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Montag, 7. Dezember 2020

Vom Himmel hoch, da komm ich her (Christophorus)

 


Beim Lesen der Stichworte Weihnachten und Leipzig denkt jeder Musikfreund sogleich an den Thomaskantor Johann Sebastian Bach und sein berühmtes Weihnachtsoratorium. Diese CD aus dem Hause Christophorus zeigt, dass Bachs Amtsvorgänger ebenfalls hinreißend schöne Kompositionen zum Fest geschaffen haben. Der Kammerchor der Christuskirche Karlsruhe hat gemeinsam mit dem Ensemble L’arpa festante sowie den Solisten Monika Mauch, Hanna Zumsande, Franz Vitzthum, Sebastian Hübner und Ekkehard Abele unter Leitung von Peter Gortner in einem Konzert am 22. Dezember 2019 Festmusiken von Sebastian Knüpfer, Johann Schelle und Johann Kuhnau aufgeführt. 

Die ausgewählten Werke nehmen Bezug auf Martin Luthers Choral Vom Himmel hoch, da komm ich her, der von allen drei Thomaskantoren in den Mittelpunkt ihrer Kompositionen gestellt wurde. Während Knüpfers Kantate Ach mein hertzliebes Jesulein noch hörbar auf Stadtpfeifertraditionen beruht, setzt Schelle bereits auf Pauken und Trompeten, um das neu geborene Kind gebührend zu feiern. In seiner Choralkantate Vom Himmel kam der Engel Schar hat er sechs Strophen des Weihnachtsliedes verwendet. Sein Actus Musicus auff Weyh-Nachten aus dem Jahr 1683 hingegen ist ein knapp halbstündiges Oratorium, das die Zuhörer seinerzeit nicht nur zur Andacht angehalten, sondern mit allerlei Liedzitaten sowie mit einer breiten Palette an Klangfarben auch erfreut und gut unterhalten haben dürfte. 

Kuhnaus Magnificat hingegen glänzt bereits in hochbarocker Pracht. Die Musiker haben dieses Werk, so wie es damals üblich war, um vier weihnachtliche Einlagesätze erweitert. Ein ansprechendes Konzertprogramm, das weihnachtlichen Jubel auch in diesem Corona-Jahr in jede Stube bringt; leider wird die Freude zu Hause am Lautsprecher ein wenig getrübt durch die Akustik der Karlsruher Kirche, die im dem Live-Mitschnitt ziemlich präsent wirkt. 


Montag, 13. Mai 2019

Graupner: Duo-Kantaten (Christophorus)

Einmal mehr haben sich Miriam Feuersinger und das Capricornus Consort Basel dem Schaffen Christoph Graupners (1683 bis 1760) zugewandt. Über den Lebensweg des Bach-Zeitgenossen haben wir in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Graupner war Kapell- meister des Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, und sein Dienstherr liebte insbesondere die Oper – aber er konnte sich leider kein eigenes Opernhaus leisten, so dass die opulenten Melodien und schönen Stimmen an seinem Hofe im Gottesdienst zu hören waren. 
Überliefert sind daher mehr als 1400 Kirchenkantaten aus Graupners Feder, die zumeist noch der Wiederentdeckung harren. Auf dieser CD werden einige von ihnen vorgestellt: Gemeinsam mit dem Countertenor Franz Vitzthum singt Miriam Feuersinger Duo-Kantaten für Sopran und Alt. Die vier ausgewählten Stücke stammen aus den Jahren 1710/11 und 1719/20, und sie verbinden virtuose Gestaltung mit hingebungsvoller Textausdeutung. 
Die beiden Gesangssolisten präsentieren zusammen mit dem Capricornus Consort Graupners anspruchsvolle Musik mit makelloser Technik und verführerischer Eleganz. Und vor jeder Kantate lassen die Instrumenta- listen zudem ein kurzes Stück erklingen, quasi als Sinfonia. Eine traum- schöne Einspielung, die begeistert. 

