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Dienstag, 4. Januar 2022

Christopher Tye: Complete Consort Music (Linn Records)

 

„Sing ye trew & care not, for I am trew, feare not“ – so notierte Christopher Tye in seinen Noten. Der Renaissancekomponist, geboren um 1505 und gestorben 1573, gehörte in einer schwierigen Zeit zu den führenden Komponisten geistlicher Vokalmusik. Denn er erlebte vier Herrscher, die jeweils einem anderen christlichen Glauben frönten, und diesen ebenfalls von ihrem Volk einforderten – notfalls mit Schwert und Scheiterhaufen. 

Das preisgekrönte Consort Phantasm allerdings widmet sich mit dieser Einspielung den Instrumentalkompositionen Tyes. Seine Werke, die zu den frühesten überlieferten Beispielen für Kammermusik gehören, haben es durchaus in sich. Ein gutes Beispiel dafür gibt Trust (wer will, kann hier in die Noten schauen); dieses Stück aus den 21 In nomines trägt seinen Namen, wie jedermann beim Blick in diese Partitur bald erkennen wird, sehr zu recht. 

Auch in Sit Fast – obwohl das Stück nur dreistimmig ist und auf den ersten Blick gar nicht so schwierig aussieht – werden die rhythmischen Fähigkeiten der Musiker durch die schwindelerregende metrische Komplexität auf Herz und Nieren geprüft. Das oben angeführte Zitat darf man also durchaus ernst nehmen. 

Das Consort Phantasm navigiert gekonnt und mit Spielfreude durch die mitunter derben musikalischen Scherze des Engländers. Enormes Hörvergnügen, meine unbedingte Empfehlung! 


Dienstag, 31. Dezember 2019

Handel: Apollo e Dafne (Linn)

Apollo e Dafne, eine Kantate von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759), komponiert von diesem bei seinem Aufenthalt in Italien, steht im Mittelpunkt dieser CD. Das Ensemble Marsyas unter Leitung von Peter Whelan kombinierte sie mit der Ouvertüre zu Il pastor fido und einigen weiteren, eher selten gespielten, Musikstücken des Komponisten. Gesangssolisten sind Mhairi Lawson, Sopran, und Callum Thorpe, Bass.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

One Byrde in Hande (Linn)

Überwältigend schön ist auch diese CD mit Cembalomusik des britischen Komponisten William Byrd (vermutlich 1543 bis 1623). Nicht umsonst gilt er als ein bedeutender Musiker der Insel zu Zeiten William Shakespeares. 
Byrd wirkte ebenso wie Thomas Tallis als Organist an der Chapel Royal in London; zu seinen Schülern zählen Thomas Tomkins und Thomas Morley. Auch wenn er vor allem durch seine Chorwerke bis zum heutigen Tage bekannt und geschätzt ist, so zeigt sich gerade in den oft sehr kurzen Stücken, die er für das Tasteninstrument schuf, wie originell und innovativ Byrd dachte. 
Richard Egarr, Klassikfreunden bislang vor allem als Dirigent präsent, hat sich dieser musikalischen Schätze angenommen. Er spielt Byrds Werke mit großer Sorgfalt und auch mit sehr viel britischem Humor – und erweist sich dabei, ganz nebenbei, als ein brillanter Cembalist. Eine der schönsten Einspielungen dieses Jahres! 

Montag, 30. Juli 2018

Gabrieli for Brass (Linn Records)

