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Donnerstag, 26. Dezember 2019

Bach: Goldberg Variations (Supraphon)

Kann man die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach auch mit einem Holzbläser-Trio spielen? Václav Vonášek hat versucht, ein Arrangement für diese Besetzung anzufertigen, musste aber bald feststellen: Es „fehlt eine Tenorstimme, die den Freiraum zwischen der Klarinette und dem Fagott füllt.“ Es funktionierte nicht, berichtet der Fagottist: „Von allen Variationen konnten bei bestem Willen nur etwa die Hälfte umgeschrieben werden.“ Und so wurde aus dem Terzett aus Oboe, Klarinette und Fagott das Arundo Quartett: „Das Bassetthorn erwies sich als eine ausgezeichnete Wahl, nicht nur dank seines Tonumfangs von der großen bis zur dreigestrichenen Oktave, aber auch dank seiner Fähigkeit, sich farbig mit anderen Instrumenten zu verbinden“, schreibt Vonášek. „Der Klang des Ensembles gewann an Fülle und Kompaktheit und der Weg zu den Goldberg-Variationen war frei.“ 
Jan Souček, Oboe, Jan Mach, Klarinette, Karel Dohnal, Bassetthorn und Václav Vonášek, Fagott, musizieren exquisit und bescheren uns eine der schönsten Aufnahmen der Goldberg-Variationen überhaupt. Denn die Holzbläser mit ihrem ebenso ausgewogenen wie farbenreichen Klang erweisen sich als perfekte Besetzung dafür. Und als Zugabe spielen die vier Musiker anschließend noch die Orchestersuite BWV 1066. Bravi! 

Montag, 9. Juli 2018

Richter: Te Deum 1781 (Supraphon)

Franz Xaver Richter (1709 bis 1789) wird von der Musikwissenschaft der Mannheimer Schule zugerechnet. Der Komponist stammte aus Holešov, Holleschau, und hat dort möglicher- weise in seiner Kindheit die Hofkapelle des Grafen Franz Anton Rottal gehört, in der seinerzeit einige vorzügliche Musiker wirkten. 
Nach Stationen in Schlitz bei Fulda, Ettal und in Kempten, wo er Vizekapellmeister beim Fürstabt war, wurde der Musiker 1747 Mitglied der berühmten Mannheimer Hofkapelle. Richter war ein exzellenter Sänger und als Bassist der Hofoper des Kurfürsten Karl Theodor ebenso gefragt wie als Violinist und als Komponist. 1769 ging er dann als Kapellmeister an das Straßburger Münster. 
Die beiden Instrumentalwerke, die auf dieser CD zu hören sind, entstan- den in Mannheim. Die Sinfonia Nr. 52 in D, geprägt vom strahlenden Klang der Trompete, gibt ein Musterbeispiel für den neuen Stil, der in diesem Laboratorium der Klassik entwickelt wurde. Wunderschön ist auch das Oboenkonzert in F-Dur, den Solopart auf der Barockoboe hat Luise Haugk übernommen. 
Komplettiert wird die CD durch ein Te Deum aus dem Jahre 1781 sowie durch die Motette Exsultate Deo, ebenfalls aus den Straßburger Jahren Richters. Zu hören sind Chor und Orchester des Czech Ensemble Baroque unter Leitung von Roman Válek. 

Dienstag, 16. Mai 2017

Ivan Moravec - Twelfth night recital (Supraphon)

„Dieser junge Mann braucht meine Stunden nicht, er muss nur spielen“, soll Arturo Benedetti Michelangeli einst gesagt haben, nachdem er den jungen Ivan Moravec zu einem Meisterkurs eingeladen hatte. Wer den Prager Pianisten schätzt, oder ihn überhaupt noch nicht gehört hat, dem sei an dieser Stelle eine außer- gewöhnliche Aufnahme empfohlen. Es ist der Mitschnitt eines Konzertes, das Moravec 1987 im Prager Rudolfinum gegeben hatte. 
28 Jahre lang lagen die Bänder unge- nutzt im Archiv von Supraphon. Irgendwann wunderte sich ein Mitarbeiter des Labels darüber, erfährt man aus dem Beiheft. Er prüfte die Aufnahme, und fand sie technisch einwand- frei, und künstlerisch rundum überzeugend. Glücklicherweise ist es ihm mit beharrlichem Einsatz gelungen, Professor Moravec dazu zu bewegen, die Erlaubnis zur Veröffentlichung des Mitschnittes zu erteilen. 
Wenige Tage, nachdem der Pianist zugestimmt hatte, ist er dann gestorben. So erschien die Aufnahme, die eigentlich als Geschenk zu seinem 85. Geburtstag vorgesehen war, letztendlich als musikalischer Nachruf auf einen Musiker, dem es um Wahrhaftigkeit ging, und nicht darum, ein Star zu sein. 
Ivan Moravec war überaus selbstkritisch und sehr zurückhaltend bei der Freigabe von Aufnahmen und Konzertmitschnitten. Entsprechend schmal ist seine Diskographie. Das macht diese Doppel-CD umso wertvoller, zumal der Pianist selbst anmerkte, er habe manche der Werke nie besser aufgenommen, als sie an diesem 6. Januar 1987 zu hören waren  in einem ganz normalen Abonnementkonzert. 
Auf dem Programm standen Musikstücke, die Konventionen in Frage stellten, unter anderem die Chromatische Fantasie und Fuge BWV 903 von Johann Sebastian Bach, eine Klaviersonate von Wolfgang Amadeus Mozart, die Mondscheinsonate op. 27 von Ludwig van Beethoven – mit dem Untertitel „quasi una fantasia“, nicht nur formal seinerzeit ein kühnes Experiment – sowie Werke von Frédéric Chopin. Als Zugabe spielte Moravec zudem noch Clair de lune aus der Suite bergamasque von Claude Debussy. 
Das Klavierspiel von Ivan Moravec ist ein Ereignis; er musiziert gänzlich uneitel, auf der Suche nach dem Kern eines jeden Werkes, und nach dem angemessenen Ausdruck, dabei überhaupt nicht interessiert an vorder- gründiger Virtuosität und Brillanz. Seine exzellente Technik war für den Pianisten ein Werkzeug, Mittel zum Zweck, und nichts, was er stolz der Welt präsentieren wollte. Was er mit dieser Haltung und mit beharrlicher Arbeit am Detail erreichte, das ist atemberaubend. In seiner Interpretation wird jede Passage zu purer Poesie; jede Tonleiter wirkt beseelt, und noch die banalste Wendung hat plötzlich ein Ziel. Ganz große Klavierkunst. 

