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Mittwoch, 24. Juli 2019

Vanhal: Missa solemnis - Stabat Mater (Orfeo)

Schön wie eine römische Statue sind die Werke Johann Baptist Wanhals (1739 bis 1813), die hier auf zwei CD anzuhören sind. Der Komponist kam in Böhmen als Sohn eines Bauern zur Welt; seine musikalische Begabung wurde aber früh entdeckt und durch die Gräfin Schaffgotsch gefördert. So kam Wanhal 1760/61 nach Wien, wo möglicherweise Carl Ditters von Dittersdorf sein Lehrer wurde. 
Als Musiklehrer war Wanhal bald sehr erfolgreich, so dass er sich aus der Leibeigenschaft freikaufen konnte. Und als im Jahr 1769 Baron Riesch aus Dresden nach Wien kam, weil er einen Kapellmeister suchte, war er von den Fähigkeiten des jungen Musikers so beeindruckt, dass er diesem einen Studienaufenthalt in Italien finanzierte. 
Allerdings scheint Wanhal nach seiner Rückkehr eine Zeitlang geistig nicht ganz auf der Höhe gewesen zu sein. Es wird berichtet, der Komponist habe weltliche Werke verbrannt und sich der geistlichen Musik zugewandt. In dieser Situation unterstützte ihn über einige Jahre Graf Ladislaus Erdödy, der ihn in seinen Haushalt aufnahm und es dem Musiker ermöglichte, wieder zu sich zu finden. 
In Wien etablierte sich Wanhal dann rasch wieder als ein gesuchter Komponist, und vor allem als überaus erfolgreicher Musikpädagoge. Sein wohl bekanntester Schüler war Ignaz Pleyel. Und sein Freundeskreis scheint ebenfalls beträchtlich gewesen zu sein – mit Haydn, Mozart und Dittersdorf jedenfalls musizierte er gemeinsam in dem wohl erlesensten Streichquartett der Musikgeschichte. 
Wanhal komponierte zahlreiche Sinfonien und Konzerte sowie große Mengen geistlicher Musik. Und weil er in den späteren Jahren als freischaffender Musiker lebte, ohne Anstellung oder einen vermögenden Gönner, konzentrierte er sich dann offenbar auf Kammer- und Klaviermusik – Werke, die Musikverleger gerne druckten, weil es dafür ein breites Interesse gab. 
Für diese Doppel-CD ausgewählt wurden die Missa Solemnis Es-Dur, ein opulentes Werk mit höchst anspruchsvollen Arien, sowie das Stabat Mater f-Moll, mit dem üblichen Wechsel zwischen Chor und Gesangssolisten. Auch bei dieser Komposition zeigt sich Wanhals überragende Fähigkeit, Melodien zu erfinden. 
Komplettiert wird die Aufnahme durch eine Sinfonie D-Dur, die nicht nur mit ihrem abschließenden Menuetto schon an Beethoven denken lässt. Als Sinfoniker scheint sich Wanhal nicht zuletzt durch Experimentierfreude auszuzeichnen. Neugierig jedenfalls macht die Einspielung, die bereits in den 90er Jahren entstanden ist – und der Prager Kammerchor sowie die Virtuosi di Praga bzw. das Prager Kammerorchester sowie erstklassige Solisten unter Leitung von Václav Neumann machen die beiden CD ebenfalls zu einem Hörvergnügen. Bravi! 

Mittwoch, 18. Juli 2018

Frommel: Symphony No. 1 (Capriccio)

Gerhard Frommel (1906 bis 1984) gehört zu jenen Komponisten, deren Schaffen nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geriet. Frommel studierte bei Hermann Grabner und dann als Meisterschüler bei Hans Pfitzner. Ab 1929 unter- richtete er an verschiedenen Hochschulen; 1933 wurde er Mitglied der NSDAP. Doch er gründete auch einen „Arbeitskreis für neue Musik“, in dem etliche Werke von Komponisten vorgestellt und diskutiert wurden, die nach offizieller Lesart eher zur „Entarteten Kunst“ gehörten. Und er verdankte es nur wohlwollenden Kollegen, dass er nicht selbst in den Kreis der Unerwünschten geriet. 
Die Jenaer Philharmonie unter Jürgen Bruns stellt bei Capriccio zwei seiner Werke vor: Die 1. Sinfonie op. 13 aus dem Jahre 1938 wurde 1942 immerhin von Wilhelm Furtwängler mit den Wiener Philharmonikern uraufgeführt. Man fühlt sich an Bruckner erinnert, an Mahler auch und an Wagner. Das Sinfonische Vorspiel für Orchester op. 23, entstanden 1943, erklang erstmals 1948 in Frankfurt/Main. Dieses Stück ist geprägt durch die Tragödie von Stalingrad – Klagegesänge aber wollte im Nachkriegs- deutschland niemand mehr hören. So ging es Frommel wie etlichen seiner Kollegen: Mit seiner Musik war er, wie andere Komponisten jener Jahre auch, für das „normale“ Publikum zu modern, und für Anhänger der zeitgenössischen Musik wiederum nicht avantgardistisch genug. 
Frommel entwickelt spätromantische Klänge und Formen weiter; an allzu kühnen Experimenten war er nicht interessiert. Auch in späteren Jahren blieb er der Tonalität treu, und irgendwann gab er das Komponieren schließlich auf. 
Jürgen Bruns und der Jenaer Philharmonie muss man für ihre Neugier danken; sie haben diese Musik wiederentdeckt und 2017 im Konzert gespielt. Dieser Live-Mitschnitt füllt eine Lücke im Repertoire, und rückt jene Komponisten der Nachkriegszeit wieder stärker in den Blick, die sich nicht an Trends und musikalischen Moden orientieren wollten – sehr verdienstvoll! 

