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Donnerstag, 10. Mai 2018

Gregorian Chants (MPS)

Wer sich für die Anfänge und Ursprünge unserer modernen Musik interessiert, der sollte diese Einspielungen der Capella Antiqua München kennenlernen: Auf drei CD erklingen ausgewählte gregorianische Gesänge für die wichtigsten Feste des Kirchenjahres – Adventszeit und Weihnachten, Fastenzeit und Ostern, sowie Pfingsten. Aber auch die Marienfeste sowie einige wichtige liturgische Gesänge wie das Nunc dimittis aus der Komplet, das Requiem der Totenmesse oder das Te deum laudamus sind zu hören – von der Choralschola in beeindruckender Klarheit und Harmonie gesungen. 
Im deutschsprachigen Raum haben diese Aufnahmen einst, mehr noch als die der Mönche von Solesmes, dazu beigetragen, die herbe Schönheit dieser alten liturgischen Gesänge auch Menschen zugänglich zu machen, die nicht am Stundengebet der Benediktiner oder Zisterzienser teilnehmen. Vom Introitus Rorate caeli desuper, der am vierten Advent gesungen wird, über das freudige Alleluia des Osterfestes bis hin zum Veni creator spiritus lässt die Choralschola der Capella Antiqua München unter Leitung von Konrad Ruhland den kirchlichen Jahreskreis hörbar und in seiner spirituellen Kraft erlebbar werden. 
Das Ensemble, 1951 gegründet und bis 1981 aktiv, gehörte zu den Vorreitern der Alte-Musik-Bewegung. Es widmete sich ebenso intensiv wie sachkundig der Musik des Mittelalters und der Renaissance – und vom gregorianischen Gesang aus erarbeitete sich die Capella Antiqua München den Zugang zu diesen lang vergessenen Klängen. So entstand schließlich die Idee, die Mönchsgesänge auf Schallplatte zu veröffentlichen. 
Aufgezeichnet wurde diese Jahrhunderteinspielung 1972 und 1973 im Pfarrhof Reuth, weit draußen in der Abgeschiedenheit, in Aicha vorm Wald, kurz vor der österreichischen Grenze. Erschienen sind diese legendären Aufnahmen dann bei dem Label MPS aus Villingen. Tonmeister Hans Georg Brunner-Schwer ist berühmt für seine exquisiten, technisch raffinierten, auf Perfektion bedachten Aufnahmen. Er widmete sich ganz überwiegend dem Jazz. Sein Vermächtnis pflegt heute die Edel AG; sie hat nun auch die Gregorianik-Aufnahmen mit der Capella Antiqua München sorgsam remastert und auf CD wieder zugänglich gemacht. Ein unglaublicher Schatz wurde da gehoben. Weltkulturerbe! 

Sonntag, 3. Dezember 2017

Koechlin: Oeuvres orchestrales (SWR Music)

Die Musik von Charles Koechlin (1867 bis 1950) ist hierzulande wenig bekannt. Zum hundertfünfzigsten Geburtstag des Komponisten – der am 27. November 1867 in Paris das Licht der Welt erblickte, aber seine Wurzeln im Elsass hatte – sind nun bei SWR Music in zwei Boxen jeweils sieben CD alle Koechlin-Produktio- nen des Senders erschienen. 
Als Zugabe gibt es jeweils ein umfangreiches Beiheft. Es enthält einen detailreichen Aufsatz von Otfrid Nies, der einen Überblick über Leben und Schaffen des Komponisten bietet. Nies setzt sich seit viele Jahren dafür ein, diesem Zeitgenossen von Debussy und Ravel mehr Beachtung zu verschaffen. Er hat dazu 1984 in Kassel das „Archiv Charles Koechlin“ gegründet, das mittlerweile über eine beeindruckende Kollektion an Dokumenten verfügt. 

Mit Sorgfalt zusammengestellt: höchst informatives Beiheft 

Otfried Nies und Robert Orledge, ebenfalls ein ausgewiesener Koechlin-Experte, haben dann ausführliche Anmerkungen zu den einzelnen Werken hinzugefügt. Diese werden gelegentlich durch Kommentare der beteiligten Musiker ergänzt. Außerdem sind die Texte sämtlicher Vokalwerke zu finden, und Kurzbiographien der Mitwirkenden – und all das auf Deutsch, Französisch und Englisch. Und als Zugabe gibt es obendrein noch Photographien von Koechlin. Soviel Sorgfalt ist selten; desto mehr ist der SWR zu loben, der diesen Aufwand treibt, um den Jubilar zu ehren und dem Musikfreund den Zugang zu seinem eigenwilligen Werk zu erleichtern. 
Charles Koechlin, obgleich mit Musik aufgewachsen, wollte eigentlich Ingenieur werden. Doch dann erkrankte er schwer an Tuberkulose, und musste seine Lebenspläne ändern. Er wandte sich der Musik zu, und studierte am Conservatoire, zunächst bei Jules Massenet, und dann bei Gabriel Fauré. Aber auch die Musik von Claude Debussy schätzte Koechlin sehr: „Il suffit parfois d'une seule mesure chez un génial confrère, pour nous ouvrir la porte sur des jardins enchantés, où nous pourrons très bien cueillir d'autres fleurs que les siennes“, so beschrieb er in seinen Memoiren die Inspiration, die er durch dessen Stück Mandoline erfuhr. 
Das Werk von Charles Koechlin ist umfangreich, und umfasst nahezu alle Gattungen mit Ausnahme von Opern, Oratorien und anderer geistlicher Chormusik. Ein besonderes Faible hatte der Komponist für das Orchestrieren; diese Gabe nutzten auch seine Kollegen gern, so dass er beispielsweise Faurés Musik zu Pelléas et Mélisande oder Debussys Ballettmusik Khamma orchestrierte. Seine Erfahrungen in diesem Bereich gab er in dem vierbändigen Traité de l'orchestration weiter. 
Schon im Jahre 2001 startete der SWR das Koechlin-Projekt; dabei arbeiteten der Stuttgarter Rundfunksender mit seinem Radio-Sinfonie- orchester, Dirigent Heinz Holliger und Otfrid Nies mit dem Archiv Charles Koechlin eng zusammen. Die beiden CD-Boxen zeigen, wie viele Facetten Koechlins Werk hat. Da wäre zunächst die Kammermusik, auf vier CD zusammengefasst – wobei der Komponist die Bläser offenbar sehr schätzte, insbesondere Klarinette und Flöten. Doch auch für Streichinstru- mente hat er etliche Werke geschrieben. 

