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Dienstag, 31. März 2020

Mozart: Early String Quartets (MDG)

Diese CD ist das Finale einer sehr besonderen Edition: Das Leipziger Streichquartett - noch in der Besetzung Conrad Muck und Tilman Büning, Violine, Ivo Bauer, Viola und Matthias Moosdorf, Violoncello - hat auch die frühen Streichquartette von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) vollständig eingespielt. 
Damit komplettierte das Ensemble seine zu Recht hochgelobte Gesamt- aufnahme der Streichquartette des Komponisten. Parallel dazu arbeitet das Leipziger Streichquartett noch an einem weiteren bedeutenden Projekt zur Wiener Klassik – die Musiker aus der Messestadt spielen bei MDG auch alle Streichquartette von Joseph Haydn ein. 
Als der junge Mozart 1770 sein erstes „Quatro“ schrieb, war die Gattung noch jung und erstaunlich flexibel. Besetzung, Satzfolge, formale Anlage – die Abgrenzung zu ähnlichen Werken, wie Serenaden und Divertimenti, beschäftigte wohl mehr die Musikwissenschaft in späteren Jahrhunderten als jene Komponisten, die das Quartett damals erprobten und weiterentwickelten. 
Salzburg freilich scheint für solche Experimente nicht gerade eine Quelle der Inspiration gewesen zu sein: Entstanden sind Mozarts frühe Streichquartette durchweg auf Reisen. Bei seiner ersten Italienreise schrieb der 14jährige KV 80. Die Quartette KV 155 bis 160, von der zweiten Italienreise 1772/73, sind heute als „Mailänder Quartette“ bekannt. Und die Quartette KV 168 bis 173 schrieb Mozart während eines Aufenthaltes von Juni bis September 1773 in Wien. 
Das Leipziger Streichquartett zeigt mit dieser Einspielung, mit welcher Innovationsfreude Mozart das neue Genre und seine Möglichkeiten erkundete. Und auch wenn diese Stücke ein wenig im Schatten der berühmten „großen“ Quartette stehen, zeigen sich hier doch bereits der enorme Einfallsreichtum und die herrlichen Melodien, mit denen sich der Komponist auf Dauer einen Platz im musikalischen Olymp gesichert hat. 
Das grandiose Leipziger Streichquartett musiziert perfekt aufeinander abgestimmt. Das wird besonders dort deutlich, wo sich die Stimmen Motive wie Bälle zuwerfen, wo ein Spieler die Phrase eines anderen aufnimmt und fortsetzt. Alles wirkt sehr sorgfältig durchgearbeitet, sehr kultiviert – und der warme, harmonische Streicherklang der Leipziger ist ebenfalls ein Ereignis. Überwältigend. 

Freitag, 15. September 2017

Aris Quartett - Beethoven (Genuin)

Als Anna Katharina Wildermuth, Noémi Zipperling (beide Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) sich im Jahre 2009 auf Initiative von Kammer- musikprofesssor Hubert Buchberger zum Quartett zusammenfanden, waren die vier Musiker noch Schüler. Dennoch studierten sie bereits als Jungstudenten an der Frankfurter Musikhochschule. 
Das Experiment gelang; heute ist das Aris Quartett ein überaus erfolg- reiches Ensemble, weltweit gefragt und mit vielerlei Musikpreisen ausgezeichnet. So gelang es den jungen Musikern, beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2016 in München gleich fünf (!) Preise zu gewinnen. 
Wie ausdrucksstark das Aris Quartett musiziert, das belegt auch diese CD mit den Beethoven-Streichquartetten Nr. 9 und Nr. 14. es sind zwei höchst unterschiedliche Werke, die hier ziemlich stürmisch interpretiert werden. Überwältigend! 

Freitag, 31. März 2017

Haydn: String Quartets; Goldmund Quartett (Naxos)

„Haydns Fantasie ist scheinbar grenzenlos. Von seinen über
80 Quartetten ist eines schöner als das andere. In den Werken zeigen sich wirklich alle denkbaren Charak- tere und Empfindungen. Seine zahl- reichen Ideen erfordern vom Musiker viel Liebe zum Detail. Vor allem von den Mittelstimmen wird in dieser Hinsicht hohe Aufmerksamkeit ver- langt. Aber es lohnt sich“
, schwärmt Pinchas Adt, zweiter Geiger im Gold- mund-Quartett. 

