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Freitag, 31. Dezember 2021

Heinrich Scheidemann: Organ Musik (MDG)

 

Die Orgel der Barockkirche St. Pankratius in Neuenfelde ist ein ganz besonderes Instrument. Errichtet wurde sie 1688 von Arp Schnitger. 

Der Orgelbauer hatte eine enge Beziehung zu Neuenfelde; seine Frau stammte aus der Gemeinde, und Schnitger erwarb 1693 den Hof seines Schwiegervaters. In späteren Jahren wohnte er dort, und er liegt in St. Pankratius auch begraben. 

Es ist seine größte zweimanualige Orgel, mit 34 Registern in Rückpositiv, Oberwerk und Pedal. Außerdem ist sie durch den Meister vollständig neu angefertigt worden; das vorhandene Instrument von Hans Christoph Fritzsche aus den Jahren 1672/73, das für das 1682 neu errichtete Gotteshaus offenbar zu klein war, wurde durch Schnitger seinerzeit in eine andere Kirche nach Stade umgesetzt. 

Im 19. Jahrhundert wurde die Arp-Schnitger-Orgel durch Umbauten erheblich verändert. Im Zuge der Orgelbewegung und auch danach gab es diverse Versuche, das Instrument wieder zu instand zu setzen. Weil das Ergebnis nicht überzeugte, veranlasste Organist Hilger Kespohl schließlich eine umfassende Restaurierung. Sie wurde in den Jahren 2015 bis 2017 durch die Orgelwerkstatt Kristian Wegscheider ausgeführt – und dabei ist nach denkmalpflegerischen Grundsätzen der Zustand von 1688 weitgehend wieder hergestellt worden. 

Für seine zweite Einspielung an diesem herrlichen Instrument hat Hilger Kespohl ein Programm mit Werken von Heinrich Scheidemann (ca. 1596 bis 1663) zusammengestellt. Es umfasst sowohl Beispiele für Motettenkolorierungen des Hamburgers, als auch elegante Stücke nach weltlichen Vorlagen, die wohl eher im häuslichen Umfeld erklungen sind, sowie Choralbearbeitungen, wie Scheidemanns berühmte Choralfantasie Ein feste Burg ist unser Gott

Kespohl musiziert wunderbar, und auch die technische Qualität der Aufnahme gilt es an dieser Stelle zu rühmen. Man hat wirklich den Eindruck, im Kirchenraum zu sitzen. Grandios! 


Sonntag, 27. Dezember 2020

Die Späth-Orgel in St. Oswald Regensburg (Tyxart)


 Am 27. Dezember 1750, „mit Musiken von Trp. Und Pauken“, wurde die Orgel der Regensburger Oswaldkirche eingeweiht. Erbaut wurde dieses Instrument von dem ortsansässigen Frantz Jacob Späth (1714 bis 1786). Berühmtheit erlangte der experimentierfreudige Meister allerdings als Erfinder des Tangentenflügels. 

Die Orgel in der Oswaldkirche hat Frantz Jacob Späth gemeinsam mit Johann Andreas Stein errichtet. Dieser hatte das Handwerk bei Johann Andreas Silbermann in Straßburg erlernt, und nach seiner Tätigkeit bei Späth ließ er sich schließlich in Augsburg als Orgel- und Klavierbauer nieder. In seiner Bewerbung dort führte er an, er habe „in Regensburg in der großen schönen Orgel von St. Oswald das ganze Pfeiffwercke, als das Wesen einer Orgel, von meiner eigenen Handt verfertiget und intonieret.“ 

Glücklicherweise blieb das Instrument über Jahrhunderte unverändert; eine Erweiterung durch Paul Ott aus dem Jahre 1954 wurde in den Jahren 1986 bis 1991 durch die Bonner Orgelbaufirma Klais im Zuge einer umfassenden Restaurierung wieder rückgängig gemacht. So präsentiert sich die Späth-Orgel heute wieder im exzellenten und ursprünglichen Zustand. 

