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Montag, 13. November 2017

Passagio - Eine barocke Alpenüberquerung (Alpha)

Der Elefant auf dem Cover täuscht – es geht nicht um die Alexanders dieser Welt, sondern um Musiker, die die Alpen überquerten; im 16. und
17. Jahrhundert war dies noch ein strapaziöses und sicherlich auch nicht ganz ungefährliches Unter- fangen. Doch Instrumentalisten und Sänger aus Italien waren an europäischen Höfen gesucht, und umgekehrt reisten ihre Kollegen in den Süden, um in Italien zu lernen und sich mit den aktuellen Trends vertraut zu machen. 

Das Duo Ombra e Luce spürt auf dieser CD den Auswirkungen nach, die dieser Austausch auf die Musik Europas hatte. Dazu haben Georg Kallweit und Björn Colell Musik für Violine und Laute eingespielt; die ausgewählten Werke zeigen, dass Komponisten seinerzeit nicht einmal selbst auf die Reise gehen mussten, um südliche Inspiration zu erfahren. Johann Heinrich Schmelzer beispielsweise, erst Geiger und später Hofkapellmeister in Wien, war nie in Italien. 
Georg Muffat hingegen hat sowohl bei Jean-Baptiste Lully als auch bei Arcangelo Corelli studiert. In seinem Schaffen integrierte er die verschiedensten stilistischen Einflüsse. Eine Lektion in Musikgeschichte freilich geben Georg Kallweit und Björn Colell eher im Hintergrund. In erster Linie präsentieren die beiden Musiker ein gut abgestimmtes Programm, in dem sie sowohl die Geige als auch Theorbe, Chitarrone und Barockgitarre mit ebenso virtuosen wie wohlklingenden Musikstücken auf das Beste ins Licht rücken. 
Und wie dieses Duo musiziert, das ist sensationell – Kallweit und Colell lassen die Klänge atmen; alles wirkt so lebendig und spontan, ganz als wäre diese Musik gerade eben entstanden. Das ist große Kunst, die den Hörer beglückt. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 12. September 2017

Pandolfi Mealli: Sonate, Roma 1669 (Tactus)

Es gibt kaum jemanden, der über das Leben von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli ähnlich viel weiß wie Fabrizio Longo. Als Andrew Manze in den 90er Jahren die Violinsonaten des Komponisten erstmals einspielte, meinte er, es gebe Gründe für den Argwohn, „ein gewitzter Musikwissenschaftler habe Pandolfi an einem regnerischen Mittwoch erfunden“ – denn außer den alten Drucken hat Pandolfi Mealli kaum eine Spur hinterlassen, so schien es. 
Mittlerweile hat Fabrizio Longo aber etliche Quellen aufgespürt, und den Lebensweg des Musikers nachvollzogen. Er soll 1624 in Montepulciano in der Toskana als Domenico Pandolfi zur Welt gekommen sein. Seine Ausbildung erhielt er wohl bei seinem Stiefbruder aus der ersten Ehe seiner Mutter, dem Kastraten Giovan Battista Mealli, in Venedig. Dann finden wir den Musiker 1660 in Diensten des Habsburger Hofes in Innsbruck. 1675 war er auf Sizilien tätig, wo er in der Kirche einen Kapellkollegen, den Kastraten Giovannino Marquett, ermordete und dann über Frankreich nach Spanien entfloh. In Madrid wirkte er ab April 1678, wobei er zwischenzeitlich mehrfach auch nach Rom gereist sein soll. Seine Spur verliert sich 1687; es wird daher vermutet, dass er in diesem Jahr verstorben sein könnte. 
Nur wenige seiner Werke sind überliefert und wurden mittlerweile eingespielt. Es sind kühne Kompositionen, technisch wie musikalische aberwitzig anspruchsvoll. Die Noten von op. 3 und 4 sind bei Walhall inzwischen verfügbar. Fabrizio Longo hat nun ein weiteres Opus des Komponisten ediert, die Sonate cioé Balletti, Sarabande, Correnti, Passacagli, Capriccetti, & vna Trombetta, a vno, e dui Violini, im Druck erstmals erschienen 1669 in Rom. Dabei handelt es sich in erster Linie um Tanzsätze, und sie sind eher schlicht gestaltet, verglichen mit den kapriziösen Werken Pandolfi Meallis aus früheren Jahren. 
Leider ist Longo der Versuchung erlegen, diese Musik auch gleich selbst einzuspielen. Das hätte er besser sein lassen sollen. Die CD, die bei Tactus erschienen ist, lässt staunen: Eine so miese Qualität habe ich wirklich lange nicht mehr gehört. Das hätte wohl jedes Laienensemble besser hinbekommen. Die Aufnahme ist sowohl musikalisch als auch akustisch unterirdisch. Zum Gruseln. Schade! 

