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Sonntag, 28. Juli 2019

Albrecht Mayer - Longing for Paradise (Deutsche Grammophon)

Der Traum von einer harmonischen Welt kennzeichnet alle Werke, die Albrecht Mayer für seine jüngste Einspielung ausgesucht hat: „Wie reagiert man als emotionaler, fühlend-romantischer Komponist, wenn man mit der Kriegssituation und einer zerstörten Heimat konfrontiert wird?“, fragt sich der Oboist. „Dieser Gedanke und die damit verbundene Sehnsucht nach Schönheit vereint alle Stücke auf diesem Album.“
Die Musik, die Mayer auf dieser CD zusammengetragen hat, ist alles andere als leichtgewichtig. So schrieb Richard Strauss (1864 bis 1949) kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs sein einziges Oboenkonzert, „ein Stück voller Schönheiten, vielleicht eine Ahnung vom Paradies“, begeistert sich Mayer. Der Komponist selbst nannte das Werk eine „Werkstattarbeit“, geschrieben, „damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“. 
Die Nachkriegssituation spiegelt das Konzert für Oboe und kleines Orchester eher indirekt: „Das ist eines der wenigen Stücke von Strauss, bei denen ich nirgends den Ansatz einer Doppelbödigkeit erkennen kann“, meint Mayer. „Vielmehr verlangt dieses Stück ein Höchstmaß an Mühelosigkeit, womöglich schwebte Strauss selbst beim Komponieren so etwas wie die reine Fülle des Wohllauts vor.“ 
Albrecht Mayer spielt dieses Konzert, das von Anfang bis Ende höchste Anforderungen an den Solisten stellt, mit einem wunderschönen, runden Ton, herrlicher Kantilene und geradezu magischer Schwerelosigkeit. Er lässt den Hörer zu keinem Zeitpunkt daran denken, dass es sich dabei um eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Oboen-Literatur handelt. 
In den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša steht dem Oboisten dabei ein erstklassiges Orchester als Musizierpartner zur Seite. Man kennt sich, und man schätzt sich: Mayer begann dort seinerzeit 1990 als Solo-Oboist seine Karriere. 
An den Anfang seines Programmes, vor das Strauss-Konzert, stellte Mayer Edward Elgars (1857 bis 1934) Soliloquy. Dabei handelt es sich um eine Elegie, die lange Fragment geblieben ist. Erst 1967 erklang sie in einer vervollständigten Fassung von Gordon Jacob erstmals öffentlich – gespielt von Léon Goossens. 
Für diesen Oboenvirtuosen schrieb sein Bruder Eugène Goossens (1893 bis 1962) ein ebenfalls höchst anspruchsvolles Konzert, das Mayer am Schluss seiner CD platzierte. „Man stelle sich vor, Strawinksy hätte ein Konzert für Oboe geschrieben, mit einer Prise britischen Humors gewürzt und um einige regionale Klangzutaten ergänzt“, so beschreibt der Oboist diese Musik. 
Mein ganz persönlicher Favorit aber, neben dem Strauss-Konzert, ist die Neubearbeitung von Maurice Ravels (1875 bis 1937) Le Tombeau de Couperin für Oboe und Orchester. Das Arrangement stammt von Joachim Schmeißer, und es ist unglaublich gut. Ravel nutzte die Tradition, verstorbenen Musikern ein Tombeau, eine Trauermusik, zu schreiben. Doch in dem Stück geht es nur vordergründig um Couperin und die Musik des 18. Jahrhunderts. Denn Ravel schrieb es nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst; und jeder Satz ist einem gefallenen Kameraden gewidmet. 

Freitag, 1. Februar 2019

Reflections (Genuin)

Wenn Yukyeong Ji ihre CD „Reflections“ nennt, dann hat sie offenbar weniger das Phänomen des Spiegels im Sinn als vielmehr den Vorgang der Reflektion in seiner ganzen Vielfalt: „visuell (wie bei Debussy in Reflets dans l'eau), formal (wie Messiaens in Par Lui tout a été fait) oder als Hommage, wie beispielsweise Beethoven von zahllosen Komponisten lebenslang als Vorbild gesehen wurde. Kunst reflektiert die gesellschaftlichen Umstände und generell lassen alle Werke die Persönlichkeit der sie Erschaffenden widerscheinen.“ 
Auf ihrer Debüt-CD bei dem Leipziger Label Genuin präsentiert die koreanische Pianistin, die in Seoul und in Hannover studiert hat, ein höchst anspruchsvolles Programm, das viele Facetten aufzeigt. Zu hören ist Musik von Uzong Choe, der eigens für diese CD ein Prélude neu komponierte, Toru Takemitsu, Bertold Hummel, Maurice Ravel und Olivier Messiaen. Yukyeong Ji begeistert mit einer exzellenten Technik und außergewöhnlichem Gestaltungsvermögen. Sehr beeindruckend! 

Montag, 9. Juli 2018

Clair de lune - Menahem Pressler (Deutsche Grammophon)

Klaviermusik von Maurice Ravel, Gabriel Fauré und vor allem von Claude Debussy hat Menahem Pressler für die erste Soloaufnahme ausgewählt, die er bei dem Label Deutsche Grammophon veröffent- licht. Der Pianist, geboren 1923 in Magdeburg, musizierte mehr als 50 Jahre lang im Beaux Arts Trio. Seine Solo-Karriere startete Pressler erst nach der Auflösung des legendären Kammermusik-Ensembles im Jahre 2008; diese CD hat er 2017 eingespielt. Da war der Musiker also 94 Jahre alt. Und er reist immer noch um die Welt und gibt Konzerte, die begeistern. 
Der französischen Klaviermusik ist er zutiefst verbunden; sie faszinierte ihn schon, bevor er 1946 in San Francisco den Debussy-Wettbewerb gewann – „despite the fact that my repertoire only included Clair de lune and the two Arabesques“, erinnert sich der Pianist. Diese Stücke spielt er noch heute, aber auch viele andere, und seine Interpretation ist unglaublich: Wie er Spannungsbögen aufbaut, wie er Melodielinien nachspürt und mit welcher Präzision er selbst feinste Nuancen gestaltet, das ist unbeschreiblich, das muss man gehört haben. Man lauscht wie gebannt, vom ersten bis zum letzten Ton. Die reinste Magie! 