Samstag, 30. September 2017

Davon ich singen und sagen will (cpo)

„Wer singt, betet doppelt“ – dieser Satz, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben wird, könnte gut auch von Martin Luther stammen. Der Reformator schätzte die Musik sehr, und so ist es kein Wunder, dass zum Gedenken an den Thesenanschlag, der sich am 31. Oktober 2017 zum 500. Male jährt, mittlerweile auch eine enorme Anzahl an CD erschienen sind.
Eine der schönsten hat das Osnabrücker Label cpo nun veröffentlicht. Für diese Produktion haben sich der Bach-Chor Siegen unter Leitung von Ulrich Stötzel und das auf „Alte“ Musik spezialisierte Johann Rosenmüller Ensemble, das von Arno Paduch geleitet wird, zusammengetan. Unterstützt durch renommierte Solisten – Monika Mauch und Ina Siedlaczek, Sopran, Franz Vitzthum, Countertenor, Georg Poplutz und Nils Giebelhausen, Tenor, sowie Markus Flaig und Jens Hamann, Bariton – zeigen sie auf dieser CD, wie das Lied zu einem wichtigen Medium der Reformation wurde.
Nicht nur die singende Gemeinde, auch die Figuralmusik übernahm rasch Luthers Texte und seine Melodien. So erklingen auf dieser CD überwie- gend Werke von Komponisten, die als Zeitgenossen der Reformation gewirkt haben, oder aber im nachfolgenden Jahrhundert. So gilt Johann Walther als „Urkantor“ der evangelisch-lutherischen Kirche. Zu hören ist weiter Musik von Johann Eccard, Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Lucas Osiander, Matthäus Le Maistre, Werner Fabricius, Johann Rosenmüller und Johann Sebastian Bach.
Das abwechslungsreiche Programm wird ergänzt durch Instrumental- stücke von Hans Neusidler und Thomas Stoltzer. Und natürlich darf auch Martin Luther nicht fehlen, auch wenn er sich seinerzeit bescheiden einen „kleinen und tumpenen Tenor“ nannte. Dass er von der Musik durchaus etwas verstand, zeigt seine vierstimmige Cantus-firmus-Motette Non moriar sed vivam. Die Stücke für diese Aufnahme wurden durchweg mit Sorgfalt ausgewählt; so gelang manche Entdeckung abseits der allseits bekannten Luther-Choräle und Chorsätze.
Musiziert wird erfreulich differenziert und ausgesprochen ausdrucksstark. Walther klingt deutlich anders als Bach, am anderen Ende des Zeithori- zontes. Eine prächtige, rundum gelungene Einspielung zum Lutherjahr 2017 – unbedingt anhören! Es lohnt sich. 

Montag, 17. April 2017

Caldara: Motetti a due o tre voci op. 4 (Pan Classics)