Sonntag, 5. Februar 2017

Smetana: Piano works (Supraphon)

Auf insgesamt sieben CD hat Jitka Čechová die komplette Klaviermusik von Bedřich Smetana (1824 bis 1884) eingespielt – wenig bekannt, aber dennoch der umfangreichste Teil seines Gesamtwerkes. 
Diese CD stellt uns die Anfänge vor – es sind die frühesten Stücke des Kom- ponisten, aus Kindheit und Jugend- zeit, die überliefert sind. Den Galopp D-Dur beispielweise improvisierte er als Kind; notiert wurde das Stück von einem Lehrer. Auch Werke aus Gymnasiastentagen sowie aus Smetanas Studienzeit sind zu hören, wie die Louisen-Polka, Aus dem Studentenleben oder Erinnerung an Pilsen. Die acht kurzen Bagatellen und Impromptus aus dem Jahre 1844 sind wohl mit die ersten „richtigen“ Werke des jungen Mannes, entstanden während eines Aufenthaltes in der Sommerresidenz des Grafen Thun-Hohenstein, bei dem Smetana als Musiklehrer angestellt war – was ihm die Möglichkeit gab, bei Joseph Proksch Komposition zu studieren. Aber damit beginnt schon wieder ein anderes Kapitel. 
Jitka Čechová gestaltet alle Stücke gleichermaßen sorgfältig. Unter ihren Händen wird noch der trivialste Lauf Musik – und mit ihrer liebevollen Interpretation macht sie  aus den Tänzen und aus jenen Werken, die man heute üblicherweise, naserümpfend, als „Salonmusik“ beiseite legen würde, ein Hörvergnügen. Sehr gelungen! 

Samstag, 17. Dezember 2016

Zelenka: Lamentationes Jeremiae Prophetae (Supraphon)

Zwischen all die weihnachtlichen Pretiosen will ich an dieser Stelle eine CD einfügen, die im Jahreslauf eigentlich an eine ganz andere Stelle gehört – in die Woche vor dem Osterfest nämlich: Die Lamenta- tiones Jeremiae Prophetae ZWV 53 gehören zu den frühesten Kompo- sitionen von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Ich fand diese Aufnahme so gelungen, dass ich die CD aber nicht bis ins Frühjahr liegen lassen wollte. 
Entstanden sind diese Werke für Gottesdienste am Dresdner Hof während der Karwoche. Ihren Platz haben die Klagelieder des Propheten Jeremias in der Matutin am Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag; am Dresdener Hof wurden die Karmetten offensichtlich jeweils am Vor- abend gehalten. 
Zelenka hat seine Vertonungen augenscheinlich nicht vollendet; die dritte Lesung wird daher auf dieser CD als gregorianischer Gesang vorgetragen. Die beiden ersten allerdings sind beeindruckend. Sie verbinden geistliche Kontemplation und emotionale Dramatik, Eindringlichkeit und Abwechs- lung. An den beiden ersten Tagen wechseln sich Alt, Tenor und Bass in den Soloparts ab, begleitet von Oboen, Streichern und Continuo. Am dritten Tage aber setzt der Komponist in der ersten Lamentatio zwei Flöten und zwei Violoncelli, in der zweiten Solovioline, Chalumeau und Fagott ein – und die Tonarten wechseln vom Moll ins Dur: Christus liegt bereits im Grabe, der entrückte Klang von Flöten und Chalumeau symbolisiert Klage und Tod. Die eigentlichen Verse werden als Rezitativ vorgetragen; kunst- voll gestaltet sind aber die Sätze, die den vorangehenden hebräischen Buchstaben ausrufen, sowie der abschließende Ruf Jerusalem convertere
Jana Semerádová hat die Lamentationes mit ihrem Ensemble Collegium Marianum geradezu mustergültig eingespielt. Als Solisten zu hören sind Damien Guillon, Alt, Daniel Johannsen, Tenor, und Tomáš Král, Bass. 

Montag, 13. Juni 2016

Dvorák: Sacred Works & Cantatas (Supraphon)

Supraphon hat seine Archive gesichtet – und aus den Beständen eine Edition mit Werken des großen tschechischen Komponisten Antonín Dvořák zusammengestellt. Sie erscheint in einer Reihe von Boxen, geordnet nach Werkgruppen. Leider lassen sich die Boxen nicht besonders gut öffnen. Der Inhalt aber überzeugt. So bietet eine Box mit acht CDs einen umfangreichen, fast neunstündigen Überblick über das geistliche Vokalwerk. Neben bekannten Werken wie Requiem op. 89 oder Stabat mater op. 58 enthält die Box auch eine ganze Reihe von Raritäten. Die Geisterbraut op. 69 schrieb Dvořák 1884 für das Musikfest in Birmingham; die Uraufführung der Kantate mit 400 (!) Chorsängern und 150 Orchestermusikern dirigierte der Komponist selbst. Noch im gleichen Jahr bestellte auch das Musikfestival in Leeds ein Werk. Gewünscht wurde ein biblischer Stoff – Dvořák hingegen entschied sich für ein Oratorium über ein religiöses Sujet aus der tschechische Geschichte: Die Heilige Ludmilla op. 71. Ausgewählt wurden zudem Te Deum op. 103, Messe D-Dur op. 86, die Biblischen Lieder op. 99 in beiden Fassungen, Psalm 149 op. 79, Die Erben des Weißen Berges op. 30, sowie eine Reihe Lieder auf liturgische Texte, die Dvořák für seinen Freund Alois Göbl geschrieben hat. 
Auf der letzten CD befindet sich außerdem ein CD-ROM-Track mit allen Gesangstexten und Übersetzungen. Die Aufnahmen sind erstklassig, zum Teil preisgekrönt. Leider ist die Liste der Mitwirkenden zu lang, um hier ins Detail zu gehen. Aber schon der Name des Labels bürgt für hervorragende Einspielungen mit namhaften Sängern, Chören, Orchestern, Dirigenten und, bei der Klavierfassung der Biblischen Lieder, dem großartigen Piani- sten Ivan Moravec. Unbedingt anhören, es lohnt sich in jedem Falle.

