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Mittwoch, 25. Juli 2012

Ponchielli: Concertos (MDG)

"Gran brutto lavorar, il lavorar per banda / È come coltivar de- serta landa" - übersetzt wird das im Beiheft zu dieser CD: "Mit Blasmusik sich abzurackern / heißt ödes Heideland beackern", diese Reime notierte einst Amil- care Ponchielli (1834 bis 1886) auf einer seiner Partituren. Dennoch komponierte er für seine "Räuber- bande" - wie er das Blasorchester, italienisch banda, nannte, dem er etliche Jahre lang vorstand - be- merkenswerte Konzerte.
Die Solopartien sind ausgesprochen anspruchsvoll, was uns verrät, dass Ponchielli, bei allem Zähneknirschen, exzellente Instrumenta- listen zur Verfügung standen. Sie haben den Komponisten offenbar auch in technischen Fragen beraten. So schreibt Ponchielli auf dem Titel des Trompetenkonzertes in Es-Dur op. 198, es sei von "diversen Autoren". Wesentliche Teile dieses Konzertes, darunter ein wunder- volles Andantino, stammen aber hörbar aus der Feder des maestro. Die anschließende Stretta bietet ein wahres Feuerwerk an Kolora- turen auf - der junge Trompeter Giuliano Sommerhalder wagt sich an dieses atemberaubende Stück, und man muss sagen, das macht er gar nicht schlecht. Es dürfte seine Gründe haben, warum so viele Werke aus der Frühzeit der modernen Blasinstrumente in den Archiven schlummern. Vermutlich muss man ein Ausnahmetalent sein, ein Paganini der Trompete, um diese brillanten Werke angemessen vortragen zu können.
Virtuoses Spiel und zugleich die Fähigkeit, ausdrucksstark in großen Linien zu gestalten, verlangt auch das Trompetenkonzert F-Dur
op. 123. Es wurde im April 1866 durch die Banda Nazionale in Cre- mona uraufgeführt; wenige Wochen später tobten ganz in der Nähe die letzten großen Schlachten der italienischen Unabhängigkeits- kriege. Das Kampfgetümmel zieht sich auch durch diese Musik. Man hört den Aufmarsch der Heere, die Trompetensignale, Schlachten- lärm und Geschützdonner sowie die Totenklage. Doch der Schluss nimmt auch die Siegesfeier vorweg - und dieser Sieg wird tempera- mentvoll gefeiert.
Ganz anders klingt die Fantasie über Motive aus La Traviata op. 146. Dafür hat Ponchielli die tragischen Stellen aneinandergereiht - von Champagnerlaune und Liebestaumel keine Spur. Die Entsagung der sterbenden Violetta lässt der Komponist heraustrompeten, und die Trauer am Totenbett wird sagenhaft munter umspielt. An Humor jedenfalls scheint es Ponchielli nicht gemangelt zu haben.

Das zeigt sich auch an seinem Gran Capriccio op. 80, das Ponchielli 1876 seinem Freund Cesare Confalonieri übergab, dem er schon im Kindesalter ein Piccolo Concertino geschrieben hatte. Der Solo-Oboist der Mailänder Scala und Professor am dortigen conservatorio muss ein herausragender Instrumentalist gewesen sein, denn dieses Werk verlangt dem Solisten alles ab. Simone Sommerhalder nimmt diese Partie, die mitunter an ein Zirkuskunststück erinnert, erstaun- lich locker, und kann damit überzeugen. 
Ponchielli schuf auch das allererste Konzert für Euphonium. Dieses Instrument war damals eine Innovation; um die Verwandtschaft streiten sich die Familien der Bügelhörner und der Tuben. Eines steht jedoch fest: Es  trägt seinen Namen "das Wohlklingende" zu Recht. Das Concerto per Flicorno Basso op. 155 hat Amilcare Ponchielli 1872 zu Papier gebracht. Für wen er es komponiert hat, das ist nicht bekannt. Aber auch dieser Musiker muss ein Meister seines Faches gewesen sein. Der Schweizer Euphonist Roland Fröscher spielt dieses Werk klangschön, und er hat hörbar Vergnügen an den Kapriolen, die Ponchielli seinerzeit mit Melodien verknüpft hat, die durchaus das Format zum Hit haben. Neun Monate später wurde der maestro in Mailand für seine Oper I promessi sposi gefeiert - aber das ist eine andere Geschichte.
Für diese CD wurden seine Werke, die ursprünglich ausschließlich mit Bläsern besetzt waren, für Sinfonieorchester bearbeitet. Die Orche- strierung für das Gran Capriccio übernahm 1970 der Berliner Kompo- nist Wolfgang Hohensee auf Anregung des Oboisten Burkhard Glaetz- ner. Alle anderen Werke arrangierte Max Sommerhalder, Professor für Trompete an der Musikhochschule in Detmold. Es musiziert die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin unter Matthias Foremny. Sie entwickelt eine gehörige Portion Italianità, und ist den hervor- ragenden Solisten ein angemessener Partner.