Die Motetti a due o tre voci op. 4 waren die letzten Werke von Antonio Caldara (um 1670 bis 1736), die zu seinen Lebzeiten im Druck erschie- nen sind. Sie wurden 1715 in Bologna veröffentlicht. 1716 übersiedelte der Komponist nach Wien, wo er Vize- kapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. wurde. 
Wie eng verbunden Europas Kultur- metropolen seinerzeit waren, das zeigt ein Blick in ihre Kunstsamm- lungen – und in die Archive. Ein Exemplar von Caldaras Motetten beispielweise gelangte nach Dresden, wo Jan Dismas Zelenka die Stücke, teilweise mit neu unterlegten Texten, zum Gebrauch im Rahmen der Fastenpredigten einrichtete. 
Sie gehörten wahrscheinlich seit Mitte der 1720er Jahre in Dresden zum Repertoire, das während der vorösterlichen Fastenzeit alljährlich erklang. So dürfte auch Johann Adam Hiller (1728 bis 1804) sie kennengelernt haben, der seine Ausbildung als Kruzianer in Dresden begann. Hiller, der später nach Leipzig ging und letztendlich sogar Thomaskantor wurde, nahm eine dieser Motetten in seine berühmte Sammlung mit auf – was wiederum dazu führte, dass Caldara in die protestantische Kirchenmusik- praxis mit integriert wurde. 
Auf dieser CD sind die zehn Motetten komplett zu hören – eindringlich gesungen von Ingeborg Dalheim, Anna Kellnhofer, Sopran, Franz Vitzthum und Alex Potter, Countertenor, Jan Van Elsacker, Tenor, und Florian Götz, Bariton. Begleitet werden die Sänger vom United Continuo Ensemble, bestehend aus Jörg Meder, Violone, Johannes Hämmerle, Orgel, und Thomas C. Boysen, Theorbe, der auch die Leitung dieses Ensembles inne hat. 
Kombiniert wurden die Motetten mit Orgelwerken niederländischer und norddeutscher Komponisten älterer Generationen – Matthias Weckmann (1618/19 bis 1674), Franz Tunder (1614 bis 1667) und Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621). Johannes Hämmerle spielt sie an der histori- schen Orgel des Schlosses Gottorf. Sehr hörenswert! 

Mittwoch, 12. April 2017

Bach: Johannes-Passion (MDG)

Rainer Johannes Homburg hat mit „seinen“ Stuttgarter Hymnus-Chor- knaben die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Dabei entschied sich der erfahrene Kirchenmusiker für die vierte und letzte Version, aus dem Jahre 1749. In dieser verwarf Bach etliche Glättungen und kehrte „zur 25 Jahre alten Urfassung zurück“, so Hom- burg: „Nur die Instrumentation ist nun reicher, insbesondere die Continuo-Gruppe erweitert bis zum Kontrafagott. Diese Fassung ist hier aufgenommen.“ 
Neben namhaften Solisten – besonders beeindrucken hier Veronika Winter mit ihrem schlanken, klangschönen Sopran und Andreas Post, Tenor, der sowohl die Arien als auch die Partie des Evangelisten klug gestaltet – wirkte an der Aufnahme, die im Mai 2016 aufgezeichnet worden ist, auch die Handel's Company mit. Dieses Instrumentalensemble hat Homburg 1999 mit gegründet, um „Alte“ Musik stilecht aufführen zu können. Es musiziert auf historisch jeweils passenden Instrumenten und  orientiert sich an der jeweiligen Aufführungspraxis – verzichtet aber auf den klanglichen Purismus, den „Originalklang“-Ensembles mitunter gern pflegen. 
Im Vordergrund steht hier der Ausdruck von Affekten. „Historische Instrumente? So selbstverständliche Voraussetzung interpretatorischen Denkens, dass sie allein schon lange keine Antwort mehr sind“, meint Homburg in seinem Geleitwort zu dieser CD: „Was man mit ihnen macht, entscheidet.“ Bei dieser Aufnahme stellt er die Expressivität von Bachs Musik in den Mittelpunkt der Interpretation, und die jungen Chorsänger folgen ihm dabei mit Begeisterung und Können. Selbst schwierigste Koloraturen singen die Hymnus-Chorknaben erfreulich sicher und blitzsauber. So bleiben musikalische Strukturen auch in den großen Chören stets klar erkennbar. Und die Instrumentalisten sorgen dafür, dass auch Bachs klangliche Finessen gebührend zur Geltung kommen. Eine derart farbenreiche Continuo-Gruppe beispielsweise dürfte selbst den Thomas- kantor entzückt haben. Faszinierend! 

