielt eigene Kompositionen, und nimmt das Publikum mit in seine ganz eigene musikalische Welt. Dort hat Klassik ebenso ihren Platz wie Jazz; und die Freunde vom Oxford Philharmonic Orchestra unter Leitung von Yuri Zhislin musizieren gemeinsam mit einer Band. Zu hören sind rings um Geiger Nigel Kennedy also auch Joseph Sanders, Oboe, Bartek Glowacki, Akkordeon, Doug „Allergic“ Boyle, Julian „Das Kid“ Buschberger und Rolf „Die Kobra“ Bussalb, Gitarre, Tomasz „Insomnia“ Kupiec, Bass, Adam „Golonka“ Czerwinski, Drums und Orphy Robinson, Vibraphon und Percussion. 
Stilistisch sind alle Beteiligten erstaunlich flexibel. Das ist gut so, denn Nigel Kennedy interessiert sich nicht für Genre-Grenzen. Vielleicht spielt er gerade deshalb seit Jahren vor ausverkauften Häusern; seine Musik begeistert Jugendliche ebenso wie das „klassische“ Klassikpublikum. Seine Einspielung von Vivaldis Vier Jahreszeiten aus dem Jahre 1989 war das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten, und auch Kennedy plays Bach, erschienen im Jahre 2000, hat dazu beigetragen, Hörgewohnheiten zu hinterfragen und zu verändern. 
„My world“ kann man als eine erste Bilanz seiner künstlerischen Lauf- bahn lesen: Mit seinen Werken berichtet der Geiger über Begegnungen, die ihn als Musiker geprägt, und Vorbilder, die ihn beeinflusst haben. Tief verneigt er sich beispielsweise vor Yehudi Menuhin, der ihm nicht nur den Weg zur Musik von Johann Sebastian Bach gewiesen habe: „He also paid for my education at his school so without hin I would probably not be playing classical music at all. One should add that his idealism and believe, that all people were equal, set him apart from many of his contemporaries.“ Weitere Stücke widmet Kennedy Isaac Stern, Stéphane Grapelli, dem mittlerweile verstorbenen Jazzgitarristen Jarek Śmietana und Mark O'Connor, „one of the most important violinists alive“. Wie sie ihn jeweils inspiriert haben, das zeigt auf unverwechselbare Art und Weise Kennedys Musik. Komplettiert wird das Album durch eine Suite zum Bühnenstück Die Drei Schwestern von Anton Tschechow, die Kennedy für eine Inszenierung seiner Frau Agnieszka geschrieben hat. 

Samstag, 31. Dezember 2016

Yehudi Menuhin - Paul Coker Live (Doron)

Noch eine weitere Aufnahme mit Yehudi Menuhin (1916 bis 1999) – es handelt sich dabei um Mitschnitte von Konzerten, die der große Geiger bereits hochbetagt gegeben hat. Die Klaviersonaten von Johannes Brahms op. 78 und César Franck wurden 1983 in Bern aufgezeichnet; beide Werke gehörten zu den Lieblingsstücken Menuhins. Ergänzt wird die CD durch zwei Zugaben – Pièce en forme de Habanera von Maurice Ravel, in einem Mitschnitt aus Minneapolis, entstanden 1986, und Liebesleid von Fritz Kreisler, in einem Mitschnitt aus der Oper Sydney aus dem Jahre 1988. 
Menuhins Schwester Hephzibah, die eine exzellente Pianistin war und ihren Bruder oftmals im Konzert begleitet hat, war 1981 nach längerer Krankheit gestorben. 1980 bat der Geiger daher den jungen Paul Coker, einen Absolventen der Yehudi Menuhin School, mit ihm ein Konzert in London zu spielen. Im Beiheft zu dieser CD erinnert sich der Pianist, wie er an diesem Abend – und noch vielen nachfolgenden – mit extrem wenig Probenzeit zurechtkommen musste. Die Bedingungen waren oftmals schwierig, so Coker: „We once ,rehearsed' the Bartok rumanian dances on a plane, Menuhin singing and me listening and nodding, and in Bombay I told him that it was a secret wish of mine to play Ravel's Tzigane with him, and he suggested we play in that night for an encore... which we did.“ 
Die letzten zehn Jahre von Menuhins Konzertkarriere war Paul Coker der ständige Klavierbegleiter des Geigers, „playing more or less the whole sonata repertoire together in almost every corner of the world“, so schreibt er im Beiheft. Auf dieser CD ist, für meinen Geschmack, das Klavier mitunter zu stark im Vordergrund zu hören. Aber Yehudi Menuhin beeindruckt dennoch mit seinem Geigenspiel; er musiziert ausdruckssstark nicht zuletzt in den dramatischen Passagen und unglaublich elegant in den beiden Zugaben. Kein Wunder, dass das Publikum, als es nach einigen wenigen Tönen Liebesleid erkennt, spontan in Jubel ausbricht. 