Dienstag, 3. November 2015

Händel: Oratorio Arias (Supraphon)

Die Oratorien von Georg Friedrich Händel waren zu Lebzeiten des Komponisten sehr populär, und die meisten dieser Werke sind auch heute noch beim Publikum präsent und in etlichen Einspielungen verfügbar. Eine Auswahl von Bass-Arien aus Alexander's Feast, Messiah, Acis and Galathea sowie Judas Maccabaeus hat nun Adam Plachetka gemeinsam mit dem Czech Ensemble Baroque unter Roman Válek bei Supraphon veröffentlicht. Der tschechische Sänger, ausgebildet am Prager Konservatorium, gehört seit 2010 zum Ensemble der Wiener Staatsoper. Einigermaßen erstaunt vernimmt man daher, was diese CD anbietet: Ein Orchester, das ziemlich uninspiriert und orientierungslos musiziert, und einen Solisten, der offenbar deutlich besser ausschaut, als er singt: Ein Timbre zum Erschrecken, ein Vibrato, in dem Koloraturen akustisch verschwinden wie Lichtblitze in dichtem Nebel, und dazu ein schockierender Mangel an Ausdruck. Derartige Klänge kennt man von altgedienten Sängern, wenn ihre Technik nachlässt – aber von jungen Sängern, die bei den Salzburger Festspielen oder in Covent Garden auftreten, erwartet man Format und Klasse. Beides habe ich hier schmerzlich vermisst. 

Donnerstag, 17. September 2015

Vivaldi - Bach - Händel: Concertos & Sonatas (Supraphon)

Wenn ein Fagottist nicht nur im Ensemble mitspielen will, dann ist das gar nicht so einfach. Denn das Repertoire für Fagott solo ist nicht besonders umfangreich. Erst in jüngster Zeit haben Komponisten das Instrument wiederentdeckt – dazu demnächst mehr. Wer ältere Literatur spielen möchte, der muss bis in die Barockmusik zurückgehen. Konzerte und Sonaten für Fagott sind aber auch in der „Alten“ Musik nicht gerade üppig vertreten. 
Deshalb hat Václav Vonášek für seine CD die beiden „originalen“ Werke von Antonio Vivaldi, der sehr viel Musik für das Fagott komponiert hat, durch Transkriptionen ergänzt. „Die natürlichste Art, Flötenkompositionen für das Fagott zu bearbeiten, ist das Transponieren um eine Duodezim nach unten – so viel beträgt nämlich der Unterschied zwischen den Grundton- reihen der beiden Instrumente“, erläutert der Fagottist. Er hat so die Flötensonate in E-Dur BWV 1035 von Johann Sebastian Bach sowie die Flöten-Solosonate in a-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach mit seinem Instrument eingespielt. Zwischen den beiden Sonaten erklingt zudem die Arie Dopo notte aus der Oper Ariodante von Georg Friedrich Händel. Die Anregung dazu verdankt der Musiker, so berichtet er in dem sehr infor- mativen Beiheft zu dieser CD, dem Tenor Rolando Villazón. Dieser zeige mit seiner Interpretation, dass man kein Mezzosopran sein muss, um dieses Werk (das für eine Kastratenstimme geschrieben wurde) über- zeugend vortragen zu können. Und in der Tat klingt die bekannte Melodie auch auf dem Fagott prächtig. Generell ist das wohldurchdachte und ausgesprochen farbenreiche Spiel von Václav Vonášek sehr zu loben. Das Ensemble Barocco sempre giovane begleitet den Solisten gekonnt. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 31. März 2015

Zelenka - Tuma (Supraphon)