Roman Emilius, Stadt- und Dekanatskantor in Regensburg, stellt auf dieser CD das Instrument vor, das durch einzigartige Klangfarben begeistert. In bester süddeutscher Tradition, wirkt diese Orgel ausgesprochen charaktervoll und ausdrucksstark. Und mit seinem geschickt zusammengestellten Programm bringt Roman Emilius die Vorzüge des Instrumentes hervorragend zur Geltung. Für Kenner und Liebhaber bietet seine Werkauswahl zudem auch einige spezielle Höhepunkte. Humor und Orgel – eine Kombination, die ich nur empfehlen kann. 


Samstag, 23. Dezember 2017

In dulci jubilo (Dacapo)

Vier Szenen rings um die Weihnacht hat das Ensemble Theatre of Voices ausgewählt, um sie auf dieser CD musikalisch auszugestalten: Mariä Verkündigung und Advent, die Schäfer, Christi Geburt sowie Neujahr und Epiphanias. Zu hören sind Werke von Dieterich Buxtehude und anderen Komponisten aus dem norddeutschen Raum. 
Mit diesem Album setzt das renom- mierte Ensemble um Paul Hillier die Erkundung einer Musiktradition fort, die viel Attraktives zu bieten hat. Schon im vergangenen Jahr hatten die Sänger und Musiker eine CD mit dem Titel Buxtehude and his Circle veröffentlicht, die viel Lob und Beachtung fand. In diesem Jahr haben sie weihnachtliche Musik ausgesucht. Neben Orgelmusik vom Heinrich Scheidemann, Dieterich Buxtehude und Johann Adam Reincken erklingen Kantaten, Motetten und Geistliche Konzerte von Christian Geist, Johann Christoph Bach, Franz Tunder, Dieterich Buxtehude, Matthias Weckmann und Jan Pieterszoon Sweelinck, der eigentlich eher für seine Orgelmusik sowie als Lehrer einer herausragenden Organistengeneration bekannt ist. 
Diese Stücke sind durchweg Raritäten; sie stammen aus der Musikalien- sammlung des schwedischen Hofkapellmeisters und Organisten Gustav Düben. Sein Vater war ebenfalls ein Schüler Sweelincks gewesen. Und wer keine Lust hat auf WO und Messias, der sollte sich unbedingt dieses allererste Weihnachtsalbum des Labels Dacapo besorgen – es lohnt sich! Denn es ist ein rundum prächtiges Programm, mit hohem Engagement und Sinn für Theatralik vorgetragen. Grandios! 

Samstag, 7. Oktober 2017

The Art of Heinrich Scheidemann (Accent)

Heinrich Scheidemann (1596 bis 1663) war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck. Begonnen hatte er seine musikalische Ausbildung aber bei seinem Vater David Scheidemann, der ab 1604 als Organist an St. Katharinen in Hamburg wirkte. Der junge Heinrich muss sehr begabt und auch fleißig gewesen sein; die Hamburger Stadtväter jedenfalls waren von seinen Fähigkeiten so angetan, dass sie ihm das Studium in Amsterdam bezahlten. Nach drei Jahren kehrte er in die Heimat zurück. Dort vertrat er seinen Vater, wenn es nötig war, und wurde schließlich dessen Amtsnachfolger. 
Wie alle Organisten jener Zeit, so hat auch Scheidemann den größten Teil der Musik, die er in den Gottesdiensten spielte, improvisiert. Wenn einige ihrer Werke überliefert sind, so verdanken wir das oftmals den Schülern jener Musiker, denen der Meister zu Unterrichtszwecken etwas notierte, oder die sich selbst etwas aufschrieben, um daran zu üben und zu lernen. 
So sind auch von Heinrich Scheidemann nicht sehr viele Werke erhalten geblieben; und trotz seiner großen Bedeutung für die Norddeutsche Orgelschule ist seine Musik eher selten zu hören. Mit dieser Aufnahme würdigen virtuose Zinkenist William Dongois und sein Ensemble Le Concert Brisé das Schaffen des Organisten. 
Indem die Musiker Scheidemanns Werke für Violine, Flöte, Zink und Orgel bearbeiten – wozu, wie Dongois im Beiheft erklärt, nichts oder so gut wie nichts am Original geändert werden musste – folgen sie dem Gestus der Improvisation. Damit kommen sie dem Wesen dieser Musik möglicherweise näher als so mancher Organist, der sie notengetreu wiedergibt. Le Concert Brisé zeigt uns Scheidemann als einen Meister, der nicht nur im Gottesdienst lebendig und farbenreich gespielt hat. Auch so manchen munteren Tanz gibt es zu entdecken. Sehr gelungen! 

