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Montag, 1. November 2021

Witches, Queens & Heroines (Perfect Noise)

 

Wenn brave Mädchen in der Barockoper vorkommen, dann sind sie entweder Opfer, oder eine Trophäe – und deshalb haben Margriet Buchberger und das Ensemble Il Giratempo für diese CD nach den „wilden“ Frauen in den Opern von Georg Friedrich Händel Ausschau gehalten. 

Lange mussten sie nicht suchen, denn Händels Opernheldinnen sind meistens Charaktere – von der Königstochter Medea über die Königin Cleopatra bis hin zur Fee Morgana oder Zauberin Alcina, die alle Männer, die auf ihrer Insel eintreffen, in Schweine verwandelt. 

Bevor diese Damen siegreich, oder zumindest geläutert, von der Bühne abtreten, bevor sie endgültig entfliehen oder gar untergehen, singen sie grandiose Arien. Denn Händel standen in seiner Company mit Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni gleich zwei erstklassige Sängerinnen zur Verfügung, die er mit attraktiven Rollen und hochvirtuosen Partien bei Laune halten musste. 

Virtuos singt auch Margriet Buchberger. Die Sopranistin wird vom Ensemble Il Giratempo, unter Leitung von Konzertmeisterin Zsuzanna Czentnár, schwungvoll begleitet. Leider achtet die Sängerin mehr auf das Dekorative als auf das Dramatische in der Musik. So klingen auf diesem Album alle Rollen irgendwie ähnlich. Wer eine Hexe ist, und wer eine Königin, das möchte man aber hören. Eigentlich kann ein Sänger auch deutlich machen, warum gerade an dieser Stelle jetzt genau diese atemberaubende Koloratur erklingt. In diesem Falle bleibt es ein Rätsel. Schade. 


Sonntag, 12. September 2021

Mephistopheles and other bad guys (Pentatone)

 

Wenn es darum geht, Finsterlinge auf die Opernbühne zu bringen, dann entscheiden sich Komponisten oftmals für die tiefe Stimmlage. Ob der Landsknecht Caspar in Carl Maria von Webers Freischütz, ob Stadtrat Lindorf und Dapertutto aus Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach – eine Oper, in der der Teufel durch jeden Akt geistert – oder Alberich aus Richard Wagners Rheingold – auf dieser CD präsentiert Kevin Short seine ganz persönliche Auswahl an fiesen Charakteren. 

Begleitet vom Orchestre Philharmonique de Marseille unter der Leitung von Lawrence Foster, singt der Bassbariton Arien aus gut 200 Jahren Musikgeschichte, von Mozart über Beethoven, Verdi und Meyerbeer bis hin zu Stravinsky und Getty. In den Mittelpunkt stellt Short die Figur des Mepistopheles, in all ihren diversen Opernfacetten von Gounod bis Berlioz und von Boito bis Mussorgsky. 

Kevin Short, im Charakterfach herausragend, hat eine faszinierende Stimme, wandelbar und farbenreich. Vom strahlenden, warmen Baritonglanz bis hin zum unheilvollen tiefen Grollen steht dem Amerikaner ein unglaublich breites Spektrum an stimmlichem Ausdruck zur Verfügung. Phänomenal – unbedingt anhören, lohnt sich! 


Dienstag, 24. November 2020

Care Pupille - Samuel Marino (Orfeo)

 


Ein neuer Star betritt die Opernbühne: Samuel Mariño ist ein Stimmphänomen. Auf dieser CD präsentiert der junge venezolanische Sopranist Arien von Georg Friedrich Händel und dem frühen Christoph Willibald Gluck. Und sein Gesang lässt erahnen, wieso die Stimmakrobatik der Kastraten einst das Publikum derart fasziniert hat. 

Mariño beeindruckt durch technische Perfektion, eine unglaubliche Atemführung, absolut mühelos wirkende Koloraturen, eine sagenhafte Höhe und eine Ausdrucksstärke, die selbst den Hörer am Lautsprecher mitreißt. Mariños Gesang ist berückend. Seine Stimme hat, ganz besonders im Mezza voce und im Piano, eine Klarheit, Reinheit und auch Zartheit, der man sich nicht entziehen kann. Dennoch hat sein Vortrag Biss und wirkt ausgesprochen maskulin. 

In der mittlerweile langen Riege der Herren, die sich für die hohe Stimmlage entschieden haben, ist Mariños Stimmklang einzigartig. In seinem Programm auf dieser CD zeigt der junge Sopranist sowohl Virtuosität, Leidenschaft und Kraft als auch seine Fähigkeit zu Pathos und Kantilene. 

Mit seinem Gesang gestaltet er die unterschiedlichsten Figuren eindrücklich, und das Händelfestspielorchester Halle/Saale unter Leitung von Michael Hofstetter bietet dem Solisten dafür einen wunderbar farbigen orchestralen Rahmen. Hingewiesen sei zudem darauf, dass die Gluck-Arien durchweg in Weltersteinspielung erklingen. Phänomenal! 