An wohl keinem anderen Ort der Welt wurde im 16. Jahrhundert so prächtig musiziert wie in Venedig. Andrea und Giovanni Gabrieli, Organisten am Markusdom, nutzten die Architektur dazu geschickt aus, indem sie Chöre von Sängern und Musikern im Gebäude verteilten. Damit erzielten sie Klangeffekte, die das Publikum sehr beeindruckten.  
Dass das mehrchörige Musizieren noch immer attraktiv ist, beweist diese CD, die Studierende der Royal Academy of Music und der Juilliard School gemeinsam eingespielt haben. Es ist erstaunlich, wie viele Blechbläser diese beiden renommierten Musikhochschulen aufzubieten haben; dass die angehenden Musiker auf höchstem Niveau agieren, darf man voraussetzen. 
Unter Leitung von Reinhold Friedrich, Visiting Professor of Trumpet an der Royal Academy of Music, haben die Trompeter und Posaunisten, unterstützt durch Benedict Williams an der Orgel, die Werke Gabrielis und seiner Zeitgenossen sorgsam studiert. Mit ihren modernen Instrumenten können sie zwar den Klang der Renaissance-Originale nicht imitieren. Aber sie können die musikalische Rhetorik und die Verzierungspraxis jener Zeit nachvollziehen, und sie können mitteltönig statt temperiert spielen. Das Ergebnis hätte auch den Venezianern gefallen. Was für ein Glanz! Ein derart leistungsstarkes Blechbläserensemble war seinerzeit wohl nicht einmal am Kaiserhof zu hören. 

Sonntag, 17. Dezember 2017

A Christmas Festival (Linn)

Eine Auswahl an populären Melodien haben das Royal Scottish National Orchestra und sein Junior Chorus für die diesjährige Weihnachtssaison zusammengestellt. Mit diesem Weihnachtsprogramm gestalten die Musiker und die jungen Sänger in verschiedenen schottischen Städten zwölf ebenso festliche wie fröhliche Konzerte, die beim Publikum sehr beliebt sind. Im RNSO Junior Chorus singen 400 (!) Kinder und Jugendliche vom siebenten bis zum 18. Lebensjahr. Entsprechend bunt sind die Programme der Konzerte, die buchstäblich für die ganze Familie etwas bieten sollen. So erklingen altbekannte Evergreens wie Jingle Bells oder der Schneewalzer neben modernen Melodien; die Arrangements sind charmant bis pathetisch. Die Weihnachtskonzerte des RNSO, die zu den Highlights im schottischen Adventskalender zählen, dirigiert und moderiert seit mehr als 25 Jahren Chorleiter Christopher Bell. 

Donnerstag, 30. März 2017

Mozart: Divertimenti (Linn)

Zwar sind es „nur“ Gelegenheits- kompositionen, aber dennoch sind die Bläser-Divertimenti von Wolf- gang Amadeus Mozart mit das Schönste, was er jemals geschrieben hat. In ihnen verknüpft er erstklas- sige Unterhaltung, für die Zuhörer, mit faszinierender musikalischer Substanz; die Bläser, für die diese Werke einst entstanden sind, müssen ihre Instrumente virtuos beherrscht haben. 
Das lässt sich auch von den Scottish Chamber Orchestra Wind Soloists sagen, die Mozarts Divertimenti KV 253, 270, 252/240a und 240 sowie die Serenade KV 375 nun kunstfertig eingespielt haben. Maximiliano Martín und William Stafford, Klarinette, Alec Frank-Gemmill und Harry Johnstone, Horn, sowie Peter Whelan und Alison Green, Fagott, musizieren schwungvoll, lebendig und phantastisch aufeinander abgestimmt. Die Super Audio CD, die bei dem schottischen Hifi-Label Linn erschienen ist, begeistert zudem mit einem wunderbar transparenten Klang. Unbedingt anhören! 

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Bach: Christmas Oratorio (Linn)