Florian Schötz, Pinchas Adt, Christoph Vandory und Raphael Paratore haben bereits während der Schulzeit gemeinsam musiziert: „Als wir in den letzten Schuljahren waren, hat unser damaliger Musiklehrer uns ermutigt, ein Quartett zu gründen und erste Auftrittsmöglichkeiten organisiert“, berichtet Paratore von den Anfängen. Ein Streichquartett von Joseph Haydn war auch das erste Stück, das die jungen Musiker gemeinsam erarbeitet haben. 
Die Entscheidung, ausgerechnet seine Werke für ihr Debüt einzuspielen, fiel wohlüberlegt: „Intonation, Artikulation, Phrasierung, Balance – eigentlich alle Parameter, die ein gepflegtes Quartettspiel benötigt, findet man bei Haydn“, meint Schötz. „Vielleicht kann man sagen, dass es nach Haydn wenige Werke für Streichquartett gibt, die die Qualität eines Ensembles so transparent spiegeln.“ 
Ausgewählt haben die Vier mit op. 1 Nr. 1 eines seiner frühesten Quartette, ein mittleres – op. 33 Nr. 5 – und ein spätes, op. 77 Nr. 1. Und dem Anspruch, den auch das CD-Coverfoto deutlich macht, wird das Goldmund-Quartett durchaus gerecht: Ja, die jungen Musiker haben mit dieser Ein- spielung einen Gipfel erobert. Auf die nächsten Aufnahmen dieses brillan- ten Ensembles, das alle Schwierigkeiten scheinbar mühelos meistert, das frisch und mit ebensoviel Humor wie Überlegung musiziert, darf man sehr gespannt sein.  Bravi! 

Montag, 24. Oktober 2016

Vanhal: 3 late string quartets (MMB)

Johann Baptist Vanhal (1739 bis 1813) gehörte zum Freundeskreis um Haydn und Mozart. Er war in Böhmen zur Welt gekommen, als Sohn leibeigener Bauern. Schon als Jugendlicher wirkte er als Organist, außerdem spielt er Geige. Eine Gräfin würdigte seine Begabung und sorgte dafür, dass er seine Ausbildung in Wien fortsetzen konnte. Dort ver- diente er als Musiklehrer bald genug, um sich aus der Leibeigenschaft freizukaufen. 
1769 reiste er für zwei Jahre nach Italien; auch in Kroatien und Ungarn soll Vanhal sich kurz aufgehalten haben. Im Jahre 1780 aber ließ er sich endgültig in Wien nieder, wo er sein Geld als Musiker, Komponist und als Musikpädagoge verdiente. Ignaz Pleyel war einer seiner Schüler. 
Obwohl ihm sowohl durch Kaiser Joseph II. als auch am Dresdner Hof Anstellungen angeboten worden waren, lehnte er ab; Vanhal gilt somit als einer der ersten freischaffenden Musiker überhaupt. Er schuf eine immense Anzahl von Werken, darunter viele Sinfonien, Konzerte, Kammermusik für verschiedene Besetzungen und geistliche Musik. 
Die drei Streichquartette, die das Camesina Quartett für diese CD ausge- wählt hat, sind Vanhals Antwort auf die berühmten Streichquartette "auf eine gantz neue besondere Art" op. 33, die Joseph Haydn im Jahre 1781 veröffentlicht hatte. Die Musiker kannten sich gut; aus zeitgenössischen Berichten wissen wir, dass sie gemeinsam musiziert haben – so soll bei einem Quartett-Abend 1784 Haydn die erste Violine gespielt haben, Carl Ditters von Dittersdorf die zweite, Mozart die Bratsche und Vanhal das Violoncello. Man darf davon ausgehen, dass sie bei solchen Gelegenheiten einem handverlesenen Publikum ihre eigenen Werke vorgestellt haben. 
Dabei hat es möglicherweise auch kollegiale Scherze gegeben; das Camesina Quartett merkt an, in einigen Werken sei „der Part der ersten Violine sehr virtuos und erfordert teilweise wahnwitziges Lagenspiel bis zum Ende des Griffbrettes“ – was durchaus eine Art musikalischer Spaß gewesen sein könnte. Johannes Gebauer und Katja Grüttner, Violine, Irina Alexandrowna, Viola, und Martin Burkhardt, Violoncello, musizieren temperamentvoll und graziös – Vanhals Werke sind beim Camesina Quartett, das historische Aufführungspraxis sehr ernst nimmt, in besten Händen.  
Zu hören sind auf dieser CD zwei der Streichquartette, die Vanhal eben- falls als op. 33 veröffentlichte – was ganz sicher kein Zufall war. Ergänzt wird das Programm durch eines von insgesamt sechs Quartetten, die als Subskription bei Hoffmeister in einer Art Zeitschrift erschienen sind „und denen wir, analog zu Mozarts ,Hoffmeister-Quartett' KV 499 (welches ebenfalls 1786 dort erschien), den Beinamen ,Hoffmeister-Quartette' gegeben haben, da sie keine Opus-Zahl besitzen“, schreibt das Camesina Quartett im Beiheft. „Wir hoffen sehr, mit unserer CD dem Komponisten Vanhal einen kleinen Dienst zu erweisen, indem wir einige wirklich hochwertige Werke zugänglich machen, die eine Wiederentdeckung unbedingt wert sind.“ 

Montag, 3. Oktober 2016

Hidden Gems - Ignaz Joseph Pleyel (Ars)

Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) galt zu Lebzeiten als „Componist von erstem Range“, man sah ihn auf Augenhöhe mit seinem Lehrer Joseph Haydn und mit Wolfgang Amadeus Mozart. Pleyel wurde in ganz Europa gefeiert, und seine Werke erschienen in erstklassigen Verlagen. Der Musi- ker erwies sich auch als erfolgreicher Geschäftsmann: In Paris gründete er einen Musikverlag, der rasch zu den Marktführern gehörte. Auch mit seiner Klaviermanufaktur verdiente Pleyel viel Geld. Und als er schließ- lich eine Konzertreihe, die Salons Pleyel, startete, kamen die Reichen und die Schönen, um europäischen Stars wie Frédéric Chopin oder dem Wunderkind Clara Wieck zu lauschen. La Salle Pleyel ist noch heute eine Institution in Paris. 
Die Musik von Ignaz Pleyel geriet allerdings in Vergessenheit – aus uner- findlichen Gründen, wie man nach dem Anhören zweier CD mit Hidden Gems feststellen muss. Sie sind auf Initiative der Internationalen Ignaz Joseph Pleyel Gesellschaft (IPG) entstanden, die sich an seinem Geburts- ort, im niederösterreichischen Ruppersthal, ganz entschieden für das Vermächtnis des Komponisten einsetzt – und sie enthalten wahrhaftige Schätze. Aus dem Jahre 1792 stammen die drei Streichquartette Ben 359, Ben 360 und Ben 361. Es musiziert das Ignaz Pleyel Quartett mit Raimund Lissy und Dominik Hellsberg, Violine, Robert Bauerstatter, Viola und Bernhard Naoki Hedenborg, Violoncello, sämtlich Mitglieder der Wiener Philharmoniker. 
Auf der zweiten CD folgen Pleyels Violinkonzert in C-Dur, Ben 1106, das Bratschenkonzert in D-Dur, Ben 1062 und die Sinfonie in B-Dur, Ben 127/1493. Es musizieren die Camerata pro Musica unter Christian Birn- baum; als Solisten sind Cornelia Löscher, Violine, und Robert Bauerstatter, Viola, zu erleben. Immer wieder verblüfft die Originalität, mit der Pleyel seine Werke gestaltet, sein überaus eleganter Stil und seine liebevolle Instrumentierung, die auch Orchesterinstrumente mit ihren Klangfarben immer wieder aufs Schönste zur Geltung bringt. Man kann der IPG für diese beiden CD mit Entdeckungen nur dankbar sein; sämtliche Werke erklingen in Weltersteinspielungen – und hoffentlich folgen noch viele ähnlich engagierte Aufnahmen nach; es wäre großartig, wenn sie ergänzt würden durch Noteneditionen.

Freitag, 8. April 2016

Reissiger: String Quartets op. 111 No. 1 & 2 (MMB)

Carl Gottlieb Reißiger (1798 bis 1859), geboren in Belzig, war der Sohn eines Kantors. Wie sein jüngerer Bruder Friedrich August Reißiger, der ebenfalls ein erfolg- reicher Musiker wurde und in späteren Jahren als Musikdirektor in Norwegen lebte, begann er seine Ausbildung beim Vater, und lernte dann an der Thomasschule in Leipzig. 
An der Pleiße studierte Carl Gottlieb Reißiger anschließend Theologie; musikalisch bildete er sich unter anderem in Wien bei Antonio Salieri, in München bei Peter von Winter sowie auf Reisen nach Frankreich und Italien im Auftrag der preußischen Regierung fort. 
1826 wurde Reißiger als Nachfolger Carl Maria von Webers Dresdner Hof- kapellmeister. 1842 dirigierte er die Uraufführung von Richard Wagners Rienzi, und sorgte mit dafür, dass Wagner 1843 nach der Uraufführung des Fliegenden Holländers zum zweiten Kapellmeister ernannt wurde. Kurio- serweise war Reißigers Opern wenig Erfolg beschieden; beliebt waren allerdings seine Lieder und seine Kirchenmusik. 
Heute ist der Musiker in Vergessenheit geraten; das ist ein wenig schade, die diese CD beweist. Sie zeigt, dass Reißiger auch auf dem Gebiet der Kammermusik durchaus Akzente zu setzen wusste. In seinen Streichquar- tetten op. 111, Nr. 1 und 2, kombinierte er italienische Einflüsse mit klassischen Traditionen. Er bezaubert mit Melodien, und er zaubert auch mit Klangfarben – dem Camesina Quartett sei Dank für diese Entdeckung!

Mittwoch, 6. Januar 2016

Czerny: String Quartets (Capriccio)