Yehudi Menuhin - Anniversary Collection (Melodija)

In diesem Jahr wäre Yehudi Menuhin (1916 bis 1999) hundert Jahre alt geworden. Zum Jubiläum hat Melodija Raritäten aus dem Archiv herausgesucht: Auf sechs CD, untergebracht in einem Buch, das sich wiederum in einem stabilen Schuber befindet, präsentiert das einstige sowjetische Staatslabel Aufnahmen, die zwischen 1945 und 1962 entstanden sind. Dabei handelt es sich um sorgsam ausgewählte, teilweise bislang unveröffentlichte Konzertmitschnitte. 
Yehudi Menuhin, einer der bedeutenden Geiger des 20. Jahrhunderts, ist in Liveaufnahmen mit seiner Schwester Hephzibah zu hören; er musiziert aber auch mit  den Pianisten Lew Oborin und Abram Makarow sowie mit dem Moscow Chamber Orchestra unter Rudolf Barschai, und dem USSR State Symphony Orchestra unter Jewgeni Swetlanow. 
Schon als Kind beeindruckte Menuhin durch sein Geigenspiel das Publi- kum und große Virtuosen. Nach Anfangsunterricht bei Sigmund Anker durfte der gerade einmal Sechsjährige seine Ausbildung bei Louis Persinger fortsetzen, dem Konzertmeister des San Francisco Symphony Orchestra (der eigentlich keine Kinder unterrichtete). Ein Mäzen ermöglichte es der Familie, nach Paris zu reisen, wo Menuhin bei Persingers Lehrer Eugène Ysaÿe studieren sollte. Der hörte sich wohlwollend an, wie der Zehnjährige die Symphonie espagnole von Edouard Lalo vortrug. Doch dann wollte er einen A-Dur-Dreiklang hören, über alle Oktaven und Grifflagen. An dieser simplen Aufgabe scheiterte das Wunderkind, das offenbar zuvor keinerlei Etüden gespielt hatte. 
Und so lernte Menuhin zunächst bei George Enescu, der ihn dann an Adolf Busch weiter verwies. 1929 musizierte der junge Geiger mit den Berliner Philharmonikern unter Bruno Walter. Ein Mäzen schenkte ihm zum Geburtstag eine Stradivari, die Prinz Khevenhüller aus dem Jahre 1733. Sie sollte ihn durch sein ganzes Musikerleben begleiten. Dieses Instrument erklingt auch auf diesen sechs CD. Yehudi Menuhin ist hier mit etlichen seiner Encores zu erleben; er spielt zudem Werke von Mozart, Franck, Debussy – vor allem aber von Bach, Brahms und Beethoven, und von Béla Bartók, den der Geiger sehr schätzte. 

Montag, 17. Oktober 2016

Fantasies Rhapsodies & Daydreams by Arabella Steinbacher (Pentatone)

Fantasien, Rhapsodien und Tag- träume hat Arabella Steinbacher auf dieser CD zusammengefasst – in einer sehr persönlichen Auswahl, die virtuose Bravourstücke mit lyrischen, ausdrucksvollen Werken kombiniert. Das Programm beginnt mit der Carmen-Fantasie von Franz Waxmann (1906 bis 1967) in der Version von Jascha Heifetz. Es folgen Sarasates Zigeunerweisen, The Lark Ascending von Ralph Vaughan Williams (1872 bis 1958), Havanaise op. 83 sowie Introduction et Rondo capriccioso op. 28 von Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921), die Méditation aus Thaïs von Jules Massenet (1842 bis 1912), und zum Abschluss erklingt die Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Im Beiheft berichtet die Geigerin, dass sie große Lust darauf hatte, all diese Raritäten einzuspielen, die heutzutage im Konzert nur selten zu hören sind. Üblicherweise, so Steinbacher, studieren Geiger dieses Repertoire in jungen Jahren, um ihre technischen Fertigkeiten daran zu schulen. Die großen Geiger der Vergangenheit, wie Kreisler, Menuhin oder Heifetz, spielten solche Stücke ganz selbstverständlich in ihren Konzertprogram- men, oftmals in eigenen Bearbeitungen. Derzeit gilt das als unangemessen, als unseriös; die meisten Musiker bevorzugen daher Konzerte und Sonaten. 
Das ist ziemlich schade, wie diese CD beweist. Denn geigerische Zirkus- kunststückchen, brillant und mit Geschmack vorgetragen, können durchaus vergnüglich sein. Arabella Steinbacher musiziert klangschön auf ihrer Booth-Stradivari aus dem Jahr 1716, unterstützt vom Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter Lawrence Foster. Ihr Ton ist hell, klar und beseelt; mitunter freilich auch ein wenig zu brav und harmlos. Zigeunerklänge und tosende Leidenschaften sind ihre Sache eher nicht, aber wenn es um lyrischen Ausdruck geht, dann ist sie in ihrem Element. Wie sie die Lerche zum Himmel hinaufschweben lässt, das ist großes Kino. 

