Nach Leipzig führt uns das CD-Debüt des britischen Ensembles Solomon’s Knot. Es erklingen Werke von Johann Schelle (1648–1701), Johann Kuhnau (1660–1722) und Johann Sebastian Bach (1685–1750). „We spent a lot of time thinking about our approach for this recording“, berichtet Jonathan Sells, der künstlerische Direktor. „Since our singers sing everything by heart and perform without a conductor, our mode of performance and audience experience is very ,live', and that very special and close connection with our audience has become a key part of what we do.“
Allerdings habe das Publikum den Wunsch geäußert, Solomon's Knot auch zu Hause hören zu wollen. Und so habe man sich entschlossen, den Live-Mitschnitt eines Konzertes, mit nur wenigen Nachaufnahmen, zu veröffentlichen.
Das Repertoire, das das Ensemble dafür ausgewählt hat, ist anspruchsvoll. Für den ersten Adventssonntag schrieb Johann Schelle einst die Kantate Machet die Tore weit – und kombinierte dabei den großen Auftritt, einschließlich Pauken und Trompeten, mit individuellen Solo-Versen.
Zeitzeugen schildern, dass „wegen des süßen Honigs von Schelles Musik die Zuhörer stets in die Kirchen flogen wie die Bienen zur Blüte“. Ich bin aber von dieser Interpretation der Kantate des Thomaskantors nicht so begeistert. Zum einen denke ich, dass Stimmen mit einem ausgeprägten Opernvibrato nicht besonders gut zu „Alter“ Musik passen. Und zum anderen ist das bloße Absingen eines solchen Werkes durch ein Profi-Ensemble live sicherlich ein Erlebnis; aber für eine Aufnahme reicht das nicht ganz.
Ein interessantes Konzept hingegen ist die Kombination aus dem Magnificat von Johann Kuhnau – das umfangreichste überlieferte Vokalwerk des Komponisten – mit Bachs Magnificat BWV 243a. Diese Version steht in Es-Dur; sie ist älter als die bekannte BWV 243, und wohl auch etwas anders instrumentiert. Bach schrieb diese Musik für sein erstes Weihnachtsfest in Leipzig 1723. Zwischen einigen Sätzen erklingen zudem Strophen von Weihnachtsliedern, vertont für Chor oder Solisten, mit Bezug zur Weihnachtsgeschichte. Es wird vermutet, dass Bach Kuhnaus Magnificat gekannt hat, und dass er durch dieses Werk selbst inspiriert wurde.
Hier wird nun auch der Zuhörer munter. Denn diese beiden Magnificat-Kompositionen werden von Solomon's Knot mit Schwung und Engagement vorgetragen. Nun denn, es werde Weihnachten!
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Donnerstag, 12. Dezember 2019
Dienstag, 22. März 2016
Bach: Magnificat; Händel: Dixit Dominus (BR Klassik)
Händel schrieb seine Psalmver- tonung Dixit Dominus im April 1707 in Rom, zum Auftakt seiner Reise nach Italien. Es wird vermutet, dass er in einem besonders feierlichen Vesper-Gottesdienst erklungen sein soll. Besetzt ist das Werk mit fünf Solisten sowie jeweils fünf Chor- und Streicherstimmen; es wirkt wie eine Art monumentales Concerto grosso. Der junge Händel hat dabei allerdings auch die Singstimmen über weite Strecken kaum anders behandelt als die Violinen. Dem Chor des Bayerischen Rundfunks bereitet das keine Probleme; die Sänger sind exzellent. Aber der Chorklang ist mir im Dixit Dominus mitunter beinahe etwas zu massiv, meinem Empfinden nach könnte er schlanker sein, beweglicher und bewegter.
Das Magnificat war einst das erste großformatige Werk, mit dem sich Johann Sebastian Bach nach seiner Bestellung zum Thomaskantor dem Leipziger Publikum präsentierte. Solisten und Chor ließ er dabei gemeinsam mit einem üppig besetzten Orchester musizieren, inklusive Oboen, Traversflöten, Pauken und Trompeten. Das Barockorchester Concerto Köln ist hier in seinem Element, und setzt Glanzpunkte.
Montag, 14. Dezember 2015
Bach: Magnificat (Linn)
An eine Rekonstruktion der ersten Vesper, die in der Verantwortung des neuen Thomaskantors Johann Sebastian Bach am 25. Dezember 1723 in der Leipziger Nikolaikirche gefeiert wurde, hat sich das Dunedin Consort unter John Butt gewagt. Die meisten Stücke, die nach Ansicht von Musikwissenschaftlern zu diesem Anlass erklungen sind, lässt das En- semble nun auf dieser CD erklingen. Das Orgelvorspiel Vom Himmel kam BWV 607 und die liturgischen Gesänge um Kollekte und Segen kann sich, wer das möchte, ergänzend von der Webseite des Labels herunterladen.
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll.
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört.
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll.
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört.
