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Dienstag, 19. März 2019

Glauben, lieben, hoffen (Coviello)

Glaube, Liebe, Hoffnung – Paulus preist sie in seinem Brief an die Korinther, und immer wieder haben darauf auch Musiker Bezug genommen. Das Ensemble Wunderkammer schließt sich dem an, und kombiniert auf dieser CD drei geistliche Vokalwerke des 17. Jahrhunderts mit Sonaten von Dario Castello (vor 1600 bis um 1650), die jeweils auf ihre Art das Bibelzitat ausdeuten: „Wir hören Kampf und Schlacht, Sinnlichkeit und Sehnsucht, Warten und große Feste, Jubel, Zorn“, schreiben die Musiker im Beiheft. „Für uns sind diese Sonaten eine Quelle neuer Ideen gewesen, eine Herausforderung in der Gemeinsamkeit des Ensembles. Sie erzählen die Geschichten der Vokalwerke untergründig weiter oder bereiten sie vor, sie verwandeln ihre Affekte oder kontrastieren sie.“ 
Wir hören die Klage des Königs David um seinen Sohn Absalom, der gegen den Vater in die Schlacht gezogen und dabei zu Tode gekommen ist – in den Symphoniae Sacrae I bewegend in Musik gesetzt von Heinrich Schütz (1585 bis 1672); ein Meisterwerk der Textauslegung mit musikalischen Mitteln. 
Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) ist ein ausdrucksstarkes Lamento; und während der Sänger in seinem Monolog grübelt, spiegelt auch der virtuose Violinpart die Gefühle des Verzweifelten – auch dieses Stück, geschaffen von einem Cousin von Johann Sebastian Bachs Vater, gehört zu den ganz großen Kunstwerken der Musikgeschichte. 
Christian Geist (um 1650 bis 1711) stammte aus Güstrow, und wirkte später in Kopenhagen und Stockholm. In seinem kurzen Stück Es war aber an der Stätte schildert er die Grablegung Christi. „Das Stück lässt sich modern hören als eine Umschreibung von Abwesenheit“, schreiben Sarah Perl und Peter Uehling in ihrem Begleittext: „Das Heilsgeschehen, die  Hoffnung wird nicht explizit, der Text ist buchstäblich eine ,Perikope', ,herumgeschnitten' um das Eigentliche. Gerade aber vom Abwesenden und Unbeschworenen geht ein Kraftfeld aus.“ Ein großartiges Album mit einem klugen Konzept; Hans Wijers, Bass, sowie das Ensemble Wunderkammer musizieren nicht nur hörenswert, sie ermutigen auch und regen zur Reflektion an: Das heißt auch, dass wir alle die Kraft haben zum Glauben, zum Lieben und zum Hoffen. Jederzeit und immer. Niemand kann es uns nehmen. Wir brauchen es nur zu tun.

Dienstag, 4. Dezember 2018

German Cantatas (Audax)