Neben dem strahlenden Ruhm Ludwig van Beethovens erschienen über eine lange Zeit andere Kompo- nisten des 19. Jahrhunderts blass und unbedeutend. Schumann, Schubert, Brahms wurden wahrgenommen als Nachkommen, die mit dem Erbe des Titans rangen. Erst allmählich stellt nun die Wissenschaft fest, dass neben Beethovens Sonne noch etliche weitere Sterne durchaus am Leuchten sind – und so werden langsam, langsam einige Komponisten der Beethoven-Zeit wiederentdeckt. 
Einer von ihnen ist Carl Czerny (1791 bis 1857), der im Alter von zehn Jahren Beethovens Schüler wurde und bis zu Beethovens Tod dessen enger Vertrauter blieb. Der Nachwelt ist er als Autor von Unterrichtswerken sowie als Klavierpädagoge von Rang im Gedächtnis geblieben. Zu seinen Schülern gehörten Franz Liszt und Theodor Leschetitzky, und seine Etüden gelten heute noch als vorbildlich. 
Obwohl er ein exzellenter Pianist war, mied er die Selbstinszenierung als Virtuose – mit dem Unterricht sowie mit Vortragsstücken im brillanten Stil, die er für Verlage anfertigte, verdiente er ohnehin ein Vermögen. Und so unterließ er alles, was seinen ausgezeichneten Ruf beschädigen könnte. Aus diesem Grunde veröffentlichte er auch etliche wirklich bedeutende Werke nicht. In der Schublade blieben beispielweise seine Kirchenwerke, viele Sinfonien und die Streichquartette – und dieses Material ist bis heute noch nicht editorisch erschlossen; die Forschung vermutet mittlerweile, dass Czerny mindestens 20, vielleicht sogar doppelt so viele Streichquar- tette geschaffen haben könnte. 
Umso erfreulicher ist es, dass inzwischen einige dieser Werke in Konzerten wieder vorgestellt worden sind. So hat das Sheridan Ensemble 2007 in Berlin einige Streichquartette Czernys gespielt. Vier dieser Werke, zwei davon in Weltersteinspielung, sind nun auf einer Doppel-CD bei Capriccio erschienen. Es sind Musikstücke von bedeutendem Format und großer musikalischer Eigenständigkeit. Czerny weiß seine Mittel höchst ein- drucksvoll und ausdrucksstark einzusetzen. Insofern wäre es sehr zu begrüßen, wenn seine „ernsthafte“ Musik nun endlich aus dem Archivschlaf erweckt und ediert werden könnte. All den Anregern und Hinweisgebern um Anton Kuerti und Dr. Heinz von Loesch, die die Musiker dazu animiert haben, in die alten Noten zu schauen, kann man nur dankbar sein. Und wenn die anderen unveröffentlichten Werke Carl Czernys ein ähnliches Gewicht haben, dann ist da noch Erstaunliches zu entdecken und zu erwarten.

Samstag, 10. Oktober 2015

Spohr: String Quartets (Marco Polo)

Als Louis Spohr (1784 bis 1859) sein Debüt als Violinvirtuose gab, war auch das Streichquartett als solches noch in recht jugendlichem Alter. Als Braunschweiger Kammermusikus lernte Spohr die Quartette von Haydn, Mozart und Beethoven kennen und lieben – er spielte sie bei zahlreichen Quartett-Gesellschaften, und trug dazu bei, sie weithin bekannt zu machen. 
Es waren nicht etwa Violinsonaten und Violinkonzerte, sondern Streich- quartette, die Spohr zu einem der wichtigsten und am meisten verehr- ten Komponisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten. Es ist allerdings erstaunlich, dass sie heute kaum noch jemand kennt – im Konzertbetrieb spielen sie faktisch keine Rolle mehr. 
Das Label Marco Polo hat diese vergessenen Werke nun auf insgesamt 17 CD veröffentlicht, eingespielt vom New Budapest Quartet, dem Moskauer Dima-Quartett sowie dem Moskauer Philharmonischen Concertino-Streichquartett. Letzteres beschließt den Reigen und präsentiert auf der letzten CD dieser verdienstvollen Serie die Quartette Nr. 10 op. 30, Nr. 18 op. 61 sowie die Variationen d-Moll op. 6; im Grunde handelt es sich dabei ebenfalls um ein Streichquartett. 
Allerdings waren zu Spohrs Zeiten nicht alle Quartette so ausgewogen und gediegen komponiert wie die der großen Wiener Meister. Beim sogenann- ten Quatuor brillant handelt es sich um ein Werk für Solo-Violine mit Streicherbegleitung, die, je nach Talent und Laune des Urhebers, mehr oder meist weniger anspruchsvoll gestaltet wurde. Die Aufnahmen zeigen, dass in Spohrs eigenen Werken sowohl der Einfluss der Wiener Klassik als auch der zeitgenössischen Virtuosen hörbar wird: Die erste Violine hat typischerweise einen exponierten Part, doch die Stimmen der anderen Instrumente sind meistens ebenfalls sehr sorgfältig und mit Anspruch gearbeitet. Es lohnt sich wirklich, diese Streichquartette wiederzuent- decken – zumal die Moskauer Musiker sie mit großem Engagement vor- tragen. 

Montag, 13. Juli 2015

Haydn: String Quartets (MDG)

Mit drei weiteren Werken aus op. 50, darunter das berühmte Frosch- quartett, setzt das Leipziger Streich- quartett seine Haydn-Edition fort. Diese Streichquartette von Joseph Haydn (1732 bis 1809) sind wahrscheinlich 1786/87 entstanden. Sie gehören zu den reifen Werken sowohl des Komponisten als auch der Gattung; gerade deshalb ist es erstaunlich, wie einfallsreich und wie witzig Haydn sie erschaffen hat. Es ist unbegreiflich, warum dieser Komponist erst jetzt wieder etwas mehr Aufmerksamkeit erhält – aber im Schatten des Heros Beethoven ist es wohl ohne zusätzliches Lämpchen ziemlich finster. Ein solches Lämpchen steckt das Leipziger Streichquartett mit seiner Gesamtaufnahme der Haydn-Quartette an, mittlerweile ist die achte CD erreicht. Wie es weitergeht, darauf darf man allerdings gespannt sein, denn Stefan Arzberger, der erste Geiger des Ensembles, sitzt derzeit in New York fest, wo ihn nach einem Blackout im Hotel nun die Justiz im Griff hat. 
Um das Projekt wäre es schade, denn die Einspielungen der vier Leipziger zeichnen sich bislang durch Esprit und Frische aus. Man kann offenbar klassische Vollendung auch präsentieren, ohne vor Ehrfurcht zu erstarren – Haydn lädt mit seinem Feuerwerk an musikalischen Ideen dazu geradezu ein. Das Leipziger Streichquartett musiziert schwungvoll, historisch infor- miert und mit Nachbauten von Bögen aus dem 18. Jahrhundert – wenn diese facettenreiche Aufnahme keine Haydn-Renaissance auslöst, dann jedenfalls liegt das nicht an den Musikern, die hier grandios spielen. Bravi! 