Der Eingangschor des Weihnachts- oratoriums von Johann Sebastian Bach, mit Pauken und Trompeten, wird typischerweise von einem großen Chor gesungen. Kantoreien landauf, landab üben lange daran, vor allem auch an den Koloraturen. „Jauchzet, frohlocket?“ – naja, letztendlich ist der Zuhörer oftmals froh, wenn die Massen ohne größere Verluste an musikalischer Substanz über die gesangstechnischen Klippen gelangt sind, die Bach da aufgetürmt hat. 
John Butt hat Bachs originale Noten sorgsam studiert, und dann beschlossen, das Weihnachtsoratorium mit seinem Dunedin Consort gänzlich anders aufzuführen: Auf dieser CD wird alles von Solisten gesungen. „First, I have assumed a corpus of eight ,expert' singers who shared out the unusually protracted task of singing six cantatas over the short period between Christmas and Epiphany“, erläutert Butt im Beiheft. „Therefore, ohne group of four sings three oft the parts (Parts 1, 3 and 6) and the other group remainder (Parts 2, 4 and 5). For the three parts with trumpets (Parts 1, 3 and 6) I have added ripie- nists to the choruses and chorales (sometimes differentiating between tutti and solo when the texture seems to call for it, just as Bach seems to have done when he provided ripieno parts).
Ebenso differenziert gestaltet Butt auch die Tempi; so geht er in den Ein- gangschor längst nicht so rasant wie viele seiner Kollegen – was aber den Sängern erlaubt, Bachs Verzierungen wirklich auszusingen. Das Solisten- quartett ist in den Chören, auch in denen ohne Ripienisten, sehr präsent und gut über das Orchester hinweg zu hören, das von John Butt vom Cembalo aus geleitet wird. Die schlanke Besetzung hat hier große Vorzüge – so transparent jedenfalls habe ich die Chöre noch nie gehört. Die Auf- nahme zeichnet sich generell aus durch ein heiter-beschwingtes Musizie- ren, das aber nie plump und oberflächlich wird. Sehr gut ausbalanciert, wohldurchdacht, und insgesamt sehr hörenswert! 

Samstag, 5. November 2016

Telemann: Recorder Sonatas & Fantasies; Thorby (Linn)

„I am full of admiration for the warmth and conviviality of Tele- mann's writing, the easy beauty of his melodies, and the knowing playfulness and ingenuity, across many national styles, that lovingly and effortlessly pervade his structu- ral and rhetorical compositional devices“, schreibt Pamela Torby im Geleitwort zu dieser Doppel-CD. Sie hat eine Auswahl an Sonaten sowie die Fantasien für Flöte solo von Georg Philipp Telemann eingespielt. 
„I am lucky to be living in a new century that has seen a third golden age – after the Renaissance and Baroque – of recorder instrument-making and playing“, merkt die britische Flötistin an. „So I have seized the moment to record the fantasias on a wide range of recorders of many sizes, instruments known to players in the eighteenth century but only recently again perfected by modern makers. As an alternative to playing the set on a single instrument, I have tried to adopt an overarching progression of keys and recorders whose character, I felt, complemented each fantasia by turn (the original keys are in brackets).“ So groß ist die Vielfalt dann freilich nicht – es erklingen drei Altblockflöten, angefertigt von Luca de Paolis nach Denner und Bressan, sowie von Frederick Morgan nach Bressan/Stanesby, und zwei Voice-Flöten von Luca de Paolis nach Denner und Bressan. 
Auch sonst lässt diese Aufnahme ein wenig Abwechslung und vor allem Esprit vermissen. Auch in den Sonaten, wo Pamela Thorby gemeinsam mit Peter Whelan, Fagott, Alison McGillivray, Violoncello), Elizabeth Kenny, Laute und Gitarre, und Marcin Świątkiewicz, Cembalo und Orgel, musi- ziert, klingt alles sehr brav und ein bisschen langweilig. Das hat Telemann so nicht verdient. 

Montag, 31. Oktober 2016

The Proud Bassoon (Linn)