Donnerstag, 29. September 2016

The Great Violins (Athene)

Herausragende Geigen aus berühm- ten Werkstätten stehen im Mittel- punkt einer neuen Serie des Labels Athene. „During my time as Instrument Curator at the Royal Academy I welcomed many violin making students from around the world to view the treasures oft the collection. The reaction to these works was interesting to observe“, schildert der renommierte Instru- mentenbauer David Rattray in seinem Geleitwort ein Phänomen, das sich beim Anhören dieser Aufnahmen vielleicht auch beim Zuhörer einstel- len könnte: „The Stradivari's were greeted with voices of excitement and wide eyed reference, Guarneri's with nervous chuckles and often an element of bewilderness, however presenting an Andrea Amati violin the room would fall silent, this shared experience of being in the presence of something akin to the luthier's ,Holy Grail' was a privilege and honour.“ 
Die Reihe eröffnet eine Doppel-CD, auf der eine Geige von Andrea Amati aus dem Jahr 1570 erklingt, die von der Royal Academy of Music im Auftrag eines privaten Sammlers verwahrt wird. Peter Sheppard Skærved ist mit diesem Instrument seit langer Zeit vertraut und hat es bereits mehrmals in Konzerten gespielt. Die Fantasien Georg Philipp Telemanns klingen seiner Meinung nach auf keinem Instrument besser, zumal auch der verwendete Nachbau eines historischen Bogens, angefertigt von dem Genueser Bogenbauer Antonino Airenti, dazu offenbar perfekt passt, was dem Interpreten Klangräume eröffnet. 
Peter Sheppard Skærved hat nicht nur die zwölf Fantasien eingespielt, die Telemann für die Geige komponierte. Auch die zwölf Flöten-Fantasien haben es dem Geiger angetan: „Early on, I noticed that the earliest known edition oft the Flute Fantasies (in the Brussels Conservatoire Library) reads, on the front page „Violino“. I am not suggesting for a minute that these are violin pieces, but modestly, that violinists should learn them, as a balance to the rather earthier (I generalise) violin works.“ Der Solist hat mit Bläsern über diese Werke gesprochen, und sie dann geübt: „I studied and played the Telemann flute Fantasies, in private, and at a safe distance from the critical ears of my flutist friends“, berichtet er. „This led, naturally, to the performance and recording oft the violin works.“ 
Die zweite CD der Reihe enthält nicht, wie zunächst angekündigt, Bachs Sonaten und Partiten auf der Joachim-Stradivari, sondern eine musika- lische Referenz an den norwegischen Geiger Ole Bull (1810 bis 1880). Dieser besaß etliche Instrumente. Bekannt sind Bulls Violine von Gasparo da Salò und ein weiteres Instrument von Giuseppe Guarneri del Gesù; spielen durfte Sheppard Skærved zudem eine Geige von Joseph Guarneri sowie eine weitere von Jean-Baptiste Vuillaume (1790 bis 1875) aus dem Besitz von Ole Bull. Bei einem Besuch in Bulls Haus auf der Insel Lysøen, seit 1984 in dem Sommermonaten als Museum geöffnet, zeigte Kurator Bertil Høgheim dem Geiger zudem einen Koffer für zwei Violinen – eine davon, so eine Aufschrift, stamme von „Nikolaus Amati 1647“. Wo aber war sie? 
„Sitting at my father-in-law's breakfast table in New York, on a freezing morning in January 2015, an E-mail arrived. Would I be interested in seeing the 1647 Amati owned by Bull? I was thunderstruck“, schreibt Sheppard Skærved. „One month later, I held it in my hands for the first time.“ Die Geige begeistert den Musiker; er schwärmt, sie sei eines der schönsten Instrumente, die er je gesehen habe, und ihr Ton vermittele eine Ahnung von jener Reinheit und Intimität, die Bull offenbar gesucht habe.  Noch im gleichen Jahr konnte er diese Amati-Geige in einigen Konzerten spielen, unter anderem auf dem Festival Bergen Festspillene
In diesem Zusammenhang sei er, so erzählt der Musiker im Beiheft, mit Nachkommen Bulls sowie einem Tross von Journalisten, der Geige und Bulls Geigenbogen nach Lysøen gefahren, in Bulls einstiges Musizier- zimmer. „I had the extraordinary privilege of playing the violin in this wonderful room; the first time since Bull's death. Then, with the cameras still rolling, I took it over the double violin case, with the embroided cover (..). The violin fitted its case perfectly: It had come home.“ Mit Bulls Amati-Violine gestaltet Peter Sheppard Skærved, mitunter begleitet von dem Pianisten Roderick Chadwick, ein Salonkonzert  im Stile Ole Bulls. Dabei erklingen auch etliche Werke des Virtuosen. 
Andrea Amati (um 1505 bis 1577) gilt als Stammvater des Geigenbaus in Cremona. Über seinen Lebensweg ist wenig bekannt. Nicola Amati (1596 bis 1684), sein Enkel, war möglicherweise der beste Geigenbauer der Familie. Er unterwies zahlreiche Lehrlinge, darunter wahrscheinlich Antonio Stradivari und Andrea Guarneri. 