Die alten deutschen Kantaten sind derzeit offenbar groß in Mode. Nun hat auch Johannes Pramsohler mit seinem Ensemble Diderot eine Auswahl dieser beeindruckenden Werke eingespielt, wobei der Geiger natürlich vor allem auch Kantaten mit virtuoser Solovioline herausgesucht hat. 
Und mit der Tenorkantate Ich will in aller Not auf meinen Jesum schauen von Daniel Eberlin (1647 bis nach 1692) enthält diese CD sogar eine Weltersteinspielung – was erstaunt, denn dieses Opus bietet, urteilte Hans Joachim Moser, Herausgeber der Neuedition in der Reihe Das Erbe deutscher Musik, das anspruchsvollste Violinsolo jener Zeit überhaupt. Eberlin wirkte einige Jahre als Kapell- meister in Eisenach und in Kassel. 
In Eisenach musizierten seinerzeit auch der Geiger Johann Ambrosius Bach, der Vater von Johann Sebastian, sowie Johann Pachelbel (1653 bis 1706), auf dieser CD vertreten mit den Kantaten Christ ist erstanden und Ach Herr, wie ist meiner Feinde soviel. Johann Ambrosius' Schwager Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war Organist in Eisenach, und spielte zudem als Cembalist in der Hofkapelle. Von ihm sind einige Kompositionen überliefert; auf dieser CD erklingen Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt und Ach dass ich Wassers gnug hätte, zwei effektvolle Lamenti. 
Komplettiert wird diese Kollektion protestantischer Kantaten durch das höchst anspruchsvolle Concerto Mein Hertz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697). Er stammte aus einer schleswig-holsteinischen Musiker- dynastie, war ein Schüler Buxtehudes und wirkte in Husum; leider starb er sehr jung. Bruhns muss ein exzellenter Organist ebenso wie ein heraus- ragender Geiger gewesen sein. Und der Bassist, für den er komponierte, war ebenfalls ein erstklassiger Sänger; wer Bruhns' Werke singen will, dem jedenfalls wird einiges abverlangt. 
Nahuel Di Pierro singt mit einem wohlklingenden, samtigen und vor allem auch tiefen Bass. Zu hören sind außerdem die kanadische Mezzosoprani- stin Andrea Hill, der spanische Tenor Jorge Navarro Purves und der britische Bariton Christopher Purves. Bei dieser Einspielung zeigt sich allerdings wieder einmal, dass die alten Musikstücke mit ihrem rhetorischen Gestus durch Nicht-Muttersprachler nur schwer vorzutragen sind. Eindringlichkeit und starken Ausdruck, wie sie für diese klingenden Predigten notwendig sind, vermisst man bei dieser CD ein wenig. Aber dafür kann sich der Hörer auch bei den beiden Kantaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), der für die süddeutsch-katholische Kirchenmusik dieser Zeit steht, am hinreißend schönen Geigenspiel von Johannes Pramsohler erfreuen. 

Dienstag, 20. November 2018

Bach Family: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Die Musikerfamilie Bach, ansässig im Thüringischen und im benachbarten Franken, war weit verzweigt, und reich an Talenten. Wie reich, das zeigt diese Box, die auf sagenhaften 24 (!) CD in einzigartiger Weise kompakt einen Überblick gibt über Orgelwerke, die Mitglieder der Familie Bach komponiert haben. 
Allein auf 15 CD widmet sich Stefano Molardi dem Schaffen von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Er musiziert dabei an der Trost-Orgel der Stadtkirche Waltershausen, der Silbermann-Orgel der Katholischen Hofkirche Dresden, der Hildebrandt-Orgel der Jacobikirche Sangerhausen und der Thielemann-Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Gräfenhain. 
An der Volckland-Orgel der Cruciskirche Erfurt hat der renommierte italienische Organist auf drei CD zudem die Orgelmusiken eingespielt, die von Johann Christoph (1642 bis 1703) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) überliefert sind. Die beiden Brüder sind Söhne von Heinrich Bach (1615 bis 1692), Stammvater der sogenannten Arnstädter Linie, der wiede- rum ein Bruder von Christoph Bach (1613 bis 1661) war, dem Großvater Johann Sebastian Bachs. Johann Michael war zudem der Vater von Maria Barbara Bach, der ersten Frau des genialen Musikers. 
Orgelmusik von Heinrich Bach ist ebenfalls überliefert; Molardi spielt diese an einer modernen italienischen Orgel, die die Firma Dell'Orte e Lanzini 2003 in der Pfarrkirche S Tomaso Di Gesso in Zola Predosa errichtet hat. Die beiden CD enthalten außerdem Musik von Johann Bernhard Bach I (1676 bis 1749) und seinem Sohn Johann Ernst Bach II (1722 bis 1777), Verwandtschaft aus der Erfurter Linie. Johann Friedrich Bach (1682 bis 1730) wiederum, Bachs Amtsnachfolger in Mühlhausen, war ein Sohn von Johann Christoph Bach. Johann Lorenz Bach (1695 bis 1773), ein Urenkel von Christoph Bach, gehört zur großen Schar der Schüler Johann Sebastians. Von ihm sind einzig Präludium und Fuge in D überliefert. In diesem Teil der Edition sind zudem alle Bach-Werke enthalten, deren Zuschreibung unsicher ist. 
Die Orgelwerke der Bach-Söhne sind in dieser Box ebenfalls zu hören. Dem Schaffen Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 bis 1788) widmet sich Luca Scandali, ebenfalls an einer Orgel von Dell'Orte e Lanzini aus dem Jahre 2007, die sich in der Kirche Santa Maria Assunta von Vigliano Biellese befindet. Den wenigen Werken von Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784), die nicht verloren sind, hat Filippo Turri an einer Truhenorgel in der Abtei Santa Maria delle Carceri sowie an der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate in Padua eingespielt. 