Mittwoch, 29. April 2015
Carl Philipp Emanuel Bach: Magnificat (Brilliant Classics)
Zwei ältere Aufnahmen von Werken Carl Philipp Emanuel Bachs (1714
bis 1788) wurden bei Brilliant Classics wieder veröffentlicht. Das Magnificat in D-Dur Wq 215 erklingt als Mitschnitt von einem Konzert anlässlich des 200. Todestages des Komponisten mit den Solisten Venceslava Hrubá-Freiberger, Barbara Bornemann, Peter Schreier und Olaf Bär sowie dem Rundfunk- chor Berlin. Aufgezeichnet wurde es im Dezember 1988 im Schauspiel- haus Berlin.
Carl Philipp Emanuel Bach hat das Magnificat 1749 komponiert; es wird spekuliert, ob er es geschrieben hat, um sich den Leipziger Stadträten als Nachfolger seines Vaters in der Position des Thomaskantors zu empfehlen, oder möglicherweise auch für eine Bewerbung als Hofkapellmeister bei Prinzessin Anna Amalia von Preußen, der jüngsten Schwester Friedrichs des Großen. Sie war musikalisch sehr versiert, gilt aber als konservativ. Uraufgeführt jedenfalls wurde das Werk noch vor dem Ableben Johann Sebastian Bachs in der Leipziger Thomaskiche.
Komplettiert wird die CD durch eine sehr schöne Studioeinspielung der Sinfonien in G-Dur Wq 173 und 180, aufgenommen 1989. Das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach unter seinem Gründer und Leiter Hartmut Haenchen macht hier seinem Namenspatron alle Ehre.
bis 1788) wurden bei Brilliant Classics wieder veröffentlicht. Das Magnificat in D-Dur Wq 215 erklingt als Mitschnitt von einem Konzert anlässlich des 200. Todestages des Komponisten mit den Solisten Venceslava Hrubá-Freiberger, Barbara Bornemann, Peter Schreier und Olaf Bär sowie dem Rundfunk- chor Berlin. Aufgezeichnet wurde es im Dezember 1988 im Schauspiel- haus Berlin.
Carl Philipp Emanuel Bach hat das Magnificat 1749 komponiert; es wird spekuliert, ob er es geschrieben hat, um sich den Leipziger Stadträten als Nachfolger seines Vaters in der Position des Thomaskantors zu empfehlen, oder möglicherweise auch für eine Bewerbung als Hofkapellmeister bei Prinzessin Anna Amalia von Preußen, der jüngsten Schwester Friedrichs des Großen. Sie war musikalisch sehr versiert, gilt aber als konservativ. Uraufgeführt jedenfalls wurde das Werk noch vor dem Ableben Johann Sebastian Bachs in der Leipziger Thomaskiche.
Komplettiert wird die CD durch eine sehr schöne Studioeinspielung der Sinfonien in G-Dur Wq 173 und 180, aufgenommen 1989. Das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach unter seinem Gründer und Leiter Hartmut Haenchen macht hier seinem Namenspatron alle Ehre.
Mittwoch, 13. März 2013
Rogier: Music from the Missae Sex (Linn)
Philippe Rogier (1561 bis 1596) war ein franko-flämischer Kom- ponist. Er begann seine Ausbildung wahrscheinlich an der Kathedrale von Arras, und kam 1575 in einer Gruppe von Sopranisten nach Madrid, um am spanischen Königshof zu singen. 1588 wurde er durch König Philipp II. zum maestro di capilla ernannt.
Der 1649 in Lissabon erstellte Katalog der königlichen Musik- bibliothek verzeichnete 243 Werke Rogiers; die meisten davon gingen allerdings bei einem Palastbrand sowie beim großen Erdbeben 1755 verloren. Heute sind noch 18 Motetten, sieben Messen sowie einige wenige andere Werke überliefert.
Die Sänger des Ensembles Magnificat sind bereits seit einiger Zeit dabei, das Werk Philippe Rogiers zu erkunden. So sind bei Linn Records mittlerweile Aufnahmen der Missa Ego sum qui sum sowie der Missa Domine Dominus noster erschienen. Die vorliegende dritte CD enthält nun die Missa Inclita stirps Jesse sowie die Missa Philippus Secundus Rex Hispaniae, beide in Weltersteinspielung. Sie werden ergänzt durch eine Motette von Jacobus Clemens "non Papa", die das musikalische Material der ersten der beiden Parodiemessen vorstellt, sowie durch Orgelmusik von Antonio de Cabezón.
Die Aufnahme zeigt, mit welcher Klangpracht der spanische Hof den Gottesdienst feierte. Mit dem Ensemble Magnificat, das durch seinen Gründer Philip Cave dirigiert wird, musizieren His Majestys Sagbutts and Cornetts zur Seite - allein dies genügt als Hinweis auf die Qualität der CD. Den Orgelpart spielt Alastair Ross, die Harfe Joy Smith, und den Dulcian Keith McGowan.
Der 1649 in Lissabon erstellte Katalog der königlichen Musik- bibliothek verzeichnete 243 Werke Rogiers; die meisten davon gingen allerdings bei einem Palastbrand sowie beim großen Erdbeben 1755 verloren. Heute sind noch 18 Motetten, sieben Messen sowie einige wenige andere Werke überliefert.