Auch wenn Johann Joseph Fux (um 1660 bis 1741) uns heute vor allem als Musiktheoretiker ein Begriff ist – zu Lebzeiten hatte der kaiserliche Hof- kapellmeister eine Vielzahl höchst praktischer Aufgaben. So war er für die Hofmusiker zuständig, und entschied über die Besetzung von Vakanzen. Mit seiner Musik reprä- sentierte er das Habsburgerreich – und er bildete ganze Scharen von Schülern aus, die ähnliche Aufgaben an all den vielen anderen Höfen Europas übernehmen wollten. 
Diese CD stellt drei dieser Musiker mit Werken vor. František Ignác Antonín Tuma (1704 bis 1774) beispielsweise, Sohn eines böhmischen Organisten, studierte bei den Jesuiten in Prag, und stand zunächst in Wien bei Franz Ferdinand Graf Kinsky im Dienst. Später wurde er Kapellmeister der Kaiserinwitwe Elisabeth Christine. Tumas Werk ist umfangreich, aber zum größten Teil editorisch bislang unerschlossen. Eine der wenigen Ausnahmen ist sein Stabat mater, das auch hier zu hören ist. Dieses Werk, das lediglich mit einem vierstimmigen Chor nebst Basso continuo besetzt ist, beeindruckt durch die geschmeidige Verbindung des stile antico mit der Frühklassik. Das ist wirklich großartige Musik, die es wert wäre, viel öfter aufgeführt zu werden. 
Zwei Sonaten des aus Breslau stammenden Geigers und Komponisten Johann Georg Orschler (1698 bis zwischen 1767 und 1770) hat der Dresdner Konzertmeister Johann Georg Pisendel eigenhändig kopiert. Sie befinden sich in den Notenbeständen der Dresdner Hofkapelle. Schon diese Tatsache macht deutlich, dass es sich bei Orschler nicht um ein künstlerisches Leichtgewicht handelte. Auch er hat bei Fux studiert, musizierte dann für diverse adelige Herrschaften und war zuletzt Mitglied der Wiener Hofmusikkapelle. Die Triosonate, die hier erklingt, erscheint ebenso originell wie klangschön. 
Dass Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) ebenfalls zu Fux' Schülern gehörte, das wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet. Dem Dresdner Hof-Kirchenkomponisten verdanken wir zudem einen Einblick in die Unterrichtspraxis des Wiener Musikpädagogen: In Zelenkas Nachlass, so berichtet Václav Kapsa in dem sehr informativen Beiheft zu dieser CD, fand sich ein Notenband mit Übungen zum Kontrapunkt sowie Abschriften diverser Meisterwerke mit Modellcharakter. Zelenka selbst hat Palestrinas Missa Nigra sum, von der in Dresden wohl nur Kyrie, Gloria und Credo vorhanden waren, dem Vorbild entsprechend um Sanctus und Agnus Dei ergänzt. Analog dazu schrieb er Ergänzungen für Palestrinas Missa sine nomine. Im stile antico gestaltete der Komponist auch seine Vertonungen des Gebetes Sub tuum praesidium, das in Wien sehr gebräuchlich war. Maria Josefa, Ehefrau des sächsischen Kronprinzen und Tochter des Kaisers Joseph I., ließ die Kirchenmusik offenbar auch in Dresden nach dem vertrauten Vorbild gestalten. 
Das Collegium 1704 stellt unter Vaclav Luks diese wenig bekannten Werke vor, einige sogar in Weltersteinspielung. Die Sänger und Musiker des Ensembles präsentieren sich ausgesprochen versiert, sie sind mit derartigen Repertoire bestens vertraut. Klanglich stets ausgewogen, stets sehr durchdacht und souverän musiziert diese kleine Besetzung, und bringt den Zauber dieser musikalischen Traditionslinie bestens zur Geltung. Sehr hörenswert! 

Donnerstag, 1. Januar 2015

Il Violino Boemo (Supraphon)

Aus Böhmen kamen im 18. Jahr- hundert zahlreiche talentierte Komponisten und Musiker, berühmte Hornisten beispielsweise, aber auch nicht wenige exzellente Geiger. Diese CD sucht nach den Spuren, die diese Virtuosen in Prag hinterlassen ha- ben. Dabei fanden sich glücklicher- weise einige Werke von Frantisek Benda (1709 bis 1786), der mehrfach unter abenteuerlichen Umständen den Dienstherrn wechselte, am kur- sächsischen Hof musizierte, und schließlich als Geiger in der Hof- kapelle Friedrichs des Großen zu hohen Ehren kam. Benda war berühmt für sein adagio – für seine Melodien und für seine Ausdrucksstärke. 
In Dresden wirkte auch Frantisek Jiránek ((1698 bis 1778). Er stand zunächst im Dienst des Grafen Wenzel Morzins, der den Musiker so schätzte, dass er ihn für zwei Jahre zur Ausbildung nach Venedig schickte. Nach dem Tode des Grafen wurde das Orchester aufgelöst; Jiránek musizierte dann als bestbezahltes Mitglied in der Privatkapelle des Grafen Brühl in Dresden. In Sachsen blieb er bis an sein Lebensende. 
Josef Antonín Gurecký (1709 bis 1769) war, wie auch sein älterer Bruder Václav Matyás, bei dem Olmützer Bischof und Kardinal Wolfgang Hannibal von Schrattenbach beschäftigt. Er scheint sich einige Zeit in Dresden aufgehalten und um eine Anstellung bei Hofe bemüht zu haben. Als er damit keinen Erfolg hatte, kehrte er nach Mähren zurück, und trat erneut in die Dienste des Olmützer Bischofs; dieser hieß mittlerweile Jakob Ernst von Liechtenstein-Kastelkorn. 1743 wurde Gurecký Kapellmeister am Olmützer Dom. Von ihm stammt die technisch wohl ambitionierteste Violinsonate auf dieser CD. Sie erinnert mit ihren vier Sätzen an die traditionelle sonata da chiesa, ist aber im galanten Stil verfasst und verlangt vom Violinsolisten nicht nur Fingerfertigkeit. Lenka Torgersen, Barockvioline, Václav Luks, Cembalo und Libor Masek, Violoncello, stellen all diese Entdeckungen souverän vor. 

Dienstag, 31. Dezember 2013

Zelenka: Melodrama de Sancto Wenceslao (Supraphon)

Im Jahre 1723 wurde mit großer Pracht die Prager Krönung Karls VI. und seiner Gemahlin Elisabeth Christine gefeiert. Costanza e Fortezza, Beständigkeit und Stärke, rühmte eine Oper des kaiserlichen Kapellmeisters Johann Joseph Fux. Und nicht weniger Aufmerk- samkeit galt dem von den Jesuiten aufgeführten Huldigungsmelodram Sub olea pacis et palma virtutis conspicua orbi regia Bohemiae corona. Die Musik dazu hatte Fux' Schüler Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) komponiert. Das Werk ist auch unter dem Titel Melodrama de Sancto Wenceslao bekannt, unter dem die Partitur seinerzeit in den Dresdner Inventaren verzeichnet wurde. 
Es steckt voll Anspielungen und Allegorien, und hatte zum Ziel, den neuen Herrscher als regulären Erben des Heiligen Wenzels zu inszenieren – jenes sagenumwobenen ersten Königs, der einst auf dem Reichstag zu Worms durch Kaiser Otto I. gekrönt worden war. An der Aufführung wirkten mehr als 150 Teilnehmer mit, so auch der junge Franz Benda, der damals an einem der drei Prager Jesuiten- kollegien studierte und in seinen Erinnerungen erwähnt, er habe drei Soli gesungen. 
Das Melodram muss großen Eindruck gemacht haben, nicht nur auf die Hoheiten, sondern auch dem sonstigen Publikum, so dass es drei Tage später sogar noch einmal wiederholt wurde. Verwundern wird das nicht. Denn schon allein der große Eingangschor macht deutlich, was den Zuhörer erwartet: Ausgefeilte Sätze, das eine oder andere musikalische Wagnis sowie eine überaus farbige Instrumentierung. Natürlich dürfen bei einer Krönung Pauken und Trompeten nicht fehlen. Doch auch andere Soloinstrumente wie Chalumeau, Flöten oder Violoncello setzt Zelenka wirkungsvoll ein. 
Der Aufwand ist allerdings beträchtlich, und deshalb ist das Opus ausgesprochen selten zu hören. Das letzte Mal erklang es im Jahr 2000 im Wladislaw-Saal der Prager Burg; die vorliegende Doppel-CD enthält den Mitschnitt. 