„What does the bassoon have to be proud of? After all, isn't it the clown of the orchestra? It is too easy for caricatures like the goofy lumbering theme in Dukas' Sorcerer's Apprentice and the grandfather in Prokofiev's Peter and the Wolf to override the more serious aspects of the bassoon's musical persona“, so kommentiert das Beiheft diese Aufnahme. „These images colour our perception of the eighteenth-century bassoon, which had every right to claim the epithet ,proud'.“ 
Auf dieser CD beweist Fagottist Peter Whelan, tatkräftig und klangschön unterstützt vom Ensemble Marsyas, dass sein Instrument durchaus auch für sehr anspruchsvolle Solo-Partien geschaffen worden ist. Dazu hat er ein Programm zusammengestellt, das von Les Gentils Airs – ou Airs Connus, ajustée en duo, pour basson seul accompagné d'un clavecin, zusammengestellt in Paris von den Gebrüdern Leclerc, bis hin zu Eileen Aroon with variations set by Mr. (Matthew) Dubourg (1707 bis 1767), einem Geiger aus Dublin, reicht. Zu hören sind zudem ein Konzert von François Couperin (1668 bis 1733) und Sonaten für das Fagott von Joseph Bodin de Boismortier (1685 bis 1755), Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758) und Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). 
Es sind sehr unterschiedliche Werke, entstanden für die Hofmusik, die Oper oder den häuslichen Gebrauch – doch sie geben Peter Whelan Gelegenheit, zu demonstrieren, wie virtuos man auf dem Barockfagott musizieren kann – das als eher schwierig gilt. Whelan spielt phänomenal, durch alle Register, und dabei zeigt er auch, welche tollen Klangfarben es zu bieten hat – das stolze Fagott. 

Freitag, 30. September 2016

Dowland: Lachrimae or Seven Tears (Linn)

Musik für Gambenconsort? Da führt kein Weg an dem britischen Ensem- ble Phantasm vorbei. Das Quintett, gegründet und geleitet von Laurence Dreyfus, hat mittlerweile etliche Einspielungen vorgelegt. Dafür wird die Besetzung bei Bedarf erweitert. So hat Phantasm 2009, unter Mitwir- kung von Wendy Gillespie, die Consort-Musik von John Ward (1571 bis 1639) für fünf und sechs Gamben eingespielt. Diese spektakuläre Aufnahme ist erst kürzlich bei Linn Records wiederveröffentlicht worden. 
Im vergangenen Jahr publizierte das Ensemble The Royal Consort von William Lawes (1602 bis 1645). Er war der Sohn eines Kantors, und stand im Dienst König Charles I. Sein Royal Consort ist auf dieser Doppel-CD in der Version für Gamben und Theorbe erstmals vollständig zu hören. Einige der Setts verlangen im Continuo „to the Organ“. Den Orgelpart übernahm Daniel Hyde, die Theorbe spielt Elizabeth Kenny, und die sechste Gambe ergänzt, wo erforderlich, Emily Ashton. Zur Qualität dieser Aufnahme fällt mir nur ein Wort ein: Hin- reißend! 
Ähnlich gelungen ist auch das jüngste Album des Ensembles, Lachrimae or Seven Tears, das sich dem Ausdruck der Melancholie in der Musik John Dowlands widmet. Diese Klagegesänge sind unbeschreiblich; schöner kann man wohl nicht trauern – und Phantasm musiziert gemeinsam mit Elizabeth Kenny, Theorbe, in einer solchen Ausdrucksstärke und Homo- genität, dass man nur staunen kann. Unbedingt anhören!

Samstag, 23. Juli 2016

Mozart: Gran Partita (Linn)

Die Serenade KV 361 von Wolfgang Amadeus Mozart, besser bekannt als Gran Partita, hat das Royal Academy of Music Soloists Ensemble unter Trevor Pinnock eingespielt. Das Programm wird ergänzt durch das Notturno Nr. 8 in G-Dur, Hob. II:27 von Joseph Haydn. Beide Stücke sind, wenn man so will, gehobene Unter- haltungsmusik für eine Gesellschaft, die sich im Freien versammelt – im Schlosspark beispielsweise. Und so locker werden sie durch das Solisten- ensemble der Londoner Musikhoch- schule auch musiziert; allerdings halte ich die Wahl der Tempi nicht durchweg für gelungen.