Samstag, 18. Juli 2020

Farinelli - Cecilia Bartoli (Decca)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), bekannter unter seinem Künstlernamen Farinelli, war ein Superstar des 18. Jahrhunderts. Wo immer er auftrat, geriet das Publikum schier in Ekstase. Die Arien, die Komponisten speziell für ihn geschrieben haben, sind eine Klasse für sich. Schaut man in die Noten, so muss der Kastrat eine unglaubliche Technik, einen sagenhaften Stimmumfang, vor allem auch in der Höhe, und schier endlos Luft zur Verfügung gehabt haben. 
Heute, wo die Musik der Barockoper durch spezialisierte Ensembles allmählich wieder zum Klingen erweckt wird, sind seine Arien noch immer eine Herausforderung für Sängerinnen und Sänger. „Farinelli hatte eine durchdringende, voll, satte, helle und wohlmodulierte Sopranstimme“, so schrieb einst der Flötist Johann Joachim Quantz. „Passagenwerk und allerhand Melismen stellte keine Schwierigkeit für ihn dar. Sein Einfallsreichtum bei der freien Verzierung von Adagios war stets ausgesprochen ergiebig.“ 
Farinelli und seiner Gesangskunst widmet Cecilia Bartoli ihr neues Album. Die Koloratur-Mezzosopranistin hat sich barocker Musik seit vielen Jahren verschrieben. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini hat sie für diese Einspielung ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auch zwei Weltersteinspielungen enthält. Um den berühmten Kollegen zu ehren, zieht Cecilia Bartoli alle Register ihres Könnens. In ihrem Gesang kombiniert sie Virtuosität mit emotionaler Unmittelbarkeit, und die Reife ihrer Stimme unterstreicht den starken Ausdruck eher noch. Beeindruckend! 

Samstag, 28. März 2020

Inferno e Paradiso - Simone Kermes (Sony)

Um Himmel und Hölle geht es Simone Kermes bei ihrem neuen Album Inferno e Paradiso. „Das sind klare Symbole für Tugend und Todsünde – der ewige Kampf zwischen Gut und Böse“, schreibt die Sopranistin in ihrem Geleitwort. Im Zeitalter von Klimawandel und Terrorattacken fragt sie sich, wo Demut und Mäßigung bleiben. Und so kam sie auf die Idee zu diesem Projekt: Simone Kermes hat, quer durch die Musikgeschichte, Songs und Arien ausgewählt, die entweder eine Tugend besingen – oder aber eine Todsünde. 
Gemeinsam mit den Amici Veniziani (und famos aufgezeichnet von Jonas Niederstadt) lässt die Sopranistin 14 Stücke aus vier Jahrhunderten erklingen, die deutlich machen, dass Himmel und Hölle gar nicht so weit voneinander entfernt sind. So ist es Maria Maddalena, die in Pompe inutili, einer hinreißend schönen Arie von Antonio Caldara, den unnützen Pomp von sich weist. Zwei Arien von Johann Adolf Hasse, beide in Weltersteinspielung, setzen sich mit Eifersucht und Ignoranz auseinander. 
Sinnbild der Demut hingegen ist für Kermes Johann Sebastian Bachs „Erbarme dich“-Arie aus der Matthäuspassion. Doch längst nicht alle Stücke auf der CD stammen aus der Vergangenheit. Der finnische Komponist und Arrangeur Jarkko Riihimäki hat für die Sängerin auch einige bekannte Melodien aus der Gegenwart arrangiert: Poker Face von Lady Gaga steht für die pure Wollust. Fields of Gold von Sting ist für Simone Kermes der Song der Liebe. 
Vom Hochmut berichtet Led Zeppelins Stairway to Heaven. Und – man glaubt erst einmal, sich zu verhören! – mit Udo Jürgens Hit Aber bitte mit Sahne besingt die Sopranistin die Völlerei. Es ist verblüffend, aber diese Arrangements wirken mitunter so „antik“, als hätten diese Lieder „seit dem 17. Jahrhundert verstaubt in Londoner Regalen gelegen“, so Kermes. Das Lied über die Schlagsahne schaufelnden Damen beispielsweise ist trotz barocker Verkleidung durchaus wiederzuerkennen, aber es ist nun eher Farinelli als deutscher Schlager. Ein interessantes Experiment. 
Kermes und ihre Musiker präsentieren die Musik von Antonio Vivaldi ebenso versiert wie die von Led Zeppelin. So manches Stück auf dieser CD ist hoch virtuos, musikalisch enorm anspruchsvoll. Das wohl schönste Stück ist allerdings Stings Ballade. Und hier zeigt die Star-Sopranistin, dass sie auch schlicht kann; sehr berührend. 

Sonntag, 30. Juni 2019

Prologue (Pentatone)