Mittwoch, 6. August 2014

Pleyel: Preußische Quartette 1-3 (cpo)

Mit den Streichquartetten 1-3 schließt das Pleyel Quartett Köln nun seine Einspielung der Preußischen Quartette von Ignaz Pleyel ab. Bereits erschienen waren die Quartette 4-6 und 7-9 auf jeweils einer CD, die außer- ordentlich positive Kritiken erhalten haben. Und das zu recht, denn Ingeborg Scheerer, Milena Schuster, Andreas Gerhardus und Nicholas Selo musizieren auf den Punkt. Mit ihrer Interpretation bringen sie den ganz besonderen Charme dieser Werke wunderbar zur Geltung. Die vier Musiker haben aber auch eine dankbare Aufgabe, denn Pleyel hat alle vier Instru- mente gleichermaßen mit schönen Melodien und  mit konzertanten Episoden bedacht. Diese Aufnahme ist einfach phantastisch – und Pleyel sollte ohnehin viel öfter zu hören sein. Bravi! 

Donnerstag, 31. Juli 2014

Mozart: The "Haydn" Quartets (Genuin)

Das Merel Quartett spielt Mozart aus der Perspektive der Klassik. So kommen die „Haydn-Quartette“ KV 387 und 421 daher wie die blassen Geschwister der Streich- quartette Beethovens – wuchtig vorgetragen, pathetisch und leider auch ein bisschen langweilig. Das kann man mögen, aber ich finde das nicht gelungen, bei aller Per- fektion der Aufnahme.  

Sonntag, 6. Juli 2014

Mozart: 6 string quartets dedicated to Josef Haydn (Magdalen)

Das Budapester Streichquartett wurde 1917 durch Musiker ge-gründet, die durch die Schließung der Opernhäuser im Ersten Welt- krieg in ihrer Existenz getroffen wurden. Aus Berlin, wo sie in den 20er Jahren musiziert hatten, waren die Vier dann über Frank- reich nach New York emigriert. In den USA bestand das Streichquar- tett bis 1967; es stand bei der Columbia Recording Company unter Vertrag und war mit mehr als zwei Millionen verkauften Platten sehr erfolgreich. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass damals mehrere tausend Zuhörer zu einem Konzert gegangen sind, um vier Streicher spielen zu hören. 
Auf dieser Doppel-CD ist das berühmte Ensemble mit sechs Streich- quartetten zu hören, die Wolfgang Amadeus Mozart einst seinem Freund und Vorbild Joseph Haydn gewidmet hat. Die ursprünglichen Mitglieder – drei Ungarn und ein Niederländer – waren 1953, als die vorliegende Aufnahme entstanden ist, bereits ausgeschieden. „Ein Russe ist ein Anarchist, zwei Russen sind ein Schachspiel, drei Rus- sen starten eine Revolution und vier Russen bilden das Budapester Streichquartett“, witzelte Jascha Heifetz über die neue Besetzung. Für unsere Ohren heute freilich klingt dieses Dokument nicht unbedingt revolutionär; Mozart würde man heute anders spielen. Insbesondere die Überdosis an Pathos stört, und man wünscht sich mehr Witz und mehr Leichtigkeit. 

Mittwoch, 20. Februar 2013

Haydn: String Quartets op. 20 (Hyperion)

"There is perhaps no single or sextuple opus in the history of instrumental music which has achieved so much or achieved it so quietly", schrieb Donald Tovey in Cobbetts Cyclopaedia of Chamber Music über die sechs Streichquartette op. 20 von Joseph Haydn (1732 bis 1809). Diese Werke, nach der Titelseite eines der ersten Drucke gern Sonnenquartette genannt, sind ein gewichtiger Grund dafür, dass er bis heute als Vater des Streich- quartettes gilt.  Zwar hatten zuvor auch schon andere Komponisten Werke für zwei Violinen, Viola und Violoncello geschrieben. Doch Haydn  machte aus der einstigen Freiluft-Serenade jene "Unterhal- tung von vernünftigen Leuten", die schon Goethe rühmte, und die bis zum heutigen Tage das Publikum fasziniert. Haydn war der erste Kom- ponist, der auf die Idee kam, jedem der vier beteiligten Instrumente eine eigenständige musikalische Identität zu verleihen. Wie von Zau- berhand sind hier die Themen verwoben. Ideen werden entwickelt, weitergereicht, ausgetauscht. 
The London Haydn Quartet hat sich der Pflege dieses reichen Erbes verschrieben. Catherine Manson, Michael Gurevich, James Boyd und Richard Lester spielen Haydns Musik mit berückender Musikalität, großem Engagement - und mit hinreißender Eleganz. Eine traumhaft schöne, rundum gelungene Aufnahme, die ich nur empfehlen kann. 