Montag, 30. November 2015

Style fantastique (Carpe diem)

Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1624 bis um 1687) wuchs in Venedig auf. Nach dem Tode seines Vaters war seine Mutter dorthin gezogen, weil einer ihrer Söhne aus erster Ehe als Kastrat am Markusdom sang. Über seine Jugend und seine Ausbil- dung kann man nur Vermutungen anstellen; gesichert ist aber, dass Pandolfi Mealli 1660 in Innsbruck als Mitglied der Hofkapelle benannt wird. Sein Dienstherr, Erzherzog Ferdinand Karl, begeisterte sich vor allem für das Musiktheater. Er ließ 1654 das erste freistehende Opernhaus im deutschsprachigen Raum errichten und unterhielt ein weithin angesehenes Ensemble. 
Nach dem Tode des Herzogs 1662 endete diese Blütezeit. Auch Pandolfi verließ Innsbruck; 1669 war er erster Violinist an der Kathedrale von Messina. 1675 erstach der Musiker dort bei einem Streit einen Sänger mit dessen eigenem Schwert und musste fliehen. Über Frankreich reiste er nach Spanien. 1678 wurde er in Madrid als Geiger in der Cappella Reale della Corte angestellt. Mindestens fünf seiner Werke sind im Druck erschienen; allerdings sind nur drei davon erhalten – die Sonaten op. 3 und op. 4 von 1660 sowie die Sonate messinesi, veröffentlicht 1669 in Rom. 
Daraus erfahren wir, dass Pandolfi Mealli ein exzellenter Geiger gewesen sein muss. Denn die Sonaten aus seinen Innsbrucker Jahren sind irrwitzig schwierig, und dazu ausgesprochen kapriziös; ein Musikwissenschaftler sah darin sogar das „Zeugnis einer Zeit der Entartung“. Wenn man aber mehr über den stylus phantasticus weiß, wird man diese Musik eher als eine Ergebnis eines Experimentes betrachten, das Kreativität und Virtuo- sität Freiraum gibt; gleich neben der Improvisation, aber noch weniger durch Regeln gebunden. Mittlerweile kann man sich auch über die ersten Einspielungen der Sonaten Pandolfi Meallis freuen – und diese hier ist ein ganz besonderes Juwel, denn William Dongois spielt die Sonate a violino solo per chiesa e camera, opera III, auf dem Zink. Dieses Blasinstrument war noch zur Zeit Heinrich Schütz' in Europa weit verbreitet. Die Griff- lochtrompete, zumeist aus Holz gefertigt, stand in dem Ruf, die mensch- liche Stimme besonders gut imitieren zu können. Sie war allerdings schwierig zu erlernen, und kam aus der Mode, nachdem an den Höfen längst ein anderes Instrument Einzug gehalten hatte: Um 1650 wurde der Zink durch die Violine abgelöst. 
Dongois hat den Sonaten noch drei Werke Johann Jacob Frobergers (1616 bis 1667) zur Seite gestellt. Sie ergänzen das Programm vortrefflich. Über das Spiel des Franzosen kann man nur staunen. Denn er lässt diese höchst anspruchsvolle Musik so klingen, als wäre sie für den Zink geschrieben worden. Im Ensemble Le Concert Brisé musiziert Dongois zusammen mit Carsten Lohff, Cembalo und Orgel, und Éric Bellocq, Laute und Theorbe. Zu hören ist übrigens das originale Rückers-Cembalo des Musée d'art et d'histoire de Neuchâtel von 1632; es wurde 1745, wahrscheinlich durch den Pariser Instrumentenbauer Blanchet, erweitert. 
Le Concert Brisé hat sich zudem für eine Live-Aufnahme entschieden, und für die Produktion dieser CD drei Konzerte mitgeschnitten. Liest man die Begründung, die die Musiker im Beiheft formuliert haben, dann ist diese Entscheidung absolut nachvollziehbar – zumal sie in diesem Falle der Qualität der Aufnahme eher zugute kommt. Denn diese Musik lebt auch vom Augenblick, von der Inspiration, und vom Dialog mit dem Publikum. 
Dongois erweist sich als ein herausragender Zink-Virtuose; nirgends gibt es einen Wackler oder gar einen unsauberen Ton. Er spielt weich und sanglich, elegant und mit enormen Spannungsbögen, immer dezent und subtil. Le Concert Brisé musiziert mit faszinierender Leichtigkeit, und auch die „leisen“ Instrumente Cembalo und Laute sind im Zusammenspiel stets gut zu hören. Das ist ohne Zweifel eine der besten Aufnahmen des Jahres aus dem Bereich der „Alten“ Musik. Bravi! und: Unbedingt anhören!! 