Sonntag, 9. Oktober 2016

The Organ at European Courts (Brilliant Classics)

Nicht nur in Kirchen erklang in früheren Jahrhunderten die Orgel. Zur Zeit der Renaissance und auch noch im Barock spielte man sie an vielen europäischen Höfen durchaus auch zur Unterhaltung. Die Instru- mente, die dabei genutzt wurden, waren zumeist kleiner als die klangstarken Kirchenorgeln. Francesco Cera, ein ausgewiesener Spezialist für das historische Repertoire, hat für dieses Album ein Programm zusammengestellt, das exemplarisch zeigt, wie höfische Orgelmusik geklungen hat. Die ausgewählten Stücke führen den Hörer quer durch Europa – von Andrea Gabrieli (1533 bis 1585) bis zu Samuel Scheidt (1578 bis 1654), von Paul Hofhaimer (1459 bis 1537) bis Hugh Aston (um 1485 bis 1558) und von Antonio de Cabezon (1510 bis 1566) bis zu Pierre Attaingnant (1494 bis 1552). All diese Canzonen, Tänze und Variationswerke geben ein ebenso abwechslungsreiches wie beeindruckendes Bild von den Fähigkeiten der damaligen Musiker, die auf technisch vergleichsweise schlichten Instru- menten erstaunlich virtuose Werke vorgetragen haben. 
Für diese Aufnahme wählte Cera ein Orgelpositiv von 1772, das sich im Refektorium des Franziskanerkonvents im italienischen Lustra Cilento befindet. Diese organo ottavino in kompakter neapolitanischer Bauart, 2012 liebevoll restauriert, ähnelt vielen Hausorgeln des europäischen Adels, so der Organist. Bei der Einspielung wurde sogar der Orgelwind originalgetreu von Hand erzeugt. 

Montag, 20. Juni 2016

Bruhns & Scheidemann - Organ works (Dacapo)

Ein ebenso prachtvolles wie klang- schönes historisches Instrument aus dem Dom zu Roskilde, Dänemark, ist auf dieser CD zu erleben. Es wurde 1554/55 von dem niederländischen Orgelbauer Hermann Raphaelis Rottenstein-Pock erbaut, wobei Teile einer bereits vorhandenen Orgel genutzt wurden. Im Laufe der Jahr- hunderte hat das Instrument einige Umbauten und Erweiterungen erfah- ren; in den 80er Jahren entschied aber die Gemeinde, dass die Orgel, so, wie sich das Instrument entwickelt hatte, für eine Schwalbennestorgel nicht wirklich passend ist. Die Firma Marcussen & Sohn, baute daher für die Kathedrale drei moderne, kleinere Instrumente – und restaurierte sorgsam die historische Orgel, die auf den Stand vor 1700 zurückgesetzt wurde. Verlorene Register wurde dabei rekonstruiert. Die Raphaelis-Orgel hat heute 33 Register auf drei Manualen und Pedal. 
Die international renommierte Organistin Bine Bryndorf spielt an diesem Instrument Orgelmusik von Heinrich Scheidemann, dem Begründer der norddeutschen Orgelschule, und das komplette Orgelwerk von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), einem ihrer letzten Protagonisten. Ihre Auswahl insbesondere der Stücke von Scheidemann ermöglicht es der Professorin, die heute in Kopenhagen unterrichtet, die Orgel quasi nebenher mit vor- zustellen. Sehr gelungen! 

Samstag, 7. Mai 2016

Northern Baroque - Sweelinck, Buxtehude & Co. (Coviello Classics)