Montag, 11. April 2016

Bach: Solo Cantatas; Wörner (Passacaille)

Drei Kirchenkantaten für Solo-Bass sind im Gesamtwerk Johann Sebastian Bachs überliefert, dazu wird ihm ein weltliches Stück für diese Stimmlage zugeschrieben: Amore traditore BWV 203 ähnelt eher einer Arie, und könnte möglicherweise in Köthen entstanden sein. 
Bekannt sind Ich habe genung BWV 82 und Ich will den Kreuzstab gerne tragen BWV 56; Der Friede sei mit dir BWV 158 hingegen erklingt eher selten. Es wird diskutiert, ob es sich dabei um ein Fragment handelt. 
Dominik Wörner hat diese Werke bei Passacaille eingespielt. Der Bassba- riton, Gewinner des renommierten Leipziger Bach-Wettbewerbes im Jahre 2002, musiziert gemeinsam mit dem Ensemble Il Gardellino. Es wurde 1988 von dem Oboisten Marcel Ponseele und dem Traversflötisten Jan De Winne gegründet und wird von Konzertmeister Ryo Terakado geleitet. Marcel Ponseele prägt diese Aufnahme mit hinreißend gespielten Oboen- partien – ihn muss man fast noch vor dem Sänger loben, der seinen Part ebenfalls feinsinnig und tiefgründig ausdeutet. Unterstützt wird Wörner durch Franz Vitzthum, Sopran, Beat Duddeck, Altus, und Satoshi Mizu- koshi, Tenor.

Dienstag, 16. Juni 2015

Telemann: Festive Cantatas (Hänssler Classic)

Als Director Musices der Hansestadt Hamburg war Georg Philipp Telemann verpflichtet, pro Woche zwei Kantaten zu schreiben, dazu jährlich eine Passion und zusätzlich Festmusiken für besondere Anlässe. Fleiß und Kreativität wurden dem Komponisten dann allerdings zum Verhängnis – spätere Generationen schalten ihn einen Vielschreiber, und erklärten seine Werke für unbedeu- tend und nichtssagend. 
Dies ist der Grund dafür, dass Telemanns Werk noch immer zu großen Teilen unerschlossen ist. In den letzten Jahren haben sich, glücklicherweise, etliche bedeutende Solisten und Ensembles dem Schaffen des Meisters zugewandt. So zeigt auch diese CD mit den großartigen Solisten Miriam Feuersinger, Franz Vitzthum und Klaus Mertens sowie dem stimmstarken Collegium vocale Siegen und der Hannoverschen Hofkapelle unter Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel, dass dieses harte Urteil der Musikgeschichte keine Berechtigung hat. Zu hören sind die festlichen, groß besetzten Kantaten Der Herr lebet, Ehr und Dank sey Dir gesungen und Der Geist giebt Zeugnis – und sie sind wundervoll. Unbedingt anhören! 

Mittwoch, 29. April 2015

Ratis: Dialoghi con l'Angelo (Accent)

Die Canzonette spirituale e morali si cantano nell'Oratorio di Chiavenna erschienen 1657 in Mailand bei Francesco Rolla. Wer sie geschaffen hat, ist nicht bekannt; es wird aller- dings vermutet, dass sie von dem Priester Francesco Ratis geschrieben wurden. Er stammte aus Como, und kam 1638 als Organist der Stiftskir- che San Lorenzo nach Chiavenna. 1667 kehrte Ratis in seine Heimat- stadt zurück, wo er 1676 starb. Er begründete in Como eine Kongrega- tion der Oratorianer. Diese Gemeinschaft setzte bei der Verkündigung sehr stark auch auf die Kraft der Musik. Ihr Begründer, Filippo Romoli Nehri, war Beichtvater Palestrinas. Er schätzte die Volksweisen, ließ aber dennoch gern kunstvoll musizieren, was zur Entstehung einer neuen Gattung führte, des Oratoriums. 
Die Stücke auf dieser CD entstammen ebenfalls der Musizierpraxis dieser Gemeinschaft. Die Canzonette spirituale e morali enthalten polyphone, monodische und in Dialogform komponierte Werke. Die hübschen kleinen Kantaten und Canzonetten, die oftmals durch geschickte Kontrafaktur populärer Lieder entstanden sind, dürften seinerzeit für volle Kirchen gesorgt haben. Wenn sich die Seele, ein Engel und Satan angeregt unterhalten, dann hat das auch für den heutigen Hörer Unterhaltungswert. In einem anderen Dialog befragt das Gewissen die Seele, warum sie denn traurig sei. 
Besonders gelungen ist aber der Dialogo fra l'Angelo et il Musico. In die- sem Stück wird berichtet, dass Sänger, Instrumentalisten und Komponisten besonders gefährdet sind, der ewigen Verdammnis anheimzufallen. Denn, so der Engel, Hochmut und Eitelkeit sind ihre schlimmsten Sünden. Es ist köstlich, wie der Komponist dieses Werkes den vor Angst schlotternden Musicus gestaltet, dem der Engel erklärt, wie er doch noch in den Himmel kommen kann. Die Sänger Cornelia Samuelis und Chiyuki Okamura, Sopran, Franz Vitzthum, Countertenor, Christian Dietz, Tenor und Yorck Felix Speer, Bass sowie die Musiker des Ensembles Nuovo Aspetto unter Michael Dücker gestalten ihre Partien mit Temperament, sehr viel Spiel- freude – und mit ein wenig Augenzwinkern. 