Dienstag, 25. Juni 2013

Písne a tance barokní (Supraphon)

Berühmte Musiker stammen aus Böhmen – die Namensliste ist lang, und sie reicht zudem über mehrere Jahrhunderte. Diese CD nun ver- weist auf die Quellen, aus denen sich dieser kreative Strom gespeist hat. Das Ensemble Musica Bohe- mica brilliert mit Volksmusik aus Böhmen. 
Die beiden CD enthalten Musik aus bedeutenden Sammlungen – eine davon ließ die Regierung des „Vielvölkerstaates“ Österreich-Ungarn 1818 zusammentragen. Sie wurde auch eine Quelle für die Edition tschechischer Volkslieder, die Jan Ritter von Rittersberg 1825 veröffentlichte. Der Geiger Ondrej Hulka (1752 bis 1806) notierte traditionelle Melodien aus der Umge- bung von Ceské Budejovice, wie er sie selbst ein Leben lang gespielt hat. Die Stücke, die Musica Bohemica vorstellt, stammen aus diesen und weiteren Editionen. 
Die Musiker um Jaroslav Krcek präsentieren die Lieder und Tanzwei- sen in umfangreicher Besetzung, was reichlich Gelegenheit zum Spiel mit Klangfarben und dem Hörer zudem Abwechslung bietet. Zwar setzt Krcek dabei auch „moderne“ Instrumente ein. Dennoch vermei- det er allzu glatte, romantisierende Arrangements und versucht, den Charakter der alten Stücke zu unterstreichen – mit den musikalischen Mitteln von heute, denn wie die Melodien einst tatsächlich geklungen haben, das lässt sich ohnehin nicht mehr sicher rekonstruieren. 

Samstag, 2. März 2013

Musici da Camera (Supraphon)

Wer Barockmusik schätzt, der sollte es nicht versäumen, diese gelungene Doppel-CD anzuhören. Sie enthält Werke von Komponi- sten, die eine Beziehung zu Prag hatten. So wurden in Prager Klöstern, Schulen und Palästen zu Beginn des 18. Jahrhunderts ganze Heerscharen begabter Knaben zu Musikern herangezogen; die meisten von ihnen suchten sich allerdings dann eine - solide bezahlte - Anstellung außerhalb von Böhmen. Musiker aus dem Ausland machten in Prag Station; sie wirkten für einige Zeit in den Kapellen des Adels, oder aber sie komponierten für sie. So war Antonio Vivaldi Maestro di Musica in Italia des Grafen Wenzel Morzin. Er schrieb aber etliche Werke auch für Graf Josef von Wrtby, der wohl das Lautenspiel liebte, und den Solopart möglicherweise sogar selbst gespielt hat. 
Das superbe Collegium Marianum unter Leitung Leitung der Flötistin Jana Semerádová hat auf den beiden CD eine Auswahl dieser Werke eingespielt, unterstützt durch den Fagottisten Sergio Azzolini. Etliche der Musikstücke erklingen hier in Weltersteinspielung. Das Programm ist abwechslungsreich, und es erstreckt sich von einem Quartet für Violine, Violoncello, Fagott und Basso continuo in g-Moll von Anto- nín Reichenauer über Werke von Johann Friedrich Fasch, Frantisek Jiránek, Christian Gottlieb Postel, Johann Georg Orschler und Frantisek Ignác Antonín Tuma bis hin zum Trio in g-Moll für Violine, Laute und Basso continuo RV 85 von Antonio Vivaldi und zu einer Sonata in A-Dur für Violine und Basso continuo von Antonio Caldara. 

Sonntag, 24. Februar 2013

Kozeluh: Sonatas for Fortepiano, Flute and Cello (Supraphon)