Auf den Spuren der Norddeutschen Orgelschule unterwegs ist auf dieser CD Fabien Moulaert. Der junge belgische Organist hat dafür Werke von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) und Dieterich Buxte- hude (1637 bis 1707) herausgesucht. Sie zeigen exemplarisch die Entwicklung der Orgelmusik in den reichen Hansestädten über einen Zeitraum von einem knappen Jahr- hundert. 
Sweelinck gehört zu den „Gründervätern“ der norddeutschen Orgeltradi- tion. Er war nicht nur Organist, sondern vor allem auch ein führender Musikpädagoge, der eine ganze Organistengeneration prägte. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Heinrich Scheidemann, in späteren Jahren Organist an der Hauptkirche St. Katharinen zu Hamburg. Er gilt als Schöpfer der Choralfantasie
Buxtehude wirkte als Organist der Marienkirche zu Lübeck. Seine Musik führt Traditionen kreativ weiter; man höre nur seine Choralfantasien sowie die Toccata, die ein schönes Beispiel gibt für den Stylus Phantasticus
Moulaert hat die Orgelwerke an der Arp Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg eingespielt. Er musiziert brillant; es ist wirklich eine Freude, zuzuhören. Zwischen den Werken der drei Altmeister hat Moulaert zwei der Kleinen Geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) platziert. Sie werden von der ungarischen Sopranistin Zsuzsi Tóth ausdrucksstark gesungen, ebenso wie das Klag-Lied, das Buxtehude zum Abschied von seinem verstorbenen Vater komponiert hat. Als Continuo-Orgel fungiert dabei die Thomas-Orgel der St. Katharinenkirche Hoogstraten in Belgien. 

Dienstag, 12. April 2016

Scheidemann: Organ Works (Oehms Classics)

Joseph Kelemen studierte an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest, der Schola Cantorum Basiliensis und in Bremen, in der Orgelklasse von Harald Vogel. Er ist als Organist an St. Johann Baptist in Neu-Ulm tätig. Dass er seinen ausgezeichneten Ruf als Spezialist für historischen Fingersatz, und speziell für deutsche Orgelmusik des 17. Jahrhunderts zu Recht genießt, beweisen seine Auf- nahmen mit Werken norddeutscher Orgelmeister. 
So führt die Einspielung mit Werken von Hieronymus (1560 bis 1629) und Jacob jun. Praetorius (1586 bis 1651) – Vater und Sohn, sie wirkten als Organisten in Hamburg an St Jacobi und St. Petri – in die Übergangszeit von der Renaissance zum Frühbarock. Kelemen spielt an der Scherer-Orgel der St. Stephanskirche der Hansestadt Tangermünde eine Auswahl ihrer Werke. Dieses Instrument war ein Geschenk der Stadt Hamburg; es wurde von Hans Scherer d. J. gemeinsam mit seinem Bruder Fritz in den Jahren 1623/24 erbaut. Es verfügt über 32 Register auf drei Manualen und Pedal. Etwa die Hälfte des Pfeifenwerkes sowie das geschnitzte Gehäuse sind original erhalten. 
Die Norddeutsche Orgel der Örgryte nya kyrka in Göteborg ist das Ergebnis eines interdisziplinären Forschungsprojektes, an dem ein Team aus zwölf Nationen unter Leitung von drei Orgelbauern zehn Jahre lang gearbeitet hat. Dabei wurden alte Handwerkstechniken erkundet; so wurden Metall- platten auf Sand gegossen – was die Beteiligten erst wieder erlernen mussten. Als Vorbild für das Pfeifenwerk diente die Arp-Schnitger-Orgel der Hamburger St.-Jacobi-Kirche. Bei Prospekt und Spieltisch wurde aus Platzgründen ein anderes Instrument des berühmten Orgelbauers kopiert, die 1942 zerstörte Orgel im Lübecker Dom. 
Die Norddeutsche Orgel, im Jahre 2000 fertiggestellt, verfügt über 54 Re- gister. Sie ist das einzige viermanualige mitteltönig gestimmte Instrument in dieser Größe überhaupt, schreibt Kelemen. Er hat daran Orgelmusik von Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) eingespielt. Scheidemann, ein Schüler Sweelincks, war Organist an der Hamburger Katharinen-Kirche. Er gilt als Erfinder der Choralfantasie
Kelemen macht mit seiner Aufnahme deutlich, dass die Kompositionen, die in den alten Tabulaturen notiert wurden, musikalisch auch heute noch durchaus relevant sind. Wenn er diese Musik spielt, dann ist das keine Einladung zu einem Gang ins Museum. Der Zuhörer wird erfreut festellen, dass die Werke der norddeutschen Orgelmeister, durch diesen Organisten interpretiert, sehr attraktiv sind – und höchst lebendig. Und weil die Aufnahmen so gelungen sind, hat das Label Oehms Classics nun eine Box daraus gemacht: Auf den insgesamt sechs CD finden sich zudem Werke von Vincent Lübeck, Matthias Weckmann, Nicolaus Bruhns und Jan Pieterszoon Sweelinck. 