Montag, 27. Juli 2015

Passagi (Atma Classique)

Zwei junge kanadische Musiker aus Kanada haben diese CD mit „alter“ europäischer Musik eingespielt. Vincent Lauzer, Blockflöten, hat ebenso wie der Cembalist und Organist Mark Edwards bereits etliche Wettbewerbe gewonnen. Für ihre Einspielung haben sie ein Programm zusammengestellt, das sich weniger an populären Melodien und bekannten Namen als vielmehr an musikhistorischen Entwicklungen orientiert. So erklingen die Variationen von Giovanni Bassano (1558 bis 1617) zu Orlando di Lassos Lied Susanne un jour, mit einer wahren Flut an Verzierungen. Ähnliches ist über die Variationen von Riccardo Rogniono (um 1555 bis um 1620) über das Madrigal Ancor che co'l partire von Cipriano de Rore zu berichten. Auch wenn die Komponisten sicherlich, wie es damals Brauch war, nicht alles ausnotiert haben, was die Musiker letztendlich gespielt haben, so geben diese beiden Werke doch einen interessanten Einblick in die damalige Musizierpraxis. Ähnlich sorgsam haben Lauzer und Edwards auch den Rest des Programmes zusammengestellt – mit Werken von Girolamo Frescobaldi (1583 bis 1643), Angelo Notari (1566 bis 1663), Angelo Berardi (um 1636 bis 1694), Dario Castello (um 1590 bis um 1630), zwei der expressiven Sonaten von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (um 1620 bis 1669) und zwei von seinem deutschen Kollegen Johann Heinrich Schmelzer (um 1620 bis 1680). Eine spannende Kombination, die beiden Musikern Gelegenheit bietet zu virtuosem und farbenreichem Spiel.  Unbedingt hörenswert.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Pandolfi: Sonate à Violino solo. Opera quarta (Arcana)

"So little information about Gio- vanni Antonio Pandolfi Mealli survives that an inquisitive liste- ner might be forgiven for suspec- ting that he was invented by a mischievous musicologist one wet Wednesday", schmunzelte der Geiger Andrew Manze 1999, als er für Harmonia Mundi USA Violin- sonaten Pandolfis einspielte.
Mittlerweile ist ein bisschen mehr bekannt, vor allem auch durch die akribische Spurensuche des Musik- historikers Fabrizio Longo. Er hat herausgefunden, dass Antonio Pandolfi am 17. Januar 1629 in der Toskana, und zwar in Montepul- ciano, getauft worden ist. Irgendwann ging dann seine Familie nach Venedig, wo sein Halbbruder Giovanni Battista Mealli als Kastrat an San Marco sang. 1660 erschienen bei einem Innsbrucker Noten- drucker seine Solosonaten; der Titel nennt als Autor D. Giovanni Antonio Pandolfi Mealli - und in der Tat scheint der Musiker den geistlichen Stand gewählt zu haben. 
Später findet man ihn als Violinisten in der Domkapelle von Messina. Dort musste er 1675 flüchten - und eine Lokalchronik verrät auch den Grund: Während einer feierlichen Messe am Morgen des 21. Dezem- ber stritt sich Pandolfi mit dem Altkastraten Giovanni Marquett. Dabei geriet er so in Rage, dass er dem Sänger das Rapier von der Seite riß und ihn damit durchbohrte. Stunden später erlag Marquett seiner Verletzung; Pandolfi entwich auf einem französischen Schiff und reiste über Frankreich nach Spanien. Dort wirkte er 1679 und 1680 nachweislich als Violinist der königlichen Hofkapelle. 
Der Chronist berichtet, Pandolfi sei am spanische Hof wegen seines Könnens sehr geschätzt worden, und habe dort bis zu seinem Tode als Priester und Musiker gewirkt. Noch unklar bleibt, wann und wo der Violinist letztendlich gestorben ist. 
Der österreichische Geiger Gunar Letzbor hat nun mit seinem En- semble Ars Antiqua Austria Pandolfis Sonate à Violino solo. Opera quarta eingespielt. Sie sind durchweg bestimmten Personen gewid- met; nicht alle davon hat man bereits erkannt. Bei der Gestaltung der Werke hat sich Pandolfi erstaunliche Freiheiten eingeräumt. Die Sonaten sind sämtlich sehr expressiv, und wirken teilweise wie improvisiert. Sie erinnern insgesamt stark an den stylus phantasti- cus, jede Sonate ist anders, und keine einzige folgt erkennbar for- malen Normen. Letzbor erkundet gemeinsam mit seinen großen Continuo-Ensemble diese seltsamen Werke. Gemeinsam mit Jan Krigovsky, Violone, Daniel Oman, Colascione, Pierre Pitzl, Gitarre, Hubert Hoffmann, Erzlaute und Norbert Zeilberger, Cembalo und Orgel,  hat Letzbor nach Klangfarben gesucht, die den Ausdruck dieser großartigen Musik unterstreichen und unterstützen. Diese Aufnahme ist ganz phantastisch; auf die Fortsetzung darf man gespannt bleiben.