Die Sänger des Ensembles Magnificat sind bereits seit einiger Zeit dabei, das Werk Philippe Rogiers zu erkunden. So sind bei Linn Records mittlerweile Aufnahmen der Missa Ego sum qui sum sowie der Missa Domine Dominus noster erschienen. Die vorliegende dritte CD enthält nun die Missa Inclita stirps Jesse sowie die Missa Philippus Secundus Rex Hispaniae, beide in Weltersteinspielung. Sie werden ergänzt durch eine Motette von Jacobus Clemens "non Papa", die das musikalische Material der ersten der beiden Parodiemessen vorstellt, sowie durch Orgelmusik von Antonio de Cabezón.
Die Aufnahme zeigt, mit welcher Klangpracht der spanische Hof den Gottesdienst feierte. Mit dem Ensemble Magnificat, das durch seinen Gründer Philip Cave dirigiert wird, musizieren His Majestys Sagbutts and Cornetts zur Seite - allein dies genügt als Hinweis auf die Qualität der CD. Den Orgelpart spielt Alastair Ross, die Harfe Joy Smith, und den Dulcian Keith McGowan.
Dienstag, 18. Dezember 2012
Zelenka: Missa Nativitatis Domini (Supraphon)
Das Ensemble Musica Florea, 1992 von dem Cellisten Marek Stryncl gegründet, hat sich einmal mehr auf die Suche nach den Werken des Komponisten Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) begeben. Diese CD beweist, dass da noch immer viel zu entdecken ist. Sie beginnt mit dem Magnificat ZWV 107, für Solo-Sopran, Chor und Orchester, gefolgt von der Weihnachtsmotette O magnum mysterium ZWV 171. Dabei handelt es sich um die Paro- die einer Arie aus dem Melodrama Sub olea pacis, das Zelenka 1723 für die Prager Jesuiten zu den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Karls VI. komponiert hatte. Der Komponist schrieb ein neues Rezitativ, gab der Arie einen neuen Text und fügte der Besetzung Flöten hinzu, um das pastorale Idyll zu unterstreichen, in dem das Jesuskind in den Schlaf gewiegt wird.
Mit der "goldenen Stadt", wo Zelenka seine Jugend verbracht und seine Ausbildung absolviert hatte, blieb der Komponist zeitlebends in Verbindung. Seine Musik war in Prag präsent; so ist beispielsweise die Missa Nativitatis ZWV 8 in der Musiksammlung der Jesuitenkir- che St. Nikolaus auf der Kleinseite in einer Abschrift aus dem Jahre 1736 zu finden. Entstanden war das Werk zehn Jahre vorher, 1726, für die weihnachtliche Kirchenmusik am Dresdner Hof.
Dort wirkte Zelenka seit 1710 als Kontrabassist; nach seinem Erfolg mit der Prager Krönungsmusik komponierte er zunehmend auch Sakralmusik für seinen Dienstherrn, August den Starken. Dennoch erhielt er nicht die erhoffte Anstellung als Hofkapellmeister. Augusts Sohn und Erbe, Kurfürst Friedrich August II., ernannte ihn schließ- lich zum Hofkomponisten und Kirchen-Compositeur. Es wird oft darüber spekuliert, warum Hasse die Stelle bekam, die Zelenka versagt blieb. Die Antwort dürfte deutlich einfacher sein, als die Musikwissenschaftler vermuten: Stars feierte der Hof auf der Opernbühne; was in Kirche und Kammer erklang, das dürfte wohl eher als Gebrauchsmusik betrachtet worden sein.
Nun denn - wenn die Musik, die fromme Andacht mit höfischem Repräsentationsanspruch verknüpfte, damals in Dresden durchweg das Niveau und den handwerklichen Anspruch dieser Missa Zelenkas hatte, dann wurden die Wettiner, ihre Höflinge und Gäste seinerzeit auch in der Kirche exzellent beschallt. Es ist beeindruckend, wie individuell Zelenka in seiner Musik den Text der Messe auslegt und - unterstrichen durch die Instrumentierung mit Traversflöten, Oboen und Waldhörnern - pastorale Akzente setzt.
Wann und aus welchem Anlass die Motette Chvalte Boha silného ZWV 165 entstanden ist, das wird wohl im Dunkel der Geschichte verbor- gen bleiben. Interessant ist das Werk, eine Vertonung von Psalm 150, weil es die einzige überlieferte Komposition Zelenkas auf einen Text in tschechischer Sprache ist - und weil der Komponist darin die verschiedenen Instrumente, mit denen Gott gelobt werden soll, mit Orchesterinstrumenten wundervoll imitiert, man höre nur Violine und Viola im pizzicato als Laute und Zither.
Das Ensemble Musica Florea hat an diesen anspruchsvollen Aufgaben spürbar Vergnügen. Es wird mit großem Engagement musiziert. Dies gilt nicht nur für die Instrumentalisten, sondern auch für die Sängerinnen und Sänger. Man mag es kaum glauben, doch der Chor, den man hier hört, ist in jeder Stimme nur dreifach besetzt - und an den Soli sind nahezu alle Sänger beteiligt. Bravi!
Mit der "goldenen Stadt", wo Zelenka seine Jugend verbracht und seine Ausbildung absolviert hatte, blieb der Komponist zeitlebends in Verbindung. Seine Musik war in Prag präsent; so ist beispielsweise die Missa Nativitatis ZWV 8 in der Musiksammlung der Jesuitenkir- che St. Nikolaus auf der Kleinseite in einer Abschrift aus dem Jahre 1736 zu finden. Entstanden war das Werk zehn Jahre vorher, 1726, für die weihnachtliche Kirchenmusik am Dresdner Hof.