Leopold Antonín Kozeluh, ge- schrieben oft auch Koscheluch (1747 bis 1818), war als Klavier- virtuose, Musikpädagoge und Komponist in Wien auf dem Höhepunkt seiner Karriere mindestens so beliebt und berühmt wie sein Zeitgenosse Mozart. Umso verwunderlicher ist es, dass sein Name sowie sein umfangreiches Werk heute nahezu vergessen sind. 
Die musikalische Ausbildung Kozeluhs begann in seiner Heimatstadt Velvary; schon mit zehn Jahren ging der Knabe nach Prag. Dort lernte er am Altstädter Gymnasium und begann, Jura zu studieren. Doch bald faszinierte die Musik den jungen Mann mehr als die Paragraphen. Hervorragende Lehrer fand er in seinem Vetter Johann Kozeluh und dem gefeierten Cembalisten Franz Xaver Dussek. 
Als Leopold Kozeluh 1771 mit einer Ballettmusik sehr erfolgreich war, beschloss er, die Rechte an den Nagel zu hängen und sich fürderhin auf die Musik zu konzentrieren. 1778 ging Kozeluh nach Wien. Dort brillierte er als Pianist, und fand dort binnen kurzer Zeit Zugang zu den höchsten Adelskreisen. So wurde er der Nachfolger von Georg Christoph Wagenseil als Musiklehrer des Hofes. Er unterrichtete zudem Angehörige der Adelshäuser Liechtenstein, Schwarzenberg, Waldstein, Haugwitz und etliche andere, wie man an seinen Widmungen erkennen kann. Zu seinen Schülern gehörte auch die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis (1759 bis 1824), die auf ihren Konzertreisen wiederum etliche Werke des Komponisten vorstellte, und so zu seinem Ruhm beitrug. 
Als 1781 das Amt des Hoforganisten in Salzburg durch den Weggang Mozarts vakant wurde, lehnte Kozeluh ab. 1792 ernannte ihn Kaiser Franz I. schließlich zum Cammercapellmeister und Hofcomponisten auf Lebenszeit. Mit seinen Werken, die sich durch Grazie und durch Gefälligkeit - was hier als Kompliment steht - auszeichnen, war Kozeluh überaus erfolgreich. Joseph Proksch, ein Schüler des "Prager" Kozeluh und bekannt für sein treffsicheres Urteil, meinte zu den gut in die Hand komponierten Stücken des Wieners, er sei der "Czerny seiner Zeit"
"Trotz des unbezweifelbaren Einflusses Leopold Kozeluhs auf die Musik und die Komponisten seiner eigenen und der folgenden Generationen hatten etliche seiner Zeitgenossen in den letzten Jahrzehnten größeres Glück - ihre Werke wurden in modernen Aufnahmen verewigt", meint Pianistin Monika Knoblochová. "Die vorliegende CD entstand aufgrund unserer Überzeugung, dass Kozeluh mindestens dieselbe Aufmerksamkeit verdient, und möchte dazu beitragen, die erwähnten Schulden gegenüber diesem Komponisten zu begleichen." 
Stilistische Untersuchungen führten zu dem Schluss, dass die Trios, die der Komponist "pour le Clavecin ou Piano-forte" in Begleitung diverser Instrumente geschrieben hat, für Hammerklavier entstan- den sind. Hört man Knoblochová, die hier ein Fortepiano der Gebrüder Kobald aus dem Jahre 1985 nach einem Vorbild von Anton Walter aus dem Jahre 1795 spielt, erscheint dies absolut nachvoll- ziehbar. Sie musiziert gemeinsam mit Jana Semerádová, Traversflöte, und Hana Fleková, Violoncello. Die drei Musikerinnen zeigen sich in Bestform - und erfreuen mit einer gelungenen Einspielung von lang vergessenen Werken, die aber durchaus wieder ihren Platz im Repertoire finden sollten. 


Dienstag, 18. Dezember 2012

Zelenka: Missa Nativitatis Domini (Supraphon)

Das Ensemble Musica Florea, 1992 von dem Cellisten Marek Stryncl gegründet, hat sich einmal mehr auf die Suche nach den Werken des Komponisten Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) begeben. Diese CD beweist, dass da noch immer viel zu entdecken ist. Sie beginnt mit dem Magnificat ZWV 107, für Solo-Sopran, Chor und Orchester, gefolgt von der Weihnachtsmotette O magnum mysterium ZWV 171. Dabei handelt es sich um die Paro- die einer Arie aus dem Melodrama Sub olea pacis, das Zelenka 1723 für die Prager Jesuiten zu den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Karls VI. komponiert hatte. Der Komponist schrieb ein neues Rezitativ, gab der Arie einen neuen Text und fügte der Besetzung Flöten hinzu, um das pastorale Idyll zu unterstreichen, in dem das Jesuskind in den Schlaf gewiegt wird. 
Mit der "goldenen Stadt", wo Zelenka seine Jugend verbracht und seine Ausbildung absolviert hatte, blieb der Komponist zeitlebends in Verbindung. Seine Musik war  in Prag präsent; so ist beispielsweise die Missa Nativitatis ZWV 8 in der Musiksammlung der Jesuitenkir- che St. Nikolaus auf der Kleinseite in einer Abschrift aus dem Jahre 1736 zu finden. Entstanden war das Werk zehn Jahre vorher, 1726, für die weihnachtliche Kirchenmusik am Dresdner Hof. 
Dort wirkte Zelenka seit 1710 als Kontrabassist; nach seinem Erfolg mit der Prager Krönungsmusik komponierte er zunehmend auch Sakralmusik für seinen Dienstherrn, August den Starken. Dennoch erhielt er nicht die erhoffte Anstellung als Hofkapellmeister. Augusts Sohn und Erbe, Kurfürst Friedrich August II., ernannte ihn schließ- lich zum Hofkomponisten und Kirchen-Compositeur. Es wird oft darüber spekuliert, warum Hasse die Stelle bekam, die Zelenka versagt blieb. Die Antwort dürfte deutlich einfacher sein, als die Musikwissenschaftler vermuten: Stars feierte der Hof  auf der Opernbühne; was in Kirche und Kammer erklang, das dürfte wohl eher als Gebrauchsmusik betrachtet worden sein. 
Nun denn - wenn die Musik, die fromme Andacht mit höfischem Repräsentationsanspruch verknüpfte, damals in Dresden durchweg das Niveau und den handwerklichen Anspruch dieser Missa Zelenkas hatte, dann wurden die Wettiner, ihre Höflinge und Gäste seinerzeit auch in der Kirche exzellent beschallt. Es ist beeindruckend, wie individuell Zelenka in seiner Musik den Text der Messe auslegt und - unterstrichen durch die Instrumentierung mit Traversflöten, Oboen und Waldhörnern - pastorale Akzente setzt. 
Wann und aus welchem Anlass die Motette Chvalte Boha silného ZWV 165 entstanden ist, das wird wohl im Dunkel der Geschichte verbor- gen bleiben. Interessant ist das Werk, eine Vertonung von Psalm 150, weil es die einzige überlieferte Komposition Zelenkas auf einen Text in tschechischer Sprache ist - und weil der Komponist darin die verschiedenen Instrumente, mit denen Gott gelobt werden soll, mit Orchesterinstrumenten wundervoll imitiert, man höre nur Violine und Viola im pizzicato als Laute und Zither. 
Das Ensemble Musica Florea hat an diesen anspruchsvollen Aufgaben spürbar Vergnügen. Es wird mit großem Engagement musiziert. Dies gilt nicht nur für die Instrumentalisten, sondern auch für die Sängerinnen und Sänger. Man mag es kaum glauben, doch der Chor, den man hier hört, ist in jeder Stimme nur dreifach besetzt - und an den Soli sind nahezu alle Sänger beteiligt. Bravi! 