Donnerstag, 6. September 2018

Vater unser - German Sacred Cantatas (Ricercar)

Eine Kollektion protestantischer Sakralmusik aus dem 17. Jahr- hundert hat das Ensemble Clematis auf dieser CD zusammengestellt. Die Werke entstammen überwiegend der Sammlung Düben; einige davon erklingen in Weltersteinspielung. Den Gesangspart hat der Counter- tenor Paulin Bündgen übernommen. 
Immer wieder staunt man, welch hohes Niveau doch die Kirchenmusik damals hatte. David Pohle (1624 bis 1695) und Johann Theile (1646 bis 1724) beispielsweise waren Schüler von Heinrich Schütz; ihre Werke sind nicht weniger beeindruckend als die bekannten geistlichen Konzerte von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) oder Johann Michael Bach (1648 bis 1694). Doch auch längst vergessene Komponisten wie Johann Wolf- gang Franck, der in Ansbach am Hofe und in Hamburg am Gänsemarkt-Opernhaus tätig war, der Mühlhäuser Johann Rudolph Ahle oder Heinrich Schwemmer,der als Kantor in Nürnberg an St. Sebald wirkte, überraschen mit handwerklich gelungenen, ausdrucksstarken Kompositionen. 

Montag, 27. August 2018

Cantata - yet can I hear... (Pentatone)

Was ist eine Kantate? Mit dieser Frage hat sich Bejun Mehta sehr intensiv auseinandergesetzt. Angefangen hatte alles mit einer einzigen Arie, berichtet der Sänger im Beiheft zu dieser CD: „In 2015, I stumbled upon the aria ,Yet Can I Hear That Dulcet Lay' and fell madly in love. It is simple, direct, ravishing. I knew immediately that I want to sing the aria myself, and it eventually became the first building block of the program you now hold in your hands.“ 
Der amerikanische Countertenor hat für diesen CD eine sehr persönliche Auswahl an geistlichen und weltlichen Solo-Kantaten aus der italienischen, deutschen und englischen Tradition zusammengestellt, von virtuos bis besinnlich, in großen und kleinen Besetzungen. So erklingen unter anderem Georg Friedrich Händels Kantate Mi palpita il cor HWV 132c, Johann Sebastian Bachs Kantate Ich habe genug BWV 82, Antonio Vivaldis Pianti, sospiri e dimander mercede RV 676 oder Johann Christoph Bachs berühmtes Lamento Ach, dass ich Wassers g'nug
Bejun Mehta singt phantastisch; dank seiner exzellenten Technik gelingt es ihm mühelos, Virtuosität und Ausdruck zu verbinden. Jede Phrase ist überlegt gestaltet, nichts dem Zufall überlassen. Begleitet wird der Countertenor von der Akademie für Alte Musik Berlin. Die Instrumenta- listen – hervorgehoben seien an dieser Stelle nur die Solisten Xenia Löffler, Oboe, und Christoph Huntgeburth, Traversflöte – sind ebenfalls großartig. 
Das Label Pentatone hat dieser Einspielung obendrein eine ansprechend gestaltete Box und ein ausführliches dreisprachiges Beiheft spendiert, in dem auch sämtliche Kantatentexte nachzulesen sind. Kurz und gut: Eine Edition, von der sich nur Positives berichten lässt. Meine Empfehlung! 

Samstag, 23. Dezember 2017

In dulci jubilo (Dacapo)