Dort wirkte Zelenka seit 1710 als Kontrabassist; nach seinem Erfolg mit der Prager Krönungsmusik komponierte er zunehmend auch Sakralmusik für seinen Dienstherrn, August den Starken. Dennoch erhielt er nicht die erhoffte Anstellung als Hofkapellmeister. Augusts Sohn und Erbe, Kurfürst Friedrich August II., ernannte ihn schließ- lich zum Hofkomponisten und Kirchen-Compositeur. Es wird oft darüber spekuliert, warum Hasse die Stelle bekam, die Zelenka versagt blieb. Die Antwort dürfte deutlich einfacher sein, als die Musikwissenschaftler vermuten: Stars feierte der Hof auf der Opernbühne; was in Kirche und Kammer erklang, das dürfte wohl eher als Gebrauchsmusik betrachtet worden sein.
Nun denn - wenn die Musik, die fromme Andacht mit höfischem Repräsentationsanspruch verknüpfte, damals in Dresden durchweg das Niveau und den handwerklichen Anspruch dieser Missa Zelenkas hatte, dann wurden die Wettiner, ihre Höflinge und Gäste seinerzeit auch in der Kirche exzellent beschallt. Es ist beeindruckend, wie individuell Zelenka in seiner Musik den Text der Messe auslegt und - unterstrichen durch die Instrumentierung mit Traversflöten, Oboen und Waldhörnern - pastorale Akzente setzt.
Wann und aus welchem Anlass die Motette Chvalte Boha silného ZWV 165 entstanden ist, das wird wohl im Dunkel der Geschichte verbor- gen bleiben. Interessant ist das Werk, eine Vertonung von Psalm 150, weil es die einzige überlieferte Komposition Zelenkas auf einen Text in tschechischer Sprache ist - und weil der Komponist darin die verschiedenen Instrumente, mit denen Gott gelobt werden soll, mit Orchesterinstrumenten wundervoll imitiert, man höre nur Violine und Viola im pizzicato als Laute und Zither.
Das Ensemble Musica Florea hat an diesen anspruchsvollen Aufgaben spürbar Vergnügen. Es wird mit großem Engagement musiziert. Dies gilt nicht nur für die Instrumentalisten, sondern auch für die Sängerinnen und Sänger. Man mag es kaum glauben, doch der Chor, den man hier hört, ist in jeder Stimme nur dreifach besetzt - und an den Soli sind nahezu alle Sänger beteiligt. Bravi!
Dienstag, 24. April 2012
Johann Ernst Bach: Passionsoratorium (Capriccio)
Darüber, was die Musikwirtschaft dem Publikum typischerweise serviert, kann man immer wieder staunen. Klingende Passionsbe- richte gehörten schon zu Schütz' Zeiten zum festen Repertoire der vorösterlichen Kirchenmusik. Jeder Komponist, der auf sich hielt, hat dazu Werke beigetragen. Über die Jahrhunderte sind so ganze Bibliotheken an Passionen entstanden. Allein Georg Philipp Telemann schuf gut 30 derartige Kompositionen. Selbst Ludwig van Beethoven schrieb Christus am Ölberg. Doch dann wurden die Passionen von Johann Sebastian Bach wiederentdeckt - und damit verschwanden alle anderen Werke dieser Gattung, sozusagen sang- und klanglos, aus den Kirchen.
Selbst wenn in den vergangenen Jahren einige dieser verstummten Passionsmusiken auf CD eingespielt worden sind, so prägen Bachs Werke erstaunlicherweise nach wie vor das vorösterliche Konzert- programm. Das ist gleich aus mehreren Gründen schade. Denn zum einen ist längst nicht jede Kantorei in der Lage, eine Bach-Passion angemessen aufzuführen. Zum anderen fehlt dem Musikleben dadurch jene Tiefe, die das Verständnis der Werke eigentlich erst ermöglicht.
Und dem Publikum entgehen Entdeckungen, wie sie der CD-Markt für Neugierige längst bereithält. Dazu gehört ohne Zweifel dieses Passionsoratorium von Johann Ernst Bach (1722 bis 1777), einem Neffen, Patensohn und Schüler des legendären Thomaskantors. Er wirkte als Organist in Eisenach, und wurde 1756 zum Hofkapell- meister von Herzog Ernst August Constantin ernannt. Die Weimar-Eisenachische Hofkapelle wurde allerdings schon zwei Jahre später nach dem Tod des Herzogs wieder aufgelöst. Die Lebensgeschichte dieses Komponisten, der ganz offensichtlich größten Wert auf die Kirchenmusik gelegt hat, bleibt uns weitgehend unbekannt. Sein Werk aber zeigt, dass er sein Handwerk exzellent beherrschte, und eine Fuge ebenso souverän einzusetzen wusste wie verwegene harmo- nische Wendungen und Melodien, die man nicht wieder aus dem Ohr bekommt.