Dienstag, 14. April 2015

Bach: Vom Reiche Gottes (K&K)

„Im Bach-Jahr 1950 habe ich in Stuttgart und Reutlingen zum ersten Mal die Kantate ,Vom Reiche Gottes' aufgeführt, eine abendfüllende Kantaten-Zusammenstellung, die aus dem Wunsche heraus entstanden war, einzelne bedeutende Teile des Bachschen Kantatenwerks, die aus mancherlei Gründen so gut wie nie aufgeführt worden und deshalb unbekannt geblieben waren, vor dem völligen Vergessen zu bewahren und sie der Praxis wieder zuzuführen“, zitiert das Beiheft zu dieser CD Hans Grischkat (1903 bis 1977). Der Kirchenmusiker folgte damit einer Anregung Albert Schweitzers, der sich von der Kompilation dann auch sehr angetan zeigte. 
Grischkat hat Chöre, Rezitative, Ariosi, Arien und Choräle gesammelt, die er besonders gelungen fand, die aber normalerweise nur selten oder gar nicht zu hören sind. Und er hat aus diesem Bestand anschließend ein umfangreiches Werk zusammengefügt, das auf Veränderungen im Text und fast durchweg auch auf Eingriffe in Bachs Kompositionen verzichtet und trotzdem ein attraktives Ganzes ergibt. Der Thomaskantor selbst wäre bei einem solchen Pasticcio vermutlich weit weniger behutsam vorgegangen; er hat sogar komplette Kantaten mehrfach verwendet und dabei mitunter auch kräftig verändert.  
„Oft lag die Versuchung nahe, aus bekannten und oft aufgeführten Kanta- ten einzene Stücke zu verwenden“, schreibt Grischkat. „Doch habe ich darauf bewusst verzichtet, da es mir darum ging, unter allen Umständen das Bachsche Gesamtwerk im Prinzip unangetastet zu lassen.“ Dennoch wird ein inhaltlicher Zusammenhang erkennbar: Der erste Teil beschreibt den Menschen vor Gott, mit seinem Streben nach Heil und Gnade. Der zweite Teil ist dem Lobpreis gewidmet. 
Jürgen Budday hat dieses Werk im September 2013 mit dem Maulbronner Kammerchor und dem Barockorchester Il Capriccio im Konzert in der romanischen Maulbronner Klosterkirche aufgeführt; ein Mitschnitt dieses Ereignisses ist bei KuK erschienen. Den beiden Toningenieuren Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger ist es einmal mehr gelungen, trotz der schwierigen akustischen Verhältnisse mit einer beeindruckenden Aufzeichnung die besondere Atmosphäre der Konzerte in der Unesco-Welterbe-Stätte einzufangen. 
Als Solisten singen Heike Heilmann, Sopran, Franz Vitzthum, Altus, und Falko Hönisch, Bass. Sie alle überzeugen durch Ausdrucksstärke und Textverständlichkeit. Der Maulbronner Kammerchor meistert die Chor- partien mit sauberer Intonation, hoher Präzision und ausgewogenem Chorklang. Das Orchester Il Capriccio musiziert hochprofessionell und gut abgestimmt. Es ist zu spüren, dass die Musiker mit „Alter“ Musik bestens vertraut sind. Budday führt seine Scharen mit sicherer Hand durch das nicht unkomplizierte Opus. So hat Grischkat vor den Schluss-Choral Lobe den Herren eine mächtige Fuge gesetzt, die erst einmal bewältigt werden will. In dem sehr informativen Beiheft ist übrigens die jeweilige Besetzung nachzulesen. Dort findet sich auch der Text sowie die Quelle der einzelnen Kantatenteile. 