Dienstag, 5. Juli 2016

Accordato - Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)

Die Handschrift XIV 726 des Wiener Minoritenkonvents enthält zahlreiche erlesene Musikstücke für die Violine. Damit zählt sie zu den bedeutendsten Quellen österreichischer Barock- musik. „Ein besonderes Merkmal aller im Konvolut vereinigten Sonaten ist die Forcierung des virtuosen Elements“, schreibt Gunar Letzbor, und sinniert: „Wer hat sich wohl die Arbeit gemacht, über hundert Sonaten mit der Hand zu Papier zu bringen, wenn nicht ein Geiger, der diese Sonaten selbst musizieren konnte? Es muss ein sehr guter Violinist gewesen sein, sonst hätte er nicht gerade diese anspruchs- volle Musik notiert.“ 
Letzbor hat mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria bereits zwei CD mit Werken aus dieser Handschrift veröfffentlicht. Eines dieser Programme widmete er anonym überlieferter Musik, das andere Stücken speziell für skordierte, umgestimmte, Violine. Im dritten Teil, zum Abschluss dieser Serie, spielt er Sonaten von Rupert Ignaz Mayr, Bonaventura Viviani, Antonio Bertali, Johann Caspar Teubner, Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich Ignaz Franz Biber. 
Die Einspielung ist erneut hörenswert, zumal die meisten Stücke bislang anderweitig noch nicht zugänglich sind. Auf die zukünftigen Entdeckun- gen dieses Ensembles darf man gespannt bleiben. 

Mittwoch, 2. März 2016

Ernst: Fantaisie Brillante - The Virtuoso Violin (cpo)