Hermann Max hat mit seiner Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert sowie einigen sehr ordentlich singenden Solisten 1989 für Capriccio nicht nur das Passionsoratorium, sondern auch Das Ver- trauen der Christen auf Gott, eine Ode auf den 77. Psalm für Tenor, Chor und Orchester, sowie Meine Seele erhebt den Herrn, eine Motette für Soli, vierstimmigen Chor, Streicher und Basso continuo, eingespielt. Die Noten wurden eigens für diese Aufnahme nach den Originalquellen erstellt. Für die nimmermüde Suche nach vergesse- nen Schätzen, die in Archiven und Bibliotheken schlummern, gebührt Hermann Max höchster Dank. Ohne das Engagement solcher Pioniere der "Alten" Musik wäre unser Wissen und unser Repertoire noch schmaler.
Selbst wenn in den vergangenen Jahren einige dieser verstummten Passionsmusiken auf CD eingespielt worden sind, so prägen Bachs Werke erstaunlicherweise nach wie vor das vorösterliche Konzert- programm. Das ist gleich aus mehreren Gründen schade. Denn zum einen ist längst nicht jede Kantorei in der Lage, eine Bach-Passion angemessen aufzuführen. Zum anderen fehlt dem Musikleben dadurch jene Tiefe, die das Verständnis der Werke eigentlich erst ermöglicht.
Und dem Publikum entgehen Entdeckungen, wie sie der CD-Markt für Neugierige längst bereithält. Dazu gehört ohne Zweifel dieses Passionsoratorium von Johann Ernst Bach (1722 bis 1777), einem Neffen, Patensohn und Schüler des legendären Thomaskantors. Er wirkte als Organist in Eisenach, und wurde 1756 zum Hofkapell- meister von Herzog Ernst August Constantin ernannt. Die Weimar-Eisenachische Hofkapelle wurde allerdings schon zwei Jahre später nach dem Tod des Herzogs wieder aufgelöst. Die Lebensgeschichte dieses Komponisten, der ganz offensichtlich größten Wert auf die Kirchenmusik gelegt hat, bleibt uns weitgehend unbekannt. Sein Werk aber zeigt, dass er sein Handwerk exzellent beherrschte, und eine Fuge ebenso souverän einzusetzen wusste wie verwegene harmo- nische Wendungen und Melodien, die man nicht wieder aus dem Ohr bekommt.
Hermann Max hat mit seiner Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert sowie einigen sehr ordentlich singenden Solisten 1989 für Capriccio nicht nur das Passionsoratorium, sondern auch Das Ver- trauen der Christen auf Gott, eine Ode auf den 77. Psalm für Tenor, Chor und Orchester, sowie Meine Seele erhebt den Herrn, eine Motette für Soli, vierstimmigen Chor, Streicher und Basso continuo, eingespielt. Die Noten wurden eigens für diese Aufnahme nach den Originalquellen erstellt. Für die nimmermüde Suche nach vergesse- nen Schätzen, die in Archiven und Bibliotheken schlummern, gebührt Hermann Max höchster Dank. Ohne das Engagement solcher Pioniere der "Alten" Musik wäre unser Wissen und unser Repertoire noch schmaler.
Samstag, 10. Dezember 2011
Christmas - The Netherlands Bach Society (Channel Classics)
Weihnachten mit The Netherlands Bach Society - wobei sich das Ensemble diesmal nicht die Mühe gemacht hat, eine CD einzuspielen. Dies ist eine Kompilation aus sechs älteren Veröffentlichungen, die sämtlich von der Kritik hoch gelobt wurden, wie das Beiheft belegt.
Wie nicht zuletzt der Name des von Jos van Veldhoven geleiteten En- sembles vermuten lässt, sind unter den musikalischen Häppchen, die hier zum Menü kombiniert wur- den, ziemlich viele aus der Feder von Johann Sebastian Bach. Ob man allerdings das Magnificat in Einzelsätzen hören möchte, vermischt mit diversen Weihnachtsliedern und Einzelteilen aus der h-Moll-Messe, das mag jeder selbst entscheiden.
Wie nicht zuletzt der Name des von Jos van Veldhoven geleiteten En- sembles vermuten lässt, sind unter den musikalischen Häppchen, die hier zum Menü kombiniert wur- den, ziemlich viele aus der Feder von Johann Sebastian Bach. Ob man allerdings das Magnificat in Einzelsätzen hören möchte, vermischt mit diversen Weihnachtsliedern und Einzelteilen aus der h-Moll-Messe, das mag jeder selbst entscheiden.