Samstag, 11. September 2010

Giuliano Sommerhalder - Romantic Virtuosity (Solo Musica)

Trompeter haben ein Problem: Wollen sie konzertieren, dann müssen sie zumeist weit in der Musikgeschichte zurückgehen, um geeignete Literatur zu finden. Das hat seinen Grund darin, dass Pau- ken und Trompeten üblicherweise zur Klangwelt des Adels gehörten. Mit dem Aufkommen eines bürger- lichen Musiklebens verschwanden sie in die hinteren Reihen des Sin- fonieorchesters; und wer Trompe- tenkonzerte sucht, die nicht aus dem Generalbass-Zeitalter stammen, der muss tief schürfen.
Giuliano Sommerhalder, Jahrgang 1985, seit 2006 Solotrompeter des Gewandhausorchesters Leipzig, hat sorgfältig gesucht - und ganz erstaunliche Werke sowohl für die moderne Trompete als auch für ihren volkstümlichen Bruder, das Cornet à Pistons, entdeckt. So schrieb Oskar Böhme (1870 bis 1938), geboren in Potschappel bei Dresden, ein Trompetenkonzert in e-Moll op. 18, das an Mendels- sohns Violinkonzert erinnert. Die CD enthält auch noch zwei Bravour- stücke für Cornet à Pistons, die erahnen lassen, warum 1897 das Mariinskij-Theater in St. Petersburg den jungen Musiker als Solo- trompeter engagierte. Grandios! 
Wilhelm "Wassily" Brandt (1869 bis 1923) stammte aus der Coburger Gegend, spielte mit 18 Jahren bereits als Solotrompeter der Philhar- monie von Helsinki, und wechselte 1890 nach Moskau ans Bolschoi-Theater. Er lehrte bis 1911 als Professor am Moskauer Konservato- rium, und gilt als Begründer der russischen Trompetenschule. Sommerhelder hat hörbar Vergnügen an seinem halsbrecherischen Ersten Konzertstück in f-Moll op. 11, und auch an dem Zweiten Konzertstück in Es-Dur op. 12 mit seinem Marschfinale und seinen Anleihen bei der russischen Ballettmusik. 
Russland aber ist den beiden deutschen Trompetenvirtuosen zum Verhängnis und zum Schicksal geworden. Böhme starb, nach offiziel- len Daten 1938, irgendwo in Sibirien. Brandt wurde 1912 an das Konservatorium im wolgadeutschen Saratow berufen. Dort starb er 1923 an Sepsis, "nachdem zwei Jahre Hungersnot, Aufruhr und Seuchen die dortige Bevölkerung dezimiert hatten", so Max Som- merhalder in dem sehr informativen Beiheft: "Das Wrack seines Instrumentes wurde ein halbes Jahrhundert später im über- schwemmten Keller seines Hauses gefunden." 
Gustav Cords (1870 bis 1951) und Carl Höhne (1860 bis 1927) lebten in Berlin; Sommerhalder hat aus ihrem Schaffen die Konzert-Fantasie es-Moll bzw. die Slawische Fantasie, beide für Cornet à Pistons, ausgewählt. Glanzstück der CD ist jedoch das Konzert Nr. 1 in c-Moll von Wladimir Ananjewitsch Peskin (1906 bis 1988), der in Genf aufgewachsen war, wo sein revolutionär gesinnter Vater im Exil lebte. 1917 kehrte die Familie nach Russland zurück; Peskin studierte am Moskauer Konservatorium Klavier, musste das Studium jedoch aufgeben, weil seine Hände dieser Belastung nicht gewachsen waren. 
Als sein Vater von Stalins Schergen verfolgt und seine Mutter nach Kasachstan deportiert wurde, verdingte sich Peskin als Pianist beim Balalaikaorchester der Roten Armee. Dort lernte er Timofej Dok- schitzer kennen, einen Trompetenstudenten, der später weltberühmt werden sollte. Er wurde sein Klavierbegleiter, und komponierte zahlreiche Stücke für ihn - darunter auch das hochvirtuose Werk, das diese CD eröffnet. Es dürfte weltweit noch immer nicht allzu viele Trompeter geben, die sich an Peskins Werke heranwagen. 
Sommerhalder ist diesem irrsinnig schwierigen Stück technisch wie musikalisch in jeder Hinsicht gewachsen. Es klingt, es klingt sogar faszinierend gut, und auch die anderen "romantischen" Stücke gestaltet der junge Trompeter so gekonnt, dass es Spaß macht, ihm zuzuhören. Begleitet wird Sommerhalder von der Neuen Philharmo- nie Westfalen unter Heiko Mathias Förster.