Sonntag, 4. November 2012

Kraft - Vranický - Stamitz: Cello Concertos (Supraphon)

Michal Kanka stellt auf dieser CD drei Cello-Konzerte vor, die nicht eben oft zu hören sind. Die drei Werke überraschen durch wunder- volle Melodien, Kanka lässt sein Violoncello dementsprechend singen. Das Prager Kammer- orchester musiziert gemeinsam mit dem Solisten, und die kammer- musikalisch orientierte, feinsinnige Gestaltung passt zu den Konzerten ausgesprochen gut. 
Anton Kraft (1749 bis 1820) und Anton Wranitzky (1761 bis 1820) waren Schüler Haydns. Kraft spielte als Cellist in der Hofkapelle Fürst Esterházys. Und Wranitzky stand im Dienst des Fürsten Lobkowitz. Er war ein exzellenter Geiger und ein überragender Violinpädagoge; das Konzert für Violoncello d-Moll ist sein einziges Werk, das nicht für die Violine entstanden ist. 
Carl Stamitz (1745 bis 1801) wuchs in Mannheim auf, wo er ganz im Geist der Mannheimer Schule ausgebildet wurde. Er komponierte seine Cellokonzerte für den preußischen König Friedrich Wilhelm II., der das Instrument offenbar selbst gut spielte. Kanka wählte für diese CD das Cello-Konzert Nr. 2 in A-Dur aus. 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Chopin: Nocturnes; Moravec (Supraphon)

Ivan Moravec, geboren 1930 in Prag, gehört zu den ganz großen Pianisten. Und seine Aufnahme der Nocturnes von Frederic Chopin aus den 60er Jahren hat ohne Zweifel Musikgeschichte geschrie- ben. Erfreulicherweise ist sie nun bei Supraphon, mit Sorgfalt re- mastert, wieder zugänglich.
"Diese Platte hatte ein besonders merkwürdiges Schicksal", be- richtet der Musiker im Beiheft der Doppel-CD. "Es handelt sich um eine Aufnahme für Alan Silver, den Präsidenten der renommierten Connoiseur Society, und sie wurde an zwei Orten eingespielt: In New York und in Wien. Ein Klavier zu fin- den, das mich in jeder Hinsicht zufriedenstellt, das einen lebendigen, aber zugleich reichen Klang mit einer gewissen Tiefe besitzt, ist schrecklich schwer. Eines habe ich in New York gefunden. Es war ein etwas älterer Steinway, den man in die Kapelle der Columbia-Uni- versität gebracht hatte. Den Rest der Aufnahme machte ich dann in Wien im Mozart-Saal. (..) Ich spielte auf einem Bösendorfer Imperial Grand (..). Alan Silver regte mich allerdings in Wien zunächst dadurch auf, dass er wohl eine ganze Stunde nach dem Ort suchte, an dem er dieses Klavier aufstellen wollte. Er ging durch den Saal und klatschte - er probierte aus, wo der Klang am besten war und am längsten anhielt. Schließlich stellte er das Klavier in die unmög- lichste Ecke und ließ mich hören, wie es klang. Und ich musste ihm Recht geben. Noch heute wundere ich mich über die Länge des Tons."
Doch nicht nur dies, auch die Klangähnlichkeit der beiden Instru- mente erscheint verblüffend. Moravec räumt selbst ein, dass selbst er nicht mehr bei jedem Stück sicher sagen kann, ob er es auf dem Stein- way oder auf dem Bösendorfer gespielt hat. In seiner Interpretation vermeidet er das Ungefähre, Unpräzise - "Zuckersaft", wie er es nennt, lehnt der Pianist entschieden ab. Moravec setzt auf Struktur und Eleganz. Sein Chopin hat stellenweise geradezu klassisches Format, strikt wie Beethoven. Doch überraschenderweise bringt das den Nocturnes beeindruckende Tiefe, und lässt sie nicht süßlich-leidend, sondern eher sehr geheimnisvoll klingen. Bei Moravec findet man jenen Funken, der aus einer handwerklich exzellenten eine grandiose Aufnahme macht. Ich finde, sie ist eine der besten Chopin-Inter- pretationen überhaupt; auch nach 50 Jahren noch hat sie Referenz- status. 

Sonntag, 15. Juli 2012

Benda: Violin Concertos; Zenatý (Supraphon)

Franz Benda (1709 bis 1786), erster Violinist und später dann Konzertmeister in der Hofkapelle Friedrichs des Großen, gilt als der bedeutendste böhmische Geiger des 18. Jahrhunderts. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Erinnert sei daran, dass Benda einen Teil seiner Ausbildung als Chorknabe absolvierte, zunächst in Prag und dann in Dresden. Der Gesang blieb das Fundament seiner Musik; Sanglichkeit zeichnet auch die Werke aus, die auf dieser CD zu hören sind. 
Benda war ein Meister der melodischen Erfindung, der Kantilene. Und so legt Ivan Zenatý, der gemeinsam mit der Prager Kammerphilhar- monie vier Violinkonzerte seines Landsmanns für Supraphon einge- spielt hat, diese Werke auch an. Sie klingen in seiner Interpretation bereits sehr klassisch. Zenatý verzichtet auf umfangreiche Auszierun- gen, wie sie zu Bendas Zeiten eigentlich noch üblich gewesen waren, und konzentriert sich lieber auf den Klang und auf die Melodie. Der Geiger, der als Professor an der Hochschule für Musik in Dresden lehrt, überzeugt durch seinen schönen Ton und durch sein farben- reiches Spiel. Und die Prager Kammerphilharmonie, die bei dieser Aufnahme in Streichquartett-Besetzung antritt, ergänzt durch einen Kontrabass und Cembalo, sekundiert dabei aufs Beste. 