Koechlins magische Musik - oder: Fronarbeit im Zaubergarten  

Entstanden sind die Aufnahmen im Laufe vieler Jahre. Auch die Liste der Mitwirkenden ist lang; sie reicht von Dirk Altmann, Klarinette, über Peter Bruns, Violoncello, bis hin zu Peter Thalheimer, Flöte. Die meisten Interpreten sind Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart und haben sich über viele Jahre mit dem Werk Koechlins beschäftigt. 
Die Klavierwerke, auf drei CD, hat Michael Korstick eingespielt. Der Pianist wurde durch eine CD auf die Musik Koechlins aufmerksam: „Gleich mit den ersten Akkorden öffnete sich ein fremdartiger Zaubergarten voller süchtig machender Farben und Düfte“, berichtet er. Korstick fragte beim Archiv nach – und bekam von Otfried Nies ein Notenpaket. „Allerdings sind die feinsinnigen und farbigen, eine große innere Ruhe ausstrahlenden Klavierschöpfungen Koechlins für den Pianisten eine harte Nuss“, stellt Korstick fest. „Der stark orchestral konzipierte Satz kümmert sich nicht im geringsten um das mit zwei Händen Machbare, wirkt mit seinen extrem aufgefächerten Akkorden über weite Strecken wie das Particell eines Orchesterwerks, welches vom Pianisten erst in einem ,Griffplan' eingerichtet werden muss und zudem noch ganz eigene, hoch differenzierte Pedaltechniken erforderlich macht.“ 
Die Veröffentlichung mit den Orchesterwerken Koechlins enthält zahlreiche Weltersteinspielungen. Sie bietet einen breiten Überblick über Koechlins Schaffen, von den frühen Orchesterliedern über orchestrierte Werke anderer Komponisten bis hin zu seinen klanggewaltigen und üppig besetzten Spätwerken. 
Koechlins Musikstücke beziehen sich oftmals auf Außermusikalisches, wie Literatur oder Filme. Am ehesten bekannt sind wohl seine Musikstücke zum Dschungelbuch von Rudyard Kipling, wie Chanson de nuit dans la jungle, Le Chant de Kala Nag oder Les Bandar-Log. Auf sieben CD erklingen die von 2000 bis 2012 aufgenommenen und veröffentlichten Produktionen des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart unter Heinz Holliger sowie La Méditation de Purun Bhagat, ebenfalls ein Dschungelbuch-Stück. 

Freitag, 16. Dezember 2016

Chants for Christmas from the 15th and 16th Century (MPS)

Weihnachtslieder aus dem 15. und
16. Jahrhundert in unterschiedlichen Besetzungen für Chor und historische Begleitinstrumente stellt ein Album vor, das die Capella Antiqua Mün- chen 1970 für MPS eingespielt hat. Diese Legende ist nunmehr erstmals als CD erhältlich; auch die Wieder- auflage des Albums als LP wurde direkt vom originalen Masterband audiophil hergestellt und produziert. 

Die Capella Antiqua München, 1963 gegründet und geleitet von Konrad Ruhland, gehört zu den Pionieren der historischen Aufführungspraxis. In MPS Records hatte das Ensemble seinen klangästhetisch idealen Produktionspartner gefunden. Den Sängern und Instrumentalisten sind in der Zusammenarbeit mit den Spezialisten des Labels viele Referenzaufnahmen gelungen. Erinnert sei nur an die Einspielungen gregorianischer Choräle durch die Chorschola – sie setzen noch heute Maßstäbe. 
Das Weihnachtsalbum wurde durch das gesamte Ensemble gestaltet. Zu hören sind weniger bekannte Weihnachtslieder wie In natali domini, Dies est laetitiae oder Enatus est Emanuel in Sätzen aus der Zeit zwischen 1440 und 1620. Unterschiedliche Besetzungen, von „Männerstimmen mit Glocken“ bis hin zu einzelnen Singstimmen mit historischen Instrumenten wie Flöte, Fidel, Krummhorn, Dulcian, diversen Posaunen und Bassgam- be, und von kleinen Instrumentalgruppen bis hin zum sechsstimmigen Chor a capella, sorgen ebenso für Abwechslung wie die geschickte Zusam- menstellung des Programmes. 
Wer die ewig gleichen Weihnachtshits nicht mehr hören kann, der findet hier ein Album, das garantiert kein Kaufhausgedudel enthält. Für mich gehört die CD zu den schönsten Weihnachtsalben überhaupt – und die Qualität dieser Aufnahme ist obendrein phänomenal. Unbedingt anhören!