Dienstag, 31. März 2020

Mozart: Early String Quartets (MDG)

Diese CD ist das Finale einer sehr besonderen Edition: Das Leipziger Streichquartett - noch in der Besetzung Conrad Muck und Tilman Büning, Violine, Ivo Bauer, Viola und Matthias Moosdorf, Violoncello - hat auch die frühen Streichquartette von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) vollständig eingespielt. 
Damit komplettierte das Ensemble seine zu Recht hochgelobte Gesamt- aufnahme der Streichquartette des Komponisten. Parallel dazu arbeitet das Leipziger Streichquartett noch an einem weiteren bedeutenden Projekt zur Wiener Klassik – die Musiker aus der Messestadt spielen bei MDG auch alle Streichquartette von Joseph Haydn ein. 
Als der junge Mozart 1770 sein erstes „Quatro“ schrieb, war die Gattung noch jung und erstaunlich flexibel. Besetzung, Satzfolge, formale Anlage – die Abgrenzung zu ähnlichen Werken, wie Serenaden und Divertimenti, beschäftigte wohl mehr die Musikwissenschaft in späteren Jahrhunderten als jene Komponisten, die das Quartett damals erprobten und weiterentwickelten. 
Salzburg freilich scheint für solche Experimente nicht gerade eine Quelle der Inspiration gewesen zu sein: Entstanden sind Mozarts frühe Streichquartette durchweg auf Reisen. Bei seiner ersten Italienreise schrieb der 14jährige KV 80. Die Quartette KV 155 bis 160, von der zweiten Italienreise 1772/73, sind heute als „Mailänder Quartette“ bekannt. Und die Quartette KV 168 bis 173 schrieb Mozart während eines Aufenthaltes von Juni bis September 1773 in Wien. 
Das Leipziger Streichquartett zeigt mit dieser Einspielung, mit welcher Innovationsfreude Mozart das neue Genre und seine Möglichkeiten erkundete. Und auch wenn diese Stücke ein wenig im Schatten der berühmten „großen“ Quartette stehen, zeigen sich hier doch bereits der enorme Einfallsreichtum und die herrlichen Melodien, mit denen sich der Komponist auf Dauer einen Platz im musikalischen Olymp gesichert hat. 
Das grandiose Leipziger Streichquartett musiziert perfekt aufeinander abgestimmt. Das wird besonders dort deutlich, wo sich die Stimmen Motive wie Bälle zuwerfen, wo ein Spieler die Phrase eines anderen aufnimmt und fortsetzt. Alles wirkt sehr sorgfältig durchgearbeitet, sehr kultiviert – und der warme, harmonische Streicherklang der Leipziger ist ebenfalls ein Ereignis. Überwältigend. 

Samstag, 28. März 2020

Inferno e Paradiso - Simone Kermes (Sony)

Um Himmel und Hölle geht es Simone Kermes bei ihrem neuen Album Inferno e Paradiso. „Das sind klare Symbole für Tugend und Todsünde – der ewige Kampf zwischen Gut und Böse“, schreibt die Sopranistin in ihrem Geleitwort. Im Zeitalter von Klimawandel und Terrorattacken fragt sie sich, wo Demut und Mäßigung bleiben. Und so kam sie auf die Idee zu diesem Projekt: Simone Kermes hat, quer durch die Musikgeschichte, Songs und Arien ausgewählt, die entweder eine Tugend besingen – oder aber eine Todsünde. 
Gemeinsam mit den Amici Veniziani (und famos aufgezeichnet von Jonas Niederstadt) lässt die Sopranistin 14 Stücke aus vier Jahrhunderten erklingen, die deutlich machen, dass Himmel und Hölle gar nicht so weit voneinander entfernt sind. So ist es Maria Maddalena, die in Pompe inutili, einer hinreißend schönen Arie von Antonio Caldara, den unnützen Pomp von sich weist. Zwei Arien von Johann Adolf Hasse, beide in Weltersteinspielung, setzen sich mit Eifersucht und Ignoranz auseinander. 
Sinnbild der Demut hingegen ist für Kermes Johann Sebastian Bachs „Erbarme dich“-Arie aus der Matthäuspassion. Doch längst nicht alle Stücke auf der CD stammen aus der Vergangenheit. Der finnische Komponist und Arrangeur Jarkko Riihimäki hat für die Sängerin auch einige bekannte Melodien aus der Gegenwart arrangiert: Poker Face von Lady Gaga steht für die pure Wollust. Fields of Gold von Sting ist für Simone Kermes der Song der Liebe. 
Vom Hochmut berichtet Led Zeppelins Stairway to Heaven. Und – man glaubt erst einmal, sich zu verhören! – mit Udo Jürgens Hit Aber bitte mit Sahne besingt die Sopranistin die Völlerei. Es ist verblüffend, aber diese Arrangements wirken mitunter so „antik“, als hätten diese Lieder „seit dem 17. Jahrhundert verstaubt in Londoner Regalen gelegen“, so Kermes. Das Lied über die Schlagsahne schaufelnden Damen beispielsweise ist trotz barocker Verkleidung durchaus wiederzuerkennen, aber es ist nun eher Farinelli als deutscher Schlager. Ein interessantes Experiment. 
Kermes und ihre Musiker präsentieren die Musik von Antonio Vivaldi ebenso versiert wie die von Led Zeppelin. So manches Stück auf dieser CD ist hoch virtuos, musikalisch enorm anspruchsvoll. Das wohl schönste Stück ist allerdings Stings Ballade. Und hier zeigt die Star-Sopranistin, dass sie auch schlicht kann; sehr berührend.