Ein ganz besonderes Konzept hat sich Francesca Aspromonte für ihr Debütalbum bei dem Label Pentatone überlegt: Die junge italienische Sopranistin konzentriert sich auf Prologe, die einst, in der frühen Barockoper, wie ein Vorwort der eigentlichen Handlung vorangestellt waren. 
In diesen Eröffnungszenen betritt eine allegorische Figur die Bühne und bereitet das Publikum auf das kommende musikalische Drama vor. Mitunter verweist sie auch auf den Anlass, dem das Werk gewidmet ist – beispielsweise eine Hochzeit, die Geburt eines Thronfolgers oder der Geburtstag eines Fürsten. Und natürlich berichtet sie über sich selbst, sie singt von Gott und der Welt, und verblüffend oft auch über die Szenerie und über das Wetter. 
„Auf dieser CD beginnt eine Oper niemals richtig, denn mit jedem neuen Track stellen wir eine neue Begrüßung und einen neuen Anfang vor“, schreibt Francesca Aspromonte im Beiheft, das übrigens mit viel Sorgfalt zusammengestellt ist. „Doch dann steigen diese allegorischen Figuren von ihrem Sockel hinab, verlassen die Bühne, reichen ihre Hand dem Hörer, der auf dem Sofa liegt, und flüstern ihm ins Ohr, woher sie kommen ... welche Farbe das Haar der Königin hat … wie schön und sternenklar der Himmel der Mitsommernacht ist … in Venedig.“ 
In Claudio Monteverdis L'Orfeo, einer der ersten Opern überhaupt, betritt zum Prolog La Musica höchstpersönlich die Bühne. Auch Amor, Venus, die Harmonie, die Stadt Rom oder La Gloria Austriaca, der Ruhm Österreichs, gehören zum ziemlich bunten Reigen jener Figuren, die Textdichter und Komponisten einst aufboten, um das Publikum auf ihre Oper einzustimmen. 
Gemeinsam mit Enrico Onofri, dem Leiter des Ensembles Il pomo d’oro, hat Francesca Aspromonte für dieses Album Prologe von Claudio Monteverdi, Giulio Caccini, Francesco Cavalli, Stefano Landi, Luigi Rossi, Pietro Antonio Cesti, Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti ausgewählt. Mit ihren Prologen haben diese Komponisten Miniaturen geschaffen, auf die die Musiker nun zu Recht verweisen. Denn sie sind eine Welt für sich, deren Entdeckung sich lohnt – kleine Opern vor der Oper, und oftmals auch Opern über Oper. Sehr beachtlich, und von Francesca Aspromonte gemeinsam mit Il pomo d’oro auch sehr ansprechend präsentiert. Musikgeschichte kann so unterhaltsam sein! 

Dienstag, 18. Juni 2019

Bach - Benjamin Appl (Sony)

Eine schöne Stimme, kernig, aber zugleich wandelbar, und dazu allerbeste Textverständlichkeit – Benjamin Appl ist ein ein junger Sänger, der aufhorchen lässt. Appl singen zu hören, das ist eine Freude. Auf dieser CD präsentiert der Bariton gemeinsam mit dem renommierten Concerto Köln ein Programm mit Bach-Arien. 
Die Werke des Thomaskantors schätzt Appl schon seit vielen Jahren; denn seine Sängerlaufbahn begann er einst als Chorknabe bei den Regensburger Domspatzen. „Zur Vorbereitung auf dieses Album (..) war es mir wichtig, zurückzudenken, zu ergründen, zurück zu fühlen, was diese Musik für mich persönlich verkörpert“, schreibt Appl im Begleitheft. Denn Bachs Kompositionen sind eine Herausforderung: „Wenn es nur immer so einfach wäre, wie Bach selbst einräumte: ,Alles was man tun muss, ist die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.'“ 
Für einen Sänger ist das noch ein wenig komplexer. Doch Appl trifft nicht nur im Wortsinne stets den richtigen Ton. Der junge Bariton gestaltet ausgesprochen souverän – was nicht nur für das jeweilige Stück gilt, sondern auch für das komplette Programm. Auf dieser CD kombiniert er bekannte Arien, wie Mache dich, mein Herze, rein oder Gebt mir meinen Jesum wieder aus der Matthäuspassion, mit weniger populären, wobei er auch die weltlichen Kantaten stets mit im Blick hat. Und  Concerto Köln ist dem Sänger nicht nur ein erstklassiger Begleiter. Mit einer geschickten Auswahl verschiedener Sinfonien aus verschiedenen Kantaten zeigt das Ensemble, wie abwechslungsreich Bach diese Eingangssätze einst angelegt hat. Und natürlich bietet dies auch den Instrumentalisten Gelegenheit, zu glänzen. Rundum gelungen! 

Donnerstag, 23. Mai 2019

Baroque Consolation (Accent)

An der Wende zum 18. Jahrhundert befand sich die Habsburger Monarchie auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Wien konkurrierte mit Versailles – doch schaute der Kaiser, wenn es um die Kunst ging, eher nach Italien als nach Frankreich. 
Italienische Musiker, Sänger, Dichter, Maler und Baumeister waren in Wien daher willkommen. In der Oper und bei den Oratorienauffüh- rungen in der Fastenzeit erklangen Werke italienischer Komponisten, in italienischer Sprache. Eine Auswahl geistlicher Arien, wie sie in jener Zeit am Wiener Hof erklungen sind, hat das Ensemble Oltremontano unter Leitung von Wim Becu auf dieser CD zusammengetragen. 
Sarah Van Mol singt, begleitet von Bart Rodyns, Orgel, sowie Veronika Skuplik und Maria Carrasco, Barockvioline. Eine Besonderheit der geistlichen Musik am kaiserlichen Hof war der obligate und vor allem virtuose Einsatz der Posaune. Der exzellente Barockposaunist Wim Becu demonstriert zudem, wie wunderbar dieses Blasinstrument mit der menschlichen Stimme harmoniert. 