Vier Szenen rings um die Weihnacht hat das Ensemble Theatre of Voices ausgewählt, um sie auf dieser CD musikalisch auszugestalten: Mariä Verkündigung und Advent, die Schäfer, Christi Geburt sowie Neujahr und Epiphanias. Zu hören sind Werke von Dieterich Buxtehude und anderen Komponisten aus dem norddeutschen Raum. 
Mit diesem Album setzt das renom- mierte Ensemble um Paul Hillier die Erkundung einer Musiktradition fort, die viel Attraktives zu bieten hat. Schon im vergangenen Jahr hatten die Sänger und Musiker eine CD mit dem Titel Buxtehude and his Circle veröffentlicht, die viel Lob und Beachtung fand. In diesem Jahr haben sie weihnachtliche Musik ausgesucht. Neben Orgelmusik vom Heinrich Scheidemann, Dieterich Buxtehude und Johann Adam Reincken erklingen Kantaten, Motetten und Geistliche Konzerte von Christian Geist, Johann Christoph Bach, Franz Tunder, Dieterich Buxtehude, Matthias Weckmann und Jan Pieterszoon Sweelinck, der eigentlich eher für seine Orgelmusik sowie als Lehrer einer herausragenden Organistengeneration bekannt ist. 
Diese Stücke sind durchweg Raritäten; sie stammen aus der Musikalien- sammlung des schwedischen Hofkapellmeisters und Organisten Gustav Düben. Sein Vater war ebenfalls ein Schüler Sweelincks gewesen. Und wer keine Lust hat auf WO und Messias, der sollte sich unbedingt dieses allererste Weihnachtsalbum des Labels Dacapo besorgen – es lohnt sich! Denn es ist ein rundum prächtiges Programm, mit hohem Engagement und Sinn für Theatralik vorgetragen. Grandios! 

Sonntag, 17. Dezember 2017

Johann Michael Bach, Johann Christoph Bach - Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Bei Brilliant Classics sind auf drei
CD die vollständigen Orgelwerke Johann Michael und Johann Christoph Bachs erschienen. Diese Weltersteinspielung ist Stefano Molardi zu verdanken, der sich damit erneut als exzellenter Kenner der nord- und mitteldeutschen Orgel- schule erweist. 

Der Organist, der aus Cremona stammt, hat das Orgelwerk von Johann Sebastian Bach bereits mit Sorgfalt studiert und für Brilliant Classics vollständig eingespielt. Nun stellt er die Orgelmusik weiterer Mitglieder der Bach-Familie vor: Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) wirkte als Organist erst an der Arnstädter Schlosskapelle, dann an der Georgenkirche in Eisenach, wo er zudem als Cembalist in der Hofkapelle musizierte. Er war mit Johann Pachelbel befreundet, und gilt als der bedeutendste Komponist der weitverzweigten Musikerfamilie Bach in seiner Generation. 
Johann Michael Bach (1648 bis 1694) war zunächst Amtsnachfolger seines älteren Bruders als Organist in Arnstadt, später wurde er dann Organist und Stadtschreiber in Gehren, unweit von Ilmenau im Thüringer Wald. Er war der Vater von Maria Barbara Bach, der ersten Frau von Johann Sebastian Bach. Und die beiden Brüder waren Onkel des späteren Thomaskantors, der wiederum ihre Werke sehr schätzte. 
Ihre kunstvoll kontrapunktischen Orgelchoräle und Variationen haben den den jungen Johann Sebastian ohne Zweifel beeindruckt und geprägt. Sie sind aber weniger der norddeutschen Schule als vielmehr thüringischen Vorbildern und italienischen Traditionen in Nachfolge Frescobaldis verbunden. 
Stefano Molardi hat für diese Einspielung ein historisches Instrument ausgewählt, das sich in der Neuwerkskirche am Rande der Altstadt von Erfurt befindet, auch Cruciskirche genannt. Diese Orgel wurde in den Jahren 1732 bis 1737 von dem Erfurter Orgelbauer Franz Volckland (1696 bis 1779) angefertigt. Sie verfügt über 28 Register auf zwei Manualen und Pedal; klanglich beeindruckt sie durch einen enormen Farbenreichtum. 2000 bis 2003 wurde das Instrument durch die Potsdamer Orgelbaufirma Schuke restauriert. 

Samstag, 17. Oktober 2015

Bach: Motetten (Ricercar)