Mittwoch, 5. September 2012

Franz Geissenhofs Instrumente (Paladino Music)

Nur sehr wenige Instrumente aus der Werkstatt Franz Geissenhofs (1753 bis 1821) sind überliefert. Dabei war er der bedeutendste Geigenbauer zur Zeit der Wiener Klassik; seinen Zeitgenossen galt er sogar als "Wiener Stradivarius".
Geissenhof stammte aus Füssen, seinerzeit eine Hochburg des Instrumentenbaus. Wie viele Handwerker aus dieser Gegend ging er in die Musikmetropole Wien. Dort arbeitete er zunächst als Geselle; nach dem Tode seines Meisters 1781 übernahm er dann das Geschäft und führte es weiter. Die Instrumente, die er anfertigte, folgten zunehmend italienischem Vorbild; Antonio Stradivari wurde, wenn man so will, Geissenhofs zweiter Lehrmeister. Das hatte deutliche Auswirkungen auf die Ge- stalt, aber auch auf den Klang seiner Geigen. 
Musiker wussten, was sie an Geissenhofs Instrumenten hatten. Und auch unter seinen Kollegen war der Geigenbauer hoch angesehen. Es wird jedoch berichtet, dass er kein Instrument herausgab, mit dem er nicht völlig zufrieden war. Zu Wohlstand brachte er es damit leider nicht. Seine Wohnung, in der er auch arbeitete, bestand aus einem einzigen Zimmer und einer winzigen Küche. Wie er dort gemeinsam mit seiner Frau gelebt haben mag (und Lehrlinge hat er ja immerhin auch ausgebildet!), das möchte man sich gar nicht vorstellen.
Die vorliegende CD präsentiert gleich vier Instrumente aus Geissen- hofs Werkstatt - ein komplettes Quartett, das sich heute in der Sammlung des Kunsthistorischen Museum Wien befindet. Das Quatuor Mosaiques spielt Werke von Joseph Woelfl (1773 bis 1812), einem Schüler von Leopold Mozart und Michael Haydn. Er war ein exzellenter Pianist und ein ebenso erfolgreicher Komponist. Seine Werke erinnern sowohl an Haydn als auch an die Mannheimer Schule. Geissenhofs Instrumente mit ihrem charakteristischen Klang kommen dabei gut zur Geltung. 

Samstag, 25. Februar 2012

Haydn: String Quartets, Takács Quartet (Hyperion)

Das Takács-Quartett wurde 1975 an der Budapester Musikhoch- schule von vier Studenten gegrün- det - Gabor Takács-Nagy, Károly Schranz, Gabor Ormai und András Fejér. Die Musiker haben seitdem eine Menge Preise gewonnen. Zwar hat sich die Besetzung mittlerweile mehrfach geändert; an der ersten Violine ist heute der britische Gei- ger Edward Dusinberre zu hören, und die Viola spielt Geraldine Walther, aufgewachsen in Tampa, Florida/USA. Doch die Qualität ist geblieben, wie diese Aufnahmen beweisen.
Die Streichquartette op. 71 und 74 schuf Joseph Haydn nach seiner ersten England-Reise. Waren solche Werke in Wien seinerzeit übli- cherweise für Liebhaberkreise bestimmt, ließ der in London lebende Violinist und Impresario Johann Peter Salomon Streichquartette regelmäßig bei seinen Konzerten spielen. Dieses Erlebnis scheint Haydn bewogen zu haben, für seine zweite Reise nach London eine Gruppe von Streichquartetten vorzubereiten, die deutlich publikums- orientierter waren als seine älteren Werke. Sie sind effektvoll, kunst- voll strukturiert und überraschen mit einer Fülle an musikalischen Ideen. Das Takács-Quartett zelebriert diese herrliche Musik mit Ge- nuß - und mit einer Eleganz, die begeistert. 

Dienstag, 18. Oktober 2011

Haydn: String Quartets, Leipziger Streichquartett (MDG)