Sonntag, 4. Dezember 2011
Adventskonzert im barocken Dom zu Fulda (Querstand)
Einen Mitschnitt vom Advents- konzert im Hohen Dom zu Fulda aus dem Dezember 2010 steckt das Altenburger Label Querstand allen Freunden der Barockmusik in den Nikolausstiefel. Domkapellmeister Franz-Peter Huber verfügt über gleich zwei leistungsfähige Chöre - den Domchor Fulda mit mehr als 200 Jahren Tradition und den Ju- gendkathedralchor, in dem junge Sänger mitwirken, die bereits durch die Musikalische Früh- erziehung sowie die Singklasse und die Vorklasse für Kinder des ersten und zweiten Schuljahres darauf vorbereitet wurden. Sie beginnen dann in Klasse 3 im C-Chor, üben danach weiter im B-Chor für Kinder ab der 4. Klasse, und werden anschließend in den "großen" A-Chor aufgenommen, in dem Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren singen. Insgesamt lernen in diesen Nachwuchsensembles derzeit ca. 450 Schülerinnen und Schüler. Wer die Chöre hier gemeinsam mit dem Barockorchester L'arpa festante gehört hat, der wird zufrieden feststellen: Sie singen gut, auch wenn für das ganz große Konzertprogramm die Kraft dann doch noch nicht ausreicht. Als Solisten wirken mit Sabine Goetz, Sopran, Andreas Pehl, Altus, Hans Jörg Mammel, Tenor und Matthias Horn, Bariton.
Für das Adventskonzert hat Huber das Magnificat in C des Darm- städter Hofkapellmeisters Christoph Graupner (1683 bis 1760) ausgewählt sowie Machet die Tore weit, eine wundervolle Kantate von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die dieser 1719 für den Eisenacher Hof geschrieben hat. Beide Werke bewältigen die Fuldaer Ensembles ganz hervorragend - lebendig, ausdrucksstark, wirklich sehr hörenswert. Im Anschluss erklingt der erste Teil von Händels Oratorium Messiah. Das ist ehrgeizig, doch dabei gerät Hubers Sängerschar gleich mehrfach hörbar an ihre Grenzen. Insofern kann die zweite der beiden CD nicht wirklich mit gutem Gewissen empfoh- len werden; die erste aber ist wirklich hörenswert.
Für das Adventskonzert hat Huber das Magnificat in C des Darm- städter Hofkapellmeisters Christoph Graupner (1683 bis 1760) ausgewählt sowie Machet die Tore weit, eine wundervolle Kantate von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die dieser 1719 für den Eisenacher Hof geschrieben hat. Beide Werke bewältigen die Fuldaer Ensembles ganz hervorragend - lebendig, ausdrucksstark, wirklich sehr hörenswert. Im Anschluss erklingt der erste Teil von Händels Oratorium Messiah. Das ist ehrgeizig, doch dabei gerät Hubers Sängerschar gleich mehrfach hörbar an ihre Grenzen. Insofern kann die zweite der beiden CD nicht wirklich mit gutem Gewissen empfoh- len werden; die erste aber ist wirklich hörenswert.
Freitag, 18. November 2011
Zelenka: Magnificat u.a.; Marburger Bachchor (Genuin)
Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745), der Sohn eines böhmischen Organisten, erhielt seine Ausbil- dung am Jesuiten-Kollegium in Prag. 1710 wurde er Violonist der Hofkapelle zu Dresden. Das heißt, er spielte den Violone, ein Instru- ment aus der Gambenfamilie, das als Vorgänger des Kontrabasses gilt.
Von 1716 bis 1719 ermöglichte ihm der Kurfürst einen Studien- aufenthalt in Wien beim kaiser- lichen Hofkapellmeister Johann Joseph Fux, einem der bedeutendsten Musiktheoretiker seiner Zeit. Zugleich hatte Zelenka freilich beim Kurprinzen Friedrich August II. zu musizieren, der in Wien um die Hand der Prinzessin Maria Josepha anhielt.
Das Musikleben in der kuk Hauptstadt dominierten damals Musiker aus Italien; die Begegnung mit ihren Werken beeinflusste Zelenkas Schaffen. In Dresden aber interessierte dies zunächst wenig. Erst als Zelenkas Melodrama de Sancto Wenceslao zur Krönung Karls VI. in Prag Aufsehen erregte, orderte auch der Dresdner Hof regelmäßig Werke bei ihm, hauptsächlich für die Kirchenmusik. 1733 bewarb sich Zelenka um die Nachfolge des 1729 verstorbenen Hofkapellmeisters Johann David Heinichen - doch die Stelle erhielt Johann Adolph Hasse. Zelenka wurde 1735 zum Kirchen-Compositeur ernannt. Es wird nicht überraschen, dass er überwiegend Musik für den (katho- lischen) Gottesdienst geschaffen hat.
Die vorliegende CD enthält das Magnificat in D-Dur ZWV 108, die Missa Nativitatis Domini ZWV 8 und den Psalm Dixit Dominus ZWV 68, gesungen von Katia Plaschka, Anne Bierwirth, Christian Dietz, Markus Flaig und dem Marburger Bachchor. Es musiziert das Ensemble L'arpa festante, die musikalische Leitung hat Nicolo Sokoli. Es ist eine klangprächtige Einspielung, obgleich sich der Chor nicht immer ganz homogen und vor allem nicht immer im Tempo präsen- tiert. Es scheint, dass Lust und Leidenschaft hier die langjährige Ausbildung der Musiker, für die diese Musik einst entstanden ist, doch nicht ganz ausgleichen können.
Von 1716 bis 1719 ermöglichte ihm der Kurfürst einen Studien- aufenthalt in Wien beim kaiser- lichen Hofkapellmeister Johann Joseph Fux, einem der bedeutendsten Musiktheoretiker seiner Zeit. Zugleich hatte Zelenka freilich beim Kurprinzen Friedrich August II. zu musizieren, der in Wien um die Hand der Prinzessin Maria Josepha anhielt.