Bedeutende Musikerdynastien hat es immer wieder gegeben – allerdings sind nur wenige so bekannt geworden wie die Bachs. Das einige Werke selbst von frühen Mitgliedern dieser weitverzweigten Familie bis zum heutigen Tage erhalten geblieben sind, das liegt auch mit daran, dass schon Johann Sebastian Bach stolz auf das musikalisches Erbe seiner Ahnen war. 
Der Thomaskantor führte das von seinem Vater begonnene Altbachische Archiv fort und sorgte damit dafür, dass Zeugnisse des Wirkens seiner Familie bewahrt und überliefert wurden. Bach kannte und schätzte die Werke seiner Vorfahren. Er hat sie eigenhändig kopiert, und ließ insbesondere die Motetten immer wieder im Gottesdienst singen. Die erhaltenen Werke von Johann Bach (1604 bis 1673), Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) präsentiert Lionel Meunier mit den Vokalisten von Vox Luminis auf diesen beiden CD. 
Bei einer Motette lässt Meunier exemplarisch das Scorpio Collectief mit Zinken und Posaunen die Singstimmen colla parte mitspielen. Ansonsten werden die Sänger von der Orgel begleitet – wobei die Liste der Organisten, die sich bei diesem Projekt abgewechselt haben, lang und beeindruckend ist: Mitgewirkt haben David Van Bouwel, Haru Kitamika, Claudio Ribeiro und Masato Suzuki. 
Die Vokalisten des Ensembles Vox Luminis beeindrucken mit ihrer intelligenten musikalischen Textauslegung und ihrer vorzüglichen Interpretation jener frühen Werke der Bach-Familie: Johann Bach wirkte als Organist in Schweinfurt und Erfurt, und war wohl der erste Kirchen- musiker der Familie Bach. Drei Begräbnismotetten sind von ihm bekannt, und hier zu hören. Er hatte zwei Brüder, Christoph und Heinrich. Christoph Bach war der Vater von Ambrosius Bach und somit der Großvater von Johann Sebastian Bach. Heinrich Bach hatte zwei Söhne, Johann Christoph und Johann Michael – ihre überlieferten Werke erklingen ebenfalls komplett auf den zwei CD. Gruppiert wurden sie den Anlässen folgend, für die sie geschaffen wurden. Die musikhistorisch-theologischen Zusammenhänge erläutert übrigens Produzent Jérôme Lejeune höchst- selbst im Beiheft mit einem klugen Kommentar – was deutlich zeigt, welchen Rang diese Aufnahmen auch für das Label haben. 

Montag, 12. Oktober 2015

Abendmusik (Brilliant Classics)

Die Tradition der Abendmusiken entstand in Lübeck. Begründet wurde sie von Franz Tunder (1614 bis 1667), dem Organisten an der Marienkirche. Entstanden ist diese besondere Form des Konzertes aus einer Orgelmusik, die Tunder ab 1646 für die „Commer- zierenden Zünfte“ spielte, bevor diese zur Börse in das nebenan gelegene Rathaus gingen. Später erweiterte Tunder die Besetzung dann um Sing- stimmen und Violinen. 
Tunders Nachfolger Dieterich Buxte- hude übernahm die Abendmusiken und baute diese Konzertreihe weiter aus. So wurden auf seinen Wunsch hin sogar Sängeremporen eingebaut, damit Chor und Orchester ausreichend Platz hatten. Bis zu 80 Musiker wirkten damals an diesen Konzerten mit. 
Leider ist von den Werken, die Buxtehude für die Abendmusiken geschaffen hat, offenbar kein einziges überliefert worden. Sie sollen eher Oratorien als Kantaten geähnelt haben. Die Zuhörer jedenfalls waren sehr beeindruckt, und so gab es bald auch in anderen Städten ähnliche Veranstaltungen. 
Ein Programm mit Kantaten aus jenen frühen Tagen der protestantischen Kirchenmusik hat nun Brilliant Classics vorgelegt. Zu hören ist Bassbari- ton Mario Borgioni – eine wundervolle, ausdrucksstarke Stimme mit satter Tiefe – gemeinsam mit dem italienischen „Alte“-Musik-Ensemble Accademia Hermans. Es erklingen ausgewählte Vokalwerke von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703), Franz Tunder, Matthias Weckmann (um 1616 bis 1674), Johann Rosenmüller (1619 bis 1684), und  Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), Buxtehudes Lieblingsschüler, sowie Instrumentalmusik von Johann Philipp Krieger (1649 bis 1725) und dem Hamburger Rats- musiker Johann Schop (1660 bis 1741). Die Aufnahmen entstanden im April 2014 in der Stiftskirche von Santa Maria Maggiore im italienischen Collescipoli.