"Man darf aber nur halber Kenner seyn, um das Leere, die seltsame Mischung vom comischen und ernsthaften, tändelnden und rührenden, zu merken, welche allenthalben herrscht. Die Fehler gegen den Satz, besonders gegen den Rhythmus, und meistentheils eine große Unwissenheit des Con- trapunkts, ohne den noch keiner ein gutes Trio gemacht hat, sind in allen diesen sehr häufig", lästerte der Berliner Johann Christoph Stockhausen 1771 in seinem Criti- schen Entwurf einer auserlesenen Bibliothek für die Liebhaber der Philosophie und der schönen Wissenschaften über Joseph Haydn und einige seiner Kollegen. 
Der solcherart Geschmähte antwortete - mit den Quartetten op. 20, in denen er geradezu exemplarisch archaische und moderne Stilelemen- te kombiniert. Dort finden sich der gestrenge Kontrapunkt, und auch die klassische Polyphonie - doch was Haydn damit anfängt, das ist schon sehr hörenswert. So schuf Haydn eine Fuge im 6/8-Takt, mit fein verästelten Themen, die eher quirlig als erhaben wirken. In der Summe wirken seine Stücke wie ein großes Gelächter, dass er über den Kritiker anstimmt. 
Das Leipziger Streichquartett hat diese Werke im September 2010 im Rahmen der Gesamtausgabe sämtlicher Haydn-Quartette für das audiophile Label Dabringhaus & Grimm eingespielt. Dort sind sie kürzlich als Vol. 4 der CD-Serie erschienen. Folge drei, die bereits seit Februar im Handel ist, enthält drei der sogenannten Erdödy-Quar- tette op. 76 - Nr. 2, 3 und 4, mit den Beinamen Quinten- und Kaiser- quartett sowie Sonnenaufgang
Das Leipziger Streichquartett, bestehend aus Stefan Arzberger und Tilman Büning, Violine, Ivo Bauer, Viola, und Matthias Moosdorf, Violoncello, gehört ohne Zweifel zu den besten derartigen Formatio- nen Deutschlands. Die Musiker zelebrieren "ihren" Haydn allerdings beinahe wie einen Beethoven. Sie spielen exzellent, und das wird ihnen ohne Zweifel viel Kritikerlob eintragen. Ich muss allerdings gestehen, dass mir eine weniger glatte Version, die auch Haydns musikalische Scherze mit einem Augenzwinkern statt in Marmor gemeißelt nimmt, noch besser gefallen hätte. 

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Mozart: Dissonances; Quatuor Ebène (Virgin Classics)

Mit dem Streichquartett beschäf- tigte sich Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) seit seiner ersten Italien-Reise 1770. Diese CD enthält KV 138, ein Werk aus dem Jahre 1772, dreisätzig ohne Menuett; Mozart nannte es Diver- timento
In der Auseinandersetzung mit den Quartetten Joseph Haydns perfek- tionierte Mozart seine eigenen; die Legende behauptet, dass er sie auch selbst gespielt haben soll, und zwar die Bratschenstimme, ge- meinsam mit Haydn und Carl Ditters von Dittersdorf, die die Violin- parts übernahmen, und mit Johann Baptist Vanhall am Violoncello. Haydn, den er sehr verehrte und schätzte, widmete Mozart 1785 sechs Streichquartette; davon hat das Quatuor Ebène zwei für diese CD eingespielt, die Quartette KV 421 und 465. 
Musikwissenschaftler und auch etliche Musiker unterstellen dem Komponisten gern, dies seien Stücke, die Mozarts Persönlichkeit spiegeln; sie wollen gar Verzweiflung, Lebensunlust und Seelenqual darin finden - doch Vorsicht! wir befinden uns im 18. und nicht im
19. Jahrhundert. Und da wäre ich mit solchen Befunden doch sehr vorsichtig; Mozart ist eben nicht Schumann - und das Genie kann auch aus purer Lust an der kniffligen Aufgabe zu Dissonanzen ge- griffen haben, um zu demonstrieren, wie sie sich in Wohlklang auf- lösen lassen. Schließlich hatte Widmungsträger Haydn bekannter- maßen Humor und Sinn für musikalische Scherze. Wir wissen es nicht; uns bleiben nur die Noten, und denen widmen sich Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, Violine, Mathieu Herzog, Viola und Raphael Merlin, Violoncello, mit Hingabe. 

Das Ergebnis aber klingt eher nach Beethoven als nach Haydn; die Interpretation erscheint wie in Marmor gemeißelt, und deshalb bin ich damit nicht ganz glücklich. Die Musiker vom Quatuor Ebène wollen "den Schleier (..) lüften" - und gehen davon aus, dass es sich "um absolut klassische Musik handelt". Kriterien: "Ausgewogenheit, Schlichtheit, Klarheit der Form, klar zu erfassende Tonarten, ein- fache Harmonik und Metrik" - also ich würde das so nicht unter- schreiben wollen. --
"Aus dem gleichen Heft stammend, (...) formieren sich diese beiden Quartette wie Schwarz und Weiß um den Begriff der Dissonanz, und sie enthalten so großartige harmonische Einfälle, dass man sich vorstellen kann, mit welcher Erregung sich Musiker zusammen- fanden, sie zu entdecken", schreibt das Quartett im Beiheft. Hört man KV 318 genau und achtet darauf, wird man entdecken, dass der junge Mozart schon hier die Dissonanz gekonnt benutzt, sozusagen als individuelle Würze einer handwerklich schon ziemlich perfekten Komposition. Dieses Konzept finde ich sehr spannend, und das macht auch diese CD zu einem Solitär. Toll! 