Montag, 23. April 2018

Emotions (MDG)

Emotions, Gefühle, nannten Alexandra Troussova und Kirill Troussov ihre jüngste CD. Die Geschwister, die sich dem Klavier und der Geige verschrieben haben, offenbaren mit dieser Entscheidung erneut eine Vorliebe für intelligent gestaltete Konzeptalben. Denn schon ihr Debüt bei Dabringhaus und Grimm, mit dem Titel Memories, überraschte mit höchst sachkundiger Musikauswahl – und mit exzellenter musikalischer Qualität. 
Das gilt ohne Einschränkungen auch für Emotions. Auf dieser CD haben die beiden Musiker um die Violinsonate von César Franck und die Sonate für Violine und Klavier in G-Dur von Maurice Ravel noch drei kleinere Werke gruppiert, die aber keineswegs unbedeutend sind. Schon die beiden Stücke zu Beginn, Mélancolie und Andantino quietoso op. 6, machen deut- lich, dass der Organist Franck in seiner Kammermusik nicht nur techni- sche Brillanz, sondern in erster Linie auch die Gabe fordert, wunderbare Melodien ansprechend in Szene zu setzen. 
Die beiden Musiker bescheren dem Zuhörer so manchen Gänsehaut-Moment. Selbst bei größter dramatischer Intensität gelingt es den Troussovs, transparent und klar strukturiert zu spielen. Die Geschwister musizieren schon seit ihrer Kindheit gemeinsam. Sie haben dabei einen Grad an Vertrautheit erreicht, der ihnen unglaubliche agogische Freiheiten ermöglicht – für die Interpretation romantischer Musik ist das ein großes Plus. 
Man höre nur den zweiten Satz von Ravels Sonate, mit dem Titel Blues. Er klingt tatsächlich wie improvisiert. Und die populäre Tzigane wird bei diesem Duo von rasantem Virtuosenfutter zu allerbester, ausdrucks- starker Kammermusik. Vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt diese Einspielung mit unerhörtem Farbenreichtum. Da kann man nur staunen – und die hervorragende Aufnahme macht auch das Timbre von Troussovs Brodsky-Stradivari, auf der seinerzeit Tschaikowskis Violinkonzert erstmals gespielt worden ist, und den Klang des legendären Steinway-Konzertflügels „Manfred Bürki“ erlebbar. Rundum erstklassig, unbedingt zu empfehlen! 

Freitag, 16. März 2018

Karlrobert Kreiten - Historical Recordings (Avi-Music)

Diese CD stellt einen Pianisten vor, dessen künstlerische Laufbahn brutal ein Ende fand: In der Nacht vom 7. zum 8. September 1943 wurde Karlrobert Kreiten in Berlin-Plötzensee hingerichtet. 
Der junge Musiker hatte unter dem Eindruck von Stalingrad in einem privaten Gespräch Hitler als einen Wahnsinnigen bezeichnet, dessen Bild man besser von der Wand abnehmen sollte. Der Krieg, so Kreiten, sei praktisch schon verloren – und er werde zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur führen. 
Eine Freundin seiner Mutter zeigte Kreiten an. Er wurde wenig später von der Gestapo verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünsti- gung zum Tode verurteilt. Nicht einmal durch Gnadengesuche und durch Interventionen berühmter Kollegen, wie Wilhelm Furtwängler, ist es gelungen, ihn zu retten. 
Bei der Vorbereitung auf ein Gedenkkonzert zum hundertsten Geburtstag von Karlrobert Kreiten im Jahre 2016 fand Tobias Koch einige bislang unbekannte Tonaufnahmen des Pianisten. Auch wenn der technische Zustand der meisten dieser Aufzeichnungen offenbar unglaublich schlecht war, ist es Karsten Lehl, der Restauration und Mastering übernommen hat,  doch gelungen, Erstaunliches wieder hörbar zu machen. 
Es sind private Aufnahmen, und Tobias Koch räumt ein, dass Kreiten selbst mit dieser Veröffentlichung kaum einverstanden gewesen wäre. „Wir haben uns dennoch dazu entschieden, denn hinter dem aufnahmetechnischen Schleier der behutsam restaurierten Aufnahmen verbirgt sich eine hochsensible jugendliche Meisterschaft, die in ihrer ebenso strukturbewussten wie schwerelosen Gestaltungskraft damals wie heute zugleich überrascht wie überwältigt“, schreibt Koch. Mein ganz persönlicher Favorit auf dieser CD ist Othmar Schoecks Toccata op. 29 Nr. 2 – ganz große Klavierkunst, noch heute atemberaubend. 
Es erklingt sogar die Stimme Karlrobert Kreitens, in unverkennbar rheinischem Tonfall. Der Pianist kam in Bonn zur Welt; aufgewachsen ist er in Düsseldorf, wo er als Zehnjähriger in der Tonhalle debütierte. Bekannt wurde Karlrobert Kreiten, als er 1933 beim Internationalen Klavierwettbewerb in Wien als einer der jüngsten Teilnehmer mit einer silbernen Ehrenplakette ausgezeichnet wurde. Kurz darauf gewann er in Berlin den Mendelssohn-Preis. 
Der junge Pianist studierte in Köln und in Wien, und lernte dann von 1937 bis 1940 in der Berliner Meisterklasse von Claudio Arrau. Er gab zahl- reiche Konzerte; so musizierte er zweimal mit den Berliner Philharmoni- kern. „Karlrobert Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich je begegnet sind“, urteilte sein Lehrer noch viele Jahre später. „Er hatte eine erstaunliche Leichtigkeit, es gab keine Schwierigkeiten für ihn; was er machte, hatte immer einen musikalischen Sinn. Er war immer ein Künstler, nicht ein Virtuose.“ 