Das Musikleben in der kuk Hauptstadt dominierten damals Musiker aus Italien; die Begegnung mit ihren Werken beeinflusste Zelenkas Schaffen. In Dresden aber interessierte dies zunächst wenig. Erst als Zelenkas Melodrama de Sancto Wenceslao zur Krönung Karls VI. in Prag Aufsehen erregte, orderte auch der Dresdner Hof regelmäßig Werke bei ihm, hauptsächlich für die Kirchenmusik. 1733 bewarb sich Zelenka um die Nachfolge des 1729 verstorbenen Hofkapellmeisters Johann David Heinichen - doch die Stelle erhielt Johann Adolph Hasse. Zelenka wurde 1735 zum Kirchen-Compositeur ernannt. Es wird nicht überraschen, dass er überwiegend Musik für den (katho- lischen) Gottesdienst geschaffen hat.
Die vorliegende CD enthält das Magnificat in D-Dur ZWV 108, die Missa Nativitatis Domini ZWV 8 und den Psalm Dixit Dominus ZWV 68, gesungen von Katia Plaschka, Anne Bierwirth, Christian Dietz, Markus Flaig und dem Marburger Bachchor. Es musiziert das Ensemble L'arpa festante, die musikalische Leitung hat Nicolo Sokoli. Es ist eine klangprächtige Einspielung, obgleich sich der Chor nicht immer ganz homogen und vor allem nicht immer im Tempo präsen- tiert. Es scheint, dass Lust und Leidenschaft hier die langjährige Ausbildung der Musiker, für die diese Musik einst entstanden ist, doch nicht ganz ausgleichen können.
Montag, 16. Mai 2011
Bach: Magnificat (Newton)
Aufgezeichnet 1993 in der Jesus-Christus-Kirche Berlin - ursprüng- lich für Philipps - begeistert diese Doppel-CD mit einer fast durchweg erstklassigen Besetzung. Zu hören sind Barbara Bonney, Sopran, Bir- git Remmert, Mezzosopran, Rainer Trost, Tenor und Olaf Bär, Bariton, ein hervorragend studierter Rias-Kammerchor und das ebenfalls exzellente Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach unter Lei- tung von Peter Schreier.
Es ist sehr erfreulich, dass Newton Classics diese Aufnahme nun wieder zugänglich macht. Sie ist rundum gelungen, und begeistert besonders, weil sie so ganz auf die Sänger, die menschliche Stimme, und damit auf Bachs Botschaft konzentriert ist. Eine der besten Aufnahmen von Bachs Magnificat, kombiniert mit vier Missae, die selten zu finden sind - meine unbedingte Empfeh- lung!
Es ist sehr erfreulich, dass Newton Classics diese Aufnahme nun wieder zugänglich macht. Sie ist rundum gelungen, und begeistert besonders, weil sie so ganz auf die Sänger, die menschliche Stimme, und damit auf Bachs Botschaft konzentriert ist. Eine der besten Aufnahmen von Bachs Magnificat, kombiniert mit vier Missae, die selten zu finden sind - meine unbedingte Empfeh- lung!
Montag, 20. Dezember 2010
Bach: Great Choral Works; Münchinger (Newton)
Der Stuttgarter Kantor und Kapellmeister Karl Münchinger (1915 bis 1990) gründete 1945, nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, das Stutt- garter Kammerorchester. Mit schlanker Besetzung, klanglicher Homogenität, ausgeglichener Dynamik, reduzierten Tempi und handwerklicher Perfektion beein- druckte dieses Ensemble das Publikum, und erwarb sich so innerhalb weniger Jahre weltweit einen ausgezeichneten Ruf.
Münchinger versammelte um sich auch eine ganze Riege erstklassiger Sänger - diese CD mit den großen Chorwerken Bachs gibt davon in herausragender Art und Weise Zeugnis. So singen beispielsweise die Matthäus-Passion Peter Pears als Evangelist, Hermann Prey als Christus, Elly Ameling, Marga Höffgen, Fritz Wunderlich, Tom Krause, Manfred Ackermann und Allan Ahrans. Bei der h-Moll-Messe sind Elly Ameling, Yvonne Minton, Helen Watts, Werner Krenn und Tom Krause zu hören. Und das Weihnachtsoratorium, aufgezeichnet 1966 in der Kirche von Schloss Ludwigsburg bei Stuttgart, singen ebenfalls Peter Pears, Elly Ameling, Helen Watts und Tom Krause. Natürlich enthält die immerhin neun CD starke Box auch das Magnificat BWV 10 und die Johannes-Passion.
Die Aufnahmen sind ein Dokument der Suche nach neuen musika- lischen Wegen zwischen Postromantik und der historischen Auf- führungspraxis. Sie wirken insbesondere in der Wahl der Tempi und in manchen Details der Interpretation mitunter museal, sind teilweise aber auch sehr ausdrucksstark und faszinierend - und man darf nicht vergessen, dass sie mittlerweile gut 40 Jahre alt sind. Dennoch beeindrucken diese historischen Einspielungen durch ihre hohe Qualität; wer sich für Musikgeschichte interessiert, der sollte sie unbedingt in seine Sammlung aufnehmen.
