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Samstag, 12. Februar 2011

Humperdinck: Königskinder (Crystal Classics)

Schon bei den ersten Takten, die selbstverständlich - es handelt sich um eine der sechs Märchenopern von Engelbert Humperdinck (1854 bis 1921) - dahergewagnert kommen, wird es jedermann klar, dass diese Geschichte nicht glücklich enden wird wie Hänsel und Gretel, das wohl berühmteste musikalische Weihnachtsmärchen des deutschen Stadttheaters.
Die Handlung der Königskinder ist eher ein Stück für den Psychoana- lytiker als eine Geschichte, die man Kindern erzählen kann: Tief im Wald lebt ein junges Mädchen bei einer Hexe, die sich als seine Großmutter ausgibt, und die "Trulle" als Gänsemagd und Mädchen für alles fleißig schaffen lässt. Weil sie ihre Sehnsucht nach anderen Menschen äußert, bannt sie die Alte mit einem Zauber, so dass sie den Wald nicht verlassen kann, und lässt sie zudem ein giftiges Brot backen, das nicht verdirbt.
Als die Hexe in den Wald geht, um "Pilze und Würzlein" zu suchen, trifft ein Königssohn, der sich im Wald verirrt hat, auf die Gänsemagd. Bei allerlei neckischen Spielchen zerreißt ihr Kränzlein - Freud lässt grüßen - und er gibt ihr eine Krone dafür. Doch dann kann sie sich vom Bann nicht befreien; der Königssohn zieht allein weiter. Und die Hexe sperrt die Trulle ein. 
Da kommen ein Spielmann, ein Holzhacker und ein Besenbinder des Weges. Sie erzählen der Hexe, dass der König gestorben ist, und dass die Leute nun nach einem neuen König suchen. Außerdem verraten sie der Gänsemagd, wer ihre Eltern waren - und diese fasst Mut, und bricht mit dem Spielmann auf, den Königssohn zu suchen. 
Zur Mittagsstunde trifft die Gänsemagd in der Stadt Hellabrunn ein, die sich bereits rüstet, um den König zu empfangen. Dieser soll, so hat es die Hexe prophezeit, eben mit dem Schlag der Mittagsglocke das Stadttor passieren. Sie begegnet dem Königssohn, der sich zwischen- zeitlich als Schweinehirt verdingt hatte, um Erfahrungen zu sammeln, und sie präsentieren sich den Bürgern als das neue Herrscherpaar. Doch diese finden das gar nicht lustig, und jagen die beiden davon. 
Das Finale ist entsprechend gruslig. Die Jahreszeit: Winter. Der Ort: Das frühere Hexenhaus, in dem nun der Spielmann haust, der miss- handelt und aus der Stadt verjagt wurde, weil er sich als Fürsprech für das junge Paar eingesetzt hat. Die Hütte haben die Bürger demoliert, und die Hexe verbrannt. Nun kommen ihre Kinder mit Holzhacker und Besenbinder, um ihn zurückzuholen, weil es ohne Lieder gar zu langweilig ist. Doch zuvor soll er mit den Kindern das Königspaar suchen. Holzhacker und Besenbinder bleiben in der Hütte zurück. Als der Königssohn dort anklopft, und um Essen und Trinken für seine kranke Gefährtin bittet, weisen sie ihn ab. Als er die Krone zerbricht, um Nahrung zu kaufen, geben sie ihm, was sie in der Hütte gefunden haben: Das vergiftete Brot der Hexe. 
Königskinder wurde 2008 von Deutschlandradio Kultur im Großen Saal der Philharmonie Berlin aufgenommen. Zu hören sind unter anderem Juliane Banse als Gänsemagd, Gabriele Schnaut als Hexe, Klaus Florian Vogt als Königssohn, Christian Gerhaher als Spielmann, sowie Andreas Hörl und Stephan Rügamer als Holzhacker und Besenbinder. Es singen der Rundfunkchor Berlin und der Berliner Mädchenchor. Es spielt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, es dirigiert Ingo Metzmacher. Und der nimmt Humperdincks traurige Geschichte kristallklar, kein bisschen romantisch überzuckert und verklärt - was ihre Brutalität offen zutage treten lässt. 
Anders als sein großes Vorbild setzte Humperdinck nicht systema- tisch auf Leitmotive, die Personen, Beziehungen oder Handlungen zugeordnet sind. Er setzt eher auf harmonisch-atmosphärische Bezüge, zitiert hier und da ziemlich offen Wagner, und verwendet sehr viel Sorgfalt auf die stilistische Trennung der Spielräume und auf die Gestaltung der zeitlichen Abfolge. Kein Happy End, keine grandiosen Arien. Kein Wunder, dass dieses Stück auf dem Spielplan der Theater und Opernhäuser heute nicht mehr zu finden ist. Hört man die Musik, wird man freilich sagen: Schade drum.