Freitag, 31. Dezember 2021

Heinrich Scheidemann: Organ Musik (MDG)

 

Die Orgel der Barockkirche St. Pankratius in Neuenfelde ist ein ganz besonderes Instrument. Errichtet wurde sie 1688 von Arp Schnitger. 

Der Orgelbauer hatte eine enge Beziehung zu Neuenfelde; seine Frau stammte aus der Gemeinde, und Schnitger erwarb 1693 den Hof seines Schwiegervaters. In späteren Jahren wohnte er dort, und er liegt in St. Pankratius auch begraben. 

Es ist seine größte zweimanualige Orgel, mit 34 Registern in Rückpositiv, Oberwerk und Pedal. Außerdem ist sie durch den Meister vollständig neu angefertigt worden; das vorhandene Instrument von Hans Christoph Fritzsche aus den Jahren 1672/73, das für das 1682 neu errichtete Gotteshaus offenbar zu klein war, wurde durch Schnitger seinerzeit in eine andere Kirche nach Stade umgesetzt. 

Im 19. Jahrhundert wurde die Arp-Schnitger-Orgel durch Umbauten erheblich verändert. Im Zuge der Orgelbewegung und auch danach gab es diverse Versuche, das Instrument wieder zu instand zu setzen. Weil das Ergebnis nicht überzeugte, veranlasste Organist Hilger Kespohl schließlich eine umfassende Restaurierung. Sie wurde in den Jahren 2015 bis 2017 durch die Orgelwerkstatt Kristian Wegscheider ausgeführt – und dabei ist nach denkmalpflegerischen Grundsätzen der Zustand von 1688 weitgehend wieder hergestellt worden. 

Für seine zweite Einspielung an diesem herrlichen Instrument hat Hilger Kespohl ein Programm mit Werken von Heinrich Scheidemann (ca. 1596 bis 1663) zusammengestellt. Es umfasst sowohl Beispiele für Motettenkolorierungen des Hamburgers, als auch elegante Stücke nach weltlichen Vorlagen, die wohl eher im häuslichen Umfeld erklungen sind, sowie Choralbearbeitungen, wie Scheidemanns berühmte Choralfantasie Ein feste Burg ist unser Gott

Kespohl musiziert wunderbar, und auch die technische Qualität der Aufnahme gilt es an dieser Stelle zu rühmen. Man hat wirklich den Eindruck, im Kirchenraum zu sitzen. Grandios! 


12 Stradivari - Janine Jansen (Decca)

 

Gleich zwölf Stradivaris erklingen auf dieser CD. Janine Jansen hat dafür gemeinsam mit ihrem Klavierbegleiter Sir Antonio Pappano ein interessantes Programm erarbeitet, das nicht nur die klanglichen Vorzüge jeder einzelnen Geige betont, sondern auch einen Bezug zu berühmten Violinisten herstellt, die diese Instrumente in der Vergangenheit gespielt haben. 

Dieses Projekt ist beispiellos. Denn eine Stradivari gibt man nicht so einfach aus der Hand. Als Antonio Stradivari 1737 im Alter von 94 Jahren starb, hatte der Geigenbauer bereits einen einzigartigen Ruf. Könige kauften seine Instrumente – Gitarren, Violoncellos, Harfen, Bratschen, vor allem aber Violinen mit einem ausgeprägt individuellen Klang. Obwohl sie schon damals sehr wertvoll waren, sind im Laufe der Zeit durch Brände, Unfälle und Kriege etliche dieser Preziosen zerstört worden. 

Wenn heute Instrumente Stradivaris zum Verkauf stehen, dann werden Millionenbeträge dafür geboten. Nicht wenige der verbliebenen Geigen befinden sich daher gut geschützt in den Safes von Sammlern. Andere sind in Museen zu sehen. Einige werden aber auch von Solisten gespielt – Janine Jansen beispielsweise musiziert derzeit auf einer Stradivari, die vormals im Besitz von Pierre Rode und Oskar Shumsky war. 

J & A Beare Ltd gehört zu den wenigen Händlern, die sich heute noch in diesem hochspekulativen Markt bewegen. Die Experten dieses Unternehmens werden in Kürze eine sechsbändige Dokumentation veröffentlichen, „the ultimate Stradivari iconography“, wie Geschäftsführer Steven Smith im Beiheft zu dieser CD schreibt. Dazu passt diese Einspielung gut, und sie ist auch nur durch die Unterstützung durch J & A Beare möglich geworden. 

Die Aufnahmen sind für Stradivari-Fans ein Ereignis; das Repertoire, das von Tschaikowsky über Clara Schumann bis hin zu Szymanovski, Elgar und Vieuxtemps reicht, Fritz Kreisler natürlich nicht zu vergessen, ermöglicht es Janine Jansen, die individuellen Charaktere der einzelnen Instrumente zu demonstrieren und sie auf bestmögliche Art und Weise zu präsentieren. Einige dieser zwölf Geigen, die für die Aufnahmen aus der ganzen Welt nach London gebracht worden sind, hat seit Jahrzehnten niemand mehr gespielt; umso spannender ist diese CD.