Heinrich Wilhelm Ernst (1814 bis 1865) stammte aus Brünn. Seine Eltern erkannten sein Talent, und sorgten dafür, dass er am Wiener Konservatorium studieren konnte. Dort unterrichteten ihn Joseph Böhm im Violinspiel und Ignaz Xaver von Seyfried im Fach Komposition. 
1828 erlebte Ernst in Wien ein Konzert von Niccolò Paganini. Diese Begegnung wurde für den jungen Musiker zum Schlüsselereignis. Er durfte dem Meister vorspielen, und dieser sagte ihm eine große Karriere voraus. Heinrich Wilhelm Ernst hat von Paganini viel gelernt. Er soll den berühmten Kollegen sogar beim Üben belauscht haben; die Legende berichtet, beide Musiker hätten im Jahre 1837 gleichzeitig Konzerte in Marseille gegeben – und Ernst hätte bei dieser Gelegenheit Paganinis Werke gespielt. Wenn das stimmt, muss Ernst ein phänomenales Gehör und ein noch beeindruckenderes Gedächt- nis gehabt haben. 
Der junge Musiker begnügte sich aber nicht damit, Paganini zu kopieren. Brillanz allein genügte seinen Ansprüchen nicht. Virtuosität war für Ernst eher Voraussetzung als Endzweck des Musizierens. Sein Gesamtwerk ist klein, doch bedeutend; es umfasst 26 Musikstücke mit Opusnummern, und offenbar noch einige weitere ohne. „Ernst war Virtuose im vollsten Sinne des Wortes“, so das Urteil von Zeitgenossen. „Sein Spiel war voll Glanz und Leidenschaft; er schwelgte in Schwierigkeiten, die mitunter auch ans Bizarre streiften; dagegen wußte er in der Cantilene einen großen, vollsaftigen Ton und wirklichen Adel des Vortrags zu entwickeln; sein Adagio war tief ergreifend.“ 
Joseph Joachim, selbst einer der bedeutendsten Geiger seiner Zeit, schrieb 1864 über den Kollegen, mit dem er einst gemeinsam in London Beetho- vens Streichquartette gespielt hatte: „Ähnliches habe ich niemals wieder gehört; wie denn Ernst der Geiger war, der turmhoch über allen anderen stand, denen ich im Leben begegnet bin.“ Erstaunlicherweise sind heute die Werke von Heinrich Wilhelm Ernst aus den Konzertprogrammen nahezu vollständig verschwunden. Sein Violinkonzert beispielsweise ist rundum romantisch und absolut bezaubernd; es gilt aber als technisch derart schwierig, dass es derzeit kaum jemand spielen mag. 
Thomas Christian präsentiert auf dieser Doppel-CD eine Auswahl aus dem Schaffen des großen Virtuosen. Zu hören sind Originalkompositionen für Violine und Klavier – vorgetragen gemeinsam mit dem Pianisten Evgeny Sinaiski – sowie das Streichquartett in B-Dur und einige kleinere Musikstücke in Arrangements für Streichquartett bzw. Streichquintett. Damit folgt das Thomas Christian Ensemble der zeitgenössischen Aufführungspraxis; allerdings stammen die Bearbeitungen nicht von Ernst selbst, sondern von Christian sowie von dem Kontrabassisten Hans Winking. 
Berühmt ist die Fantaisie Brillante sur la Marche et la Romance de l'Opera Otello de Rossini op. 11. Auch die Elegie op. 10,3 ist ein bekanntes Stück. Werke hingegen für Solovioline allein, wie die Grande Caprice op. 26 über Schuberts Erlkönig sowie die 6 mehrstimmigen Etüden sind auf der CD nicht mit enthalten. 
Es ist sehr verdienstvoll, dass Thomas Christian, der als Professor in Detmold lehrt, an Ernst und sein Werk erinnert. Beschlossen wird die Doppel-CD von Henri Wieniawskis Rêverie für Viola und Klavier, die dieser seinem Freund und Quartettkollegen Ernst in Andenken an das gemeinsame Musizieren gewidmet hat. 

Sonntag, 7. Februar 2016

Silver Bow (Linn)

In früheren Jahrhunderten war die Entscheidung für eine Besetzung einfach: Es spielten die Instrumente, die vorhanden waren, so, wie es zu den jeweils erforderlichen Stimmen passte. Innovationen, wie die Erfin- dung der Traversflöte, und modische Trends, wie die Einführung der „höfischen“ Geige auch ins bürger- liche Musikleben, wo die Violine einst den Zink aufs Altenteil schickte, veränderten die Zusammensetzung des Ensembles. Doch erst im Spät- barock entstanden die ersten Partien mehr oder minder speziell für ein Instrument. Und noch die Romantiker gaben, freilich vor allem auf Drängen ihrer Musikverleger, Besetzungsalternativen an. 
Insofern ist es kein Tabubruch, wenn eine Flötistin Werke spielt, die für die Violine geschrieben worden sind. „My reason for recording this selection of repertoire is a desire to offer a new perspective on familiar composi- tions“, erläutert Katherine Bryan im Beiheft zu dieser CD. „Today the modern flute is able to transport its listeners through many emotions, evoking numerous sound colours and nuances, and is capable of speaking above an orchestra. I feel that primarly, I am a musician rather than a flautist, and most importantly, I see my instrument simply as a vehicle through which to interpret music.“ 
Das gelingt Bryan sehr beeindruckend. Sie startet mit Ralph Vaughan Williams' The Lark Ascending – und falls tatsächlich jemand dieses Werk nicht kennt, dann dürfte er denken, nachdem er ihre Interpretation gehört hat, es sei für die Flöte entstanden. Exzellent gelungen erklingen auch musikalische Evergreens wie Introduction et Rondo capriccioso op. 28 und Romanze op. 37 von Camille Saint-Saens, die Serenade Nr. 1 von Frantisek Drdla, Liebesleid von Fritz Kreisler, oder aber die unvermeidliche Meditation aus Thais von Jules Massenet. Zu hören sind zudem Caprice Nr. 24 von Niccolo Paganini, und die Zigeunerweisen op. 20 von Pablo de Sarasate. Bei den meisten Stücken musiziert Katherine Bryan gemeinsam mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Jac van Steen. 
Sämtliche Transkriptionen und Bearbeitungen der Violinstimmen für die Flöte hat die Solistin selbst vorgenommen. Dabei ist ihr sogar eine Ent- deckung gelungen: Die Romanze vom Dmitri Schostakowitsch stammt aus einer Suite mit Musik zu dem Film Die Pferdebremse. Dieses Stück ist wenig bekannt, es hat mit seiner herrlichen Kantilene aber eigentlich das Zeug zum Wunschkonzert-Hit. Und man wird feststellen, dass die Flöte bei den allermeisten Werken auf dieser CD durchaus eine interessante Alternative zur Violine bieten kann – wenn sie denn so virtuos gespielt wird, wie in diesem Falle. Katherine Bryan musiziert höchst durchdacht und präzise, und mit farbenreichem, wandelbaren Ton, stets und in jeder Lage kontrolliert und auf den Punkt. Hörenswert! 