Donnerstag, 19. September 2013

Erlebach: Süße Freundschaft, edles Band (Christophorus)

„Es würde zu verwundern seyn, daß so brafe Männer ausser ihrem Vaterlande so wenig bekannt worden; wenn man nicht bedächte, daß diese ehrlichen Thüringer mit ihrem Vaterlande, und ihrem Stande so zufrieden waren, daß sie sich nicht einmal wagen wollten, weit ausser demselben ihrem Glücke nach- zugehen. Sie zogen den Beyfall der Herren, in deren Gebiete sie gebohren waren, und einer Menge treuherziger Landsleute, die sie gegenwärtig hatten, andern noch ungewissen, mit Mühe und Kosten zu suchenden Lobeserhebungen, weniger, und noch dazu vielleicht neidischer Ausländer, mit Vergnügen vor.“ Was Carl Philipp Emanuel Bach 1754 über seine Vorfahren schrieb, das trifft auch auf Kapelldirektor Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714) zu. Zwar stammte er aus Ostfriesland, doch kam er schließlich aufgrund von verwandtschaftlichen Beziehungen seines Herrscherhauses nach Rudolstadt, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits berichtet. 
Erlebach schrieb für seinen Dienstherrn eine große Anzahl von Werken; die Musikaliensammlung, die er bei seinem Tod hinterließ, umfasste mehr als 2500 eigene und fremde Kompositionen. Leider wurde diese Kollektion 1735 beim Brand des Rudolstädter Schlosses, wie ein Inventar vermeldet, „allesamt von Feuer verzehret“. Dass sich die Suche nach den wenigen überlieferten Stücken aus der Feder des Komponisten lohnt, das beweist jedoch die vorliegende CD. 
Sie zeigt anhand von Werken Erlebachs, die im Druck erschienen sind, dass der Musiker von Zeitgenossen zu Recht als derjenige gerühmt wurde, „welcher unter den teutschen Componisten die meiste Satisfaction giebt und sich trefflich hervorthut“. Das Capricornus Consort Basel unter Leitung von Peter Barczi hat gemeinsam mit Miriam Feuersinger, Sopran, und Franz Vitzthum, Countertenor, eine Auswahl eingespielt, die einige Überraschungen bereithält. So hat sich der Komponist, der im Gefolge des Grafen Albert-Anton von Schwarzburg-Rudolstadt nicht weiter gereist sein dürfte als nach Wolfenbüttel oder Mühlhausen, offenbar intensiv mit dem Stil von Jean-Baptiste Lully beschäftigt. Dennoch kopiert er nicht einfach das französische Vorbild; er ergänzt es vielmehr um ganz eigene, thüringische, Elemente. 
Der Zuhörer darf sich auf eine Entdeckung freuen, für die man den Musikern nicht genug danken kann. Denn es ist großartige Musik, auch wenn sie seinerzeit an einem kleinen Hof entstanden ist – handwerklich ausgesprochen versiert, sehr ausdrucksstark und zudem von einer Eleganz, die begeistert. Die Sänger und Musiker agieren solide bis brillant, die Aufnahme ist rundum gelungen.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Himmels-Lieder (Christophorus)