Montag, 31. Juli 2017

Zelenka (Herisson)

Schon einmal hat das Ensemble Pasticcio Barocco Triosonaten von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) veröffentlicht – die Sonaten ZWV 181, Nummer 4, 5 und 6 sind bei Hérisson bereits erschienen. Nun lieferten die Musiker den Rest nach – und ein bisschen mehr: Auf dieser CD erklingen die Triosonaten Nummer 1 und 2, sowie die Simphonie à 8 con(certanti) ZWV 189 und die Hipocondrie à 7 con(certanti) ZWV 187. 
„La troisième sonate a été laisée de côté car elle est la seule pour violon, hautbois, basson et basse continue, et pose de complexes problèmes de texte, la partie de basse continue n'ayant pas été indiquée par Zelenka“, berichtet Cembalist Mathieu Dupoy im Beiheft. Und so sind hier also nur die Sonaten für zwei Oboen, Fagott und Basso continuo zu hören. 
Musiziert wird hinreißend; David Walter und Hélèle Gueret teilen sich paritätisch in die Oboenpartien, Fany Maselli spielt das Fagott, und das Continuo ist mit Esther Brayer, Kontrabass, Rémi Cassaigne, Theorbe und Mathieu Dupoy am Cembalo ebenso üppig wie farbenreich besetzt. Diese umfangreiche Besetzung passt allerdings gut, denn Oboen sind nicht gerade leise Instrumente. Will man das klanglich ausbalancieren, muss man schon ein wenig Volumen aufbieten – der Kontrabass passt da perfekt. 
Die Simphonie und die Hipocondrie erweisen sich als zauberhafte Musik- stücke voll überraschender Einfälle. Hier komplettiert das Orchestre de Chambre d'Auvergne mit seinen exzellenten Streichern das Ensemble. Dass der Geiger Pisendel, Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, seinem Freund Telemann einstmals im Begleitbrief zu einer Zelenka-Partitur schrieb, „de cet amandier, savourer beaucoup, beaucoup de doux fruits“ ist in diesem Zusammenhang ein charmantes Bild. Denn die Werke des Dresdner Kirchen-Compositeurs Zelenka haben, wie die Mandel, eine harte Schale und einen verlockenden Kern. Es verblüfft immer wieder aufs Neue, wie unkonventionell er mit dem doch als so antiquiert geltenden Kontrapunkt Musik setzt. Und in diesem Falle wird diese Musik auch noch sehr gelungen vorgetragen – bravi!  

Sonntag, 20. November 2016

Hoffmann: Symphony - Ouvertures (cpo)

Für ein Festkonzert zum Geburtstag des preußischen Königs im Jahre 1806 komponierte Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (1766 bis 1822) seine Sinfonie in Es-Dur. Der Jurist war in Warschau als Regierungsrat tätig, und fand nebenbei noch genug Muße zum Musizieren, Komponieren und dafür, die Musikalische Gesell- schaft zu gründen und zu leiten, ein Liebhaberorchester. Dieses Ensemble hat auch, dem König zum Preise und zur Feier der Einrichtung eines Konzertsaales im Mniszekschen Palais, Hoffmanns einzige Sinfonie uraufgeführt. 
Sie hat Haydns Londoner Sinfonien zum Vorbild, ist aber dennoch in der musikalischen Substanz und in den durchaus auch witzigen Ideen ein echter Hoffmann. Und wer genauer hinhört, der wird feststellen, dass sie sehr sorgfältig gearbeitet worden ist. Insofern ist das Werk ein Solitär, und man kann Michael Alexander Willens nur dankbar dafür sein, dass er sie mit der Kölner Akademie eingespielt hat, in Begleitung der Ouvertüren zu den Opern Undine und Aurora. Es sind dies die beiden letzten Opern Hoff- manns; sie gelten als die beiden ersten deutschsprachigen romantischen Opern überhaupt. 
Komplettiert wird die CD durch die Sinfonia in A-Dur von Friedrich Witt (1770 bis 1836). Er war Cellist, wirkte zeitweilig in der Oettingen-Waller- steinschen Hofkapelle, und wurde 1802 Kapellmeister in Würzburg. Die Kölner Akademie musiziert auch hier historisierend, sehr klar strukturiert und mit einem guten Gespür für die Tempi und für Details. Sehr gelungen!