Dienstag, 19. Januar 2016

Exquisite Noyse - La voce del violino (Perfect Noise)

Im 16. Jahrhundert erklang ein neues Instrument, das man zuvor so nicht gekannt hatte. Aus Rechnungen erfahren wir, dass am Hofe des Herzogs von Savoyen in Turin im Jahre 1523 „les trompettes et vyollons de Verceil“, Trompeten und Violinen aus Vercelli, bezahlt wur- den. In Vercelli, auf einem Altarbild in der Kirche San Cristoforo, gemalt 1529, findet sich auch die älteste Abbildung einer Violine. Ein Putto musiziert auf dem Instrument, das allerdings nur drei Saiten hat. 
Ähnliche Instrumente kennen wir von mittelalterlichen Bildern: Rebec und Fidel waren in ganz Europa gebräuchlich. Sie könnten auch die Vorfahren der Violine sein, die offenbar aus Oberitalien stammt. In Cremona entstanden im 16. und
17. Jahrhundert regelrechte Geigenbauerdynastien, deren Instrumente bis heute sehr gesucht sind. Jakob Stainer und Matthias Klotz lernten von ihnen und brachten den Geigenbau in die Region Tirol und nach Mitten- wald. 

Wie aber klang die Musik, die in jenen frühen Jahren auf der Violine gespielt wurde? Das Ensemble Exquisite Noyse hat sich auf die Suche begeben, und ein sehr ansprechendes Programm zusammengestellt. Paula Kibildis, Violine, musiziert gemeinsam mit weiteren Instrumenten aus der Geigen-Familie – hier sind es Viola, gespielt von Andreas Hempel und Zsuzanna Czentnár, und die Bassgeige von Johannes Loescher – sowie mit der Renaissanceharfe von Vincent Kibildis. Neben Tanzsätzen erklingt auch polyphone Vokalmusik aus jener Zeit, beispielsweise aus Il primo libro de'madrigali a 4 voci von Jacob Arcadelt, veröffentlicht 1539. Bis zur „richtigen“ Geigenmusik ist es dann, schaut man in die Musikgeschichte, nur noch ein Schritt. Die Renaissance freilich, für die sich Exquisite Noyse interessiert, ist dann vorbei. „Diese Musik, die früheste Stimme der Violine – strahlend, verführerisch, frisch und noch ungefesselt von den Konven- tionen, die sich in späteren Jahrhunderten entwickelt haben – entspringt den Saiten und überquert die Jahrhunderte, wo sie neue Ohren findet und neue Entdeckungen macht“, so das Credo der Musiker. „Und das kann genauso spannend sein wie eine Expedition an den Amazonas.“

Samstag, 2. Januar 2016

Scordato - Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)