Donnerstag, 24. März 2016

Bruhns: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697) entstammte einer schleswig-hol- steinischen Musikerdynastie. Sein Großvater war Lautenist und Musik- direktor am Hofe des Gottorper Herzogs, ein Onkel war Direktor der Hamburger Ratsmusik, und sein Vater war Organist; es wird vermutet, dass er ein Schüler von Franz Tunder gewesen sein könnte. 
Beim Vater erhielt Nicolaus den ersten Unterricht. Als er 16 Jahre alt war, übernahm dann ein Onkel, der Ratsmusiker in Lübeck war, seine weitere Ausbildung insbesondere an Geige und Gambe. Bruhns soll zudem der Lieblingsschüler Dieterich Buxtehudes gewesen sein, der ihn im Orgelspiel und in Komposition unterrichtete. 
Der Musiker wirkte einige Jahre in Kopenhagen, und erhielt dann eine Stelle als Organist in Husum. Als die Stadt Kiel wenig später mit einem konkurrierenden Angebot an den Musiker herantrat, erhöhte der Stadtrat ihm erheblich die Bezüge – und Bruhns blieb. Schaut man sich seine wenigen überlieferten Werke an, so muss er sowohl auf der Geige als auch an der Orgel ein Virtuose gewesen sein. Leider starb er bereits mit 31 Jah- ren; erhalten sind ein knappes Dutzend Geistliche Konzerte und Kantaten sowie vier Orgelwerke – das Große Präludium in e-Moll, das Kleine Präludium in e-Moll, das Präludium in G-Dur, sowie die Choralfantasie über Nun komm, der Heiden Heiland. Zwei weitere Orgelwerke, ein Präludium im g-Moll sowie ein Adagio als Bruchstück aus einem Präludium in D-Dur sind ebenfalls überliefert, aber ihre Echtheit ist umstritten. 
Für die vorliegende CD hat der italienische Organist Adriano Falcioni an der Orgel der Kirche San Giorgio in Ferrara Bruhns' komplettes Orgelwerk eingespielt. Vervollständigt wird das Album durch Stücke von Jan Pieterszoon Sweelinck, Heinrich Scheidemann, Samuel Scheidt und Dieterich Buxtehude. Das ist ein interessantes Konzept, denn es macht das musikalische Umfeld deutlich, in dem Bruhns' Musik entstanden ist. 

Dienstag, 16. Juni 2015

Scheidemann: Organ Works (MDG)

Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) war der Sohn von David Scheidemann, Organist in Hamburg an der St. Katharinenkirche. Ersten Unterricht erhielt er vom Vater; an- schließend schickte die Kirchgemein- de dann den angehenden Musiker nach Amsterdam, zum Studium bei Jan Pieterszoon Sweelinck. Sie zahlte ihm dafür sogar das (üppige) Lehr- und Kostgeld, „in der Hoffnung, daß er ein braver Künstler und dereinst ihr Organist werden sollte“, so zitiert das informative Beiheft eine Quelle, die leider nicht näher bezeichnet wird. Und tatsächlich wurde Scheidemann Amtsnachfolger seines Vaters. 1663 starb er schließlich an der Pest. 
Die Werke Scheidemanns sind nur in Abschriften überliefert. Der Musik- wissenschaftler Gustav Fock hat sich in den 50er und 60er Jahren intensiv damit beschäftigt. Ihm ist es gelungen, eine Reihe zuvor unbekannter handschriftlicher Quellen aufzuspüren, so dass sich damals die Menge der bekannten Werke des Organisten verdoppelte. Fock kam zu dem Urteil, Scheidemanns Orgelwerk sei „das bedeutendste der norddeutschen Sweelinck-Schule sowohl nach Umfang und Qualität als auch in seiner stilbildenden Wirkung auf die norddeutsche Orgelmusik bis zu Buxte- hude“. Der Organist hat gleich eine ganze Reihe von Gattungen durch Innovationen bereichert. Er gilt als einer der Begründer der norddeutschen Orgelschule. Sein bedeutendster Schüler, Johann Adam Reincken, wurde auch sein Nachfolger. 
Leo van Doeselaar präsentiert eine Auswahl aus dem Werk Scheidemanns an einer Orgel, die für eine Instrumentengeneration nach jenem Niehoff-Instrument steht, an der seinerzeit Sweelinck in Amsterdam seine Schüler unterrichtet hat: Als die Orgel Begleitinstrument der singenden Gemeinde wurde, benötigte sie mehr Klangfülle. „Die erfolgreichsten ,Umgestalter' waren Vater und Sohn van Hagerbeer, die die schon vorhandenen Orgeln kraftvoller machten und die Disposition anpassten, aber dabei auf ihre Weise die Brabanter Schule fortführten“, erläutert van Doeselaar im Beiheft. Die Orgel der Pieterskerk in Leiden wurde von ihnen zwischen 1637 und 1643 errichtet, unter Benutzung vieler alter Pfeifen. Der Musiker, Titularorganist an der Pieterskerk, demonstriert, dass Scheidemanns Orgelwerke auf diesem kostbaren alten Instrument, das in Teilen sogar noch aus dem Jahre 1446 stammt, ganz hervorragend klingen. Im Anschluss führt er zudem wesentliche Register der van-Hagerbeer-Orgel vor. Sie wird übrigens bei dieser Einspielung von Balgentretern mit Luft versorgt, und nicht etwa durch ein Gebläse. Die Aufnahme ist auch akustisch, dank 2+2+2-Recording, ein Erlebnis. 