Sonntag, 5. Mai 2019

Offenbach Colorature (Alpha)

Koloratur-Arien von Jacques Offenbach (1819 bis 1880)? Da fällt dem Musikfreund sofort Les oiseaux dans la charmille ein, jene ebenso brillante wie stupide Arie der Olympia aus Les contes d’Hoffmann
Der Komponist, der ursprünglich Jakob hieß und in Köln zur Welt kam, war der Sohn eines Kantors. 1833 reiste sein Vater Isaac  mit ihm und seinem Bruder Julius nach Paris, um den talentierten Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermögli- chen. Und obwohl Ausländer eigentlich damals nicht am Conservatoire national studieren durften, gelang es Jakob, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. 
1835 erhielt Jacques, wie er sich nun nannte, eine Anstellung als Cellist an der Opéra-Comique. Er begann zu komponieren, und wirkte bald auch als Kapellmeister. Schaut man in seine Noten aus jener frühen Zeit, so fällt auf, dass die Orchester, für die er komponierte, zwar klein waren – aber es muss an nahezu jedem Theater, und war es noch so unbedeutend, exzellente Sängerinnen gegeben haben. Ihr Rollenfach nannte sich chanteuse d'agilité, chanteuse à roulade oder première chanteuse légère – und ihre Virtuosität muss atemberaubend gewesen sein. 
Auf dieser CD stellt die belgische Sopranistin Jodie Devos eine Auswahl an Koloratur-Arien vor, die Jacques Offenbach für diese Sängerinnen geschrieben hat. Der Komponist nutzte die Koloratur gern als Stilmittel für Komik und Spötterei; man höre nur die Arie der Prinzessin, Je suis nerveuse, aus Le Voyage dans la lune. Ganz großes Kino! Devos beherrscht diese hohe Kunst der Stichelei ebenso souverän wie die großen Bögen, die etwa La Mort m'apparaît souriante aus Orphée aux Enfers verlangt. 
Mit Geschmack, Leichtigkeit und beeindruckender Geschmeidigkeit meistert die junge Sängerin Offenbachs musikalische Höhenflüge. Dabei wird sie durch das Münchner Rundfunkorchester unter Laurent Campel- lone aufs Beste begleitet. Ein schönes Geschenk zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach! 

Freitag, 15. März 2019

Simone Kermes - Mio caro Händel (Sony)

Mit einem Donnerschlag beginnt dieses Album. Simone Kermes präsentiert ihre ganz persönlichen Händel-Favoriten – und die Arie Furie terribili! aus der Oper Rinaldo, mit der die Zauberin Armida im ersten Akt temperamentvoll in Erscheinung tritt, hat sie ganz an den Anfang gestellt. 
Die Sopranistin, die weltweit zu den Stars ihres Faches gehört, lässt es mit Wonne krachen. Die Partien der Zauberinnen, leidenschaftlich und in jeder Hinsicht extrem, hat Kermes mittlerweile nahezu komplett gesungen,wie sie im Beiheft in einem Brief an den Komponisten schreibt. Auch sonst hat sie Georg Friedrich Händel so einiges mitzuteilen: „Du bist mein Wegbereiter, mein Schutzengel, mein Idol“, schwärmt Simone Kermes. „Mit diesem Album danke ich Dir für alles, was Du für mich getan hast.“ 
Und da fällt der Sopranistin so einiges ein. So sang sie die Arie Süße Stille, sanfte Quelle, als sie 14 Jahre alt war, bei einem Weihnachtskonzert im Leipziger Gewandhaus. Schon damals faszinierte sie die Musik des Komponisten. Und zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule, dann für die Zulassung zur Solisten-Ausbildung, in Wettbewerben und auch beim Vorsingen für ihre erste Opernrolle wählte sie Arien von Georg Friedrich Händel, und war damit stets erfolgreich. „Du begleitest mein gesamtes Leben, meine Karriere. Was wäre ich wohl heute ohne Dich?“, meint die Sängerin. „Seit mich Deine Musik ins Herz und in die Seele traf, bin ich beflügelt von Deiner Magie.“ 
Verzaubert lauscht auch der Zuhörer diesem Album. Denn es ist, als hätte Händel diese Arien eigens für Kermes geschrieben. Natürlich fehlen auch das berühmte Ombra mai fu und Kermes Lieblings-Arie Lascia ch'io pianga nicht. Und egal, was sie singt, es ist perfekt - vom ersten bis zum letzten Ton und von der energischen Koloratur bis zum lyrisch-melan- cholischen großen Bogen. Begleitet wird die Sopranistin gekonnt von ihrem Ensemble Amici Veneziani, mit Konzertmeister Boris Begelmann. Muss man gehört haben! Diese CD ist ein Ereignis und auch eine Freude, nicht nur für Freunde der Barockmusik. 

Samstag, 29. Dezember 2018

Arias for Silvio Garghetti - The Habsburg Star Tenor (Pan Classics)

In der Musikaliensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, beim Stöbern in barocken Noten- handschriften, fand Markus Miesen- berger in den Besetzungslisten immer wieder den Namen „Silvio“. 
„In einigen Konzerten und bei Wettbewerben sang ich nun ein paar von Silvios Arien und bemerkte, dass mir dieser Gesangsstil ganz besonders gut gefiel“, berichtet der Tenor im Beiheft zu dieser CD. „Ich wurde neugierig und fragte mich, wer denn dieser Silvio gewesen war.“  Er stellte fest, dass es sich um Silvio Garghetti handelt – einen Sänger, der aus Rimini stammte und von 1702 bis zu seinem Tode 1729 als Tenor an der Wiener Hofkapelle engagiert war. 
Miesenberger stieß auf 28 Opern und Oratorien, in denen der Sänger im Zeitraum von 1705 bis 1718 in Erscheinung getreten ist. Er sang an der Seite der bekannten Virtuosen jener Zeit, und die Hofkomponisten schrieben umfangreiche und anspruchsvolle Partien für ihn. Sogar Kaiser Joseph I. schuf für Silvio Garghetti eine Arie. In einem Zeitalter, in dem die Rollen der Helden eigentlich für hohen Stimmen komponiert und von Kastraten gesungen wurden, will das schon etwas heißen. 
Anhand der Noten, so berichtet Miesenberger, lässt sich zudem die Entwicklung des Sängers vom lyrischen Tenor bis ins dramatische Fach nachvollziehen. „Die Arien wurden so komponiert, dass sie wie Balsam für die Stimme und die Kehle wirken und bei allen technischen Anforderungen ungemein angenehm zu singen sind“, freut sich der Sänger, der auf dieser CD eine Auswahl jener Werke vorstellt, die einst für seinen berühmten Kollegen entstanden sind. 
Die Arien Garghettis liegen Miesenberger in der Tat; stilsicher und mit schönem Timbre zeigt er, dass er der hohen Gesangskunst des einstigen Wiener Startenors durchaus gewachsen ist. Dabei assistiert die Neue Wiener Hofkapelle dem Sänger auf das Beste. 

