Montag, 30. November 2015

Style fantastique (Carpe diem)

Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1624 bis um 1687) wuchs in Venedig auf. Nach dem Tode seines Vaters war seine Mutter dorthin gezogen, weil einer ihrer Söhne aus erster Ehe als Kastrat am Markusdom sang. Über seine Jugend und seine Ausbil- dung kann man nur Vermutungen anstellen; gesichert ist aber, dass Pandolfi Mealli 1660 in Innsbruck als Mitglied der Hofkapelle benannt wird. Sein Dienstherr, Erzherzog Ferdinand Karl, begeisterte sich vor allem für das Musiktheater. Er ließ 1654 das erste freistehende Opernhaus im deutschsprachigen Raum errichten und unterhielt ein weithin angesehenes Ensemble. 
Nach dem Tode des Herzogs 1662 endete diese Blütezeit. Auch Pandolfi verließ Innsbruck; 1669 war er erster Violinist an der Kathedrale von Messina. 1675 erstach der Musiker dort bei einem Streit einen Sänger mit dessen eigenem Schwert und musste fliehen. Über Frankreich reiste er nach Spanien. 1678 wurde er in Madrid als Geiger in der Cappella Reale della Corte angestellt. Mindestens fünf seiner Werke sind im Druck erschienen; allerdings sind nur drei davon erhalten – die Sonaten op. 3 und op. 4 von 1660 sowie die Sonate messinesi, veröffentlicht 1669 in Rom. 
Daraus erfahren wir, dass Pandolfi Mealli ein exzellenter Geiger gewesen sein muss. Denn die Sonaten aus seinen Innsbrucker Jahren sind irrwitzig schwierig, und dazu ausgesprochen kapriziös; ein Musikwissenschaftler sah darin sogar das „Zeugnis einer Zeit der Entartung“. Wenn man aber mehr über den stylus phantasticus weiß, wird man diese Musik eher als eine Ergebnis eines Experimentes betrachten, das Kreativität und Virtuo- sität Freiraum gibt; gleich neben der Improvisation, aber noch weniger durch Regeln gebunden. Mittlerweile kann man sich auch über die ersten Einspielungen der Sonaten Pandolfi Meallis freuen – und diese hier ist ein ganz besonderes Juwel, denn William Dongois spielt die Sonate a violino solo per chiesa e camera, opera III, auf dem Zink. Dieses Blasinstrument war noch zur Zeit Heinrich Schütz' in Europa weit verbreitet. Die Griff- lochtrompete, zumeist aus Holz gefertigt, stand in dem Ruf, die mensch- liche Stimme besonders gut imitieren zu können. Sie war allerdings schwierig zu erlernen, und kam aus der Mode, nachdem an den Höfen längst ein anderes Instrument Einzug gehalten hatte: Um 1650 wurde der Zink durch die Violine abgelöst. 
Dongois hat den Sonaten noch drei Werke Johann Jacob Frobergers (1616 bis 1667) zur Seite gestellt. Sie ergänzen das Programm vortrefflich. Über das Spiel des Franzosen kann man nur staunen. Denn er lässt diese höchst anspruchsvolle Musik so klingen, als wäre sie für den Zink geschrieben worden. Im Ensemble Le Concert Brisé musiziert Dongois zusammen mit Carsten Lohff, Cembalo und Orgel, und Éric Bellocq, Laute und Theorbe. Zu hören ist übrigens das originale Rückers-Cembalo des Musée d'art et d'histoire de Neuchâtel von 1632; es wurde 1745, wahrscheinlich durch den Pariser Instrumentenbauer Blanchet, erweitert. 
Le Concert Brisé hat sich zudem für eine Live-Aufnahme entschieden, und für die Produktion dieser CD drei Konzerte mitgeschnitten. Liest man die Begründung, die die Musiker im Beiheft formuliert haben, dann ist diese Entscheidung absolut nachvollziehbar – zumal sie in diesem Falle der Qualität der Aufnahme eher zugute kommt. Denn diese Musik lebt auch vom Augenblick, von der Inspiration, und vom Dialog mit dem Publikum. 
Dongois erweist sich als ein herausragender Zink-Virtuose; nirgends gibt es einen Wackler oder gar einen unsauberen Ton. Er spielt weich und sanglich, elegant und mit enormen Spannungsbögen, immer dezent und subtil. Le Concert Brisé musiziert mit faszinierender Leichtigkeit, und auch die „leisen“ Instrumente Cembalo und Laute sind im Zusammenspiel stets gut zu hören. Das ist ohne Zweifel eine der besten Aufnahmen des Jahres aus dem Bereich der „Alten“ Musik. Bravi! und: Unbedingt anhören!! 

Sonntag, 29. November 2015

Grand musical entertainment - Händel for Organ & Orchestra (Oehms Classics)

Die berühmten Orgelwerke von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) sind eigentlich eine Notlösung: Viele Jahre lang war der Komponist in London mit seinen Opern sehr erfolgreich – doch um 1730 strömte das Publikum nicht mehr herbei, wie gewohnt. Zum einen hatte 1734 ein Konkurrent Händel beinahe alle italienischen Sänger abgeworben. Zum anderen fanden die Leute die neuartigen englischen Singspiele interessanter als die italienische Oper. Händel reagierte darauf, indem er groß besetzte Oratorien auf die Bühne brachte – in englischer Sprache. Und weil er für sein Orgelspiel gefeiert wurde, setzte sich der Komponist an das Instrument und improvisierte, oder aber er integrierte Orgelklänge ins Vorspiel oder in die Zwischenaktmusik. 
Und tatsächlich: Diese Idee brachte Händel die erhoffte Resonanz. „Beim Lesen der damaligen Aufführungsberichte könnte man meinen, das Publikum sei vor allem wegen Händels grandioser Orgelkünste in die Vorstellungen gekommen“, schreibt Hansjörg Albrecht im Beiheft zu dieser CD. Der Organist ließ sich von Händels Orgel-Spektakeln inspi- rieren, weitere Werke des Komponisten nach dem Vorbild des Meisters zu bearbeiten. So gesellt er zum Concerto in C-Dur aus Saul noch drei üppige Suiten mit Musik aus dem Oratorium. Das Ensemble muss Händel von der Orgel aus geleitet haben. Das macht Albrecht nicht; er lässt Martin Schmeding spielen. Der frühere Dresdner Kreuzorganist wirkt seit 2004 als Professor für Orgel an der Hochschule für Kirchenmusik Freiburg. Für diese Aufnahme musiziert er an der Eule-Orgel der Himmelfahrtskirche München-Sendling. Schmeding dirigiert „sein“ Münchner Bach-Orchester. 
Er lässt es sich allerdings nicht nehmen, zwei Arrangements von Orchesterwerken Händels selbst zu spielen – die Ankunft der Königin von Saba, ein „Hit“ aus dem Oratorium Solomon, sowie das Konzert in D-Dur aus der Feuerwerksmusik. Dafür wählte er die Schuke-Sauer-Orgel der Marktkirche Halle/Saale. Dort steht auch noch die kleine Orgel, erbaut 1663/64 von Georg Reichel, auf der Händel selbst einst bei Friedrich Wilhelm Zachow seine ersten Orgelstunden absolviert haben soll. 
„Mögen diese klangprächtigen Solowerke sowie die neu arrangierten Konzerte für Orgel und Orchester etwas von der unbändigen Spielfreude Händels vermitteln“, so Albrecht im Beiheft: „als Pendant zu Farinellis göttlicher Stimme und den Zuhörern als Grand Musical Entertainment.“ Eines jedenfalls sei hier verraten: Langweilig ist diese CD nicht.