Sonntag, 7. Februar 2016

Silver Bow (Linn)

In früheren Jahrhunderten war die Entscheidung für eine Besetzung einfach: Es spielten die Instrumente, die vorhanden waren, so, wie es zu den jeweils erforderlichen Stimmen passte. Innovationen, wie die Erfin- dung der Traversflöte, und modische Trends, wie die Einführung der „höfischen“ Geige auch ins bürger- liche Musikleben, wo die Violine einst den Zink aufs Altenteil schickte, veränderten die Zusammensetzung des Ensembles. Doch erst im Spät- barock entstanden die ersten Partien mehr oder minder speziell für ein Instrument. Und noch die Romantiker gaben, freilich vor allem auf Drängen ihrer Musikverleger, Besetzungsalternativen an. 
Insofern ist es kein Tabubruch, wenn eine Flötistin Werke spielt, die für die Violine geschrieben worden sind. „My reason for recording this selection of repertoire is a desire to offer a new perspective on familiar composi- tions“, erläutert Katherine Bryan im Beiheft zu dieser CD. „Today the modern flute is able to transport its listeners through many emotions, evoking numerous sound colours and nuances, and is capable of speaking above an orchestra. I feel that primarly, I am a musician rather than a flautist, and most importantly, I see my instrument simply as a vehicle through which to interpret music.“ 
Das gelingt Bryan sehr beeindruckend. Sie startet mit Ralph Vaughan Williams' The Lark Ascending – und falls tatsächlich jemand dieses Werk nicht kennt, dann dürfte er denken, nachdem er ihre Interpretation gehört hat, es sei für die Flöte entstanden. Exzellent gelungen erklingen auch musikalische Evergreens wie Introduction et Rondo capriccioso op. 28 und Romanze op. 37 von Camille Saint-Saens, die Serenade Nr. 1 von Frantisek Drdla, Liebesleid von Fritz Kreisler, oder aber die unvermeidliche Meditation aus Thais von Jules Massenet. Zu hören sind zudem Caprice Nr. 24 von Niccolo Paganini, und die Zigeunerweisen op. 20 von Pablo de Sarasate. Bei den meisten Stücken musiziert Katherine Bryan gemeinsam mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Jac van Steen. 
Sämtliche Transkriptionen und Bearbeitungen der Violinstimmen für die Flöte hat die Solistin selbst vorgenommen. Dabei ist ihr sogar eine Ent- deckung gelungen: Die Romanze vom Dmitri Schostakowitsch stammt aus einer Suite mit Musik zu dem Film Die Pferdebremse. Dieses Stück ist wenig bekannt, es hat mit seiner herrlichen Kantilene aber eigentlich das Zeug zum Wunschkonzert-Hit. Und man wird feststellen, dass die Flöte bei den allermeisten Werken auf dieser CD durchaus eine interessante Alternative zur Violine bieten kann – wenn sie denn so virtuos gespielt wird, wie in diesem Falle. Katherine Bryan musiziert höchst durchdacht und präzise, und mit farbenreichem, wandelbaren Ton, stets und in jeder Lage kontrolliert und auf den Punkt. Hörenswert! 

Montag, 14. Dezember 2015

Bach: Magnificat (Linn)

An eine Rekonstruktion der ersten Vesper, die in der Verantwortung des neuen Thomaskantors Johann Sebastian Bach am 25. Dezember 1723 in der Leipziger Nikolaikirche gefeiert wurde, hat sich das Dunedin Consort unter John Butt gewagt. Die meisten Stücke, die nach Ansicht von Musikwissenschaftlern zu diesem Anlass erklungen sind, lässt das En- semble nun auf dieser CD erklingen. Das Orgelvorspiel Vom Himmel kam BWV 607 und die liturgischen Gesänge um Kollekte und Segen kann sich, wer das möchte, ergänzend von der Webseite des Labels herunterladen. 
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll. 
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört. 

