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Dienstag, 20. Juni 2017

Hüttenbrenner: Geisterszenen (Helbling)

Geister faszinierten die Romantiker. Nicht nur in Romanen und Gedichten aus jener Zeit spukt es mitunter recht heftig. Elfen, Kobolde und auch weni- ger charmante Wesen erscheinen zudem auf der Bühne und im Konzertsaal. Wie jene Besucher aus überirdischen Sphären Musiker inspirierten, das zeigt Julia Rinderle auf ihrer Debüt-CD, die bei Helbling veröffentlicht wurde. 
Die junge Pianistin, die derzeit noch am Mozarteum in Salzburg studiert, stellt dafür neben die Geistervaria- tionen von Robert Schumann (1810 bis 1856) die Geisterszenen oder auch Geistererscheinungen von Anselm Hüttenbrenner (1794 bis 1868), Ton- gemälde für Klavier – letzteres übrigens in Ersteinspielung. Sie musiziert erfreulich souverän und ausgewogen. 
Hüttenbrenner gehörte zum Freundeskreis um Franz Schubert. Seine musikalische Ausbildung begann der Sohn eines Juristen in seiner Heimatstadt Graz, wo ihn Domorganist Matthäus Gell unterrichtete. Schon im Alter von acht Jahren spielte der Bub Konzerte von Mozart, Beethoven, Hummel und anderen, und schrieb seine ersten eigenen Werke. 
Nach dem Abschluss des Lyzeums ging Hüttenbrenner als Novize in ein Zisterzienerstift, um dann ab 1814 doch Jura zu studieren. 1815 nahm Antonio Salieri den begabten jungen Mann unentgeltlich als Schüler an. Mit der Empfehlung seines Lehrers versehen, hätte Hüttenbrenner als Pianist und Klavierpädagoge in Wien Karriere machen können – doch 1821 starb sein Vater, und als ältester Sohn musste er sich um die Güter der Familie kümmern. 
Der Musik blieb er dennoch treu; er komponierte, organisierte Konzerte und wirkte als Kritiker. Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1848 zog sich Hüttenbrenner allerdings zunehmend ins Privatleben zurück. Seine Geisterszenen gehören zu den späten Werken. In ihrer Virtuosität und auch in ihrer Ausdrucksstärke sollen sie in seinem Schaffen singulär sein. Im Druck sind die Noten dieser Klavierstücke übrigens erst jetzt, im Zusammenhang mit dieser Aufnahme, erschienen. 
Das ist eine enorme Bereicherung des Repertoires. Denn bei allem Spiri- tismus ist Hüttenbrenners Musik doch ziemlich kurzweilig, ausgesprochen phantasievoll und auch sehr farbenreich. Und von Zeit zu Zeit vermeint der Hörer, auch den Geist Chopins vorbeischweben zu hören. Julia Rinderle macht mit ihrer Einspielung deutlich, dass sich die Auseinandersetzung mit diesem Werk Hüttenbrenners wirklich lohnt. Unbedingt anhören, es ist in jeder Hinsicht eine Entdeckung. 

Mittwoch, 15. April 2015

O crux (Helbling)

A-cappella-Chormusik zur Fasten- und Osterzeit präsentiert auf dieser CD der Wiener Kammerchor unter Leitung von Michael Grohotolsky. Auch wenn die vorösterliche Fasten- zeit, ebenso wie die Adventszeit, als Tempus clausum eher eine Zeit der Stille und der Buße sein sollte, so gehörte Gesang doch stets zu den Mitteln der angestrebten Besinnung. 
Der Wiener Kammerchor präsentiert eine Auswahl gelungener Komposi- tionen für die Passionszeit, von Carlo Gesualdo di Venosa über Antonio Lotti und Fernando Sor bis hin zu Anton Bruckner, Max Reger und Michael Aschauer. Es sind prächtige Werke; allerdings hat der Chor seine Stärke sowohl stilistisch wie auch vom Chorklang her eher im Bereich der moderneren Musik. Er ist um uns'rer Missetat willen verwundet beispielsweise, eine Motette von Friedrich Wilhelm Kücken (1810 bis 1882), wird vom Wiener Kammerchor wundervoll gesungen. Erwähnt werden muss an dieser Stelle das Beiheft, das ausführliche Erläuterungen zu den einzelnen Werken, sämtliche Texte sowie Informationen über die Mitwirkenden bereithält. Und falls jemand Lust bekommen haben sollte, Werke nachzusingen – die Noten sind, welch ein Zufall, alle bei Helbling verfügbar.