Sonntag, 4. Februar 2018

Music for Brass Septett 5 (Naxos)

Das Blechbläserseptett Septura erkundet auf dieser CD zur Abwechslung einmal französische Musik. Das ist ein faszinierendes Unterfangen, denn zum Anfang des 20. Jahrhunderts bot Frankreich eine der spannendsten musikalischen Landschaften überhaupt. Für die vorliegende Aufnahme wählte Septura Werke von drei Komponisten, die diese Entwicklung maßgeblich mit geprägt haben: Gabriel Fauré (1845 bis 1924), Maurice Ravel (1875 bis 1937) und Claude Debussy (1862 bis 1918). 
Dank der gekonnten Arrangements der Ensemblemitglieder Matthew Knight und Simon Cox können ihre Werke, die ursprünglich zumeist für Klavier entstanden sind, höchst eindrucksvoll durch sieben Blechbläser interpretiert werden. Ravels Ma Mère l'Oye beispielsweise klingt, als wäre es für Trompeten, Posaunen und Tuba geschrieben. Und auch die Pavane pour une infante défunte erweist sich als perfektes Blechbläser-Stück. 
Septura spielt zudem sechs der 24 Préludes von Debussy – farbenreich, ausdrucksstark, wirklich beeindruckend. Der Höhepunkt aber sind die Lieder von Gabriel Fauré, die jeweils einem Septura-Mitglieder Gelegenheit für ein hinreißendes Solo bieten. Nur für die tiefen Bläser – Daniel West, Bassposaune, und Peter Smith, Tuba – fand sich offenbar kein geeigneter Part. 

Freitag, 27. Oktober 2017

Henryk Szeryng plays Nardini, Vieuxtemps, Ravel, Schumann (Hänssler Classic)

Noch einmal eine CD, auf der Henryk Szeryng zu hören ist – und was für ein Programm! Der Geiger hat diese Aufnahmen in den Jahren 1955 und 1957 im Baden-Badener Musikstudio mit dem Sinfonieorchester des SWR unter seinem legendären Leiter Hans Rosbaud eingespielt. Der Hörer darf sich über das e-Moll-Konzert von Pietro Nardini (1722 bis 1793) freuen, das hier in romantischer Bearbeitung erklingt. Darauf folgen das Violinkonzert Nr. 4 in d-Moll op. 31 von Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881), und die ausgesprochen virtuose Konzert-Rhapsodie Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Abschließend ist das Violinkonzert in d-Moll von Robert Schumann (1810 bis 1856) zu hören, für das sich Szeryng sehr eingesetzt hat. „Ich kenne die Bedenken gegen dieses Stück“, meinte der Geiger einst, „aber ich billige sie nicht. Man sagt, es sei spröd und undankbar für den Solisten. Ich gebe zu, dass es nicht so geigerisch ist wie andere Konzerte, und dass auch die Instrumentierung nicht immer ganz glücklich ist. Aber es hat wunder- bare Melodien. (..) Wenn das musikalische Material gut ist, dann sollte man einem Komponisten auch einmal dadurch huldigen, dass man seine Schwächen verdeckt.“ 
Technische Schwierigkeiten scheint Szeryng so gar nicht zu kennen. Sein Spiel ist stets makellos, dabei stark im Ausdruck, und sein Geigenton ist kraftvoll, klar und strahlend. Diese alten Aufnahmen aus dem SWR-Archiv, sorgfältig digital überarbeitet, sind wirklich vom ersten bis zum letzten Takt ein Genuss. 

Donnerstag, 30. März 2017

Ani & Nia Sulkhanishvili Piano Duo (Oehms Classics)

Die Zwillingsschwestern Ani und Nia Sulkhanishvili haben sich schon in jungen Jahren dem Klavier ver- schrieben. Hört man sie heute als Klavierduo musizieren, dann mag man kaum glauben, dass sie nicht schon als Kinder gemeinsam gespielt haben. 
Doch erst in ihrem 13. Lebensjahr entdeckten die Mädchen durch einen Zufall die Petite suite von Claude Debussy – für Klavier zu vier Händen. Und dieses Erlebnis hat sie so begeistert, dass die beiden Georgierinnen ihre Professorin überzeugten, sie fortan nicht nur solistisch, sondern auch als Klavierduo zu unterrichten. 
Mittlerweile haben die jungen Damen etliche Wettbewerbe gewonnen. Beim 64. Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2015 in München haben die Schwestern den zweiten Platz belegt – und konnten mit ihrer außergewöhnlichen Darbietung zudem Oehms Classics für eine CD-Produktion gewinnen. 
Zu hören sind die Legenden für Klavier zu vier Händen op. 59 von Antonín Dvořák und die Rhapsodie espagnole von Maurice Ravel, ebenfalls in einer Fassung für Klavier zu vier Händen. Die beiden Werke entstammen nicht nur geographisch betrachtet höchst unterschiedlichen Gegenden. So trifft Böhmen auf Spanien, wie es allerdings ein Franzose sah. Auch klanglich sind sie höchst verschieden, und Dvořáks Musik erscheint vom Charakter her lang nicht so orchestral wie Ravels Werk. 
Ani und Nia Sulkhanishvili gestalten daher auch ihre Interpretation sehr differenziert. Vom feinsten Pianissimo bis zum knalligen Akzent und mit einer großen Palette an Klangfarben spüren sie den Absichten der beiden Komponisten nach. Von diesem Klavierduo wird in Zukunft ohne Zweifel noch so manches zu hören sein. 