"Ich fürchte keinen Tod auf Erden, / und stirbet doch kein Christe nicht, / Was soll mit angst und bange werden, / wenn mir der Tod das Herze bricht. / Im Sterben geht das Leben an, / das mir kein Tod nicht nehmen kann." Geradezu trotzig klingt ein solches Bekennt- nis, zu Papier gebracht am Ende des 17. Jahrhunderts. Denn der Dreißigjährige Krieg hatte Land und Leute gezeichnet - und auch in der Musik seine Spuren hinter- lassen. Selbst die fürstlichen Haushalte mussten sich einschränken, weil die verwüsteten Ländereien keine Erträge mehr erwirtschafteten. Die Kassen waren leer. So waren auch zahlreiche Hofkapellen ver- kleinert oder ganz entlassen worden. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich die von den Söldnern verheerten Regionen wieder erholten. 
Franz Vitzthum hat für diese CD Lieder und Kantaten ausgewählt, die ganz überwiegend in jener Nachkriegszeit entstanden sind, und menschliches Leid vor Gott bringen. Das vermittelte, in allem Elend, zumindest einen gewissen Trost, weshalb Vitzthum diese Werke auch nicht als Klagegesänge, sondern als Himmels-Lieder bezeichnet. 
Der Countertenor, der aus der Operpfalz stammt, begann seine mu- sikalische Ausbildung bei den Regensburger Domspatzen. Er studierte dann Gesang bei Kai Wessel an der Musikhochschule Köln. Auf dieser CD ist er gemeinsam mit dem Capricornus Consort Basel zu hören, das sich als versiertes Barock-Ensemble erweist. Vitzthum verfügt über eine zwar kleine, aber ausgesprochen klangschöne Stimme, die aus den Tiefen mühelos bis in die Mezzolage reicht. Der Countertenor singt fokussiert, intonationssicher und zeigt sich jeder Koloratur sowie jeder noch so ausgefallenen Auszierung gewachsen. 
Auch sind die Werke, die er gemeinsam mit dem Capricornus Consort auf dieser CD vorstellt, fast durchweg Raritäten. Sie stammen von Komponisten wie dem Rudolstädter Kapellmeister Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714), dem Zittauer Musikdirektor und Organisten Johann Krieger (1652 bis 1735), dem Eilenburger Organisten Johann Hildebrand (1614 bis 1684) und von Johann August Kobelius (1674 bis 1731), der im Dienste der Herzöge von Sachsen-Weißenfels stand, zuletzt als Landrentmeister und Capelldirector in der Nebenresidenz Sangerhausen. Seine Werke müssen sämtlich als verloren gelten - bis auf eine einzige Kantate, die Vitzthum hier vorstellt. 

Samstag, 15. Oktober 2011

Ristori: Divoti affetti alla Passione di Nostro Signore (Accent)