Dienstag, 8. Mai 2012

Solo for the King (Supraphon)

Das bislang schönste Album zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen ist nun bei Supraphon erschienen. Die tschechische Flötistin Jana Semerádová hat gemeinsam mit Lenka Torgersen, Barockvioline, Hana Fleková, Barockcello und Bertrand Cuiller am Cembalo ein Programm ein- gespielt, das durch seine Origina- lität ebenso begeistert wie durch musikalische Qualität. 
Semerádová ist eine ausgewiesene Spezialistin für "Alte" Musik. So leitet sie das Ensemble Collegium Marianum, und unterrichtet an der Karlsuniversität Prag Studierende im Fach Barocke Traversflöte. Auf dieser CD belegt sie, dass der Ton dieser Flöte, die üblicherweise aus Holz besteht und eher nicht über Klappen und Mechanik verfügt, durchaus sauber und wandlungsfähig sein kann. Sie zeigt zudem, dass man auch eine Barockflöte hochvirtuos spielen kann. 
Ihre Interpretation von Bachs h-Moll-Sonate BWV 1030 oder zwei Stücken aus dem Musikalischen Opfer kann sich neben den Aufnah- men der Kollegen, die moderne Böhm-Flöten spielen, ohne Probleme hören lassen. Und die anderen Werke, die sie auf dieser CD vorstellt, sind ohnehin Raritäten. So hat sie aus dem reichen Schaffen von Friedrichs Flötenlehrer Johann Joachim Quantz drei Tanzsätze für Flöte solo ausgewählt. Friedrichs Cembalist Carl Philipp Emanuel Bach ist mit einem Duetto in e-Moll für Flöte und Violine vertreten. Von Johann Philipp Kirnberger hat Semerádová eine Sonata a tre in g-Moll ausgewählt, und von Frantisek Benda die Sonate in e-Moll für Flöte und Basso continuo
Wer ihrem Spiel lauscht, der kann sich durchaus in ein Konzert am Hofe Friedrichs II. versetzt fühlen - dominiert durch die Flöte, das Instrument, das der König bevorzugte, der sich jedoch auch sonst mit herausragenden Virtuosen umgab. Seine Hofkapelle war eines der führenden Orchester jener Jahre. Auch davon vermittelt Semerádová mit ihrer geschickten Werkauswahl eine Ahnung. 

Sonntag, 29. Januar 2012

Václav Talich - Live 1939 (Supraphon)

Das Musik zum Politikum werden kann, zeigt exemplarisch diese CD mit Aufnahmen des berühmten tschechischen Dirigenten Václav Talich (1883 bis 1961). Sie ent- standen im Juni 1939 und umfas- sen den sinfonischen Zyklus Má vlast von Bedrich Smetana sowie die zweite Reihe der Slawischen Tänze von Antonín Dvorák.
Dass sie überliefert worden, ver- danken wir einer Kette von Zu- fällen. Denn es war der Norwegi- sche Rundfunk, der die beiden Konzerte aufgezeichnet hat. Sie wurden auf Philips-Miller-Film auf- genommen - eine sehr teure, aber aufgrund der erzielbaren Klang- qualität attraktive Alternative zu den damals üblichen Acetatplatten, die lediglich über drei Minuten Spielzeit verfügten.
Ein Teil der Aufnahmen in dieser Technologie wurde später auf Magnetband überspielt. Die meisten Filme aber wurden vernichtet. Man darf sich freuen, dass ausgerechnet dieser Mitschnitt auf dem Philimil-Film im Archiv erhalten geblieben ist. Er wurde nun im Auftrag des Labels Supraphon remastert - und begeistert gleich aus mehreren Gründen. 
Da wäre zum einen die faszinierende Interpretation des Smetana-Zyklus Mein Vaterland, die in der Tat eine der besten Aufnahmen dieses Werkes ist, die ich je gehört habe. Zum anderen aber über- rascht die enorme Begeisterung des Publikums, das nach jedem Teil in Ovationen ausbricht - und nach dem letzten Stück, Blaník, spontan die Nationalhymne anstimmt. 
Verständlich wird diese Euphorie, wenn man sich bewusst macht, dass die Tschechoslowakei seit dem 15. März 1939 besetzt war - und man staunt, dass es Talich trotzdem gelungen ist, in diesem Jahr den ersten Jahrgang des Festivals "Prager musikalischer Mai" zu starten. Es war so erfolgreich, dass einige Konzerte wiederholt werden mussten. Dass die Behörden im Protektorat Böhmen und Mähren dieses Festival durchaus kritisch sahen, zeigt sich unter anderem daran, dass im darauffolgenden Jahr Tábor und Blaník nicht mehr gespielt werden durften. Denn beide Werke appellieren an den tschechischen Patriotismus - und eine solche Demonstration war bei den deutschen Besatzern ganz sicher nicht erwünscht. 
Kurioserweise wurde Talich 1945 der Kollaboration beschuldigt, sieben lange Wochen sogar inhaftiert, und in den nachfolgenden Jahren permanent schikaniert. Es wird vermutet, dass dies in erster Linie an seinem Engagement für das Werk Josef Suks gelegen haben könnte. Dieser war mit Otilie verheiratet, der Tochter Dvoráks - um die junge Frau hatte einst aber auch ein gewisser Zdenek Nejedlý geworben. Der Musikwissenschaftler wurde 1945 Minister für Schul- wesen, Wissenschaft und Kunst. Er stammte aus Litomysl, dem Geburtsort Smetanas, und hatte offenbar eine Abneigung gegen Janácek, Dvorák - und ganz besonders gegen dessen Schüler Suk. Kaum zu glauben, aber im real existierenden Sozialismus konnte das tatsächlich ein Grund sein, Karriere und Gesundheit eines zuvor europaweit erfolgreichen Dirigenten zu ruinieren.