Samstag, 5. Januar 2013

Bach - Böhm: Music for weddings and other festivities (Ricercar)

"Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang" - dieser Ausspruch wird keinem geringeren zuge- schrieben als dem Reformator Martin Luther. So wird es nicht verblüffen, dass auch die große Musikerfamilie Bach, wo sie Ursache dazu hatte, offenbar gern gefeiert hat.  
Bach-Biograph Johann Nikolaus Forkel schreibt, dass ihm die beiden ältesten Söhne des Thomas- kantors berichtet hätten, die Familie Bach habe die Angewohnheit, sich einmal im Jahr vollzählig zu versammeln. "Da die Gesellschaft aus lauter Cantoren, Organisten und Stadtmusikanten bestand, die sämmtlich mit der Kirche zu thun hatten, und es überhaupt damahls noch eine Gewohnheit war, alle Dinge mit Religion anzufangen, so wurde, wenn sie versammelt waren, zuerst ein Choral angestimmt", so Forkel. "Von diesem andächtigen Anfang gingen sie zu Scherzen über, die häufig sehr gegen denselben abstachen. Sie sangen nemlich nun Volkslieder, theils von possierlichem, theils auch von schlüpfri- gem Inhalt zugleich miteinander aus dem Stegreif so, daß zwar die verschiedenen extemporierten Stimmen eine Art von Harmonie ausmachten, die Texte aber in jeder Stimme andern Inhalts waren. Sie nannten diese Art von extemporierter Zusammenstimmung Quodlibet, und konnten nicht nur selbst recht von ganztem Herzen dabey lachen, sondern erregten auch ein eben so herzliches und unwiderstehliches Lachen bey jedem, der sie hörte."
Als Beispiel für ein solches Quodlibet erklingt zum Abschluss dieser CD BWV 524 - mit einer Fülle von Scherzen und Anspielungen, die uns heute nicht mehr alle verständlich sind, aber doch beweisen, wie ausgelassen im Hause Bach einst gefeiert und gestichelt worden ist. Denn der zentrale Punkt dieses Werkes ist ein Backtrog, den ein Abkömmling der Musikerfamilie einst versuchsweise anstelle eines Schiffes genutzt haben muss - was wohl mit einem Bad im Teich endete. Und wer den Schaden hatte, der braucht hier um Spott nicht zu sorgen. 
Das Quodlibet ist leider als Fragment überliefert; es fehlen die ersten und die letzten beiden Seiten. Leonardo García Alarcón und die Mitglieder des Ensembles Clematis haben dieses wenig bekannte Werk dennoch mit Wonne zelebriert - und gleich noch um ein weiteres Zitat bereichert, das aus den Goldberg-Variationen stammt, und ebenfalls ein Quodlibet ist. Die Sänger und Musiker haben für diese CD auch noch weitere Werke herausgesucht, die bei großen Familienfesten der Bachs erklungen sein könnten. Als Hochzeitsmusik für seine eigene Feier 1679 komponierte beispielsweise der Eisenacher Organist Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) die Kantate Meine Freundin, du bist schön
Kurios ist auch die Geschichte der Hochzeitskantate Der Herr denket an uns BWV 196. Als Pastor Lorenz Stauber  im Jahre 1707 in der Kirche zu Dornheim Johann Sebastian und Maria Barbara Bach traute, war unter den Hochzeitsgästen die Schwester der Brautmutter. Sie muss den verwitweten Pfarrer schwer beeindruckt haben; im Juni 1708 heiratete das Paar - und Bach schrieb für den Traugottesdienst eine seiner ersten Kantaten. Was von ihr überliefert ist, das findet sich ebenfalls auf dieser CD. 
Georg Böhm (1661 bis 1733) stammte aus Thüringen, und wirkte später als Organist in Lüneburg. Dort verbrachte Johann Sebastian Bach seine letzten Schuljahre. Er war sogenannter Mettenschüler am Michaeliskloster; er musste also kein Schulgeld bezahlen, war aber im Gegenzug verpflichtet, als Chorsänger Dienst zu tun. In der Lüne- burger Residenz des Herzogs Georg Wilhelm konnte der junge Bach die Hofkapelle hören, die den französischen Stil pflegte. Auch lief er große Strecken zu Fuß, um namhafte Organisten spielen zu hören. Möglicherweise hat Böhm den Gymnasiasten im Orgelspiel unter- wiesen. Eines der wenigen Werke für Singstimmen, das von Böhm überliefert ist, eröffnet diese CD. Es ist ein geistliches Konzert über das Hohelied, Mein Freund ist mein, aber es hat mehr mystischen als weltlichen Bezug. Insofern fällt dieses Stück etwas aus dem Rahmen. Das dieses beeindruckende Werk durch die Bach-Familie aufgeführt worden ist, das erscheint nicht sehr wahrscheinlich. 
Die Sänger und Musiker von Clematis widmen sich den Raritäten aus der Bach-Zeit mit Hingabe und Sachkenntnis. Das Ensemble, das von Leonardo García Alarcón am Cembalo geleitet wird, musiziert sehr hörenswert und ergänzt durch dieses Album das Bild der Bach-Familie um einen spannenden Aspekt. 


