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Dienstag, 31. Dezember 2013

Zelenka: Melodrama de Sancto Wenceslao (Supraphon)

Im Jahre 1723 wurde mit großer Pracht die Prager Krönung Karls VI. und seiner Gemahlin Elisabeth Christine gefeiert. Costanza e Fortezza, Beständigkeit und Stärke, rühmte eine Oper des kaiserlichen Kapellmeisters Johann Joseph Fux. Und nicht weniger Aufmerk- samkeit galt dem von den Jesuiten aufgeführten Huldigungsmelodram Sub olea pacis et palma virtutis conspicua orbi regia Bohemiae corona. Die Musik dazu hatte Fux' Schüler Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) komponiert. Das Werk ist auch unter dem Titel Melodrama de Sancto Wenceslao bekannt, unter dem die Partitur seinerzeit in den Dresdner Inventaren verzeichnet wurde. 
Es steckt voll Anspielungen und Allegorien, und hatte zum Ziel, den neuen Herrscher als regulären Erben des Heiligen Wenzels zu inszenieren – jenes sagenumwobenen ersten Königs, der einst auf dem Reichstag zu Worms durch Kaiser Otto I. gekrönt worden war. An der Aufführung wirkten mehr als 150 Teilnehmer mit, so auch der junge Franz Benda, der damals an einem der drei Prager Jesuiten- kollegien studierte und in seinen Erinnerungen erwähnt, er habe drei Soli gesungen. 
Das Melodram muss großen Eindruck gemacht haben, nicht nur auf die Hoheiten, sondern auch dem sonstigen Publikum, so dass es drei Tage später sogar noch einmal wiederholt wurde. Verwundern wird das nicht. Denn schon allein der große Eingangschor macht deutlich, was den Zuhörer erwartet: Ausgefeilte Sätze, das eine oder andere musikalische Wagnis sowie eine überaus farbige Instrumentierung. Natürlich dürfen bei einer Krönung Pauken und Trompeten nicht fehlen. Doch auch andere Soloinstrumente wie Chalumeau, Flöten oder Violoncello setzt Zelenka wirkungsvoll ein. 
Der Aufwand ist allerdings beträchtlich, und deshalb ist das Opus ausgesprochen selten zu hören. Das letzte Mal erklang es im Jahr 2000 im Wladislaw-Saal der Prager Burg; die vorliegende Doppel-CD enthält den Mitschnitt. 

Dienstag, 18. Dezember 2012

Zelenka: Missa Nativitatis Domini (Supraphon)

Das Ensemble Musica Florea, 1992 von dem Cellisten Marek Stryncl gegründet, hat sich einmal mehr auf die Suche nach den Werken des Komponisten Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) begeben. Diese CD beweist, dass da noch immer viel zu entdecken ist. Sie beginnt mit dem Magnificat ZWV 107, für Solo-Sopran, Chor und Orchester, gefolgt von der Weihnachtsmotette O magnum mysterium ZWV 171. Dabei handelt es sich um die Paro- die einer Arie aus dem Melodrama Sub olea pacis, das Zelenka 1723 für die Prager Jesuiten zu den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Karls VI. komponiert hatte. Der Komponist schrieb ein neues Rezitativ, gab der Arie einen neuen Text und fügte der Besetzung Flöten hinzu, um das pastorale Idyll zu unterstreichen, in dem das Jesuskind in den Schlaf gewiegt wird. 
Mit der "goldenen Stadt", wo Zelenka seine Jugend verbracht und seine Ausbildung absolviert hatte, blieb der Komponist zeitlebends in Verbindung. Seine Musik war  in Prag präsent; so ist beispielsweise die Missa Nativitatis ZWV 8 in der Musiksammlung der Jesuitenkir- che St. Nikolaus auf der Kleinseite in einer Abschrift aus dem Jahre 1736 zu finden. Entstanden war das Werk zehn Jahre vorher, 1726, für die weihnachtliche Kirchenmusik am Dresdner Hof. 
Dort wirkte Zelenka seit 1710 als Kontrabassist; nach seinem Erfolg mit der Prager Krönungsmusik komponierte er zunehmend auch Sakralmusik für seinen Dienstherrn, August den Starken. Dennoch erhielt er nicht die erhoffte Anstellung als Hofkapellmeister. Augusts Sohn und Erbe, Kurfürst Friedrich August II., ernannte ihn schließ- lich zum Hofkomponisten und Kirchen-Compositeur. Es wird oft darüber spekuliert, warum Hasse die Stelle bekam, die Zelenka versagt blieb. Die Antwort dürfte deutlich einfacher sein, als die Musikwissenschaftler vermuten: Stars feierte der Hof  auf der Opernbühne; was in Kirche und Kammer erklang, das dürfte wohl eher als Gebrauchsmusik betrachtet worden sein. 
Nun denn - wenn die Musik, die fromme Andacht mit höfischem Repräsentationsanspruch verknüpfte, damals in Dresden durchweg das Niveau und den handwerklichen Anspruch dieser Missa Zelenkas hatte, dann wurden die Wettiner, ihre Höflinge und Gäste seinerzeit auch in der Kirche exzellent beschallt. Es ist beeindruckend, wie individuell Zelenka in seiner Musik den Text der Messe auslegt und - unterstrichen durch die Instrumentierung mit Traversflöten, Oboen und Waldhörnern - pastorale Akzente setzt. 
Wann und aus welchem Anlass die Motette Chvalte Boha silného ZWV 165 entstanden ist, das wird wohl im Dunkel der Geschichte verbor- gen bleiben. Interessant ist das Werk, eine Vertonung von Psalm 150, weil es die einzige überlieferte Komposition Zelenkas auf einen Text in tschechischer Sprache ist - und weil der Komponist darin die verschiedenen Instrumente, mit denen Gott gelobt werden soll, mit Orchesterinstrumenten wundervoll imitiert, man höre nur Violine und Viola im pizzicato als Laute und Zither. 
Das Ensemble Musica Florea hat an diesen anspruchsvollen Aufgaben spürbar Vergnügen. Es wird mit großem Engagement musiziert. Dies gilt nicht nur für die Instrumentalisten, sondern auch für die Sängerinnen und Sänger. Man mag es kaum glauben, doch der Chor, den man hier hört, ist in jeder Stimme nur dreifach besetzt - und an den Soli sind nahezu alle Sänger beteiligt. Bravi! 