Dienstag, 13. Oktober 2015

Monteverdi: Il Ritorno d'Ulisse in Patria (Linn)

Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) wurde in Cremona geboren. Sein Vater, ein Barbier und Wundarzt, ermöglichte ihm die Ausbildung bei Marco Antonio Ingegnere,  maestro di cappella an der dortigen Kathe- drale. 1590 trat Monteverdi in Man- tua in die Hofkapelle des Herzogs Vincenco I. Gonzaga ein, zunächst als Sänger und Violinist; 1601 wurde er Kapellmeister. Er komponierte viel, so veröffentlichte er einige Madrigal- bücher. 1607 schrieb Monteverdi für seinen Dienstherrn L'Orfeo, eine der ersten Opern überhaupt. Sie wurde während des Karnevals in Mantua aufgeführt und erregte großes Aufsehen. Nach dem Tode des Herzogs 1612 musste sich Monteverdi eine neue Anstellung suchen. 1613 wurde er schließlich Kapellmeister des Markus- domes in Venedig. 
Insgesamt hat Monteverdi mindestens 18 Opern komponiert; von den meisten ist uns allerdings heute nur noch der Titel bekannt. Halbwegs vollständig überliefert sind neben L'Orfeo nur L'Incoronazione di Poppea und Il Ritorno d'Ulisse in Patria. Aufnahmen dieser Werke gibt es mittlerweile in erstaunlich großer Zahl. Nun ist der Ulisse bei Linn erstmals im Surround-Sound auf SACD erschienen, eingespielt mit einer großen Schar junger Sänger vom Ensemble Boston Baroque unter Leitung von Martin Pearlman. 
Das umfangreiche Beiheft enthält unter anderem Informationen zu Text und Handlung der Oper. In einem langen Begleittext diskutiert Pearlman allerdings auch die gewählte Version, die von altbekannten Varianten mitunter deutlich abweicht. So grübelt Pearlman, ob nun das Libretto oder die einzige überlieferte Abschrift näher am Original sind, und wie denn die Musik seinerzeit überhaupt geklungen haben könnte – denn die Abschrift enthält zumeist nur die Gesangsstimme und die Basslinie der Begleitung. „To have the ensemble sit silent for over 90% of the opera would have been artistically and financially wasteful in the seventeenth century as it is in the twenty-first“, meint der Kapellmeister, und ergänzt fehlende Orchesterparts. Eine eigenständige, interessante Fassung, die so manches spannende Detail hörbar werden lässt. 

Montag, 8. Dezember 2014

Fasch: Quartets and Concertos (Linn)

Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758) gehört ohne Zweifel zu jenen Komponisten, die bislang noch nicht so wahrgenommen werden, wie sie es verdient hätten. Die Werke des Mu- sikers, der ab 1722 als Hofkapell- meister in Zerbst angestellt war, wurden von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt. Obwohl nur ein Teil seines Schaffens überliefert ist, halten die Archive doch noch manche Über- raschung bereit. 
So hat das Ensemble Marsyas kürz- lich bei Linn Records eine CD mit Quartetten und Konzerten des Komponisten vorgelegt. Diese rundum gelungene Einspielung überwältigt mit bezaubernden Klangfarben, die Fasch in vielen Schattierungen einzu- setzen wusste. Der Hofkapellmeister setzte dazu auch die Instrumente in abwechslungsreichen Kombinationen ein. Neben den traditionellen Instrumenten höfischer Virtuosen der damaligen Zeit, wie Geigen, Gamben oder (Block-)Flöten, verwendete Fasch auch Innovationen wie Oboe und Fagott. So enthält diese CD ein wundervolles Quartett für Horn, Oboe, Violine und Continuo. Andere Quartette besetzte Fasch sogar mit zwei Oboen, obligatem Fagott und Continuo. Doch auch die Blockflöte bedachte er mit hörenswerten Partien. 
Das Ensemble Marsyas, unterstützt durch Pamela Thorby, Blockflöte, und Peter Whelan, Fagott, musiziert mit Präzision und Hingabe. Die Musiker beeindrucken durch die Feinfühligkeit, mit der sie diese musikalischen Juwelen zum Leuchten und Funkeln bringen. Eine der schönsten CD des Jahres! 