Wieder einmal hat sich Gunar Letzbor der Handschrift XIV 726 des Wiener Minoritenkonvents zuge- wandt. Sie ist, schreibt der Geiger im Beiheft zu dieser CD, „nicht nur eine herausragende Quelle für Violin- musik österreichisch/süddeutscher Herkunft, sie ist auch eine Fund- grube für Kompositionen mit ,verstimmter' Geige.“ 
Diese Musizierpraxis sei wahrschein- lich durch Geiger niederer sozialer Schichten entwickelt worden, erläutert Letzbor in seinem sehr informativen Text: „Diese Bradlgeiger oder Linksfäustler, wie sie auch abwertend genannt wurden, (..) passten die Stimmung der Instrumente an die besonderen Anforderungen für verschiedene Musikstücke an.“ 
Die Stadtpfeifer und Hofmusiker übernahmen allerdings dann dieses Vorgehen der Bauerngeiger und Wirtshausvirtuosen, weil sie feststellten, dass das Umstimmen, die sogenannte Skordatur, den Klang der Instru- mente beeinflusst: „Eine Geige, deren Saiten mehr gespannt sind als in Normalstimmung, klingt lauter und durchdringender. Vermindert man die Saitenspannung, klingt die Violine dunkler, weicher, sonorer“, so Letzbor. „Eine Tonart kann eine besondere Klangfülle erhalten, wenn möglichst alle vier Saiten der Geige in den Tönen des Grundtondrei- klanges gestimmt werden, es gibt dann viele resonanzen. Manche Skordaturen mischen Töne des Grundtondreiklanges mit Tönen der Dominante und der Subdominante. Es entstehen dabei besondere Klangfarben, die die Normalstimmung niemals hervorbringen kann.“  
Die experimentierfreudigen Musiker der Barockzeit schätzten solche Effekte, wie Letzbor gemeinsam mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria auf dieser CD gekonnt deutlich macht. Sie enthält unter anderem Sonaten von Nikolaus Faber, der zu Bibers Zeiten in Kromeritz am Bischofshof wirkte, einem Joan Voita, bei dem Letzbor vermutet, es könnte sich um den Prager Musiker Johann Ignaz Franz Voita handeln, und Werke der berühmten Musikerfamilie Schmelzer. Nicht alles hat höchstes Niveau, aber einige grandiose Entdeckungen sind Letzbor dennoch gelungen. Auf die dritte CD der Serie „ex Vienna“, die in diesem Jahr erscheinen soll, darf man bereits gespannt sein. 

Freitag, 30. Oktober 2015

Kreisler: The complete recordings 6 (Naxos)

Fritz Kreisler (1875 bis 1962) war der Sohn eines Wiener Arztes. Den ersten Violinunterricht erhielt er im Alter von vier Jahren von seinem Vater. Bereits als Siebenjähriger durfte er Unterricht am Konservatorium nehmen. Dort lernte er bei Josef Hellmesberger jr. (Violine) und Anton Bruckner (Musiktheorie). Drei Jahre später wechselte er an das Pariser Konservatorium, wo er 1887, mit gerade einmal zwölf Jahren, mit dem Premier Prix ausgezeichnet wurde. 
Ein Jahr später ging Kreisler bereits auf seine erste Konzertreise durch die USA. Nach seiner Rückkehr trat er zum Probespiel bei den Wiener Philharmonikern an. Diese Bewerbung scheiterte, weil der junge Musiker nicht sicher vom Blatt spielen konnte. Daraufhin gab Kreisler die Musik auf, und studierte erst Medizin, dann Malerei – und fing schließlich doch wieder an, Geige zu spielen. 1898 debütierte er in Wien, 1899 unter Arthur Nikisch bei den Berliner Philhar- monikern. 
Kreisler war als Solist bald sehr gefragt und daher auch sehr viel unter- wegs. Dennoch fand er die Zeit für ein damals neues Medium: In den Jahren 1904 bis 1946 spielte Kreisler mehrere hundert Schallplatten ein. Diese Aufnahmen trägt nun Naxos in mühevoller Kleinarbeit zusammen – CD 6, kürzlich erschienen, enthält Einspielungen aus den Jahren 1924 und 1925, aufgezeichnet im Studio Camden von Victor Talking Machine Co. Es sind sehr unterschiedliche Werke – von der Canzonetta aus Tschaikowskis Violinkonzert über Pierrots Tanzlied aus Korngolds Oper Die tote Stadt bis hin zu Ombra mai fu aus Händels Xerxes oder einem Slawischen Tanz von Dvorak. In jedem Falle aber bezaubern diese klingenden Dokumente durch ihren ganz eigenen Charme. Kreislers Geigenspiel ist von einer ganz erstaunlichen Intensität; sein ausdrucksstarker, „sprechender“ Ton beeindruckt noch heute und lässt einen über Details hinweghören, die heute kein Geiger mehr so anbieten könnte. Wer sich für Musikgeschichte interessiert, der sollte diese Aufnahmen kennen. 