Samstag, 31. Dezember 2016

Yehudi Menuhin - Paul Coker Live (Doron)

Noch eine weitere Aufnahme mit Yehudi Menuhin (1916 bis 1999) – es handelt sich dabei um Mitschnitte von Konzerten, die der große Geiger bereits hochbetagt gegeben hat. Die Klaviersonaten von Johannes Brahms op. 78 und César Franck wurden 1983 in Bern aufgezeichnet; beide Werke gehörten zu den Lieblingsstücken Menuhins. Ergänzt wird die CD durch zwei Zugaben – Pièce en forme de Habanera von Maurice Ravel, in einem Mitschnitt aus Minneapolis, entstanden 1986, und Liebesleid von Fritz Kreisler, in einem Mitschnitt aus der Oper Sydney aus dem Jahre 1988. 
Menuhins Schwester Hephzibah, die eine exzellente Pianistin war und ihren Bruder oftmals im Konzert begleitet hat, war 1981 nach längerer Krankheit gestorben. 1980 bat der Geiger daher den jungen Paul Coker, einen Absolventen der Yehudi Menuhin School, mit ihm ein Konzert in London zu spielen. Im Beiheft zu dieser CD erinnert sich der Pianist, wie er an diesem Abend – und noch vielen nachfolgenden – mit extrem wenig Probenzeit zurechtkommen musste. Die Bedingungen waren oftmals schwierig, so Coker: „We once ,rehearsed' the Bartok rumanian dances on a plane, Menuhin singing and me listening and nodding, and in Bombay I told him that it was a secret wish of mine to play Ravel's Tzigane with him, and he suggested we play in that night for an encore... which we did.“ 
Die letzten zehn Jahre von Menuhins Konzertkarriere war Paul Coker der ständige Klavierbegleiter des Geigers, „playing more or less the whole sonata repertoire together in almost every corner of the world“, so schreibt er im Beiheft. Auf dieser CD ist, für meinen Geschmack, das Klavier mitunter zu stark im Vordergrund zu hören. Aber Yehudi Menuhin beeindruckt dennoch mit seinem Geigenspiel; er musiziert ausdruckssstark nicht zuletzt in den dramatischen Passagen und unglaublich elegant in den beiden Zugaben. Kein Wunder, dass das Publikum, als es nach einigen wenigen Tönen Liebesleid erkennt, spontan in Jubel ausbricht. 

Montag, 17. Oktober 2016

Fantasies Rhapsodies & Daydreams by Arabella Steinbacher (Pentatone)

Fantasien, Rhapsodien und Tag- träume hat Arabella Steinbacher auf dieser CD zusammengefasst – in einer sehr persönlichen Auswahl, die virtuose Bravourstücke mit lyrischen, ausdrucksvollen Werken kombiniert. Das Programm beginnt mit der Carmen-Fantasie von Franz Waxmann (1906 bis 1967) in der Version von Jascha Heifetz. Es folgen Sarasates Zigeunerweisen, The Lark Ascending von Ralph Vaughan Williams (1872 bis 1958), Havanaise op. 83 sowie Introduction et Rondo capriccioso op. 28 von Camille Saint-Saëns (1835 bis 1921), die Méditation aus Thaïs von Jules Massenet (1842 bis 1912), und zum Abschluss erklingt die Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Im Beiheft berichtet die Geigerin, dass sie große Lust darauf hatte, all diese Raritäten einzuspielen, die heutzutage im Konzert nur selten zu hören sind. Üblicherweise, so Steinbacher, studieren Geiger dieses Repertoire in jungen Jahren, um ihre technischen Fertigkeiten daran zu schulen. Die großen Geiger der Vergangenheit, wie Kreisler, Menuhin oder Heifetz, spielten solche Stücke ganz selbstverständlich in ihren Konzertprogram- men, oftmals in eigenen Bearbeitungen. Derzeit gilt das als unangemessen, als unseriös; die meisten Musiker bevorzugen daher Konzerte und Sonaten. 
Das ist ziemlich schade, wie diese CD beweist. Denn geigerische Zirkus- kunststückchen, brillant und mit Geschmack vorgetragen, können durchaus vergnüglich sein. Arabella Steinbacher musiziert klangschön auf ihrer Booth-Stradivari aus dem Jahr 1716, unterstützt vom Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter Lawrence Foster. Ihr Ton ist hell, klar und beseelt; mitunter freilich auch ein wenig zu brav und harmlos. Zigeunerklänge und tosende Leidenschaften sind ihre Sache eher nicht, aber wenn es um lyrischen Ausdruck geht, dann ist sie in ihrem Element. Wie sie die Lerche zum Himmel hinaufschweben lässt, das ist großes Kino. 