Bevor die Dresdner Hofkirche fertiggestellt wurde, musste sich die (katholische) Gemeinde mit einem wesentlich kleineren Raum bescheiden. Das wirkte sich auch auf die Kirchenmusik aus, denn dort war der Platz auf der Empore beschränkt. Eines der schönsten Werke, die in jenen Jahren für kleine Besetzung entstanden, wa- ren die Divoti Affetti alla Passione di Nostro Signore per uso della Reale Cappella di Dresda nel Giorna de' Venerdi e Domeniche della Quadragesima von Giovanni Alberto Ristori (1692 bis 1753). 
Ristori war der Sohn eines Schauspielers. Er kam 1715 mit der Komö- diantentruppe seines Vaters nach Dresden,  und erwarb sich bald einen Ruf als Komponist, Pianist und Organist. 1717 erhielt er daher eine Anstellung als Compositeur beim italienischen Hofschauspiel. Außerdem wurde er der Leiter der polnischen Capelle, die den König anstelle der Hofkapelle nach Polen begleitete. 1733 wurde er zum Kammerorganisten, 1746 zum Kirchen-Compositeur und 1750 zum Vizekapellmeister ernannt. Ristori schuf Werke für Kirche und Kammer gleichermaßen; auch seine Opern waren wohl sehr beliebt. Seinen Nachlass erwarb der Hof; so sind Opernpartituren Ristoris überliefert. Kirchenmusik hingegen ist kaum erhalten; die meisten dieser Werke gingen im Krieg verloren. Desto erfreulicher ist es, dass die Divoti Affetti nunmehr sogar auf CD vorliegen.
Es sind "Kammerduette für die Kirche", für Singstimmen und Basso continuo. Sie erklangen während der Nachmittagsandachten in der vorösterlichen Fastenzeit. Dorothee Mields, Sopran, und Franz Vitzthum, Alto, sowie das Ensemble Echo du Danube präsentieren diese wundervolle, eindrückliche Musik aufs Beste. Ergänzt werden die Duette durch Instrumentalstücke des Komponisten, die dieser möglicherweise für den Unterricht geschaffen hat - die Esercizi per l'Accompagnamento, die hier durch die fünf Musiker gekonnt in unterschiedlichen Besetzungen vorgestellt werden. Den Namen Ristori sollte man sich merken. Zwar stand er ganz sicher immer im Schatten berühmter Kollegen wie Hasse, Heinichen, Zelenka oder Pisendel. Doch seine Musik ist traumhaft schön, das ist wirklich eine Entdeckung. Und die Einspielung ist gelungen, ich kann sie daher sehr empfehlen. 

Sonntag, 12. Dezember 2010

Graupner: Frohlocke, werte Christenheit (cpo)

In Darmstadt war es in der Ad- ventszeit 1727 "nebelig und kalt", schrieb Hofkapellmeister Christoph Graupner (1683 bis 1760) seinerzeit in einem Brief. Vize-Hofkapellmeister Gottfried Grünewald war seit längerem erkrankt. Das war ein Problem, denn Grünewald war zugleich der einzige Vokal-Bassist der Hof- kapelle. 
So musste Graupner nicht nur sämtliche Werke für die Feiertage alleine liefern und die Auffüh- rungen leiten. Er musste sich außerdem etwas einfallen lassen, um das Fehlen des Sängers zu kompensieren: Wie bringt man einen Chor zum Klingen, ohne Bass? Am zweiten Feiertag aber feierte obendrein sein Dienstherr, Landgraf Ernst Ludwig, Geburtstag, so dass die Kirchen- kantate an diesem Tage besonders prächtig auszufallen hatte. 
Graupner löste das Problem, indem er Weihnachtskantaten kompo- nierte, die mit der in der Tat sehr ungewöhnlichen Besetzung Sopran - Alt - Tenor auskommen - und trotzdem so gut klingen, dass man längere Zeit fasziniert lauscht, bevor man bemerkt, dass diesem Ensemble eigentlich die tiefste Stimme fehlt. Eines dieser kuriosen Werke, die Kantate Von Gott will ich nicht lassen, erklingt auf dieser CD - wobei allerdings im Choral dann doch ein Bassist mitsingt; wer damals diese Partie übernommen hat, das wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Die vier anderen Weihnachtskantaten Graupners, die für diese CD ausgewählt wurden, sind durchweg nach 1740 entstanden. Sie zeigen den Darmstädter Hofkapellmeister als überaus versierten Musiker, der auf Pauken und Trompeten verzichten kann - und mit Eleganz und Virtuosität überzeugt. 
Das gilt auch für die Musiker, die auf dieser CD zu hören sind: Veronika Winter, Sopran, Franz Vitzthum, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass ergeben ein überaus stimmiges Ensemble, das gemeinsam mit dem etablierten Barockorchester Das Kleine Konzert unter Hermann Max durch engagiertes Musizieren und präzise Klangrede begeistert. Bravi!