Montag, 8. Oktober 2018

Händel - Enemies in Love (Evoe Records)

Vor Wut schnauben, vor Eifersucht rasen, auf Rache sinnen und vor Liebe seufzen – Georg Friedrich Händel komponierte für jeden Affekt brillante Musik. Jakub Józef Orliński und Natalia Kawałek präsentieren auf dieser CD, exzellent begleitet vom Ensemble Il Giardino d'Amore unter Leitung von Stefan Plewniak, eine Auswahl von Arien und Duetten aus Händels Opern, die durch starke Gefühle und Leidenschaften geprägt sind. 
Die beiden jungen polnischen Sänger sind mit den barocken Stilmitteln bestens vertraut; allerdings hat Countertenor Orliński der Wucht, mit der seine Kollegin ihre Partien mitunter gestaltet, nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Wenn Mezzosopranistin Natalia Kawałek in die Tiefe geht, dann klingt das nicht immer elegant – dafür kann sie allerdings auch extreme Höhen aufbieten, was sehr beeindruckt. Am besten gefallen mir die beiden Stimmen in den Duetten, wo sie sehr schön harmonieren. Und das Video zur CD ist absolut konkurrenzlos. 

Montag, 27. August 2018

Cantata - yet can I hear... (Pentatone)

Was ist eine Kantate? Mit dieser Frage hat sich Bejun Mehta sehr intensiv auseinandergesetzt. Angefangen hatte alles mit einer einzigen Arie, berichtet der Sänger im Beiheft zu dieser CD: „In 2015, I stumbled upon the aria ,Yet Can I Hear That Dulcet Lay' and fell madly in love. It is simple, direct, ravishing. I knew immediately that I want to sing the aria myself, and it eventually became the first building block of the program you now hold in your hands.“ 
Der amerikanische Countertenor hat für diesen CD eine sehr persönliche Auswahl an geistlichen und weltlichen Solo-Kantaten aus der italienischen, deutschen und englischen Tradition zusammengestellt, von virtuos bis besinnlich, in großen und kleinen Besetzungen. So erklingen unter anderem Georg Friedrich Händels Kantate Mi palpita il cor HWV 132c, Johann Sebastian Bachs Kantate Ich habe genug BWV 82, Antonio Vivaldis Pianti, sospiri e dimander mercede RV 676 oder Johann Christoph Bachs berühmtes Lamento Ach, dass ich Wassers g'nug
Bejun Mehta singt phantastisch; dank seiner exzellenten Technik gelingt es ihm mühelos, Virtuosität und Ausdruck zu verbinden. Jede Phrase ist überlegt gestaltet, nichts dem Zufall überlassen. Begleitet wird der Countertenor von der Akademie für Alte Musik Berlin. Die Instrumenta- listen – hervorgehoben seien an dieser Stelle nur die Solisten Xenia Löffler, Oboe, und Christoph Huntgeburth, Traversflöte – sind ebenfalls großartig. 
Das Label Pentatone hat dieser Einspielung obendrein eine ansprechend gestaltete Box und ein ausführliches dreisprachiges Beiheft spendiert, in dem auch sämtliche Kantatentexte nachzulesen sind. Kurz und gut: Eine Edition, von der sich nur Positives berichten lässt. Meine Empfehlung! 

Dienstag, 24. Juli 2018

Porpora: Opera Arias (Decca)