Montag, 28. März 2016

Peter Kofler: Transkriptionen (Querstand)

Peter Kofler, Jahrgang 1979, ist ein Musiker mit einem weiten künstle- rischen Horizont. Er ist Gründungs- mitglied und Cembalist des Barock- orchesters L'Academie giocosa, er musziert aber auch gemeinsam mit dem Symphonieorchester des Bayeri- schen Rundfunks, und konzertiert bei renommierten Musikfestivals. Von 2003 bis 2014 war Kofler Korrepetitor und Assistent von Hansjörg Albrecht beim Münchener Bach-Chor. Er spielt Orgelkonzerte, er ist ein geschätzter Kammermusik-Partner, und er ist zudem Lehrbeauftragter im Fach Chorleitung an der Münchner Musik- hochschule. 
Seit 2008 ist Kofler Organist an der Jesuitenkirche St. Michael in München; dort hat er ein Orgelfestival, den Münchner Orgelherbst, initiiert, das er zudem als künstlerischer Leiter verantwortet. Und auch seine CD-Einspielungen zeugen von breitem musikalischen Interesse; sie reichen von Bachs Kunst der Fuge bis hin zu Rheinberger und Reger. Die neueste Veröffentlichung bei dem Altenburger Label Querstand setzt nun einen weiteren Akzent: Peter Kofler hat Orgeltranskriptionen bekannter Werke aus einer Zeit dafür ausgewählt, die schier süchtig war nach Klangfarben und Tonleiterkaskaden: Daphnis et Cloé, Suite Nr. 2 von Maurice Ravel (1875 bis 1937), die Suite Pelléas et Mélisande von Gabriel Fauré (1845 bis 1924), Saint François de Paule marchant sur les flots sowie die Symphonische Dichtung Prometheus von Franz Liszt (1811 bis 1886) – und zwischen diesen beiden Großwerken hat Kofler noch, mit einem Augenzwinkern, eine eigene Transkription der Klavierminiatur Clair de Lune von Claude Debussy (1862 bis 1918) untergebracht. 
Der Organist musiziert an „seinem“ Instrument, der Michaelsorgel, 2011 unter Einbeziehung von altem Pfeifenmaterial der vorherigen Sandtner-Orgel durch die Firma Orgelbau Rieger aus dem österreichischen Vorarl- berg neu errichtet. Vergleicht man die Transkriptionen, die Kofler für diese Aufnahme ausgesucht hat, mit den Orchester-Originalen, so kann sich die Orgelversion dabei durchaus hören lassen. Man lausche nur, wie Franz Liszt den Heiligen Franziskus von Paola auf den Wassern schreitend die Meerenge von Messina überqueren lässt – das unruhige Rollen der Wel- len passt zur Orgel ebenso trefflich wie die große Fuge im Prometheus, oder der grandiose Sonnenaufgang in Ravels Daphnis et Chloé. Scheinbar mühelos erzielt Kofler mit der Michaelsorgel ähnliche Klangeffekte, wie sie die Komponisten seinerzeit mit einem großen romantischen Orchester erprobt haben. Und auf einer Orgel klingt das noch immer ziemlich kühn.

Sonntag, 3. Januar 2016

Duo Pavane

Die Cellistin Friederike Fechner hat in Hannover, Basel und in den USA studiert und zahlreiche Meisterkurse absolviert, unter anderem bei Pierre Fournier und Peter Bruns. Sie lebt in Stralsund, wo sie auch unterrichtet. 
Marina Paccagnella ist Solo-Harfenistin der Württembergischen Philharmonie in Reutlingen. Sie hat in Padua und Freiburg studiert, und sie lebt und unterrichtet in Hamburg. 
Die beiden Musikerinnen verbindet ihre große Leidenschaft für die Kammermusik. Seit 2010 musizieren sie gemeinsam; in diesem Sommer hat das Duo Pavane nun ein Programm mit sorgsam ausgewählten lyrischen und virtuosen Werken aus dem 18. und 19. Jahrhundert im Konzert vorgestellt. Es reicht vom Nocturne concertant des großen Harfenisten Nicholas Charles Bochsa (1787 bis 1856), dessen Cellopartie von Jean-Luis Duport (1749 bis 1819) bearbeitet wurde, bis hin zur rasanten Fantasie op. 13 von Georg Walter Huber, und von einem Adagio, das Ludwig van Beethoven für zwei nicht näher bezeichnete Instrumente komponiert hat, bis hin zu bekannten Melodien von Maurice Ravel und Camille Saint-Saëns, dessen Schwan aus der Suite Karneval der Tiere auch in einer Version für Harfe und Violoncello prachtvoll klingt. In dem Programm spielten die beiden Musikerinnen zudem die Sonate Nr. 5 von Bernhard Romberg (1767 bis 1841), eines der ersten Originalstücke für Violoncello und Harfe. Romberg, ein Zeitgenosse Beethovens, gilt als Begründer der deutschen Cello-Schule. 
Die Kombination von Violoncello und Harfe erweist sich als außerordent- lich attraktiv. Beide Instrumente sind zur großen, gefühlvollen Kantilene ebenso in der Lage wie zum akkordischen Begleiten. Daraus ergeben sich reizvolle Möglichkeiten im Zusammenspiel, die Friederike Fechner und Marina Paccagnella gekonnt einsetzen, um einen abwechslungsreichen musikalischen Dialog zu gestalten. Keines der beiden Instrumente dominiert; die Musikerinnen beeindrucken gleichermaßen mit Virtuosität und Ausdruck. Eine Aufnahme des Konzertprogramms hat das Duo Pavane nun als CD veröffentlicht. Erhältlich ist diese Einspielung leider nur bei den Musikerinnen direkt, bestellen kann man über die Webseite.