Donnerstag, 23. Juni 2011

String Quartets by Felix & Fanny Mendelssohn (Genuin)

Das Streichquartett f-Moll op. 80 von Felix Mendelssohn Bartholdy ist eine Trauermusik: Im Mai 1847 war Fanny, die geliebte Schwester,  gestorben. Wenige Monate später folgte der Bruder ihr nach. Das Streichquartett vollendete er im September. Es ist voll Unrast, Aufruhr und Erschütterung. Gänzlich anders ist der Charakter der Vier Sätze für Streichquartett op. 81, die erst nach Mendelssohns Tod in dieser Form zusammenge- stellt worden sind. Sie sind grazil, elegant, und beeindrucken durch ihre auch formale Souveränität. So mitreißend wie in dem Capriccio e-Moll aus dem Jahre 1834 muss eine Spiegelfuge erst einmal gelingen!
Als Verbeugung vor Fanny Hensel hat das Merel Quartett auch ihr Streichquartett Es- Dur aus dem Jahre 1834 mit eingespielt. Es ist unüberhörbar vom Spätstil Beethovens inspiriert; doch eine Sonatenhauptsatzform enthält das Werk nicht. Deshalb wurde dieses Streichquartett gern als minderwertig angesehen. Der Zuhörer möge selbst urteilen, ob dieses kühne, inspirierte Werk das verdient.
Das Merel Quartett spielt die Werke der Geschwister Mendelssohn bezaubernd – romantisch, geheimnisvoll, schwebend. Eine Offen- barung! Es ist kaum zu glauben, dass man so sensibel, wie aus einem Gedanken, gemeinsam musizieren kann. Mary Ellen Woodside, Meesun Hong, Alexander Besa und Rafael Rosenfeld bilden ein exzellentes Ensemble, von dem hoffentlich noch viel zu hören sein wird. Diese CD gehört für mich zu den besten Neuerscheinungen des Jahres. 

Freitag, 27. Mai 2011

Tchaikovsky: String Quartets (Berlin Classics)

Diese Doppel-CD enthält nahezu alle Kammermusikwerke von Pe- ter Tschaikowski (1840 bis 1893): Die drei Streichquartette D-Dur, op. 11, F-Dur, op. 20 und es-Moll, op. 30 sowie das Streichsextett
d-Moll
, op. 70 und einen Streich- quartettsatz aus seiner Studien- zeit. Da fehlt eigentlich nur das Klaviertrio a-Moll, op. 50 - doch das hätte klanglich wahrscheinlich nicht recht in das Umfeld gepasst. 

Die Damen vom zu Recht mittler- weile außerordentlich renommier- ten Klenke Quartett musizieren, beim Streichsextett verstärkt durch Harald Schoneweg, Viola, und Klaus Kämper, Violoncello, gewohnt kultiviert, intelligent und harmonisch. So darf man Tschaikowski neu entdecken - und staunt über die enorme Freiheit, mit der er sich in der Gattung bewegt, sowie über den beeindruckenden Reichtum an Klangfarben. Wunderbar! 

Sonntag, 30. Januar 2011

Beethoven: String Quartets (Virgin Classics)

Als Beethovens Streichquartett Nr. 13 in B-Dur 1826 zum ersten Mal erklang, schrieb der Kritiker der Allgemeinen musikalischen Zei- tung: "Aber den Sinn des fugirten Finale wagt der Referent nicht zu deuten: für ihn war es unverständ- lich, wie Chinesisch. Doch wollen wir damit nicht voreilig abspre- chen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beym ersten Blicke trüb und verworren er- schien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird." 
Beethovens Verleger Artaria zeigte sich von dem Ende des Werkes ebenfalls wenig angetan, und drängte den Komponisten, noch einen gefälligeren Schluss zu liefern - was jener dann auch erledigte. Das ursprüngliche Finale publizierte er als Große Fuge op. 133. 
Der Geschmack des Publikums dürfte sich seitdem wenige geändert haben; die Musiker des Artemis Quartetts aber haben bei ihrer Gesamteinspielung der Beethovenschen Quartette für Virgin Classics die komplexe ursprüngliche Form bevorzugt.  Technisch bringt sie das nicht in Probleme. Natalia Prischepenko und Gregor Sigl, Violine, Friedemann Weigle, Viola und Eckart Runge, Violoncello, treiben das Streichquartettspiel zur Perfektion. 
Die Gattung, bei der - so Goethe - "vier vernünftige Leute sich unter- einander unterhalten", wird hier zur musikalisch ausgefeilten und durchgestylten Show. Das ist sehr beeindruckend, aber nicht immer überraschend, ja, mitunter auch ein bisschen zu glatt und zu gut abgestimmt. Hier hat jeder Effekt, jeder Gedanke seinen vorbestimm- ten Platz; die Suche nach Argumenten, nach der treffenden Formu- lierung erscheint bereits abgeschlossen, wenn der Zuhörer Platz genommen hat. 
Das ist Quartettspiel in Vollendung - aber wenn die Fetzen, die da geflogen kommen, in Wahrheit Designerfetzen sind, von genau kalkulierter Wirkung, wenn der Zuhörer nicht mehr den Eindruck hat, Zeuge eines kreativen Prozesses sein zu dürfen, dann finde ich das nicht sehr aufregend. Insofern mag ich mich den Elogen meiner Kritikerkollegen nicht so ganz anschließen. Exzellente Aufnahmen der Beethoven-Quartette gibt es auf dem Markt bereits einige; insofern ist auch ein weiteres Beethoven-Projekt nicht gerade eine Innovation.