Sein neues Album hat Countertenor Max Emanuel Cencic komplett dem Schaffen von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) gewidmet. Der Musiker, dessen 250. Todestag 2018 ansteht, gehörte zu den ganz großen Stars seiner Zeit. Er kam in Neapel zur Welt, wo er von 1696 bis 1706 seine Ausbildung an einem Konser- vatorium absolvierte. Danach wirkte er als Kapellmeister beim Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt, dem Kommandanten der kaiserlichen Truppen in Neapel. 1708 stellte Porpora seine erste Oper Agrippina vor – viele weitere sollten folgen. Nur Leonardo Vinci, Antonio Scarlatti und Johann Adolph Hasse waren seinerzeit in Italien als Opernkompo- nisten ähnlich populär wie Porpora, der mit dem Textdichter Metastasio ein echtes „Dreamteam“ bildete. 
Und auch die Sänger strömten in Scharen herbei. 1715 hatte Porpora begonnen, am Conservatorio Sant'Onofrio Gesangsschüler zu unterrichten. Dabei war er unglaublich erfolgreich; schon bald galt er als bester Gesangslehrer Europas. Zu seinen Schülern gehörten Kastraten wie Farinelli und Caffarelli. 
Ab 1725 lehrte er in Venedig. 1733 ging Porpora nach London, wo er die Opera of the Nobility leitete, das Konkurrenzunternehmen zu Händels legendärer Operntruppe. Nach vier Spielzeiten waren beide pleite, und so musste sich Porpora neue Gönner suchen. Er versuchte sein Glück in Wien, wo er aber keine Anstellung erhielt, so dass er nach Italien zurückkehrte. 
1745 reiste er dann im Gefolge des venezianischen Botschafters nach Dresden. Dort wurde er 1748 Gesangslehrer der Prinzessin Maria Antonia Walpurgis von Bayern, der kunstsinnigen Ehefrau des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian, und Hofkapellmeister. Allerdings wurde er damit zum Rivalen Hasses – der sich letztendlich behaupten konnte. 
Porpora ging 1752 in Pension und zurück nach Wien, wo er Gesangsunterricht gab. Er wohnte im Michaelerhaus, wo auch Metastasio eine Wohnung hatte – und wo der junge Joseph Haydn lebte, der von Porpora lernte, indem er dessen Schüler auf dem Klavier begleitete. Ab 1759 allerdings blieben die Zahlungen des sächsischen Hofes aus, eine Folge des Siebenjährigen Krieges. 
1760 erhielt Porpora die Stelle eines maestro di capella am Conservatorio di Santa Maria di Loreto in Neapel. Er versuchte sich auch noch einmal als Opernkomponist, aber die Zeit der opera seria war wohl vorbei. 1761 gab er alle seine Anstellungen auf; über den Rest seiner Tage, die der einstmals gefeierte Gesangslehrer unter vergleichsweise armseligen Bedingungen verbracht haben dürfte, schweigen die Archive. 
Die Arien, die Porpora geschrieben hat, waren für die besten Sänger jener Zeit bestimmt. Wie es damals Brauch war, hat der Komponist sie so auf den Solisten zugeschnitten, dass sie seine Stärken und Vorzüge betonten, und Schwächen kaschierten. Die Sänger konnten damit ihre Virtuosität effektvoll unter Beweis stellen. 
Wer diese Werke heute singen will, der hat es schwer. Zum einen sind sie für eine andere Stimme maßgeschneidert. Zum anderen unterscheidet sich die Ausbildung eines Sängers heute deutlich von jener, die es vor 300 Jahren bei Gesangslehrern wie Porpora gab. Schier endlose Koloraturen, die in rasantem Tempo, aber trotzdem mit der Präzision eines Uhrwerkes gesungen werden müssen, und raffinierte, improvisierte Auszierungen stehen heute eher nicht mehr im Mittelpunkt des Studiums. 
Max Emanuel Cencic hat, begleitet von der Armonia Atenea unter George Petrou, das Abenteuer dennoch gewagt, und ein komplettes Album mit Arien Porporas veröffentlicht, sieben davon sind in Weltersteinspielung zu hören. Die Oper Germanico in Germania hatte er zuvor bereits aus der Mottenkiste der Musikgeschichte – wohin Irrtum und Beckmesserei den gesamten Kastratengesang einst entsorgt wissen wollten – zurück an die frische Luft geholt. 
Nun also folgen vierzehn handverlesene Arien, wobei sich in seinem Programm eher besinnliche Stücke ebenso finden wie höchst virtuose. Insider werden schnell feststellen, dass Cencic sein Recital mit exakt derselben Arie beginnt, die Franco Fagioli 2014 bei seinem Porpora-Album an den Anfang gesetzt hatte. (Und bei diesem musikalischen Kräftemessen hat der Kollege eindeutig das Nachsehen.) 
„Wie können wir die großen Kastraten nachahmen? Das lässt sich kaum festlegen, aber diese Stimmen waren die Seele von Porporas Musik“, wird Cencic im Beiheft zitiert. „Ich habe die Arien für diese Aufnahme fast instinktiv nach meinem Gefühl für das Richtige ausgewählt. Man kann einen Komponisten dieser Qualität nicht in einem Album erfassen, und jedes Stück ist ein Juwel für sich. Auch wenn die Technik überall herausgestellt wird – Sprünge, schnelle Skalen, Triller, lange Phrasen – scheint doch Porporas besondere und äußerst fesselnde melodische Begabung überall durch.“ 
Zum Teil sind die Koloraturen und Verzierungen aberwitzig anspruchsvoll; mir persönlich gefällt Cencics Gesang allerdings am besten, wo er große Bögen gestalten kann, mit betörender Süße oder ergreifendem Lamento. Der Farbenreichtum dieser Produktion ist ohnehin hinreißend – auch das Viril-Metallische, umtost von Pauken und Trompeten, hat darin seinen Platz. Das Athener Barockorchester ist immer präsent, und geleitet den Sänger sicher auch durch die schwierigsten Passagen. 

Dienstag, 26. Juni 2018

Light Divine (Signum Classics)

Dies ist die zweite und vermutlich auch letzte CD, auf der der norwegische Knabensopran Aksel Rykkvin zu hören ist. Schon seine Debüt-Aufnahme, mit Arien von Bach, Händel und Mozart, sorgte für Aufsehen. Nun interpretiert der junge Sänger, der Mitglied des Knabenchores der Kathedrale von Oslo ist, erneut einige Arien Händels; das Programm wird ergänzt durch Werke von Tomaso Albinoni, Philipp Jakob Ritter und Jean-Philippe Rameau. 
Begleitet wird er dabei von dem norwegischen MIN Ensemble unter Leitung von Mark Bennett, der zudem die Besetzung des Kammermusikensembles kraftvoll durch Pauken und Barocktrompeten erweitert. Rykkvin singt sehr schön und auch klug; allerdings ist er jetzt im Stimmbruch und wird seine Karriere in Zukunft wohl als Bariton fortsetzen. 