Sonntag, 21. September 2014

David Oistrakh plays Piano Tris by Chopin, Dvorák, Ravel & Smetana (Deutsche Grammophon)

Vor langer, langer Zeit, als Gymna- siallehrer noch Partituren lesen konnten und selbst Klavier oder aber Geige spielten, da reichte es aus, wenn zwei, drei oder gar vier Namen auf einem Plakat standen – und die Leute strömten in Scharen herbei, um Musik zu hören. Selbst durch Hunger, Krieg und klirrende Kälte waren sie davon nicht abzuhalten. Als das Radio noch Luxus war, konnte man mit Kammermusik große Säle füllen. Heute musizieren Streichtrios oder Quartette in sehr viel kleineren Räumen, und während in jedem Laden irgendwelche Musik dudelt, haben ihre Auftritte eher den Ruf einer gewissen Exklusivität. 
Welch grandioses Niveau die Kammermusik in ihrem goldenen Zeitalter hatte, davon vermittelt die vorliegende Doppel-CD aus dem Hause Deutsche Grammophon einen Eindruck. Die Musiker, die auf diesen historischen Aufnahmen zu hören sind, waren allesamt berühmte Solisten. Geiger David Oistrach (1908 bis 1874), Cellist Swjatoslaw Knuschewitzky (1908 bis 1963) und Pianist Lew Oborin (1907 bis 1974) konzertierten zwei Jahrzehnte lang auch als Trio miteinander. Dass sie das gemeinsame Musizieren sehr geschätzt haben müssen, das wird der Zuhörer bald feststellen. Denn obwohl alle drei Künstler sehr deutlich mit einem solistischen Impetus antreten, wirken sie sehr harmonisch zusammen. Niemand spielt sich in den Vordergrund, keiner musiziert an den Kollegen vorbei. Hervorragend ist die Einspielung von Dvoraks berühmtem Dumky-Trio, wie überhaupt das tschechische Repertoire den Musikern besonders zu liegen scheint. Und die Aufnahme von Chopins Klaviertrio op. 8 ist grandios; ich kenne keine bessere. Bravi, Blumen – es war einmal... 

Dienstag, 2. September 2014

Classiques francais (Genuin)

Wer französische Musik des
19. Jahrhunderts vorstellen möch- te, der wird in erster Linie an die Bühne denken, an Ballette und Opern. Das meint Thomas Clamor, künstlerischer Leiter der Sächsi- schen Bläserphilharmonie – und hat einige gelungene Arrange- ments für diese CD zusammen- getragen, die die Musiker wohl ebenso begeistert haben dürften wie das Publikum. 

So hat Paul Dukas (1865 bis 1935) das Ballett La Péri mit einer Fan- fare eröffnet, die überaus exotisch wirkt. Damit eröffnen die Bläser, die in Bad Lausick bei Leipzig ihre künstlerische Heimstatt haben, das Programm. Von Georges Bizet (1838 bis 1875) erklingt Musik aus der Oper Carmen, bekannte Melodien, die wohl jedermann mitpfeifen kann, sowie eine Orchestersuite mit Musik zu Alphonse Daudets Stück Das Mädchen aus Arles. Während das Schauspiel schnell in Verges- senheit geraten ist, sind Bizets stimmungsvolle Klänge noch heute des öfteren im Konzert zu hören. Wenig bekannt hingegen ist die Musik von Jean René Désiré Francaix (1912 bis 1997). Le gai Paris – Das fröhliche Paris – kombiniert französischen Charme mit einem vir- tuosen Trompetenpart, der von Sven Geipel gekonnt vorgetragen wird. Den Abschluss bilden zwei populäre Werke von Maurice Ravel (1875 bis1937), die Pavane pour une infante défunte sowie der be- rühmte Boléro, als finaler Klangrausch. 

Montag, 16. Juni 2014

Prayer - Voice & Organ (Deutsche Grammophon)

Das aktuelle Album von Magdalena Kozená enthält Musik aus (fast) ganz Europa und aus einem Zeitraum, der vom Barock bis ins 20. Jahrhundert reicht. Die Mezzosopranistin hat gemeinsam mit dem Organisten Christian Schmitt geistliche Lieder und Arien zusammengetragen, die zumeist weniger für den Vortrag im Gottesdienst als vielmehr für die häusliche Andacht geschrieben worden sind. Von Johann Sebastian Bach bis zu Giuseppe Verdi, von Hugo Wolf bis zu Maurice Duruflé und von Franz Schubert bis zu Antonín Dvorák und vom Ave Maria bis zum Kaddisch reicht die Spannbreite der Werke, die für diese CD ausgewählt worden sind. 
Sie sind weniger virtuos als vielmehr innig und besinnlich, was für einen Sänger aber eine besondere Herausforderung darstellt. Denn es gibt kaum etwas schwierigeres, als ein „simples“ Strophenlied gut vorzutragen. Kozená meistert diese Herausforderung bestens – ins- besondere dort, wo es doch so etwas wie eine Handlung zu gestalten gilt. Die Sängerin kann zudem ein berückendes Piano aufbieten. Faszinierend! 

Sonntag, 7. Juli 2013

Mambos y Fanfarria! (Genuin)