Samstag, 6. August 2011

Reichenauer: Concertos II (Supraphon)

Zu den Werken, die in dem legen- dären Schrank II der Dresdner Hofkapelle überliefert sind, gehö- ren jene von Antonín Reichenauer. Sie befinden sich dort in erfreulich großer Zahl, einige sogar in Form der autographen Partitur - was umso wertvoller ist, weil Komposi- tionen von ihm ansonsten wohl nur noch im bayerischen Wiesentheid erhalten sind. Dort handelt es sich um Werke für Violoncello - was nicht verwundert, denn Graf Ru- dolf Franz Erwein von Schönborn-Wiesentheid, der die Noten einst zusammengetragen hat, gilt als leidenschaftlicher Cellist. In der sächsischen Landeshauptstadt hin- gegen umfasst der Bestand überwiegend Konzerte für Blasinstrumen- te.
Wie sie dort hingekommen sind, das gehört zu den vielen Rätseln um Reichenauer. Bekannt ist, dass der Musiker 
zu der berühmten Kapelle des Grafen Wenzel Morzin gehörte. Vivaldi war dort Titular-Kapell- meister; er schrieb Konzerte für die Musiker Morzins, die er in der entsprechenden Widmung als Virtuosissima Orchestra bezeichnete - unter anderem die berühmten Vier Jahreszeiten.  
1721 engagierte der Graf Johann Friedrich Fasch als Hauskompo- nisten. Reichenauer wurde sein Nachfolger, und wirkte in der Kapelle nachweislich bis 1729. 1730 ging Reichenauer als Pfarrorganist nach Neuhaus in Südböhmen; dort starb er einen knappen Monat später, erst 34 Jahre alt.  
Diese CD enthält vier Konzerte für unterschiedliche Besetzungen, sowie eine Sonate für zwei Trompeten, Pauke, Cello, Streicher und Basso continuo und eine Ouvertüre für zwei Oboen, Fagott, Streicher und Basso continuo. Abgesehen von dem Violinkonzert, das in seiner mangelnden Eleganz wohl eher nicht von Reichenauer stammen wird, zeigen all diese Werke deutlich, dass der Komponist mit den neuesten Trends der europäischen Musik bestens vertraut war, und sie kreativ umzusetzen wusste. Egal, ob das gräfliche Solo-Cello eingebunden werden musste, oder die Oboen, damals noch ziemlich neu und "in", gebührend zur Geltung kommen sollten - Reichenauer wusste die Erwartungen seiner Auftraggeber ganz offensichtlich zu erfüllen.  
Umso mehr freut man sich, dass diese schönen Stücke nun wieder erklingen. Zu hören ist auf dieser CD das Ensemble Musica Florea auf zeitgenössischen Instrumenten, geleitet von dem Dirigenten und Cellisten Marel Stryncl, der es sich natürlich nicht nehmen lässt, auch die Cello-Soli zu spielen. Als Solisten fungieren zudem Luise Haugk und Petra Ambrosi, Barockoboe, Krystof Lada, Fagott, Jana Chytilo- vá, Barockvioline, Marek Spelina, Querflöte, sowie Karel Mnuk und Josef Sadlícek, Barocktrompete, und Pavel Svejkovský, Pauken.