Freitag, 8. Juni 2018

Baroque Twitter (Deutsche Harmonia Mundi)

Nein, es geht ausnahmsweise einmal nicht um Mobiltelefone und Kurz- nachrichten. Die Imitation von Vogelgesängen gehört vielmehr zu den beliebten Sujets der Barockzeit. Dass es aber derart viele barocke Arien und Konzerte gibt, die vom Gezwitscher geprägt sind, das ist wirklich erstaunlich. 
In diesem Blog haben wir bereits mehrfach Alben vorgestellt, die sich den kunstvoll imitierten Vogel- gesängen widmen. Nuria Rial und Maurice Steger haben nun gemeinsam mit dem Kammer- orchester Basel eine CD eingespielt, die zu weiteren Entdeckungen einlädt. Die spanische Sängerin und der Flötenvirtuose begeistern mit einem sorgsam zusammengestellten Programm, das neben einigen bekannten Werken auch etliche Kostbarkeiten enthält, die bislang in Archiven geschlummert haben. 
So erklingen neben Arien von Andrea Stefano Fiorè, Leonardo Vinci, Francesco Gasparini, Pietro Torri, Tomaso Albinoni, Johann Adolf Hasse, Antonio Vivaldi und Alessandro Scarlatti – teils mit, teils ohne Flötenpart – auch Sonaten und Konzerte von Francesco Mancini, Charles Dieupart und Antonio Vivaldi. 
Der schlanke, bewegliche Sopran von Nuria Rial harmoniert dabei aufs Beste mit dem Klang von Stegers Blockflöten. Und das Kammerorchester Basel, geleitet von seinem Konzertmeister Stefano Barneschi, ist den beiden Solisten ein kongenialer Partner. Hinreißend! 

Donnerstag, 28. September 2017

L'Opéra - Jonas Kaufmann (Sony)

Arien und Duette aus französischen Opern des 19. Jahrhunderts präsentiert Jonas Kaufmann auf seinem jüngsten Album. Der Sänger hat dafür nicht nur bekannte Melodien und große Szenen ausgewählt, sondern vor allem auch Werke und Rollen, die für ihn Schlüsselerlebnisse waren: „Ein solches hatte ich mit der Partie des Wilhelm Meister, meiner ersten großen französischen Rolle, 2001 in Toulouse“, erzählt Kaufmann im Beiheft. „Zu diesem Zeitpunkt war mein Französisch noch so dürftig, dass ich mich in Gegenwart des Regisseurs Nicolas Joel, der alle Sprachen beherrscht, ziemlich schämte und dachte: Das muss unbedingt besser werden!“
Den Werther sang Kaufmann dann neun Jahre später zum ersten Mal – „an der Pariser Oper“, so der Tenor, „in der Höhle des Löwen, umgeben von lauter französischen Sängern und vor einem Publikum, das keinen Spaß versteht, wenn du nicht halbwegs idiomatisch klingst.“ Zu diesem Zeitpunkt lobte die Kritik dann bereits sein perfektes Französisch.
Im Repertoire kennt sich Kaufmann inzwischen ebenfalls bestens aus, wie seine Auswahl beweist. Und er singt noch immer wunderbar, begeistert auch bei dieser Einspielung mit betörender Technik und gestalterischer Intelligenz. Die beiden Duo-Partner, Sopranistin Sonya Yoncheva in Massenets Manon und Bariton Ludovic Tézier im berühmten Duett aus Bizets Perlenfischern, harmonieren mit Kaufmann bestens. Den Instrumentalpart übernahm das vielfach ausgezeichnete Bayerische Staatsorchester unter Bertrand de Billy – und es liefert weit mehr als nur eine Begleitung. Prächtig!

Samstag, 10. Juni 2017

Händel: Neun deutsche Arien - Brockes Passion (Audite)

Eine sehr schöne Aufnahme der Neun Deutschen Arien von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) haben Ina Siedlaczek und die Lautten Compag- ney kürzlich bei Audite veröffentlicht. Mit dem Textdichter, Barthold Heinrich Brockes (1680 bis 1747), könnte der Komponist 1702/03 in Halle Bekanntschaft geschlossen haben – beide studierten im selben Jahr dort. Und Brockes stammte aus Hamburg, wo Händel dann als Musiker arbeitete, bis 1706 er nach Italien ging. 
Von ihm stammt auch der Text für Händels Passionsoratorium Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus, 1719 in Hamburg uraufgeführt. „Im Ergebnis sehen wir die beiden einzigen Gelegenheiten, bei denen sich Händel mit der Vertonung von Texten in deutscher Sprache, seiner Muttersprache, für Stimme und obligates Soloinstrument beschäftigt hat. Aus dem sprach- lichen Idiom resultieren die stilistischen Besonderheiten der beiden Werke, da die Texte viel an Charakter und Klang vorgeben“, schreibt Wolfgang Katschner, der Leiter der Lautten Compagney, im Beiheft zu dieser CD. „Diese Nähe hat mich dazu bewogen, die deutschen Arien um Arien aus der Brockes-Passion zu ergänzen und damit ein Programm zu gestalten. Für den inhaltlichen Hintergrund der Arien erscheint mir darüber hinaus der Bezug zum Halleschen Pietismus von Bedeutung zu sein.“ 
Und so legen die Musiker größten Wert darauf, die Aussage der Texte auch im Klangbild zu unterstreichen. Dieses ist ausgesprochen farbig, üppig und abwechslungsreich – sowohl in der obligaten Instrumentalstimme als auch im Basso continuo. Dort wechseln sich Orgel, Cembalo, Harfe, Laute, Theorbe, Fagott und Cello in unterschiedlichen Kombinationen ab, was für erstaunliche Effekte sorgt und den Hörer erfreut. 
Kleine Änderungen können mitunter faszinierende Konsequenzen haben. Das zeigt sich ganz besonders eindrücklich am Beispiel der Arie Brich mein Herz, zerfließ in Tränen aus der Brockes-Passion. Bei diesem Stück wurde der Violinpart von einer Viola da gamba übernommen, was seinen Charakter wirkungsvoll unterstreicht. 
Die durchweg attraktive musikalische Gestaltung harmoniert aufs Beste mit dem Gesang von Ina Siedlaczek. Ihr Vortrag wirkt innig und natürlich; mit ihrer reinen, schlank geführten und wunderbar runden Sopranstimme gestaltet die Sängerin die alten Texte nuancenreich und eindringlich. 