Die Banda Sinfónica Juvenil Simón Bolívar, 2005 von Jesús Ignacio Pérez Perazzo und Valdemar Rodríguez gegründet, gehört zu einem einzigartigen Projekt, das soziales Engagement und eine exzellente musikalische Ausbil- dung miteinander verbindet: El Sistema ist ein Netzwerk aus Orchestern und Chören in Venezu- ela, in dem Kinder und Jugendliche miteinander musizieren. Ihre Ausbildung erhalten sie vor allem im Gruppenunterricht; die „Gros- sen“ unterweisen dabei die Jüngeren. Sie vermitteln ihnen neben den richtigen Tönen auch Ehrgeiz – und jene Spielfreude, für die die Ensembles des Sistema mittlerweile auch im Ausland bekannt sind. 
Thomas Clamor, der Chefdirigent der Sächsischen Bläserphilharmo- nie und künstlerischer Leiter der Deutschen Bläserakademie, ist mit El Sistema bestens vertraut. Er engagiert sich beim Aufbau der ersten lateinamerikanischen Bläserakademie. Mit der Banda Sinfónica, in der junge Musiker im Alter zwischen zwölf und 30 Jahren gemeinsam musizieren, hat er im vergangenen Jahr ein Album eingespielt, das nun bei Genuin erschienen ist. 
Das Programm startet in Lateinamerika. Die Grand Fanfare am Beginn hat Giancarlo Castro D'Addona komponiert, ein weniger repräsenta- tives als vielmehr enorm anspruchsvolles Startsignal. Ein Zufall ist das nicht – der Trompeter verdankt seine Ausbildung ebenfalls El Sistema. Es folgt Musik des „Mambo-Vaters“ Pérez Prado sowie von Alberto Ginastera. Dann baut Ravels berühmter Bolero eine musika- lische Brücke nach Europa. 
Dieses Werk ist berüchigt. Auch wenn das gar nicht so offensichtlich ist – aber der Bolero stellt extrem hohe Anforderungen an ein Orchester. Die Banda Sinfónica bewältigt diese Herausforderungen locker, und die Soli sind geradezu ein Gedicht. Das gilt auch für das nachfolgende Konzertstück für Klarinette, Bassethorn und Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy, das hier wundervoll vorgetragen wird. Und der Zyklus Bilder einer Ausstellung von Modest Mus- sorgski, zu hören in einer Version für sinfonisches Blasorchester von Mark Hindsley, gibt dem Ensemble noch einmal Gelegenheit, eine ganze Palette an Klangfarben zu präsentieren. Das ist Bläsermusik auf allerhöchstem Niveau. Bravi! 

Freitag, 1. Juni 2012

The Art of Luigi Alberto Bianchi - Violin and Viola (Dynamic)

Luigi Alberto Bianchi, 1945 gebo- ren in Rimini und aufgewachsen in einer Musikerfamilie, begann schon als Kind mit dem Geigenspiel. Dennoch wurde die Bratsche sein Hauptinstrument. Als 19jähriger spielte er zu seinem Examen in Rom Bartóks berühmtes Konzert. 
1970 gewann Bianchi den renom- mierten Carl-Flesch-Wettbewerb. Er wurde Erster Bratschist im Sinfonieorchester der RAI, und unterrichtete am Mailänder Kon- servatorium. 1980 wurde ihm sein Instrument gestohlen, eine Amati-Bratsche mit dem Beinamen del crocifisso aus dem Jahre 1595 mit einem sehr individuellen, unver- kennbaren Klang. Dieser Verlust traf den Musiker schwer. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass er zur Violine wechselte. 
Bianchi kaufte eine Stradivari von 1692, und konzertierte mit nam- haften Dirigenten und Orchestern. 1987 hatte Bianchi bei einer Versteigerung in London eine weitere Geige erworben, die von Antonio Stradivari 1716 angefertigt worden war, und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Größe auch Colossus genannt wurde. Sie wurde ihm 1998 gestohlen; im Gegensatz zu Bianchis Amati, die 2006 von den Carabinieri aufgespürt wurde, blieb sie verschwunden. 
Die vorliegende Box mit zehn CD enthält viele der Aufnahmen, die der Musiker bei seinem Hauslabel Dynamic eingespielt hat. Da gibt es viele interessante Werke zu entdecken, beispielsweise die Stücke von Antonio Bazzini (1818 bis 1897) für Violine und Klavier. Dieser war ebenfalls ein großer Geiger, und hatte einst als allererster Solist das
e-Moll-Konzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy aufgeführt, vom Komponisten selbst auf dem Klavier begleitet. Bianchi stellt zudem gemeinsam mit dem Gitarristen Maurizio Preda die Sonate di Lucca von Niccolo Paganini vor, die in den 80er Jahren wieder aufgefunden worden waren. Auch die effektvolle Sonata per la Grand' Viola von Paganini hat Bianchi 1973 mit dem Rias-Orchester Berlin eingespielt - und zwar so, wie dies der Virtuose einst vorgegeben hatte, ohne seine Stimme zu vereinfachen oder eine fünfte Saite zu Hilfe zu nehmen. Darauf ist Bianchi zu recht stolz, denn das war zuvor noch bei keiner Aufnahme gelungen. Die vierte CD präsentiert die Amati darüber hinaus noch in einigen typischen Encores. Auf der fünften CD sind Werke für Geige und Bratsche solo von Max Reger zu hören - hier spielt Bianchi die beiden kostbaren Instrumente, die ihm später ent- wendet worden sind. 

Die Duetti Concertanti op. 15 von Alessandro Rolla (17757 bis 1814), Paganinis Lehrer, musiziert Bianchi gemeinsam mit Salvatore Accar- do - ohne Zweifel einer der Höhepunkte der Box. CD 7 ist Zoltán Kodály und Maurice Ravel gewidmet. CD 8 bringt etliche "Hits" von Fritz Kreisler, ebenfalls wundervoll vorgetragen. CD 9 enthält Stücke von Edouard Lalo, CD 10 Werke Carl Maria von Webers. 