Samstag, 25. Januar 2014

Mozart: Divertimento K.334 & Oboe Quartet K.370 (Linn)

Im Jahre 1777 lernte Wolfgang Amadeus Mozart in Mannheim den Oboisten Friedrich Ramm kennen. Der Komponist war ziemlich beeindruckt von den technischen Fertigkeiten des Musikers und von der Schönheit seines Tones. Bald waren die beiden befreundet, und Mozart schrieb für Ramm unter anderem das Quartett für Oboe, Violine, Viola und Violoncello in F-Dur KV 370. Dieses Quartett sowie das Divertimento Nr. 17 in D-Dur KV 334, ergänzt um den Marsch KV 445, hat das Scottish Chamber Orchestra unter Leitung seines Konzertmeisters Alexander Janiczek bei Linn vorgelegt. Das SCO musiziert mit erfreulicher Klarheit und Durchhörbarkeit. Selbst das Divertimento wird so zu Kammermusik, sehr fein ziseliert und mit Esprit vorgetragen. 

Donnerstag, 2. Januar 2014

Zelenka: Sonatas (Linn)

Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) war im Umgang mit Klangfarben ein Meister. Das zeigt auch diese CD mit Instrumental- musik des Musikers, der am Dresdner Hof erst Violone bzw. Kontrabass spielte, später dann zumindest zum Kirchen-Kompo- nisten ernannt wurde. Das Ensemble Marsyas, unterstützt durch die Geigerin Monica Hug- gett, hat drei der sechs Sonaten ZWV 181 sowie das Andante aus der Simphonie à 8 Concertanti ZWV 189 eingespielt. Die Sonaten erweisen sich für die Bläser als Kabinettstückchen – was der Komponist hier den zumeist zwei Oboen und insbesondere auch dem Fagott abverlangt, das ist nur von erstklassigen Solisten zu meistern. Die Musiker des Ensembles Marsyas spielen sehr hörenswert; nur schade, dass der Platz auf der CD nicht für alle Sonaten ausgereicht hat. 

Mittwoch, 28. August 2013

A Bach Notebook for Trumpet (Linn)

Musik der Familie Bach hat Pianist Daniel-Ben Pienaar für Trompete und Klavier arrangiert. In dieser Kollektion sind neben Johann Sebastian Bach und seinen Söhnen Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel auch Johann Christoph, Johann Christoph Friedrich, Johann Heinrich, Johann Michael, Johann Bernhard, Johann Ludwig, Johann Christian und Gottfried Heinrich Bach mit Werken vertreten. Dementsprechend weit reicht das Programm durch die Musikgeschichte. Trompeter Jonathan Freeman-Attwood musiziert auf einem modernen Instrument, ebenso wie Daniel-Ben Pienaar, der dem Flügel eine sehr gegenwärtige Palette an Ausdruck und Klangfarben entlockt. Wer Bach-Bearbeitungen in der Tradition Busonis, Liszts und Schumanns schätzt, der wird von dieser CD ziemlich begeistert sein. 

Mittwoch, 13. März 2013

Rogier: Music from the Missae Sex (Linn)

Philippe Rogier (1561 bis 1596) war ein franko-flämischer Kom- ponist. Er begann seine Ausbildung wahrscheinlich an der Kathedrale von Arras, und kam 1575 in einer Gruppe von Sopranisten nach Madrid, um am spanischen Königshof zu singen. 1588 wurde er durch König Philipp II. zum maestro di capilla ernannt. 
Der 1649 in Lissabon erstellte Katalog der königlichen Musik- bibliothek verzeichnete 243 Werke Rogiers; die meisten davon gingen allerdings bei einem Palastbrand sowie beim großen Erdbeben 1755 verloren. Heute sind noch 18 Motetten, sieben Messen sowie einige wenige andere Werke überliefert. 
Die Sänger des Ensembles Magnificat sind bereits seit einiger Zeit dabei, das Werk Philippe Rogiers zu erkunden. So sind bei Linn Records mittlerweile Aufnahmen der Missa Ego sum qui sum sowie der Missa Domine Dominus noster erschienen. Die vorliegende dritte CD enthält nun die Missa Inclita stirps Jesse sowie die Missa Philippus Secundus Rex Hispaniae, beide in Weltersteinspielung. Sie werden ergänzt durch eine Motette von Jacobus Clemens "non Papa", die das musikalische Material der ersten der beiden Parodiemessen vorstellt, sowie durch Orgelmusik von Antonio de Cabezón. 
Die Aufnahme zeigt, mit welcher Klangpracht der spanische Hof den Gottesdienst feierte. Mit dem Ensemble Magnificat, das durch seinen Gründer Philip Cave dirigiert wird, musizieren His Majestys Sagbutts and Cornetts zur Seite - allein dies genügt als Hinweis auf die Qualität der CD. Den Orgelpart spielt Alastair Ross, die Harfe Joy Smith, und den Dulcian Keith McGowan. 