Dienstag, 28. Juli 2015

Duo Brilliante (Lawo Classics)

Duette für Violine und Kontrabass sind Raritäten. Arvid Engegard, Violine, und Knut Erik Sundquist, Kontrabass, präsentieren auf dieser CD eines der schönsten Werke, in dem diese beiden Instrumente miteinander und mit dem Orchester um die Wette musizieren: Das Gran Duo Concertante von Giovanni Bottesini (1821 bis 1889) ist bezaubernd, brillant – und sicherlich auch ein bisschen verrückt. Aber Bottesini war selbst ein Kontrabass-Virtuose, und er wusste, wie man ein Publikum begeistert. 
Die Solisten dieser Aufnahme stammen beide aus Nord-Norwegen. Kennengelernt haben sie sich beim Studium in Österreich, und sie sind seitdem eng befreundet. Dieser freundschaftliche Geist prägt auch diese Einspielung, die vom Norwegischen Rundfunkorchester unter Terje Boye Hansen wunderbar harmonisch begleitet wird. Die Orchesterklänge tragen die Solisten und bringen ihr Spiel zur Geltung, wie eine edle Fassung ein strahlendes Juwel. 
Und so lauscht man dann mit großem Genuss den Violin-Romanzen von Johan Svendsen (1840 bis 1911) und Hjalmar Borgström (1864 bis 1925) und der Polonaise Brillante von Henryk Wieniawsky (1835 bis 1880) . Und auch der Kontrabass bekommt einen angemessenen Platz im Ram- penlicht: Sundquist spielt Bottesinis Grande Allegro „Alla Mendelssohn“, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Bravi! 

Dienstag, 12. Mai 2015

Bach & Entourage (Audax)

Auf Johann Sebastian Bach und sein musikalisches Umfeld konzentriert sich die zweite CD, die Johannes Pramsohler und Cembalist Philippe Grisvard gemeinsam bei Audax veröffentlicht haben. Die beiden Musiker interessierte Bachs Einfluss auf die Violinmusik insbesondere auch der nachfolgenden Musiker- generation. „Mit Graun, Pisendel, Krebs, aber auch mit den Brüdern Benda und Bachs Söhnen Carl Phi- lipp Emanuel und Johann Christian hatte Deutschland eine Reihe von Violinkomponisten hors pair vorzu- weisen“, schreibt Pramsohler im Beiheft. „Das ausgeprägte Epochen- bewusstsein zwischen Sachsen und Preußen und die protestantisch-strenge Ausbildung von Musikern als exzellente Handwerker brachte eine äußerst starke Geigergeneration hervor, die sich – beinahe ausnahmslos – um Johann Sebastian Bach scharte, während (..) Veracini mit gebroche- nem Stolz und Bein aus Dresden abzog.“ 
Damit zitiert der Geiger eine Anekdote, der zufolge der Italiener mit dem Hofkapellmeister Johann David Heinichen und dem Kastraten Senesino derart aneinander geraten sein soll, dass er vor Wut aus einem Fenster sprang – im zweiten Stock, was dazu führte, dass er sich Bein und Hüfte brach. Nun, ähnlich verärgert dürfte der Hörer auf diese CD wohl kaum reagieren. Denn schon die beiden ersten Stücke, die Violinsonate BWV 1024 – bei der vermutet wird, dass sie eventuell auch Pisendel geschrieben haben könnte – sowie die Violinsonate BWV Anh. II 153, die den Tonfall des großen mitteldeutschen Meisters fast noch besser trifft, verlangen eine äußerst solide Geigentechnik. 
Pramsohler musiziert auf dieser CD wesentlich geschmeidiger und eleganter als bei seinem Erstling, was das Wesen dieser Musik auch besser trifft. Das zeigt sich hervorragend auch bei der Sonate für Solovioline von Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), die der Geiger gekonnt vorstellt. Eine Herausforderung ist dieses Stück in jedem Falle; Pisendel, lang- jähriger Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle, war ein exzellenter Musiker. Für diese CD ausgewählt haben Pramsohler und Grisvard zudem jeweils eine Sonate von Johann Gottlieb Graun und Johann Ludwig Krebs, beide erklingen in Weltersteinspielung. An den Schluß gesetzt haben die beiden Musizierpartner die älteste überlieferte kammermusikalische Komposition Bachs, die Fuge in g-Moll BWV 1026, „deren Entstehungs- geschichte und Zugehörigkeit bislang ungeklärt bleiben“, so Pramsohler. Der alleinstehende Satz sei „raffiniert und virtuos angelegt: von erstaunlicher Länge, mit ausholenden Doppelgriff-Passagen und Figurenwerk in der sechsten Lage, konnte so ein Werk nur von einem absoluten Könner auf der Geige ausgeführt werden.“