Samstag, 11. Dezember 2010
Mattheson: Die heilsame Geburt (cpo)
Johann Mattheson, geboren 1681 und gestorben 1764 in Hamburg, war ein musikalisches Wunderkind. Sein Debüt gab er im Alter von neun Jahren als Sopran und Orga- nist - und als Mitglied des Ham- burger Opernchores. 1699 kom- ponierte er seine erste Oper, leitete ihre Aufführung selbst und sang darin auch gleich noch eine Haupt- rolle, so wird berichtet.
Berühmt wurde Mattheson als Freund und Rivale Georg Friedrich Händels. Mattheson und Händel bewarben sich im August 1703 um die Nachfolge von Dieterich Buxtehude als Organist an der Lübecker Marienkirche. Zu den Bedingungen für den Bewerber gehörte es allerdings, eine Tochter Buxtehudes zu heiraten. Und so blieb die Stelle weiter unbesetzt. Händel reiste 1706 nach Italien, Mattheson blieb in Hamburg, wo er ab 1704 als Hofmeister, bald auch als Sekretär und Korrespondent des englischen Gesandten tätig wurde.
Mattheson und Händel waren aber nicht immer einer Meinung, und wohl auch beide impulsiv und temperamentvoll. Während einer Aufführung von Matthesons Oper Cleopatra beispielsweise gab es einen lautstarken Streit, der sogar zu einem Duell vor dem Ham- burger Opernhaus führte. Die Legende besagt, dass ein Knopf an Händels Jacke den Degen Matthesons abgleiten ließ. So blieben beide Streithähne unversehrt - das enge kollegiale Verhältnis aber nahm wohl doch Schaden.
1715 wurde Mattheson Musikdirektor am Hamburger Dom. Dort sorgte er für einen handfesten Skandal, als er Weihnachten 1715 erstmals auch Sängerinnen für die Kirchenmusik engagierte. In diesem Jahr erklang Matthesons Weihnachtsoratorium Die heilsame Geburt und Menschwerdung unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi - ein geradezu klassischer Actus musicus, sehr gelehrt, und furchtbar spröde. Ein Jahr später entstand das Magnificat a due chori, das ebenfalls stark auf rhetorische Effekte abzielt, aber zugleich reichlich spätbarocke Klangpracht entfaltet, und so geneigt ist, den Hörer nicht nur zu belehren, sondern auch zu erfreuen und zu berühren. Die beiden letzten Aspekte kommen mir bei dem ersten Werk zu kurz.
Es singen Nicky Kennedy und Anna Markland-Crookes, Sopran, Ursula Eittinger und Dorothee Merkel, Alt, Andreas Post und Sven Hansen, Tenor sowie Stephan MacLeod und Johannes Gsänger, Bass. Und es musiziert die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens. Meine Lieblings-Weihnachts-CD wird das wohl nicht; so manches Werk, das im Staub der Archive vor sich hinschlummert, ist dem Vergessen gnädigerweise anheimgefallen. Diese beiden werden sicherlich auch umgehend wieder in dem mächtigen Strom versinken, der alles davonspült, was ein Publikum nicht begeistern kann.
Sonntag, 28. Februar 2010
Cavalli: Magnificat and other sacred works (Dynamic)
Giovanni Battista Caletti Bruni, Kapellmeister am Dom zu Crema, begann schon im Kindesalter mit der musikalischen Ausbildung seines Sohnes Pier Francesco. Das zahlte sich aus, denn der Gesang des Knaben fiel Federico Cavalli, dem Vogt der Stadt, auf. Der Patrizier nahm den Vierzehn- jährigen mit nach Venedig, wo er ihm eine Ausbildung bei Claudio Monteverdi ermöglichte. Francesco war in Venedig erst als Chorsänger, und später dann als Organist und Kapellmeister tätig. Er schrieb Motetten und Canzonen, später auch erste Bühnenwerke. Aus Dankbarkeit nahm der Komponist, der zu Lebzeiten in ganz Europa bekannt und berühmt war, den Namen seines Mäzens an.
Cavalli erweist sich als Meister des opulenten Wohlklangs. Seine Werke erinnern durchaus noch an seinen Lehrer Monteverdi, aber sie weisen teilweise auch weit über dessen musikalisches Erbe hinaus. Fünfmal hat Cavalli das Magnificat vertont - die früheste dieser Kompositionen, Magnificat a sei voci, veröffentlicht 1650, ist noch ganz im Stil Monteverdis geschrieben. Das Magnificat a otto voci aus Vespero delli Cinque Laudate (1675) hingegen zeigt den Komponisten am Ende seiner Lebensspanne - und da standen ihm, nicht zuletzt aus der Erfahrung seines reichen Opernschaffens, längst ganz andere Mittel zur Verfügung. Der Coro Claudio Monteverdi und das Ensemble La Pifarescha erweisen sich für Cavallis Werke als Idealbesetzung. Die Sänger und die Blechbläser zelebrieren unter der Leitung von Bruno Gini eine barocke Klangpracht, wie sie schöner kaum vorstellbar ist - doch stets im Dienste des Wortes, des Geistigen und Geistlichen, und nie als Virtuosenstück um der Virtuosität willen.
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