Sonntag, 15. März 2015

Schein: Ich will schweigen (Ramée)

„Violin, Viola d'amore, Viola da gamba, Viola da Spala, Englische Violet, Alto Viola, Violoncello, der grosse Contraviolon, Trompetten, Waldhorn, Flautten, Flauto Traverso, Oboe, Fagotto, Dolcian, Bombardo, Englische Horn, Clarinetten, Cembalo, Barydon, Zinken, Cornetto, und alle drey Posaunen“ – so zählte 1763 Ignaz Franz Xaver Kürzinger die Instrumente auf, die ein Stadtpfeifer nach seiner fünfjährigen Lehrzeit sämtlich zu beherrschen hatte. Zeitgenossen beklagten, im Ergebnis spielten die auf Lebenszeit angestellten städtischen Musiker letzten Endes keines dieser vielen Instrumente wirklich gut. 
Von Johann Gottfried Reiche (1667 bis 1734) lässt sich dies nicht sagen. Der Sohn eines Weißenfelser Schusters, ausgebildet im Clarinblasen, wirkte in Leipzig als Stadtpfeifer. Wie gut er sein Instrument beherrschte, das wissen wir ziemlich genau, weil Johann Sebastian Bach seine Trompetensoli für diesen Virtuosen geschaffen hat. Reiche ist auf dieser CD mit zwei eigenen Kompositionen vertreten. 
Wie die Stadtpfeifer einst geklungen haben, das demonstriert In Alto auf Nachbauten historischer Instrumente, vom Dulcian über Cornetti und diverse Posaunen bis hin zu Erzlaute und Barockgitarre sowie historischen Schlaginstrumenten. Die Auswahl einer geeigneten Orgel erwies sich als schwierig: „Considérant qu'il n'existe plus d'orgue Renaissance en Saxe et en Thuringe, nous avons dû chercher plus au Nord“, berichtet Lambert Colson, der Leiter des Ensembles. „Outre sa date de construction (1567/1625), la charactéristique décisive pour le choix de cet orgue est qu'il s'agit d'un véritable instrument de cour.“ Die Orgel von Schloss Gottorf befindet sich in der Schlosskapelle, direkt neben dem Ballsaal. Wollte der Organist nicht zur Andacht, sondern zum Tanz aufspielen, dann musste nur eine große Tür geöffnet werden. 
Es ist ein klangschönes Instrument, ohne Frage – aber was diese Aufführungssituation mit den Leipziger Stadtpfeifern zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Als Alibi jedenfalls, um neben geistlicher Musik auch Instrumentalmusik aus der Messestadt spielen zu können, wäre es nicht nötig, denn nicht nur der Adel, auch das vermögende Bürgertum wusste durchaus zu leben. Um ein lebendiges Klangbild aus jener Zeit geben zu können, hat das Ensemble In Alto ausgewählte Werke des Thomaskantors Johann Hermann Schein (1586 bis 1630) durch ansprechende Musik seiner Zeitgenossen sowie der nachfolgenden Musikergeneration ergänzt. Dabei wechseln Werke mit Singstimmen – zu hören sind in wechselnder Besetzung Alice Foccroulle und Béatrice Mayo-Felip, Sopran sowie Reinoud Van Mechelen, Tenor – mit farbenreichen Instrumentalstücken. Ergänzt wird das Programm durch Orgelmusik, wobei natürlich mit Blick auf Leipzig auch ein Werk von Johann Sebastian Bach erklingt. Insofern ist „Ich will schweigen“ als Motto dieser CD, die mit der Ramée-typischen Sorgfalt ediert worden ist, glücklicherweise nicht ganz ernst zu nehmen. 