Dienstag, 30. Mai 2017

Graun: Opera Arias - Julia Lezhneva (Decca)

Bei der Vorbereitung eines Konzertes im Schloss Sanssouci hielt Julia Lezhneva zum ersten Male eine Arie von Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) in den Händen – Mi paventi aus der Oper Britannico, wird im Beiheft zu dieser CD berichtet: „I was completely amazed by this fabulous aria“, schwärmt die Sängerin. „It is so beautiful and emotional that I felt myself trembling when I sang it. It was written for one of the greatest female sopranos of the time, Giovanna Astrua. (..) Unlike Handel and Porpora, where you can feel that castrati were still reigning supreme in opera and dominating the concert stage, it seems that Graun had a deep love of the natural female voice and tried to make women equal to the castrati, creating lots of roles for them with as much emotional and dramatic range as possible.“ 
Carl Heinrich Graun stand, wie auch sein Bruder, der Konzertmeister Johann Gottlieb Graun (1702/03 bis 1771), im Dienst Friedrichs II. von Preußen. Zu seinen Aufgaben als Hofkapellmeister gehörte unter anderem die Leitung des Berliner Opernhauses, für das er auch selbst zahlreiche Werke komponierte. In den Beständen der Staatsbibliothek Berlin, gegenüber dem Opernhaus, befinden sich Abschriften etlicher dieser Opern. Julia Lezhneva hat diese alten Handschriften gemeinsam mit dem Dirigenten Michail Antonenko durchgesehen, um Arien für dieses Album herauszusuchen. 
Mit Ausnahme von Mi paventi handelt es sich dabei durchweg um Welt- ersteinspielungen. „Graun goes deep into a character's emotions, and we chose pieces displaying different kinds: furioso, lamenting, ,character', tragic, bravura and utterly joyful“, so die Sängerin. Dennoch sind seine Werke von der Opernbühne vollkommen verschwunden. 
Den Grund dafür ahnt man bald. Denn insbesondere die Arien, die durch Leidenschaften motiviert sind, erfordern eine enorme Virtuosität. Rasante Koloraturen, ganze Ketten von Verzierungen – mit ihrer Kehlfertigkeit hätte Julia Lezhneva wohl auch einen Porpora beeindruckt. Mir persönlich aber gefällt ihr Gesang am besten dort, wo sie große Linien gestaltet und langsamen Stücken Farbe gibt. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Klagelied aus Grauns Oper Mithridate: „I was moved on tears when I first saw the score of ,Piangete, o mesti lumi'“, meint auch die Sängerin, „it is one of the most touching pieces of music I've ever seen.“ 
Begleitet wird die Sopranistin bei ihrem Ausflug in die Berliner Opern- geschichte vom Ensemble Concerto Köln unter Michail Antonenko. Die Musiker, die gerade im Bereich der Barockmusik schon viele Schätze gehoben haben, sind ihr ebenso zuverlässige wie temperamentvolle Partner. 

Mittwoch, 26. April 2017

Aksel! Arias by Bach, Handel & Mozart (Signum Classics)

Die Jugend heutzutage singt nicht mehr? Das dies nicht grundsätzlich zutrifft, beweist das britische Label Signum Classics mit dieser CD, die einen exzellenten jungen Sänger vorstellt: Aksel Rykkvin, Jahrgang 2003, bewältigt scheinbar mühelos die schwierigsten Partien. Der Knabensopran singt in Kinderchor der norwegischen Nationaloper und im Knabenchor der Kathedrale von Oslo; er ist aber auch als Solist mittlerweile sehr gefragt. 
Das ist kein Wunder, denn er verfügt über eine schöne und sehr geübte Stimme, die zudem erstaunlich tragfähig ist. Nicht jede Koloratur liegt Aksel Rykkvin gleichermaßen, dennoch beeindruckt die Geläufigkeit, mit der er hier Werke von Bach, Händel und Mozart vorträgt. Fast noch wichtiger aber ist sein phänomenales musikalisches Empfinden. Man höre nur die Arie Jauchzet Gott in allen Landen aus der Kantate BWV 51, mit der diese CD beginnt, das bekannte Lascia ch'io pianga aus Händels Oper Rinaldo oder die beiden Arien aus Mozarts Oper Le nozze di Figaro – das könnte auch ein Erwachsener kaum besser gestalten. Begleitet wird der junge Solist vom Orchestra of the Age of Enlightenment unter Nigel Short.