Montag, 3. Oktober 2016

Hidden Gems - Ignaz Joseph Pleyel (Ars)

Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) galt zu Lebzeiten als „Componist von erstem Range“, man sah ihn auf Augenhöhe mit seinem Lehrer Joseph Haydn und mit Wolfgang Amadeus Mozart. Pleyel wurde in ganz Europa gefeiert, und seine Werke erschienen in erstklassigen Verlagen. Der Musi- ker erwies sich auch als erfolgreicher Geschäftsmann: In Paris gründete er einen Musikverlag, der rasch zu den Marktführern gehörte. Auch mit seiner Klaviermanufaktur verdiente Pleyel viel Geld. Und als er schließ- lich eine Konzertreihe, die Salons Pleyel, startete, kamen die Reichen und die Schönen, um europäischen Stars wie Frédéric Chopin oder dem Wunderkind Clara Wieck zu lauschen. La Salle Pleyel ist noch heute eine Institution in Paris. 
Die Musik von Ignaz Pleyel geriet allerdings in Vergessenheit – aus uner- findlichen Gründen, wie man nach dem Anhören zweier CD mit Hidden Gems feststellen muss. Sie sind auf Initiative der Internationalen Ignaz Joseph Pleyel Gesellschaft (IPG) entstanden, die sich an seinem Geburts- ort, im niederösterreichischen Ruppersthal, ganz entschieden für das Vermächtnis des Komponisten einsetzt – und sie enthalten wahrhaftige Schätze. Aus dem Jahre 1792 stammen die drei Streichquartette Ben 359, Ben 360 und Ben 361. Es musiziert das Ignaz Pleyel Quartett mit Raimund Lissy und Dominik Hellsberg, Violine, Robert Bauerstatter, Viola und Bernhard Naoki Hedenborg, Violoncello, sämtlich Mitglieder der Wiener Philharmoniker. 
Auf der zweiten CD folgen Pleyels Violinkonzert in C-Dur, Ben 1106, das Bratschenkonzert in D-Dur, Ben 1062 und die Sinfonie in B-Dur, Ben 127/1493. Es musizieren die Camerata pro Musica unter Christian Birn- baum; als Solisten sind Cornelia Löscher, Violine, und Robert Bauerstatter, Viola, zu erleben. Immer wieder verblüfft die Originalität, mit der Pleyel seine Werke gestaltet, sein überaus eleganter Stil und seine liebevolle Instrumentierung, die auch Orchesterinstrumente mit ihren Klangfarben immer wieder aufs Schönste zur Geltung bringt. Man kann der IPG für diese beiden CD mit Entdeckungen nur dankbar sein; sämtliche Werke erklingen in Weltersteinspielungen – und hoffentlich folgen noch viele ähnlich engagierte Aufnahmen nach; es wäre großartig, wenn sie ergänzt würden durch Noteneditionen.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Konzert-Raritäten aus dem Pleyel-Museum Vol. 16 (Ars Produktion)

Das Pleyel-Museum, ansässig im niederösterreichischen Ruppersthal im Geburtshaus von Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831), überrascht einmal mehr mit einer Neuveröf- fentlichung: Zwei konzertante Sym- phonien und eine Symphonie aus der Feder des Komponisten haben die Camerata pro Musica gemeinsam mit exzellenten Solisten unter Leitung von Christian Birnbaum 2014 in ihrem Neujahrskonzert in Grafen- wörth vorgestellt. 
Hört man den Mitschnitt dieser Aufführung, dann fragt man sich einmal mehr, wieso Pleyel, Musiker, Komponist, Musikverleger und Klavierfabrikant und in all dem sehr erfolgreich, derart in Vergessenheit geraten konnte. Seine Symphonie in d-Moll Ben 160, auf dieser CD in Weltersteinspielung, erweist sich als ein dramatisches Stück von hohem Rang. 
Außedem erklingen die Symphonie Concertante in A-Dur Ben 114 für Klavier, Violine  und Orchester sowie die Symphonie Concertante in F-Dur Ben 115 für Flöte, Oboe, Horn, Fagott und Orchester, letztere in der Origi- nalversion Pleyels nach dem Erstdruck aus dem Jahre 1802. Die konzer- tierenden Soloinstrumente werden durchweg von erstklassigen Musikern gespielt; der Zuhörer darf sich zudem daran erfreuen, dass Pleyel offenbar ein ausgesprochenes „Händchen“ für Klangfarben und musikalische Effekte hatte. Es ist zu wünschen, dass diese charmanten Werke zukünftig auch in so manchem Abonnementkonzert erklingen – sie dürften sowohl den Solisten als auch dem Publikum Vergnügen bereiten.