Donnerstag, 16. Januar 2014

Scheidemann: Organ Works, Vol. 6; Brown (Naxos)

Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) gilt als Mitbegründer der Norddeutschen Orgelschule. Der Musiker war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck. 1629 wurde er der Nachfolger seines Vaters David Scheidemann als Organist an der Hamburger St.-Katharinen-Kirche. Dieses Amt behielt er bis zu seinem Tode. Sein bedeutendster Schüler, Johann Adam Reincken, wurde sein Nachfolger. 
Diese Biographie klingt unspekta- kulär – doch der Organist hat ein bedeutendes Werk geschaffen, und die Orgelmusik in Norddeutsch- land entscheidend mit geprägt. Diese Entwicklung vollzieht Organistin Julia Brown auf der vorliegenden CD teilweise nach. Sie spielt Werke, die für den Gottesdienst bestimmt waren (und teilweise den Einfluss Sweelincks noch verraten), Transkriptionen und Variationen, aber auch kleine Tanzsätze, die Scheidemann möglicherweise für seine Schüler verfasst hat. Zugleich präsentiert sie eine bedeutende Orgel, die der Orgelbauer John Brombaugh & Associates aus Eugene, Oregon/USA, 2004 in der First Prebyterian Church in Springfield, Illinois/USA, errichtet hat. Beeindruckend! 

Sonntag, 5. Dezember 2010

Baroque Christmas in Hamburg (cpo)

Im 17. Jahrhundert war Hamburg eine Musikmetropole von europä- ischem Rang. In der reichen Han- sestadt wirkten zahlreiche bedeu- tende Musiker der unterschiedlich- sten Provenienz, und sie bescher- ten dem "norddeutschen" Barock einen Farben- und Formenreich- tum, der seinesgleichen sucht.
Aus dem reichen Fundus der Organisten- und Kantorenmusik der damaligen Zeit schöpft das Bremer Barock Consort, ein Ensemble von Studierenden und Absolventen derHochschule für Künste Bremen unter Leitung von Manfred Cordes. Musiziert wird sehr achtbar und solide. So erklingen auf dieser CD Werke des Organisten Hieronymus Praetorius und seines Sohnes Jacob Praetorius, der ebenfalls in Hamburg als Organist wirkte. Er war wie Heinrich Scheidemann und Samuel Scheidt, von denen gleichfalls Werke auf dieser CD vorgestellt werden, ein Schüler des Amsterdamer "Organistenmachers" Jan Pieterszon Sweelinck. Stadtkantor Thomas Selle ist mit zwei Werken vertreten; auch sein Nachfolger Christoph Bernhard und Johann Philipp Förtsch, der als Kantoreisänger nach Hamburg kam, aber eigentlich Arzt war, werden mit prachtvollen Werken einbezogen. Auch Matthias Weckmann ist zu hören; allerdings will mich die Zuschreibung der Toccata primi toni an Bernhard nicht recht überzeugen - dieses Werk klingt gar zu typisch nach Weckmann. Die CD endet mit Christoph Bernhards Kantate Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren - eine hochkomplexe Vertonung des Nunc dimittis, die an Schütz denken lässt.
Auffällig ist, dass all diese Werke auf Pauken und Trompeten ver- zichten. Möglicherweise ist dies auf die traditionelle Zurückhaltung des Bürgertums der Hansestadt zurückzuführen, das seinen Reichtum fleißig mehrte, aber eher nicht zeigte.