Montag, 12. November 2012

Johann Christoph Bach: Arie variate & Lamenti (Etcetera)

"Dies ist der große und ausdrük- kende Componist", notierte Carl Philipp Emanuel Bach über seinen Vorfahren. Und der Jenaer Musiker Johann Jakob Syrbius berichtet, Johann Christoph Bach sei nicht nur ein "recht Miracul von einem Organisten", ihn habe auch beispielsweise Johann Pachelbel "über 1000 andere aestimiret".
Wer die vorliegende CD angehört hat, der wird ihm darin zustimmen. Sie gibt Einblick in das schmale überlieferte Werk des Komponisten. Die zwei Arie variate und eine Sarabanda variata sowie die Lamenti Ach, dass ich Wassers gnug hätte und Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt lassen aufhorchen. Johann Christoph Bach, der als Organist in Eisenach wirkte, verstand offenbar sein Handwerk - und hatte kühne musikalische Ideen, die bis zum heutigen Tage begeistern.
Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war der Sohn des Arnstädter Organisten Heinrich Bach. An Tasteninstrumenten dürfte ihn sein Vater unterrichtet haben; es wird zudem vermutet, das ihn im Fach Komposition Kantor Jonas de Fletin unterwiesen hat, ein Schüler von Heinrich Schütz. 1663 wurde Johann Christoph Bach Organist der Schlosskapelle in der thüringischen Residenzstadt; zwei Jahre später ging er als Stadtorganist nach Eisenach. 1667 heiratete er er eine Arnstädter Bürgertochter. Das Paar hatte sieben Kinder; die vier Söhne wurden durchweg Organisten. Die Eisenacher Georgenkirche verdankte Johann Christoph Bach, der die Disposition erarbeitete und sich viele Jahre für den Neubau einsetzte, eine beeindruckende Orgel. Das Instrument, das lange das größte in Thüringen war, wurde von 1697 bis 1707 durch Georg Christoph Stertzing erbaut. Hinter dem Prospekt befindet sich heute eine Schuke-Orgel aus dem Jahre 1982.
Mario Martinoli spielt die Variationenwerke Johann Christoph Bachs auf einem Cembalo aus der Werkstatt von Keith Hill, Manchester /Michigan. Dabei handelt es sich um die Kopie eines Instrumentes des Amsterdamer Clavierbauers Johannes Bull aus dem Jahre 1765. Sein Klang passt exzellent zu den überwiegend ziemlich brillanten Variationen, die vom hohen Stand der Cembalo-Musik seinerzeit in Mitteldeutschland zeugen. 
Die beiden Lamenti für Solo-Gesang, Solo-Violine und begleitendes Gambenconsort erinnern in ihrer deklamatorischen Eindringlichkeit, die in erster Linie die Auslegung der biblischen Texte mit den Mitteln der Musik zum Ziel hat, an Werke von Heinrich Schütz. Es ist, insbe- sondere in dem Lamento für Bass, schier unglaublich, wie ausdrucks- stark Bach diese Musik gelungen ist. Ingrid Alexandre, Mezzosopran, und Salvo Vitale, Bass, gestalten im Dialog mit der Violine von Anais Chen ergreifende Klagegesänge. Das Ensemble Il Concerto delle Viole bettet gemeinsam mit Martinoli die kunstvolle Klage in einen archaisch wirkenden Teppich aus Gamben- und Orgelklängen ein. Das ist grandiose Musik, die neugierig macht auf ähnliche Entdeckungen - aber vielleicht finden sich ja im Laufe der Zeit in Archiven doch noch Werke des Thüringer Komponisten.