Samstag, 8. Januar 2011

Trough the mirror - Michael Seewann, Piano (Genuin)

Dies ist wirklich eine Spiegel-CD - und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen spiegelt der Klavierzyklus Bilder einer Aus- stellung von Modest Petro- witsch Mussorgski (1839 bis 1881) Reiseskizzen, Architektur- und Kostümentwürfe des Malers Viktor Hartmann. Einige dieser Stücke, insbesondere die Promenaden, die Emotionen beim Gang durch die imaginäre Ausstellung hörbar machen, oder die russisch-tradi- tionellen Sujets spiegeln darüber hinaus die ästhetischen Ansichten des Mächtigen Häufleins, dem Mussorgski angehörte. 
Die Werke, die sich auf Motive aus Frankreich beziehen, verweisen aber auf den engen Kontakt zum "Westen", den die russischen Musiker durchaus hatten. Sie verfolgten insbesondere das Schaffen ihrer französischen Kollegen - und eine ähnliche Gruppe junger Künstler in Paris um Maurice Ravel (1875 bis 1937), die sogenannten Apachen, interessierte sich wiederum sehr für die Werke des Mächtigen Häufleins. 
Ravel schuf 1922 eine Orchesterversion der Bilder einer Ausstellung, die noch immer wesentlich bekannter ist als das Original. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass Mussorgkis ursprüngliches Werk klanglich deutlich karger ist als die vergleichsweise opulente Orchestrierung. Auf dieser CD zeigt der Münchner Pianist Michael Seewann, dass diese Kargheit aber dennoch eine erstaunliche Vielfalt von Klangfarben zulässt. Mit seinem präzisen, disziplinierten Spiel zeigt er das Werk in einer Klarheit, die verblüfft und begeistert. 
Von Ravel stammt noch ein anderes Werk, das aufgrund seiner ungewöhnlichen Struktur an Mussorgskis Zyklus erinnert: In den Miroirs, 1904/05 entstanden, charakterisiert der Komponist jeden seiner Mit-Apachen in einem Satz, der diesem gewidmet ist. Die fünf Stücke tragen sprechende Namen, wie Noctuelles, Oiseaux tristes oder Une barque sur l'océan, und gleichen musikalischen Bildbe- schreibungen - was wiederum Maler animiert hat, diese Spiegel in Bildern zu spiegeln. 

Sonntag, 22. August 2010

Bonjour Paris - Albrecht Mayer (Decca)

In ihrem "Geburtsland" Frankreich war die Oboe als Soloinstrument bald nach Jean-Baptiste Lully und Nicholas Chédeville seltsamer- weise wenig gefragt. Zwar kompo- nierten Camille Saint-Saens und Francis Poulenc für Oboe. Doch weder Debussy, Fauré noch Ravel haben für das Blasinstrument ein Konzert oder wenigstens ein bedeutendes Kammermusikwerk geschrieben.
Albrecht Mayer, der Frankreich sehr zugetan ist und immerhin auch bei Maurice Bourgue studiert hat, fand diese Repertoirelücken schmerzlich - und schloss sie in bewährter Art und Weise: Für seine musikalische Huldigung an das Nachbarland ließ er berühmte Melo- dien für Oboe und Orchester arrangieren, wie Saties Gymnopédies und Debussys Clair de lune. Dass es sich dabei ursprünglich um Klavierstücke handelt, nimmt der Hörer staunend zur Kenntnis. Durch diese Bearbeitungen voll Poesie, musiziert mit dem für Mayer charakteristischen singenden, runden und warmen Oboenton, wird er daran aber nicht unbedingt erinnert. 
Mayer ist ohne Zweifel einer der besten Oboisten seiner Generation. Das kitschige Cover mit Blick über die Dächer der Musikmetropole an der Seine übersieht man ganz schnell. Denn Mayer bringt beispiels- weise Pavane und Sicilienne von Gabriel Fauré sanft zum Schweben und Tanzen. Und natürlich darf die Pavane pour une infante défunte von Maurice Ravel nicht fehlen - mit besten Grüßen an die Zwölf Cellisten, seine Kollegen bei den Berliner Philharmonikern, die erst vor kurzem ein ähnliches Album präsentiert haben.
Mayer verwandelt ein Lied von Reynaldo Hahn, Professor für Gesang an der École normale de musique de Paris sowie Direktor der Pariser Oper, in ein zauberhaftes Chanson ohne Worte. Er spielt aber auch einige Originalkompositionen, wie das Oboenkonzert L’horloge de Flore von Jean Françaix, das er schon öfter im Konzert vorgestellt hat. Als Weltersteinspielung erklingt Été, das der Schweizer Kompo- nist Gotthard Odermatt eigens für den Oboisten geschrieben hat - ein wundervolles, federleicht dahingetupftes Stück, das wie die akustische Version eines sonnendurchglühten impressionistischen Gemäldes erscheint. Traumhaft!


Donnerstag, 11. Februar 2010

Musorgsky: Pictures at an Exhibition (RCO live)

Mussorgkis "Bilder einer Aus- stellung" in der Orchesterfassung von Maurice Ravel, live aufgezeichnet mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam im Mai und August 2008. 
Man muss Mariss Jansons nicht mögen, aber diese Einspielung ist phänomenal. Hat Ravel beim Instrumentieren Mussorgskis wunderliches Stück bereits geschliffen, so poliert Jansons hier noch einmal nach. Diese Interpretation ist glasklar, sie ist extrem differenziert, und durchhörbar bis in die letzte Verästelung der musikalischen Struktur. So hört man Details, die man noch nie gehört hat. Ob das noch Mussorgski ist, ist freilich eine andere Frage - Ravel jedenfalls, mit seinem ästhetischen Konzept, hätte diese Aufnahme ganz sicher gefallen.
Ob dem Publikum diese Super-Audio-CD gefällt, wird sich zeigen. Denn sie hat einen ganz entscheidenden Makel, der hier nicht verschwiegen werden soll: Es gibt wenig Musik fürs Geld. Nach gut
30 Minuten ist alles vorüber; die Toningenieure waren albern genug, noch reichlich Beifall als Track 16 anzufügen. 

Üblicherweise wird das Werk nicht allein auf CD gebracht. Als Partner gern genommen: "Eine Nacht auf dem kahlen Berge". Nur so als Tip.