Samstag, 21. Juli 2012

Mozart: Apollo et Hyacinthus (Linn)

Man glaubt es kaum, aber Apollo et Hyacinthus hat Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) kompo- niert, als er elf Jahre alt war. Es war seine erste Oper. In Auftrag gegeben hatte das Werk das der Benediktiner-Universität Salzburg zugehörige Gymnasium. Dort war es Brauch, einmal in Jahr ein Schauspiel in lateinischer Sprache aufzuführen.  
1767 hieß dieses Stück Clementia Croesi, und stammte aus der Feder des Syntax-Professors Rufinus Widl. Um die Milde des Königs Krösus noch stärker herauszustellen, wurde in diese Tragödie zusätzlich ein kurzes musikalisches Stück eingefügt - ebenfalls auf Latein, das Libretto schrieb erneut Pater Widl. Und damit die Zöglinge nicht auf dumme Gedanken kommen, verbog der fromme Mann den Ovid ein bisschen - Hauptsache war schließlich die Moral. Ist ursprünglich Apollo in den Hyazinth verliebt, der dann unglücklicherweise vom Diskus des Gottes tödlich getroffen wird, so liebt er in dieser Oper eine Dame namens Melia, und der Intrigant Zephyrus sorgt für die Verwir- rung. Er ist auch für den Tod des Königssohnes Hyacinthus verant- wortlich. Zur Strafe verwandelt ihn der Gott in einen Wind. Auch hier lässt Apollo die Leiche Hyazinths zu einem Blumenmeer werden - und heiratet dann brav seine Melia, die man bei Ovid vergebens suchen wird. 
Im Original wurden die Partien dieser Oper von Knaben gesungen. Für den König Oebalus, Tenor, kam ein Student zum Einsatz, und die beiden Priester, tiefe Männerstimmen, sangen zwei Schüler, die den Stimmbruch schon hinter sich hatten. Diese Besetzung vollzog vor Jahren eine Einspielung mit Mitgliedern des Tölzer Knabenchores nach.  
Auf den vorliegenden zwei CD sind durchweg ausgebildete Sänger zu hören. Andrew Kennedy singt den König Oebalus, Klara Ek und Sophie Bevan, Sopran, sind als Melia und Hyacinthus zu hören. Die Partien des Apollo und des Zephyrus sind mit den Countertenören Lawrence Zazzo und Christopher Ainslie besetzt, die Priester im Ein- gangschor mit Marcus Farnsworth und David Shipley. Es musiziert The Orchestra of Classical Opera unter Leitung von Ian Page. 
Page beginnt mit dieser Aufnahme eine Gesamteinspielung der Mozart-Opern für Linn. Er nimmt Mozarts Jugendwerk ernst - was dieses auch verdient hat, denn es ist in der Tat eine richtige Oper im Stile der Zeit und bereits in einer Qualität, die manch erwachsener Kollege damals so nicht erreicht hat. Page lässt das Werk ziemlich flott spielen, schwungvoll und rhythmusbetont. Das Ensemble hat Stärken und Schwächen, und so hat auch die Aufnahme berührende Stellen und weniger schöne, aber davon nur wenige. Insofern darf man sich über diese Rarität freuen, und auf die nächsten Mozart-Opern aus diesem Zyklus auch.